Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Vorwärts in die Vergangenheit

Hallo, aufwachen! Ja genau, Du da, und Sie dort auch! Stand doch neulich in der Zeitung: „Noch schläft die Anti-AKW-Bewegung – während die Atomlobby frohlockt.“ Ich habe den beunruhigenden Befund erst mit Verspätung gelesen. War im Urlaub und gönnte mir den Luxus,  drei Wochen lang gedruckte, elektronische versendete oder sonst daher geplapperte Nachrichten zu ignorieren. Eine Wohltat, ein nachgerade orgiastisches Erlebnis. Auf Schusters Rappen durch Wald und Wiesen über Rhein- und Westerwald-Steig ziehend respektive im schönen Lande Balkonien herrlich blöde Wälzer über Abenteuer auf fernen Planeten verschlingend. Dann die Rückkehr, der Kater: Verglichen mit hiesig-heutiger Wirklichkeit sind die Fantasmen über das Sternenreich der Mutanten von Syracusa anno 9276 ein Ausbund an Vernunft.

Kurz nur war ich mal eben weg, schon tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Gerade sah es noch so aus, als sei mit dem „Fall Asse II“ der Fall Atomtechnik generell und letztinstanzlich abschlägig beschieden. Nun offenbart die nachholende Zeitungslektüre, dass die nuklearen Zauberlehrlinge nicht nur nichts gelernt haben, sondern mit frechem Mut und den gleichen Argumenten wie vor 30 Jahren ein Paradies unerschöpflicher, sauberer Energie versprechen. Gestern noch habt Ihr das als wohlfeile Lobby-Propaganda verworfen. Heute erwärmt Ihr Euch plötzlich für die antiquierte Großtechnik, lasst Euch von Werbesprüchen einlullen, wonach Atomkraftwerke den Strom billiger machen, die Energieversorgung unabhängiger und obendrein den Klimawandel aus der Welt schaffen. Dabei ist das, als wollte man unter Stabführung des Großinquisitors den Teufel mit dem Belzebub austreiben.  

Oh ihr Leichtgläubigen! Schon vergessen, warum wir in großer Mehrheit für den Atomausstieg waren? Weil wir mal wussten, dass Radiaktivität weder lilafarben ins Auge sticht noch faulig in die Nase steigt, aber trotzdem lebensgefährlich ist. Weil uns mal klar war, dass im Schadensfall das „Restrisiko“ selbst der „sichersten“ Kernkraftwerke die normalen Unfall-Folgen der gesamten konventionellen Industrie weit in den Schatten stellt. Weil wir begriffen hatten, dass unser Atommüll schon der Gegenwart eine dreckige Last aufbürdet, die nachher für Jahrtausende zum Horror-Erbe wird. Weil wir verstanden hatten, dass eine Ausrichtung auf milliardenteure Atomgiganten die Gesellschaft in völlige Abhängigkeit von großen Energiemonopolen bringt. Weil uns schwante, dass allein die Sicherheitsbelange von etlichen Dutzend Atommeilern das Land grundstürzend verändern würden. Weil wir sahen, dass in ihrer ökonomisch-ökologischen Gesamtbilanz die Nukleartechnik eine entwicklungsgeschichtliche Sackgasse ist, auf der unsere Probleme bloß in verschärfter Form an Kinder, Enkel, Urenkel durchgereicht werden. Und so weiter… Hat sich an den Fakten irgendetwas geändert? Nö.

„Mei Herz! Mei Tropfe!“ zitiert Freund Walter jenen Ausruf, den ein Bad Emser Bürgermeister immer zu tun pflegte, wenn ihm was besonders widersinnig vorkam. Gut gerufen, denn nun geht der ganze Atom-Zirkus von vorne los. Alle Argumente müssen wieder aus den Kisten geholt, alle Diskussionen noch einmal geführt werden – der Vergesslichkeit wegen, und um jene junge Generation ins Bild zu setzen, für die Wyhl, Kalkar, Brockdorf, Mülheim-Kärlich, Three Mile Island und Tschernobyl bloß Teile einer schon historischen Erzählung sind. Womöglich müssen auch alle Bürger-Kämpfe noch einmal gefochten werden. Bis es, hoffentlich, erneut heißt: Atomkraft in Deutschland – politisch nicht durchsetzbar.

Also, verehrte Zeitgenossen, ob alt, ob jung, ob grün, rot, schwarz: Raus aus den Federn, das Bündel geschnürt, die Netzwerke geknüpft und gestritten gegen einen Kurs der Unvernunft mitten hinein in die atomare Vergangenheit!  

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