Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Das Problem mit dem Info-Overkill

ape. Viele wissen es, viele andere ahnen es, einige machen es immer wieder mal oder sogar regelmäßig: Sich für ein paar Tage vom Tohuwabohu der Netzwerke abzukoppeln, beruhigt ungemein. Mehr noch: Interessanterweise geht mit der Absenkung des persönlichen akuten Aufgeregtheitslevels zugleich auch eine Anhebung der Nachdenklichkeit und der Fähigkeit zur Unterscheidung/Beurteilung von längerfristig wichtigen und weniger wichtigen Aspekten einher. Die Humanforschung ist sich inzwischen ziemlich einig: Maßlos überbordender Dauerinput unsortierter, ungewichteter, beliebiger Infos führt nicht zu besserer Orientierung und mehr Überblick/Durchblick, sondern im Gegenteil zu vermehrter Orientierungslosigkeit und weniger Überblick/Durchblick.

Es gibt noch eine Steigerungsform jenseits der Netzwerk-Pause: das zeitweise Ausklinken aus dem gesamten aktuellen Nachrichtenfluss zu einem Thema oder vorübergehend generell aus den gedruckten wie elektronisch verbreiteten Tagesnachrichten. Ich erinnere mich an mediale Generalabstinenz bei den Familienurlauben meiner Kindheit in Italien, Spanien, Jugoslawien: Drei Wochen kein Fernsehen; nur gelegentlich im Auto ein paar  verrauschte Sätze deutschen Rundfunks; im Supermarche bestenfalls die „Bild“, die aber bei uns selbst im Urlaub nichtmal mit der Kneifzange angefasst wurde (O-Ton Vater: „Eh alles gelogen“.) Drei Wochen also ganz ohne News-Input. Es hätte Schlimmeres geben können.

Später, als Oberstufengymnasiast, Student und dann erst recht als junger Journalist, wurde meine Maxime: Ich will IMMER möglichst aktuell über möglichst vieles möglichst umfassend informiert sein. Folglich gab es eine Lebensphase, in der für mich schier selbstverständlich war: Durchsicht/Lektüre von 3 bis 5 Tageszeitungen, ähnlich vielen Wochenzeitungen plus etlichen Fachmagazinen und sowieso -büchern, plus Rezeption sämtlicher Nachrichten-, Polit- und Wissenschaftssendungen im TV rauf und runter. Der völlige Input-Overkill kam dann mit dem Hinzutreten des Internet. Es hat recht lange gedauert (dauert eigentlich noch an) bis ich bemerkte und angefangen habe, zu begreifen: Je mehr Zeug immer schneller ins Hirn hineinströmt, umso weniger erfasst und durchdenkst du es.  Persönliche Konsequenzen aus dieser Erkenntnis? Im Augenblick noch ziemlich unklar – denn alte Gewohnheiten wiegen schwer.

Andreas Pecht

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