Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Seid Sand im Getriebe!

Das Leben könnte so einfach sein, würde man sich nicht mit Skepsis gegenüber dem Mainstream herumplagen. Ließest du dich treiben im Hauptstrom zeitgenössischen Denkens, du wärest der Grübeleien ledig. Denn im Mainstream ist alles vorgedacht. Verkürzte Schulzeit und bis 67 verlängerte Arbeitszeit treten als unausweichliche Vernunftlösung auf. Privatisierung von Post, Bahn, Müllabfuhr, Wasserwerken und bald Straßen heißt „fit machen für die Zukunft“ und wird mit Verve betrieben, was immer es koste. Dem Mainstream gilt die Steigerung der Geburtenrate trotz übervölkerter Erde ebenso als heilige Pflicht wie die Landesverteidigung am Hindukusch und sonstwo. Er bemisst den Wert von Filmen und Theater, von Konzerten, Ausstellungen und Büchern nach Publikumsquote. Bildung, ja selbst Erholung und Muße betrachtet er bloß als Faktoren der Ertüchtigung für den Markt.

Und was meint Freund Walter zu dieser Lageeinschätzung? Er widerspricht. Aus seiner Mappe für „besondere Presseberichte“ zieht er zweie hervor, die ihn während der  neumodischen Sommerregenzeit in Aufregung versetzt hatten. Der erste, aus dem Juli, vermeldet ein Umfrageergebnis, wonach 60 Prozent der Deutschen Sozialismus für eine gut gedachte, bislang nur schlecht gemachte Alternative halten. Im zweiten, von Anfang August, berichtet die „Zeit“ unter der Schlagzeile „Deutschland rückt nach links“ von einer Umfrage, die quer durchs Parteienspektrum verblüffende Mehrheitsmeinungen der Bevölkerung in der Sache zutage förderte: drei Viertel für Abschaffung der Rente mit 67; gegen Bundeswehreinsätze in Afghanisten = 62 Prozent; Unternehmen wie Bahn, Telekom, Energieversorger sollten Staats- nicht Privatbesitz sein = 67 Prozent; die Regierung tut zu wenig für soziale Gerechtigkeit = 72 Prozent; weiter für den Ausstieg aus der Kernkraft = 54 Prozent.

„Hat sich was mit Mainstream, noch gibt´s Hoffnung. Das Establishment ist dabei, die Meinungsführerschaft zu verlieren“, triumphiert der Freund – der sich neuerdings das alte Peace-Zeichen um den Hals hängt, Stirnband trägt und, gehüllt in bunte Flickerldecke, hippiemäßig den Summer of Love nachholt. Anno 67/68 war Walter noch zu jung, aber die regel- und systemwidrige Haltung von damals scheint ihm durchaus passend angesichts des heutigen Zustandes der Welt mit ihrer stupenden Maxime „Geld, Geld, Geld“. Er brummt Richie Havens „Freedom“ vor sich hin, lässt auf dem Player Jimi Hendrix vibrieren und beantwortet Fragen nach dem Sinn seines Tuns mit der legendären Aufforderung aus Günter Eichs Hörspiel „Träume“: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“.

Das bringt mich auf den Bahnhof  von St. Goarshausen. Vor selbigem stellten wir neulich das Auto ab, um acht Minuten mit dem Zug nach Kaub zu fahren und sechs Stunden über den  Rheinsteig zurück zu wandern. Nicht sehr ökonomisch, aber schön (anstrengend). Das gerade Gegenteil besagter Bahnhof. Verrammelt Fahrkartenschalter und Wartesaal, das Gebäude heruntergekommen, müffelnd; drinnen indes zwei hochmoderne Ticket-Automaten: Sehr ökonomisch, doch abstoßend unschön das Ganze. Ich weiß, St. Goarshausen ist nur ein Städtchen unter vielen, in denen die Bahnhofskultur vor die Hunde gegangen ist. Auskunftsfreudige Bahnler hinter dem Schalter, ein Bahnhofsbuffet, wo der Reisende ´ne Zeitung und was zwischen die Zähne kriegen konnte – passé. Dafür sind die Großstadt-Stations zu Shoppingmalls mit Food-Lounges (Fressmeile) mutiert. Ob klein oder groß, verschwunden ist überall ein früher selbstverständlicher Standard: der Wartesaal, im Winter beheizt.

Wozu ist die Bahn da? Die Post, die Telekom, die Müllabfuhr – der Staat? Antwort meines jetzt hippiesken Freundes: „Für die Rendite, würde das Establishment denken, während es vom Allgemeinwohl schwadroniert und derweil die Bahn vollends verhökert“. So geht der Mainstream, der offizielle. Nicht mit uns! Wir wollen lebende Menschen hinter Schaltern, Wartesäle, Nebenstrecken und Züge darauf. Wir wollen eine zuverlässige, flotte Postzustellung auch ins letzte Gehöft. Wir wollen ein funktionierendes Telefon ohne Technikchaos, Tarifdschungel und Call-Center-Terror. Wir wollen eine ordentliche Müllabfuhr mit ordentlich bezahlten Müllwerkern. Wir wollen einen Bürgerstaat, keinen Yuppie-Börsen-Staat. Sind wir deshalb von gestern? Eher von morgen – das weiß der Mainstream bloß noch nicht.

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