Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Eine etwas andere Vision vom Jahr 2035

ape. Wir schreiben das Jahr 2035. Es ist eingetreten, was die Bevölkerungsforscher seit Ende des 20. Jahrhunderts prognostizierten: Die absolute Zahl der Mitbürger im meist versorgungsintensiven Alter zwischen 75 und 90 Lebensjahren hat in Deutschland nie erlebte Höhen erreicht. Denn, erstens, hat sich die durchschnittliche Lebensdauer weiter verlängert. Und, zweitens, ist die Alterskohorte der Babyboomer im Greisenalter angelangt. Sie waren von etwa 1950 bis 1969 – also nach Ende des Kriegs-/Kriegsfolgeelends und bis zur allgemeinen Akzeptierung der Antibabypille – die geburtenstärksten Jahrgänge.

Wir schreiben das Jahr 2035. Nicht im erwarteten Ausmaß eingetreten ist jedoch jene Vergreisung des Landes, die bis Mitte 2015 immer wieder vorhergesagt worden war. Denn der relative Anteil der 75- bis 90-Jährigen an der Bevölkerung Deutschlands stiegt erheblich langsamer an, als damals berechnet. Die Gesamtzahl der Staatsbürger ist angewachsen und das Durchschnittsalter liegt deutlich niedriger als vor 20 Jahren befürchtet. Grund: Die 2015 sprunghaft in die Höhe geschnellte Zuwanderungsrate gerade junger Erwachsener und Kinder hat die Altersstruktur im Land spürbar verändert. Allerdings schauen die Demografen bereits mit Sorge auf 2060 und später, weil sich bereits jetzt, 2035, ein schon 2015 bekanntes, aber wenig beachtetes Phänomen wieder bestätigt: Je besser Zuwanderer integriert werden, umso schneller sinkt ihre Geburtenrate. Teils schon in der zweiten, spätestens in der dritten Generation bekommen sie im Durchschnitt kaum mehr Kinder als „Stammdeutsche”.

Zurück ins Jahr 2015. Wie auch immer sich das aktuelle Flüchtlingsproblem in den kommenden Monaten und Jahren entwickelt, drei Folgen sind bereits absehbar: Deutschland wird sich verändern; es wird ein Einwanderungsland bleiben; und der jetzige Zuwanderungsstrom wird – selbst wenn er mit der Zeit kräftig gebremst würde – einen deutlichen Knick Richtung Verjüngung in der Altersstruktur hinterlassen. Das heißt auch: Sämtliche bisherigen Bevölkerungsprognosen sind hinfällig.

Verlässliche Vorhersagen für die nähere oder fernere Zukunft sind in einem historischen Moment, da sich wesentliche Umfeldbedingungen grundstürzend verändern, sehr schwer bis schier unmöglich. 2015 ist ein solcher Moment. Und wie gravierend die aktuellen Entwicklungen die nächsten Jahrzehnte beeinflussen könnten, mag an folgendem deutlich werden: Genau genommen müssen (und dürfen) wir alle Diskussionen auf allen Feldern, die seit Jahren von schrumpfender und überalternder Bevölkerung ausgingen, noch einmal ganz neu führen. Oder drastisch formuliert: Die neue Dimension der Zuwanderung mag allerhand Probleme mit sich bringen, eines der größten jedoch wird sie beseitigen – der demografische Wandel ist bis auf Weiteres abgesagt; jedenfalls in der bisher angenommenen Form der Bevölkerungsschrumpfung und -überalterung.

Was heißt das praktisch für die Zeit bis 2035? Wir müssen nicht mehr über Rente mit 70 reden, wenn der Wirtschaft absehbar reichlich junge, leistungsstarke, bis dahin gut ausgebildete Nachwuchskräfte zur Verfügung stehen. Der vor allem auf dem Land bereits begonnene Rückbau von Kindergärten und Schulen kann, muss sofort gestoppt werden. Gesundheits- und Versicherungswesen sind auf neue Beine zu stellen. Die Chancen wachsen rapide, dass das Ausbluten der Dörfer aufhört, denn (bezahlbarer) Wohnraum wird jetzt zu einem der meistgefragten Bedarfsgüter.

Auch wenn es derzeit die jungen Einheimischen ebenso in die urbanen Räume zieht wie die jungen Zuwanderer: Die Städte werden so größer, teurer, voller und wahrscheinlich noch hektischer. Mit Familiengründung und Kindern wächst bei beiden vielfach das Bedürfnis nach einem ruhigeren, angenehmeren Lebensumfeld – sofern die Infrastruktur dort stimmt und Arbeitsmöglichkeiten vorhanden oder gut zu erreichen sind. Weshalb es eine der wichtigsten mittelfristigen Aufgaben ist, die Infrastruktur derart zu entwickeln, dass sie das Stadt-Land-Gefälle marginalisiert. Dies zumindest in den Bereichen Kindergärten/Schulen, Kommunikationsvernetzung, Verkehrsanbindung, grundständige Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs und mit Gesundheitsdiensten.

Wir schreiben das Jahr 2035. Das befürchtete Dörfersterben in den Rheinischen Mittelgebirgen ist kein Thema mehr. Ein dichtes Netz von S-Bahnen und Schnellbussen verbindet die Gemeinden mit den Unterzentren und Metropolen; selbst die kleinsten Orte sind per Ruftaxi an dieses Netz angebunden. Es herrscht Leben in Schulen und auf Spielplätzen. Sport- und Gesangsvereine haben wieder kräftig Zuwachs bekommen; es kicken, turnen, singen, feiern nun Menschen mit, die oder deren Eltern aus vieler Herren Länder gekommen sind.

Katholische, protestantische, muslimische und andere Glaubensgemeinden pflegen einen regen Austausch. Die Zunft der Landärzte erlebt einen Aufschwung und vielerorts haben gerade Neubürger Lädchen und kleine Supermärkte eröffnet. Der großen Zahl von betagten Mitbürgern steht auch eine große Zahl von jüngeren und jungen gegenüber; an Personal- oder schierem Menschenmangel können gute Alten-/Pflegeheime und Mehrgenerationen-Quartiere nicht mehr kranken.

Utopia, Illusion, Idylle? Oder ein Ziel, dem anzunähern sich manche Anstrengung lohnt, auch wenn unterwegs vieles schwierig werden und etliches schiefgehen mag? Die theoretischen Alternativen dazu leugnen entweder die moderne Unvermeidlichkeit globaler Wanderbewegungen oder sie sind ausgesprochen unerfreulich.

Andreas Pecht

P.S.
Und um das gleich zu sagen: Der Autor ist sich aller denkbaren Schwierigkeiten und Einwendungen für und gegen die obige Vision bewusst. Da die Gefahren und negativen Aspekte aber derzeit in sämtlichen Medien und allen Gesprächsrunden massenhaft ständig ventiliert werden, hat er sich in diesem Essay mal konzentriert auf einen überaus gewichtigen positiven Aspekte, über den aber fast nirgends gesprochen wird.

 

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