Quergedanken

Quergedanken Nr. 104

Alle kauen am Wahlergebnis, da muss ich meinen Senf nicht auch noch dazutun. Deshalb was ganz anderes: Landeskunde. Rief neulich eine Saarbrücker Redaktion bei mir an: „Können Sie mal eben nach Kaiserslautern fahren und was recherchieren?“ Ach jeh, wie einem Saarländer beibringen, dass mir als Mittelrheiner die Nachbarregionen NRWs und Hessens vertrauter sind als der ferne Süden des eigenen Bundeslandes? Meine Antwort: „Ihr seid mit dem Fahrrad schneller durchs ganze Saarland gestrampelt als ich von Koblenz mit dem Auto je in Kaiserslautern sein könnte.“

So ist das halt in Rheinland-Pfalz: Hier sind die meisten Wege weit. Hin und retour misst die Strecke Koblenz–Kaiserslautern 300 Kilometer, Mainz– Trier 320,  Remagen–Pirmasens 480. Und von Idar-Oberstein nach Betzdorf kann die einfache Autofahrt auch ohne Stau länger dauern als der Flug von Frankfurt nach Kairo. Weshalb seit der künstlichen Zeugung des Bindestrich-Landes 1946 sich neun Ministerpräsidenten redlich, aber mit mäßigem Erfolg mühten, ihrem Landesvolk ein Wir-Gefühl einzuimpfen.

Wird schon zusammenwachsen, was zusammengehört, hatten sie wohl gedacht. Fragt sich nur: Gehört wirklich zusammen, was da nach dem Krieg zusammengeschnürt wurde – weil's halt französische Zone war? Na ja, immerhin hatten wir Rheinland-Pfälzer schon einmal, unter Napoleon, alle zu Frankreich gehört. Und immerhin waren wir vor 2000 Jahren allesamt römisch. „Moment mal!“, tönt es von Westerwald und Taunus herab. „Wir waren nicht dabei. An uns haben sich die Römer die Zähne ausgebissen, eigens als Schutz gegen uns den Limes gebaut. Und von den Napoleonischen war nachher heroben auch nicht viel zu sehen.“

In der Tat erzählt sich die Geschichte der rechtsrheinischen Höhen ganz anders als diejenige des Rheintals und der linksrheinischen Gebiete. Schlimmer noch: Nach Ableben des Imperium Romanum zogen die selten brüderlich miteinander verkehrenden Erzbischöfe von Köln, Trier, Mainz Trennlinien zuhauf. Noch schlimmer: Mit dem Wiener Kongress 1815 wurden richtige Staatsgrenzen mitten durchs Land getrieben: Für rund 100 Jahre kam die Pfalz zu Bayern, fiel das Rheinland an Preußen, ging der Määnzer Puffer dazwischen an die Hessen.

Woher sollte bei so viel Trennendem der Humus für eine gemeinsame Landesidentität kommen? Zumal allein der nördliche Landesteil sich obendrein aus vielerlei Regionalvölkchen  zusammensetzt. Die sind einander von alters her zwar nicht spinnefeind, aber doch herzlich gleichgültig: Wäller, Nassauer, Hunsrücker, Eifelaner, Untermoselaner und Moseltrierer, Mittelrheiner, Ahrtäler, Siegerländer etc. – deren Dialekte zudem teils unterschiedlichen Sprachfamilien entstammen. Müssten die in ihren altvorderen Idiomen miteinander konferieren, es bräucht' bald so viele Dolmetscher wie in Brüssel.

Wir in Rheinland-Pfalz: Das ist 66-jährige Gewöhnung daran, von Mainz aus regiert zu werden. Überall herrscht stets Misstrauen, ob Landesentscheidungen die Regionen auch in gerechter Ausgewogenheit  bedenken. Was jeder Teil für sich sowieso bezweifelt. Ansonsten: Zieht es Rheinland-Pfälzer mal zum Urbanen oder Mondänen, macht die Hälfte „rüber“ – Pfälzer nach Mannheim, Heidelberg, Baden-Baden; Rheinhessen nach Frankfurt, gar Wiesbaden; Rheinländer nach Bonn, Köln, Düsseldorf. Denn dort sind wir allemal flotter als in irgendeiner der kleinen Großstädte im je anderen Teil unseres künstlichen „Heimatlandes“. 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39. Woche im September 2013)                                                    

 

Quergedanken Nr. 103

Der Titel des Musikstückes will mir gerade nicht einfallen. Aber jeder kennt das Motiv: Einsame, schwermütige Töne einer Slideguitar beugen sich melancholisch durch Moll-Intervalle. Vom Fernsehen wird diese Musik stets bemüht, wenn Bilder trostloser, gottverlassener, sterbender oder gestorbener Gefilde zu untermalen sind: vergessene Straßen irgendwo am Arsch der Welt; Geisterstädte des Wilden Westens; verblühte Industrielandschaften; bröckelnde Wohngebiete; barmende Wälder/Felder/Flüsse; schrundige Gesichter aus der Welt gefallener Menschen. Wann immer das Motiv erklingt, singt es schweigend: „Hier bewegt sich nichts mehr, hier ist weder Anfang noch Hoffen, nur Warten aufs Ende.“ Manchmal haucht es auch: „endlich Ruhe.“

Das ist der Blues. Gespielt wurde er im August durch alle Nachrichtensendungen inklusive „ARD-Brennpunkt“ zu Bildern vom stille dümpelnden Mainzer Hauptbahnhof. Es mag einem seltsam erscheinen, aber so simple Einrichtungen wie Bahnhöfe haben offenbar das Zeug zu gehöriger Prominenz. Zuletzt hatte ein schwäbischer Bahnhof Schlagzeilen gemacht wegen Tieferlegung für vier, sechs oder mehr Milliarden Euro. Jetzt steht der Mainzer Bahnhof im Fokus, weil dort über die Jahre am Stellwerkspersonal ein paar zehntausend Euro eingespart wurden. Was Freund Walter auf den Gedanken bringt: „Mag sein, dass in Stuttgart am Ende das gleiche Ergebnis erzielt wird wie jetzt in Mainz: störanfälliger Bahnbetrieb mit hochmoderner Neigung zum Stillstand. Fragt sich, warum die Bahn dazu bei den Schwaben nicht gleich nach Mainzer Methode verfährt. S'tät schließlich nix koschte, sogar ebbes eibringe und ganget viel schneller.“

Bisweilen kommt einem der Verdacht, die dereinst vom Rotgrün-Kanzler Gerhard Schröder bei Hartmut Mehdorn in Auftrag gegebene Fitmachung der Bahn für den Börsengang verfolge klammheimlich ein ganz anderes Ziel: Umwandlung des deutschen Eisenahnwesens ins weltgrößte Kabarett. Denn die dramaturgische Beziehung zwischen bahnlicher Realität und bahnlicher Werbung folgt unverkennbar der Satire-Logik. „Alle reden vom Wetter, wir nicht“ oder „Die Bahn macht mobil“: Die DB-Werbeabteilung weiß doch um die extrem hohe Wahrscheinlichkeit, dass Anzeigen mit solchen Slogans in den Zeitungen mit Berichten über vielerlei Erscheinungen des geraden Gegenteils zusammentreffen.

Vereiste Weichen und Oberleitungen im Winter, streikende Klimanalagen im Sommer, Achsenbrüche, wegfliegende Türen, verspätete oder ganz ausfallende Züge, überfüllte Wagen, Abstrusitäten bei der Fahrpreisgestaltung, Null-Service auf desolaten Provinzbahnhöfen (wo es sie noch gibt), Spar-Service auf Hauptbahnhöfen, Berliner S-Bahn-Krise, jetzt Mainzer Zusammenbruch... Der ganze Zirkus begann 1994 mit der Umwandlung der Deutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG. Die olle Bürger-Bahn sollte schicke Börsen-Bahn werden – und geriet dabei vom Regen in die Traufe. Sprich: Aus der zuvor recht drögen, teuren Behörde ist ein aus Nutzersicht konfuses, chaotisches, ineffektives Profitcenter geworden.

DB heute = die Lachnummer Europas. Hungert sich daheim den eigenen Leib krank, weil ein großmannssüchtiger Wasserkopf partout im globalen Kasino mitzocken will. Ach, der Gerhard und der Hartmut, das sind schon zwei Kerle! Der eine macht nun in Gas, der andere in Flughafenrettung. Und was bleibt uns? Der Blues, der Mehdorn-Blues. Nicht nur in Mainz und nicht bloß bei der Bahn.       

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 34./35. Woche im August 2013)

 

Quergedanken Nr. 102

Es gibt so Wörter, die gibt es offiziell gar nicht. Wenn viele Leute sie aber lange genug benutzen, gibt es sie plötzlich doch. „Fluffig“ ist so ein eigentümlich wunderbares Wort. In meinem jüngsten Duden (von 2006) steht es drin, im zerfledderten Vorgänger von 1996 fehlt es noch. Ich bin sehr glücklich, dass wir „fluffig“ haben, es auch schreiben dürfen, folglich mancherlei damit bezeichnen können, auch uns selbst so fühlen. Und was bedeutet es nun korrekterweise? Das ist das schönste an der Sache: Aufs i-Tüpfelchen genau weiß das wohl niemand. Spielt auch keine Rolle. Wie dies Wörtchen mit „flu“ über die Zunge perlt, sein „ff“ durch die Lippen haucht und unterwegs zur verschmitzten „ig“-Endung den  gespitzten Kussmund zum erwartungsfrohen Knutschmund öffnet – steht „fluffig“ in eigener Vollkommenheit für sich selbst.

Der Duden übersetzt es bloß als „leicht und locker“. Das lässt an gelungenes Püree, wohlgeratenen Apfelstrudel oder kandierten Eischaum denken. Womit aber nur ein Bruchteil der Verwendungsmöglichkeiten für das Wort erfasst wäre. Bei meinem Freund Walter etwa hat sich „fluffig“ zum schieren Tick ausgewachsen, seit auf den Juni-Spätwinter wider Erwarten doch noch echte Sommertage folgen und die Frauen mit „fluffiger“ Garderobe in „fluffiger“ Stimmung Straßen und Plätze endlich wieder zum Leuchten bringen. Da können die Stadtgestalter in Koblenz oder Neuwied, Bad Ems, Mayen oder Montabaur sich noch so sehr mühen: Ohne entspannt durch die Stadt swingende Mädchen, Frauen, Damen bleibt Urbanität ein frommer Wunsch.

Ach Gott, verehrte Kritiker/innen, mit Sexismus hat das gar nix zu tun. Das ist eine Frage der Ästhetik (wie sie halt kein Mann hinkriegt). Eine Frage der Schönheit in der Unterschiedlichkeit, ohne die etwa „Summer in the City“ ein hohler Spruch bleibt – ähnlich dem jüngsten Werbeslogan eines großen Kaufcenters. Beim Anblick dieser Parole musste ich mich neulich auf dem Koblenzer Zentralplatz fast übergeben: „Wir shoppen nicht mehr, wie kaufen uns glücklich.“ Rund 20 Jahre hat es gebraucht, bis die Werbefuzzis „Shoppen“ als eine Art Lebensqualität im allgemeinen Bewusstsein verankert hatten. Jetzt reicht ihnen die Mischung aus großem Einkauf nebst Flanieren, Kaffeetrinken, Eisessen nicht mehr. Das umsatzschwache Beiwerk soll verschwinden, allein das richtige Kaufen als wahres Glück empfunden werden. Walter nennt das „merkantile Pornographie“: kein Vorspiel, kein Nachspiel; rein, raus; Ware gegen Geld; fertig.

Versuchen Sie mal, darauf das Wort „fluffig“ anzuwenden. Gleich kriegen doch Mundwerk und Hirnwindungen Krämpfe. Bei Ihnen nicht?! Dann gehören Sie womöglich auch zu den Leuten, denen es egal ist, dass fremde und eigene Geheimdienste, ausländische und inländische Internetfirmen mitgucken und mithören (können), wenn Sie mit Gott und der Welt kommunizieren oder mit Ihren Liebsten Privatestes raspeln. Walter hat neulich ein Experiment gemacht: Er setzte sich wortlos zu wildfremden Menschen an den Café-Tisch, schaute sie minutenlang an und hörte ihren – rasch verstummenden – Gesprächen zu. Beschwerden ob dieser Ungehörigkeit konterte er mit der Bemerkung: „Ich will nichts von Ihnen; Sie sehen mich auch nicht wirklich; eigentlich bin ich gar nicht da. Allerdings geht es mir hier im Café viel besser, als meinen armen Kollegen in Ihrem Smartphone.“ Walter fand  das „fluffig“, die Betroffenen weniger.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 30. Woche im Juli 2013)   

Quergedanken Nr. 101

Potzblitz, da war vielleicht was gebacken neulich! Ein paar Tausend Mittelrheiner auf den Barrikaden. Prima, lobenswert. Wenngleich mir einige Umstände auch etwas seltsam vorkamen. In vorderster Front, schunkelnd und ein Karnevalslied schmetternd, die vereinigte Honoratiorenschaft. Vom Genossen Hofmann-Göttig tollkühn angeführt wie dereinst das Franzosenvolk von Marianne. Nur dass der Koblenzer OB die Jakobinermütze verschmähte und sich im Gegensatz zur Pariser Revolutionärin mit züchtig geschnürtem Leibchen in den Aufstand stürzte gegen – – – wen eigentlich?

Spaß beiseite. Das Unesco-Welterbekomitee hat bei seiner Jahrestagung in Phnom Penh einem Weiterbetrieb der Koblenzer Seilbahn bis 2026 zugestimmt. Damit scheint alles im Lot auf dem schunkelnden Boot. Mit dem Abbau der Barrikaden müssen aber zugleich Gäule wieder eingefangen werden, die einigen Mittelrheinern in der Zeit des Aufruhrs durchgegangen waren. So das „Missverständnis“, es handle sich bei der Unesco-Tagung in Kambodscha um eine Versammlung vorzeitlicher Khmer-Häuptlinge, die eine Diktatur über den Mittelrhein ausüben wollten. Tatsächlich waren es Delegierte aus aller Welt, darunter auch deutsche. Die kommen an jährlich wechselnden Orten zusammen; 2010 war's Brasilia, 2011 Paris, 2012 St. Petersburg.

Nächstes Missverständnis, das aufgeklärt werden sollte, weil engagiert für oder gegen etwas streiten ja nicht erfordert, das Hirn an der Garderobe abzugeben: Liebe Leute, die Unesco will und kann uns gar nix „verbieten“, „vorschreiben“, „aufzwingen“. Sollten wir demnächst wollen, können wir Autobahnen in die Talflanken sprengen, von Koblenz bis Bingen eine Schwebebahn in den Rhein bauen oder jede Burg mit einer Dauerkirmes ausstatten. Das einzige, was die Unesco tun kann und auch muss, ist: prüfen, ob solche Einrichtungen noch mit den Kriterien für den von ihr verliehenen Welterbestatus vereinbar sind. Falls nicht, müsste sie als zertifizierende Organisation uns das Zertifikat aberkennen.

Das ist vom Prinzip her ein als logisch einzusehender Vorgang, wenn man mal die Perspektive wechselt. Angenommen, Italien wollte eine Aussichtsbrücke über das Kolosseum bauen oder Ägypten die Spitzen der Gizeh-Pyramiden mit einer Schwebebahn verbinden. Touristökonomisch wären das wohl Attraktionen höchster Effizienz, allerdings würden wir zurecht aufschreien: „Die spinnen, die Römer, und die Ägypter haben nicht alle Tassen im Schrank. Unser aller Kulturerbe derart zu verschandeln: das muss die UNO verhindern!“

Stimmt. Gilt aber auch für die eigene Nase. Man kann die Unesco nicht dafür beschimpfen, dass sie ihre Pflicht tut und die Sachlage prüft. Sollten dabei wirtschaftliche Lokalinteressen weniger gewichtet werden als manchem lieb ist, liegt das in der Natur des Welterbestatus – den der Mittelrhein wollte, der ihm nicht von der Unesco aufgezwungen wurde. Womit wir beim größten, hier seit Jahren gepflegten  „Missverständnis“ wären: Dieser Status sei in erster Linie als wirkmächtiges Marketinginstrument gedacht. Stimmt aber nicht. Oberster Zweck der Welterbekonvention war immer: Schutz, Erhalt und Pflege des kulturellen Menschheitserbes. Das muss man sich vergegenwärtigen, wenn wir alsbald über die Welterbeverträglichkeit neuer Projekte streiten. Schlusswort von Freund Walter: „Und das kommt – so sicher wie noch vor 2026 Subventionsbedarf bei der Seilbahn. Wetten?“    

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 26. Woche im Juni 2013)

Quergedanken Nr. 100

Als neulich noch bittere Winterkälte herrschte, schnüffelte Freund Walter in meinem Archiv herum. Füße am Ofen, auf dem Schoß das Laptop, spuckte er als Ergebnis seiner Recherchen aus: „Schon seit 2005 malträtierst du die Leute jeden Monat mit diesen Quergedanken-Dingern. Die Juni-Folge wird die 100. sein.“ Man hat ein Alter erreicht, da bergen solche Zählungen einen gewissen Schrecken: Verdammich, wie die Zeit verfliegt! Mir ist, als wäre ich eben erst vom festen Redakteursstuhl bei der Rhein-Zeitung aufgestanden, um mich ins freischaffende Journalistenleben zu stürzen. Tatsächlich liegt das schon gut acht Jahre zurück. Und der damals allererste Auftraggeber neben dem alten Stammblatt war das/die „Kulturinfo“.

Man darf zum Jubiläum ja mal in eigener Sache sprechen. Es war ziemlich mutig vom Herausgeber Günther Schmitz, einem Lästermaul wie mir in seinem auf Anzeigen gestützten Veranstaltungsmagazin eine vollkommen freie und unabhängige Kolumne zu geben. Nach einem vergleichbaren Format muss man in deutschen Anzeigenblättern bis heute lange suchen. Und wir waren anfangs alles andere als sicher, ob es auch funktionieren würde. Es hat prima funktioniert. Viele Mittelrheiner mögen die regional gefärbte Mischung aus augenzwinkerndem Leitartikel und holpernder Satire. Kaum ein Stadtgang, bei dem mir nicht irgendjemand zuruft (oder zuflüstert): „weiter so“. Gewiss, ein paar Leute beißen auch in die Tischkante vor Ärger über das, was da geschrieben steht. Doch lesen tun sie's jeden Monat wieder. Geht mir genauso – etwa mit Dieter Nuhr, dem empörungsfreien Schönwetterapostel unter den Kabarettisten. Bei dem, was er sagt, krieg ich bisweilen die Krätze; aber wie er es sagt, das hat was.

Allen wohl und keinem weh: das ergäbe Schlafmützigkeit. Weshalb Walter seit Jahren fordert, jede Kommune solle per Gesetz gezwungen werden, einen eigenen Satiriker anzustellen. Der müsste  arbeitsvertraglich verpflichtet sein, Großmächtigen wie Kleinleuten am Ort nach Art von Hildebrandt, Schramm, Priol, Pelzig und Co. regelmäßig öffentlich die Leviten zu lesen. Was dem Volk insgesamt und seinem nationalen Führungspersonal gut tut, könnte den hiesigen Herrschaften ja nicht schaden. Aber ach, was ein Geschrei gäbe es wohl, würde an dieser Stelle nur einmal ein mittelrheinischer Amtsträger nach gleicher Manier eingeseift und abgebürstet wie allweil Deutschlands Granden von den Besten des deutschen Kabaretts.

„Du traust dich ja nicht“, mault Walter. Heh, holla, nicht wenige der 100 Quergedanken-Folgen gehen bis hart an die Grenzen der in der Provinz gültigen Benimmkonvention. Und bedenkt man das zwischen den Zeilen Stehende, werden diese Grenzen öfter sogar überschritten. „Lüg dir keinen in die Tasche“ fährt der Freund mich an. „Du bist doch immer nur mit halb angezogener Handbremse unterwegs. Harmloser Feuilletonist halt, nicht zubeißender Kabarettist. Wo man mit dem Dampfhammer zuschlagen müsste, stichelst du bloß in klugscheißerischer Vornehmheit mit dem Gänsekiel herum.“

Das war's dann mit der Jubiläumsfreude. Bleibt mir nur zu sagen: Sorry, aber krachende oder  kunstvoll schelmische Pointen, wie große Satire sie braucht, gibt mein Hirn leider nicht her. Walter verdreht die Augen: „Vielleicht kapierst du bis zur 200. Folge, dass es manchmal schon reicht, wenn man freiheraus einfach sagt, was man denkt.“                                                              

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 22. Woche im Mai 2013)

Quergedanken Nr. 99

Doch, ja: Ich bin für ein gemeinsames Europa. Unbedingt. Trotz allem. Und obwohl Brüssel mich ein ums andere Mal zur Weißglut treibt. Schon der 1957er Geburtsname macht einen irre. EWG, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft: eine Vereinigung bloß des Mammons wegen. Ein scheinbar völlig bekloppter Bürokratenverein, der den Krümmungsgrad von Gurken vorschreibt, Milchseen und Fleischberge subventioniert, neuerdings vor allem Banken. Das hat so rein gar nichts mit dem zu tun, weshalb ich mich seit Jugendjahren als Europäer fühle. Als einer, der erst am Neckar zuhause war, dessen Zuhause dann der Mittelrhein geworden ist – der zugleich musikalisch, literarisch, bildnerisch, philosophisch, kulinarisch, erst recht bei den Getränken und in der Liebe tief im europäischen Humus der Vielfalt wurzelt.

Sie werden fragen: nichts von Rheinland-Pfalz, nichts von Deutschland? Das ist bei solch politischen Konstrukten ähnlich wie bei der Religion: Jeder mag es damit halten, wie er will. Vergebung, verehrte Leser/innen, ich habe es mit beiden nicht so sehr. Heimatgefühle rumoren in mir weder für das Bindestrich-Bundesland noch für die Nation. Die Pfälzer hätten besser zu Baden gepasst, die Rhein-Mosel-Genossen eher mit den Kölschen unter einen Hut. Und was die Nationalstaaterei angeht: Die halte ich eh nur für einen vorübergehenden Trick der Geschichte, um etwas Übersicht ins Kuddelmuddel zu bringen, das Völkerwanderungen und  fürstliche Erbstreitereien angerichtet haben.

In Sachen Nationalgefühl geht es mir wie Heinrich Heine: Von etwas Kindheitsnostalgie abgesehen, ist es mir fremd. An dem ganzen Nationalkram interessiert mich eigentlich nur die politische Verfasstheit der Staaten. Gelten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder nicht? Meine ideelle Heimat ist Europa und seine Kultur, mein Zuhause ist die Landschaft der rheinischen Mittelgebirge. Ansonsten: Mit den kleinen Leuten auf Zypern, in Italien, Spanien, Dänemark, Polen und ihren Sitten verbindet mich mehr als mit Deutschbankern und ihren Unsitten.

Weshalb ich in Sorge bin um meine Heimat Europa. Was die EU-Granden damit anstellen, nennt sich mal Regulierung, mal Liberalisierung. In jedem Fall bleibt als entscheidende Frage: Wem nützt es? Grade Gurken waren nicht einfach Bürokratenspinnerei. Für grade Gurken braucht es speziell zugerichtetes Saatgut und normierte Anbauweise. Grade Gurken sind Voraussetzung für standardisierte Verarbeitungs-, Verpackungs- und Versandmaschinerien sowie ideal für die Handelskonzerne. Grade Gurken waren demnach nichts für Kleinbauern, sondern eines von vielen  Fördermitteln für den Umbau der einst vielgestaltigen europäischen Landwirtschaft in eine agrarindustrielle Einheitswüste.

Wer wohl mag Brüssel dabei die Feder geführt haben? Wer hat der EU-Kommission den Floh ins Ohr gesetzt von der Liberalisierung (sprich: Privatisierung) des Krankentransportwesens und der  Trinkwasserversorgung in Europa? Wer hat ein Interesse daran, dass Unternehmen und reiche Privatiers in den EU-Staaten Jahr um Jahr illegal, halblegal, scheißegal 1000 bis 3000 Milliarden Euro Steuern hinterziehen können? Mein geliebtes Europa wird Zug um Zug an Konzerne verhökert und auf die schmachvolle Rolle eines Finanzbordells reduziert. Das muss ein Ende haben. „Dann auf zur Heimatverteidigung!“, skandiert Freund Walter laut – vor Frühlingsgefühlen schier platzend.   

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche  2013)

 

Quergedanken Nr. 98

16. März 2013, Samstagsfrühstück. Auf meinem Plan stand für diesen und den folgenden Tag: In aller Ruhe „Quergedanken“ abfassen und feinschleifen. Das in der Vorwoche entstandene Konzept sah nette Worte über den neuen Papst der Armen vor (Walter grient skeptisch). Dazu einige Sätze über das gut in die Landschaft passende Kultursommer-Motto „Eurovisionen“ (Walter nickt). Schließlich waren Anmerkungen geplant zum jüngsten Disput über die von mir lange vorhergesagte Verwässerung und schlussendliche Verdampfung der einst hehren Selbstverpflichtungen zum Wiederabbau der Koblenzer Seilbahn (Walter feixt bitter).

Dann hörten wir Radionachrichten, und aus war's mit der wochenendlichen Gelassenheit. Der Freund fluchte: „Himmelherrgott, die Bagage legt es darauf an, die einfachen Europäer auf die Barrikaden zu treiben.“ Ich schmiss entnervt meinen Konzeptzettel weg. Die erste Nachricht vermeldete, die Regierung Zyperns wolle zwecks Bankenrettung die Guthaben zypriotischer Kleinsparer teilweise enteignen. Die zweite, dass die Deutsche Bahn ihre Kundendaten zu Werbezwecken verkaufen will. Geht's noch?! Beide Vorstöße sind für nicht vollends marktliberalistisch verblödete Zeitgenossen schier unfassbare Provokationen.

Gerade erst waren die deutschen Regierungsherrschaften auf die Schnauze gefallen mit dem Plan, kommunale Bürgerdaten zu vermarkten. Jetzt kommt die Bahn mit dem nächsten unverschämten Versuch, unsere Privatsphäre profitabel auszuschlachten. Fahr' Bahn, gleich wissen allerhand Werbefuzzis, wann und wie oft du von wo nach wo unterwegs bist. Fortan wirst du mit speziellen Angeboten zugeschissen. Da treibt noch Mehrdorns Geist sein Unwesen, macht dem Staatsunternehmen Schande.

Der Gipfel aber sind die Vorgänge um Zypern. Glaube bloß keiner, wir Kleinsparer in Nordeuropa seien gefeit davor, demnächst um Teile unserer Spargroschen geprellt zu werden. Auf der Insel wird an einem kleinen Volk ausgetestet, was den großen Völkern des alten Kontinents künftig zugemutet werden kann – zur Rettung des von finanzkapitalistischen Gierhälsen zerschossenen Systems. Ja, ja, ihr Großökonomen, Wirtschaftspolitiker, Sachzwangkommentatoren und Komplexitätsanalysten: Ich weiß, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Aber es ist ihr Kern!

Und der besagt: Unersättliche Profitgeier haben mit Beteiligung oder Billigung verantwortungsloser bis feiger Politiker das Casino entfesselt, unter dessen Trümmern sie, und wir mit, begraben zu werden drohen. Die Rettung soll nun aus den Spargroschen der Bevölkerungsmehrheit finanziert werden. Von Menschen, die wie Walter und ich nie am Casino beteiligt waren, nie Aktien besaßen, niemals mit dubiosen Anlagen spekulierten. Von Menschen, die nur ein bisschen vom mühsam erarbeiteten Lohn sicher beiseite legen wollten für später. „Herrschaften, wenn ihr an unsere Sparbücher geht, dann ist in Europa, und bei mir auch, schluss mit lustig“, presst Walter hervor. Sein „No pasaran!“ klingt gar nicht mehr humorig.

Das Ekelhafteste bei all dem ist die miese Agitation, dass man die zypriotischen Kleinsparer zur Kasse zwingen müsse, damit die Belastung der deutschen Steuerzahler nicht noch höher werde. Klar: Hetze die kleinen Leute gegeneinander und dann spiele mit ihrer aller Geld das große Spiel der Bereicherung der Reichen weiter. Bis es endgültig heißt: rien ne va plus (nichts geht mehr).

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 13 im März  2013)

Quergedanken Nr. 97

Das hat jetzt gerade noch gefehlt: Da wirft mir einer(!) Sexismus vor. Ausgerechnet mir, der ich seit den frühen 1970ern meine Lektionen (bisweilen recht heftige) in Sachen Gleichberechtigung durch Frauen erhalten habe, die Anmacher wie den schmalz-säuselnden Herrn Brüderle mit nur einem einzigen Blick vom Barhocker gefegt hätten. Gestandene Prachtfrauen, die nie Dämchen sein wollten, deshalb weder Tussis noch Gattenschatten wurden.

Die sind durch Schulen gegangen, in denen „Stern“-Kollegin Himmelreich auch mal ein paar Stunden hätte nehmen sollen. Schon als Mädchen holten sie Märchenprinzen vom hohen Ross. Im zarten Jugendalter boten sie autoritären Vätern, Lehrern, Chefs die Stirn. Einige davon behaupteten sich In Brokdorf, an der Startbahn West und anderswo sogar gegen Wasserwerfer und Polizeihundertschaften. Wie sollten derart gereiften Frauen irgendwelche Chauvi-Schnösel ungestraft blöd kommen dürfen?!

Macht und Geld machen Männer sexy, heißt es. Was'n Quatsch! Die Frauen, von denen ich hier  rede, macht beides sofort misstrauisch. Beim Aufgalopp getunter Porsche-Pfauen, gegeelter Bonus-Yuppies oder graumelierter VIP-Hengste schalten sie ebenso selbstverständlich auf wehrhaften Abwatschmodus wie beim Anrollen stumpfsinniger Bagger-Heroes der RTL2-Klasse. Wehe dem Kerl, der einer dieser Frauen ohne ihr Einverständnis auf die Pelle rückt: Er wünschte sich bald, er hätte das Maul gehalten, die Finger bei sich, und wäre weit, weit weg.

Glücklich aber der Mann, dem ihr Einverständnis zuteil wird. Für ihn beginnt eine spannende Zeit, in der er die Welt und sich selbst neu entdeckt. Dabei kann er das Wunderbare befreiter, unabhängiger, selbstbewusster und so erst voll entfalteter Weiblichkeit kennenlernen – sei es für die Partnerschaft einer Nacht oder die Gefährtenschaft auf Jahre, gar ein ganzes Leben.

„Nun krieg dich mal wieder ein“, knurrt Walter missgelaunt. „Diese Sexismus-Debatte ist doch sowieso Kappes, Schnee von gestern.“ Ei, mein Lieber, plagen dich etwa noch die Abfuhren, die du dir neulich eingefangen hast. Hätt' ich dir vorher sagen können, dass selbst kultivierte Flirtversuche aussichtslos sind, wenn du als mittvierziger Altgockel bei einer Erstsemester-Fete auf Brautschau gehst. „Es gibt Ausnahmen!“, blafft der Freund. Freilich, eine auf zehntausend, vielleicht. Das ist dann jene Ausnahme, die die Regel bestätigt, wonach heutzutage das historische Prinzip „wohlsituiertem älterem Mann steht junge Frau zu“ nicht mehr gilt. Ach Walter, 19-jährige Studentinnen: Du machst dich doch zum Deppen – wie Brüderle und andere Greisenschleimer. „Is ja gut Alter, ich hab's begriffen“, mault der Freund frustriert. „Wir schließen das Kapitel jetzt besser, sonst heißt es wieder, deine Kolumne sei sexistisch.“

Diesen Vorwurf hat es, siehe oben, tatsächlich gegeben. Aber halt, Herr- und Frauschaften, so geht das nun auch wieder nicht. Das Reden über Geschlechterbeziehungen und Sex ist ja keineswegs per se Sexismus. Dazu wird es erst, wenn man dem Gegenüber in (wie die Bayern sagen) hinterfotziger Absicht schlüpfriges Gesülze aufdrängt. Es verhält sich damit wie mit dem Augenmerk, das wir alle – Männlein und Weiblein, die einen mehr, die andern weniger – auf attraktive Vertreter des anderen Geschlechts richten: Schauen ist unsere Natur; der dezente Blick ist Kultur; giergeiferndes Gaffen und Stieren mit anzüglichen Zoten auf den Lippen, das ist Sexismus.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 9 im Februar 2013)

Quergedanken Nr. 96

Jedes Jahr der gleiche Zirkus. Kaum zeichnen sich am kalendarischen Horizont die Fastnachtstage ab, wird Walter wibbelig. Der sonst in schier allen Lebenslagen zu Entschleunigung neigende Freund nimmt gestresste Züge an. In der Firma Urlaub beantragen und durchsetzen: von Schwerdonnerstag bis Aschermittwoch; inklusive selbstredend. Wägen und entscheiden: Soll die närrische Lustreise heuer eher in kölsche oder in määnzerische Gefilde gehen? Schleunigst dorten ein Hotelzimmer reservieren – obwohl er über die Jahre fast keines benutzte, weil ihm nach erwärmender Schunkelage meist anderweitig angenehme Gastfreundschaft zuteil wurde.

Ja, ja, Walter weiß, dass es auch am Mittelrhein zünftig rundgeht. Aber hier kennen ihn und kennt er zu viele Leute; das beschneidet die Möglichkeiten des Loslassens gemäß ehrwürdiger Karnevalstradition. Man könnt' ihm am Ort später übel nachreden, ihn einen liederlichen Kerl zeihen, der von den Göttern Jocus und Bacchus liebgereizte Froileins oder angeheizte Frowens zu Unstatthaftigkeiten verführt habe. Dabei: In Walter einen Don Juan zu sehen, wäre so verfehlt wie in Rösler einen Hoffnungsträger oder in Bankvorständen Bettelmönche.

Nie habe ich erlebt, dass der Freund eine Lady kirre geraspelt, hintersinnig in Hitze getanzt, gar renditeorientiert abgefüllt hätte. Dazu ist er zu rücksichtsvoll. Oder wie es eine seiner Verflossenen fälschlich formuliert: zu bequem. Walter plaudert gerne, tanzt gelegentlich Zappel, und wenn er jemanden betrunken macht, dann sich selbst. Seine Devise lautet: „Et kütt, wat kütt“. Und sollte ihm nicht zusagen, die sich da in emanzipierter Manier seiner annimmt, sucht er frühzeitig, aber freundlich das Weite. Bisweilen brummt er zufrieden: „Es ist eine der wenigen guten Errungenschaften der Moderne, dass Mann und Frau wenigstens auf diesem Feld die Ungleichheit der Vergangenheit vergangen sein lassen können.“

Von Mitte Januar an herrscht bei ihm, wie gesagt, Fastnachtsvorbereitungsstress. Was zu Übersprungsreaktionen führt, etwa enervierendem Gehoppse. Was, zur Hölle, treibst du da? Antwort: Neue Karnevalstänze erfinden. Beispielweise den „Berlin-Brandenburgischen Stehblues“ kombiniert mit dem „Wowereit'schen Eiertanz“. Oder die „Steinbrück'sche Fettnäpfchen-Polka“. Speziell für Kölner Gardetanzpaare hat Walter eine neue Hebefigur kreiert: den „Domrüttler“. Dabei schüttelt der unten marschierende Offizier in kurzen Abständen das hoch droben auf seinen Händen hockende Mariechen, auf dass es jedesmal erzittre.

Zu Walters choreografischen Bemühungen gesellen sich hanebüchene Versuche, folgende Kalauer in Bütt-taugliche Knittel zu packen: Kommen die Hanseaten mit der Elbphilharmonie nicht weiter, sollten sie Koblenzer Fachleute engagieren; die kennen sich aus mit Bauverzögerungen. Weil in Stuttgart vergessen wurde, dass ein unterirdischer Bahnhof via Tunnel angefahren werden muss, sollte man Kölner U-Bahn-Bauer zur Rate ziehe; die haben Erfahrung mit Großbauten untenrum und Nebenwirkungen. Wegen der Rütteleffekte sollten allerdings die Kölner ihrerseits die Expertise der Achterbahn-Spezialisten am Nürburgring nutzen; dort sind seit Monaten keine Vibrationen mehr aufgetreten.

Au backe. Ich wünschte, Walter wär' schon auf Jucht. Dann könnte endlich wieder Ruhe einkehren – sofern mich nicht zuletzt selbst Wibbelkeit befällt und zum Narren macht. Hellolaulaf!

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 5. Woche 2013)

 

Quergedanken Nr. 95

Liebe Leser/innen, haben Sie den dienstbaren Geistern zu Weihnachten eine Anerkennung zukommen lassen? Falls nicht: nachholen! Silvester wäre passend, aber auch jeder sonstige Tag. Sie haben es verdient, die Müllwerker, Zeitungsausträger, Putzkräfte, Kinderfrauen, Altenversorger, Paketfahrer e tutti quanti. Ich bin gewiss kein Freund weihnachtlicher Geschenkpflichtorgien, aber das einst selbstverständliche „Trinkgeld“ für die meist hundsmiserabel bezahlten Dienstleistungsarbeiter/innen bleibt mir ein Anliegen.

Gebt nach Vermögen und seid nicht geizig! Den im Keller verstaubten Discounter-Fusel aber könnt Ihr selber saufen und die Pralinen vom vorletzten Jahr ins eigene Maul stopfen. Trinkgeld – ob in Münz-/Scheinform oder als Naturalie, ob zum Jahresende oder bei jeder Gelegenheit gegeben – meint Anerkennung, nicht  Resteentsorgung. Erst recht meint es nicht Almosen; womöglich mit dem Anspruch verbunden, von gefälligst katzbuckelndem Personal als Hochwohlgeborenschaft behandelt zu werden. Dienstleister sind keine Diener; selbst im Wirtshaus wird BEdient, nicht GEdient.

Wirtin wie Kellnerin unsrer Stammkneipe sind herzliche und in ihrem Job gestandene Frauen. Freund Walter und ich fühlen uns da bestens aufgehoben. Aber wehe, es käme jemand auf die Idee, die beiden von oben herab abzufertigen: Die Damen würden sofort in selbstbewusster Unmissverständlichkeit klarmachen, was sich ziemt am republikanischen Mittelrhein. Und das ist gut so, weshalb wir gerne Trinkgeld geben. Sollte reichlich Geistesgetränk uns mal großkotzig überspendabel werden lassen, rettet die abrechnende Lady großherzig unsere Börsen mit der ernüchternden Bemerkung: „Und wovon sollen eure Kinder satt werden?!“

„Du musst das anders erklären“, unterbricht Walter. Denn es gäbe zu viele Leute, die glauben, einfache Arbeit sei ein absterbendes Randphänomen, deshalb zurecht schlecht bezahlt. Zu viele auch, die Geiz für geil halten oder gleich derart verrückt sind, dass sie sich in einem abstrusen Etablissement namens „Preis“ willkommen fühlen. „Sag ihnen“, so Walter, „was passiert, würden alle un-/angelernten Arbeitskräfte und Niedriglöhner in Deutschland plötzlich ausfallen.“

Also gut. Beispielsweise wäre die boomende Internet-Kauferei augenblicklich im Arsch, weil in den Umschlagzentren die Packer fehlten und Tausende Fahrer nicht unterwegs zum Kunden wären. Oder: Die Lebensmittel- und Technik-Märkte stünden ohne Nachschub, Regaleinräumer und Kassierinnen da. Just in time gingen der Industrie mangels LKW- und Staplerfahrern die Teile aus; mangels Putzkolonnen wären Büros, Krankenhäuser, Schulen, Ämter bald unbenutzbar. In den Kneipen gäb's nur noch Selbstbedienung oder gar nix; Museen, Tankstellen, Kantinen, Mc-Fastfoods müssten schließen. usw usf

Mit bösem Grinsen setzt Walter den Schlussakkord: „Nach längstens zwei Wochen wäre die ganze deutsche Herrlichkeit völlig zusammengebrochen. Soviel zur angeblichen Bedeutungslosigkeit einfacher Arbeit in der Wissensgesellschaft.“ Die Moral von der Geschicht? Hey, ihr Unternehmer und Politiker, behandelt und bezahlt all die Malocher endlich anständig! Ohne sie geht’s nicht. Obendrein sind sie am Ende des Arbeitstages, des Arbeitslebens mit Sicherheit ausgelaugter als ihr. Und für uns alle gilt: Ehret die, deren Arbeit vielleicht unkompliziert sein mag, aber meist eine Mühsal ist und nach wie vor unverzichtbar. Gebt ordentlich Trinkgeld!                                     

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 51/52 im Dezember 2012)

Quergedanken Nr. 94

Gelegentlich wünschen Leser, der Herr Querdenker möge sich mal mit diesem oder jenem speziellen Thema befassen. Jenseits des oft parteilichen Begehrs, er solle diversen Politikern, Mächtigen, Reichen wortgewaltig vors Schienbein treten, geht wiederholt der Wunsch ein: „Sei nicht immer so miesepetrig, die Welt hat unendlich viele schöne Seiten, schreib doch mal darüber!“ Dann fühle ich mich missverstanden. Denn die Welt war nie mein Problem, allenfalls die sie gedankenlos oder geldgeil verunstaltende Oberschlaumeier-Spezies.

Ich bin stets für das Schöne. Deshalb macht es keine Schwierigkeit, für die Weihnachtsausgabe den Blick mal darauf zu konzentrieren. Was ist das Schönste überhaupt? „Achtung“, quakt Freund Walter aus seiner November-Leseecke, „jetzt schleimt er sich wieder bei den Frauen ein.“ Knapp vorbei, mein Lieber. Das Schönste ist – neben dem Naturerleben – die Unterschiedlichkeit der Menschen. Denn wie trist wäre das Dasein, sähen wir alle gleich aus, redeten in einer Sprache, kochten und äßen alle bloß Schnitzel, trügen die gleichen Klamotten, beteten denselben Gott an, verträten reihum dieselben Meinungen.

Ich finde prima, dass es noch Leute gibt, die deutschen Schlager, Angela Merkel oder Peer Steinbrück mögen, selbst wenn mir das völlig unbegreiflich bleibt. Ich bin begeistert, dass sich Cliquen, Clubs, Belegschaften zum Glühweinabsacker auf Weihnachtsmärkten treffen, obwohl es mir schon beim Hingucken Schleimhäute und Hirnwindungen verklebt. Zugleich bin ich irritiert über den Versuch, auf dem Koblenzer Zentralplatz heuer einen „modernen Weihnachtsmarkt“ zu etablieren. Ist nicht das Wesen solcher Märkte gerade die Nostalgie, so wie das Wesen des regionalen Vorabendfernsehens pittoreske Heimattümelei zu sein scheint? Aber solange jemand Spaß an der einen oder anderen Art von Kitsch hat: nur zu. Bloß kommt mir nicht damit, das sei  deutsche Leitkultur und allgemeiner Maßstab des Glücks.  

Die Geschmäcker sind verschieden, Schönheit ist relativ. Gut so, selbst wenn es einen bisweilen graust. Walter etwa graust es vor der Winterfrauenmode aus kurzem Rock, bein-engen Strumpfhosen und dicken Stiefeln. Ich hingegen bin entzückt davon, weil m.E. solche Manier eine schöne frauliche Linie macht, sogar bei Mädchen und Damen, die vom (hässlichen) Magerideal der Laufstege ziemlich weit entfernt sind. Walter lässt eben noch als „vorteilhaft“ durchgehen, wenn die Stiefel leidlich hohe Absätze haben. Mir indes kommt es so vor, als nehme mit jedem Zentimeter mehr an Absatz der amazonenhafte Reiz der Trägerinnen ab.

Pardon, verehrte Leserinnen, dass Sie hier mit Männergesprächen behelligt werden. Doch, Hand aufs Herz: Wir wissen alle um die beiderseitigen Anziehungskräfte, die aus der wunderbaren Verschiedenartigkeit der Geschlechter erwachsen. Dagegen kommt nichtmal ein US-General an. Dennoch muss der Mann seinen Job an den Nagel hängen. Nicht etwa wegen Geheimnisverrats, sondern wegen außerehelichen Techtelmechtels nebst 30000 „unangemessenen e-Mails“. Was, bitteschön, könnte an den Aaaahs und Oooohs brieflicher Lustbarkeit zwischen zwei sich privat aus freien Stücken begehrenden Erwachsenen so unangemessen sein, dass es die Staatsräson betrifft? Die ham sie nicht mehr alle, die amerikanischen Scheinmoralisten! Über diesen Unterschied zum aufgeklärten Europa dürfen wir uns köstlich aufregen. Auch ein schönes Gefühl, gelle?                                       

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 48 im November 2012)

 

Quergedanken Nr. 93

„Der Alte vom Berg grantelt schon wieder, weil das 20. Jahrhundert vorbei ist“: So oder ähnlich reagierten selbst mir sonst wohlgesonnene Mitmenschen auf die Reserviertheit gegenüber Smartphones und ihrer penetranten Dauernutzung in der Oktober-Querdenkerei (∇ vgl. hier). Liebe Leut', muss denn jeder gleich ein weltfremder, gestriger Kauz sein, dem es bei so manchem neumodischen Kram an spontan bedenkenlosem Entzücken mangelt? Gewiss war früher nicht alles besser. Aber ebenso gilt halt: Nicht alles Neue ist automatisch gut.

Jedes dritte Jahr suche ich im großen Gewerbegebiet nördlich von Koblenz einen Laden auf, um die durchgelatschten Geländeschuhe durch neue (am liebsten gleichen, bewährten Typs) zu ersetzen. Doch jedesmal wird die Fahrt dorthin mühseliger, auch gefährlicher. Warum? Erstens: Weil der Verkehr wieder zugenommen hat. Zweitens: Weil zugleich ein Meer von Fahnen, Plakaten, Bannern, Schildern einen derart mit visuellen Reizen überflutet, dass man bald nicht mehr weiß, wohin gucken. Verständliche, aber in der Sache erkennbar kontraproduktive Konsequenz der Geschäfte im Ringen um Wahrnehmbarkeit: noch mehr Werbung an noch zahlreicheren, größeren, höheren Stangen, Stellagen, Wänden und – jüngster Trend – an in den Himmel wachsenden Turmaufbauten.

Das ist nicht nur in jedem Gewerbegebiet so. Es beglücken inzwischen sämtliche Städte Besucher mit werblich zuwuchernden Einfallstraßen und Fußgängerzonen. Der nächste Entwicklungsschritt lässt sich absehen: Werbeflächen, die alle paar Sekunden das Motiv wechseln, und haushohe Bildschirme, deren Flimmerbotschaften rund um die Uhr Fußgänger und Autofahrer zu Unaufmerksamkeit für die Realität nötigen. Jede Wette, dass solches Gedöhns wirtschaftlicher Unfug ist – die Verkehrsunfallstatistik noch oben treibt, aber sich auf die Handelsumsätze kaum auswirkt. Und nun die Frage, liebe Freunde: Muss ich diesen Quatsch gut finden, nur weil er im Trend liegt, sich als normal eingeschlichen hat? Fällt mir im Traum nicht ein!

Ich bin keineswegs grundsätzlich gegen Werbung. Doch will ich weder Stadt und Land darin ersaufen sehen, erst recht nicht von ihr als Blödmann behandelt werden. Wie neulich vom Kabelnetz-Betreiber. Der drohte mit Tamtam „Verbesserung unseres Angebots für Sie“ an. Heraus kam eine Neubelegung der Senderpositionen und stundenlanges entnervendes Klimpern auf der Fernbedienung, um den Fernseher wieder halbwegs brauchbar zu machen. Von Verbesserung indes keine Spur. Oder das Versprechen auf Männerparfüms, die selbst kühlste Schönheiten sogleich vor Begierde glühen lassen. Freund Walter hat die Wässerchen getestet – und ging nachher doch alleine, aber erbärmlich miefend zu Bette.

Den Vogel abgeschossen hat jüngst ein werbetextender Sprücheklopfer anlässlich einer Geschäftseröffnung in Koblenz: „Das ist kein Einkaufszentrum, das ist DEINE neue Heimat“, betitelte er ein Prospekt.  Der Typ hält die Mittelrheiner offenbar für vollkommen meschugge oder inzwischen für derart degeneriert, dass er meint, ihnen ein profanes Kaufhaus als idealen wie ideellen Heimatersatz aufschwatzen zu können. Oder aber, und jetzt wird’s bitterernst, dieser Werbetexter gehört einem neuen Menschenschlag an, der sich tatsächlich erst zwischen Stile-Shops und Food-Court richtig „beheimatet“ fühlt. Wenn das Fortschritt sein soll, rechne ich mir den Vorwurf „gestriger Kauz“ als Ehrentitel an.            

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 43/44. Woche Oktober/November 2012)

 

Seiten