Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Über das Festkonzert 50 Jahre Staatsorchester Rheinische Philharmonie

ape. Koblenz. Ein knapp tausendköpfiges Auditorium fand am Wochenende zum Festkonzert in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle zusammen. Es feierte gemeinsam mit der Rheinischen Philharmonie den 50. Jahrestag von deren Umwandlung in ein Staatsorchester des Landes Rheinland-Pfalz. Mit jenem Akt der Verstaaltlichung, den die damaligen Orchestermitglieder sehnlich herbeigewünscht hatten, endete am 1. Juli 1973 das zwar sehr produktive, doch immer wieder existenziell gefährdete Dasein des 1945 wiedergegründeten Klangkörpers, der sich 1946 als selbstverwalteter Verein organisiert hatte.

Erste Überraschung an diesem Festabend: Der Altersdurchschnitt des Publikums ist niedriger als gewöhnlich bei abendlichen Klassikkonzerten. Viele jüngere Leute sind gekommen. Darunter erfreulicher Weise auch etliche, die womöglich erstmals ein solches Konzert besuchen und mit den Gepflogenheiten dort noch nicht so vertraut sind. Weshalb sie ihrer Beeindruckung durch eben Gehörtes mit unüblich spontanem Beifall nach jedem Stücksatz Ausdruck verleihen. Was wiederum bei den erfahrenen Besuchern zu Stirnrunzeln führt.

Zweite Überraschung: Das musikalische Programm selbst — dem vielleicht die ungewöhnliche Publikumszusammensetzung teils zu verdanken ist. Gemeinhin werden bei Orchesterjubiläen eher Großwerke der Klassik aufgerufen. In Koblenz wäre das gemäß der örtlichen Orchestergeschichte wohl eine Beethoven-Sinfonie und etwas von Mendelssohn-Bartholdy oder Bruch, dazu ein Mahler oder Bruckner. Und obenauf ein Stück aus der klassischen Moderne, um die Verbindung des Klangkörpers auch zur Gegenwart zu demonstrieren. Entgegen solchen Erwartungen besteht das Programm an diesem Abend indes durchweg aus Kompositionen des 20. Jahrhunderts – denen man augenzwinkernd das verbindende Motto verpassen könnte: Völlig losgelöst von der Erde schwebt ein Raumschiff.

In größtmöglicher Besetzung musiziert die Rheinische unter dem ebenso stringenten wie Dynamik und Farbigkeit fein ziselierenden bis mit wuchtigem Pathos aufschäumenden Dirigat ihres Chefdirigenten Benjamin Shwartz zum Auftakt jenes 1961 so spektakuläre Avantgardestück „Atmosphères“ von György Ligeti. Das hatte Regisseur Stanley Kubrick dann als einen der Soundtracks für sein legendäres Filmopus „2001 – Odyssee Im Weltraum“ quasi zweckentfremdet. Womit aber zugleich Ligetis ungewöhnliche Klangwelt auch einem breiten Publikum serviert wurde. Populärer Höhepunkt des Konzerts ist das jüngste Werk an diesem Abend, John Williams’ 1997 zusammengestellte Konzertsuite aus seinen Filmmusiken zur Space-Opera „Star Wars“. Fast jede und jeder im Saal kennt die pathetische Titelmusik, die Poesie des Prinzessin-Leia-Motivs, das auch mit hintergründigem Humor ausgestattet Joda-Thema und sowieso den knackig-dramatisch das Böse versinnbildlichenden Imperial March.

Den Abend beschließt ein weiteres und hier das älteste „Weltraumwerk“: die Komposition „Die Planeten“ von Gustav Holst, uraufgeführt anno 1918 in London, in deren siebten und letzten Satz die Mädchenkantorei der Singschule Koblenz sphärische Vokalklänge webt. So hintereinander gehört, stammen etliche Inspirationen für die Star-Wars-Musik ohrenscheinlich aus diesem Werk, das freilich das kompositorisch reifere, komplexere, motivisch vielgestaltigere ist – und auch Klassikfreunde zu packen vermag, die mit Williams’ teils eher schlicht gewirkter filmischer Effektmusik weniger anfangen können.

Die dritte Überraschung an diesem Abend bringt eine der beiden angenehm kurzen Festreden mit sich. Erwartungsgemäß würdigt Landeskulturministerin Katharina Binz die Leistungen der Rheinischen Philharmonie als eine der tragenden Säulen des Musiklebens im nördlichen Landesteil sowie als hochkarätiger Botschafter überregional wie auch im Ausland. Dass Günter Müller-Rogalla, Intendant der Rhenischen Philharmonie, an zentraler Stelle seiner Rede ausgerechnet die unschönste Phase in der 50-jährigen Staatsorchester-Geschichte noch einmal aufgreift, die 2003 vom Land betriebene sogenannte Orchesterstrukturreform, erstaunt denn doch.

Zwar habe sich diese Sache vor seiner Zeit in Koblenz abgespielt, aber noch im Nachhinein möchte er den damaligen Orchestermitgliedern wie den Musikfreunden und der hiesigen Öffentlichkeit danken, dass sie seinerzeit mit ihrem breiten Protest das unsinnige Vorhaben scheitern ließen. Vom Negativen schlägt er den Bogen zum Positiven: Heute sei die Lage eine ganz andere, die Zusammenarbeit mit dem Ministerium ausgezeichnet, der Bestand des Orchesters unangefochten und die Mittelausstattung sehr ordentlich. Damit könne das Staatsorchester Rheinische Philharmonie mit seinen jetzt 75 Musizierenden aus 18 Nationen allerhand Gutes machen. Also rosige, gedeihliche Perspektiven auch für die nächsten Jahre? So hoffen und wünschen wir – keineswegs völlig losgelöst von der Erde.

Andreas Pecht

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