Quergedanken

Quergedanken Nr. 97

Das hat jetzt gerade noch gefehlt: Da wirft mir einer(!) Sexismus vor. Ausgerechnet mir, der ich seit den frühen 1970ern meine Lektionen (bisweilen recht heftige) in Sachen Gleichberechtigung durch Frauen erhalten habe, die Anmacher wie den schmalz-säuselnden Herrn Brüderle mit nur einem einzigen Blick vom Barhocker gefegt hätten. Gestandene Prachtfrauen, die nie Dämchen sein wollten, deshalb weder Tussis noch Gattenschatten wurden.

Die sind durch Schulen gegangen, in denen „Stern“-Kollegin Himmelreich auch mal ein paar Stunden hätte nehmen sollen. Schon als Mädchen holten sie Märchenprinzen vom hohen Ross. Im zarten Jugendalter boten sie autoritären Vätern, Lehrern, Chefs die Stirn. Einige davon behaupteten sich In Brokdorf, an der Startbahn West und anderswo sogar gegen Wasserwerfer und Polizeihundertschaften. Wie sollten derart gereiften Frauen irgendwelche Chauvi-Schnösel ungestraft blöd kommen dürfen?!

Macht und Geld machen Männer sexy, heißt es. Was'n Quatsch! Die Frauen, von denen ich hier  rede, macht beides sofort misstrauisch. Beim Aufgalopp getunter Porsche-Pfauen, gegeelter Bonus-Yuppies oder graumelierter VIP-Hengste schalten sie ebenso selbstverständlich auf wehrhaften Abwatschmodus wie beim Anrollen stumpfsinniger Bagger-Heroes der RTL2-Klasse. Wehe dem Kerl, der einer dieser Frauen ohne ihr Einverständnis auf die Pelle rückt: Er wünschte sich bald, er hätte das Maul gehalten, die Finger bei sich, und wäre weit, weit weg.

Glücklich aber der Mann, dem ihr Einverständnis zuteil wird. Für ihn beginnt eine spannende Zeit, in der er die Welt und sich selbst neu entdeckt. Dabei kann er das Wunderbare befreiter, unabhängiger, selbstbewusster und so erst voll entfalteter Weiblichkeit kennenlernen – sei es für die Partnerschaft einer Nacht oder die Gefährtenschaft auf Jahre, gar ein ganzes Leben.

„Nun krieg dich mal wieder ein“, knurrt Walter missgelaunt. „Diese Sexismus-Debatte ist doch sowieso Kappes, Schnee von gestern.“ Ei, mein Lieber, plagen dich etwa noch die Abfuhren, die du dir neulich eingefangen hast. Hätt' ich dir vorher sagen können, dass selbst kultivierte Flirtversuche aussichtslos sind, wenn du als mittvierziger Altgockel bei einer Erstsemester-Fete auf Brautschau gehst. „Es gibt Ausnahmen!“, blafft der Freund. Freilich, eine auf zehntausend, vielleicht. Das ist dann jene Ausnahme, die die Regel bestätigt, wonach heutzutage das historische Prinzip „wohlsituiertem älterem Mann steht junge Frau zu“ nicht mehr gilt. Ach Walter, 19-jährige Studentinnen: Du machst dich doch zum Deppen – wie Brüderle und andere Greisenschleimer. „Is ja gut Alter, ich hab's begriffen“, mault der Freund frustriert. „Wir schließen das Kapitel jetzt besser, sonst heißt es wieder, deine Kolumne sei sexistisch.“

Diesen Vorwurf hat es, siehe oben, tatsächlich gegeben. Aber halt, Herr- und Frauschaften, so geht das nun auch wieder nicht. Das Reden über Geschlechterbeziehungen und Sex ist ja keineswegs per se Sexismus. Dazu wird es erst, wenn man dem Gegenüber in (wie die Bayern sagen) hinterfotziger Absicht schlüpfriges Gesülze aufdrängt. Es verhält sich damit wie mit dem Augenmerk, das wir alle – Männlein und Weiblein, die einen mehr, die andern weniger – auf attraktive Vertreter des anderen Geschlechts richten: Schauen ist unsere Natur; der dezente Blick ist Kultur; giergeiferndes Gaffen und Stieren mit anzüglichen Zoten auf den Lippen, das ist Sexismus.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 9 im Februar 2013)

Quergedanken Nr. 96

Jedes Jahr der gleiche Zirkus. Kaum zeichnen sich am kalendarischen Horizont die Fastnachtstage ab, wird Walter wibbelig. Der sonst in schier allen Lebenslagen zu Entschleunigung neigende Freund nimmt gestresste Züge an. In der Firma Urlaub beantragen und durchsetzen: von Schwerdonnerstag bis Aschermittwoch; inklusive selbstredend. Wägen und entscheiden: Soll die närrische Lustreise heuer eher in kölsche oder in määnzerische Gefilde gehen? Schleunigst dorten ein Hotelzimmer reservieren – obwohl er über die Jahre fast keines benutzte, weil ihm nach erwärmender Schunkelage meist anderweitig angenehme Gastfreundschaft zuteil wurde.

Ja, ja, Walter weiß, dass es auch am Mittelrhein zünftig rundgeht. Aber hier kennen ihn und kennt er zu viele Leute; das beschneidet die Möglichkeiten des Loslassens gemäß ehrwürdiger Karnevalstradition. Man könnt' ihm am Ort später übel nachreden, ihn einen liederlichen Kerl zeihen, der von den Göttern Jocus und Bacchus liebgereizte Froileins oder angeheizte Frowens zu Unstatthaftigkeiten verführt habe. Dabei: In Walter einen Don Juan zu sehen, wäre so verfehlt wie in Rösler einen Hoffnungsträger oder in Bankvorständen Bettelmönche.

Nie habe ich erlebt, dass der Freund eine Lady kirre geraspelt, hintersinnig in Hitze getanzt, gar renditeorientiert abgefüllt hätte. Dazu ist er zu rücksichtsvoll. Oder wie es eine seiner Verflossenen fälschlich formuliert: zu bequem. Walter plaudert gerne, tanzt gelegentlich Zappel, und wenn er jemanden betrunken macht, dann sich selbst. Seine Devise lautet: „Et kütt, wat kütt“. Und sollte ihm nicht zusagen, die sich da in emanzipierter Manier seiner annimmt, sucht er frühzeitig, aber freundlich das Weite. Bisweilen brummt er zufrieden: „Es ist eine der wenigen guten Errungenschaften der Moderne, dass Mann und Frau wenigstens auf diesem Feld die Ungleichheit der Vergangenheit vergangen sein lassen können.“

Von Mitte Januar an herrscht bei ihm, wie gesagt, Fastnachtsvorbereitungsstress. Was zu Übersprungsreaktionen führt, etwa enervierendem Gehoppse. Was, zur Hölle, treibst du da? Antwort: Neue Karnevalstänze erfinden. Beispielweise den „Berlin-Brandenburgischen Stehblues“ kombiniert mit dem „Wowereit'schen Eiertanz“. Oder die „Steinbrück'sche Fettnäpfchen-Polka“. Speziell für Kölner Gardetanzpaare hat Walter eine neue Hebefigur kreiert: den „Domrüttler“. Dabei schüttelt der unten marschierende Offizier in kurzen Abständen das hoch droben auf seinen Händen hockende Mariechen, auf dass es jedesmal erzittre.

Zu Walters choreografischen Bemühungen gesellen sich hanebüchene Versuche, folgende Kalauer in Bütt-taugliche Knittel zu packen: Kommen die Hanseaten mit der Elbphilharmonie nicht weiter, sollten sie Koblenzer Fachleute engagieren; die kennen sich aus mit Bauverzögerungen. Weil in Stuttgart vergessen wurde, dass ein unterirdischer Bahnhof via Tunnel angefahren werden muss, sollte man Kölner U-Bahn-Bauer zur Rate ziehe; die haben Erfahrung mit Großbauten untenrum und Nebenwirkungen. Wegen der Rütteleffekte sollten allerdings die Kölner ihrerseits die Expertise der Achterbahn-Spezialisten am Nürburgring nutzen; dort sind seit Monaten keine Vibrationen mehr aufgetreten.

Au backe. Ich wünschte, Walter wär' schon auf Jucht. Dann könnte endlich wieder Ruhe einkehren – sofern mich nicht zuletzt selbst Wibbelkeit befällt und zum Narren macht. Hellolaulaf!

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 5. Woche 2013)

 

Quergedanken Nr. 95

Liebe Leser/innen, haben Sie den dienstbaren Geistern zu Weihnachten eine Anerkennung zukommen lassen? Falls nicht: nachholen! Silvester wäre passend, aber auch jeder sonstige Tag. Sie haben es verdient, die Müllwerker, Zeitungsausträger, Putzkräfte, Kinderfrauen, Altenversorger, Paketfahrer e tutti quanti. Ich bin gewiss kein Freund weihnachtlicher Geschenkpflichtorgien, aber das einst selbstverständliche „Trinkgeld“ für die meist hundsmiserabel bezahlten Dienstleistungsarbeiter/innen bleibt mir ein Anliegen.

Gebt nach Vermögen und seid nicht geizig! Den im Keller verstaubten Discounter-Fusel aber könnt Ihr selber saufen und die Pralinen vom vorletzten Jahr ins eigene Maul stopfen. Trinkgeld – ob in Münz-/Scheinform oder als Naturalie, ob zum Jahresende oder bei jeder Gelegenheit gegeben – meint Anerkennung, nicht  Resteentsorgung. Erst recht meint es nicht Almosen; womöglich mit dem Anspruch verbunden, von gefälligst katzbuckelndem Personal als Hochwohlgeborenschaft behandelt zu werden. Dienstleister sind keine Diener; selbst im Wirtshaus wird BEdient, nicht GEdient.

Wirtin wie Kellnerin unsrer Stammkneipe sind herzliche und in ihrem Job gestandene Frauen. Freund Walter und ich fühlen uns da bestens aufgehoben. Aber wehe, es käme jemand auf die Idee, die beiden von oben herab abzufertigen: Die Damen würden sofort in selbstbewusster Unmissverständlichkeit klarmachen, was sich ziemt am republikanischen Mittelrhein. Und das ist gut so, weshalb wir gerne Trinkgeld geben. Sollte reichlich Geistesgetränk uns mal großkotzig überspendabel werden lassen, rettet die abrechnende Lady großherzig unsere Börsen mit der ernüchternden Bemerkung: „Und wovon sollen eure Kinder satt werden?!“

„Du musst das anders erklären“, unterbricht Walter. Denn es gäbe zu viele Leute, die glauben, einfache Arbeit sei ein absterbendes Randphänomen, deshalb zurecht schlecht bezahlt. Zu viele auch, die Geiz für geil halten oder gleich derart verrückt sind, dass sie sich in einem abstrusen Etablissement namens „Preis“ willkommen fühlen. „Sag ihnen“, so Walter, „was passiert, würden alle un-/angelernten Arbeitskräfte und Niedriglöhner in Deutschland plötzlich ausfallen.“

Also gut. Beispielsweise wäre die boomende Internet-Kauferei augenblicklich im Arsch, weil in den Umschlagzentren die Packer fehlten und Tausende Fahrer nicht unterwegs zum Kunden wären. Oder: Die Lebensmittel- und Technik-Märkte stünden ohne Nachschub, Regaleinräumer und Kassierinnen da. Just in time gingen der Industrie mangels LKW- und Staplerfahrern die Teile aus; mangels Putzkolonnen wären Büros, Krankenhäuser, Schulen, Ämter bald unbenutzbar. In den Kneipen gäb's nur noch Selbstbedienung oder gar nix; Museen, Tankstellen, Kantinen, Mc-Fastfoods müssten schließen. usw usf

Mit bösem Grinsen setzt Walter den Schlussakkord: „Nach längstens zwei Wochen wäre die ganze deutsche Herrlichkeit völlig zusammengebrochen. Soviel zur angeblichen Bedeutungslosigkeit einfacher Arbeit in der Wissensgesellschaft.“ Die Moral von der Geschicht? Hey, ihr Unternehmer und Politiker, behandelt und bezahlt all die Malocher endlich anständig! Ohne sie geht’s nicht. Obendrein sind sie am Ende des Arbeitstages, des Arbeitslebens mit Sicherheit ausgelaugter als ihr. Und für uns alle gilt: Ehret die, deren Arbeit vielleicht unkompliziert sein mag, aber meist eine Mühsal ist und nach wie vor unverzichtbar. Gebt ordentlich Trinkgeld!                                     

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 51/52 im Dezember 2012)

Quergedanken Nr. 94

Gelegentlich wünschen Leser, der Herr Querdenker möge sich mal mit diesem oder jenem speziellen Thema befassen. Jenseits des oft parteilichen Begehrs, er solle diversen Politikern, Mächtigen, Reichen wortgewaltig vors Schienbein treten, geht wiederholt der Wunsch ein: „Sei nicht immer so miesepetrig, die Welt hat unendlich viele schöne Seiten, schreib doch mal darüber!“ Dann fühle ich mich missverstanden. Denn die Welt war nie mein Problem, allenfalls die sie gedankenlos oder geldgeil verunstaltende Oberschlaumeier-Spezies.

Ich bin stets für das Schöne. Deshalb macht es keine Schwierigkeit, für die Weihnachtsausgabe den Blick mal darauf zu konzentrieren. Was ist das Schönste überhaupt? „Achtung“, quakt Freund Walter aus seiner November-Leseecke, „jetzt schleimt er sich wieder bei den Frauen ein.“ Knapp vorbei, mein Lieber. Das Schönste ist – neben dem Naturerleben – die Unterschiedlichkeit der Menschen. Denn wie trist wäre das Dasein, sähen wir alle gleich aus, redeten in einer Sprache, kochten und äßen alle bloß Schnitzel, trügen die gleichen Klamotten, beteten denselben Gott an, verträten reihum dieselben Meinungen.

Ich finde prima, dass es noch Leute gibt, die deutschen Schlager, Angela Merkel oder Peer Steinbrück mögen, selbst wenn mir das völlig unbegreiflich bleibt. Ich bin begeistert, dass sich Cliquen, Clubs, Belegschaften zum Glühweinabsacker auf Weihnachtsmärkten treffen, obwohl es mir schon beim Hingucken Schleimhäute und Hirnwindungen verklebt. Zugleich bin ich irritiert über den Versuch, auf dem Koblenzer Zentralplatz heuer einen „modernen Weihnachtsmarkt“ zu etablieren. Ist nicht das Wesen solcher Märkte gerade die Nostalgie, so wie das Wesen des regionalen Vorabendfernsehens pittoreske Heimattümelei zu sein scheint? Aber solange jemand Spaß an der einen oder anderen Art von Kitsch hat: nur zu. Bloß kommt mir nicht damit, das sei  deutsche Leitkultur und allgemeiner Maßstab des Glücks.  

Die Geschmäcker sind verschieden, Schönheit ist relativ. Gut so, selbst wenn es einen bisweilen graust. Walter etwa graust es vor der Winterfrauenmode aus kurzem Rock, bein-engen Strumpfhosen und dicken Stiefeln. Ich hingegen bin entzückt davon, weil m.E. solche Manier eine schöne frauliche Linie macht, sogar bei Mädchen und Damen, die vom (hässlichen) Magerideal der Laufstege ziemlich weit entfernt sind. Walter lässt eben noch als „vorteilhaft“ durchgehen, wenn die Stiefel leidlich hohe Absätze haben. Mir indes kommt es so vor, als nehme mit jedem Zentimeter mehr an Absatz der amazonenhafte Reiz der Trägerinnen ab.

Pardon, verehrte Leserinnen, dass Sie hier mit Männergesprächen behelligt werden. Doch, Hand aufs Herz: Wir wissen alle um die beiderseitigen Anziehungskräfte, die aus der wunderbaren Verschiedenartigkeit der Geschlechter erwachsen. Dagegen kommt nichtmal ein US-General an. Dennoch muss der Mann seinen Job an den Nagel hängen. Nicht etwa wegen Geheimnisverrats, sondern wegen außerehelichen Techtelmechtels nebst 30000 „unangemessenen e-Mails“. Was, bitteschön, könnte an den Aaaahs und Oooohs brieflicher Lustbarkeit zwischen zwei sich privat aus freien Stücken begehrenden Erwachsenen so unangemessen sein, dass es die Staatsräson betrifft? Die ham sie nicht mehr alle, die amerikanischen Scheinmoralisten! Über diesen Unterschied zum aufgeklärten Europa dürfen wir uns köstlich aufregen. Auch ein schönes Gefühl, gelle?                                       

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 48 im November 2012)

 

Quergedanken Nr. 93

„Der Alte vom Berg grantelt schon wieder, weil das 20. Jahrhundert vorbei ist“: So oder ähnlich reagierten selbst mir sonst wohlgesonnene Mitmenschen auf die Reserviertheit gegenüber Smartphones und ihrer penetranten Dauernutzung in der Oktober-Querdenkerei (∇ vgl. hier). Liebe Leut', muss denn jeder gleich ein weltfremder, gestriger Kauz sein, dem es bei so manchem neumodischen Kram an spontan bedenkenlosem Entzücken mangelt? Gewiss war früher nicht alles besser. Aber ebenso gilt halt: Nicht alles Neue ist automatisch gut.

Jedes dritte Jahr suche ich im großen Gewerbegebiet nördlich von Koblenz einen Laden auf, um die durchgelatschten Geländeschuhe durch neue (am liebsten gleichen, bewährten Typs) zu ersetzen. Doch jedesmal wird die Fahrt dorthin mühseliger, auch gefährlicher. Warum? Erstens: Weil der Verkehr wieder zugenommen hat. Zweitens: Weil zugleich ein Meer von Fahnen, Plakaten, Bannern, Schildern einen derart mit visuellen Reizen überflutet, dass man bald nicht mehr weiß, wohin gucken. Verständliche, aber in der Sache erkennbar kontraproduktive Konsequenz der Geschäfte im Ringen um Wahrnehmbarkeit: noch mehr Werbung an noch zahlreicheren, größeren, höheren Stangen, Stellagen, Wänden und – jüngster Trend – an in den Himmel wachsenden Turmaufbauten.

Das ist nicht nur in jedem Gewerbegebiet so. Es beglücken inzwischen sämtliche Städte Besucher mit werblich zuwuchernden Einfallstraßen und Fußgängerzonen. Der nächste Entwicklungsschritt lässt sich absehen: Werbeflächen, die alle paar Sekunden das Motiv wechseln, und haushohe Bildschirme, deren Flimmerbotschaften rund um die Uhr Fußgänger und Autofahrer zu Unaufmerksamkeit für die Realität nötigen. Jede Wette, dass solches Gedöhns wirtschaftlicher Unfug ist – die Verkehrsunfallstatistik noch oben treibt, aber sich auf die Handelsumsätze kaum auswirkt. Und nun die Frage, liebe Freunde: Muss ich diesen Quatsch gut finden, nur weil er im Trend liegt, sich als normal eingeschlichen hat? Fällt mir im Traum nicht ein!

Ich bin keineswegs grundsätzlich gegen Werbung. Doch will ich weder Stadt und Land darin ersaufen sehen, erst recht nicht von ihr als Blödmann behandelt werden. Wie neulich vom Kabelnetz-Betreiber. Der drohte mit Tamtam „Verbesserung unseres Angebots für Sie“ an. Heraus kam eine Neubelegung der Senderpositionen und stundenlanges entnervendes Klimpern auf der Fernbedienung, um den Fernseher wieder halbwegs brauchbar zu machen. Von Verbesserung indes keine Spur. Oder das Versprechen auf Männerparfüms, die selbst kühlste Schönheiten sogleich vor Begierde glühen lassen. Freund Walter hat die Wässerchen getestet – und ging nachher doch alleine, aber erbärmlich miefend zu Bette.

Den Vogel abgeschossen hat jüngst ein werbetextender Sprücheklopfer anlässlich einer Geschäftseröffnung in Koblenz: „Das ist kein Einkaufszentrum, das ist DEINE neue Heimat“, betitelte er ein Prospekt.  Der Typ hält die Mittelrheiner offenbar für vollkommen meschugge oder inzwischen für derart degeneriert, dass er meint, ihnen ein profanes Kaufhaus als idealen wie ideellen Heimatersatz aufschwatzen zu können. Oder aber, und jetzt wird’s bitterernst, dieser Werbetexter gehört einem neuen Menschenschlag an, der sich tatsächlich erst zwischen Stile-Shops und Food-Court richtig „beheimatet“ fühlt. Wenn das Fortschritt sein soll, rechne ich mir den Vorwurf „gestriger Kauz“ als Ehrentitel an.            

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 43/44. Woche Oktober/November 2012)

 

Quergedanken Nr. 92

Seit Wochen kriege ich zwei Sätze nicht aus dem Kopf, die mir beim Zeitungslesen zwischen die Füße gefallen sind. Der erste geht so: „Die Kasse muss stimmen, aber zu viel rechnen macht schlechte Laune.“ Das scheint mir eine kluge Haltung bei allen Geldfragen zu sein und dem Finanzsektor die angemessene Bedeutung zuzuweisen. Hieße etwa für die Renten- und Lohndiskussion: Schluss mit der dämlichen Zuschuss- und Ergänzungs-Rechnerei! Auskömmliche Löhne und Grundrente für alle, basta! Der zweite Satz prickelt in seiner weisen Schlichtheit ähnlich angenehm durchs Hirn: „Ich bin nicht gegen diese Maschinchen, aber ich selbst benutze keines.“ Gemünzt war der Ausspruch auf Handys und Smartphones.

Dieser Satz steht in der Tradition aufgeklärter Toleranz. Danach möge jeder nach eigener Fasson glücklich werden. Für die meisten Zeitgenossen scheint Glück neuerdings an das Gefühl gebunden,  quasselndes, wedelndes, tippsendes Anhängsel eines weltumspannenden Digitalnetzes zu sein. Ihr diesbezügliches Verlangen ist so stark, dass es die herkömmliche Geselligkeit verdrängt. Da hocken Freunde zusammen, reden aber nicht miteinander, sondern kommunizieren jeder für sich mit der großen weiten Welt – und selbst von einem Bierdeckel zum nächsten am liebsten via Facebook, E-Mail oder SMS. Ihre Sache. Mein Glück geht anders, stellt sich dann verstärkt ein, wenn ich mich vom Netz abkopple, wieder Herr meiner Zeit, Gedanken, Gefühle bin.

Ach Gott, werden Sie sagen, schon wieder dieser Technikpessimismus. Und Sie werden darauf verweisen, dass es auch bei Einführung des Fernsehens geheißen hatte, die Glotzerei mache dumm, dick, träge, einsam. Ist es etwa so gekommen? Antwort: Ja, genau so. Nur merken wir es nicht, weil täglich drei, vier und mehr Stunden vor der Mattscheibe so normal geworden sind wie die Abwesenheit von Wirtshäusern auf den Dörfern, das Wegschrumpfen der Vereine oder die  quotengeile Zurschaustellung völliger Verblödung. Ich bin nicht gegen das Fernsehen, aber ich ringe darum, meinen Fernsehkonsum zu reduzieren – um mehr Lebensqualität zu gewinnen.

Mehr Reisequalität hatte sich Freund Walter versprochen, als er jüngst für eine ICE-Fahrt bei der Deutschen Bahn einen Platz in der „Ruhezone“ buchte. Handy-Nutzung ist da nämlich verboten. Eigentlich. Doch im Ruhe-Waggon scherte sich kein Mensch um die überall angebrachten Schilder mit durchgestrichenem Handy. Eine halbe Stunde erduldete er das permanente Gebimmel, Getute, fernmündliche Geschwalle. Dann stellte er sich mitten in den Gang, zog eine fette Zigarre aus der Tasche und führte demonstrativ sein Feuerzeug in Richtung Tabakrolle. Ein Aufschrei der Empörung ringsumher – auf den der Freund mit der gelassenen Erklärung antwortete: „Wenn das Zeichen mit dem durchgestrichenen Handy bedeutet, dass Telefonieren in diesem Wagen erlaubt ist, dann kann das Zeichen daneben mit der durchgestrichenen Zigarette nur bedeuten.....“. Von da an herrschte Ruhe in der „Ruhezone“.

Es gibt übrigens ein paar interessante Zeichen am Horizont. In Hamburg, Berlin und Frankfurt  kursieren Einladungen zu einem neuartigen Typ von Parties: die No-Smartphone-Party. Von jüngeren Leuten zwischen 25 und 35 in Mainz und Bonn höre ich, dass beim gemeinsamen Ausgehen und/oder Feiern in gewissen Kreisen die Benutzung von Smartphones inzwischen als ziemlich uncool gilt. Siehste: Walter und ich waren mal wieder Trendsetter.  

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 39 im September 2012)

Quergedanken Nr. 91

Habt Ihr Olympia geguckt? Oder hieltet Ihr es wie Walter? Der zeigte den Spielen die kalte Schulter, schimpfte sie „geldgeile, nationalchauvenistische Leistungszuchtschau im Gewand edler Olympikidee“. So ganz falsch liegt er nicht, übertreibt aber wohl etwas. Jedenfalls traktierte der Freund mich tagelang mit ätzenden Spitzen, denn ich habe Olympia geguckt. Sogar mit Vergnügen – obwohl  reichlich Vorschusslorbeer für deutschländische Favoriten vorzeitig vertrocknete: abgesoffen die Kampfschwimmer, abgestochen die Schwertrecken, schieläugig die Schützeninfanterie, vergaloppiert die Kavallerie.    

In Scharen ging anfangs „unseren“ gesetzten Sieg-Aspiranten die Puste aus. Das Geheul daheim war arg. Trost spendeten dann Randfiguren wie Hallenradler, Paddelboot-Skipper,  volleyballernde Strandboys oder Schäferstock-Künstler (Hockey). Ich brauchte keinen Trost. Mir nämlich gehen Ländermedaillenspiegel, Hymnengeblase, Fahnengewedel sowieso am Allerwertesten vorbei. Gleich tönt die Frage: Was könnte einen an Olympia denn anderes interessieren als der Wettstreit der Nationen? Ach Leute, was wohl: der Sport selbst nebst Fertigkeiten wie Befindlichkeiten der Sportler – egal unter welcher Flagge.

„Sportlerinnen!“, quakt Walter dazwischen. „Es sind die knackigen Ladies in ihren knappen  Dresses, die dich vor die Glotze locken.“ Kreuzgewitter, der Kerl kann nerven! Natürlich sind mir lächelnd winkende, hübsche Läuferinnen sympathischer als killergesichtige Läufer mit Kriegergehabe. Aber der Sexappeal von Athletinnen ist so eine Sache. Schmiegsamkeiten durch stählerne Muskeln ersetzt: Da könnt' man(n) sich beim Schmusen blaue Flecken stoßen. Mein Geschmack sind die systematisch optimierten, extrem spezialisierten Leistungsmaschinen nicht, weder weibliche noch männliche, weder ästhetisch noch erotisch.

Gleichwohl: Ich mag spleenige Typen, die sich völlig nutzlosen Passionen hingeben. Es sollen ja unter den Olympioniken auch noch einige nur aus Lust an der Freud schwitzen, statt des Mammons wegen. Im Kreis rennen oder hin- und herschwimmen, um möglichst schnell wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Speere werfen, die nichts erlegen sollen. Über Hindernisse springen, die man sich absichtlich in den Weg stellt. Lasten stemmen, nur um sie wieder fallen zu lassen. Das ist doch beknackt – und deshalb in Zeiten des Nützlichkeitswahns wunderbar.

Es reizt mich an Olympia zudem der persönliche Nostalgiefaktor. Weit- und Hochsprung, Basket- und Volleyball waren mal meine ersten Jugendsünden. Dem Teufelspakt mit Mädels, Kneipe, Rock`n`Roll und Weltverbesserung ging tatsächlich eine Lebensphase sportiver Mühen und Träume voraus. Die Mühen waren vergeblich, die Träume schnell verflogen. Wohl auch, weil man mit 1,81 Körperlänge im Wettstreit der Lulatsche halt ein chancenloser Winzling bleibt. Dennoch fiebert Jahrzehnte später der aufgedunsene Leib vor dem Fernseher mit bei Anlauf, Absprung, Zenitimpuls, Landephase.

Ach, schön war's damals – auf den Plätzen (meist hinteren) zu landen, das aber mit Würde. Mein Daumendrücken galt jetzt jenem Russen in London, der den Hochsprung gewann. Der langhaarige Typ erinnerte mich an mich, auch wenn seine Goldhöhe einen guten halben Meter über meiner  einstigen Höchstmarke bei irgendeinem badischen Jugendwettbewerb lag. Fast juckt es, mal wieder die Trainingstasche zu packen. Walter zeigt mir den Vogel. Er hat ja recht – trotzdem...       

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 35 Woche im August 2012)

Quergedanken Nr. 90

Eigentlich habe ich nicht die geringste Lust, jetzt diese Kolumne zu schreiben. Denn eigentlich bin ich seit drei Tagen im Urlaub. Nein, der Autor sitzt keineswegs mit Laptop vor sich in einer fernen Strandbar oder auf einer Hotelterrasse.  Nein, er stiert nicht mit dösigem Blick in die Weinkaraffe respektive dusselig versonnen den Bikinischönheiten hinterdrein. Er hockt stattdessen am gewohnten Schreibtisch – und klaubt die letzten Gedankenzuckungen zusammen, bevor das Hirn vollends und für drei Wochen in wohliger Trägheit versinkt. Dann nämlich mache ich, was man gemeinhin „Urlaub auf Balkonien“ nennt. Allerdings hat unser Haus gar keinen Balkon, nur Wiese und Büsche drumrum. Aber „Urlaub in den Büschen“ kann man schlecht sagen, klingt ein bisschen anrüchig.

Grundbedingung für so eine Art Urlaub ist: abschalten. Computer, Tele- und i-Phones, Fernsehapparate. Also jenes Abkoppeln von den beunruhigenden Strukturen der Alltagswelt, das auch zu den wichtigsten Voraussetzungen für genussreiche Auswärtsurlaube zählt. Ja, ja, jetzt glotzt Ihr wieder verständnislos. Wisst nicht (mehr), wie das gehen soll: Urlaub ohne www-Anschluss, ohne e-Posting und Facebook, ohne Dauergeplapper mit den Lieben daheim oder sonstwo, ohne TV-Zapping am Abend. Man könnt' ja verlorengehn in der Fremde, so allein mit sich selbst, den Mitreisenden und Einheimischen. Man könnt ohne Satelliten-Navigation das Kolosseum nicht mehr finden, den Eifelturm übersehen, sich am Ballermann voll verlaufen oder bei der Eifelwanderung um 30 Minuten verirren.Na und?! Ein bisschen Verlaufen ist das Salz jeder Wanderung, der Pfeffer in jeder Städtetour. Das Alltägliche abzustreifen, das ist das Wesen von Urlaub. Ob einer dabei nur faul rumliegt oder munter auf Entdeckungstour geht, spielt keine Rolle.

Freund Walter beispielsweise kurvt seit zwei Wochen mit dem Auto von einer Ecke  Deutschlands zur anderen. Das ist recht anstrengend, aber er wollte einfach mal livehaftig sehen, was so abgeht zwischen Küste und Alpen. Alle paar Tage kommt 'ne Postkarte, darauf kurz notiert: „Kleinstädte an der Nordsee haben alle Aldi, Lidl, Penny, Netto, Rewe, Kick, McDonalds.“ Bald darauf: „In allen Einkaufsstraßen ostdeutscher Städte gibt es Aldi, Lidl, Netto, Penny, Rewe, Kick, McDonalds.“ Wieder etwas später: „Da wirst narrisch, überall in Bayern  kannst einkaufen bei Aldi, Lidl, Penny, Netto, Rewe, Kick, McDonalds.“ Vorerst letzte Nachricht: „Deutschland ist ein Hammer, überall die gleichen Geschäfte, Waren, Klamotten, Einkaufszentren, oft sogar Speisekarten. Und in jeder Touristinfo die verlässliche Auskunft: Das einmalige, unverwechselbare Ambiente unserer Region....“

Feine Sache, diese Marktwirtschaft: So viel Gleichheit war noch nie. Wenn Griechenland und die anderen Sorgenkinder erstmal richtig „wettbewerbsfähig“ gemacht sind, werden wir auch dort endlich die Vielfalt vorfinden, die wir von daheim gewohnt sind. Ist mir aber im Augenblick völlig wurscht. Die Sonne scheint durchs Fenster herein, in der Ecke liegt lockend der Rucksack, im Kühlschrank Bier, im Keller Wein, auf dem Wohnzimmertisch ein dicker Stapel Bücher, auf der Wiese die Geliebte und am nahen Horizont der Mittelrhein mit allem Drum und Dran. Damit lass ich mir's nun wohlsein; mal so, mal so. Alles Übrige kann mir den Buckel runterrutschen. Herzliche Grüße aus Urlaubien. Und jetzt, sofort: abschalten!                                                     
     

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 30/31 im Juli/August 2012)

Quergedanken Nr. 89

Klar, ältere Herrschaften können jüngeren auf den Keks gehen mit ihrem Schwärmen, die Welt sei  vor ein paar Jahrzehnten schöner, besser, vernünftiger gewesen. Oft entpuppt sich das als nostalgische Schönfärberei oder verbiesterte Altersgrantelei. Nein, früher war nicht alles besser. Aber: Einiges eben doch. Das fällt dem besonders auf, der Entwicklungen in den letzten 20 Jahren mit bundesrepublikanischen Zuständen der 1970er/80er vergleichen kann. Weshalb Typen wie mir (Jahrgang 1955) so schnell die Galle hochkommt angesichts lauten Fortschrittsgetrommels – für in Wahrheit erbärmliche Rückschritte.

Früher musste man beim Verschicken eines Pakets kein schlechtes Gewissen haben. Da wusstest du, die Bundespost bezahlt ihre Beschäftigten nach Tarif und behandelt sie ordentlich. Lief mal was aus dem Ruder, trat die Postgewerkschaft der Post vor's Schienbein und die Verhältnisse waren wieder im Lot. Du wusstest, dein Paket würde im Regelfall binnen 24 bis 48 Stunden unbeschadet sein Ziel erreichen. Dann kam der Fortschritt: Liberalisierung, Privatisierung. Seither rollen  Zustelltransporter im Dutzend da her, wo früher ein Postauto die Paketlieferung besorgte. Was ökologischer und volkswirtschaftlicher Schwachsinn ist. Seither kommen die Lieferungen zwar kaum schneller an, dafür ist die Schadensquote höher. Seither ist der Paketversand etwas billiger – weil die Zusteller von den Transportkapitalisten geschunden und ausgebeutet werden, dass es eine Schande ist für unser Land.

Freund Walter steuert als jüngst gebranntes Kind ein weiteres Beispiel für galoppierenden Rückschritt im Fortschrittsgewand bei: marktliberales Fernmeldewesen. Unlängst funktionierte sein Festnetztelefon nicht mehr. Zur Fehlerbehebung musste er sich auf eine zermürbende Odyssee zwischen Gerätehersteller, Dienstprovider und Netzbetreiber begeben. Es brauchte Stunden bis er zwar zuständige (aber wenig kundige) Menschen fand und ans Handy bekam. Dann schoben sich die „Servicecenter“ der drei Firmen wechselseitig die Verantwortung zu, wollten ihm zwischendurch gleich neue Verträge und eine nagelneue Telefonanlage andrehen.

Walter geriet außer sich, ließ erst nach Wochen ab von der wutschnaubenden Forderung „Ans Fließband mit dem Lumpenpack!“ und mäßigte sich auf „Enteignen, alle!“. Denn sowas hätte es früher nicht gegeben. Da war es folgendermaßen (und jungen Lesern sei gesagt, das ist kein Fake): Hatte man irgendein Problem mit dem Telefon, dann war die erste und einzige Hilfeadresse die nächstgelegene Störungsstelle der Post. Die Nummer stand in jedem Telefonbuch ganz vorne, und erreichbar war dort zumindest werktags zwischen 8 und 16 Uhr immer jemand.

Zwar flötete der Postler nicht „herzlich willkommen, mein Name ist Kai Ahnung, was kann ich für sie tun?“. Er knurrte „was gibt’s?“, kannte sich aber aus und kümmerte sich. Das mochte etwas dauern, aber zwei, drei Tage später rückten gelernte Fernmeldetechniker mit Werkzeug nebst kostenlosem Ersatzapparat an und behoben das Problem. In summa ging das flotter, entspannter und für den Verbraucher billiger ab als neulich bei Walter. Gewiss, Zeiten ändern sich. Aber warum, zur Hölle, werden  funktionierende Prinzipien ersetzt durch hinrissiges Chaos? Das stiehlt uns mit Sucherei im Anbieter-, Tarif-, Technikdschungel die Zeit und mag sich mit Problemen jenseits des Verkaufs am liebsten gar nicht befassen.
                                                                            
Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 26 im Juni 2012)

Quergedanken Nr. 88

Kompetent, führungsstark, überzeugend, obendrein authentisch, menschlich, sympathisch: So werden heute Heldenfiguren im Theater namens Politik definiert. Problem: Alle wollen nur derartige Rollen spielen, keiner mag den Verzweifelten, Bösewicht oder Deppen geben. Ergebnis: Sämtliche Mitspieler drängeln an der Bühnenrampe herum, um bella figura zu mimen und sich gegenseitig auszustechen. Im wirklichen Theater wäre das Publikum davon zu Tode gelangweilt, in der echten Politik – ist es genauso. Nur merken es die Akteure dort nicht; oder sie merken es, können aber nicht aus ihrer Haut.

Politiker sind schlechte Schauspieler. Was niemanden stören würde, ließen sie die Finger vom Theater. Tun sie aber nicht, machen stattdessen aus jedem öffentlichen Schritt einen „Auftritt“. Weil sie aber die Kunst nicht beherrschen, in inszenierter Darstellung echt zu wirken, bleibt es beim bemüht künstlichen Mummenschanz. Durchbricht mal einer die Dauerinszenierung, ist das eine Sensation; jüngst erlebt bei Seehofers zufälligem Postinterview-Geplauder mit ZDF-Kleber. Des Bayern Suada kam als versehentlicher Moment von Echtheit bestens an.

Seitdem tüfteln Scharen von Parteistrategen an Möglichkeiten, wie man solche Ausrutscher gezielt konstruieren könnte. Dass es die beste Strategie überhaupt wäre, einfach das inszenierte Schöngetue, Allwissenheitsgehabe und selbstgerechte bis selbstverliebte Standard-Geblubber aus dem Politbetrieb rauszunehmen, auf diese Idee kommen sie nicht. Das Bemühen, allweil bella figura zu machen, droht Politik in eine Kategorie der Werbung zu verwandeln. Was bedauerlich ist. Denn abseits der Öffentlichkeit erweisen sich Minister/innen, Staatssekretäre/innen, Bürgermeister/innen  bisweilen als nachdenkliche, gar an sich zweifelnde und gerade deshalb kluge Köpfe. Taucht aber eine Kamera auf, werden sie sogleich wieder zu (schlechten) Schauspielern.

Ich frage mich oft: Für wie blöd mögen die uns halten? Glauben die wirklich, wir könnten X nicht von U unterscheiden, gespielte Sorge nicht von echter, Wahltaktik nicht von Überzeugung oder Eitelkeit nicht von Selbstbewusstsein?  Der dümmste Fehler, den Politiker machen können, ist, das Volk für dumm zu halten. Röttgen meinte, die Leute merken nicht, dass ihm vor allem die Karriere am Herzen liegt. Merkel meinte, die Leute merken nicht, dass sie diese Schwäche eiskalt ausnutzt, um den ihr unliebsamen Gesellen abzuservieren.

Die ganze Politkaste meint, die Leute merken nicht, dass ihre Rezepte gegen die Euro-Krise auch nur Geblubber sind. Griechenland und Co. müssten wettbewerbsfähig werden und Wachstum generieren, heißt es. „Ha, ha, ha!“, schüttet sich Freund Walter aus. „Da würde der Exportriese Deutschland schön blöd gucken, wenn ihm auf dem ohnehin überfüllten Weltmarkt auch noch starke Griechen, Italiener, Spanier in die Quere kämen. Gleich ging hier das Geschrei wieder los, die Deutschen müssen noch besser, schneller, billiger arbeiten.“

„Wettbewerbsfähigkeit“ ist eben kein Heilmittel, sondern bloß chaotischer Verschiebebahnhof für Krisen. Und wer meint, dieser Braten systemischer Perspektivlosigkeit wäre nicht zu riechen, der irrt. So wie Netz-Blubberer Zuckerberg irrt, wenn er meint, die Leute würden den Börsengang seiner Facebook-Firma dauerhaft willig mit der Zustimmung zur perfiden Totalvermarktung ihrer Privatsphäre bezahlen.    

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 22 im Mai/Juni 2012)

 

Quergedanken Nr. 87

„Was treibt ihr eigentlich auf all den Pressekonferenzen?“ Freund Walter ist keineswegs der erste, der sich dafür interessiert. Viele haben das schon gefragt –  jüngst vermehrt auch ich mich selbst. Grund: Manche Pressekonferenz (PK genannt) erinnert neuerdings mehr an Verkaufsveranstaltung oder Gesellschaftsempfang. Insbesondere, wenn es um „weiche Themen“ geht; etwa um Kulturfestivals in der heimatlichen Region.

Ältere Journalisten-Kollegen erinnern sich: Diesbezügliche PKs waren vor 15 Jahren noch kleine Arbeitsrunden in schmucklosen Konferenzräumen. Auf dem Tisch 'ne Thermoskanne Kaffee, mit etwas Glück noch ein paar belegte Brötchen. Drei bis fünf örtliche Journalisten saßen ein oder zwei  Auskunftgebern gegenüber. Letztere sagten, was sie sagen wollten. Erstere verlangten hernach genauere Infos über Finanzen,  künstlerische Konzeptionen, Perspektiven etc.; bisweilen ging es  kontrovers zu. Nach einer Stunde trennte man sich in gebührend distanzierter Freundlichkeit.

Seit kurzem machen sich PK-Sitten breit, die zumindest bei alten Schlachtrössern des Regio-Feuilletons die Frage aufwerfen: Was sollen wir da noch? Die Presse wird in herausgeputzten Repräsentationsräumen versammelt; es wird Wein kredenzt, manchmal gibt es vürnehm zu essen; nicht selten spielt eine Combo auf. Schmucke Werbefilme und Power-Point-Präsentationen krauchen über die Wände, Redner im Dutzend deklamieren das aus Werbebroschüren und missratenen Presseerklärungen vertraute Jubilate: „Wir präsentieren Weltklasse, wir sind die Schönsten, Besten und überhaupt einzigartig.“ Das dank neuer Kleinmedien inzwischen auf acht Kollegen angewachsene lokale Pressekorps sieht sich nunmehr von ganzen Scharen gewichtiger Herrschaften umzingelt.

Nichts gegen ein Häppchen anbei – auch unsereins muss essen. Aber für Ringelpietz und Schaulaufen sind PKs per se der falsche Ort. Dennoch lassen Veranstalter ihre Kooperationspartner und Sponsoren nebst Bürgermeistern, Landräten, Staatssekretären e tutti quanti aufmarschieren. Dies wohl in der irrigen Annahme: Je größer und „prominenter“ das Aufgebot, umso opulenter die Berichterstattung. Leider haben viele der Honoratioren zur eigentlichen Sache eher wenig beizutragen. Weshalb sie sich in Variationen jenes langweiligen Geklingels ergehen, das ein passables Programm in hübscher Umgebung schier als globales Nonplusultra der Erlebniskultur anpreist.

Lustig ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie von Journalisten erwarten, derartigen Unsinn in alle Welt zu posaunen. Weniger lustig ist, dass einige Kollegen dem wie selbstverständlich  nachkommen. Gar nicht lustig ist, dass der Erkenntniswert solcher „PKs“ umso geringer wird, je größer der Popanz. Den Weihrauch weggepustet, bleibt als publizistisch brauchbare Substanz manchmal bloß ein Notizzettel mit Besetzungen, Terminen, Orten für diverse Veranstaltungen.

Da tritt ein im allfälligen Marketingdenken weit verbreiterter Irrtum zutage, wonach Werbung und Information dasselbe seien. Diesen Irrtum brachte neulich die „Pressemitteilung“ eines Kulturunternehmers an hiesige Redaktionen naiv auf den Punkt. Da hieß es: „Diese Veranstaltung ist ausverkauft, Sie brauchen nicht mehr dafür zu werben.“ Wer jetzt nicht laut lacht oder bitterlich weint, sollte nochmal im Sozialkundebuch über die Aufgaben des Journalismus in der Demokratie nachlesen. Von „werben“ steht da nix.    

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche April/Mai 2012)

Quergedanken Nr. 86

Im fortgeschrittenen Alter von 45 ist Freund Walter „Großgrundbesitzer“ geworden. Das hört er nicht gerne. Aber wer bis dato gar kein Land sein Eigen nannte, der muss sich nach überraschendem Erwerb einer bald Handballfeld-großen Scholle sowas gefallen lassen. Da kutschiert er mich neulich auf verwinkelten Pfaden an die Mosel, hoch über den Fluss, wo der Weinbau endet, in Obst- und Ackerbau oder Wald übergeht. Dort präsentiert er mir eine steile, verwilderter Brache. „Mein Land!“, brummt er stolz. „Du hast sie nicht mehr alle!“, brumme ich zurück – angesichts  verwachsener Kirschbäume nebst von Dornengestrüpp überwucherten Reben.

Walter bekam 2011 einen kleinen Sparvertrag ausgezahlt. Was machen mit dem Geld? In Wedel-Technik, Internet-gesteuerte Klodeckelheizung oder in ein sprechendes und selbstparkendes Auto stecken? Dafür war ihm das Sauerverdiente zu schade. Im Schein der März-Sonne keimte dann wohl die Idee: Ein Stück Natur wär nicht schlecht. Also handelte er einem alten Moselaner für den Wert eines halben Kleinwagens besagten Flecken ab. Nun hat der Freund aber nicht die geringste Ahnung von landwirtschaftlichem Tuten und Blasen. Bislang war er Städter aus Überzeugung, kennt Trauben und Kirschen vor allem als geistvolle Getränke. Kaum dass er in der Jugend ein motorisiertes Zweirad fahren konnte – später auch durfte –, hatte er sich vom elterlichen Acker gemacht: Raus aus dem Dorf und dorthin, „wo nicht bei Anbruch der Dunkelheit die Bordsteine hochgeklappt werden“.

„Die Käffer da draußen sind so verpennt“,  meinte er, „man könnte zwischen Tagesthemen und Mitternacht nackt durch die Straßen laufen, ohne dass es einer merkt.“ Ganz falsch, mein Lieber. Würdest du zu Beginn der Tagesthemen nackt losspazieren, wären die ästhetischen Qualitäten deiner Rück- und Vorderfront nebst Anhängseln Gesprächsthema in jeder Dorfstube noch bevor Claudia Kleinert zum Wetterbericht anhebt. Immerhin kannst du auf dem Dorf nachts hüllenlos durch die Straßen gehen, während man dich in der Stadt sogleich verhaftet. Wenn bei Karl Marx irgendwas überholt ist, dann sein Urteil von der „Idiotie des Landlebens“.

Was aber treibt meinen Stadt-Walter jetzt aufs Feld? Er selbst brabbelt etwas daher wie: „Ein Mann muss Kinder zeugen, ein Haus bauen, einen eigenen Acker bestellen, bevor er stirbt.“ Ach du heiliger Bimbam! Derartiges kann nur Torschlusspanik in Kombination mit Frühlingsgefühlen hervorbringen. Hätte er gesagt, er bräuchte einen naturnahen Rückzugsraum, in dem er ruhen oder sich nach Manier der Altvorderen verausgaben kann, man würd's verstehen. Denn die Zeiten sind danach, dass vorfristig auszubrennen droht, wer nicht bisweilen in einer aus der Zeit gefallenen Trutzburg Zuflucht nimmt.

In des Freundes Fall hilft nur: Lasst ihn hacken, wühlen, jäten, schneiden, auf dass ihm der Schweiß in der Hose kocht. Vier Wochen später wird sich das aus den unbewussten Tiefen des Stadtmenschen hervorgebrochene Bauernerbe gewiss ausgetobt haben. Dann seht ihr uns wieder gemeinsam im Straßencafé sitzen  – mit allem Anstand den Anblick der von Mänteln, Mützen, Schals befreiten Schönheiten genießend. Und solltet ihr uns mal nicht sehen, hocken wir womöglich beseelt von Wein- und Kirschgeistern in Walters unvollkommen kultiviertem Grünstück und schauen versonnen übers Moselland. Natur hier, Natur dort: Natur muss sein, gerade im Frühling.            

 

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