Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Warum tun wir uns die Unbilden des Seuchenschutzes an?

ape. Warum eigentlich machen wir das alles? Warum tun sich einige Milliarden Menschen rund um den Erdball in unterschiedlichen Kulturkreisen mit verschiedenartigen Gesellschafts- und Regierungsformen die teils erheblichen Unbilden des Corona-Seuchenschutzes an? Zwei Gründe, die eng miteinander verbunden sind:

1.) Wir tun das zum Schutze von Leben und Gesundheit all jener Mitmenschen, die von Covid-19 schwer bis tödlich getroffen werden können. Das sind derzeit mehrheitlich Ältere und Alte, Behinderte, Vorerkrankte, Schwache. Das kann aber im Grunde jede/r sein. Und das Auftauchen einer Mutation, die in nicht minderem Maße oder gar besonders etwa Kinder angreift, liegt im Bereich des Möglichen – je lebhafter das Infektionsgeschehen global umso zahlreicher auch die Virusmutationen umso höher die Wahrscheinlichkeit des Auftauchens noch gefährlicherer Mutanten.

Doch am Ende sollte es für die Haltung unserer Gesellschaft keine Rolle spielen, welche Bevölkerungsgruppe besonders stark durch die Seuche an Gesundheit und Leben gefährdet ist. Denn die zentrale Säule unserer Humangemeinschaft besagt: Wir unterscheiden nicht „wertes“ und „unwertes“ Menschenleben. Wenn die Solidarität der Gemeinschaft unnötiges, verfrühtes Sterben in großer Zahl verhindern kann, sollte diese Solidarität – auch wenn sie Opfer bedeutet – unterschiedslos eine ethische Selbstverständlichkeit sein. Dem Staat ist es aufgegeben, für die Dauer der Epidemie Sorge zu tragen, dass die Opfer und Schäden sich in Grenzen halten.

2.) Milliarden Menschen nehmen die Unbilden des Corona-Seuchenschutzes auf sich, um noch Schlimmeres zu verhindern. Weltweit sind bereits 2,4 Millionen Menschen offiziell von Sars-CoV-2 getötet worden; nicht eingerechnet die Dunkelziffer von 1 bis 3 Millionen in den Armutsregionen, Kriegsgebieten Flüchtlingslagern, Elendsvierteln, die nie ein Arzt gesehen und keine Statistik je erfasst hat. Knapp 65 000 Corona-Tote haben wir in Deutschland schon. 85 % davon könnten ohne Covid-19-Erkrankung noch leben, Monate, Jahre, teils Jahrzehnte.
Obwohl die Opferzahlen der Corona-Seuche bereits gewaltig sind, vermitteln sie doch nur eine vage Ahnung davon, was geschehen würde, wenn das Virus und seine Mutationen „durchgehen“. Wenn also keine oder nur noch zu schwache Schutzwälle gegen die Pandemie stünden und das Virus sich nur mehr mäßig behindert bis ungehindert ausbreiten könnte.

Man sollte bei allem, was jetzt so eifrig, engagiert, fordernd, teils entnervt oder verzweifelt hinsichtlich Öffnungen und/oder Öffnungstrategien diskutiert wird, diese beiden guten – und unverhandelbaren – Grundlagen der (mehr oder minder entschlossen umgesetzten) Generallinie unseres bisherigen Tuns in Sachen Seuchenschutz nicht aus den Augen verlieren. Geschweige denn, diese Grundlagen bewusst aufgeben.

Andreas Pecht

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