Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Verein will verständlich lehren

ape. Bad Marienberg. So zerstritten die Parteien derzeit sind, ein Ziel haben alle: mehr Bildung. Dem hat sich im Westerwald schon seit 1987 ein privat initiierter Verein verschrieben – lange bevor von Pisa die Rede war. Jetzt starten die Marienberger Seminare e.V. ein Sonderprogramm, das es so in der deutschen Bildungslandschaft kaum gibt: Eine Akademie für Allgemeinbildung – Akademiker vermitteln Grundlagen abendländischer Kultur- und Geistesgeschichte an jedermann, für jedermann verständlich.

Schön ist es hier, idyllisch, ruhig. Ein Wohngebiet an der Peripherie der „Stadt“. Die Stadt: Bad Marienberg, 6300 Seelen, ziemlich weit oben im Westerwald. Ländliche Mittelgebirgsgegend, wie sie typischer nicht sein kann. Und doch birgt sie Überraschungen. Zinhainer Weg 44, ein Wohnhaus wie andere, an der Tür indes das Schild „Marienberger Seminare“. 40 Mal und öfter pro Jahr wird es dort im eigens eingerichteten Seminarraum lebendig. 15, 20, 25 „ganz normale“ Leute vom Schüler bis zur Rentnerin kommen für Stunden, einen Tag, ein Wochenende zusammen. Um was zu tun? Aus freien Stücken den Kopf anzustrengen, den Horizont zu erweitern, etwas zu lernen – weil Lernen hier Spaß macht, Bildung das Leben bereichert und die Persönlichkeit aufs Nützlichste stärkt.

Raus aus dem Elfenbeinturm

1987 wurden die Marienberger Seminare gegründet. Seither verlassen eineinhalb Dutzend gestandene Geistes- und Naturwissenschaftler immer wieder gern die akademischen Refugien in Siegen, Marburg, Koblenz, Mainz, Frankfurt, um im Westerwald ihre Kenntnisse und Einsichten mit wissensdurstigen und bildungshungrigen Normalbürgern zu teilen. Raus aus dem Elfenbeinturm heißt es dann: Schopenhauer und Kant verständlich darlegen; Marx und Miegel begreifbar gegenüberstellen; Themen der Kunst-, Religions- und Technikgeschichte spannend erhellen, ihre Bedeutung für Menschen von heute verstehbar machen.

Die Seminare im Zinhainer Weg 44 haben einen guten Ruf. 2003 wurde Barbara Abigt, Gründerin und Geschäftsführerin des Vereins, für ihr ehrenamtliches Bildungsengagement mit dem Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Darauf angesprochen, pflegt sie abzuwinken, redet lieber über die nächsten Projekte. Das Wichtigste nennt sich „Akademie der Marienberger Seminare“, läuft zusätzlich zum regulären Seminarprogramm, beginnt im November und ist in seiner Art ein ziemliches Novum in der Bildungslandschaft.

„Oft sitzen wir in den spannendsten Seminaren, lernen hier Emil Nolde kennen, dort die Gotik. Wir vergleichen Shakespeare und Shaw, analysieren die Französische Revolution oder fragen uns, was die Urmenschen von den Bäumen trieb. Und immer fehlt denen, die den großen Bildungskanon nicht, nicht richtig oder zu trocken genossen haben, etwas: der rote Faden, das kulturgeschichtliche Gerüst, das Epochen, Entwicklungen, Stile, Denkschulen ordnet und verknüpft.“ So wurde die Idee für die „Akademie“, für eine komprimierte und allgemein verständliche Einführung in die Grundzüge der Kultur- und Geistesgeschichte, geboren. „Nicht geboren“, sagt Abigt, „erbeten, ja verlangt.“

Seit zwei Jahren laufen nun die Vorbereitungen für dieses Sonderprojekt. „Unsere Professoren waren erst nicht begeistert, klagten, was da alles weggelassen werden müsse.“ Die Idee, mit einer „nur“ Hauptstränge und Knotenpunkte ausweisenden Orientierungskarte die Kulturgeschichte zu bereisen, musste von „unten“ kommen. Von denen, die das unangenehme Gefühl mangelhafter Orientierung kennen oder noch erinnern. Abigt gehört dazu, denn ihr Weg in die Welt des Geistes begann erst im 54. Lebensjahr. Ein Freund nahm sie mit an die Uni, eine Freundin erzählte ihr von den Bildungs-Salons des 19. Jahrhunderts. Da war sie infiziert mit dem Virus des Wissen- und Verstehenwollens. Die vormalige Gattin, Mutter, Hausfrau begann zu studieren: Soziologie, Psychologie, Philosophie, Kunstgeschichte – „alles, was ich kriegen konnte.“ Und bald rief sie die Marienberger Seminare ins Leben, setzte damit ein praktisches Beispiel für die Freuden des Lernens, die sie selbst gerade für sich entdeckt hatte.

Abigts Begeisterung für die „Akademie“ ist ansteckend. Das Mainzer Kulturministerium sagt Unterstützung zu, die örtliche Kreissparkasse steigt als Sponsor ein, der Geschäftsmann Jürgen Lebek begründet sein finanzielles Engagement bei der Bürgerinitiative: „Auf so etwas habe ich lange gewartet.“ Damit wird das nicht-kommerzielle Projekt erst bezahlbar.

Von Bürgern für Bürger

Mut zur sinnvollen Vereinfachung wurde vom Dozententeam für den Grundlagenkurs verlangt. Das Programm steht jetzt, umfasst 31 Kapitel – vom Faustkeil zum Computer die Menschheitsgeschichte skizzierend, dabei Geistes- und Naturwissenschaft, Kunst und Kultur, Politik und Technik miteinander verknüpfend. 31 Zwei-Stunden-Abende, einer pro Woche, mit Vortrag und Diskussion im Zinhainer Weg 44, wird dieses von Bürgern für Bürger privat initiierte Grundstudium Generale in der ersten Phase umfassen.

Eine Veranstaltung bloß für Westerwälder soll es nicht bleiben, denn es gibt auch die Möglichkeit, von der Ferne teilzunehmen: „Vorträge und Diskussionen hier am Ort werden jeweils mitgeschnitten, und Woche für Woche als CD zusammen mit den Tagesskripten an die Fernteilnehmer verschickt; wohin auch immer“, erklärt Abigt. Selbstbewusst fügt sie hinzu: “ Keine Vertragsbindung, jeder kann jederzeit aussteigen – aber niemand wird es wollen.“

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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