Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Die #metoo-Bewegung finde ich gut

Wer von #metoo noch nicht gehört hat: > Hier eine Erklärung mit Beispielen

ape. Diese aktuelle #metoo-Bewegung finde ich gut – auch wenn ich über die Jahrzehnte sehr viele Frauen getroffen habe, bei denen Mannsversuche verbaler oder gar händischer Übergriffigkeit keinesfalls ungestraft blieben. Aber es kann ja selbst im Falle solch starker Frauen nicht sein, dass sie in permanenter Bereitschaft leben müssen, sich zu wehren oder zurückzuschlagen. Da chauvenistische Übergriffigkeit, wie #metoo zeigt, leider und unerträglicherweise offenkundig anhaltend ein Massenphänomen ist, bleibt wohl gerade auf Männerseite noch einiges zu tun.

Den Einwand, da werde jetzt das Kind mit dem Bade ausgeschüttet oder gar das Flirten unmöglich gemacht, kann ich nicht gelten lassen. Noch weniger das Gejammer, Mann dürfe ja nun gar nichts mehr und stehe ratlos in einer sogar geschlechtlich überkompliziert werdenden Welt. Gewiss, die Sache wird schwieriger – für all jene, die Frauen nur für Burgen halten, die „erobert“, „erstürmt“, „genommen“, „geschleift“, „flachgelegt“ werden müssten; für all jene, die – bewusst oder unbewusst – Frauen als jene Hälfte der Menschheit betrachten, die der anderen Hälfte vom lieben Gott als dienstbarer Geist und frei verfügbarer Leib zur Seite gestellt seien.

Das Genöhle über die „neue Verunsicherung“ des armen Mannes wird in dem Moment belanglos, da man(n) sich vor Augen hält, wie schwierig, mühsam, anstrengend es seit Jahrhunderten für Frauen ist, sich gegen die Anmaßungen und Verwundungen durch das „starke Geschlecht“ zu behaupten. Nein, das Flirten wird jetzt nicht verboten, sondern nur das Verletzen geächtet. Wer nicht begreifen will, dass der Flirt heutzutage ein wunderbares Spiel gleichberechtigter Menschen auf gleicher Augenhöhe und in Respekt voreinander sein kann, der sollte nicht greinen, wenn er am Pranger landet.

Ja, die Natur hat dem Mann einen heftigen Trieb eingepflanzt: Schon das äußere Bild der Frau entzückt ihn, lockt ihn, zieht ihn magisch an. Doch wie mannhaft der Mann ist, erweist sich dadurch, wie gut er den Trieb zu zivilisieren und zu kultivieren weiß. Und ein wie wertvoller Mensch der Mann ist, erweist sich in der Wertschätzung, die er der Frau als ebenbürtigem Menschen von völlig gleichem Recht auf Würde, Unverletzlichkeit, Respekt und Eigenständigkeit entgegen bringt. Dies als Grundsatz angenommen, können die Beziehungen der Geschlechter – die in jedem Einzelfall völlg verschieden sind – leichter, interessanter, anregender, unverkrampfter werden: für beide Seiten.

Andreas Pecht

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Nachtrag am 28.10.2017:

Es wird jetzt der Ruf laut nach neuen gesetzlichen Regelungen wider sexistische Übergriffigkeit. Man kann das überlegen, vielleicht wäre es im einen oder anderen Bereich sinnvoll bzw. hilfreich. Nach meinem Dafürhalten ist das derzeit hierzulande aber nicht der entscheidende Punkt.

Man mag sich das der Einfachheit halber wünschen, aber es lassen sich über Jahrhunderte des Patriarchats gewachsene Unkultur-Praktiken nunmal kaum mit ein paar formalen Federstrichen aus der Welt schaffen. Dazu bedarf es vielmehr einer Art Kulturrevolution der Geschlechterbeziehung, eines gesellschaftlichen Prozesses hin zur allgemeinen Ächtung sexistischer Übergriffigkeit in Wort und Tat. (Dass männliche Macht-, Dominanz- und Privilegstrukturen in Wirtschaft, Politik und öffentlichem Leben aufgebrochen und zerbrochen werden müssen, habe ich nicht eigens thematisiert, weil: Den Kampf darum betrachte ich als Selbstverständlichkeit.)

Und dies noch, das auch ich über die Jahrzehnte erst lernen musste und alle Tage wieder bedenken muss: Jede Frau hat das Recht, ihre ganz eigenen individuellen Grenzen zu ziehen. Die können obendrein in jedem Einzelfall gegenüber verschiedenen Männern auch noch völlig unterschiedlich verlaufen. Im einen Fall erlauben Vertrautheit, Vertrauen, Freundschaft, Nähe, wechselseitige Zuneigung Umarmungen, Küsschen, geziemendes Anfassen oder sogar mal verspielt frivole Bemerkungen. Im anderen Fall verletzt dies, das oder jenes einige bzw. alle Grenzlinien.

Gewiss, es ist nicht immer einfach, herauszufinden, was, wann bei wem gilt. Aber: Selbst chauvenistische Dickhäuter könnten – wenn sie mannhaft genug wären, es zu wollen – Distanzverhalten, abwehrende Blicke und Gesten, missbilligende Bemerkungen als das verstehen, was sie sind: ein NEIN. Und nein heißt nein – ist das genaue Gegenteil von Ja.

ape

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