Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Im Wartestand

Beruhigt sind nun die unlängst noch zittrigen Nerven. Über die Plätze trottet wieder der Alltag, zieht wie eh ums zugige Eck. Wo ein noch winterschwächlicher Sonnenstrahl hinfällt, steht auch schon ein Tischlein draußen. Dran sitzt gleich er, der Mittelrheiner –  tut, was er so gut kann, weil er´s so lange geübt: warten. Jetzt eben harrt er des frühen Sommers. Blaunasig zwar, aber mit gelassenem Trotz beschwört er die Geister Arkadiens, träumt fröstelnd von den Freuden lauer Nächte unterm Sternenzelt: Möge doch auch in Germanien die gastronomische Freiluftsaison künftighin gleich nach Aschermittwoch beginnen und frühestens zum Advent enden. Schließlich liegt das Liebesnest von Rhenus und Mosella auf der römischen Seite des Limes, ergo ist Koblenz ein Teil von Bella Italia.  

Zittrige Nerven, hier? Ja wenn mitten in der Hellolaaf-Session flugs die Büttenreden  umgeschrieben werden mussten, kann selbst der Mittelrheiner die Contenance verlieren. Gerade noch im schon Jahre währenden Wartestand, hingegeben dem  gemächlichen Disput über „kommt sie oder kommt sie nicht“, griff plötzlich tumultuarische Beunruhigung  um sich. Es war, als habe IKEA die seit unendlichen Zeiten erwartete Eröffnung seiner Mittelrhein-Filiale just für den nächsten Tag angekündigt. Das allseits anhebende Bitten, Rufen, Tremolieren galt indes BUGA, nicht IKEA. Hervorbrechend aus bis dahin verborgenen Kammern flammenden Verzehrens schmachtete es:  „Sie muss kommen!“, „Wir wollen sie haben!“, „Wir brauchen sie!“. Die Präsidenten sämtlich von Industrie, Handwerk, Handel sowie all die mehr oder minder potenten Liebhaber der Dame Confluentia vereinten sich zur Manifestation „Pro Bundesgartenschau“. Dem mochte der Hohe Rat sich nicht verweigern: Die Stadt ist nunmehr also eine betroffene – das Volk erwartet die Mobilmachung.

Gleich auch noch Rumores auf der Dauerbaustelle namens „Der Fleck muss weg!“ im Stadtzentrum. Junge Architekten zeigten, wie sie sich die Beseitigung des alten Problems „Zentralplatz & Co.“ vorstellen. Endlich mal was zum Anfassen: Groß gedachte, mutig-futuristische Entwürfe, die die Wartezeit auf irgendeine Schlussendlichkeit mit einem herrlichen Geschmacksstreit über urbane Bauästhetik versüßen helfen. Das ist allemal interessanter als die ewigen Gerüchte über willige, sich zierende, abspringende oder vorfristig bankrott gegangene  Investoren. Bleibt allerdings eine Frage: Was eigentlich haben die Nachwuchsarchitekten da kreiert?  Mag sein Denkmäler. Denn weder sie noch sonst jemand wissen bislang, ob der Kulturpalast in spe Opernhaus, Museum, Bibliothek, Konzertsaal, Forum oder  Kombination aus diesem mit jenem und noch anderem werden soll. Das irritiert den Mittelrheiner, weswegen er sich nach anfänglicher Euphorie alsbald wieder in die Geborgenheit des Wartens begibt: Wird irgendwann erstmal Richtfest gefeiert, findet sich sicher auch ein Nutzungskonzept.

Gut Ding will Weile haben, und Geduld ist eine Tugend. So wartet der klassisch interessierte Hiesige noch immer auf einen neuen Koblenzer Generalmusikdirektor. Das verbindet ihn ausnahmsweise mit seinem ansonsten eher ungeliebten Nachbarn, dem Mainzer, der seinerseits auf einen neuen Intendanten für das dortige Staatstheater wartet. Beide mühen sich, der jeweiligen Findungskommission Erhellendes abzuringen. Vergeblich, denn solche Kommissionen sind quasi geheimdienstliche Einsatzkommandos der Kulturszene. Die Arbeit des Gremiums bleibt Verschlusssache – selbst nach der Verkündung letztinstanzlicher Entscheide, irgendwann.

Noch immer „ergebnisoffen“ ist auch der Wandel infolge Orchesterreform, den manche Zungen nach wie vor „Schrumpfung“ schimpfen. Bleiben 66 oder doch nur 60 Musiker? So recht weiß das auch bis auf Weiteres niemand. Gleichwohl haben die Mainzer ihre Orchesterstiftung schon mal auf den Weg gebracht; in Koblenz lässt man sich damit etwas mehr Zeit. Wie gesagt: Gut Ding will… Umso gespannter sieht der Mittelrheiner dem Wettbewerb der beiden Rheintalfestivals entgegen: MMM gegen das neue Rhein-Vokal. Man tut sich nichts, sagen beide. Abwarten, sagt der Einheimische. Denn er hat während all seiner Wartezeiten schon manche gute Absicht kommen und hernach rheinabwärts wieder davonschwimmen sehen.

So in der ersten Frühlingssonne sitzend und trotz kalter Füße doch von ersten Frühlingsgefühlen angewandelt, muss der Mittelrheiner lächeln über die eigenen aufgeregten Bocksprünge während der vergangenen Session: Für einen Moment hatte er vergessen, dass zwischen Ideen, Plänen, Beschlüssen und Umsetzungen hier zu Lande stets ein gewichtiges  Traditionsgut liegt – der mittelrheinische Wartestand.

 

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