Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Wohlverdienter Ruhestand

Bei den älteren Bekannten meiner Alterskohorte  (= Nachkriegsgeborene bis 1955) häufen sich  Renteneintritte oder die Vorfreude darauf. Fast alle sind zu früh, gehen vor Erreichen des 65. Lebensjahres in Ruhestand. Einige nutzen Altersteilzeitmodelle. Andere werden von Ärzten vorfristig zur Ruhe gesetzt. Wieder andere mobilisieren Ersparnisse oder nehmen gehörige Rentenabschläge in Kauf, um ja bald der Tretmühle zu entfliehen. Allesamt machen sie drei Kreuze, dass ihnen die Rente mit 67 erspart bleibt.

Als 1955er gehöre ich selbst schon zu denen, die über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten müssten, um Vollrente zu beziehen. Sieben Monate länger, bis am 21. Juli 2021 meine reguläre Arbeitspflicht endet. Das wären noch beinahe elf Jahre Volllast. Wenn ich bisweilen so in mich horche, wächst das Verständnis für jene Bekannten, die in wesentlich unschöneren Berufen ihr Pensum nicht bis zur gesetzlichen Neige erfüllen wollen oder können. Darunter keiner, der sich in die Schubladen Faulenzer, Arbeitsscheuer, Sozialschmarotzer sortieren ließe. Malocht haben alle, ob an der Werkbank oder im Büro, ob mit Kindern oder bei der Altenpflege, ob als Lohnabhängiger oder Selbstständiger.

Reihum gestandene Arbeitsleut‘, die während 35 bis 40 Dienstjahren erlebt haben, wie die Arbeitswelt sich veränderte. Die erfahren mussten, wie das ewige Mehr-Schneller-Billiger an ihren Kräften und Nerven zerrte, sie zusehends auslutschte, ermüdete, verschliss. Erfahrene Arbeitsleut‘, die über den Unfug mancher Rationalisierungsmaßnahme nassforscher Manager nur den Kopf schütteln konnten. Stolze Arbeitsleut‘, die das Kotzen kriegten, als sie zuletzt die eigene Erfahrung in Planungen für Produktionssteigerung bei gleichzeitigem Stellenabbau einbringen sollten.

Freund Walter glotzt. Tut er immer, wenn er verunsichert ist. „Aber die Menschen werden älter, Kinder gibt’s weniger, da muss doch länger gearbeitet werden. Wer soll  die Renten sonst finanzieren?“ Ach Walter, dass selbst du auf diese Masche hereinfällst! Es ist nicht blinder Egoismus, der fast drei Viertel der Leute im Land gegen die Rente mit 67 einnimmt, sondern Gerechtigkeitsgefühl. Dass die Menschen länger leben, ist sowenig ein Himmelsgeschenk wie die Rente unverdienter Luxus. Beides ist Ergebnis der Anstrengung von Arbeitern, Angestellten, Bauern, Lehrern, Wissenschaftlern… Und was die Rentenfinanzierung angeht: Ein Arbeiter produziert heute zehn Mal mehr Güter als sein Vater, ein Bauer das Tausendfache an Lebensmitteln im Vergleich zum Großvater. Die Geburtenrate hat sich derweil nicht mal halbiert, die Lebenserwartung nicht mal um ein Fünftel zugenommen. Wohin, zur Hölle, verschwindet all der fleißig erarbeitete Mehrwert? Wer verpulvert ihn wofür?

Erinnere dich, Walter, was wir über den ureigentlichen Zweck von Arbeit und Wirtschaft sagten: Lebensgrundlage sichern, Lebensumstände verbessern UND mehr Lebenszeit gewinnen, die der Mensch in Glück investieren kann, statt sie für Arbeitsfron verausgaben zu MÜSSEN. Heute sind wir so produktiv wie nie; viele spüren das am eigenen Leib lange bevor der Ruhestand greifbar wird. Und was passiert nun? Man will die Leute auch noch um die Früchte der von ihnen gestämmten Produktivitätszuwächse prellen, indem ihnen zwei Jahre frei verfügbare Lebenszeit gestohlen werden. Der Fortschritt ist die Mühen nicht wert, der einem Qualitäten nimmt, die gestern noch selbstverständlich waren: etwa wohlverdienten Ruhestand zur rechten Zeit.

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