Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

00-Agenten, liebe Freunde, Sportsgeister

Stell dir vor, du wärest am Weihnachtsabend in friedvollster Stimmung spazieren gegangen. Hättest jene knappen Stunden genossen, in denen ein Mal pro Jahr selbst so lebhafte Städte wie Koblenz oder Mayen, Neuwied oder Bad Ems zu relativer Ruhe kommen und einen Moment durchatmen. Kaum Verkehr, kaum Leute, kaum Lärmschmutz – der große Menschenhaufen hat sich verlaufen und zu familiärer Feier niedergelassen. Der Augenblick  ist kurz, noch am selben Abend wird das allfällige Rumoren wieder anheben. Mittenmang greifen dir plötzlich zwei  Herren in ausgebeulten Jacketts unter die Arme, helfen nachdrücklich erst in eine noble Limousine, hernach in ein, zwei, drei sehr private Flugzeuge. Du landest hier und dort, vielleicht in Rumänien, Afghanistan, Ägypten. Genau weißt du´s  nicht, denn es ist Nacht – draußen in der Welt, mag auch sein nur drinnen in deinem mittlerweile windelweich geprügelten Hirn.
 
Räuberpistole? Albtraum? I wo, nur der All-Inklusiv-Service beim Traditionsclub CIA. Ist das geilste aller Schnäppchen. In den Genuss kamen früher nur Asiaten, Süd- und Mittelamerikaner sowie ein paar Afrikaner. Heute kriegste es auch als Deutscher, gar ohne Buchung und für umme. Stop! Also ehrlich! Da vergehen einem doch Weihnachtserinnerung, Silvesterlaune, Fastnachtsvorfreude und WM-Stimmung auf einen Schlag. Da beginnt man zu begreifen, was der Volksmund meint, wenn er von Feinden spricht, die keiner braucht, solange er Freunde hat. Solche wie George und Condie. Die wissen noch, was Freiheit im Texas-Stil meint: Schnell ziehen, kräftig hinlangen, später diskutieren oder gar nicht. Das imponiert – in Berlin, Pullach und anderen hiesigen Zentralen für 00-Agenten. Was auch würde deutsches Piepsen gegen Helden helfen, die auf Hurrikan-Opfer ebenso entschlossen herabsehen wie auf die Klimasorgen der Weicheier-Restwelt. God bless America, Mister Bush und den armen King Kong auch!

Sei bloß nicht so schnippisch! Das ewige Lamento über den Klimawandel geht einem sowieso auf den Sa…, die Ei…, halt auf die Nerven, dort wo sie besonders empfindlich sind. Die Vorteile geraten ja ganz aus dem Blick. Zuletzt musste man noch auf einen Glutsommer warten, bis der ebenerdige Fußweg von Vallendar zur Rhein-Insel Niederwerth endlich begehbar war. Inzwischen kommt man auch schon im Herbst quasi per Gummistiefel hinüber. Das hat doch was. Man bedenke die Möglichkeiten: Noch ein Jährchen sowie vielleicht den einen oder anderen Jahrhunderthochwasser-Rückschlag hin, und der leidige Streit um eine Brücke bei St. Goar erledigt sich von selbst. Wo kaum noch Wasser, braucht´s keine Brücke, reicht eine ordentlich dränagierte Dammstraße. Dann im Flussgeröll nach Lörchens Kamm oder dem von Worms her abgelagerten Nibelungengold graben – wenn das keine zugkräftige Strategie zur Welterbevermarktung ist.

Eigentlich könnte man schon jetzt Wirtschaftsnutzen aus dem Klimawandel ziehen: bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Bevor auf dem Betze in Kaiserslautern den Gästen aus aller Welt das Dach auf den Kopf bröselt, sollten im Land Alternativen erkundet werden. Die gibt es ja, nun, da Supermodel Bündchen ihren hübschen Popo nachhaltiger verbirgt als der Rhein seine Sand- und Steinblößen. Will sagen: Oberwerth liegt (bei Redaktionsschluss) trocken, das Koblenzer Stadion ist also bespielbar. Für die Begegnung Paraguay gegen Trinidad/Tobago sollte wohl reichen und recht sein, was der TuS billig ist. Australien könnte gegen Japan in Trier antreten. Die Ränge wären ordentlich voll, und die Welt könnte etwas noch nie Dagewesenes erleben: WM-Matches in gleich zwei Unesco-Welterbestätten. Die Unwägbarkeiten des pfälzischen Stadionbaus wären umgangen, Rheinland-Pfalz dürfte weiter WM-Stolz tragen und obendrein für sich in Anspruch nehmen, modernen Fußball in den welthistorischen Adelsstand erhoben zu haben. Fehlt noch was? Wohin mit Italien gegen USA? Ab nach Frankfurt damit – man sollte die Möglichkeiten am Mainzer Bruchweg schließlich nicht vollends überstrapazieren.

„Du bist schon ein arger Miesmacher“ schimpfen sogar Freunde, die auf ein großes munteres Multikulti-Fußballfest hoffen. Dieser Vorwurf geltet jetzt aber nicht. Will ich es doch auch, so ein Fest – nebst Großleinwand-Happenings am Deutschen Eck, am Lahneck oder wo sonst sich fröhliche Sportsfreunde und –innen zusammenfinden. Frisch und frei nach der alten olympischen Devise: Mögen die besten Sportler gewinnen. Autsch, mein Schienbein! Offenbar das falsche Motto. „Deutschland muss, Deutschland wird den Titel holen!“ Habe ich auch nichts dagegen, sofern Klinsis Mannen besser spielen als alle andern. Autsch! Offenbar wieder die falsche Sichtweise. „Spielen hin oder her, Hauptsache Deutschland siegt!“  – – – Tief verwirrt zieht sich daraufhin der Sportsgeist zum Meditieren zurück.

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