Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Shakespeare-Inszenierung mit allerhand klugen Kinkerlitzchen

ape. Mainz. O weh, wieder eine Inszenierung, die Shakespeares Hintergründigkeiten und in raffiniertem Sprachspiel oft versteckten Frivolitäten nur als Vorwand für ausgeflippten, spaßwütigen Übermut missbraucht? Es dauert bei der letzten Schauspielpremiere der Saison am Mainzer Staatstheater nur eine kleine Weile, da hat Claudia Bauers Regiezugriff auf „Antonius und Cleopatra” diese Befürchtung geweckt. Es dauert wieder eine Weile, bis der zwar amüsierte, aber doch mit den Zähnen knirschende Shakespearefreund ins Grübeln gerät – um schlussendlich einzuräumen: Irgendwie hat der ganze Zinnober doch Hand und Fuß.

Das pausenlose Zweistundenspiel beginnt mit sechs Mimen, die sich in Alltags-Outfit und mit Textbüchern zum Vorsprechen aufreihen. Anberaumt ist wohl ein Casting, denn Unsicherheit beherrscht die Gruppe: Wie die aufgegebenen Textpassagen vortragen, mit denen Shakespeare die Cleopatra als verlockendste aller Frauen beschreibt? Die Anwärter bemühen diverse klassische Darstellungsweisen. Die sind persiflierend überzogen, aber doch traditionellem Schauspielerhandwerk noch so nahe, dass jeweils nur ein Kick bis zur Ernsthaftigkeit fehlt.

Allerdings gerät diese Prologszene, wie so manches an diesem Abend, bald aus den Fugen: Die Schwärmerei über das ägyptische Weib der Weiber wird arg und ärger, geil und geiler, bis die Sechs sich die (Ober-)Kleider vom Leibe reißen und in eine Lust-Polonaise stürzen. O weh, was ein Käse, ist man geneigt, zu denken – wäre da nicht das Phänomen, dass sich ins Stöhnen der hitzigen Knuddeltruppe genervtes Aufstöhnen mischt, sobald politische Botschaften aus dem fernen Rom die Dauervereinigung der Cleopatras und Antoniusse stören. Widerwillig nur lässt sich der multiple Feldherr und Triumvir Roms von Kriegspflicht und Politgeschäft vorübergehend aus den lüstlichen Umschlingungen der Pharaonin reißen.

Jeder Mitwirkende schlüpft hier in fast jede Rolle, und manchmal mehrere gleichzeitig in eine einzige. Auch das Programmheft verweigert Zuweisungen. Clemens Dönicke, Lilith Häßle, Antonia Labs, Mathias Lampf, Henner Momann und Anna Steffens spielen mal Männlein, mal Weiblein, bald Feldherrn, bald Soldaten (hier Putzfrauen), eben Diva, dann Politiker. Zwischendurch gilt es, Liz Taylor und Richard Burton als Paar im 1963er Hollywood-Schinken „Kleopatra” sowie als giftig zerstrittene Ehepartner privatim respektive in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf” nachzuäffen. Das wird dann live auf Filmleinwand und TV-Apparat übertragen, genretypische Knutscherei in Großaufnahme inklusive. Das Theater zitiert hier die Zitierung seiner selbst im Film mittels Film auf der Bühne.

Schauspielerisch wird viel verlangt, und reihum auch auf gutem Niveau geboten. Hinsichtlich der Inszenierung springt einen indes immer wieder die Frage an: Was hat diese oder jene mehr oder minder skurrile Szene noch zu tun mit Shakespeares komplexer Verflechtung psychologischer, politischer, militärischer Faktoren zur historisch-menschlichen Tragödie? Das ist das Seltsamste dieses scheinbar durchgeknallten Abends: Unter dem Einfluss längerer Passagen Shakespeare-Text – zwischen allerhand hinzugefügtem Geplapper – sowie zweier immer wieder eingeflüsterter Leitmotive ordnet sich das kurzweilig-bizarre Schäumen zu Sinnhaftigkeit.

„How to become a diva?” lautet das eine Leitmotiv, „How to become a politician?” das andere. Wie wird man zur Diva, wie zum Politiker? Wenn die Mächtigen über Krieg, Frieden, Weltaufteilung und Machtverteilung verhandeln, haben sie grinsgesichtige Meenzer Schwellköpp aufgesetzt und versuchen einander nach Manier der Comedia dell Arte, mit dem Längsten und Dicksten zwischen ihren Beinen auszustechen. Die Divenfrage provoziert Sex, schönen Schein, Hörigkeit, Verrat. In beiden Fällen handelt sich nicht um menschlichen Wert, sondern um Zweckinszenierungen – mit  tödlichem Ausgang. Das zumindest entwickeln die zuhauf als unterhaltsame Kinkerlitzchen verkleideten Anlehnungen und Deutungen Shakespearscher Intentionen durch Claudia Bauer. Sehenswert? Geschmacksache.

Andreas Pecht

 

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