Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Trotz alledem und alledem („Quergedanken“)

Monatskolumne Nr. 210, Januar 2023

Vergangenen Monat hatte ich an dieser Stelle ein recht düsteres Bild von den Perspektiven für die nähere und fernere Zukunft hierzulande und überall anderwärts gezeichnet. Davon kann ich leider nichts zurücknehmen. Doch keine zwei Stunden nach Textabgabe ließen Freund Walter und ich es uns flachsend, kalauernd, lachend im Wirtshaus einen Abend lang wohlsein. Ist das ein Widerspruch? Müssten wir nicht vergrämt in der Ecke hocken und von früh bis spät das elendigliche Schicksal bejammern, das die Menschheit sich selbst wie dem Planeten eingebrockt hat? Und obendrein zetern über Inflation, Energiespar-Gebote und andere Unbilden, die selbst uns Angehörige der unteren Mitte drangsalieren, wenn auch nicht so heftig wie das echte untere Drittel der Gesellschaft?

Es gehört zu den wenigen angenehmeren Seltsamkeiten des Homo sapiens, dass er seit jeher selbst noch in finstersten Zeiten zu gelegentlichen Momenten der Freude, ja des Glücks fähig ist. Geliebt wird auch in der ärmsten Hütte; gesungen oft sogar an der Front, im Bunker oder mit Hunger im Bauch; immer wieder wird gefeiert, mag auch die Festtafel mager bestückt sein und der kommende Tag nur weiteren Verdruss versprechen. Vergnügt sein, lachen, tanzen in Zeiten des Mangels, der Not, des Krieges, der Unterdrückung: Geht das, darf man das? Dass es geht, hat die Realität der Menschheitsgeschichte millionenfach bewiesen. Kleine oder auch nur winzige Glücksmomente zu suchen, allen Widernissen zum Trotz immer wieder zu finden, scheint ein Naturgesetz zu sein.

Zur Frage, ob man es darf, fallen mir Zeilen aus einem alten Song von Wolf Biermann ein: „Du, lass dich nicht verhärten / in dieser harten Zeit (…). Du, lass dich nicht verbittern / in dieser bitt’ren Zeit (…). Du, lass dich nicht verbrauchen / Gebrauche deine Zeit / Du kannst nicht untertauchen / Du brauchst uns und wir brauchen / Grad deine Heiterkeit“. Danach darf man auch und gerade in schweren Zeiten nicht nur lachen und heiter sein, man soll es, ja muss es vielleicht sogar. Denn „wir brauchen“ die Heiterkeit – allerdings nicht, um „unterzutauchen“ und das Üble zu verdrängen, zu vergessen, sondern um aus der Heiterkeit Kraft und Ermutigung zu schöpfen für das Zusammenstehen gegen das Üble, was immer es jetzt und künftig sei.
Sobald wir die Befähigung zu Freude und Heiterkeit verlieren, haben wir verloren, haben uns Umstände, Verhältnisse oder Unterdrücker kleingekriegt. Solange noch Spottwitze über Diktatoren erzählt werden und mancher Alltagsmalaise auch mit trotzigem „Galgenhumor“ begegnet wird, besteht Hoffnung. Solange wir noch Freude an Kunst und Kultur haben, besteht Hoffnung. Solange dies, das oder jenes uns gelegentlich noch vergnügt, ist nicht aller Tage Abend. Denn wo es noch Momente der Freude gibt, existiert auch noch die Kraft, zu denken und nachzudenken – also die Kraft, dem Schicksal nicht einfach erschöpft seinen Lauf zu lassen, sondern es gemeinsam in die eigenen Hände zu nehmen.

„Trotz alledem und alledem“ heißt ein anderer Biermann-Titel, der den Hoffnungsgedanken in einem noch viel älteren Gedicht von Ferdinand Freiligrath aufgriff. Und Wolf singt: „Wenn wir frieren müssen, werden wir / Wohl zittern, doch vor Kälte bloß / Und aufrecht geh′n, trotz alledem“. In diesem Sinne sei ein guter Rutsch hinüber nach 2023 gewünscht – das im Großenganzen gewiss nicht einfacher wird, aber dennoch …. trotz alledem.

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