Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Ideen für das Welterbe Oberes Mittelrheintal

ape. 2029 wird das Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal Austragungsregion der Bundesgartenschau (Buga). Nun drehen sich viele Überlegungen darum, wie nicht nur das mehrmonatige Event von Bingen bis Koblenz in zehn Jahren selbst zu einem Erfolg werden kann. Vielmehr steht die Frage im Raum: Welche nachhaltigen, über die Buga hinaus die Region vorwärts bringenden Veränderungen können, sollen, müssen im Vorfeld in Angriff genommen werden? Allseits verbindet sich mit den langfristigen Vorbereitungen auf die kommende Gartenschau die Hoffnung, es mögen damit dauerhaft positive Strukturentwicklungen für die gesamte Region einhergehen, wie sie für Koblenz im Umfeld und Nachgang zur dortigen Buga 2011 bilanziert werden konnten. Vor diesem Hintergrund fand unlängst in der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein ein Tagung statt mit Vorträgen von Wissenschaftlern und Fachleuten aus Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Österreich und der Schweiz unter der Überschrift: „Oberes Mittelrheintal – Zum Umgang mit einer europäischen Kulturlandschaft“.

Wie das Leitthema signalisiert, ging es nicht ausdrücklich um die Bundesgartenschau 2029. Denn auch ohne dieses temporäre Großprojekt ist rund zwei Jahrzehnte nach Aufnahme des Oberen Mittelrheintals in die Unesco-Welterbeliste eine Perspektivendiskussion für die Region überfällig. Gleichwohl schwingt die Buga im Hintergrund der Tagung stets mit. Schließlich schlagen nun bei allen Überlegungen weit über 100 Millionen Euro zu Buche, die in Vorbereitung auf die Gartenschau in die Region fließen sollen. Zudem, dies unterstreicht Rainer Zeimentz von der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz, „haben wir jetzt einen Termin, eine Deadline, 2029.“ Dadurch würden Denkansätze, Projekte, Planungen per se ernsthafter, gerieten unter Konkretisierungsdruck. Und darum geht es bei der Tagung, die gemeinsam von der Entwicklungsagentur, der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz sowie dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz veranstaltet wurde: Um Ideen, Denkansätze, auch Anregungen von außerhalb für den künftigen Umgang mit dieser Kulturlandschaft von europäischem Rang und globaler Bedeutung.

Bewahrung und Entwicklung zugleich

Der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf hängt in seinem Begrüßungsbeitrag die Veranstaltung sehr hoch, nennt sie „Auftakt für den Prozess hin zur BUGA 2029“. Und er formuliert einen Anspruch, der im Laufe des Tages ständig eine Rolle spielt; der sich zwar leicht sagt, aber in der Praxis schwer umzusetzen ist: „Bewahrung und Entwicklung müssen gleichermaßen realisiert werden.“ Das kulturelle Erbe sei zu erhalten, die Region solle aber auch attraktiv bleiben/werden für Einheimische wie Besucher. Dazu gehöre der Wiedererkennungswert einer Stadt oder Region, der zugleich für die dort lebenden Menschen „Beheimatung“ herstelle. Für den Minister steht die Attraktivität des Mittelrheintales an sich ebenso außer Frage wie dessen weltweit hoher Bekanntheitsgrad. Er erinnert nochmal an die 2000-jährige Geschichte der Region, die sich in ihren Denkmälern widerspiegelt. Er ruft Carl Zuckmayer als Zeugen dafür auf, dass das Rheintal seit jeher eine zentrale europäische Verkehrsader ist, ein weltoffener Austauschraum und Schmelztiegel – wie dies in Zuckmayers Theaterstück „Des Teufels General“ von Harras mit seinem berühmten Monolog über den Rhein als „der großen Völkermühle, der Kelter Europas“ zum Ausdruck gebracht wird. Und Wolf verweist darauf, dass Schutz und Entwicklung der Region eine Querschnittsaufgabe sind, die viele Fachbereiche berührt und das Miteinander vieler Partner erfordert.

Schon die Fachtagung selbst stand mit ihren drei Veranstaltern und sehr unterschiedlichen Referenten im Zeichen eines keineswegs selbstgefälligen, sondern produktiven, teils auch streitbaren Miteinander. Dies macht ein Zwiegespräch deutlich zwischen Thomas Metz, dem Generaldirektor der GDKE, und Matthias Müller, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Rheinischen Vereins. Als gemeinsames Anliegen benennen sie den Erhalt des Weltkulturerbes für die Menschheit sowie dessen Entwicklung für die Menschen, die in der Welterberegion leben. Müller sieht dabei seinen Verein in der Rolle des Beraters, des denkmalpflegerischen Gewissens für die politischen Akteure. Nötigenfalls wolle der Rheinische Verein auch „Stachel in deren Fleisch“ sein. Denn natürlich sollten die Landschaft verschönert und abgehängte Orte gepuscht werden. Aber: Konflikte zwischen Kulturraum und Wirtschaftsraum seien sorgsam anzupacken; bisweilen könne es auch vernünftiger sein, von dieser oder jener Aufhübschungsmaßnahme zugunsten des Welterbeerhalts Abstand zu nehmen. Metz sieht das ähnlich, setzt indes für seine Landesinstitution GDKE einen anderen Schwerpunkt. Seine primäre Fragestellung lautet: Wie können wir Denkmalobjekte für die Menschen erschließen? Auf welche Weise können wir sie einerseits erhalten, andererseits mit Qualität weiterentwickeln? Beide Herren geben ihrer Hoffnung Ausdruck, die Tagung möge Ideen und Anregungen bieten, die man nachher unter anderem den Buga-Machern mit an die Hand geben kann.

Alte Defizite und gute Fortschritte

Solche Ideen gibt es im weiteren Verlauf des Tages eine Menge. Manche bleiben interessante Anregung, in welche Richtung man auch mal nachdenken könnte. Andere sind dem Charakter nach direkte Aufforderung, was im Tal sofort oder zeitnah zu machen sei. Nicht wenige der vorgetragenen Aspekte erinnern den Chronisten an Diskussionen, die bereits im Umfeld der Beantragung und schließlichen Verleihung des Unesco-Welterbestatus für das Obere Mittelrheintal Anfang des 21. Jahrhunderts geführt wurden. Wenn der Städteplaner und Welterbe-Experte Michael Kloos von Kirchturmperspektive und noch immer vorhandenem Mangel an gemeinsamem Identitätsgefühl der Orte und Bewohner im Welterbegebiet spricht, wenn er Verlärmung, Leerstände, Erneuerungstau bei der touristischen und gastronomischen Infrastruktur beklagt: Dann kommt einem das doch ziemlich bekannt vor. Will sagen: Einige Probleme haben sich gewissermaßen seit 2002 erhalten.

Kloos belässt es nicht bei der Klage, verweist vielmehr auch auf allerhand gelungene Fortschritte, die stärker ins Bewusstsein gerückt werden müssten. Er nennt den Ostein‘schen Park über Rüdesheim, Maßnahmen des Natur- und Kulturlanschaftsschutzes wie die Pflege alter Obstanbaukulturen und das Zurückdrängen der Verbuschung auf den Steilhängen. Er spricht von der gestalterischen Aufwertung mancher Talorte sowie strukturellen Verbesserungen in Koblenz und Bingen. Er avisiert die Fertigstellung eines Managementplans für dieses „größte Weltkultuerbe in Deutschland mit seinem vielgestaltigen Aufbau“ für 2021. Dieser Plan soll im Verbund mit einer „Kulturlandschaftsverträglichkeitsstudie“ alle die Region betreffenden Entscheidungsprozesse für sämtliche Beteiligten transparenter und besser planbar machen. Schließlich lenkt Kloos die Aufmerksamkeit auf einen gewichtigen Umstand, der bei den weiteren Anstrengungen im und für das Mittelrheintal besonders zu beachten sei. Das Tal ist kein einheitlicher Raum, sondern weist ökonomisch, strukturell und soziologisch ein gehöriges Binnengefälle zwischen den „Torstädten“ – Bingen im Süden, Koblenz im Norden – und seinem ländlichen, kleinteiligen, auch demografisch überalternden Mittelstück auf.

Heimat ist immer lokal und regional

„Muss Landesplanung Heimat können?“, fragt unorthodox Martin Orth, Abteilungsleiter Landesplanung im Mainzer Innenministerium. Er setzt sich mit dem Begriff „Heimat“ auseinander, der im Grunde eine ideelle symbolische Landschaft meint, sich freal aber primär stets auf lokale und regionale Räume bezieht. In Rheinland-Pfalz gebe es einen gelassenen, positiven Heimatbegriff, so Orths These. Sie bezieht sich unter anderem auf die kritisch heimatverbundene Weltoffenheit etwa von Carl Zuckmayer und Anna Seghers oder die Hunsrücker „Heimat“-Filme von Edgar Reitz. Wie schon Minister Wolf formuliert er einen komplexen, in der Realtität selten völlig reibungsfreien Anspruch. Danach umfasst Heimat zugleich dauerhaften Schutz des natürlichen und historischen Erbes, plus Tourismus, plus wirtschaftliche Aussschöpfung der regionalen Potenziale. Ziel landesplanerischer Bemühungen sei die Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen in allen Landesteilen. Dazu gehöre die Erfassung und Definition schutzwürdiger Räume sowie ihrer potenziellen Beeinträchtigungen. Orth nennt als Beispiel die Vulkaneifel, die inzwischen dabei sei, sich von einer Region der Steinbrüche in eine „Gesundregion“ zu verwandeln. Er spricht vom Problem der „Besatzung der Landschaft mit Windkraftanlagen“ und der Gefährdung schützenswerter Sichtachsen. Rechtsverordnungen, die Einrichtung von Pufferzonen, der Einsatz neuer Technologien können nach Ansicht des Referenten hier hilfreich sein. Vor allem aber komme es darauf an, durch bürgerschaftliche Beteiligung das Gefühl zu stärken, dass Bürger über die Gestaltung ihrer Heimat mitbestimmen.

Spannendes aus Österreich und der Schweiz

Für Letzteres plädiert auch Gabriele Preisinger mit ihrem Bericht über die Entwicklung der niederösterreichischen Region „Römerland Carnutum“. Dabei handelt sich um einen relativ kleinen ländlichen Grenzlandstrich zwischen den gewaltig boomenden Städten Wien und dem slowakischen Bratislava. 26 Orte und Örtchen mit insgesamt 80 000 Einwohnern waren dort unter einen Hut zu bringen, um ein gedeihliches, zukunftsfähiges Fortkommen aller zu ermöglichen – und zugleich Bestand sowie Eigenständigkeit der Region gegenüber dem expansiven Flächenhunger der beiden benachbarten Metropolen zu behaupten. Wie konnte das gelingen? Frau Preisingers Kernaussage dazu: „Wir denken und besprechen alle alles gemeinsam.“ Größtmögliche Bürgerbeteiligung auch zwecks Zusammenführung der Expertise von Wissenschaft und Bürgern sei ihr Bestreben, jede touristische Investition müsse am Ende den Einheimischen dienen, ihre Leitlinie. Eines der organisatorischen Elemente dafür ist der sogenannte „Zukunftsrat“. Das nach dem Zufallssprinzip zusammengesetzte Bürgergremium tritt immer dann in Aktion und muss gehört werden, wenn es um die Weiterentwicklung des Römerlandes Carnutum geht.

Ein anderes Beispiel, über das sich im Hinblick auf den Mittelhrein zumindest nachzudenken lohnt, steuert ein Winzer aus der Schweiz zur Koblenzer Tagung bei. Amédée Mathier hat im Wallis eine fünfeinhalb Hektar große brachliegende Steillagen-Rebfläche gekauft und rekultiviert. Genauer gesagt: Er hat mit Freunden und Bekannten bei einem gemütlichen Weinabend die Idee für die Gründung einer Aktiengesellschaft ausgeheckt und umgesetzt, die das Terrassenareal mit seinen vier Kilometern Natursteinmauer erwirbt, wieder ertüchtigt und die dortige Weinbau-Tradition reaktiviert. Mathier berichtet von enormen Schwierigkeiten und sehr viel Arbeit, aber auch von dem Glück, das er beim Wiedererstehen eines Stückes Heimat immer wieder empfindet. Inzwischen liefern die Terrassenwingerte einige tausend Flaschen anspruchsvollen Ökowein. Gleichwohl verzichten die Mitaktionäre auf Gewinnausschüttung – um noch mehr für die Pflege und Rettung dieser extremen Kulturlandschaft tun zu können. Nächster Schritt: Es sollen weitere Hektar Weinbergs-Brache hinzugekauft werden.

„Stolzer Blick zurück, volle Kraft nach vorn.“ Mit diesem vom Fußballclub Borussia Mönchengladbach entlehnten Slogan nähert sich Marketingspezialist Richard Röhrhoff dem Tagungsthema „Oberes Mittelrheintal – Zum Umgang mit einer europäischen Kulturlandschaft“. Er plädiert dafür, die alte Marke romantischer Mittelrhein neu „aufzuladen“. Ausflügler und Urlauber hier müssten Spaß haben, müssten etwa den Besuch auf einer Burg oder der Festung Ehrenbreitstein als Aufenthalt in einer heilen Welt erleben können. Und für Kinder/Jugendliche sollten die historischen Bauten zur Abenteuerwelt werden. Der Marketingmann insistiert nachdrücklich auf die Entwicklung einheitlicher Qualitätsstandarts für Gastronomie und Hotellerie in Richtung „Erlebniswelten“.

Ist unser Kulturerbe „enkeltauglich“?

Von einer ganz anderen, hochinteressanten, obendrein in Gegenwart und Zukunft immer wichtiger werdenden Seite geht die Kunsthistorikerin Barbara Wetzel das Tagungsthema an. Sie fragt: Wie „enkeltauglich“ ist unser Umgang mit dem kulturellen Erbe eigentlich? Will sagen: Sind die jetzigen Verantwortlichen sich des Umstandes bewusst, dass sie über ein Erbe sprechen und Weichenstellungen dafür vornehmen, für das etwa heutige Grundschüler und deren spätere Kinder anno 2070 oder 2100 die Verantwortung haben? Dann werden hier, so Wetzel, 40 oder 50 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund leben. Wie vermittelt man ihnen das kulturelle Erbe ihrer neuen Heimat? Aber auch, wie vermittelt man es deutschstämmigen Kindern, die in einer vernetzten Globalkultur groß geworden sind? Die Professorin forscht an der Universtät Dortmund seit langem an praktischen Versuchen, Kindern und Jugendlichen unterschiedlichster sozialer, ethnischer und kultureller Herkunft das Kulturerbe ihrer hiesigen Heimat respektive Wahlheimat nahezubringen.

Eine von Barbara Wetzels Maximen lautet: Denkmäler an den Orten, wo wir leben, sind kulturelles Erbe für jeden, der hier lebt. Und sie nimmt theoretisch wie praktisch Bezug auf den Geist der Unesco-Welterbekonvention. Danach ist Vielfalt ausdrücklich erwünscht und werden sämtliche Welterbestätten auf diesem Planeten nicht als gruppenspezifisches Eigentum betrachtet, sondern als Kulturerbe der menschlichen Allgemeinheit. Interessanterweise, so berichtet sie, ist dieser Blick gemischten Kindergruppen unterschiedlicher Herkünfte sehr gut zu vermitteln. Mehr noch: Da die Kinder beispielsweise einen besuchten Dom, ein Schloss oder einen Barockgarten aus verschiedenen Kulturperspektiven deuten, wird die gemeinsame Erkundung solcher Kulturdenkmäler zu einem spannenden, Brücken schlagenden, auch integrativen Prozess. Der Dom etwa wird bald nicht mehr verstanden als bloß christliche Gebetsstätte, sondern als zugleich säkulares Kunstwerk und Kulturerbe aller hier lebenden Menschen, ja überhaupt aller Menschen. Diese Erfahrung ist als Wertemaßstab auch übertragbar auf zahllose religiös, politisch, ethnisch, national vorgeprägte Welterbestätten rund um den Globus.

Die Dauerkrise: Verlärmung des Welterbes

Die Tagung auf der Festung Ehrenbreitstein schließt mit einem der schwierigsten und ärgerlichsten Aspekte rund um das Obere Mittelrheintal: der Verkehrslage. Zuerst referiert der Verbandsdirektor Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Nord, Thomas Müller, über die Situation der Nahverkehrszüge auf beiden Rheinseiten. Die Zugtaktung scheint mit 60 Minuten, teils sogar 30 Minuten gar nicht so schlecht. An weitere Verdichtungen sei gedacht; auch die Stärkung einiger Busverbindungen vom Rheintal hinauf auf die Höhen stellt Müller in Aussicht.

Als letzter Referent gibt auch der bekannte Trierer Verkehrs- und Raumentwicklungsexperte Heiner Monheim der Zugtaktung im Tal keine allzu schlechten Noten. Mit fast allen übrigen Verkehrsaspekten ggeht er allerdings gehörig ins Gericht. Er resümiert noch einmal, dass sich ausgerechnet hier im Welterbegebiet auf engstem Raum die höchste Dichte an Bundesverkehrswegen drängt: zwei Bundesstraßen, zwei stark befahrene Schienenstränge der europäischen Nord-Süd-Achse, zudem die Bundeswasserstraße Rhein. Alle drei sind wesentliche Ursache der schier unerträglichen Verlärmung des Tales, die manche Anstrengung zu dessen Entwicklung schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Deshalb und auch im Hinblick auf die Buga 2029 hält Monhaupt herzlich wenig davon, sich in Sachen Lärm jetzt auf die Diskussion um den Bau einer alternativen Schienentrasse außerhalb des Tals zu kaprizieren. Selbst wenn es dafür vom Bund irgendwann vielleicht eine Zustimmung gäbe, würde dieses Projekt überhaupt erst in einigen bis etlichen Jahrzehnten wirksam werden können.

Forderung nach niederschwelligen Sofortmaßnahmen

Der Trierer Professor plädiert stattdessen für einfach machbare niederschwellige Sofortmaßnahmen, „die nur ein paar Millionen Euro kosten würden“. Er schlägt bauchhohe Lärmschutzmauern überall dort vor, wo übermannshohe Lärmschutzwände wegen der Nähe zwischen Orten und Schiene nicht möglich sind. Er fordert Gummipuffer unter den Schienen zur Dämpfung des Schwingungslärms. Und er schlägt vor, die Fahrtgeschwindigkeit der Güterzüge spürbar zu reduzieren. „Das ist für die Wirtschaft, die Rohstoffe und Produkte per Bahn transportieren lässt, kein großes Problem“, so Monhaupt. „Die Wirtschaft braucht vor allem Planungssicherheit, will wissen und garantiert haben, wann ihre Güter am Ziel ankommen. Die Transportgeschwindigkeit selbst spielt dabei keine Hauptrolle.“ Auch für die Ortsdurchfahrten der beiden Bundesstraßen hält der Verkehrsexperte eine Tempolimit bei 30 Km/h für sinnvoll.

Doch auch jenseits des Lärmthemas sieht er reichlich Handlungsbedarf. An beiden Stromufern verlaufen europäische Radwanderwege, doch eine nennenswerte Radwander-Infrastruktur gibt es dort nicht: keinen Verleihservice, keine Reparaturstationen, keine sicheren und angenehmen Radabstellplätze etwa an den Bahnhöfen und sowieso kaum radtaugliche Abstecherwege zu den Burgen. Eine andere Krux des Oberen Mittelrheintales gelte es zu entschärfen: Die Trennung vieler Orte vom Rheinufer durch Bundesstraße und Gleisanlage. Denn wo will der Besucher, Urlauber, Tourist im Rheintal auf jeden Fall hin? An den Rhein eben. Doch mancherorts ist das ein umständliches, schwieriges, bisweilen gefährliches Unterfangen. Weshalb Monhaupt darauf drängt, bis zur Buga mindestens 20 neue, lichte, freundliche Fußgängerbrücken von den Ortslagen zum Flussufer zu bauen. Und eine weitere Trennung ist dem Mobilitätsfachmann ein Dorn im Augen: diejenige zwischen Ortszentren im Tal und quasi abgeschnittenen Ortsteilen auf der Höhe. Da bräuchte es ein paar intelligente Lösungen.

Vorträge und Diskussionen vom Morgen bis zum frühen Abend haben auf dieser Tagung zwar keine fertige Blaupause für den künftigen Umgang mit dem Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal erbracht. Doch Ideen, Denkanregungen, Handlungsvorschläge gab es zuhauf. Die gilt es nun weiter zu spinnen, zu erörtern, abzuwägen und auch recht zügig auf Praxistauglichkeit zu prüfen. Denn wie gesagt: Die Deadline steht – 2029. Und das ist schon bald.

Andreas Pecht

 

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