Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Es ist angerichtet

Es ist ein Kreuz mit der Monatszeitschrift. Wenn dieses Heft erscheint, haben Groß-Deutschland und  Klein-Koblenz gerade gewählt. Während ich aber diese Zeilen zu Bildschirm bringe, ist es noch Tage hin bis zu den Urnengängen. Sie liebe Leser/innen wissen bereits, was mir noch Geheimnis ist: Wer künftig Koblenz als OB vorsteht, und welche Parteien sich in Berlin zur neuen Regierung zusammenraufen könnten. Eben laufen Umfrageergebnisse ein. Danach findet Schwarz-Gelb keine Mehrheit mehr, obwohl die SPD weiter ihm Keller steckt; verlieren die Grünen ein Prozent, während die Linke gleich viere zulegt. Bundesumfrage, wohlbemerkt.

Wozu darüber philosophieren. Ist morgen schon Schnee von vorgestern und „der Wähler“ mittlerweile sowieso ein demoskopie-untauglicher Volpertinger. Sollte das Wahlergebnis geworden sein, wie der Wahlkampf bis zum Säusel-Duell war: Es würde sich kaum jemand über eine Zimbabwe-Koalition wundern. Zimbabwe? Dessen Flagge zeigt mittig ein schwarzes Feld, an das sich rote, gelbe und grüne Streifen anschließen. Mein Farbspiel mag die Grünen ärgern. Tja, Freunde, so gern ich einst mit Euch ‚gen Wackersdorf, Mülheim-Kärlich und Raketen-Schmidt gestritten hatte: Seit Joschka mit blankem Säbel zur Weltbeglückung voranzog und Trittin hinsichtlich Deutschlands Verteidigung am Hindukusch bloß an Verfahrensfragen herummäkelt, seitdem ist die Freundschaft etwas sauertöpfisch geworden.

„Wessen Freund bist du jetzt?“, fragt Walter. Niemandes. Ich würde Burkhard Hirsch zum Innenminister wählen, aber die heutige FDP nicht mal in die Nähe irgendeines Ressorts lassen. Gleich gar nicht die selbsternannte „Freiheitsstatue Deutschlands“ (Westerwelle) an die Spitze des Außenministeriums. Dort sähe ich gern Jürgen Todenhöfer (CDU), den Hinschauen und Mitleiden zu Verstand gebracht haben, was die Irrtümer des Kreuzzuges gegen den Terror angeht. Ich könnte mir als Kanzler Heiner Geißler vorstellen, der mit den Jahren vom reaktionären Haudrauf zum zornigen Alten wider die Unvernunft des Neoliberalismus reifte. Ich würde Hildegard Hamm-Brücher (Ex-FDP) und Antje Vollmer (Grüne) gern in diesem Kabinett sehen, hätte auch nichts gegen Gregor Gysi (Linke). Und wo wir schon beim Träumen sind: Von der SPD käme mir Herbert Wehner gelegen.

„Bundesrepublikanischer Jurassic Park“, stöhnt Walter. Stimmt schon. Aber was für eine Versammlung bissiger Persönlichkeiten! Querköpfe zumeist, kluge Geister allesamt. Gewachsen im Mistbeet der Geschichte und nicht aus der Retorte auf die Karriere-Rolltreppe geplumst. Diese ollen Typen wären eine famose Wahl. Zu gestrig, zu unbeweglich für die neue Zeit? Was erst zu beweisen wäre – angesichts einer Welt, die genau weiß, dass es übel ausgeht, wenn man den Ast absägt, auf dem man sitzt, und die deshalb was tut? Den Ast absägen, auf dem sie sitzt.

Träumen hilft auch diesmal nicht. Wir müssen löffeln, was die Parteiköche kochen und hübsch hergerichtet servieren. Freund Walter sind sämtliche Mahlzeiten zu fad. Außerdem wird ihm stets  speiübel angesichts der Pampe, die nachher aus diversen Speisen in der Regierungsküche zusammengerührt wird. Für solche Schweinerei will er nicht herhalten, also lässt er das Wählen ganz. Für diesen Schritt bin ich, der Ältere, wohl noch nicht reif. Das verfassungspatriotische Gewissen zwingt mir ein ums andere Mal die Wahl kleinerer Übel auf. Ziemlich frustrierend das. Und was haben wir diesmal davon? Sie wissen’s, ich muss noch ein paar Tage warten. Soviel zur Bundeswahl. Zur Koblenzer OB-Wahl vorerst nur dies: Von zweien wird dann einer gewählt sein. Vielleicht ist’s der bessere. 

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