Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Es lebe der kleine Unterschied

Let´s talk about sex. Will sagen: Lasst uns zu den wichtigen Dingen des Lebens kommen. Die beginnen wo? Bei den Unterschieden zwischen Männern und Frauen, etwa. Diese finden, im Grundsatz, Gefallen aneinander, obwohl sie sich bisweilen nicht mal über den Sinn einzelner Wörter verständigen können. Betrachtet SIE „Kuscheln“ als Wert an sich, ist es für IHN zielführendes Tun. Danach wäre  „der Weg ist das Ziel“ ein weibliches, „der Weg führt zum Ziel“ ein männliches Prinzip. Wegen des zu erwartenden Protestes, dies: Liegt die Sache mal umgekehrt, was vorkommen soll, verlässt IHN womöglich die Courage und SIE folglich der Glaube an ehrwürdige Pfadfindergrundsätze.

Die Geschlechterunterschiede sind lebenspraktisch signifikant. Anregung von Freund Walter: „Du solltest mal recherchieren, wo die Übereinstimmung der genetischen Codes größer ist – zwischen Mann und Schwein oder zwischen Frau und Mann.“ Womit Walter keine/n  beleidigen will, sondern die Frage einbringen: Könnten die beiden Vertreter des Homo sapiens nicht doch von verschiedenen Spezies abstammen? Das würde manches erklären. Beispielsweise, dass Frauengehirne zwar kleiner sind als diejenigen von Männern, aber leistungsfähiger, so man(n) sie lässt. Protest von Walter: „Männergehirne sind für die Anforderungen von Jagd, Krieg, Technik besser gerüstet!“ Mag sein. Aber Jagd ist out, die Bundeswehr bisexuell und die ganze Technikentwicklung eher kein Ruhmesblatt.

Trotz Beziehungsplackerei: Ohne kleine Unterschiede wäre der Reiz bald raus aus dem Geschlechterleben. Umso erstaunlicher der verbreitete Drang, den Partner nach eigenem Bilde ummodeln zu wollen. Zwecks Warnung vor solchem Unterfangen seien jene Paare angeführt, bei denen binnen 40 Ehejahren aus zwei Nicht-Blutsverwandten nachgerade Zwillinge geworden sind, die obendrein noch dem gemeinsamen Dackel ähnlich sehen. Drum lasst uns die Unterschiede ehren, wenigstens tolerieren, auch wenn uns abstrus vorkommt, was andere für normal halten. Manche Zeitgenossen/innen empfänden sich als ungepflegt, ja hässlich, würden sie nicht regelmäßig alle Haare vom Kinn an abwärts wegrasieren. Andere kämen sich ohne Achsel- und Schamwolle entblößt, unnatürlich, mag sein kastriert vor.

Für die Kulturgeschichte sind beide Praktiken uralte Hüte. Das hindert die Praktikanten keineswegs, die Leibesmode des je anderen als abartig zu denunzieren. Was soll das? Mag jeder nach eigener Fasson glücklich werden! Ich esse für mein Leben gern Rotkraut, hasse es aber, wenn Nelken drin sind. Ein Umstand, den meine Oma nie begreifen mochte und deshalb auf des Enkels Krautportion immer sitzen blieb. Walter gerät ins Grübeln: „Wenn wir das Rotkrautproblem auf eine Liebelei zwischen totalrasierten und vollbehaarten Überzeugungstätern übertragen, welcher Kompromiss ist vorstellbar?“ Das, lieber Freund, wäre deren Privatsache und geht uns so wenig an wie die Tischgebete unserer Nachbarn oder die Frage, ob unsere Bürgermeister/innen sich zu Frauen, zu Männern oder beiden hingezogen fühlen.

Manche Unterschiede akzeptiert der aufgeklärte Mensch einfach, andere machen ihm Spaß. Beispielsweise der zwischen Kurt Beck und Angela Merkel, mag er auch noch so klein sein. Aber welche Tristesse, gäbe es ihn gar nicht. Oder der zwischen Beck und Münte, dem die SPD wohl ihre Rettung vor dem Langweile-Tod verdankt. Befremdlich ist allerdings, dass die Umfragewerte für eine Partei stets sinken, sobald sie mal durch Diskussionsfreude statt „Geschlossenheit unter starker Führung“ auffällt. Sollte es am Ende ganz undeutsch sein, Nelken im Rotkraut nicht zu mögen, über Körperbehaarungsmoden nur zu schmunzeln und allerlei Unterschiede zwischen Menschen wie Meinungen als inspirierend zu empfinden? 

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