Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Wie ich in Wiesbaden einer Teufelin von der Schippe sprang

ape. Spät in der Nacht versonnen und beglückt vom Auftakt zu einem langen Kulturwochenende zurück. Das wird mich an den Folgetagen noch ins Theater Koblenz zum Ballett „28 Jahreszeiten“ und ins Staatstheater Mainz zu Kafkas „Prozess“ führen. Den Anfang machte soeben das Hessische Staatsballett, das in Wiesbaden seine neue Produktion „Weltenwanderer“ zur Premiere brachte. Beinahe hätte ich dieses Ereignis, womöglich das ganze Wochenende, im schlimmsten Fall den Rest des Lebens verpasst. Zur Erhellung der Gefahrenlage sei folgende kleine Begebenheit berichtet:

Um vom Theaterparkhaus zum Staatstheater Wiesbaden zu gelangen, ist just dort eine Straße zu überqueren, wo eine Seitenstraße in selbige einmündet. Keine glückliche Konstellation, man muss als Fußgänger etwas aufpassen. Was ich mit Sorgfalt tat. Indes, auf halbem Wege hinüber, schoss unversehens eine BMW-Sportcoupe um die Ecke. Ansatzlos springen wie ein junger Hirsch musste ich, um der blindwütigen Raserei so gerade eben zu entkommen. Am Steuer der sportiven Mordmaschine saß eine ältere Dame. Nein, in diesem Fall erlaube ich mir, wohl mit Fug und Recht, das alte und durchaus despektierlich gemeinte Wort Tusnelda (neudeutsch: Tussi) zu gebrauchen.

Tusnelda also stoppte mit quietschenden Reifen ihren Wagen, ließ das Seitenfenster herunter und keifte: „Kannst du nicht aufpassen, Idiot!“ Obwohl in dieser Sekunde erst der Teufelin von der Schippe gesprungen, erwiderte ich zwar mit zitternden Knien, doch tieftönender Gelassenheit in der Stimme: „Gnädige Frau, sie haben mich gewiss für einen Wiesbadener gehalten, bei dem es nicht so darauf ankommt, wie man ihn anspricht oder ob man ihn über den Haufen fährt. Doch muss ich ihnen sagen, dass sie einem Irrtum unterliegen. Ich bin kein Wiesbadener, sondern komme von Koblenz her, um hier das Theater zu besuchen.“ Worauf Tusnelda die Gesichtsbacken aufblies und mir knapp beschied: „Was geht mich das.“ Dann ließ sie das Fenster hochsurren, knüppelte den ersten Gang ein und fuhr mit forschem Gasdruck in jene Richtung davon, wo sie laut Nummernschild daheim ist: MZ.

Andreas Pecht

 

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