Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Glückwunsch zu 40 Jahren Café Hahn

Mein nachfolgender Text wurde im Mai 2011 im mittelrheinischen Magazin „Kulturinfo“ anlässlich des Jubiläums „30 Jahre Koblenzer Café Hahn“ publiziert. Ich habe ihn – und einen weiteren, bereits zum 25. Geburtstag 2006 verfassten Artikel (s. Link ganz unten) – jetzt aus der Versenkung geholt, weil das Hahn am 12. und 13. März 2021 mit einem Livestream-Festival im Netz in sein Jubeljahr zum 40. einsteigt. Da möchte es so mancher/m der vielen Freunde*innen dieser Koblenzer Kulturinstitution vielleicht genehm sein, noch einmal oder erstmals so einiges über deren frühere und ganz frühen Jahre zu lesen. 

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ape. Koblenz (26.05.2011). Was soll man schreiben zum jetzt 30. Geburtstag des „Café Hahn“? Was, das nicht zu den Jubiläen vor fünf, zehn oder vor 20 Jahren schon geschrieben wurde? Über den gelernten Konditor Karl Hubert Hahn, genannt Berti, der 1981 als 25-Jähriger das in Koblenz-Güls alteingesessene väterliche Café übernahm. Über das damalige Entsetzen, das dort reife Moselanerinnen beim Kaffeekränzchen packte, wenn obskures Volk mit Gitarren und Drums, Verstärkern und Boxen  hereinstapfte – um sogleich mit dem Soundcheck fürs abendliche Konzert nicht nur die Sahnehäubchen auf dem Kuchen vibrieren zu lassen.

Man erinnert gerne an die Anfänge; an die Übergangszeit in den 1980ern vom „ganz alten Café Hahn“ zum „alten Hahn“, das 2003 vom „neuen Hahn“ abgelöst wurde. Die Erinnerung an jene  Geschichten ist keineswegs bloß rührselige Nostalgie. Vielmehr hat es etwas Beruhigendes, wenn du heutzutage feststellen kannst: Es gibt in deiner Stadt noch florierende gastro-kulturelle Einrichtungen, die keine Filialen kontinentaler Ketten oder Renditeobjekte auswärtiger Finanzmogule sind. Primus unter diesen Einrichtungen ist in Koblenz nunmal das „Café Hahn“. Von einem Gülser Bub als erster Musik- und Kleinkunstclub am Ort in die Welt gesetzt, selbstständig aufgezogen und drei Jahrzehnte hindurch als unabhängige Institution entwickelt – ohne die das Kulturleben am Rhein-Mosel-Eck anders aussähe als es aussieht.

Aus der großen Welt in die kleine Stadt

Soweit die Festrede. Was aber nun schreiben, das nicht sowieso schon jeder weiß? Themensuche, Story-Schnüffelei. Zu diesem Zweck mal wieder Privatissime mit Berti Hahn. Location für das Treffen: Sparkasse Koblenz. Zeitpunkt: Mitte Mai 2011. Wieso Sparkasse? Weil einem dort den Wonnemonat über die Bedeutung des „Café Hahn“ für Stadt und Region in kompakter Form vor Augen geführt wird (wurde). Und zwar vor allem in ihrer künstlerischen Dimension: Mit einer Ausstellung originaler Fotos von Bluesern, Jazzern, Liedermachern, Kabarettisten und Artisten, die der zum Kulturimpressario gewachsene Berti während 30 Jahren aus der großen Welt ins kleine Koblenz holte.

Der Ausstellungs-Rundgang soll ihn animieren, zu diesem oder jenem Künstler-Foto Histörchen auszupacken, die vielleicht noch nicht durch aller Munde gegangen sind. Geschichten aus der Geschichte des „Café Hahn“. Beispielsweise jene über die Verehrerin von Konstantin Wecker. Vor dem Foto des Barden stehend, will uns – wie bei den meisten Bildern – zwar das genaue Jahr des Ereignisses nicht mehr einfallen. Aber es muss Anfang der 90er gewesen sein. Denn Scharping war Ministerpräsident und hatte gemeinsam mit Gattin Jutta zum Tschernobyl-Benefizkonzert mit  Wecker ins Hahn geladen.

Watschen für Konstantin Wecker

An selbigem Abend geschah dies: Eine unbekannte Frau hatte sich vor die Bühne gelagert,  ließ keines ihrer hingebungswillig schmachtenden Augen vom schäumenden Musicus. Weil zugleich in Güls „Blütenfest“ gefeiert wurde, folgte auf das Konzert spätnächtlich Disco-Schwoof. Da schwang der Konstantin mit der Jutta ausgiebig das Tanzbein. Freunde bei Freunden in ausgelassener Stimmung, wie‘s im „Hahn“ eben so war und noch immer ist. Besagter Schmacht-Dame stieß derartige Vertrautheit zwischen den Tanzpartnern indes so bitter auf, dass sie auf Wecker zustürzte und ihm – eine mächtige Watschen auf die Wange haute. Die Episode erinnert ans „Blütenfest“  2010, wo Comedian Mario Barth – wie Ingo Appelt ein alter „Hahn“-Bekannter aus Zeiten, da sie noch kein Mensch kannte – in eine von sämtlichen Gazetten breitgewalzte Handgreiflichkeit verwickelt war. Sage noch einer, Traditionsfeste an der Mosel brächten das Blut nicht mehr in Wallung.

Der Foto-Rundgang weckt Erinnerungen an wiederholte „Hahn“-Auftritte großer Musiker aus Blues und Jazz. Da sind beispielsweise etliche, inzwischen selbst Legenden gewordene Weggefährten des legendären Miles Davis: Marcus Miller, der stilprägende E-Bassist, oder Mike Stern. Der 2007 verstorbene Joe Zawinul, der sich bei seinen Koblenzer Auftritten von Berti immer Gänsebraten und  Sliwowitz wünschte. Andere Sparte: Altblueser Luther Allison stellte bei der ersten gemeinsam Tournee mit seinem Sohn Bernard den brillanten Junior im „Hahn“ vor. Jazz-Pianistin Katie Webster musste von Berti getröstet werden, als sie über einen der vielen Sprüche an den Wänden der Künstlergarderobe in Tränen ausbrach: „Katie Webster is crap“ (Mist) stand da.

Als Berti der Arsch auf Grundeis ging

Harmlos, verglichen mit jenen Momenten, in denen selbst Berti Hahn sprichwörtlich der Arsch auf Grundeis ging. Ein Fall nur sei erzählt. Das „Kulturinfo“ hatte im Dezember 1991 mit Bild auf der Titelseite das Kommen von Gil Scott Heron angekündigt, dem Meister des funky-jazzig-souligen Sprechgesangs. Das „alte Hahn“ war bis auf den letzten damals noch verqualmten Quadratzentimeter ausverkauft. Da meldet sich am Spätnachmittag vor dem Konzert der Agent: Möglicherweise finde der Auftritt nicht statt, weil Gil Scott die Gagen-Vorschüsse daheim in USA für leibliche Genüsse verpulvert habe, jetzt erstmal die Band ihr Geld kriege, der Frontman leer ausgehe und deshalb verschwunden sei.

45 Minuten vor Konzertbeginn, die Band hockt in der Garderobe; vom Chief noch immer kein Spur. Berti schwitzt, fürchtet, das Publikum gleich auszahlen zu müssen. 30 Minuten vor der Zeit trottet ein ihm unbekannter Farbiger zur Bühne, klimpert auf dem Keyboard herum. Wer ist das, was will der? Das war Gil Scott Heron. Von irgendwoher hatte ihn das Schicksal gnädig ausgespuckt. Es wurde ein denkwürdiges Konzert – und zwischendurch tranken Star und Veranstalter zusammen einen Kognak.

Bassi droht mit einer fetten Wutzerei

Munter purzeln die Stories aus Bertis Gedächtnis. Von Polt und der Biermösl Blosn, die einen örtlichen Großverleger auf die Schippe nahmen. Von Marianne Rosenberg, die als Jazzerin vor ein Publikum trat, das gut zur Hälfte ihrer Schlager wegen gekommen war. Von Big Jay McNeely, der während des „Hahn“-Konzerts seinen zweiten Saxophonisten feuerte. Vom Extrem-Clown Leo Bassi, der 2003 drohte, das funkelnagelneue „Café Hahn“ richtig zu versauen – weshalb Berti vorab den Bühnenraum mit Plastikplanen abdecken ließ. War nur ein Scherz von Bassi; aber man weiß ja nie. ….

Ernst wird er vor einem Foto, das die Booze Band zeigt: „Gute Freunde, waren eine der hoffnungsvollsten Gruppen unserer Gegend, Hausband im Hahn. Aber drei der vier Musiker sind schon früh gestorben. Traurig.“ Weshalb ihm der Hinweis wichtig ist, dass es bei der großen Hahn-Geburtstagsfeier von 16. bis 19.6. mit 50 Gruppen auf zwei Bühnen bei freiem Eintritt auch eine Hommage an die Booze Band geben wird.

Bleibt schlussendlich der Glückwunsch ans „Hahn“ zum 30. – und an Hahns Berti zum 55.                                              

Andreas Pecht (26.05.2011)

Und noch weiter zurück: > Hier mein Artikel zum 25. Geburtstag des Hahn anno 2006

(Und noch noch weiter zurück: Es gibt auch einen Festartikel zum 20. Geburtstag. Doch konnte ich den leider nirgendwo mehr finden. Sollte irgendjemand den betreffenden Artikel von 2001 elektronisch greifen können, wäre ich für Übersendung dankbar.) 

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