Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Aberglaube macht sexy

Kennen Sie den fundamentalen Unterschied zwischen Manta-Proll und Porsche-Yuppie oder zwischen Polo-Tussi und BMW-Mieze? Nein? Ich auch nicht. Vom Gefälle bei den Bankguthaben sehen wir mal ab; das mag gravierend und unverdient sein, fundamental ist es in diesem Fall nicht. Aufs Bildungsgefälle zwischen den Klienten brauchen wir ebenfalls nicht einzugehen: Hinsichtlich der Persönlichkeit hat hier der Hauptschulabschluss so wenig genutzt wie dort vielleicht ein Universitätsexamen. Beide Typen sind in einem entwicklungsgeschichtlichen Stadium stecken geblieben, in dem der Homo erectus sich zwar vom Affen schon unterscheidet, aber bis zum Homo sapiens noch allerhand vor sich hat.

Die Rede ist von Entwicklungsstufen, wo wir an die Wunderkraft von Körperbemalungen, Amuletten, Knochenresten oder Kreuzsplittern glaubten. Von Zeiten also, da Fetische auf den Alltag mehr Einfluss hatten als Menschenverstand. „Erkläre Fetisch“, wirft Freund Walter ein, „sonst beschwert sich wieder einer über zu viele Fremdwörter.“ Also Fetisch – das ist, wenn ein Mann beim Anblick eines Frauenschuhs in libidinöse Unruhe gerät, obwohl womöglich im Schuh gar keine leibhaftige Frau steckt. Der Schuh ist für ihn Objekt der Begierde ganz unabhängig von dessen Funktion als Gehwerkzeug. Mithin ist der Frauenschuh ein Fetisch und der darob erregte Mann ein Fetischist.

Das soll’s auch bei Frauen geben. Amerikanische Zigarren-Fetischistinnen gelangten zu präsidialer Berühmtheit. In hiesigen Männerrunden kursieren bisweilen makabere Leidensgeschichten über Krawatten-, Staubsauger- oder Rauchverbots-Fetischistinnen. Doch zurück zu Manta-Proll und Porsche-Yuppie. Beiden gilt ihr vierrädriger Untersatz erst in dritter Linie als Fortbewegungsmittel. Zuvörderst verstehen sie die Karre als Signum ihrer Persönlichkeit. Sodann als Wundermittel zur Steigerung der eigenen Anziehungskraft und Männlichkeit respektive Fraulichkeit. Ergo, erfüllt für Proll und Yuppie, Tussi und Mieze das Automobil die gleiche Funktion wie Körpertattoo hier oder Cartier-Umhänger da: Sind alles Fetische.

Just in Deutschland scheint solcher Aberglaube tief verwurzelt. Beweis: Dort werden die unzweckmäßigsten aller Autos gebaut und zuhauf gekauft. Da treiben 250-PS-Verbrennungskraftwerke tonnenschwere Limousinen an, um ein paar Kilo Mensch zu segnen, als Mann oder Frau von Welt erscheinen zu lassen. Da werden Luxuskarossen zu Geländewagen aufgerüstet, als handle es sich bei deutschen Autobahnen, Koblenzer Boulevards und Westerwälder Landstraßen um südamerikanische Regenwaldpfade oder sibirische Schneepisten; der Großwildgefahr am Mittelrhein wegen vorzugsweise mit Büffel- und Elefantenfänger als Frontstoßstange bewaffnet.

Woraus folgt (vgl. Schuh-Beispiel): Das Automobil ist für (viele) Deutsche ein Objekt der Begierde, unabhängig von seinem Gebrauchswert. Also ist es ein Fetisch und wird deshalb Deutschland mehrheitlich von Fetischisten bevölkert. Weil bei rheinland-pfälzischen Politikern Volksnähe bekanntlich groß geschrieben wird, versteht man nun auch, weshalb der Öffentliche Geist hier fortwährend um Straßenentwicklung rotiert, statt sich auf die durchaus gewaltige Herausforderung eines zukunftsfähigen Nahverkehrswesens einzulassen: Politiker mimen die Priesterschaft auf dem asphaltierten Ritualplatz des automobilen Aberglaubens.

Woraufhin Freund Walter, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ziemlich ratlos vor sich hin dichtet: „Erst wenn in Hunsrück, Eifel, Westerwald und Taunus der letzte Bahnhof verkauft, das letzte Gleis rausgerissen, die letzte Trasse in einen Radweg verwandelt ist und die letzte Bushaltestelle in privatisierter Vereinsamung verstaubt – erst dann werdet ihr begreifen, dass man Benzin nicht essen kann und Autos ohne Benzin nicht fahren.“  

 

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