Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Erstaunlich kurzweiliger „Buddenbrook”-Bühnenmarathon

ape. Wiesbaden. Gibt es denn keine echten Theaterstücke mehr? Nach den Bühnenadaptionen des Films  „Das Fest” in Bonn und des Romans „Kopflohn” in Mainz gilt diese Frage nun ebenso dem Staatstheater Wiesbaden. Denn auch dort wurde jetzt statt eines originär für die Bühne geschriebenen Stückes Fremdstoff aufgeführt. Intendant Uwe Eric Laufenberg lud sich  für die erste eigene Sprechtheater-Inszenierung an seiner neuen Wirkungsstätte ein richtiges Superschwergewicht aus der Leseabteilung auf: Thomas Manns Roman „Buddenbrooks”.

Der in Sachen Textbearbeitung hoch geschätzte John von Düffel hatte dem literarischen 800-Seiten-Giganten schon vor etlichen Jahren eine Dramatisierung abgerungen. Die wurde seither an einigen Theatern gespielt, obwohl auch diese kräftig reduzierte Fassung noch ein arger Brocken ist. Was passionierte Wagnerianer achselzuckend quittieren, das wird dem gemeinen Schauspielfreund in den engen Sitzreihen des Kleinen Hauses zur ungewohnten Herausforderung: Aufführungsdauer mehr als vier Stunden.

Doch fühlt sich der Abend so entsetzlich lang gar nicht an. Was als gutes Zeichen gelten darf; desgleichen der Umstand, dass das Premierenpublikum bis zum Ende gespannt folgt, schließlich zehn Minuten enthusiastischen Beifall dranhängt. Offenkundig stört sich niemand an einer spartanischen Einheitsbühne aus großem Esstisch mit beigestelltem Sekretär in einem ansonsten leeren Salon (Ausstattung: Susanne Füller). Niemand stört sich an der aktionsarmen, in konservativer Strenge gespielten, schier betulichen Abwicklung einiger Zentralkomponenten aus dem Leben der großbürgerlichen Kaufmannsfamilie Buddenbrook. Und es stört keinen, dass das und nur das vorgeführt wird – bis zu den Kostümen hin getreulich als Abbild der Romanzeit (mittleres 19. Jahrhundert).

Laufenberg vertraut ganz auf die überzeitliche Bedeutsamkeit der Story, auf die fein nuancierte Darstellung der Charaktere. Er baut nicht zuletzt auf den enormen Sog, den Thomas Manns altbackene, gleichwohl kristallklare, wunderbar treffende Sprache entfaltet. Die wird vom elf-köpfigen Ensemble sorgsam gepflegt, bekommt Luft, Raum, Zeit, Ruhe zur Entfaltung. Text so zu hören, ist fast wie ihn zu lesen – und das szenische Spiel wird einem beinahe zum bloßen Hilfsimpuls fürs eigene Kopfkino. Aber braucht es den überhaupt? Eigentlich nicht, bei so guter Literatur.

Es dabei zu belassen, wäre freilich ungerecht gegenüber den Schauspielern. Was sie hier in filigran ausgearbeiteter Gediegenheit bieten, ist per se ein Genuss. Im ersten Teil beschränkt sich die Theaterfassung auf die späten Jahre unter Ägide des Konsuls Buddenbrook und die Affäre Grünlich, im zweiten konzentriert sie sich auf die Geschwisterkonflikte der drei erwachsenen Kinder. Dem Wesen des Mann’schen Romans gemäß, zeigt das Spiel die psychologischen Entwicklungen der Protagonisten als Ergebnis in dieser Gesellschaftsklasse völlig selbstverständlicher Verzahnung von Menschlichem und Geschäftlichem.

Uwe Kraus lässt seinen Grünlich um die Hand und Mitgift Tonys werben in einer Mischung aus weinerlicher-penetranter Geckenhaftigkeit und kalter Berechnung. Für Bernd Ripkens strengen, einsamen, in sich gekehrten, gleichwohl stets auf Anstand und Benimm, Sachlichkeit und freundlichen Umgang bedachten Konsul ist die Verheiratung der Tochter primär unter dem geschäftlichen Aspekt der „guten Partie” zu kalkulieren.

Zu den Barvourstücken des Abends gehört, wie Janina Schauer ihre Tony wandelt vom lebenlustigen, eigensinnigen Mädchen zur erst statussüchtigen Gattin, dann überspannt frustrierten Geschiedenen. Ähnlich hochkarätig fallen die so unterschiedlichen Brüder aus. Hier Thomas, Nachfolger des Konsuls an Firmen- und Familienspitze: bei Janning Kahnert ein in stoischer Verbissenheit auf Arbeitsdisziplin und Kapitalertrag als Lebenssinn fixierter Mann. Dort Christian, dessen Untüchtigkeit, Gefühligkeit, Hypochondrie Stefan Graf als hinreißend tragikomischen Melange des Allzumenschlichen gibt.
 
Was also ist von den „Buddenbrooks” auf der Bühne zu halten? Uns hat der Wiesbadener Happen gemundet. Gleichwohl blieb es ein nur nachgekochter Happen – der allerdings Appetit macht auf das ganze Originalmenü: die Romanlektüre.

Andreas Pecht

 

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