Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Hilferufe aus Absurdistan

So aus intellektueller Distanz betrachtet, kann Kapitalismus bisweilen recht lustig sein. Beispiel: Es rufen die Wirtschaftsverbände unisono nach mehr Geld in Volkes Hand. Auf dass ein kräftiger Konsumschub der Konjunktur beistehe. Ist recht, denkt sich unsereins naiv: Legt mal auf die Löhne ordentlich was drauf. Nö, nö, so nicht, kontern die andern gleich: Höhere Löhne wären Gift fürs Geschäft. Darauf wir, wieder naiv: Ei, woher sollen die Kröten für den Konsumrausch denn kommen, wenn nicht aus der Lohntüte? Antwort: Aus der Senkung der Lohnnebenkosten. Was auf  gut deutsch heißt: Nehmt`s gefälligst vom Staat und den Sozialkassen.

Da lacht Walter wieder – und denkt an das Gezeter derselben Wirtschaftsverbände, wenn die Straßen verrotten, die Schulabgänger nichts können, die Unis zu wenige Ingenieure liefern, die Bevölkerung schrumpft, die Hartz-IV-Zuschüsse für Niedriglöhner oder die Frühverrentung in Frage stehen. Das Lachen über Absurdistan tut dem Freund wohl, nachdem er zwei Olympia-Wochen lang eher mies drauf war. Wie Sie wissen, Walter hat für Sport  einiges übrig. Jedenfalls in der Rolle des Zuschauers. Und als solchen frustrierte ihn die Olympia-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten arg. Für die Zeitdifferenz zwischen den Weltstädten Peking und Koblenz können ARD und ZDF zwar nichts. Ebenso wenig für den Umstand, dass Werktätige hierzulande mit Übertragungen zwischen 3 und 17 Uhr meist wenig anfangen können. Verwiesen war der Sportsfreund also auf Zusammenfassungen am Abend.

Aber welch ein Krampf flimmerte da ins Haus: Statt Wettkampflust nebst Interesse an den  Leistungen anderer Sportler bloß deutsche Medaillenparade, Geschwafel und Tinnef der Marke „Oma weint in Pusemuckel über ihren Goldbuben in China“. Auf der Flucht vor Beckmann wie Kerner  und der Suche nach der „richtigen“ Olympiade nudelten Walter und ich zwischen Feierabend und ortsüblicher  Schlafenszeit die Programme durch. Mit mäßigem Erfolg: „Eurosport“ folgte vor allem den Spuren der US-Athleten; das so genannte Deutsche Sport Fernsehen kaprizierte sich derweil auf Leibesübungen in den nichtolympischen Rubbel- und Schütteldisziplinen. Übermenschliches auf beiden Kanälen.

Die Leserschaft möchte obigen Weltstadtvergleich Peking/Koblenz für mutwillig  halten? Wenn sie sich da mal nicht täuscht. Hinsichtlich Größe wie politischer Eigenheiten wäre der Vergleich Unfug, logisch. Aber die Weltläufigkeit der beiden Städte, die, Herrschaften, kann man durchaus ins Verhältnis setzen. Hier wie da ist Englisch vorherrschende Sprache geworden. Für Olympia haben auch die letzten Pekinger noch geschwind Englisch gelernt. Für Koblenz beweist schon ein kleiner Stadtbummel: Rund um German Corner wird englisch spoken.

Die Beschriftungen quer durch Oldcity und Shopping-Center schreien nach einer postolympischen Partnerschaft mit Peking. Man sollte die jetzt arbeitslos gewordenen chinesischen Volunteers herholen. Sie könnten den Koblenzern beim Stadtgang behilflich sein. Schließlich weiß der geschulte Chinese, dass ein „Hairkiller“ ungefährlich ist und weder „Juice in the City“ noch „Beauty in the City“ etwas mit einem „Erotic-Store“ im Sinne von „Sex in the City“ zu tun haben. Auch würde der Chinese seinen Schutzbefohlenen vorbeilotsen an „Sale“, „Final Sale“ oder gar „Power Final Sale“ mit dem Hinweis „Come in and find out“. Was nach Konfuzius meint: Komm herein, um hinauszufinden. Solch weise Belehrung könnte vor dem Verhungern bewahren. Denn wer denkt bei „Factory“ schon an  Brotladen oder bei „Subway“ an Stullen-Büfett – in dieser Stadt, die dir strotzend vor globalophilem Heimatbewusstsein zuruft: Eat fresh! Meet your style! Feel glamorous! Thank God: You are a Middlerhiner! 

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