Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Mitte/Ende des Jahrhunderts ist nicht St. Nimmerlein

ape. „Zur Mitte des Jahrhunderts“ oder „bis zum Ende des Jahrhunderts“: Das ist oft die zeitliche Dimension, auf die sich die Perspektivangaben, Prognosen, Modelle der Klimawissenschaften beziehen. Psychologisch sind solche Formulierungen problematisch, weil sie im Empfinden vieler Menschen ankommen als „irgendwann in ferner Zukunft“. Für die hierzulande sehr große Bevölkerungsgruppe der Über-60-jährigen bedeutet es sogar: „Da liege ich schon unter der Erde.“ Die Hemmnisse, die sich daraus für das notwendige Handeln jetzt im Hinblick auf die nächste und weitere Zukunft ergeben, sind zur Zeit überall verfolgbar.

Es gibt diesen „historischen“ Empfindungsmechanismus auch in umgekehrter Richtung, bezüglich der Vergangenheit. Man spreche zu jungen Leuten heute vom „vergangenen Jahrhundert“, so fühlt sich das für sie häufig an wie „graue Vorzeit“ – ähnlich wie für mich dereinst die Erzählung meiner Großmutter selig (Jahrgang 1899) über ihr maßloses Erschrecken beim Auftauchen des ersten Automobils in ihrem Dorf.  Kalter Krieg, Friedensbewegung, Mauerfall etc.: Für Kinder, Jugendliche, ja selbst junge Erwachsene zwischen 20 und 30 ist das nur mehr abstrakte Geschichte, „Sachen die lange vor meiner Geburt geschehen sind.“

Weil dieser Mechanismus das Gefühl für die Relevanz von Entwicklungen außerhalb des eigenen zeitlichen Erlebnishorizonts trübt, muss man sich immer wieder plastisch vor Augen führen, dass „Jahrhundert“ weit davon entfernt ist, St. Nimmerlein zu sein. So hat ein Großteil der Bevölkerung – nämlich sämtliche unter ca. 60 Jahren) beste Aussichten, die „Mitte des Jahrhunderts“ am eigenen Leib zu erleben. Bis dahin sind es noch knapp 30 Jahre. Und bereits das Gros der in den letzten zehn Jahren geborenen Kinder wird auch zum „Ende des Jahrhunderts“ noch auf Erden weilen.

Weshalb es nicht verwundern kann, dass gerade in der jungen Generation das Interesse an und der Einsatz für eine tatsächlich durchgreifende Klimawende deutlich stärker verbreitet ist als in älteren Generationen. Sie, die Jungen, werden die Wirkungen des Klimawandels mit voller Wucht zu spüren bekommen. Aber auch die Älteren und Alten, die vielleicht nur noch 10 bis 25 Lebensjahre haben, können sich für ihre Restzeit nicht mehr in behaglicher Sicherheit wähnen. Denn der Klimawandel ist ein permanenter Prozess, die unguten bis katastrophischen Auswirkungen wachsen von Jahr zu Jahr kontinuierlich, bisweilen auch sprunghaft an. Die Hoffnung manch Älterer, die eigene Lebenszeit noch weitgehend ungeschoren über die Bühne bringen zu können, ist trügerisch.

Andreas Pecht

Archiv chronologisch

Archiv thematisch