Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Woher die schier hysterische Angst vor dem Klimaschutz?

ape. Es liegt mir fern, um Verständnis für Zeitgenossen zu werben, die partout GLAUBEN WOLLEN, es gäbe keinen Klimawandel oder keinen menschengemachten Klimawandel oder es sei alles nur halb so wild mit dem Klimawandel. Aber begreifen würde ich schon gerne, warum gar nicht mal wenige Leute mittlerweile hysterisch bis panisch auf fast jede Überlegung, Forderung, Bewegung zum Vorantreiben des Klimaschutzes reagieren. Warum sie beispielsweise die Forschungsergebnisse von tausenden Wissenschaftlern weltweit als bloße Scharlatanerie abtun – obwohl sie sonst mit der Wissenschaft kein Problem haben.

Beispiel: Jüngere Erkenntnisse von Astronomen und Astro-Physikern über die Existenz von Schwarzen Löchern im Universum oder Planeten in anderen Sonnensystemen werden nicht angezweifelt, obwohl noch keines Menschen Auge diese oder jene je wirklich gesehen hat. Ähnliches gilt im Prinzip für die gesamte Molekularwissenschaft. Diesbezüglich ist das Vertrauen in die Wissenschaft so groß, dass deren indirekte Beweisführungen problemlos akzeptiert werden – obwohl die mathematische, physikalische, mikrochemische Dimension der Methode für die meisten Menschen verständlicherweise ein Buch mit sieben Siegeln bleibt.

In der Klimafrage hingegen werden die Ergebnisse leicht nachvollziehbarer unzähliger objektiver Messreihen, systematischer Direktbeobachtungen, historischer Auswertungen, langfristiger Tendenz- und Häufungserforschung etc. sowie inzwischen von Bauern, Winzern, Forstwirten, ja eigentlich jedermann selbst erfahrbaren/erkennbaren Klimawandelphänomenen geleugnet, angefeindet, ignoriert, verdrängt oder verharmlost. Stattdessen klammert man sich an mehr oder minder gewagte bis abstruse, selten mit objektivierbaren Daten hinterlegte THEORIEN über vermeintlich natürliche Ursachen des Klimawandels oder eben seine Nichtexistenz. Keine dieser Theorien hielt bis dato einer ernsthaften wissenschaftlichen Verifizierung stand. Keine konnte den Klimawandel als nicht vorhanden beweisen, keine für das Ausmaß des jetzigen Klimawandels und seine bereits festgestellten Erscheinungsformen verantwortliche terrestrische oder extraterrestrische Naturursachen nachweisen.

So gesehen, haftet dem verbissenen Leugnen oder Verharmlosen des menschengemachten Klimawandels, haftet der Weigerung, ihn als epochales Über- und Querschnittsproblem zu betrachten, ein gerüttelt Maß Irrationalität an. Was uns bei der Suche nach den Gründen für dieses Verhalten bei einem Teil der Zeitgenossen unvermeidlich aufs Feld der Psychologie führt.

Mal hypothetisch angenommen: Eines Tages würde ein anerkannter Biologie vor meinem seit Jahrzehnten ökologisch bewirtschafteten Gemüsegarten stehen und mir erklären, dass meine Anbauart höchst ungesunde Früchte hervorbringt und die Umwelt gehörig schädigt. Wie würde ich reagieren? Ich würde ihm kein Wort glauben – selbst wenn er Boden- und Luftmessdaten, Gemüseanalysen und ungute Blutbilder meiner sich aus diesem Garten ernährenden Familie vorlegte, die seine Aussage stützen. Kurzum: Ich würde mir doch nicht vorhalten lassen, mein Lebtag falsch gelebt zu haben – sondern stattdessen nun hektisch bis verzweifelt nach jedem Strohhalm greifen, der den Befund des Biologen vermeintlich widerlegt.

Natürlich ist dieses konstruierte Beispiel de facto absurd. Aber es bringt mich näher heran an ein Begreifen des psychologischen Mechanismus‘, der bei allerhand Zeitgenossen zum Leugnen, Anfeinden, Ignorieren, Verdrängen, Verharmlosen der Erkenntnisse über den Klimawandel und die daraus zu folgernden Konsequenzen führt: Man sieht sich plötzlich einer Entwicklung gegenüber, die bisherige und vielfach von Vorgängergenerationen übernommene Lebensmaximen, Lebensziele, Lebensinhalt, Lebensart, Lebensgewohnheiten grundsätzlich und absehbar auch ziemlich praktisch in Frage stellt. Bislang war das primäre Streben der Menschen wie selbstverständlich auf stete Vergrößerung von Auto, Wohnung, Guthaben und Erweiterung des Konsums auf allen Ebenen sowie Verbesserung der Lebensaussichten für die eigenen Kinder ausgerichtet. Bislang galt solches (Wachstums-)Streben als Existenzbedingung unserer Wirtschaftsweise und sowieso als ehrenwerte Maxime für das Indivdualverhalten nicht nur bürgerlichen Daseins.

Nun aber stellt sich heraus bzw. wird von Wissenschaftlern und Klimaschützern „behauptet“ (und bewiesen), dass diese Lebensart falsch war/ist – weil sie sich via Raubbau, Umweltzerstörung, Klimaschädigung die Grundlage zum eigenen Fortbestehen nach bisherigem Zuschnitt selbst entzieht. Mehr noch: Dass diese über Generationen gewohnte Lebensart, wenn sie weiter beibehalten bleibt, die Lebensbedingungen für Kinder, Enkel, Urenkel gravierend ins Negative verschiebt. Denn mit der Natur und den Naturgesetzen lässt sich nicht verhandeln. Man mache sich nichts vor: Die Zumutung dieser Erkenntnis bedeutet für viele Menschen brachiale Erschütterung ihres Weltbildes und ihres Selbstverständisses von guter Art und bestem Sinn des eigenen Lebens. Solche Erschütterung wird im Laufe der Zeit selbst noch mancher Zeitgenosse spüren, der heute engagiertem Klimaschutz positiv gegenüber steht. Denn dass sich alles ändern könne, ohne dass sich unsere Lebens- und Wirtschaftsart wirklich ändert, ist schlechterdings unmöglich – auch wenn sehr viele politische Akteure derzeit so tun als ob.       Andreas Pecht     

 

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