Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Big Brother macht dich heiß, heiß, heiß

Diese Zeitschrift* − in der ich das Vergnügen habe, jeden Monat auf Seite 2 Sinniges sinnlich vortragen zu dürfen – hat ihr Erscheinungsgebiet vergrößert. Es seien jetzt auch Leser/innen aus Boppard und drumherum herzlichst begrüßt. Natürlich kann man die Neuzugänge nicht unvorbereitet meiner Schreiberei aussetzen. Deshalb die Warnung: Liebe Bopparder, in den „Quergedanken“ wird frei Schnauze und quer durchs Unkraut des Zeitgeschehens wie Zeitgeistes gemeckert und gewettert, gestänkert und gestichelt. Kurzum: Was hier aus meiner Feder fließt und bisweilen aus dem ungehobelten Maul meines Freundes Walter purzelt, ist Satire. Also bitterer Ernst, wissen die mehr als 100 000 Altleser aus vierjähriger Erfahrung mit dieser Kolumne.

Zu den wichtigen Themen. In der Annahme, Walter kenne sich als der Jüngere von uns beiden mit den neuzeitlichen Raffinessen männlicher Körperpflege besser aus, frage ich ihn: Woran liegt es und was lässt sich dagegen tun, dass mit dem Alter die Neigung meines Leibes zu selten zart duftender Transpiration zunimmt? Walter zieht skeptisch die Augenbrauen hoch: „Machst du jetzt auf ‚Feuchtgebiete für Männer‘?“ Darauf ich: Was Charlotte Roche kann, könnten wir schon lange. Aber im Gegensatz zur Frauenunterleibs-Poetin geht es mir um ein echtes Problem. Worauf Walter in trockenstem Ton ausführt: „Das verstärkte Transpirieren ist eine Erscheinung männlicher Wechseljahre. Von der Natur eingerichtet, damit junge Frauen schon von ferne riechen: Der Typ hat seine besten Tage hinter sich.“

Wer braucht Feinde, wenn er solche Freunde hat. Jetzt kommt, liebe Bopparder, einer der irren Sprünge, wie sie für diese Kolumne typisch sind: vom Mannesleib zur Scienes-Fiction-Literatur. Die gehört, so unlängst hier gebeichtet, zu meinen Feierabend-Lastern. Bald aber könnte ich sagen: hat gehört. Denn der Reiz der Zukunftsromane schwindet, da die Realitäten im Hier und Jetzt die Fantasmen der Autoren neuerdings übertreffen. Buch-Szenarien von überall versteckten Überwachungskameras, von das Hirn vernebelndem Neusprech, von Bücher verbrennender Feuerwehr oder den Alltag manipulierenden Computernetzwerken – das alles wirkt platt und grobschlächtig im Vergleich mit der Eleganz tatsächlicher Big-Brother-Entwicklung.

Ämter, Banken, Kaufhäuser, Schäuble und BKA, Siemens, Telekom, Windows, sogar Hinz und Kunz in diversen Call-Centern können das in trauter Vernetzung besser als selbst ein achtbeiniger Spinnen-Imperator im Sternenhaufen M13. Was an persönlichen Daten oder privatem Verkehr im irdischen Netz nicht ohnehin zwangsweise oder freiwillig bei heruntergelassenen Hosen und Höschen verhandelt wird, das steht alsbald auf dem Markt oder auf dem Schwarzmarkt zum Verkauf. Und weil Fälle, die bekannt werden, immer nur die Eisbergspitze sind, ein Vorschlag: Die Buchhändler sollten ihr Sci-Fi-Sortiment neu einsortieren − unter „Historische Literatur“.

Wer wollte schließlich einen Roman noch futuristisch finden, in dem Staatsämter besetzt werden nach modischem Schick und sexueller Tatkraft der Kandidaten. Man schalte das Fernsehen ein, dort testet derzeit die TV-Avantgarde schon Wahlverfahren dafür. „Are you hot?“ lautet da ein zentrales Wahlkriterium. Von weltkluger Jury aus Pomadebürschlein und Kichermaiden werden unter dem Jubel berauschten Volkes die Bewerber beurteilt nach den Kategorien: Styling (= Putz), Body (= Fleisch), Personality (= grinsgesichtige Selbstanpreisung von Putz und Fleisch).  Kennen Sie nicht, diese eklige Beschau bei Viva? Dann denken Sie sich einfach Ihnen bekannte Fernsehformate ein paar Jahre weiter: „Küchenschlacht bei Anne Will“, „Schlag den Kleber“, „Bundestag sucht die Super-Angie“, „Germanys next Top-Köhler“…..

 

(*)  „diese Zeitschrift“ meint die mittelrheinische Hauptausgabe des monatlichen Veranstaltungsmagazins „Kulturinfo“

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