Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Luther und Hendrix treffen sich im Kultursommer Rheinland-Pfalz

ape. Ja, was soll das denn? In einem ollen Hippie-Bully sitzen Martin Luther und Jimi Hendrix beisammen. Der Glaubensreformator lenkt, der Rockrevolutionär denkt. Beide schauen uns über Zeitalter hinweg durch die Frontscheibe an, als wollten sie fragen: Was treibt ihr denn da? Geht’s noch?! Dies eigenwillige Bildmotiv ziert die Titelseite der Programmbroschüre fürs Eröffnungswochenende des  Kultursommers Rheinland-Pfalz 2017 vom 5. bis 7. Mai.

Traditionell ist jedes Jahr eine andere Stadt Austragungsort der als vielgestaltiges Kulturfest angelegten Starttage zum landesweiten Festivalreigen. Im heuer 26. Jahrgang des KuSo fiel die Wahl nicht zufällig auf Bad Kreuznach mitsamt Bad Münster am Stein-Ebernburg. Womit wir schon bei Luther wären und der Reformation. Derer wird 2017 allüberall gedacht, weil vor 500 Jahren der abtrünnige Mönch seine 95 Thesen ans Portal der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hatte. Warum dann Start des Landesfestivals in Kreuznach, wo der Oberreformator nie war, statt in Worms, wo er dem Kaiser die glaubensfeste Stirn bot mit den Worten: „Hier stehe ich und kann nicht anders”? Das hat er zwar ebenso wenig gesagt wie die Kirchentür in Wittenberg durch wildes Plakatieren verunziert, aber Geschichte braucht halt knackige Episoden zur eingängigen Kennzeichnung ihrer Epochen.

So lautet denn auch das Motto des aktuellen Kultursommers Rheinland-Pfalz „Epochen und Episoden”. Luther und das Reformationsjubiläum werden musikalisch, theatralisch, literarisch und diskursiv bei etlichen der gut 200 Veranstaltungen aufgegriffen, die sich zwischen Mai und Oktober vom Oberwesterwald bis in die Südpfalz unter der KuSo-Dachmarke einfinden und von der Förderung aus dem vier Millionen Euro schweren KuSo-Budget profitieren. Doch zurück zur Frage, warum Saisonstart an Nahe? Weil der seinerzeitige Hausherr der besagten Ebernburg nahe Kreuznach, Ritter Franz von Sickingen, seinen Stammsitz etlichen verfolgten Reformatoren als Schutz- und Diskursdomizil zur Verfügung gestellt hatte. Darunter Ulrich von Hutten, Martin Butzer, Johann Schwebel, Caspar Aquila und andere Querköpfe wider den römischen Katholizismus. Luther war auch eingeladen, schlug sich aber lieber von Worms aus ins Exil auf der fernen Wartburg durch. Überhaupt: Gefeiert wird ja das Reformationsjubiläum und kein runder Luther-Geburtstag. Und wir wollen mal nicht vergessen, dass die Lutheraner nur eine unter zahlreichen protestantischen Strömungen waren und sind.

Weshalb die Reformation in diesem KuSo landauf, landab eine große Rolle spielt, wissen nur nun. Was aber treibt den frommen Luther in einen Blumenkinder-Bus und an die Seite von Hendrix? Das rührt vom Eigensinn des KuSo, sein Jahresmotto stets derart offen zu formulieren, dass allerhand Verschiedenes darunter Platz findet. „Epochen und Episoden” gibt Raum, etwa an jenen „Summer of Love” zu erinnern und anzuknüpfen, in dem vor 50 Jahren die junge Hippie-Bewegung im Zeichen von Peace, Love & Freedom in San Francisco zusammenströmte und das Aufbruchsignal für ein völlig neues Lebensgefühl in die Welt sandte. Als Symbol dafür sitzt neben Luther der Gitarrist Jimi Hendrix – er hatte beim 1967er Monterey-Festival, zwei Jahre vor Woodstock, seinen großen Durchbruch, wie auch The Who oder Janis Joplin. Folglich spielt der Summer of Love beim Auftaktwochenende in Bad Kreuznach eine gewichtige Rolle und taucht –  nicht so häufig wie das Reformations-Thema, aber immer wieder mal – auch bei anderen Einzelveranstaltungen und Festivals quer durchs Land auf.

Am Mittelrhein und drumherum sind es vor allem schon länger etablierte Festivals und Veranstaltungsreihen, die im Zeichen des bunten Kultursommer-Sonnenrades in die Saison 2017 gehen. Zum 16. Mal etwa die Westerwälder Literaturtage – die sich zuletzt mit KuSo-Unterstützung vom eher lokalen Ereignis im Oberwesterwald zur hochkarätig besetzten Flächenreihe gemausert haben. Mit Lesungen und Vorträgen bespielen sie bis Oktober 28 Veranstaltungsorte in den Kreisen Westerwald,  Altenkirchen und Neuwied. Schriftsteller, Gelehrte, Kabarettisten wie Bruno Preisendörfer,  Martin Graf, Willi Winkler, Feridun Zaimoglu, wie Gerd Scobel, Richard David Precht und natürlich Festivalgründer Hanns-Josef Ortheil werden sich auf je eigene Art mit Fragen von Geschichte und Gegenwart befassen. Auf der anderen Rhein-Seite, in der Eifel, tritt ein echter Theater-Veteran des Kultursommers in diesem Jahr unter neuer Leitung, mit neuem Personal und neuen Ansätzen an: die Burgfestspiele Mayen. Gleiches gilt auf musikalischem Feld für eines der ältesten Klassikfestivals in Deutschland: Beim Mosel Musikfestival hat Gründer und Leiter Hermann Lewen nach 32 Jahren den Stab an einen jüngeren Nachfolger, Tobias Scharfenberger, übergeben. Die jetzige Saison haben beide gemeinsam konzipiert, sie trägt mit ihrem Mix aus Kernklassik und launigen Crossover-Elementen noch Lewens Handschrift.

Ohnehin prägen im nördlichen Rheinland-Pfalz vor allem musikalische Events das Gesicht des Kultursommers. Da ist das Mittelrhein Musik Festival. Vor 17 Jahren als Gemeinschaft stiftende Klassikreihe zur Begleitung des Welterbeantrages fürs Obere Mittelrheintal gegründet, hat es sich konzeptionell mehrfach gewandelt, auch manche Krise durchlebt – aber durchgängig jeden Sommer einige der schönsten Örtlichkeiten im Tal mit prominent besetzten, kurzweiligen bis hochinteressanten Veranstaltungen bespielt. Auch dieses Festival steht jetzt unter neuer Leitung; Sonja Kitz hat die Programmverantwortung übernommen für die in eine gGmbH umgewandelte und primär von einem Bürgerfreundeskreis getragene Unternehmung. Da ist ferner das dem Spezialgebiet der hohen Sangeskunst verpflichtete Festival Rheinvokal, seit 13 Jahren gemeinsam veranstaltet von Villa Musica, SWR und beteiligten Kommunen zwischen Bingen und Remagen.

Auf einen weiteren Spezialisten sei das Augenmerk gerichtet: Das Koblenz Guitar-Festival (29.5. bis 5.6.) feiert in diesem Jahr 25. Geburtstag – in heimischen Gefilden oft unterschätzt, erfreut es sich in der internationalen Szene der klassischen Gitarrenkunst mit seinen Meisterkursen und Spitzenkonzerten hohen Ansehens. Daran arbeitet das an der Lahn beheimatete und dort beliebte Festival „Gegen den Strom” noch. Es erweitert sein breites Angebotsspektrum heuer um eine „Piano Academy” unter Leitung des renommierten Pianisten und Klavierpädagogen Lev Natochenny. Von „Horizonte” und Gauklerfestival, von Musiktagen auf Burg Namedy oder dem wieder recht munteren Internationalen Liederfest auf der Waldeck und vielem mehr müsste man noch schreiben. Doch eine Magazin-Seite reicht nicht hin für die allein im nördlichen Rheinland-Pfalz vom Kultursommer geförderten Veranstaltungen. Weshalb abschließend auf die KuSo-Website verwiesen  sei – und Freude für einen prallen Kultursommer gewünscht.

Andreas Pecht

Infos: www.kultursommer.de

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Pressemedium außerhalb dieser website 17. Woche im April 2017)

Archiv chronologisch

Archiv thematisch