Quergedanken

Monatskolumne "Quergedanken" 186

Ich hatte überlegt, mal wieder ein nettes Textchen über was Schönes zu schreiben; schließlich wird auch in Corona-Zeiten noch genossen, gelacht, gelebt, geliebt. Also etwa über die mir jüngst ins Auge gestochene „neue“ Hosenmode für Girlies und Ladies. Da wird wohl gerade die 4/5-Stretchjeans abgelöst, die mich in ihrer ästhetischen Wirkung die letzten Jahre über stets erfreute. Es verbreiten sich nun locker, luftig fallende Beinkleider im angedeuteten Matrosenschnitt. Ebenfalls in 4/5 Länge gehalten (also mit etwas „Hochwasser“), ist auch dieses Outfit gefällig anzuschauen, denn: In solcher Bux swingt der Trägerin Gang, tänzelt schier, strahlt selbstbewusste Leichtigkeit aus.

Dann allerdings fiel mir ein: Kurz nach Erscheinen unseres Magazins würde US-Amerika seinen Präsidenten wählen. Und das wiederum ist diesmal derart ernst, dass Geschreibsel über modisches Tanderadei fehl am Platze sein möcht‘. Immerhin entscheiden die Bürger der (noch) gewichtigsten Militär- und Wirtschaftsmacht auf Erden, ob ihr Land eine halbwegs ordentliche Demokratie bleibt,  mit zumindest einer vagen Chance auf weniger Rassismus, etwas mehr Sozialstaatlichkeit und ökologische Verantwortung. Oder ob weiter ein Lügenbaron auf dem Thron hockt, der Gott für einen weißen Amerikaner hält, Frauen, Schwarze, Latinos für dienstbares Zubehör,  Angela Merkel für eine Kommunistin und US-Kohle für das gesündeste aller Lebensmittel. Einen, der die USA  nach eigenem Bild umformen will und regieren nach dem Muster „der Staat bin ich“.

Doch just beim Schreiben dieser Zeilen Mitte Oktober werden die Einschläge der Corona-Seuche  ringsumher rasch zahlreicher, wuchtiger und rücken näher. Also dachte ich: Das mag den Leuten hier mehr auf den Nägeln brennen als selbst das Drama jenseits des großen Teiches (dessen Ausgang, sollte der „großartigste Präsident aller Zeiten“ im Amt bleiben, auch uns teuer zu stehen kommen könnte).

Es wurden jüngst neue Grundrechenarten entwickelt: die Attila-Naidoo-Maximierung und die Schwurbelminimierung. Bei deren Anwendung stellen sich 25 000 Demonstranten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen als 1,2 Millionen heraus oder reduzieren sich 210 000 Corona-Tote in den USA auf 12 000. Allerdings sind diese Rechenarten selbst bei einschlägigen Rechenkünstlern perdu, sobald ein schwerer Covid19-Verlauf sie selbst oder jemand aus ihrer nächsten Umgebung niederwirft. Gleiches gilt für alle, die aus dem bis eben gemäßigten Verlauf der Epidemie hierzulande den Schluss ziehen: Das Virus denke deutschlandfreundlich, werde auf deutschem Boden ganz harmlos. Liebe Leut‘, das Virus denkt gar nicht; es ist wie es ist und reagiert stets nur auf die Bedingungen, die wir ihm bieten. Sind diese günstig – wegen konfuser Schutzmaßnahmen und/oder weil sich zu viele Zeitgenossen gedankenlos oder mutwillig nicht an die AHAL-Regeln halten – langt Sars-CoV-2 überall schnell und kräftig zu.

Seit Monaten erleben wir in Politik und Gesellschaft lebhaften Streit, was wo wie wann an Eindämmungsmaßnahmen gegen die Seuche sinnvoll, vertretbar, angemessen, notwendig oder eher kontraproduktiv sei. Das geht in Ordnung, solange es sich um Dispute über den bestmöglichen Seuchenschutz handelt. Das geht nicht mehr in Ordnung, wenn das Gefahrenpotenzial der Epidemie bloß klein- oder gar weggeredet werden soll – bis irrwitziger Weise nicht mehr die Seuche, sondern der Seuchenschutz als Hauptfeind gilt.

Monatskolumne "Quergedanken" 185

Städter sind bisweilen blind für die Phänomene der regionalen Natur. Wiese ist für sie nur Wiese, Acker Acker, Wald Wald. Vom Getier erfreuen sie die Vögel, ihr Verhältnis zu Insekten ist gespalten und Wildschweine machen ihnen vom bloßen Hörensagen schon Angst – auch wenn sie nie mit freien Schwarzkitteln konfrontiert wurden/werden. Freund Walter ist so ein blinder Stadtmensch. Ihn muss man beim Spaziergang durch Wald und Flur stets mit der Nase aufs Interessante stoßen, von alleine bemerkt er herzlich wenig.

Bei seiner jüngsten Fahrt von Koblenz zu mir herauf in den Westerwald fiel ihm indes alles aus dem Gesicht. Denn selbst der großstädtische Naturblinde kann DAS nicht übersehen. Verstört verlangt er erstmal nach einem Schnaps und grummelt: „Es ist gruselig, entsetzlich, katastrophal.“ Nach einer Weile räumt er ein: „Wir hören und lesen davon, sehen ja selbst in unseren Parks oder im Stadtwald, dass es mit vielen Bäumen nicht zum besten steht. Aber vom tatsächlichen Ausmaß der Katastrophe hier draußen in den großen Wäldern macht sich in der Stadt kaum jemand einen Begriff.“

Was wühlt Walter derart auf? Er kam bei seiner Fahrt über die Landstraßen an Notkahlschlag auf Notkahlschlag vorbei. Er durchfuhr triste baumlose Areale, die bis eben von Fichtenwald bestanden waren. Der Blick über Waldhorizonte zeigte ihm wie von braunen Pocken durchseuchtes Grün – diese unzähligen Krankheitsmale, das sind die sterbenden oder schon toten, aber noch nicht weggeholzten kleineren Fichtenbestände und Einzelfichten inmitten des Mischwaldes. Ich zeige ihm bei einer Rundfahrt von Ransbach-Baumbach über Montabaur nach Rennerod, via Bad Marienberg und Altenkirchen wieder zurück noch mehr davon und noch mehr und immer mehr.

Der Westerwald ist von Schad- und Kahlstellen durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Das Fichtensterben infolge zu weniger Niederschläge, zu hoher Temperaturen, abgesunkener Grundwasserspiegel und schließlich der Heimsuchung der geschwächten Bäume durch den Borkenkäfer ist hierorts ins finale Stadium eingetreten: In fünf Jahren wird es diese Baumart – die  dereinst aus nördlicheren Gefilden eingeführt wurde, aber 200 Jahre lang mit dem hiesigen Klima ganz gut zurecht kam – heroben nicht mehr geben. In vielen anderen deutschen Waldlandschaften ist die Lage ähnlich oder noch schlimmer.

Bei den Fichten wird es nicht bleiben. Sie sind nur die ersten, weil genetisch für ein kühleres Klima gebaut, als wir es nun bekommen (haben). Wo noch einige Altbestände der inzwischen bereits von zwei Förstergenerationen verworfenen Quadratkilometer großen Monokulturen existieren, sind sie besonders empfindlich. Doch ich zeige Walter auch die bereits schwächelnden Ureinheimischen, deren Kränkeln das ungeübte Auge vorerst nur schwer erkennt: Buchen und Eichen mit zu geringer Blattdichte, zu vielen Trockenästen, Schädlingsbefall, zu früh herbstliches Braun annehmend. Schließlich ist auch deren Genetik in den letzten 10 000 Jahren von anderen Bedingungen geprägt, als der Klimawandel ihnen jetzt zumutet.

Freund Walter und ich sind eigentlich strikte Gegner von Katastrophen-Tourismus. In diesem Fall jedoch empfehlen wir, mal hinauszufahren in die Wälder – um selbst zu sehen, wie schlecht es um sie steht. Dann sage noch einer, Klimawandel gäbe es nicht, oder werde ein Problemchen erst irgendwann zu unserer Urenkel Lebzeiten. Wir stecken mittendrin. 

Kolumne "Quergedanken" 184

Freund Walter meint angesichts der Überschrift: „Übertreibst du nicht etwas?“ Keineswegs, mein Lieber. Ich sage ja nicht: Habt Spaß am Schnuffeltuch. Das wäre abwegig. Denn natürlich lebte es sich ohne Maske wesentlich angenehmer und einfacher (auch wenn die Maskierung durchaus nette Nebeneffekt hervorbringt: Der Blickkontakt zum Gegenüber ist intensiver; man hat stets gleich ein Gesprächsthema; so manch ein/e Schüchterne/r findet flotter Anschluss; man ist nicht mehr so schutzlos den Feuchtsprechern und Maulstinkern ausgeliefert ….). Es geht mir bei „Stolz“ um etwas anderes:

Jedesmal wenn ich dieser Tage zum kleinstädtischen Supermarkt, an die Tanke oder den Buchladen komme, erlebe ich, wie die Kunden in größter Selbstverständlichkeit ihre Mund-Nasen-Maske aufsetzen bevor sie eintreten. Ähnlich das Bild bei Metzger, Bäcker, Bioladen: Geduldig und mit Abstand stehen die Leute in der Schlange vor den Geschäften, warten, bis sie hineingehen können, halten derweil ein Schwätzchen. Sobald ich dies sehe, schleicht sich stille Freude in mein Herz. Warum? Weil es zeigt, dass mitmenschliche Solidarität und daran orientierte Vernunft nicht vollends aus der Welt verschwunden sind.

Öfter mal frage ich beim Einkaufen Leute, was sie vom Masketragen halten. Dann kommen ganz simple Antworten wie „muss halt“ oder „gibt Schlimmeres“ oder „nervt, geht aber nicht anders“ oder „habe mich dran gewöhnt“ oder „ich will nicht Schuld sein, wenn jemand an der Scheißkrankheit verreckt“ oder „wenn es hilft, is gut, falls nicht, schadet‘s auch keinem“ oder „hoffentlich ist dieser Mist bald vorbei“ …. Nur zweimal in all den Monaten stieß ich auf so etwas wie Empörung wegen „diktatorischer Zwangsmaßnahmen“ oder „die da oben machen halt das Hännesje mit uns“.

Das Geschrei von der „politischen Corona-Diktatur“ findet hier im Alltag kaum Widerhall. Eher herrscht Pragmatismus nach der Devise: „Wat mutt, dat mutt, solange das Virus nicht besiegt ist.“ Das entspricht den bisherigen Umfrageergebnissen, wonach rund 90% der Bevölkerung die Seuchenschutzmaßnahmen im Grundsatz für richtig halten, nur 10% meinen, sie seien überzogen oder komplett unsinnig. Gewiss, in jüngerer Zeit greift teils eine gewisse Maskenmüdigkeit um sich. Gefahrenverdrängung gehört nunmal zu den Eigenschaften der menschlichen Spezies. Und nur zu gerne wiegt sich mancher Zeitgenosse in der trügerischen Sicherheit der hierzulande erreichten Erfolge gegen die Seuche – oder will jenen Rufern glauben, die gegen alle neueren Erkenntnisse behaupten, Maskentragen und/oder andere Schutzmaßnahmen seien für den Arsch beziehungsweise sowieso überflüssig.

Gleichwohl: Die Mehrheit der Menschen im Land folgt bereitwillig den Regeln des Seuchenschutzes, nicht immer buchstabengetreu, aber doch im Großenganzen. Und das keineswegs, weil sie „Schlafschafe“ oder „dumme Untertanengeister“ wären. Sondern meist im Wissen darum, dass ihre Maske sie selbst weniger schützt, mehr die Mitmenschen. Weshalb sie das uralte Solidarprinzip leben: „Ich schütze dich, du schützt mich.“ Und darauf darf ein jeder, der so handelt, stolz sein. Sieht man obendrein im Fernsehen, dass überall auf der Welt zahllose Menschen unter den oft schwierigsten Bedingungen irgendwelche Mund-Nase-Masken tragen, kann man auch stolz darauf sein, einer die gesamte Erde umspannenden Bewegung der Humanität, Vernunft, Aufgeklärtheit und solidarischen Achtsamkeit anzugehören.

Monatskolumne "Quergedanken" 183

Es gibt Leute, die stellt das Corona-Reglement vor ein recht spezielles Problem. Dazu gehören Jugendliche und Singles. Das Problem: Woher in diesen Zeiten die Gelegenheiten nehmen zu jenen Begegnungen, Plaudereien, Spielchen, Tänzchen, derer es bedarf, wechselseitige Sympathien zu entwickeln, die mit der Zeit oder alsbald in leibeslüstlicher, womöglich auch herzentflammter Zweisamkeit enden? Freund Walter könnte von dieser Malaise einen Betroffenenbefund abgeben, würde er nicht von Tag zu Tag unruhiger und miesepetriger um sich selbst tigern.

Walter ist einer jener Zeitgenossen, in deren Lebensentwurf dauerhaft eheänliche Beziehungen nicht vorgesehen sind. Weshalb manche/r Bekannte ihn einen „Hallodri“ nennt. Das halte ich für daneben, denn während seiner Paarbeziehungen ist er durchaus ein treuer, aufmerksamer, hingebungsvoller Gefährte – für drei bis sechs Wochen, bisweilen gar für fünf bis zwölf Monate. Ein idealer Lebensabschnittsgefährte also, sofern man so einen Abschnitt nicht bloß als Vorspiel zum heiligen Lebenslänglich versteht. Mir wird die Eigenart des Freundes oft anstrengend, denn zwangsläufig bewegt er sich in kurzen Abständen stets erneut auf Freiers Füßen; wie zu Seuchenausbruch gerade wieder. Was allemal mit nervigen Gefühlsextremen einhergeht, die mir von Liebeleien noch aus Teenager-Tagen gut, aber zwiespältig in Erinnerung sind.

Hier nun liegt der Hase im Corona-Pfeffer – für die der Zweisamkeit bedürftigen Singles jeden Alters ebenso wie für die von Natur aus ohnehin allweil liebes- und paarungsbegierigen Teens und Twens. Die Clubs geschlossen, die Wirtshaustheken gesperrt, Festivals, Partys, Kirmes, Weinfeste und demnächst womöglich gar die Schunkel- und Bützes-Fastnacht abgesagt. Mithin stehen die meisten der analogen Kennenlern-, Flirt- und Annäherungsräume nicht zur Verfügung.

Seit ich in einem Wissenschaftsartikel las, dass Mangel an liebevollem bis libidinösem Körperkontakt leiblich wie seelisch krank machen kann, verstehe ich, warum Walter inzwischen derart elend ausschaut  – und eine Menge junge Leute sich wider besseres Wissen an Abstandsregeln vorbeimogeln. Damit kein Missverständnis aufkommt: Verstehen bedeutet nicht gutheißen. Die schönste Fete nebst Gelage, Schwof, Umärmelung, Händchenhalten, Knutscherei stieße bitter auf, wenn nachher ganze Stadtbezirke stillgelegt werden müssten, gar einige Mitmenschen den Löffel abgäben. Ja, ja, ich weiß: Letztlich bleibt jede Teleflirterei mit oder ohne Cybersex ein Langweiler im Vergleich zum echten Leben. Lasst trotzdem Vorsicht walten!  

Nicht nur an Walter kann man dieser Tage einen lustigen Nebeneffekt beobachten: Er raspelt bei jedweder Gelegenheit auf witzig-charmante Art mit maskierten Frauen Süßholz. Bemerkenswert ist, dass selbige im Supermarkt, an der Bushaltestelle oder sonstwo draußen sich vielfach unbekümmerter darauf einlassen als in Präcorona-Zeiten. Maske und Ausnahmezustand machen seltsame Dinge mit so manchem Menschen. Ich glaube, das ist – trotz des Ernstes der Seuche – zwischenmenschlich ähnlich wie im Karneval.

Eben erzählt der Freund durchaus hoffnungsvoll von wiederholten Zufallsbegegnungen mit einer aufgeweckten, humorvollen Frau im Supermarkt. Der Körperkontur nach dürfte sie Anfang 40 sein, meint er. Ihren Augen nach, hat sie auch ein hübsches Gesicht, meint er. Was mag passieren, wenn beide sich erstmals ohne Maske gegenübertreten?

Monatskolumne "Quergedanken" 182

Es gäbe ja wirklich Wichtigeres. Aber da das ganze Land sich über diese „Hygienedemos“ aufregt, habe ich mir das Phänomen mal genauer angeschaut. Nach Betrachtung von Reden und Botschaften dort, von Presse- und Augenzeugenberichten darüber, komme ich zu dem Ergebnis: Politisch macht mir diese konfuseste „Bewegung“ der Nachkriegsgeschichte keinen so argen Kummer, epidemiologisch indes größte Sorgen. Ihr einziger gemeinsamer Nenner beruht auf einem Irrtum bzw. einer Lüge, die von der Realität im Ganzen wie individuell jederzeit unangenehm spürbar aufgeklärt werden kann: Sars-CoV-2 existiere gar nicht oder sei völlig harmlos.

In allen übrigen Fragen liegen die Ansichten der beteiligten Grüppchen, Sekten, Leute derart weit auseinander, dass sie wohl alsbald aufeinander losgehen werden. Was, wenn Esoteriker, alternative Impfgegner, Aussteiger, libertine Internationalisten, verirrte Linkradikale, abgedrehte Hippies, vermeintliche Freidenker sowie etliche vom Seuchenschutz genervte Kleinbürger bemerken, mit was für einem Gelichter sie sich da eingelassen haben: mit komplett durchgeknallten Verschwörungsspinnern, vor allem aber mit der Generalmobilmachung hiesiger Rechtsradikaler und Querfrontler.

Denen ist Corona völlig schnuppe und der Unmut gegen „Freiheitsbeschneidung“ durch vermeintlich „überzogene“ Seuchenschutzmaßnahmen nur willkommenes Mittel zum Zweck: Destabilisierung des Gemeinwesens um jeden Preis. Und das betreiben sie ausgerechnet unter dem Deckmantel der Verteidigung von Demokratie, Verfassung, Bürgerrechten, Freiheit – obwohl rassistischen Nationalisten wie auch autoritätssüchtigen Putin- und Trumpverehrern genau diese Werte am Allerwertesten vorbeigehen. Während die Rattenfänger sogar vom „revolutionären Bürgerkrieg gegen die Diktatur“ des nach ihrem Duktus mal links-grün versifften, mal kapitalistischen, mal vom „Weltjudentum“ dominierten Establishments träumen, wollen die anderen bloß zurück zu ihrer altgewohnten Lebensweise.

Jener Teil der „Bewegung“, den Corona und Bürgerrechte im Grunde nicht die Bohne interessieren –  und der für die bunt-skurrile Mischung des anderen Teils in Wahrheit nur Verachtung übrig hat –  weiß genau, was er tut. Das Gros der übrigen Unmutsgemeinde hingegen wird früher oder später entsetzt feststellen, dass ihre „Verbündeten“ sie nur als Manövriermasse für Ziele missbrauchen, die mit dem eigenen wütenden Drang auf bedingungslose Rückkehr zur Normalität herzlich wenig zu tun haben.

Da höre ich Freund Walter hinter seiner Schutzmaske maulen: „Herr Gott, musst du ellenlang die Abstrusität einer kleinen Randbewegung aufdröseln? Ach was, Systemkritik, Widerstand gegen die Obrigkeit, Verteidigung der Bürgerrechte – diese Sesselfurzer von eingebildeten Freiheitskämpfern, Traumtänzer, Gesundbeter, Scheibenwelt-Experten wissen doch gar nicht, was das ist. Bedeutsam an ihnen ist nur: Sie bieten mit ihren oft masken- und abstandslosen Zusammenrottungen dem Virus ein ideales Sprungbrett, uns alle erneut und noch tiefer in die Scheiße zu reiten. Das ist kein Protest, sondern de facto biologische Kriegsführung gegen die Gesellschaft. Das ist so, als hätten wir in der Anti-AKW-Bewegung Castorbehälter in die Luft gesprengt. So meschugge waren wir aber nie. Auch die Millionen Kids von Fridays für Future weltweit sind vernünftiger und verantwortungsvoller als diese „besorgten Erwachsenen“: Sie gehen derzeit nicht auf die Straße zum Demonstrieren, obwohl sie allen Grund dazu hätten.“ Walter ist zornig, sehr zornig.

 

Die neuen "Quergedanken" 181(b)

Liebe Mitmenschen, dies schreibe ich am 22. März im Jahre Corona. Da konferieren Kanzlerin und Ministerpräsidenten gerade per Videokonferenz über die nächste Stufe der Maßnahmen gegen die Seuche. Man darf davon ausgehen, dass die deutschlandweite Ausgangssperre kommt, wenn nicht heute, so wohl bald. Es wird nicht der letzte Schritt sein. Gestern hat Italien alle Fabriken geschlossen, die keine lebenswichtigen Produkte herstellen. Auch das wird nicht auf Italien beschränkt bleiben.

Wir sind im Notstand, jede/r und das Ganze – selbst wenn Berlin vor Inkraftsetzung der Notstandsparagraphen des Grundgesetzes noch zurückschreckt. Das würde quasi die Verhängung des Kriegsrechts bedeuten. Davor graust es jeden freiheitsliebenden Zeitgenossen. Als Typ, der sein Lebtag der Obrigkeit skeptisch bis renitent gegenüberstand, zu dessen Naturell Gehorsam so wenig gehört wie Anpassung an irgendwelche Trends: Als solchem sind mir schon die bisherigen Einschränkungen der Freiheiten richtig widerwärtig. Dennoch plädiere ich seit Tagen für noch schnelleren, härteren, durchgreifenderen Seuchenschutz, vom Staat verbindlich für jeden verhängt und durchzusetzen. Wat mutt, dat mutt.

Es ist, wie wir nun merken, im Ernstfall der Staat Angelpunkt des Geschehens. Die Märkte regeln von sich aus herzlich wenig, und die schlimmsten Hysteriker toben an den Börsen. Es ist der Staat, der die Wirtschaft halbwegs in der Spur und die Unternehmen am Leben erhalten muss. Es ist der Staat, der im Interesse der Allgemeinheit den uneinsichtigen, mit Empfehlungen nicht erreichbaren kleineren Teil unserer Bevölkerung zu vernünftigem Verhalten zwingen muss.

Ausgerechnet Herr Söder, mit dem mich sonst fast nichts verbindet, avanciert zum Seuchenhelden. Weil er zügig hinlangt, verordnet, durchdrückt, was zum Schutze des Gemeinwohls dem Einzelnen zugemutet werden muss. Und mir ist im Moment völlig egal, ob er damit klammheimlich das Kalkül verfolgt, sich für nachher in eine bessere Position als Kanzlerkandidat zu bringen. Vorher war vorher und nachher wird nachher sein. Wir werden später intensiv zu diskutieren haben, welche Weichen im neoliberalen Wahn über die vergangenen 30 Jahre falsch gestellt wurden. JETZT aber ist JETZT, und darauf allein kommt es an – in den nächsten Wochen, wahrscheinlicher vier, fünf Monaten oder etlichen mehr. Seuche verlangsamen und eindämmen, Leben retten: Das hat vorläufig  oberste Priorität, so sehr die Einschränkungen persönlicher Gewohnheiten oder wirtschaftliche Notlagen auch schmerzen.

Im Zivilen ist Solidarität nun erste Bürgerpflicht. Alle (können) wissen, was das bedeutet: Körperlicher Abstand ist Herzensnähe, Daheimbleiben rettet Leben und die Einhaltung der Seuchen-Etikette muss unseren Alltag durchdringen – bei Jung und Alt, Reich und Arm, Städtern und Landeiern. Gleichwohl gilt: Unterkriegen lassen wir uns nicht; gerade in der Notstandsisolation entdecken wir die Gemeinsamkeit und andere Lebensqualitäten neu. Zugleich durchflutet eine Welle der Hilfsbereitschaft sowie Anerkennung der Helfer die Gesellschaft. Zugleich auch setzen viele dem Schrecken Witz und Launigkeit entgegen. Das ist gut, denn würden wir die Heiterkeit vollends verlieren, hätten wir schon verloren. In Italien singen die Menschen abends trotzig aus Fenstern und von Balkonen: „Andrà tutto bene“ – alles wird gut. So lasst uns denn in diesem Sinne gemeinsam singen. 

Andreas Pecht

Entfallene "Quergedanken" 181(a)

Den nachfolgenden Text hatte ich am 1./2. März 2020 geschrieben. Mit ihm sollte meine Kolumne "Quergedanken" für den Monat Arpil bestückt werden. Damals - vor drei Wochen - war Corona noch eher ein leises Rumoren am Horizont und erschien ein Beitrag über den Normalzustand der modernen Zeit durchaus vertretbar. Am 16. März haben dann der Herausgeber des mittelrheinischen Magazins "Kulturinfo" und ich entschieden, diesen Beitrag in die Tonne zu treten. Grund: Inzwischen hatte das Virus auch hierzulande Stund' um Stund' Normalitäten ausgehebelt. Frappierender Zufall obendrein: Mein Text wünscht sich ausgerechnet etwas, was das Virus nun quasi im Vorbeigehen erzwingt - mehr Stille, mehr Ruhe. Bevor morgen die neu geschriebenen Corona-"Quergedanken" 181 (b) erscheinen, sei hier der Ersttext zur Kenntnis gebracht. Auf dass er nicht einfach so im Müll verschwinde. (ape)    

***

ape. Gelegentlich leiht sich Walter mein Auto, um mit einer neuen Bekanntschaft einen netten Ausflug ins Blaue zu unternehmen. Er nennt das: „Vorspiel“. Das Nachspiel habe dann ich auszubaden: Einsteigen in die zurückgegebene Karre, Motor anlassen – und sofort kriege ich derart was auf die Ohren, dass selbige schier wegfliegen. Jedesmal vergesse ich, dass des Freundes erster Handgriff im Auto dem Radio gilt. Er schaltet es ein, dreht es gehörig auf und belässt es auch in diesem Zustand. Der freilich ist das genaue Gegenteil meiner automobilen Gepflogenheit: Das Radio habe ich nie in Gebrauch, fahre am liebsten ohne Ohrbelästigung.

Nicht, dass ich keine Musik mögen würde. Ich bin im Gegenteil ein großer Liebhaber von Klassik, Jazz, ja auch (besserem) Rock und Pop. Gerade deshalb höre ich recht selten Musik. Und schon gar nicht neben anderen Tätigkeiten her, sei es Fahren, Kochen, Bügeln, Sporteln, Holzhacken, Schreiben oder Lesen. Die Tonkunst hat ggf. meine ganze Aufmerksamkeit verdient. Hintergrundgedudel macht mich wahnsinnig. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ im Fahrstuhl: Da krieg ich die Krätze, weil Perlen vor die Säue. Softbeschallung im Supermarkt macht mich aggressiv und völlig kaufunlustig (lest das, ihr Marketingpsychologen!). Im Restaurant kann mir musikalische Untermalung den Appetit verderben und auf der Toilette das Geschäft ruinieren. Musik zu beiläufigem Säuseln und Raunen verwurstet, ist in meinen Ohren nur noch Geräusch, sprich: Krach.   

„Du hast diesbezüglich eine Macke“, meint Walter, als ich ihn anmotze wegen des radiophilen Krawallanschlags auf mein Gehör. Oh, ich habe eine Menge Macken – manche liebenswert, manche weniger, einige ganz aus dem Normalitätsrahmen fallend. Was die Geräuschkulisse in der Welt angeht, mangelt es mir wohl an der Fähigkeit, diese in stoischer Gleichgültigkeit hinzunehmen oder sie tatsächlich auszublenden. Mir kommen die Städte entsetzlich laut vor. Aber selbst auf dem Land, wo ich wohne, hat das Lärmen in den zurückliegenden 40 Jahren um ein Vielfaches zugenommen.

Auf der Landstraße, die 200 Meter hinter unserem Häuschen durch Wiesen und Wald führt, kam Anfangs alle Viertelstunde mal ein Auto vorbei. Heute surrt, brummt, dröhnt es da von früh bis spät, herrscht nur zwischen 2.30 und 5.00 Uhr so etwas wie Ruhe. Weshalb ich bisweilen zu solch nachtschlafener Zeit vergnügt in der Küche hocke, um mal wieder einen Moment der Stille zu genießen. Denn tagsüber ist Stille nichtmal mehr im tiefen Wald zu finden. Nein, ich spreche keineswegs von Vogelgezwitscher, Bachplätschern oder Rauschen des Windes im Blattwerk. Da können zwar etliche Dezibel zusammenkommen, doch die Stimmen der Natur verbreiten per se eine Art von Ruhe. Was man vom hektischen Rauschen der nahen A3, vom Gedonner der parallelen Intercitystrecke Köln/Frankfurt sowie vom steten Gebrumm des überfüllten Flugzeug-Highways hoch droben nicht sagen kann.

Krach ist das akustische Wesensmerkmal heutiger Zivilisation. Und als würde der moderne Mensch Stille fürchten wie der Teufel das Weihwasser, trägt er das Lärmen hinaus auch noch in die abgeschiedensten Weltecken. Manche Zeitgenossen ängstigt die Gefahr von Stille so sehr, dass sie ständig elektronische Lärmquellen am Körper mitführen. Müssten sie nicht, denn tatsächliche Ruhe und Stille sind so selten geworden, dass wir beide Wörter eigentlich aus dem Sprachgebrauch streichen könnten. 

Andreas Pecht   

 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 180

Freund Walter hat soeben den Winter 2019/2020 für beendet erklärt. Genau sagte er: „Ist ausgefallen, hat nicht stattgefunden. Wie schon der letztjährige. Jedenfalls, aber keineswegs nur, in unseren südwestdeutsch-rheinischen Breiten.“ Dieser Text entsteht Mitte Februar, weshalb ich einwende: Mal langsam, mein Lieber, da kann noch was kommen. Worauf er die Augenbrauen hochzieht und blafft: „Könnte viel nicht mehr sein, denn Anfang April wird bereits wieder Hochsommer ausbrechen. Falls nicht, trete ich zurück.“

Auf die Frage, wovon er denn zurücktreten wolle, gibt‘s den Bescheid: „Egal, Zurücktreteritis ist doch von der Politik (AKK) über den Fußball (Klinsmann) bis zur hohen Geistlichkeit (Marx) die neueste Mode und ich bin bekanntlich ein sehr modisch orientierter Mensch.“ Da rollen mir mit Blick auf Walters Staffage schier die Augen aus dem Kopf. Denn es gibt wohl keinen, der beim Äußeren derart getreulich auf die Wiederkehr der Mode von übervorgestern baut. Warum auch nicht, schließlich kehrt jüngst so allerhand wieder, was man längst auf dem Kehrrichthaufen der Geschichte endgelagert wähnte: Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Militarismus, braunes Gesocks, dumpfbackene bis größenwahnsinnige Herrscher…

Rumms, jetzt ist der Freund stinksauer. Kann ich verstehen und muss deshalb auch Abbitte leisten: Ausgerechnet ihn mit irgendwas – und sei‘s nur eine Banalität wie Klamotten – in die Nähe solchen Sumpfes zu rücken, ist völlig daneben. Es braucht zwei Friedenszigarren bis wir uns wieder haben. Hernach zurück zum Wetter. Oder ist‘s schon Klima? In Walters Mimik schleicht sich ein Hauch seliger Verträumtheit. Ich solle mir mal vorstellen, säuselt er, in einigen Jahren könnten zu Fastnacht 25 Wärmegrade üblich sein. „Ei, was wäre das eine Freud‘, wenn all die Gardemariechens – ja Ladies, von mir aus auch die Tanzoffiziere – in knappsten Tropenuniformen a la Mode Carneval in Rio rumschunkeln. Ob ich das noch erleben darf?“

Au weija, und zuvor springen wir an Dreikönig zum Anbaden nackend von der Kölner Domplatte in die Nordsee. Freund, geht‘s noch?! Bevor nun jemand meint, wir zwei seien komplett durchgeknallt, darf auf folgende „Verrücktheiten“ verwiesen werden: Heuer kehrten die ersten Kranich-Wellen schon Mitte Januar aus dem Süden zurück. Zur selben Zeit zeigte das Thermometer sogar im Westerwald 12 bis 15 Plusgrade an und blühen dorten seither die Krokusse. Ein paar  Februartage, nachdem das halbwilde Sabinchen nicht als Wintersturm, sondern mit Aprilwetter übers Land zog, sitzt man in Freiburg bei 20 Grad im Straßenkaffee – und liest staunend in der Zeitung, dass es in der Antarktis just eben genauso warm ist, mithin wärmer als je seit Menschengedenken.

Das erinnert mich an meinen Heimatkundelehrer in der Odenwälder Volksschule. „Was ist Winter?“  hatte der uns Steppkes anno 1965 gefragt, um für Südwestdeutschland zu definieren: „Winter ist, wenn es zwischen Dezember und März wenigstens zwei mindestens vierwöchige Dauerfrostperioden gibt und bei mindestens einer davon über dem Land durchgehend eine geschlossene Schneedecke liegt.“ Wissenschaftlich ist das wohl nicht ganz korrekt, war eher eine eigenmächtige Ableitung des Herrn Magister aus den Erfahrungen vieler Generationen Einheimischer. Eben deshalb aber fragt man sich erst recht: Wann haben wir zuletzt einen derart „normalen“ Winter erlebt? Das liegt schon ein paar Jährchen zurück.

Monatskolumne "Quergedanken" 179

Babylons König Hammurapi I. war fast 2000 Jahre vor Christi Geburt einer der ersten, der ein Gesetzeswerk für sein Reich erließ. Gebote, Verbote, Regeln wurden, mitsamt Strafmaß bei Zuwiderhandlung, per Keilschrift in Stein gemeißelt. Etliche der darin enthaltenen Vorschriften erschienen sogar dem lieben Gott so sinnvoll für das Zusammenleben der Menschen, dass er sie nachher dem Moses in den Dekalog diktierte. Aus diesen Zehn Geboten entwickelten sich im Verbund mit Rechtsnormen keltisch-germanischer und griechisch-römischer Ursprünge unsere  Rechtssysteme späterer Epochen. Manche besser, manche schlechter, steht im Zentrum aller, auch der liberalsten, das Prinzip des Verbots.

„Erzähl die Sache mit dem Bier“, verlangt Walter. War, klar: Wenn der Freund etwas über frühe Hochkulturen behalten hat, dann sowas. Also, in Hammurapis steinernem Gesetzbuch gab es bereits ein Reinheitsgebot für Bier. Verstöße dagegen wurden brachial geahndet: Überführte Panscher waren im eigenen Biersud zu ersäufen. Das Reinheitsgebot verbot demnach, die Kunden/Konsumenten zu betrügen. Dieser Grundsatz des Betrugsverbotes, verbunden mit der  Androhung drakonischer Strafen, zieht sich durch sämtliche Reglements für Märkte in Stadt und Dorf von der Vorantike bis ins frühe 19. Jahrhundert.

Verdorbenen Fisch in der unteren Fasshälfte zu verstecken, Brot mit Sägemehl zu strecken, Wein zu verwässern, alte Klepper mit Schuhcreme zu verjüngen, minderwertige Werkzeuge aufzupolieren, Waagegewichte und Münzen zu fälschen… Dies alles und noch viel mehr war strengstens verboten.  Mit diabolischem Grinsen zählt Walter damals übliche Strafen dafür auf: „teeren und federn, auspeitschen, durchprügeln, am Dorfpranger schmachten lassen, einkerkern, das Vermögen der Betrüger einziehen, sie bisweilen gar köpfen oder an der Laterne aufhängen, aber in jedem Fall auf Jahre oder Lebenszeit vom Markt ausschließen.“

Man stelle sich vor, Betrug am Kunden, Nichteinhaltung von Werbeversprechen, Täuschung mittels Aufmotzen von Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen durch minderwertige oder schädliche Stoffe würden heutzutage ähnlich bestraft. Es erhöbe sich in Vorstandskreisen von Autoindustrie, Nahrungsmittelindustrie und etlichen anderen Industrien, in den Hochetagen von Handel, Banken und Börsen alsbald großes Weh-Geschrei.
                
Nun haben wir ja keinen Mangel an Gesetzen. Vom Grundgesetz über Strafrecht, Zivilrecht, Steuerrecht … bis hin zur Straßenverkehrsordnung regeln abertausende Vorschriften staatliche Ordnung und Zusammenleben. Vieles ist zu viel, einiges schlecht oder falsch. Wie auch immer: Basis fast aller Vorschriften sind letztlich Verbote. Selbst Rechte haben als Kehrseite das Verbot. Heißt etwa im Falle Grundgesetz: Es ist dem Staat und anderen Machtkräften verboten, die individuellen und kollektiven Grund- und Menschenrechte einzuschränken oder das Gemeinwohl zu schädigen.

„Wozu dein ganzes Salbader?“, fragt Walter. Ach, ich wollte nur mal ein paar Leute erinnern, dass Verbote das Normalste von der Welt sind und, sofern vernünftig, auch nichts Anstößiges. Wenn dieser Tage aber ausgerechnet diejenigen, die seit Jahrzehnten strammem Law-and-Order-Denken anhängen sich am lautesten als libertinäre Anarchisten aufspielen und ausschließlich ökologische wie soziale  Reglementierungsansinnen als „Verbotsfetischismus“ abkanzeln, dann ist das ziemlich scheinheilig.

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 178

Bisweilen werde ich als Technikfeind gescholten. Da liegt ein Missverständnis vor. Auf Waschmaschine und Geschirrspüler, Rasenmäher und Kettensäge, Radio, TV und Computer mag ich nicht mehr verzichten. Denn einige Geräte liefern bessere Ergebnisse als der Handbetrieb. Andere entlasten von stumpfsinnigen Tätigkeiten und schaffen Zeit für Sinnvolleres. Wieder andere versorgen dich mit Information und Unterhaltung oder bieten Kanäle zur Kommunkation.

Walter brummt missmutig: „Machst du jetzt Werbung für Kauf-dich-blöd-Märkte? Wenigstens solltest du auch die Kehrseite der Medaille ansprechen. Computer, Radio, TV spülen ebenso jede Menge Stumpfsinn in Haus und Hirn, können ein Vielfaches der Zeit rauben, die man mittels anderer Maschinen gewinnt.“ Es sei wie bei der Deutschen Bahn, meint der Freund: Was nütze es, wenn modernste ICE-Züge theoretisch eine Stunde weniger von Koblenz nach Berlin brauchen, dann aber zwei Stunden Verspätung haben, man womöglich in irgendeinem zugigen Stadtbahnhof festsitzt, weil es erst am nächsten Tag wieder ein ÖPNV-Verbindung zum Ziel in der Provinz gibt.“

Der berechtigte Einwand erinnert daran, dass neue Technik allein kein Problem löst –  sondern oftmals nur welche zu lösen vorgibt, die es ohne sie gar nicht gegeben hätte. Nehmen wir das Automobil. Inzwischen sind die zuhauf überdimensionierten Verbrennungskraftwerke auf Rädern so zahlreich geworden, dass sie einander im Wege stehen. Folge: Es werden noch mehr Straßen gebaut, diese mit raffinierten Leitsystemen aufgerüstet sowie die Autos selbst mit Techniken versehen, die Stauumgehungswege austüfteln. Ergebnis wiederum davon: Automassen fluten jene Strecken, wo der Verkehr angeblich fließt, bringen ihn rasch auch dort zum Stillstand.

Mit Hinweis auf mein vor einem Jahr erworbenes neues Auto setzt Walter noch einen drauf: „Schon in deiner Kleinkarre haben wir über fünf Dutzend Funktionstasten und ähnlich viele Leuchtanzeigen gefunden – und du weißt bis heute von einem Drittel nicht, wofür sie gut sind.“ Stimmt. Aber schlimmer noch ist: Wo bei den Vorgängermodellen ein paar richtige Druckknöpfe und simple Drehschalter blind bedienbar waren, muss man jetzt hin- und also von der Straße wegschauen, um  Sensortasten und Touchscreen-Funktionen zu nutzen.

Weshalb ich die These von Verkehrswissenschaftlern für unvollständig halte, wonach die Hälfte aller Verkehrsunfälle heute durch Smartphone-Nutzung während des Fahrens verursacht würde. Wahrscheinlich geht ein beträchtlicher Teil der Unfälle auch zurück auf Ablenkungen durch PKW-internes Mäusekino und Hantieren mit vermeintlichen Sicherheits- und Komfortfunktionen. Die Technikreligion zieht daraus allweil die Konsequenz: Noch viel mehr solcher Funktionen einbauen – bis wir am Ende beim automobilen Eisenbahnbetrieb auf der Straße in Form selbstfahrender Fahrzeuge landen.

Ist je jemand gefragt worden, ob er/sie den automatisierten PKW-Verkehr will? Nö, kein Mensch. Industrie und Scheuerpolitik tun einfach so, als sei dies der natürlichste, wunderbarste nächste Technikfortschritt. Dieser Quatsch wird nun scheinwissenschaftlich, medial, werblich ständig wiederholt, bis möglichst viele Leute glauben, das sei ihr eigenes Bedürfnis. So setzt man in Profit verwandelbare Trends. „Alexa, spiel das Lied von den immerwährenden Segnungen des technischen Fortschritts“ – auch wenn es sich lebenspraktisch oft eher um Rückschritt handelt.              

 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 177

Doch ja, ich mag Traditionen. Ein paar zumindest. Am liebsten jene, die alle Jahre wieder gute Laune, gemütliche Plauderrunden nebst ordentlich Speis‘ und Trank in die Bude bringen. Und bei denen ich sicher sein kann, dass sie auch diesmal so angenehm ablaufen wie in vielen Vorjahren. Weshalb ich nicht begreife, warum manche Leute und Familien stets aufs Neue versuchen, Weihnachten, Ostern, Silvester, Kirmes etc. zu feiern. Denn es gibt da reichlich Zeitgenossen, bei denen alljährlich außer Stress, Muffigkeit, gar Zankerei wenig rumkommt. Soziologisch ist das ein altbekanntes Phänomen: Nirgends wird mehr gestritten als bei familiären Festen und unterm Weihnachtsbaum.
 
Freund Walter teilt meine Vorliebe für Traditionsfeiern nicht. Er behauptet, nur ein einziges Volksfest zu mögen. Das sei Karneval, weil da die Sitten des Turtelns zwischen den Geschlechtern weniger verkrampft ausfielen und er es unbeanstandet genießen dürfe, sich von wuschigen Narrhallesinnen erobern zu lassen. Doch hockt er stets bei uns am Festtagstisch, wann immer Essen, Trinken, Plaudern angesagt sind. Da verdrückt er etwa am Weihnachtsabend vergnügt mein seit ewigen Zeiten stets gleiches Festessen aus ganzem Truthahn mit Knödeln und Rotkraut. Anbei lästert er über die Verwachsungen unseres geschmückten Tannenbaums aus nachbarlichem Halbwildwuchs und amüsiert er sich über meinen Schwips, der während dreier Stunden am Herd infolge besorgten Prüfens der Temperierung von Wein und Weihnachtsbockbier zufällig über mich kommt.

Das sind seit Jahrzehnten feste Rituale, deren beruhigender Reiz von ihrer Absehbarkeit rührt.   Ambitionierte Überraschungen, gar Änderungen des Speiseplans oder Neuerungen etwa durch Weglassen des Tannenbaums – solche Initiativen stießen allemal reihum auf Protest. Was auch für die Geschenke gilt: Das waren und bleiben Kleinigkeiten. Vor Jahren hatte sich Walter mal mokiert: „Wie kannst du als eingefleischter Atheist nur so viel Freude an diesen christlichen Festen haben?“ Damals verpasste ich ihm jene Belehrung, die der Leserschaft dieser Kolumne bekannt ist, weil hier wiederholt vorgetragen: Fast sämtliche christlichen Feste haben Brauchtumsvorläufer in lange vorchristlicher Zeit.

Weihnachten etwa wird seit mindestens 5000 Jahren begangen, weil die „geweihte Nacht“ oder auch die „rauhe Nacht“ eben die längste des Jahres ist, Wintersonnwende. Tannenbaum und Lichterkranz sind ebenso vorchristlichen Ursprungs wie Osterhase und Eier oder der Rutenstreich des Nikolaus. Letzterer wurde ursprünglich zwischen die Beine junger Frauen und Männer geführt – auf dass sie sich eifrig miteinander vergnügen und fruchtbar seien. Selbst für den Laternenzug oder Martinszug lassen sich vorchristliche Ursprünge finden, gleichermaßen für Weihnachtsmärkte oder Fastnacht.

Weshalb es völlig in Ordnung geht, wenn auch Nichtdeutsche, Andersgläubige oder das religionslose gute Drittel der Bevölkerung diese Feste feiern. Denn es sind Traditionen unserer Landschaft – die keltische, germanische, römische, christliche Elemente miteinander verschmolzen haben. Was mich um diese Traditionen derzeit am meisten besorgt macht, ist ihre Totalkommerzialisierung. An die Stelle von Besinnlichkeit und Behaglichkeit tritt immer noch mehr das Geschrei „Kaufen, kaufen, kaufen!“. Walter hält stoisch-trotzig dagegen: „Du machst doch hoffentlich wieder deinen Truthahn?!“ Ei sicher dat.    

 

Quergedanken Nr. 176

„Das gibt Ärger“, meint Walter, als er sieht, worauf mein Text hinausläuft. Wieso? Es geht doch bloß um eine winzige Ergänzung der Straßenverkehrsordnung,  die niemanden einen Penny kosten, aber allen Geld einsparen würde. „Du bist naiv“, entgegnet der Freund. „Das ist doch bei uns fast wie mit den heiligen Kühen in Asien. Die sind Gegenstand religiöser Verehrung und dürfen deshalb alles: Fußgängern und Radlern dumm im Weg rumstehen, auf Straßen die gefährlichsten Manöver vollführen, ihre Ausscheidungen überall ablassen.“

Sei es wie es sei, der Vorschlag liegt auf dem Tisch, und das zum x-ten Mal in fünf Jahrzehnten. Generelles 130er-Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Eines der beliebtesten Argumente dagegen geht heutzutage so: Man könne ohnehin nicht mehr freiweg Gas geben, weil die meisten Strecken bereits tempolimitiert seien oder es wegen Überlastung eh nur noch per Schleichfahrt vorwärts gehe. Zwei Sachen sind mir daran unbegreiflich: Warum dann immer diese Aufregung, sobald jemand die Tempolimit-Idee auch nur andeutet. Und: Wieso baut die Industrie überhaupt noch PKW, die 180, 210 oder mehr km/h bringen – wenn man die doch im gesamten übrigen Europa sowie fast im ganzen Rest der Welt nicht ausfahren darf und in Deutschland angeblich nicht kann?

Walter doziert: „Die Autoindustrie setzt auf die anarchistische Neigung ihrer Klientel. Streng genommen sind Autos mit derartigen Tempofähigkeiten nämlich überall auswärts de facto Anstiftung und Beihilfe zum Gesetzesbruch durch zu schnelles Fahren.“ Das ließe sich gut in der Schweiz beobachten. Dort wären übergroße Hochgeschwindkeitskisten auch recht beliebt,  obwohl deftig bestraft wird, wen die eidgenössische Gendarmerie beim Überschreiten des Tempolimits (120) erwischt. Warum also kaufen relativ viele Schweizer solche Powerkarren? Des Freundes Antwort: „Jede Menge Anarchisten in Switzerland.“

Und wer sich daheim nicht traut, macht eben mal rüber (zu uns). Denn, anders als behauptet, gibt es hier noch Autobahnabschnitte zuhauf, wo man richtig drauftreten darf – und sei es nur, dass man jeweils für ein paar Kilometer den Spritverbrauch ins Zweistellige jazzt. Folge: Egal aus welchem Ausland du nach Deutschland hineinfährt, du meinst aus Entspannungszonen ins Irrenhaus oder ein Kriegsgebiet zu kommen.

Verstanden habe ich die einzig hierzulande so wütende Opposition gegen ein Tempolimit noch nie. Die Vorteile liegen doch auf der Hand. Weshalb sie weltweit wahrgenommen werden, außer halt bei uns: Weniger Spritverbrauch, weniger Abgase, weniger Reifenabrieb, weniger Fahrzeugverschleiß, weniger Lärm, weniger schwere bis tödliche Unfälle, weniger Fahrstress für alle, besserer Verkehrsfluss im Ganzen …  Nennenswerte Zeitersparnis bringt das Bemühen um schnelles Fahren ohnehin nicht. Walter und ich haben es mehrfach getestet: Auf normal belebter A3 erkauft man sich bestenfalls 5 bis 10 % kürzere Fahrzeit mit 20 bis 40 % höherem Spritverbrauch durch nervigen Dauerwechsel zwischen Abbremsen und Drauftreten.

Am Ende bleibt nur ein einziges echtes Argument gegen Tempolimit: Schnellfahren macht vielen Automobilisten Spaß. Ach, es gäbe so manches, das auch mir Spaß machen täte, das aber – womöglich aus gutem Grund – verboten ist: nackt durch die Stadt tanzen; um 4.00 in der Früh auf dem Balkon Beethoven-Sinfonien voll aufdrehen; zweimal die Woche großes Lagerfeuer auf der Wohnstraße abbrennen; mit Pfeil und Bogen im Westerwald auf die Jagd gehen; lauten Dauertelefonierern in Eisenbahn oder Restaurant die Gerätchen zerdeppern …         

 

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