Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Schrumpelsalat und trocken Brot

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Der Sommer ist rum; gewählt wär‘ auch. Jetzt haben wir den Salat: gelbliche Westerwelle-Spitzen auf schwärzlichen Merkel-Blättern – im Herbst selbst eingebrockt und also für den Winter verdient. Wobei zu „eingebrockt“ sprichwörtlich Suppe, nicht Salat gehört. Wer würde schon altes Brot ins Grünfutter brocken, wo doch harte Kanten erst in Brühe genießbar werden. Aber heutzutage brockt, tunkt, stippt ja sowieso keiner mehr. Warum auch, bieten  Backfabriken, Supermärkte und Tankstellen doch sieben Tage die Woche von Nacht bis Nacht  Dinger, die an frische Schrippen erinnern.  

Nehmen wir hartes Brot mal als Sinnbild für Politik und Salat als Synonym für die neue Regierung. Die nächstliegende Frage hieße: Wer ist dann die Suppe, in der die trockenen Brocken zu verzehrbaren Stücken quellen? Jetzt „SPD“ zu rufen, wäre … „Quatsch“, unterbricht Walter meine Gedanken, die auf ein Wortspiel mit „gebrocktem Brot“ und „broken hearts“ abzielen. „Sag’s klar heraus,“ knurrt der Freund, „die Brühe sind wir, alle. Wir haben unter Schwarzgelb ebenso aufzupassen, wie wir bei Fortsetzung der großen Koalition aufzupassen gehabt hätten. Worauf, muss ich dir ja nicht erklären?!“

Muss er nicht. Wir haben oft gesprochen über Heimatverteidigung in der Ferne, Auflösung von Sozialstandards daheim, Fraternisieren mit Wirtschaftsmogulen; über ökonomische Abrichtung der Kinder, großmäulige Klimaschutzankündigungen oder Atomausstieg zum Sankt Nimmerleinstag. Hartes Brot seit Schröders Zeit, das nachher weder durch die Dreingabe von Müntes Kante noch die Steinsche Meierei genießbarer wurde. Das sich auch vom Nahles- & Gabriel-Service nicht geschwind zum Kleine-Leute-Schmaus aufbacken lässt.

Erst wenn an der SPD-Basis ein ganz neuer Teig angerührt, durchgeknetet und aufgegangen ist, kann man sich vielleicht wieder auf Sozi-Brot freuen. Ob dann mit Rotwurst und/oder buntem Gemüse belegt, darf getrost abgewartet werden – bis die frischen Leiber aus dem Ofen kommen. Vorerst müssen wir mit schwarzgelben Kanten vorlieb nehmen. Schmecken auch nicht anders als schwarz-rote, werden ebenfalls nur genießbar, wenn man sie in Suppe brockt. Jetzt Walter: „Soll heißen: Den Salat haben wir zwar selbst angerichtet, was aber keineswegs bedeutet, dass wir fortan alles willig runterwürgen, was man uns vorsetzt.“ Eben. Wozu alltagsverschärfend kommt: Zwei Drittel der Wahlberechtigten haben die Schwarzgelben nicht gewählt.

Genug geknottert. Mal wieder eine positive Botschaft! Etwa diese: Die Moderne hat den natürlichen Tod überwunden. Glotzen Sie nicht so, das stimmt. Hatte neulich eine offizielle Statistik von Todesursachen in der Hand. Danach sterben Deutsche neuerdings zu über 95 Prozent an Krankheiten, die übrigen sind Opfer von Unfällen, Mord oder Suizid. Altersschwäche, Lebensenergie aufgebraucht? Fehlanzeige, gibt es nicht mehr, abgeschafft, ausgemerzt. Der Tod ist heuer eine Krankheit, mithin demnächst heilbar.

Was mir nun etwas die Gelassenheit raubt. Weil: Ich war bis eben ganz dankbar dafür, mit jetzt 54 Jahren schon fast doppelt so alt geworden zu sein wie die Menschen im Durchschnitt während ihrer gesamten Geschichte bis ins 18. Jahrhundert.  Und ein paar Jährchen mehr scheinen durchaus noch drin. Über die gewöhnliche Sterbensangst tröstete ich mich mit dem Gedanken hinweg: Sämtliche Milliarden Menschen seit Anbeginn haben ihr Ableben hingekriegt, da werd‘ ich doch wohl auch klarkommen. Jetzt aber, herrjeh, ist’s wieder vorbei mit der großen Beruhigung aus Shakespeares „Hamlet“: „sterben – schlafen – nichts weiter!“

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