Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Frühlingsgefühle

Im fortgeschrittenen Alter von 45 ist Freund Walter „Großgrundbesitzer“ geworden. Das hört er nicht gerne. Aber wer bis dato gar kein Land sein Eigen nannte, der muss sich nach überraschendem Erwerb einer bald Handballfeld-großen Scholle sowas gefallen lassen. Da kutschiert er mich neulich auf verwinkelten Pfaden an die Mosel, hoch über den Fluss, wo der Weinbau endet, in Obst- und Ackerbau oder Wald übergeht. Dort präsentiert er mir eine steile, verwilderter Brache. „Mein Land!“, brummt er stolz. „Du hast sie nicht mehr alle!“, brumme ich zurück – angesichts  verwachsener Kirschbäume nebst von Dornengestrüpp überwucherten Reben.

Walter bekam 2011 einen kleinen Sparvertrag ausgezahlt. Was machen mit dem Geld? In Wedel-Technik, Internet-gesteuerte Klodeckelheizung oder in ein sprechendes und selbstparkendes Auto stecken? Dafür war ihm das Sauerverdiente zu schade. Im Schein der März-Sonne keimte dann wohl die Idee: Ein Stück Natur wär nicht schlecht. Also handelte er einem alten Moselaner für den Wert eines halben Kleinwagens besagten Flecken ab. Nun hat der Freund aber nicht die geringste Ahnung von landwirtschaftlichem Tuten und Blasen. Bislang war er Städter aus Überzeugung, kennt Trauben und Kirschen vor allem als geistvolle Getränke. Kaum dass er in der Jugend ein motorisiertes Zweirad fahren konnte – später auch durfte –, hatte er sich vom elterlichen Acker gemacht: Raus aus dem Dorf und dorthin, „wo nicht bei Anbruch der Dunkelheit die Bordsteine hochgeklappt werden“.

„Die Käffer da draußen sind so verpennt“,  meinte er, „man könnte zwischen Tagesthemen und Mitternacht nackt durch die Straßen laufen, ohne dass es einer merkt.“ Ganz falsch, mein Lieber. Würdest du zu Beginn der Tagesthemen nackt losspazieren, wären die ästhetischen Qualitäten deiner Rück- und Vorderfront nebst Anhängseln Gesprächsthema in jeder Dorfstube noch bevor Claudia Kleinert zum Wetterbericht anhebt. Immerhin kannst du auf dem Dorf nachts hüllenlos durch die Straßen gehen, während man dich in der Stadt sogleich verhaftet. Wenn bei Karl Marx irgendwas überholt ist, dann sein Urteil von der „Idiotie des Landlebens“.

Was aber treibt meinen Stadt-Walter jetzt aufs Feld? Er selbst brabbelt etwas daher wie: „Ein Mann muss Kinder zeugen, ein Haus bauen, einen eigenen Acker bestellen, bevor er stirbt.“ Ach du heiliger Bimbam! Derartiges kann nur Torschlusspanik in Kombination mit Frühlingsgefühlen hervorbringen. Hätte er gesagt, er bräuchte einen naturnahen Rückzugsraum, in dem er ruhen oder sich nach Manier der Altvorderen verausgaben kann, man würd’s verstehen. Denn die Zeiten sind danach, dass vorfristig auszubrennen droht, wer nicht bisweilen in einer aus der Zeit gefallenen Trutzburg Zuflucht nimmt.

In des Freundes Fall hilft nur: Lasst ihn hacken, wühlen, jäten, schneiden, auf dass ihm der Schweiß in der Hose kocht. Vier Wochen später wird sich das aus den unbewussten Tiefen des Stadtmenschen hervorgebrochene Bauernerbe gewiss ausgetobt haben. Dann seht ihr uns wieder gemeinsam im Straßencafé sitzen  – mit allem Anstand den Anblick der von Mänteln, Mützen, Schals befreiten Schönheiten genießend. Und solltet ihr uns mal nicht sehen, hocken wir womöglich beseelt von Wein- und Kirschgeistern in Walters unvollkommen kultiviertem Grünstück und schauen versonnen übers Moselland. Natur hier, Natur dort: Natur muss sein, gerade im Frühling.            

 

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