Neujahrsessays

Nichts hat unsere Lebensweise so verändert wie der "Fortschritt"

Heimat - Das ewige Sehnen nach Geborgenheit.

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Gedanken zum neuen Jahr

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Angst: Das war nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eines der medial meistbenutzten Worte. Die Berichterstattung rund um die Untat war durchsetzt davon, erst recht der sogleich losbrechende öffentliche Disput über Ursachen, Schuldige, Wirkungen, Folgen. Man hätte den Eindruck gewinnen können, die Hauptstadt, ja das ganze Land sei nun von Angst vor terroristischen Aktionen geschüttelt. Doch die Realität ist eine andere. Erschrecken, Betroffenheit, Trauer angesichts der Opfer, ja, das gibt es überall. Ebenso Entsetzen, Empörung, Zorn angesichts der perfiden Brutalität des Anschlags. Dazu kommen Beunruhigung und Besorgnis hinsichtlich der künftigen Entwicklung des Zusammenlebens unserer Gesellschaft und ihrer Sicherheit.

Menschen feiern fast wie immer

Aber es kann keine Rede davon sein, die Bevölkerung Deutschlands sei infolge des Berliner Terroraktes von blanker Angst erfasst. Weihnachtsmärkte und Einkaufsstädte allüberall waren an den Folgetagen wie vordem gut besucht. Und mancher Reporter mühte sich vergebens, Besuchern ein Angst-Bekenntnis abzuringen. Die Menschen feierten draußen und daheim Weihnachten, wie sie es immer getan hatten. Sie ließen es an Silvester krachen, werden auch im neuen Jahr wieder ins Fußballstadion oder zum Rockfestival gehen und zur Fastnacht die Pappnas' aufsetzen. So leicht bringen ein paar Anschläge, seien sie noch so grausig, eine 80-Millionen-Gesellschaft nicht aus dem Tritt. Wer sich erinnert: Das gelang schon den links- und rechtsextremistischen Terrorwellen nicht, die während der 1970er/80er Jahre in wesentlich größerer Zahl und in summa mit deutlich mehr Opfern Deutschland und seine westeuropäischen Nachbarn heimsuchten.

Wie die damaligen „politischen” Terroristen, so haben die heutigen „religiösen” Terroristen eine Destabilisierung unserer Gesellschaft zum Ziel. RAF, Rote Brigaden oder Neofaschisten scheiterten damals primär an zwei Umständen: Erstens mochten die „Volksmassen” ihren vermeintlich „revolutionären” Umtrieben nicht folgen, und zweitens ließen sich die westeuropäischen Gesellschaften durch Terroranschläge nicht in hysterisches Angst-Chaos stürzen. Was vor 40 Jahren galt, gilt noch heute: Terrorakte sind furchtbar, schmerzlich und nicht hinnehmbar; doch haben sie für sich genommen keineswegs das Zeug, unser Gemeinwesen und unsere Lebensart nachhaltig zu verwunden, gar zu zerstören. Das kann die Gesellschaft sich nur selbst antun. Indem ihre Mitglieder, Parteien, Medien, Institutionen sich auf das Spiel mit der Angst einlassen. Indem sie selbst Angst schüren, ja heranzüchten – die schließlich dazu treibt, das man sich Zug um Zug von der Vernunft wie von den eigenen Grundwerten entfernt.

Wenn Terrorabwehr mit Flüchtlingsabwehr gleichgesetzt wird, hat Angstmache die Vernunft bereits ausgehebelt. Vergessen ist, dass es Taliban- und IS-Terror in Westeuropa bereits gab, lange bevor die 2015er Flüchtlinge hier ankamen. Verdrängt ist, dass islamistische Terrorakteure wie Touristen oder Geschäftsleute per Flugzeug, Eisenbahn, Schiff, Auto kreuz und quer durch Europa reisten. Ausgeblendet ist, dass viele seit Jahren, Jahrzehnten, teils schon in der zweiten oder dritten Generation hier daheim sind und hier erst zu Terroristen wurden; dass sogar etliche Hundert junge Europäer und Deutsche ohne Migrationshintergrund aus ihrer abendländischen Herkunftskultur ausgebrochen sind und sich dem IS angeschlossen haben.

Destabilisierender Spaltpilz

Für die Terrorstrategie des IS ist der Flüchtlingsstrom nur eine Bewegungsmöglichkeit von vielen. Die Barbaren nutzen sie umso lieber, je deutlicher wird, dass auf diesem Weg den europäischen Gesellschaften der destabilisierende Spaltpilz der „Angst vor den Fremden” eingepflanzt werden kann. Und so ist bei nicht wenigen Zeitgenossen der unter humanitärem wie auch unter sicherheitspolitischem Gesichtspunkt fatale Fehlschluss provoziert worden: die Flüchtlinge seien die Ursache für den Terror, und die hiesigen Terrorprobleme gelöst, wenn wir nur die Flüchtlinge wieder los wären. Die Migrationsströme in geregelte Bahnen lenken zu wollen, ist eine vernünftige Sache. Eine ganz andere Sache aber ist es, Vorurteile, Feindseligkeit, Hass gegen und Angst vor allen Zuwanderern zu pflegen oder zu schüren – und Migrationsabwehr als effektive Terrorabwehr zu verkaufen. Die IS-Strategen lachen über diesen Humbug, denn zwar haben sie das 2015er Durcheinander gerne genutzt, waren und sind aber für ihre Terroraktionen nicht im geringsten  darauf angewiesen.      
    
Es hat eine seltsame Bewandtnis mit der Angst. Einerseits ist sie natürlicher
Schutzmechanismus vor Gefahren. Andererseits heißt es im Volksmund zurecht: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.” Denn dieses Gefühl hat die Macht, auszuschalten, was den Menschen insbesondere ausmacht: Vernunft und Empathie, also die Fähigkeit des analytisch-sachlichen Denkens verbunden mit der Fähigkeit des Sich-Hineinfühlens in andere Menschen. Nicht nur Psychologen wissen, dass überschießende Angst tatsächliche oder angenommene Gefahren vor dem geistigen Auge zu Größenordnungen steigert, die mit der Realität herzlich wenig zu tun haben. Deshalb gehört Angstschüren seit jeher zum wichtigsten Werkszeug populistischer Demagogen.

Angst kann noch eine weitere menschliche Ureigenschaft überlagern: Neugierde. Menschen und Gesellschaften gelangen dann zu gelassener Zuversicht, wenn sie in einem Gleichgewicht leben – aus hinreichender Angst und Vorsicht vor realen Gefahren einerseits, ausreichendem Maß an Neugierde und Wagemut andererseits, wie sie für jede Weiterentwicklung unabdingbar sind. Wir erleben derzeit indes ein Ungleichgewicht bis hin zur Feindseligkeit zwischen beiden Ureigenschaften. Bei den einen überwiegt die Angst vor dem Fremden und dem Neuartigen. Sie sehen ihre angestammte Lebensart gefährdet, sei es durch wirtschaftliche und soziale Verwerfungen oder Umwälzungen, sei es durch kulturelle Veränderungen oder sei es infolge des Zuzugs von Menschen aus diversen Weltgegenden. Was den einen Angst macht, ist bei den anderen vor allem mit Neugierde verbunden, mit Entdeckerfreude am Fremden, mit der Lust auf Vielgestaltigkeit, auf Bereicherung durch das Andere, auf Multikulturalität ...  

Angst vor der Angst

Für die einen sind die Globalisierung und jüngst beispielsweise die Aufnahme von einer Million Flüchtlingen schlichtweg eine Katastrophe. Die anderen hingegen sehen darin primär eine Herausforderung, verbunden mit mannigfachen Chancen sowie der unbedingten Pflicht zur humanen Hilfeleistung. Letztere fürchten etwas ganz anderes. Sie fürchten, Rechtspopulisten könnten die Verängstigten mit „postfaktischer” Hetze derart aufstacheln, dass alles verloren geht, was seit Kriegsende an Liberalität in Deutschland und Europa errungen wurde. Damit stecken gerade die westlichen Gesellschaften derzeit in einer sehr schwierigen Lage: Ein Teil der Bevölkerung hat Angst vor globaler Überfremdung seiner gewohnten (klein)bürgerlichen Lebensart; einen anderen Teil ängstigt nichts mehr als eben diese Angst, weil sie als politisch-kulturelles Rollback zum Verlust einer ebenfalls gewohnten liberalen und weltoffenen Lebensart führen könnte.

So kann nun quasi jeder vor jedem Angst haben. Dieser vor globaler Offenheit, jener vor dem Rückfall in nationalen Radikalkonservatismus. Der Gegensatz zwischen beiden Lebensarten und Weltsichten ist im Grunde weder etwas Neues noch ein rein deutsches Phänomen. Alle westlichen Demokratien waren seit Ende des 2. Weltkrieges geprägt von der Entwicklung hin zu einem Nebeneinander unterschiedlicher Lebenskulturen, die sich regelmäßig aneinander gerieben haben. Das Streben nach Friedens- und Freiheitserhalt sowie nach  Wohlstandserwerb war über mehrere Nachkriegsjahrzehnte der kleinste gemeinsame Nenner dieses Nebeneinanders. Damit einher ging das wirtschafliche, politische, kulturelle Zusammenrücken Europas, ja der gesamten Welt. Bis nun alles mit allem verknüpft und jeder von jedem abhängig ist.

Brexit, Trump, Le Pen, FPÖ, AfD, Pegida

Das ist Globalisierung. Sie macht die Realität unübersichtlich, stürzt sie in einen permanenten Veränderungsprozess, der die Menschen fast täglich mit Neuem und Ungewohntem konfrontiert. Kommen dazu tatsächliche oder für alsbald befürchtete Gefährdungen des eigenen Lebensniveaus oder der Lebensperspektiven etwa durch Finanzkrisen, Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg, dann wächst die Angst und mit ihr die Feindseligkeit gegenüber den Veränderungen, wächst zugleich die Sehnsucht nach dem vermeintlich goldenen Gestern der nationalstaatlichen Dominanz. Gesellt sich hierzu obendrein das mehr oder weniger begründete Gefühl, Regierungen, „Eliten”, übernationale Kräfte wie EU, Banken, Weltkonzerne würden rücksichtslos nur ihr eigenes Süppchen kochen, so heißen die Ergebnisse Brexit, Trump, Le Pen, FPÖ, AfD, Pegida. Unter deren Einfluss mutieren dann teils verständliche Befürchtungen und Sorgen, berechtigte Kritik an den politischen Institutionen wie an den unsozialen Auswüchsen des globalen Turbokapitalismus zu einer Mischung aus Angst und Wut  mitsamt Hinwendung zu politischer, gesellschaftlicher und kultureller Gestrigkeit.

Es sind überall im Westen neben den alten liberalen und multikulturellen Geistern gerade die jungen Menschen, vorneweg jüngere Frauen, die dieser Entwicklung schier fassungslos und mit wiederum eigenen Ängsten gegenüberstehen. Sie hatten weder für den Brexit noch für Trump gestimmt; sie haben den rechtsnationalen Hofer als österreichischen Präsidenten verhindert; sie mögen in ihrer Mehrheit von der AfD nichts wissen. Nationaler Radikalkonservatismus ist dem Gros der Jungen wesensfremd. Denn sie sind aufgewachsen in weltweiter Vernetzung mit einer musikalischen, filmischen, modischen, kulinarischen, sprachlichen, beruflichen Globalkultur. Zu ihren Schulkameraden, Studienkommilitonen, Freunden gehören in größter Selbstverständlichkeit Leute von überall her. Viele bereisen seit Kindertagen andere Länder und Erdteile, studieren, arbeiten, leben, lieben hier oder dort. Die Frauen wollen nichts wissen von einer Rückkehr zur Rolle als Heimchen. Die Lesben und Schwulen wollen sich nicht wieder verstecken müssen.

Der Generationenbruch

So manifestiert sich in der aktuell sehr tief gewordenen Kluft zwischen Nationalkonservatismus und modernem Liberalismus auch ein Generationenbruch. Denn die Mehrheit der westlichen Jungen ist – bei durchaus regionaler Heimatverbundenheit – nicht national, sondern international orientiert. Ihre Geistes- und Lebenswelt ist das globale Dorf. Die Jungen sehen ihre Aufgaben und Chancen für die eigene Zukunft in der internationalen Offenheit. Ihre Sorge, ja Angst, ist jetzt groß, die populistischen Angstschürer könnten in der Generation ihrer Eltern und/oder Großeltern eine Mehrheit für die Kehrtwende hin zu Abschottung, Deliberalisierung und Autoritarismus gewinnen – und damit die Zukunftswege der jungen Globalgeneration verbauen.

Wir stehen derzeit vor dem unseligen Phänomen, dass unterschiedliche Teile der Bevölkerung Angst haben, jeweils andere Teile könnten die Vorherrschaft über die Entwicklung der Gesellschaft erringen. Das Nebeneinander der Lebensarten und Weltsichten ist aus den Fugen; der eine hält den anderen für übergeschnappt und weltfremd, der andere den einen für inhuman, reaktionär und ebenfalls weltfremd. Die Lage ist verfahren, die Atmosphäre vergiftet und guter Rat teuer. Es wird 2017 allerhand zu bereden sein bei der Suche nach Wegen in Richtung einer labilen friedlichen Koexistenz innerhalb der Gesellschaft oder wenigstens zu wieder halbwegs zivilisiertem Umgang miteinander. Sage niemand, er habe ein Patentrezept. Denn das gibt es nicht – für ein Umfeld, in dem sich Angst und Wut bereits tief in Herzen und Seelen hineingefressen haben. 

Andreas Pecht

Schneller denn je vermischt das Rührwerk der Geschichte Völker und Kulturen

ape. Der Homo sapiens ist ein eigentümliches Wesen. Einerseits erweist er sich gegenüber veränderten Bedingungen als so anpassungsfähig wie kaum ein Säugetier sonst. Obendrein treiben ihn Wissbegierde und Erfindergeist, ruhelos die Grenzen seiner realen wie gedanklichen Welt immer weiter hinauszuschieben. Andererseits scheint er rasche Veränderungen seiner Lebensumstände nicht zu mögen. Zumindest nicht, wenn er ein Auskommen hat, wenn niemand ihn zu arg drangsaliert, wenn ihm nicht Mord und Totschlag drohen. Dann hängt er am Gewohnten, ängstigt sich vor Fremdem und Neuem.

Wo er aber Mangel am Wichtigsten leidet, kann der Mensch von jetzt auf gleich sämtliche gewohnten, aber beengenden Verhältnisse wütend umstürzen. Oder er bricht auf nach anderswo, um dort zu suchen, was ihm hier verwehrt ist. Der Widerspruch zwischen Drang/Zwang zur Veränderung da, zum Verharren dort, sind tief in uns und unserer Geschichte angelegt. Allerdings attestieren biblische Betrachtung wie realhistorisch Erforschtes übereinstimmend: Gleich zum Beginn der Menschheitsgeschichte neigte sich die Waage zur Seite immerwährender Veränderung.

Die ersten Menschen sind als Migranten unterwegs

Adam und Eva hätten glückselig im Paradiese leben können. Doch wegen ihrer Neugier wurden sie aus der angestammte Heimat vertrieben und mussten sich eine neue suchen. Die Bibel zeigt das erste Menschenpaar als Migranten. Das bleibt dann Regelfall: Noah muss sich und die Seinen auf ein Flüchtlingsboot retten; Moses muss seinem Volk eine Fluchtroute aus Ägypten in ein fernes gelobtes Land spuren; Maria und Josef müssen zwecks Erfassung durch die Behörden menschenunwürdige Wege gehen ...

Die Wissenschaft zeigt ähnliches. Die ersten höheren Hominiden entwickelten sich in Afrika, besiedelten von dort aus den Erdkreis. Zuerst vor mehr als einer Million Jahren der Homo erectus, aus dem der Neandertaler hervorging. Vor 90 000 Jahren überschritt der Homo spaniens die Grenzen der Menschheitswiege. Er breitete sich zuerst im Nahen Osten, in Südasien und bis nach Australien aus, gelangte dann auch nach Europa. Wie in der Bibel, so ging auch in der realen Geschichte die Zivilisationsentwicklung von Menschen aus, die aus Neugier und/oder auf der Suche nach einer neuen Heimat in die Welt zogen – dabei ihre Lebensart mehrfach vollständig verändern mussten.

Kurzum: An unser aller Anfang standen Migranten und hat demnach jeder Mensch einen Migrationshintergrund. Und: Seit die Wissenschaft unsere Gene entschlüsselt hat, ist klar, dass Homo sapiens und Neandertaler Kinder miteinander zeugten. Mithin ist das Gros der auf Erden lebenden Menschen quasi Ergebnis einer Vermischung von zwei Stammbäumen.

Migration und Völkervermischung blieben über Jahrzehntausende Wesenselemente des Veränderungsprozesses, den man Menschheitsgeschichte nennt. Sie sind es noch. Es ist einer der populären Irrtümer, auf dem Gebiet des heutigen Deutschland hätten seit Jahrtausenden Deutsche (vermeintlich: Germanen) gelebt. Archäologische Funde belegen, dass etwa ums Neuwieder Becken in der späten Steinzeit sich regelmäßig Menschensippen aus mehreren Hundert Kilometern Umkreis zu gemeinsamen Jagdperioden, Wissensaustausch und Wahl von Sexualpartnern trafen. Im Staffettenverfahren reichte dieser Kultur- und Gen-Austausch vom Niederrhein bis nach Spanien. Weshalb unsere spätsteinzeitlichen Vorfahren keine Deutschen, sondern Europäer waren.

Aus Kelten, Germanen und Römern werden Rheinländer

Noch deutlicher wird das, springt man über gut zehntausend Jahre hinweg in die Vor- und Frühantike. Wir schreiben das Jahr 800 vor Christus – und finden etwa am Mittelrhein noch immer keine Germanen. Wie zahllose andere Populationen in Eurasien, durchlebten deren Sippen gerade die Schlussphase der Wandlung vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter. Allerdings waren die Germanen da noch an der Weichsel und in Skandinavien daheim. Derweil entwickelte sich an Rhein und Mosel, ja von Portugal bis Irland und von Oberitalien bis Ungarn aus örtlichen Bronzezeitkulturen und mannigfachen Wanderbewegungen die keltische Großraumkultur. Deren Ausläufer reichten bis nach Kleinasien. Sprachforscher haben entdeckt, dass zu ihrer Blütezeit am Übergang zur Hochkultur in Anatolien und im Trierer Raum ein ähnlicher Keltendialekt gesprochen wurde.

Die keltische Prägung Süd- und Mitteleuropas dauerte gut 600 Jahre. Dann wurde sie in die Zange genommen: Vom Nordosten wanderten Germanen ein, vom Süden bald darauf die Legionen  des Imperium Romanum. Wieder gab es eine Durchmischung der Völker, Kulturen, Sprachen. Kelten und Germanen lebten einige Zeit gegen- und nebeneinander, verschmolzen bald miteinander. Noch anno 70 nach Christus erhoben sich Stämme beider Gruppen am Niederrhein, Mittelrhein und an der Mosel Seite an Seite gegen Rom. Die „Bataver-Aufstand” genannte Revolte wurde niedergeschlagen. Die Niederlage der keltischen Treverer in der Schlacht bei Riol nahe Trier gegen die 21. Legion aus Mainz markiert das Ende der Keltenkultur an Rhein und Mosel. Die Treverer wurden romanisiert, Trier eine römische Metropole.

Römische Gesetze, Sitten, Baustile, Nahrungsmittel hielten Einzug. Soldaten und Bürger aus allen Ecken des Imperiums zeugten mit hiesigen Kelten und Germanen Kinder, ließen sich an Rhein und Mosel nieder. Sie brachten ein Gewächs mit, das Landwirtschaft, Landschaft und Lebenskultur entlang von Ahr, Mosel, Nahe sowie den Rhein hinauf durch die Pfalz umwälzte und bis zum heutigen Tag prägt: die Weinrebe. Die alten Götter begannen hinter den römischen Olympiern ein Schattendasein zu führen. Bis eine ganz neue Religion aus dem fernen Palästina auftauchte, die nurmehr einen Gott duldete. Sie stürzte Weltbilder und Sitten vom Mittelmeer bis zum Eismeer vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer um, mal mit frommen Worten, mal per Herrscherbefehl, oft durch Feuer und Schwert: das Christentum.

Veränderung und Entwicklung durch immerwährende Vermischung

Doch lässt sich selten völlig ausrotten, was über Generationen Usus war. „Veränderung und Entwicklung durch Vermischung” lautet das dominante Prinzip der Geschichte: Jede Kultur und Technik, jede Sprache und Religion, jede genetische Gruppe hinterlässt in allen anderen, mit denen sie in Berührung kommt, ihre Spuren. Als Beispiel mögen die christlichen Feiertage dienen. Nicht zufällig sind viele terminlich angedockt an keltisch-germanische Feste. Ein gehöriger Teil heutiger Traditionen findet seinen Ursprung in vorchristlichen Ritualen: Vom Sonnwendfeuer über den Nikolaustag und Weihnachten bis Fastnacht oder Ostern.

Die Christianisierung war noch nicht abgeschlossen, da begann der chaotische Zerfallsprozess des römischen Reiches. Zeitgleich drängten die Germanen weiter nach Südwesten. Ebenfalls zeitgleich drückten von Osten her hunnische Reitervölker aus den Steppen Zentralasien. Zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert war fast der gesamte Kontinent siedlungsräumlich, politisch und kulturell in Bewegung. Zwei Beispiele: Das germanische Volk der Vandalen zog von seinem Siedlungsraum östlich der Oder erst an den Rhein, dann durch Gallien nach Spanien und landete schließlich in Nordafrika. Die Burgunden verließen Polen, siedelten sich für eine Weile in Rheinhessen und der Pfalz an, um schließlich, von Hunnen vertrieben, an der Rhone ein Reich zu gründen.

Erorberung, Vertreibung, Auswanderung, Neuansiedlung und allemal – ob im Krieg erzwungen oder im Frieden gewachsen – Vermischung auf sämtlichen Ebenen. Wie die Geschichte als gewaltiges Rührwerk der Völker und Kulturen stete Veränderung produziert, so auch der menschliche Erfindergeist. Vom Faustkeil zum Rad zum Bronzebeil zum Eisenpflug zur Dampfmaschine zum Benzinmotor zum Computer zum Internet: Jeder Entwicklungschritt veränderte die Lebenswelten aufs Neue. Was dem einen als Aufbruch in eine bessere Zukunft galt, war dem anderen Absturz in düsteres Dasein.

Manche Veränderung brauchte Jahrhunderte, manche vollzog sich quasi über Nacht. Selten zuvor hat etwas so schnell unsere Landschaften, Städte, Arbeits- und Lebensstrukturen derart radikal verändert, wie die Entwicklung des Automobils zum vorherrschenden Verkehrsmittel. Nie zuvor hat etwas in nicht mal einer Generation die häusliche und Freizeitkultur so brachial verändert wie das Fernsehen. Nie zuvor gab es ein Medium wie das Internet, das Menschen und Kulturen aller Weltgegenden miteinander, mit dem Wissen der ganzen Menschheit und zugleich mit jeder ihrer Dummheiten verbindet.

Nationalstaaten sind alles andere als naturgegeben

Kein Reich konnte je auf Dauer dem Veränderungsdruck standhalten. Keine Dynastie hat je länger als ein paar Generationen geherrscht. Keine mit der Welt verbundene Kultur blieb jemals wie sie war. Im 19. Jahrhundert wurden die feudalen Erblande durch etwas bis dahin völlig unbekanntes ersetzt: Nationalstaaten. Ob es sich dabei um Fortschritt, Fehlentwicklung oder bloß kurzes Zwischenstadium auf dem Weg zur Kontinental- oder Weltgesellschaft handelt, da scheiden sich die Geister. Nur weil wir heute zufällig darin leben, erscheint uns die Einteilung der Menschheit nach Nationalstaaten und vermeintlichen Nationalkulturen als schier naturgegebene Selbstverständlichkeit.     

Der historische Rückblick zeigt: Das ist ein Trugschluss. Der Blick in die Welt des jungen 21. Jahrhunderts offenbart: Das Rührwerk der Geschichte dreht sich, jetzt den ganzen Planeten umfassend, schneller denn je; und wir stecken mittendrin in einer neuen Intensivphase der Vermischung. Das war niemals und ist auch jetzt kein einseitiger Vorgang. Es kamen nie nur viele Migranten hierher. In den Elendsjahren des 19. Jahrhunderts wanderten Millionen Iren, Polen, Italiener, Deutsche und andere Europäer aus; darunter hunderttausende Pfälzer und Rheinländer.

Wer heute über die Internationalisierung Deutschlands und seiner Kultur klagt, sollte nicht vergessen: Beethoven wird längst auch in Peking gespielt, Goethes „Faust” in Kapstadt, Moskau oder Sidney aufgeführt. Made in Germany überflutet die Welt mit Waren und Waffen, Heerscharen   deutscher Touristen drücken Kulturen rund um den Erdball ihren Bedürfnisstempel auf. Wie Pizzerien, Hamburger-Ketten, Döner-Läden sich hier ausbreiten, so Bratwurststände, Oktoberfeste und Christkindlmärkte anderwärts.

Alles ist im Fluss, alles verändert sich. Doch das war seit Adam und Eva nie anders. Im globalen Zeitalter entwickelt sich naturgemäß und zwangsläufig: eine globale Kultur. Das geschieht eben jetzt, auch wenn viele es noch nicht wahrhaben wollen. Die überkommenen Regionalkulturen lassen sich demgegenüber nicht durch feindseliges Abschotten behaupten. Das hat noch nie funktioniert. Doch kann man das wirklich Wertvolle aus Freude an der menschlichen Kulturvielfalt innerhalb des  Weltchores als eine eigenständige Stimme unter anderen sorgsam pflegen.   

Andreas Pecht

Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Pressemedium außerhalb dieser website am 02. Januar 2016

Was ist Fortschritt? 2014 ging manches ein Schrittchen voran und zwei Schritte zurück

ape. „Der kulturelle Fortschritt ist nicht linear.” Dies sagte unlängst Ali Ahmed Said Esher, bekannter unter dem Pseuodonym Adonis, in einem Interview. Der 85-jährige gilt als wohl bedeutendster Gegenwartsdichter der arabischen Welt. Seine Aussage meint: Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation verläuft nicht geradlinig und stetig vom Niederen zum Höheren oder vom Schlechteren zum Besseren. Sie nimmt vielmehr zahlreiche Umwege; Stillstände und Rückschritte inklusive.

Sein Satz ist nicht auf technologischen Neuerungsfluss oder die Ausweitung der materiellen Produktion und Konsumtion gemünzt, die landläufig fatalerweise als primärer Gradmesser für  Fortschritt angesehen werden. Bei Adonis ist geistig-kulturelle, gesellschaftliche und politische Reife der eigentliche Maßstab für menschlichen Fortschritt. Von dieser Warte aus gelangt er zu zwei Schlüssen. Erstens: Die islamischen Kultur kommt so lange nicht vom Fleck wie die Muslime Religion und Staat nicht trennen und die Frauen nicht befreien. Zweitens: „Die westliche Kultur, auch die deutsche, steckt in einer schweren Krise.”

Ein Jahr weltpolitischer Zäsuren  

Was ist Fortschritt? Es gibt Jahre, da scheint sich Geschichte geradezu sprunghaft vorwärts zu entwickeln. 1989 war ein solches Jahr und wir wussten, was Fortschritt sein könnte. Viele Menschen verbanden mit der Auflösung der Sowjetgesellschaften und dem Mauerfall große Hoffnungen auf eine neue, fortschrittliche Globalordnung, geprägt von einer allgemeinen Tendenz zu Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftlicher Wohlfahrt und sozialer Gerechtigkeit. Dann wieder gibt es Jahre, in denen einen das Gefühl beschleicht, das Rad der Geschichte drehe sich wuchtig rückwärts. Ein solches Jahr war 2014 – ein „Jahr weltpolitischer Zäsuren” wie der Historiker Heinrich August Winkler aktuell schreibt. In diesem Sinne war 2014 gewissermaßen das Pendant zu 1989, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.

Denn plötzlich sind längst begraben geglaubte Feindschaften zwischen Russland und dem Westen wieder lebendig geworden, haben sich im Zuge der Ukraine-Krise zu einem veritablen internationalen Konflikt verdichtet. Der erinnert an den längst überwunden geglaubten Kalten Krieg und weckt auch hierzulande bei Alt wie Jung die Besorgnis: Liegt der in Europa eigentlich undenkbar gewordene heiße Krieg nun doch wieder im Bereich des Denkbaren? Zumal hier deutlich wurde, dass alle alten Konfliktreflexe von jetzt auf gleich wieder funktionieren – dass politisch, medial und im öffentlichen Bewusstsein auf beiden Seiten nichts leichter zu reanimieren ist, als die unselig Selbstgewissheit „wir sind die Guten und im Recht, die andern sind die Bösen und im Unrecht”.

Neigung zu nationalkonservativer Autoritarismus

Plötzlich kommt auch zu Bewusstsein, dass wohl Demokratisierung nicht die aktuelle Haupttendenz in der Welt ist. Stattdessen macht sich allenthalben eine Neigung breit, gestrigen Autoritarismus neu zu beleben. Und das nicht nur irgendwo in der Ferne Afrikas oder Asiens, sondern an den Rändern Europas, ja selbst mittendrin in der Europäischen Union. In Russland steht Wladimir Putin für diese Neigung, im Nato-Land Türkei Recep Tayyip Erdoğan, beim EU-Mitglied Ungarn Viktor Orbán. Sie alle führen nationalkonservativ-autoritäre Regime an, deren Entstehen und längerfristige Haltbarkeit man im 1989er Freiheits- und Liberalisierungsfuror nicht für möglich gehalten hätte – und die leider in ihren Ländern von stillen Bevölkerungsmehrheiten geduldet bis getragen werden.

Parallel finden überall in Europa Parteien und Strömungen wachsenden Zuspruch, die zu autoritärem Nationalkonservatismus tendieren. Sie verzeichneten die höchsten Stimmenzuwächse bei der jüngsten Wahl zum Europaparlament – obwohl sie dieses mitsamt EU am liebsten morgen schon auseinander jagen würden. Das Phänomen wird so bald nicht verschwinden, sondern sich ausweiten. Zumal nun Radikale von rechts in nicht unerheblicher Zahl tief verunsicherte, um ihre kulturelle Heimat und Verwurzelung fürchtende Bürger aus der Gesellschaftsmitte zum Protest gegen eine vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes” mobilisieren.

Wie kann so etwas gelingen? Die Grundlage erwuchs zu nicht unerheblichen Teilen aus dem allgemeinem Befremden über das Fortschreiten der neuen Post-1989er-Weltordnung. Deren Unterwerfung immer weiterer Teile des politischen Wollens und gesellschaftlichen Werdens unter das Diktat der deregulierten Märkte hat die Hoffnungen von damals zerschreddert. An die Stelle souveräner Politik sind scheinbar anonyme Mächte getreten. Es greift das Gefühl um sich, supranationale Institutionen, globale Konzerngeflechte und Finanzkonglomerate verwandeln Staaten, Gesellschaften und vormals freie Bürgerindividuen in willfährige bis ohnmächtige Manövriermassen des Big Business. Unter dessen Ägide wird das Prinzip der Sozialstaatlichkeit  ausgehölt, die Kluft zwischen Arm und Reich stetig größer, gilt permanentes Wirtschaftswachstum als einzige Zukunftsoption und trickreiche Steuerflucht als legitimes Mittel des Wirtschaftens.

Neoliberalismus führt weg vom Humanismus

Diese angeblich „alternativlose Modernisierung” ist in Wahrheit historisch ein Schritt rückwärts, insofern sie Zug um Zug die sozialhumane Ausrichtung von Gesellschaft und Wirtschaft demontiert, die nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen westlichen Ländern erstritten wurde. Tendenziell ersetzt der Neoliberalismus Solidarität durch Wettbewerb, reduziert das menschliche Individuum auf die Funktion von Konsument und  Humankapital, führt schließlich in die Pervertierung der demokratischen Volkssouveränität zur „marktkonformen Demokratie”.

Zugespitzt formuliert: Der Neoliberalismus zerschreddert nicht nur die mit der 1989er Wende verbundenen Hoffnungen, sondern zugleich auch jene auf die Würde und das Selbstbestimmungsrecht des Individuums abhebenden Maximen, die seit der amerikanischen Revolution von 1776 und der französischen von 1789  ideeller Kernbestand historischer Zielsetzung aufgeklärter Bürgerlichkeit waren. Der Neoliberalismus verwandelt die „westliche Kultur in eine Maschine, in die vorne Leben hinein- und hinten Geld wieder herauskommt”, wie Thomas Assheuer in der „Zeit” das Unbehagen am jüngeren Gang der globalisierten Dinge beschreibt. Es ist ein Gang, der wegführt von den Werten des Humanismus wie wir sie in der Schule gelernt, in die Menschenrechtscharta und unser Grundgesetz geschrieben hatten.

Das Unbehagen an dieser geistig-moralische Orientierungslosigkeit hervorrufenden Sinnentleerung und Werteentwertung ist diffus, und seine diversen Ausdrucksformen sprengen die gewohnten Muster der politischen Beurteilung. Da vermengen sich Desinteresse, Misstrauen oder Verachtung für den als technokratisch und abgehoben empfundenen Politikbetrieb mit dem Gefühl des ohmächtigen Herum-Geschoben-Werdens und allerlei Ängsten vor Verlust der angestammten Lebensart. Da führt tiefe Verunsicherung auch zur Suche nach Orientierung an überkommenen Strukturen und Mechanismen: Die Sehnsucht nach Beheimatung und Behütung in einem starken Nationalstaat, womöglich geführt von einer starken Autorität, die eine nationalkonservative Leitkultur gegen die kulturellen Veränderungsprozesse der Globalisierung durchsetzt und bewahrt.

Wiederkehr des Monstrums Religionskrieg

2014 verstärkte sich dieser Zug ungemein. Ursache ist eine weitere Verunsicherung, hervorgerufen durch das Wiedererwachen eines Monstrum aus grauer Vorzeit: Plötzlich kehrt der Religionskrieg in die Weltgeschichte zurück. Er fügt dem ohnehin überkomplexen Weltgeschehen der Gegenwart einen weiteren unkalkulierbaren, aber wirkmächtigen Faktor hinzu. Diesmal ziehen nicht wie im Mittelalter Kreuzritter-Heere im Namen Gottes gegen die Muselmanen. Diesmal schlagen auch nicht wie bei den Konfessionskriegen des 16./17. Jahrhunderts Christen einander tot. Diesmal massakrieren von Afrika bis in den Mittleren Osten vor allem Muslime Muslime. Was mit dem Arabischen Frühling als große Hoffnung auf freiheitliche Modernisierung dieser Weltgegend begann, ist zu blutigen Bürgerkriegen, einem Kampf von Schiiten gegen Sunniten und zum Auftrumpfen der barbarischen, mittelalterliche Ziele verfolgenden Kalifatsbewegung des sogenannten Islamischen Staates (IS) geworden.

In einem solchen Durcheinander wie 2014 hat man die Welt lange nicht mehr erlebt. Und leider lässt sich kaum eine der vielen Tendenzen als eine im human-zivilisatorischen Sinne fortschrittliche Entwicklung deuten. Denn in der Mehrzahl sind sie ganz oder teilweise rückwärts gewandt – selbst dort, wo sie als Gegenbewegung zueinander auftreten. Der IS begegnet der „gottlosen Moderne” mit mordlüsterner Frömmigkeit und dem Versprechen auf einen jede Individualität erdrückenden, mittelalterlichen Gottestaat. Putin, Erdogan, Orban und Co. tun so, als setzten sie zum Wohle ihrer Völker dem Hegemoniestreben westkapitalistischer „Dekadenzkultur und Asozialität” die Verlässlichkeit nationaler Größe und konservativer Werte entgegen. Ergebnis ist eine weitgehende Entdemokratisierung und Entliberalisierung dieser Gesellschaften. Genauso verhält es sich mit den (rechts)populistischen Parteien und Strömungen bis hin zur PEGIDA-Bewegung. Sie propagieren als Mittel gegen die Probleme und Veränderungen infolge der Globalisierung Verhaltensweisen von vorgestern: Nationalismus, kulturelle Abschottung, Fremdenfeindlichkeit.

Die Würde des Individuums schwebt in Gefahr  

Ob Autoritarismus, Rechtspopulismus, Islamismus oder ungezügelter kapitalistischer Neoliberalismus: Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die modernsten Technologien benutzen, um historisch rückwärts gewandte Zwecke und Ziele zu verfolgen. Ihnen allen ist zugleich die Geringschätzung humanistischer Werte, bürgerlicher Freiheiten und der Würde des menschlichen Individuums eigen. Das Elend ist, dass viele Zeitgenossen dem sogar etwas abgewinnen können oder sich allmählich daran gewöhnen. In einem auf den ersten Blick ganz unscheinbaren Bereich unseres Alltags beispielsweise wird stillschweigend und unter allgemeiner Duldung Zug um Zug  die Privatsphäre abgeschafft. Unter dem Deckmantel technischen Fortschritts kehren wir so dem Wesen nach zu einer Lebensform der feudalen Vormoderne, ja des Mittelalters zurück.

Jene Zeiten kannten kaum Privatsphäre, weil die Armen eng gedrängt lebten, die höheren Stände fortwährend in Lebensbereiche der niedrigeren hineingriffen und selbst in den Burgen und Palästen jeder jederzeit unter jedermanns Beobachtung stand. Privatsphäre als legitimes Bedürfnis nach und Recht auf Rückzugs- und Entfaltungsraum des Individuums ist eine kulturelle Errungenschaft der bürgerlichen Epoche. Wir aber sind gerade dabei sie gezwungenermaßen wie auch leichtfertig und gedankenlos aufzugeben. Denn das ist die sozialkulturell und politisch rückschrittliche Kehrseite der fortschrittlichen Möglichkeiten von Internet und Digitalkommunikation: explosionsartige Ausweitung beobachtender und beeinflussender Eingriffe in die Privatsphäre durch Staat, Wirtschaft, soziale Netzwerke und den normativen Zwang zur Dauerkommunikation.

Das Chaos in der Welt ist beträchtlich zu Beginn des Jahres 2015. Einfache Antworten und schnelle Lösungen sind kaum zu finden. Aber vielleicht hilft bei der Orientierung die simple Erinnerung an die Hoffnungen von 1789 und 1989 – auf Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche Wohlfahrt, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Diese Werte sind der wahre Maßstab für Fortschritt. Und sie sind noch immer nicht erfüllt, weil im Orient wie im Okzident  ein Schritt vorwärts oft nur zwei Schritte rückwärts maskiert.         

Andreas Pecht

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website am 2. Januar 2015

Hier Zugriff auf alle meine Neujahrsessays seit dem Jahr 2000:

Neujahrsessay 2014: Die Neuvermessung des Menschlichen
Neujahrsessay 2013: Ohne den Kuss der Musen kann es keinen echten Fortschritt geben
Neujahrsessay 2012: Wachset und mehret euch bloß nicht noch weiter
Neujahrsessay 2011: Die ewige Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit
Neujahrsessay 2010: Die Ära des Feuers neigt sich dem Ende zu
Neujahrsessay 2009:
Neujahrsessay 2008:
Neujahrsessay 2007:
Neujahrsessay 2006:
Neujahrsessay 2005:
Neujahrsessay 2004:
Neujahrsessay 2003:
Neujahrsessay 2002:
Neujahrsessay 2001:
Neujahrsessay 2000:

Moderner Homo sapiens zwischen Selbstoptimierung und Entschleunigung

ape. 2010 schwappte aus den USA eine neue Lifestyle-Bewegung nach Europa: „Quantified Self“. Ihre  Anhänger streben nach Selbstkontrolle mittels genauer Erfassung eigener Vitalfunktionen und tagtäglichen Tuns. Dafür nutzen sie jede Menge vernetzte Digitaltechnik: Waagen, Schrittzähler, Pulsmesser, Schlafsensoren und mehr. Dazu kommen Apps für Smartphone und Laptop zum akribischen Organisieren, Protokollieren, Analysieren von Arbeit und Freizeit. Diese „Selbstvermessung“ dient nur einem Ziel: Selbstoptimierung – individuelle Perfektionierung für die Herausforderungen der Gegenwart. Gilt der Bewegung totale Selbstkontrolle als idealer Weg zu gutem Leben, so sprechen Kritiker von  freiwilliger Totalunterwerfung unter die marktorientierte Leistungsideologie.

Ganz neu ist das Prinzip der Selbstvermessung nicht. Ob Goethe, Thomas Jefferson oder Thomas Mann: Penible Tagebuchprotokoller schlugen sich zu allen Zeiten mit der menschlichen Neigung zu Unordnung und Bequemlichkeit herum. Neu ist, dass gegen die eigene vermeintliche Unzulänglichkeit mit Methoden des industriellen Produktionsmanagments zu Felde gezogen wird. Damit steigt der Glaube an digitale Technologie und ihre Effizienzprinzipien zur Richtschnur auch für vordem urmenschliche Lebenssphären auf.

„Quantified Self“ ist vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die in den 90ern das „persönliche Ziel- und Zeitmanagement“ als erlernbare laufend verbesserbare Fertigkeit erst in die Arbeitswelt einführte, seither zusehends vergesellschaftet. Auch Schulkinder, Studierende, Eltern, ja selbst Urlauber, Pensionäre und Liebende befleißigen sich inzwischen des Zeitmanagements, also der durchgeplanten, streng getakteten Organisation des Lebens.

Benjamin Franklin gab 1748 jungen Kaufleuten den zum geflügelten Wort gewordenen Rat: „Denkt daran, Zeit ist Geld“. Karl Marx sprach 100 Jahre später davon, dass im Kapitalismus alle Ökonomie  Zeitökonomie werde. Die Güterproduktion wuchs ins Unermessliche, Zeit aber wurde ein rares Gut. So rar, dass für wenige Minuten oder Sekunden Zeitgewinn auf Schiene, Straße, in der Luft oder in den Info- und Kommunikationsnetzen Abermilliarden Euro investiert, Städte und Landschaften umgemodelt werden; dass eben erst eingeführte neue Techniken in kürzester Spanne durch noch flottere ersetzt werden.

Schnellere Technik, weniger Zeit

Damit einher geht eines der seltsamsten Phänomen der Neuzeit: Bei jeder technischen Neuerung stellt der Nutzer bald fest, dass die ihm zur Verfügung stehende Zeit dadurch weniger wird. Wie kann das sein? Neue Techniken ermöglichen zwar eine beschleunigte Abwicklung bisheriger Tätigkeiten, sie bringen aber stets zusätzliche Funktionen mit sich. Funktionen, die wieder neue Normen setzen, deren Nutzung wieder mehr Zeit erfordert. War das Handy anfangs nur mobiles Telefon, so ist seine Fortentwicklung als Smartphone Kommunikationszentrale, Minibüro, Internetverbindung, Fernseher, Walkman, Personaltrainer, Wegweiser etc. – am Körper mitgeführt als zivilisatorischer Standard wie Unterwäsche und Schuhe.

Alles geht nun schneller. Alles geht nun rund um die Uhr. Alles wird nun stetig mehr. Ob auf Arbeit oder privat: Weil jeder Angst hat, etwas zu verpassen, machen alle immer mehr Dinge (mit), die sie zuvor nie gebraucht hatten. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht vom „schrankenlosen Steigerungsspiel“, bei dem sich jeder Schnelligkeitsvorteil gegen diejenigen wendet, denen er nützen soll. Aber ist die Zivilisationsgeschichte nicht per se eine Geschichte fortwährender Beschleunigung? Von der Erfindung des Rades und der Domestizierung des Pferdes, über Telegraph, Dampfmaschine und Glühbirne, bis zu Fließbandproduktion und schließlich Digitaltechnik: „mehr in kürzerer Zeit“ wohin das Auge blickt.

Menschliche Kapazitätsgrenze ist erreicht

Der Fortschritt hat stets auch Kehrseiten. Dass Nachtarbeit ungesund ist, weil sie gegen die biologische Uhr des Menschen wirkt, lässt sich ernsthaft nicht bestreiten. Ebenso unstrittig ist, dass stupide Fließbandarbeit körperlich und geistig zermürbt oder dass Mangel an Frei-/Ruhezeit die Gesundheit ähnlich zerrüttet wie Mangelernährung. Das jüngste gewaltige Problemfeld erwächst aus der digitalen Revolution. Dauerüberforderung durch Multitasking, permanente Erreichbarkeit, stete Beschleunigung sämtlicher Arbeitsprozesse, Durchwucherung der Freizeit mit Job-Angelegenheiten hat zu einer explosionsartigen Zunahme von psychischen Störungen geführt. Es ist offenkundig, dass viele Menschen das heutige Temponiveau und die Dichte multipler Anforderungen nicht mehr verkraften.

Stressbedingte Beschwerden bis zu Zusammenbrüchen sind Volkskrankheiten von enormer Schadensrelevanz für Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Wer nie selbst ein Burn-out erlebt oder als Angehöriger miterlebt hat, sollte sich abfällige Bemerkungen von wegen „Modekrankheit“ oder "Weicheierei" tunlichst verkneifen. Denn der unwillentliche Absturz in Kraft- und Hoffnungslosigkeit kann heute fast jeden, auch den scheinbar Robustesten, urplötzlich erwischen. Es häufen sich die Anzeichen, dass mit dem digitalen Hamsterrad des Immer-schneller und Immer-mehr die Kapazitätsgrenze der menschlichen Natur erreicht ist.

Unseliger Kreuzzug gegen "Langeweile"

Zwar könnte unser Gehirn wahrscheinlich noch mehr leisten. Das aber nur, wenn man ihm Zeit und Ruhe zur Verarbeitung des Inputs lässt. Dazu braucht jeder Mensch Phasen, in denen er Herr über seine Zeit und sein Tun ist. Mehr noch: Jeder braucht regelmäßig lange Weilen der Ruhe und Entspannung, der Muße,  des Nichtstuns und Beisichseins. "Selig sind die Stunden der Langeweile, denn in diesen Stunden arbeitet unsere Seele", bemerkte der Kulturphilosoph Egon Friedell schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Er nahm damit die Erkenntnis jüngerer  neurologischer Forschung vorweg, dass Langeweile oder ziellose Muße der beste Nährboden für das Gehirn ist, seine kreativen Potenziale zu entfalten. Doch was machen wir Digitalmenschen stattdessen, sogar in den Resten des ganz privaten Lebens? Der Psychologe Stephan Grünewald drückt es in seinem Buch „Die erschöpfte Gesellschaft“ so aus: „Wir führen einen Kreuzzug gegen die Langeweile.“

Tippen, mailen, schauen, hören, sprechen, wischen, chatten, bloggen, daten, surfen, shoppen; das möglichst gleichzeitig, im Job, nach Feierabend, selbst am Wochenende und im Urlaub immer weiter. Wer nicht permanent im Info- und Kommunikationsstrom mitschwimmt, fürchtet, aus der Welt zu fallen. Muße und Müßiggang sind perdu, Privatsphäre ebenfalls. Die alten Anstandsregeln, wonach man dem Gesprächspartner ungeteilte Aufmerksamkeit widmet, oder am Abend und am Sonntag niemanden daheim stört, erscheinen wie absurde Vorzeitgebräuche.

Neue Technologien, die Segen sein könnten, werden Fluch, so sie die Herrschaft über Zeit und Lebensart des Individuums wie der Allgemeinheit gewinnen. Dann tritt ein, was Hartmut Rosa „organisatorisches Kammerflimmern“ und Paul Virilio „rasenden Stillstand“ nennen: die allfällige Hatz nach mehr und schneller stolpert über sich selbst. Büroarbeit ersäuft in Mailströmen, atemlose Informationsflut erschlägt informierte Nachdenklichkeit, Netzleben (z)ersetzt echtes Leben.

"Multitasking vermanscht das Gehirn"

„Ist ungeteilte Aufmerksamkeit ein gefährdetes Gut?“, sorgt sich der Philosoph Christoph Türcke. Und Neurologe Manfred Spitzer erklärt: „Menschen, die häufig mehrere Medien gleichzeitig benutzen, haben Probleme mit der Kontrolle ihres Denkens.“ Frank Schirrmacher formuliert diese Erkenntnis der Hirnforschung drastischer: „Multitasking vermanscht das Gehirn. Der Mensch ist dafür nicht gebaut.“  Zuviel ist einfach zu viel – für die Angehörigen einer Spezies, deren Biologie noch immer vom Rhythmus der Jahreszeiten wie vom Tag-und-Nacht-Wechsel getaktet ist. Einer Spezies, deren Natur gelegentliche Hochleistungsspitzen - ursprünglich für Jagd und Flucht - ermöglicht, diesen Alarmmodus aber nicht als Dauerzustand vorsieht.

Zwischen der natürlichen Evolutionsstufe des Homo sapiens und seiner Beschleunigungszivilisation tut sich eine immer schneller wachsende Kluft auf. Viele Negativwirkungen konnten in den letzten 300 Jahren durch Fortschritte bei Nahrung, Wohnung, Hygiene, Medizin  kompensiert werden. Womit jedoch soll die maßlose Ausweitung multipler Hochgeschwindigkeitsanforderungen im Digitalzeitalter ausgeglichen werden? Auf diese epochale Frage gibt es derzeit zwei Antwortlinien. Die eine setzt – siehe „Quantified Self“ – auf Selbstoptimierung, glaubt also, dass Anpassung an die steigenden Anforderungen durch Steigerung des individuellen Leistungsvermögens möglich sei. Die andere strebt nach Entschleunigung, verlangt also Anpassung der Anforderungen an die Natur des Menschen.

(Alb)Traum vom Cyborg wird Wirklichkeit

Auf Selbstoptimierung haben sich ganze Industrien eingerichtet, die uns mit Apparaten und Trainingsgeräten, mit Lern-, Verhaltens-, Fitnessprogrammen, mit Nahrungsergänzungsmitteln, Hallo-Wach- und Psychopillen überschütten. Doch dabei bleibt es nicht. Das Ideal bisheriger Humanwissenschaft war Erhalt und Wiederherstellung der Gesundheit. Neuerdings aber gilt in den  Biotech-Laboren manches Bestreben der „Verbesserung“ des eigentlich gesunden Menschen. Die Schönheitschirurgie ist da bloß modischer Prolog. Pharmazeutisch, prothetisch und genetisch optimierte Gliedmaßen, Sinnesorgane, Gehirnfunktionen werden folgen. Was vielleicht als Segen für Kranke und Behinderte beginnt, kann alsbald Gesunde zu Menschmaschinen aufrüsten.

Science Fiction? Nein, die Entwicklung läuft bereits (s. zB Titelthema im "Spiegel" Nr.49/2013). Gerade wird die menschliche Natur unter biotechnologischen Gesichtspunkten neu vermessen. Woraus gewollt oder ungewollt die Versuchung erwächst, sie künstlich ad hoc auf eine vermeintlich höhere Entwicklungsstufe katapultieren zu wollen. Auf eine Stufe, die besser zu den Anforderungen der digitalen Wachstumsmoderne passt. Mag sein, dass unser Verstand das noch packen würde. Die Seele aber, das Menschliche schlechthin nimmt unvermeidlich Schaden.

Weshalb jetzt gestresste Zeitgenossen in wachsender Zahl um persönliche Entschleunigung ringen. Seltsamerweise kommen dabei teils die gleichen Instrumente zum Einsatz wie bei den Selbstoptimierern. Das rührt vom Trugschluss, ein paar „Ruhezeitinseln“, ein bisschen Yoga, Sport, Wellness, Achtsamkeit oder einige Tage im Kloster könnten das Leben wieder ins Gleichgewicht bringen – um es dann erneut ins nach wie vor beschleunigende Hamsterrad zu stürzen. So aber wird das kaum klappen mit dem lebenswerten Leben. Dazu muss man wohl entweder als Individuum einen weit größeren Abstand zum Rad suchen oder als Gesellschaft auf die Bremse treten und es in eine andere Richtung lenken.

Andreas Pecht

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website am 2. Januar 2014

Die Künste waren und bleiben elementarer Bedingungsfaktor der menschlichen Zivilisation

ape. Mozart wird der Satz zugeschrieben: „Ohne Musik wär' alles nichts.“ Nietzsche sagte: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Dem Komponisten mag man die radikale Absolutheit seiner Aussage noch nachsehen, Musik war für ihn schließlich Berufung und Beruf gleichermaßen. Beim Philosophen hingegen ist die rationale Moderne geneigt, eher idealistische Schwärmerei anzunehmen. Denn wie könnten der Musik Lebenssinn stiftende Dimensionen innewohnen? Was, fragt der Konsument des 21. Jahrhunderts, sollten der Ernst des Lebens und das Freizeitvergnügen Musik gemein haben?

Interessanterweise schwindet die ernsthafte Wertschätzung für Musik in gleichem Maße wie ihre Allgegenwart zunimmt. Man stelle sich vor, es würde sämtliche medial verbreitete Musik mal verstummen. Plötzlich kommt nichts mehr aus den Radios, herrscht Ruhe in allen Ohrstöpseln, verschwindet das Gedudel aus Kaufhäusern, Restaurants, Fahrstühlen, Toiletten. Das gäbe ein arges Erschrecken: Stille, eine befremdende Zumutung. Wir haben uns daran gewöhnt, dass musikalisches Hintergrundrauschen permanent die Welt erfüllt.

Über Jahrtausende zuvor war Musik als Hörangebot der Ausnahmefall. Oder sie war eigenes Tun: Wer in historischer Zeit Musik haben wollte, musste selbst musizieren, wenn er die Mittel nicht hatte, sich Musikanten zu engagieren. Nietzsches „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ stammt aus einer Zeit, da die mediale Verfügbarkeit von Musik noch in den Kinderschuhen erster Phonographen steckte. Im Zentrum des Musikerlebens stand, wie seit Jahrhunderten, das Live-Konzert in Kirchen, Sälen, Stuben oder auf Marktplätzen. Die meisten Menschen kamen in alten Zeiten nur höchst selten in den Genuss professioneller, gar kunstvoller Musik. Das waren dann besondere Momente, die Aufmerksamkeit erheischten.

"Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele" (Gorki)

Mit dieser Aufmerksamkeit kamen die Altvorderen der Bedeutung von Musik für das Menschliche näher als wir heute unter elektronischer Dauerberieselung. Victor Hugo beschreibt diese Bedeutung so: „Musik bringt zum Ausdruck, was sich nicht in Worte fassen lässt und doch nicht still bleiben kann.“ Komponist Betrich Smetana formuliert: „Musik sagt das Unsagbare.“  Und was für die Musik als wortloser, unmittelbar ins Gemüt der (aufmerksamen) Hörer eindringenden Kunst gilt, gilt in unterschiedlicher Ausprägung auch für die übrigen Künste. Der Schriftsteller Maxim Gorki packte es in die treffliche Formel: „Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele.“

Weshalb bis heute, ja erst recht heute, völlig falsch liegt, wer den Künsten bloß die Funktion angenehmer Zerstreuung zuweist. Die Wissenschaft weiß längst, dass Verstand und Seele eine Einheit sind, einander bedingen. Beides zusammen macht den Homo sapiens und seine Gesellschaft aus. Verkümmert die Seele, verkümmert unweigerlich ebenso der Verstand. Wäre unsere Spezies nicht immerfort von den Musen geküsst worden, sie hätte keine einzige nennenswerte Zivilisation hervorbringen können.

Ohne Musik, Tanz, Ornamentik hätte es weder Gemeinschaftsbindung noch die Möglichkeit beschwörenden Einflusses auf Geister und Ahnen gegeben. Ohne Lieder, Erzählungen, Malerei keine historische Kontinuität. Ohne Künste kein Bild von sich selbst und also auch keine Entwicklung vom ohnmächtigen Schicksalswesen zum selbstverantwortlichen Individuum. Ohne Künste kein Abbild von der Welt und also auch keine Fragen nach der Gestaltbarkeit einer anderen, denkbaren, möglichen. Gäbe es heute Literatur und Poesie, Malerei, Bildhauerei und  Architektur, Schauspiel, Oper und Tanz nicht, man müsste sie schleunigst erfinden. Denn ohne sie kann der Mensch nicht sein, was er ist: seiner selbst bewusstes, über sich und seine Welt in Gefühl, Gedanke und Tat reflektierendes soziales Wesen.

Kunst ist kein Luxus, der erst entstünde, wenn die Mägen voll sind

Man sollte meinen, urzeitliche Menschen hätten mit dem Überleben genug zu schaffen gehabt und keinen Freiraum für den Luxus von Flötenspiel, Tanzfest oder Malerei. Doch Dank der Archäologie wissen wir, dass schon in frühesten Gesellschaften das Bedürfnis nach künstlerischem Tun verbreitet war; sei es als Teil archaischer Rituale oder zur eigenen respektive der Sippe Freude. Knochenflöten, Trommelreste, Grabschmuck, Höhlenmalereien aus Jungsteinzeit und Vorantike belegen: Das Bedürfnis nach Kunst entsteht keineswegs erst wenn die Überlebensverhältnisse gesichert und die Mägen voll sind. Kunst ist kein Luxus, sondern durchdringt die Geschichte als menschliche Grundeigenschaft – in guten und vielleicht noch mehr in schlechten Zeiten.   

Die Ältesten unter uns erinnern sich noch an die ersten Wochen und Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Da hatte mancher – trotz größter Sorge um Nahrung, Kleidung, Wohnung – allerhand  Umstände auf sich genommen, um in notdürftig hergerichteten Sälen wieder ein Konzert oder eine Theateraufführung zu erleben. Das damalige Maß des Glücks bei ausgemergelten Künstlern und Publikum ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Aber die Erzählungen von jenen Momenten lassen Nachgeborene doch erahnen: Für viele Menschen war das kriegsbedingte Verschwinden der Künste aus dem öffentlichen Leben eine schier existenzielle Entbehrung.

Einige der Ältesten erinnern sich an Momente, da sie zuvor mitten im Überlebenskampf Trost bei den Künsten gesucht hatten. In Schützengräben und Bunkern, oder in Gefangenenlagern und KZs konnte ein Gedicht, eine Melodie, die Erinnerung an ein Gemälde zur letzten Bastion des Menschlichen gegen die Entmenschlichung werden. Mag uns Heutige die Radikalität der obigen  Sätze Mozarts und Nietzsches auch befremden, angesichts jener Erfahrungen unserer Ältesten wird deren grundlegende Wahrheit  für das Leben doch begreiflich: Die Künste sind elementarer Bestandteil menschlicher Existenz – und damit ein Wert an sich.

Dominanz der ökonomischen Logik über die Kunst hat fatale Folgen

„Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele“ – und die Ökonomie quasi ihr Leib, sei ergänzt. Alle drei Bereiche sind im Sinne einer gedeihlichen Weltentwicklung aufeinander angewiesen. Dennoch aber folgt jeder einer eigenen Systematik. In jüngerer Zeit gerät das Gleichgewicht allerdings aus den Fugen. Julian Nida-Rümelin beschrieb es einmal so: „Es treten besondere Probleme auf, wenn die Logik des einen Systems auf die des anderen übertragen wird oder ein System alle übrigen dominiert.“ Der ehemalige Kulturstaatsminister hob damit auf die fortschreitende Dominanz der Ökonomie mitsamt ihrer Nützlichkeits- und Rentabilitätslogik über alle anderen Gesellschaftsbereiche ab.

Für Künste und Wissenschaften heißt das, sie stehen immer stärker unter dem Druck, ihren wirtschaftlichen Nutzen beweisen zu müssen. Universitäten wetteifern seither um vermarktungsfähige Forschungsergebnisse und die optimale Markttauglichkeit ihrer Absolventen. Theater, Museen, Orchester und andere Kultureinrichtungen werden vorrangig als „Standortfaktoren“ für die Attraktivät einer Stadt/Region betrachtet, auf dass Touristen strömen und kaufkräftige Neubürger sich ansiedeln. Tendenziell führt die Übertragung der ökonomischen Logik auf die Künste zu deren Banalisierung: Nicht mehr künstlerische Qualität entscheidet über die Wertigkeit kultureller Angebote und Leistungen, sondern „am Markt“ erzielte Verkaufszahlen/Einschaltquoten.

Das Fatale dieser Logik besteht beispielsweise darin, dass die Unterscheidung zwischen tiefem Gefühl und Rührseligkeit ebenso verlorengeht wie die zwischen Literatur und Schmöker, zwischen Schauspielkunst und Show, zwischen Musikkunst und Schlager/Pop, zwischen Filmkunst und Popcorn-Kino. Nichts, aber auch gar nichts gegen Rührseligkeit, Schmökerei, Show-Entertainment, Pop-Musik, Schunkelschlager oder Leinwandkracher. Jeder braucht das; mal mehr, mal weniger. Problematisch wird es indes, wenn selbst bei vormals kunstsinnigen, gebildeten Zeitgenossen das Bewusstsein schwindet, dass wohlfeile Unterhaltung und tatsächliche Kunst nicht dasselbe sind.

Kunst meint das Gegenteil von Zerstreuung, meint Konzentration und Beisichsein

Erstere dient der Zerstreuung, letztere dem genauen Gegenteil: der Konzentration, der Aufmerksamkeit, dem Beisichsein, der denkenden und noch mehr fühlenden Auseinandersetzung mit der Seele von Welt und Mensch. Geht die Unterscheidung verloren, so auch der historische Anspruch und das Streben der bürgerlichen Gesellschaft, möglichst all ihren Gliedern den Zugang zum Reich der Künste zu ermöglichen – sei es durch für jedermann erschwingliche Kunstangebote, sei es durch heranführende Bildungsangebote.

Mit der Losung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ging das Verlangen nach Aufhebung des herrschaftlichen Monopols auf Bildung und Kunstgenuss einher. Erst holten im 18./19. Jahrhundert die neuen Großbürger Orchestermusik, Darstellende und Bildende Künste aus den Schlössern in ihre Salons, in städtische Säle und Theater. Dann verschafften sich kleinbürgerliche Vereinigungen dort Zutritt. Schließlich begann im 20. Jahrhundert die Arbeiter- und Volksbildungsbewegung auch die Hochkultur zum Allgemeingut zu machen. Der letzte Aufbruch in diese Richtung erfolgte in der jungen Bundesrepublik unter der demokratischen Parole „Kultur für alle“.

Gemeint war damit die Öffnung und das Bemühen der Kulturinstitutionen für und um sämtliche Bevölkerungsschichten. Gemeint war nicht, dass die Künste sich dem kleinsten Nenner des populären Zeitgeschmacks anpassen. Aber dahin läuft die Entwicklung seither vielfach. So haben sich binnen 20 Jahren selbst in manch klassischem Kernbereich des Kulturbetriebes die Verhältnisse nachgerade umgekehrt: Waren zuvor Veranstaltungen ernsthafter Kunstrezeption die Regel und kulinarisch aufgemotzte Events gelegentliches Sonderangebot, kommt es einem heute oft vor, als käme Kunst ohne allerhand kunstfernes Anregungsbeiwerk gar nicht mehr aus – als sei sie ohne lockende Zugabe „unverkäuflich“.

„Wahre Kunst“ wird zur „Ware Kunst“, zum beliebigen Konsumartikel unter unzähligen anderen. Weil zusehends der Markt ihren Wert bestimmt, droht ihr Wert an sich als existenzieller Bedingungsfaktor für die menschliche Zivilisation verschütt zu gehen. Immerhin ahnen nicht wenige Zeitgenossen, welchen Verlust das bedeuten würde. Nie den Kuss der Musen spüren, niemals sich mit dem großen menschlichen Fragen, Sehnen, Suchen, Verzweifeln oder Beglücktsein auseinandersetzen, das den Künsten innewohnt: Dies Leben wäre in der Tat ein Irrtum – und die kunstlose Gesellschaft eine zu echtem, zu humanem Fortschritt nicht mehr fähige Ödnis.

Andreas Pecht   

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website am 2. Januar 2013

Wir stecken mittendrin in einem gewaltigen Epochenumbruch

ape. Es ging in den vergangenen Wochen allenthalben die Rede, ein historischer Epochenumbruch stünde zeitnah bevor oder finde bereits statt. Gemünzt war diese Ansicht zumeist auf das krisengeschüttelte Europa. Ihre Schlussfolgerung lautete: Die international agierenden Finanzmärkte machen im Verbund mit der EU-Staatsschuldenkrise eine Stärkung der Europäischen Gemeinschaft als politische und fiskalische Union unabdingbar. Kurzum: Mehr Europa, weniger Nationalstaat! Dieser Weg sei zwingend, wolle die alte Welt nicht zwischen globalem Finanzkapital und Asiens Aufstieg zur neuen Supermacht in Bedeutungslosigkeit versinken.

In der Tat vollzieht sich derzeit eine ökonomische und geopolitische Neuordnung der Welt. Gemessen an historischen Maßstäben verläuft sie rasend schnell, auch wenn von der Alltagswarte aus davon wenig zu spüren ist oder die öffentliche Meinung hierzulande hinsichtlich der Europa-Frage im Augenblick eher antieuropäisch tendiert. Es ist meistens so in der Geschichte, dass welthistorische Epochenumbrüche erst nachträglich festgestellt werden. Menschen, die mittendrin stecken im Jahrhundert oder Jahrtausendwandel, sind sich dessen kaum je bewusst.

Über den Tellerrand der aktuellen Finanzkrisenaufregung und damit verbreitet verbundener Ressentiments einmal hinausgeblickt, wird rasch deutlich: Es ist höchste Eisenbahn, dass die europäische Staatspolitik nachvollzieht, was gesellschaftlich längst im Gange ist.

Finanz- und Realwirtschaft behandeln Europa als einheitlichen Wirtschaftsraum, der seinerseits Teil des globalen Wirtschaftsraumes ist. Nationalgrenzen spielen da allenfalls eine untergeordnete Rolle als Störfaktor oder aber als taktisches Spielfeld, Politik auszunutzen respektive auszuhebeln.
Zugleich begreifen heute gerade junge Leute immer mehr Europa als ihren Lebensraum. In Madrid studieren, in Paris Praktikum machen, in Prag die große Liebe finden, dann in Schweden wohnen und arbeiten, gelegentlich die Eltern in Mainz besuchen: Solche Biografien sind zwar noch nicht die Mehrzahl, aber durchaus schon so normal wie Englisch als Zweitsprache oder europäischer Grenzverkehr ohne Passkontrolle.

Nationalgefühl wird im Europa der Regionen immer unwichtiger

Ob es einem gefällt oder nicht: Die Bedeutung der Nationalstaaten schwindet objektiv. Und gerade bei der jüngeren Generation nimmt auch die Identifikationskraft des Nationalen stetig ab. Junge Deutsche werden zu deutschen Europäern, vielleicht mehr noch zu rheinischen, pfälzischen, fränkischen ... Europäern. Heimat eher als regionale denn nationale Bindung zu verstehen und zu fühlen, ist eine sich verstärkende Strömung im Zeitgeist. Abgehobenheit des EU-Apparates, Bürgerferne der EU-Politik stehen zu dieser Entwicklung in eklatantem Widerspruch. Und es ist traurig, dass erst die Macht der Finanzmärkte die Politik in Europa auf den Umstand stoßen muss: Das mit der Französischen Revolution begonnene Zeitalter der Nationalstaaten geht mit der Globalisierung ihrem Ende entgegen.

Doch ist es nicht der europäische Umbruch allein, der unsere Gegenwart als Epochenwende kennzeichnet. Zugleich betreten neue Mächte das globale Spielfeld. Der Aufstieg Chinas, Indiens oder auch Brasiliens zu wirtschaftlichen und in der Folge bald auch politischen Großmächten verändert die Kräfteverhältnisse auf Erden grundlegend. Rund 500 Jahre nach ihrem Beginn schwindet nun die euro-amerikanische Vorherrschaft über die Menschheitszivilisation. Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass Europa und Nordamerika nicht länger der Nabel der Welt und der Schrittmacher ihrer Entwicklung sind.

Gegen die jetzige Dynamik der einstigen Kolonialopfer kommen die alten Mächte diesseits und jenseits des Atlantiks nicht an. Was uns bleibt, ist das Bemühen um Partnerschaft statt Wirtschaftskrieg mit den aufstrebenden Weltregionen. Was Europa auch bleiben könnte, ist eine Vorbildfunktion in Sachen staatsbürgerlicher Freiheit und Sozialstaatlichkeit – so wir diese Errungenschaften nicht leichtfertig aufgeben. Denn früher oder später werden auch China, Indien und andere solcher Modelle dringend bedürfen, wollen sie nicht an den unweigerlich eintretenden inneren Widersprüchen ihrer stürmischen Entwicklung verzweifeln.

Wegen Überfüllung droht den neuzeitlichen Megametropolen der Erstickungstod

Doch die derzeitige Epochenwende umfasst noch eine weitere, wesentlich tiefer greifende Dimension. Eine, die es in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hat, und die wohl zur größten Herausforderung sowohl für die alten Industriestaaten wie auch die neuen Großmächte wird: die Überforderung des Planeten durch das anhaltend maßlose Wachstum der Verbrauchszivilisation. Seit der Mensch aus seiner animalischen Phase heraustrat und Zivilisationswesen wurde, verlief seine Entwicklung stets nach der Devise: Wachset und mehret euch. Anfangs sehr, sehr langsam, seit etwa 12 000 Jahren immer schneller und seit dem 19. Jahrhundert explosionsartig nimmt die Weltbevölkerung zu, steigt ihr Verbrauch an Rohstoffen, Ackerfläche, Natur. 2011 überfüllten erstmals sieben Milliarden Menschen den Planeten und lebten erstmals mehr als die Hälfte davon in Städten und wuchernden Megametropolen.

Es hat seit Christi Geburt nicht nur die Zahl der Menschen um das 23-fache zugenommen. Es liegt zudem der Ressourcenverbrauch eines durchschnittlichen Mitteleuropäers heute mindestens 100 Mal höher als bei einem durchschnittlichen Zeitgenossen Jesu. Moderne Wohnung, Zentralheizung, TV, Waschmaschine, Elektroherd, Auto, Straßen, Flugzeuge.... Der gesamte Zivilisationsapparat hat eine Größenordnung angenommen, die mehr Ressourcen verbraucht, als der Planet dauerhaft zu bieten hat. Und wird nicht wuchtig gegengesteuert, wächst alles weiter – auf Klimakrisen, Hungersnöte, Verteilungskriege, globales Chaos zu. Die Weltbevölkerung wächst womöglich binnen einer Generation auf zehn Milliarden; der Bedarf an Rohstoffen, Energie, Luft, Wasser, Ackerfläche, Wohn-, Wirtschafts- und Mobilitätsraum ins Unermessliche.

Den Altvorderen schienen die Reichtümer des Planeten unerschöpflich. Uns selbst aber schwant allmählich, dass in einem endlichen System wie der Erde unaufhörliches Wachstum schlechterdings unmöglich ist. Tim Jackson, englischer Professor und Autor des Buches „Wohlstand ohne Wachstum“ rechnet vor: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war die Weltwirtschaft bereits fünfmal so groß wie in den 1950ern. Wollte man die bisherige globale Wachstumsrate beibehalten, würde die Weltwirtschaft bis zum Ende unseres Jahrhunderts den 80-fachen Umfang annehmen müssen. Wer seine fünf Sinne auch nur halbwegs beisammen hat, weiß: Dafür reicht das Potenzial der Erde hinten und vorne nicht. Ganz zu schweigen von der Überlastung der Biosphäre bis hin zum Klima durch die Abfallprodukte solchen Wachstums. Das große Gerangel um die planetaren Ressourcen ist bereits im Gange. Und Grenzen des Wachstums sind unübersehbar, wenn etwa dem Großraum Peking die Atemluft ausgeht oder Deutschland in einer halben Million Staukilometer stillsteht.

Sechs Milliarden Menschen streben nach mitteleuropäischem Lebensstandard

Ein Innehalten ist vorerst dennoch nicht in Sicht. Dank weltweiter TV-Programme, Netzverbindungen oder touristischer Beispiele weiß man heute auch in den Armenvierteln des globalen Dorfes, dass ein materiell viel höherer Lebensstandard anderwärts als völlig normal gilt. Weshalb es keinem Schwellen- oder Entwicklungsland zu verdenken ist, wenn es rasch den Sprung von der Agrar- zur Industriegesellschaft schaffen will. Sechs Milliarden Menschen sind deutlich ärmer als etwa deutsche Durchschnittsbürger – und streben alle tendenziell nach mitteleuropäischem Lebensstandard. Die Wachstumsdynamik in China, Indien oder Brasilien resultiert nicht zuletzt aus solchem Nachholbedarf. Nur zu gerne würde die westliche Industrie ihn befriedigen und daran wachsen – wenn schon auf dem heimischen Markt die Wachstumspotenziale schrumpfen. Doch so einfach ist das nicht, weil jene Länder auch eigene leistungsfähige Wirtschaften aufbauen.

In Wahrheit weiß niemand, wie das auf Dauer gehen soll mit dem unendlichen Wachstum in einem endlichen System. Dennoch beten Ökonomen und Politiker reihum für jedwede Lebens- und Krisenlage stets das gleiche Mantra daher: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Und zwar „nicht nur für die ärmsten Länder, die dringend auf eine Verbesserung der Lebensqualität angewiesen sind, sondern selbst für die reichsten Nationen, in denen der Wohlstand inzwischen die Grundlagen unseres Wohlergehens bedroht“, schreibt Jackson. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma, dass weiteres Wachstum die Lebensgrundlage der Zivilisation selbst angreift, zugleich aber unaufhörliches Wachstum die Grundbedingung für das Funktionieren unserer Wirtschaftsweise zu sein scheint?

Es ist gut, dass sich immer mehr kluge Köpfe über diese existenzielle Frage der Menschheitsentwicklung Gedanken machen. Es ist bedenklich, ja irrwitzig, dass noch immer viel zu viele Köpfe (nicht nur) in den Führungsetagen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik schon die Fragestellung als albern, weltfremd, irrelevant abtun. Indes gibt es erste Antwortansätze: Umstellung von verbrauchendem auf nachhaltiges Wirtschaften; von Wegwerfen auf Reparieren und Wiederverwerten; von Größer auf Kleiner; von Schneller auf Langsamer; von Vermehrung auf Umverteilung; von Güterbesitz auf kooperative Güternutzung; vom Primat des materiellen Wohlstands auf soziales, emotionales, kulturelles Wohlergehen; von einem bloß angefüllten auf ein erfülltes Leben.

Dem Wohlhabenden verschafft Wohlstandswachstum kein zusätzliches Lebensglück

Vor allem den reichsten Ländern ist es aufgegeben, hier die ersten Schritte zu wagen. Denn erstens war ihr Binnenwachstum zuletzt ohnehin überwiegend ein künstlicher Prozess bloß noch auf Pump. Und zweitens brächte für einen beträchtlichen Teil ihrer Bevölkerung noch mehr Wohlstand kaum echten Glückszuwachs mit sich. Nach aktuellen Studien sind die Deutschen sowieso kein besonders glückliches Volk. Der Befund ist nicht neu, das Gefühl von Lebensglück wird hierzulande schon seit Jahrzehnten schwächer. Solche Studien zeigen regelmäßig auch, dass die Höhe des Einkommens oder das Maß des persönlichen Wohlstandes eine eher untergeordnete Rolle für die Einschätzung des eigenen Lebensglücks spielen.

Der Befund deckt sich mit älteren Erkenntnissen der sozialpsychologischen Glücksforschung, wonach Zuwachs von materiellem Wohlstand ein echtes Glückspotenzial eigentlich nur für die Armen hat. Sie sind glücklich, wenn sie einem Leben entkommen, das primär aus Überlebenskampf bestand, und wenn sie nun wenigstens in bescheidenem Maß an den Standards der umgebenden Gesellschaft Anteil haben. Das Glückspotenzial von Wohlstandszuwachs wird aber umso kleiner, je wohlhabender jemand schon ist. Daraus lässt sich schließen, was der Volksmund seit eh und je weiß: Geld (allein) macht nicht glücklich. Zumal dann nicht, wenn es erkauft werden muss mit sinkenden Lebensqualitäten in anderen Bereichen: stressigen, zermürbenden Jobs, Gefährdung familiärer und anderer sozialer Bindungen, Verschwinden von Muße und Beisichsein, Umweltzerstörung etc.

Jüngst wurde vermeldet: Jeder Zweite aus der älteren Arbeitsbevölkerung in Deutschland will vorzeitig in Rente gehen – wissend, dass dafür teils beträchtliche Rentenabschläge in Kauf zu nehmen sind. Egal, ob die Betreffenden im Einzelfall einfach nicht länger arbeiten können oder nicht wollen, zeichnet sich hier eine Zäsur im Zeitgeist ab: Eine signifikante Bevölkerungsgruppe stellt Lebensqualität über die Ausschöpfung aller Möglichkeiten für ein maximales Einkommen. Damit werden die Begriffe Lebensqualität oder Lebensglück zumindest partiell neu definiert, wird Wohlergehen vom rein materiellen Wohlstand abgekoppelt, ja sogar höher bewertet.

Es soll hier nicht der verlogenen Parole vom „Glück der Armut“ das Wort geredet werden. Vielmehr geht es um ein Umdenken, um eine sozial gerechte und neue Lebensqualitäten erschließende Abkehr von der überlebten Maxime „wachset und mehret euch“. Denn darin besteht die größte Herausforderung für Gegenwart und nahe Zukunft, die tatsächlich alternativlos ist: einen Epochenwandel zu gestalten, wie es noch nie einen gab.

Andreas Pecht                

Erstabdruck 02. Januar 2012

Arbeiten, um in Freiheit selbstbestimmt anständig leben zu können – Würdigung der missachteten Leistungsträger

ape. Die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ fasste 1789 den zuvor schon Jahrtausende währenden Kampf um eine bessere Gesellschaft als ideelle Maxime zusammen. Gleichheit mag sich heute niemand mehr auf die Fahnen schreiben: Klingt zu sehr nach Gleichmacherei. Brüderlichkeit ist als politikfähiger Begriff perdu: Erinnert an Sonntagspredigt. Freiheit scheint hierzulande ein alter Hut, seit die Deutschen frei reden und geheim wählen dürfen. Benutzt man aber Freiheit im Sinne von Mitwirkung und Selbstbestimmung, ersetzt man Gleichheit durch Gerechtigkeit, Brüderlichkeit durch Solidarität, dann lässt sich die alte Parole als Ideal und Prüfstein für die Gegenwart verstehen.

Bei einer Umfrage gaben neulich fast 60 Prozent der Befragten in Deutschland als wichtigsten  Wunsch für 2011 an: weniger Stress. Im Volksmund meint Stress vor allem: Dauerbeanspruchung, Überlastung, Fremdbestimmung, Erschöpfung durch erdrückende Häufung schnell zu erledigender Aufgaben. Eine satte Bevölkerungsmehrheit fühlt sich also mittlerweile in einem Ausmaß gestresst, das spürbar an ihrer Lebensqualität nagt. Dieser Befund widerspricht der Annahme, Stress sei vorrangig bei Selbstständigen, Managern,  Führungskräften verbreitet. Dauerhafte Überforderung ist zum Massenphänomen geworden. Medizinstatistiker verzeichnen gravierende Anstiege bei Krankheitsbildern, die teils oder gänzlich vom Stress rühren.

Ob Verkäuferin, Briefträger oder Krankenschwester, ob Handwerker, Industriearbeiter, Lkw-Fahrer oder Verwaltungsangestellter: Auch in den „einfachen Berufe“ steigen die Anforderungen rasant. Die Aufgaben je Beschäftigtem wachsen; die Arbeitsmenge wächst; die  Arbeitsnormen wachsen, die Arbeitsgeschwindigkeit wächst. Wachstum allüberall, wenn auch auf einer Ebene, die wir mit dem Begriff eher selten verbinden. Zunehmende Arbeitsdichte ist aber die zwingende –  viel zu wenig gewürdigte – Kehrseite jenes Wirtschaftswachstums, dem sich heutige Gesellschaften   bedingungslos verschrieben haben.

Nicht Manager brennen aus

Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten unserer Tage, den in „einfachen Berufen“ sich mühenden Menschen die Anerkennung als „Leistungsträger“ und entsprechende Entlohnung zu verweigern. Nicht nur Manager und Selbstständige arbeiten manchmal bis zum Umfallen. Der Friseuse kann es heute ähnlich ergehen, oder dem Maurer, Müllwerker, Paketzusteller. Nur dass Letztere, wenn sie erschöpft in den Feierabend gehen, auch noch jeden Euro umdrehen müssen, um über die Runden zu kommen. Und dass sie keine Millionenabfindung zu erwarten haben, wenn sie Mist bauen.

Leider gibt es keine Methode, die Verausgabung von Lebenskraft pro Arbeitsstunde zu messen. Gäbe es die, und würden sich die Einkommen danach richten: Die immer extremere Öffnung der Einkommensschere hätte sich bald erledigt. Denn was berechtigt etwa Bankmanager 20, 50 oder 100 mal mehr zu verdienen als Dachdecker? Dass sie etwas können, was der Dachdecker nicht kann? Das gilt umgekehrt genauso. Dass sie eine bessere Ausbildung haben und längere Arbeitstage? Das trifft nur teilweise zu und würde bestenfalls die doppelte Einkommenshöhe rechtfertigen. Dass sie große Verantwortung tragen, weil ihr Handeln systemrelevant ist? Kabarettisten würden nach den aktuellen Erfahrungen hier einfügen: Ohne Dachdecker stünden wir dumm da, ohne systemrelevante Bankmanager besser.

Dies ist keine "Neiddebatte"

Im Disput um soziale Gerechtigkeit erhebt sich gewöhnlich rasch der Vorwurf „Neiddebatte“. Nein, um Neid geht es gar nicht – ging es noch nie: nicht bei den Sklavenrebellionen der Antike, nicht bei den Bauernaufständen des Mittelalters, nicht in der Arbeiterbewegung seit dem 19. Jahrhundert,  nicht bei den sozialen Spannungen der Gegenwart. Es geht stets um die Sehnsucht und das natürliche Recht aller Menschen nach einem in Freiheit selbstbestimmten, anständigen und ein bisschen glücklichen Leben. Diese Sehnsucht schließt den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ein, also nach angemessener Teilhabe am von allen erarbeiteten Zuwachs an Wohlstand.  

Was  bedeutet: Es kann nicht angehen, dass die Kluft zwischen Reich und Arm immer größer wird, die Reichen schneller reicher, die Armen ärmer werden. Es kann nicht angehen, dass die Entwicklung der 50er-, 60er-, 70er-Jahre hin zur deutschen Mittelstandgesellschaft umgekehrt wird, die Mittelschicht wieder schrumpft, weil viele auf die Rutsche nach unten gezwungen werden. Es kann nicht sein, dass die Produktivität Tag um Tag wächst, die Reallöhne in Deutschland aber seit zehn Jahren feststecken und Renten, Sozialsysteme, Gesundheitswesen erodieren, ja wir unter den Industrienationen gar Weltmeister beim Lohn-Minus sind.

Der jetzige Aufschwung wird‘s richten? Mit Verlaub: Die eine Hälfte dieses Aufschwungs besteht aus schöngerechneten Zahlen. Die andere Hälfte ist teuer erkauft, kaum von Dauer, und was unten ankommt, hält sich erfahrungsgemäß sehr in Grenzen. Das Leben wirft heute ein paar grundlegende Fragen auf, für die sich das kurzatmige Gewusel der Wirtschaftszyklen ohnehin nicht interessiert:

Das Familienleben zerbröselt

Was soll werden, wenn schwindelerregend zunehmende Leistungsanforderungen die Grenze des menschlichen Leistungsvermögens überschreiten? Was, wenn das Ringen um die Erfüllung beruflicher Vorgaben zu allen nur erdenklichen Tages-, Nacht- und Wochenzeiten ein normales Leben unmöglich macht? Wenn Familien- und Liebesleben zerbröseln,  Hobbys, Vereinskultur und Freundeskreise absterben? Wenn Freizeit sich reduziert auf Wiederherstellung der Arbeitskraft nebst lebenslanger Fortbildung derselben?

Dann wäre die Zivilisation wieder dort, wo die Menschen nie hatten hinwollen: beim leben, um zu arbeiten. Weniger Stress! Diesem Wunsch liegt indes das gegenteilige Verständnis zugrunde: arbeiten, um zu leben. Im Geiste von „Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität“ ist Zweck und Ziel allen produktiven Fortschritts: Sicherung der materiellen Überlebensbasis, Hebung des Lebensstandards  und zugleich stetige Erweiterung von darüber hinausgehenden Spielräumen – um die Arbeitsfron zu reduzieren, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten sowie die Gesellschaft mitzugestalten. Und dies für alle, auch für Kranke, Schwache, Alte.

Bürger gegen "falschen Fortschritt"

Demokratische Freiheiten sind eine grandiose Errungenschaft. Sie bleiben jedoch totes Papier, wenn die Menschen sie nicht nutzen. Sei es, weil ihnen nach der Arbeit Zeit, Kraft und Lust dafür fehlen. Sei es, weil sie das Ringen um privaten Wohlstand und geordnetes Familiendasein ausfüllt. Sei es, weil sie die Gestaltung des Gemeinwesens bei den Berufspolitikern am besten aufgehoben glauben. Nun aber stellt sich heraus: Die bisherige Art von verbrauchendem, großtechnischem, beschleunigendem Wachstumskurs stößt an ihre Grenzen. Mehr noch: Festhalten daran wirkt im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, Lebensstabilität und -qualität nachgerade kontraproduktiv.

Zugleich stellt sich heraus, dass das Gros der Politiker vom überkommenen Kurs des „Mehr-größer- schneller“, von Gigantismus, von Wachstum um jeden Preis, von Ökonomisierung auch noch der letzten Gesellschaftspore nicht lassen kann oder will. Stuttgart 21 wurde zum Symbol für diesen Kurs des „falschen Fortschritts“. Und der Protest dagegen wurde zum Ausdruck dafür, dass die bisherige Arbeitsteilung zwischen „gestaltender“ Politik-/Wirtschaftssphäre und alle paar Jahre wählendem, sich ansonsten aber mit seinen Privatangelegenheiten abstrampelnden Volk nunmehr aufgekündigt ist.  

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit nimmt eine neue Qualität an. Sehr viele Bürger bescheiden sich nicht länger mit der Qual der freien Wahl zwischen tausenderlei Telefonanbietern, Versicherern, Krankenkassen, Stromlieferanten, Fernsehprogrammen, Automarken. Freiheit ist etwas anderes, wird nun auf breiter Front auch so verstanden: Mitreden, mitbestimmen, mitentscheiden über die Gestaltung der eigenen Stadt, des Landes, des Gemeinwesens.

Vieles deutet darauf hin, dass die Politik die Gestaltungshoheit über den öffentlichen Raum künftig  mit dem Souverän, dem Volk, wird teilen müssen. Das ist gut so, wenn auch für alle Seiten ungewohnt. Das birgt einige Risiken, aber viel mehr Chancen. Mancher Politiker denkt noch nach, wie er das zur Einmischung entschlossene Bürgertum elegant ins Leere laufen lassen und wieder ruhigstellen kann. Eine dumme Haltung. Sie verschließt sich der großartigen Möglichkeit einer Reifung der Demokratie durch direkte Beteiligung eines in weiten Teilen gereiften Volkes.

Dilemma der Weltzivilisation  

Wie das kleine Deutschland, so steht auch die Weltzivilisation vor grundlegenden Fragen.  Fragen, die ohne gemeinsames Wirken, ohne weltweite Solidarität der Staaten und Völker nicht befriedigend zu beantworten sind. Dazu gehört die Verknappung der natürlichen Ressourcen bei anhaltend gewaltigem Wachstum von Weltbevölkerung, Energieverbrauch, Produktion und Konsumtion. Ob Erdöl, Erze, Ackerflächen, Holz, Meeresfisch, Süßwasser, Luft: Die Menschheit steckt noch immer im Stadium des Raubbaus. Die Ressourcen-Bewirtschaftung bleibt den Märkten überlassen. Märkte aber wissen nichts von Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit. Sie sind allein  guten Gewinnen verpflichtet. Dafür aber braucht es Wachstum, Wachstum, Wachstum. Grenzenloses Wachstum jedoch ist ein der irdischen Natur unbekanntes Prinzip.

Ein Dilemma, zu dem auch der Klimawandel gehört. Der trifft zuerst die Ärmsten am härtesten, obwohl die am wenigsten dazu beigetragen haben. Nun Gerechtigkeit walten zu lassen, ist nicht Sache der Natur, sondern diejenige der Menschen. Und Gerechtigkeit heißt hier: Den Ländern der Dritten Welt muss die Möglichkeit zugestanden werden, sich zu entwickeln, den Lebensstandard ihrer Bewohner zu verbessern. Gerechtigkeit heißt hier auch: Die alten Industrieländer können nicht länger ihr Wachstum zu Lasten der Entwicklungsländer forcieren.

Im globalen Dorf tendieren die Ungleichgewichte zwischen den Nationen Richtung Ausgleich, zumindest Neuordnung. Mag sein, dass Boomländer wie China oder Brasilien den ökonomische Kolonialismus des Westens beerben. Aber alten wie neuen Wirtschaftsmächten bleiben letztlich gleichermaßen zwei Grundprobleme: Einerseits müssen sie miteinander einen vernünftigen Weg für die Zukunft des globalen Dorfes finden, oder die Menschheit geht einer Epoche von Handels- und Ressourcenkriegen in einer klimatisch erschütterten Biosphäre entgegen.

Wenn Asiaten und Afrikanern der Kragen platzt

Andererseits müssen alle die Kluft zwischen Reich und Arm bei sich verkleinern. Das wäre ökonomisch sinnvoll. Vor allem aber: Irgendwann könnte auch Milliarden von einfachen Afrikanern, Indios, Asiaten der Kragen platzen – wenn sie feststellen, dass die Reichen immer reicher werden, während sie selbst arm bleiben oder im immer schneller rotierenden Hamsterrad  alter und neuer Arbeitsgesellschaften ihre ganze Lebensenergie für ein bestenfalls bescheidenes Einkommen verausgaben müssen.

Hunger ist die Pest der Zivilisation, Armut ihre Cholera, Anhäufung unerhörter Reichtümer in wenigen Händen ihr Schandmal und einfallsloses Festhalten an grenzenlosem Wachstum ihre Bankrotterklärung. Deshalb mag ein Ideal wie „Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität“ zwar weltfremd wirken, dennoch ist das Streben danach alternativlos.

Andreas Pecht

Erstabdruck 3. Januar 2011

Eine bald zehn Millarden Menschen zählenden Zivilisation muss sich von der Verbrennungsenergie emanzipieren

ape. Am Anfang der Zivilisation stand die Zähmung des wildwütigen Feuers. Gebändigt, wurde es zum Spender von Wärme und Licht, zum Kraftlieferanten und Werkzeug. Doch was Segen war, wird nun Fluch: Die Zahl der „Feuerstellen“ ist in die Milliarden gewachsen – sie fressen die globalen Brennstoffreserven weg und ihre Abgase verunstalten das planetare Klima.

Vor dem Kamin sitzen, in die Flammen schauen, dem Knacken der Scheite lauschen: Gemüter werden friedvoller, Worte bedächtiger, Gedanken freier. Das beruhigende Erleben des offenen, aber gebändigten Feuers ist ein Nachklang archaischer Zeiten, da die Glut im Steinkreis oder nachher im Herd Überlebensgarant für Horde und Sippe war.

Wann unsere Vorfahren aufhörten, den Tieren gleich ängstlich vor dem Feuer wegzulaufen, und begannen, es zu nutzen, liegt im Dunkel der Frühzeit verborgen. Die Forschung schreibt erste gegarte Nahrung dem Homo ercetus vor 700 000 Jahren zu. Er selbst konnte noch kein Feuer entzünden, hat sich bei natürlich entstandenen Bränden bedient. Die Kunst, mittels Feuerstein und Zunder Funken zu schlagen, gibt es seit gerade 35 000 Jahren.

Das Zeitalter des Holzes

So oder so: Erst die gezielte Nutzung des Feuers machte die Entwicklung des Menschen zur weltumspannend dominierenden Spezies möglich. Ohne Feuer keine optimierte Nahrungsverwertung durch Braten und Kochen. Ohne Feuer keine Besiedelung kälterer Weltgegenden. Ohne Feuer keine entwickelten Ton-Gefäße, erst recht keine Metallgewinnung. Kurzum: Ohne Feuer keine Zivilisation.

Primärer Brennstoff war über Jahrzehntausende Holz; sieht man von einigen Prozenten ab, die auf Stroh, getrockneten Dung oder seit 4000 Jahren auf Torf entfielen. Die zivilisatorische Entwicklung beruhte bis ins 18. Jahrhundert überwiegend auf regenerativen Energien. Selbst die Schmelztiegel der Antike und des Mittelalters wurden mit Holz respektive Holzkohle befeuert. Höhlen, Zelte, Häuser wurden mit brennenden Fackeln, Kienspänen, Pflanzenölen oder Tierfetten beleuchtet.

Eine ökologische Idylle waren die alten Zeiten dennoch nicht.  Das Wachstum der Populationen und ihr technischer Fortschritt gingen zu oft mit regionalem Raubbau einher. Manche Hochkultur endete als Wüstenei: Sie machte sich selbst den Garaus durch Verschmutzung der nahen Gewässer, Übernutzung der Äcker und Kahlschlag der Umgebungswälder für Brenn- und Bauholz. Die Gewinnung des Holzes in der Ferne und sein Transport über weite Strecken konnten ein Gemeinwesen existenziell schwächen: Ab einem gewissen Punkt übersteigt der Aufwand zur Herbeischaffung von Ressourcen eben die ökonomischen Möglichkeiten einer Gemeinschaft.

Mit Zitronen gehandelt

Aufs Heute übertragen: Wenn Förderung, Aufbereitung und Transport von sibirischer Kohle oder Tiefsee-Öl fast so viel Energie verbrauchen wie die Brennstoffe am Ende hergeben, handelt man sprichwörtlich mit Zitronen. Vor diesem Problem stehen wir. Denn es wurden zwar jüngst beträchtliche neue Öl-Lagerstätten vor Brasilien und Afrika geortet. Aber was nützen sie, wenn das Öl so tief liegt, dass es kaum wirtschaftlich zu fördern ist. Optimistische Prognosen über  noch in der Erdkruste steckende Vorräte an Kohle, Öl, Gas sind bloß Spiegelfechterei, solange sie nicht nach ihrer technischen Erreichbarkeit, ihrer wirtschaftlichen Förderbarkeit und ihrer Brennqualität beurteilt werden. Auch aus Rhein-Sand ließe sich heute noch Gold waschen – Aufwand und Ertrag stünden freilich in irrwitzigem Missverhältnis.

Wir erleben derzeit bei Kohle, Öl, Gas die frühe Phase einer Entwicklung, wie sie die Altvorderen im  18./19. Jahrhundert als Endstadium beim Holz erlebten: Mangel durch Übernutzung. Sprunghaftes Bevölkerungswachstum und industrielle Revolution ließen den Verbrauch von Holz  in bis dahin nie gekannte Höhen schnellen. Die Wälder wurden für Bergwerke, Eisenhütten, Schiffswerften, Lokomotiven, Städte flachgelegt. Der Siegeszug der Dampfmaschine ab 1769 steigerte den Brennstoffhunger ins Unermessliche – machte Holz zu einem raren Gut und fossile Kohle zwangsweise gesellschaftsfähig.

Der Verbrauch von Kohle stieg weltweit von 10 Millionen Tonnen im Jahre 1800  auf 760 Millionen Tonnen um 1900, deckte dann 90 Prozent des Energiebedarfs, konzentriert auf die Industrieländer. Freilich war auch schon im Mittelalter vielerorts Kohle abgebaut worden. Allerdings nur in bescheidenem Maße, denn Kohle galt dazumal als Notbehelf. Man mochte sie nicht, weil dreckig, beim Verbrennen stinkend und ihre Asche für die Gartendüngung unbrauchbar.

Aber es führte an Kohle so wenig ein Weg vorbei wie nachher am Öl. Holz konnte den Energiehunger einer von 800 Millionen Köpfen um das Jahr 1750 auf 1,6 Milliarden gewachsenen Menschheit um 1900 nicht decken. Diese Entwicklung setzt sich seither in Potenz fort. Es hat sich nicht nur die Weltbevölkerung seit 1900 auf sieben Milliarden Menschen heute vervierfacht. Zugleich stieg der Energieverbrauch um das Elffache. Im globalen Durchschnitt verbraucht ein Mensch heute drei mal mehr Energie als sein Vorfahr vor 100 Jahren.

Nachholbedarf der Dritten Welt

Gemessen am damaligen Pro-Kopf-Energieverbrauch ist es, als lebten derzeit nicht 7, sondern 21 Milliarden Menschen auf Erden. Tendenz? Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf reale 9 bis 10 Milliarden anwachsen. Und ohne durchgreifende Energiewende wird der Energieverbrauch pro Kopf sich im Verhältnis zu 1900 dann mindestens vervierfacht haben. Ein Grund: Der Nachholbedarf in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Niemand kann erwarten, dass es beim jetzigen Ungleichgewicht bleibt: In Deutschland werden je Nase und Tag 137 Kilowattstunden verbraucht, in den USA gar 250, während sich Chinesen mit 34,  Inder mit nur 12 kWh bescheiden.

Es ist schlechterdings undenkbar, dass ein bis 2030 noch einmal um 50 Prozent ansteigender Welt-Energiebedarf (so die Prognose) gedeckt werden kann durch die Feuer-Technik, auf der die Zivilisation bis heute beruht. Noch immer beziehen wir 90 Prozent unserer Energie aus dem Feuer, auch wenn die Flammen inzwischen dem Blick vielfach entzogen sind. Hinter fast jedem Heizkörper verbirgt sich eine Feuerstelle, sei es im Keller oder im Fernwärmewerk. Lampen, Computer, Haushaltsgeräte, Maschinen, ICEs funktionieren überwiegend nur, weil in Kraftwerken große Feuer brennen. Schiffe, Flugzeuge und weltweit 800 Millionen Autos werden von mitgeführten Verbrennungskraftwerken angetrieben . . .

Die Menschheit verbrennt derzeit täglich knapp 90 Millionen Barrel Öl. Wenn keiner die Notbremse zieht, sind es in 20 Jahren schon mehr als 130 Millionen Barrel pro Tag, also rund 50 Milliarden Barrel im Jahr. Binnen nur einer Generation (30 Jahre) würden unsere Kinder oder Enkel dann 1500 Milliarden Barrel Erdöl verheizen, bis zum Ende des Jahrhunderts wären das fast  4000 Milliarden. Daneben nehmen sich die seit 1920 insgesamt verbrannten 900 Milliarden Barrel bescheiden aus. Daneben wirken Jubelmeldungen über neu entdeckte Lagerstätten mit vermuteten Reserven im zweistelligen Milliardenbereich bloß noch lächerlich. Ähnliches gilt auch für die anderen Brennstoffe, für Kohle, Gas, Torf, ja selbst für das Holz. Denn regenerativ und klimaneutral ist Holz nur, wenn der Einschlag durch Wiederaufforstung in adäquater Menge und Aufwuchszeit ausgeglichen wird.

Menschheit in der Sackgasse

Es sind diese Dimensionen des globalen Energiebedarfs, die unmissverständlich vor Augen führen: Eine industrielle Weltzivilisation von bald zehn Milliarden Köpfen kann nie und nimmer beim Feuer als zentraler Energiequelle bleiben. Wir stehen vor einer entwicklungsgeschichtlichen Sackgasse: Je kräftiger wir die Feuer stochen, umso mehr machen wir uns via Klimawandel die Umwelt zum Feind und umso eher werden schon unsere nächsten Nachkommen ohne bezahlbaren Brennstoff dastehen.

Aus dem Feuer wurde die Zivilisation geboren, vom Feuer wurde sie genährt. Nach 700 000 Jahren muss sie sich jetzt aber vom Feuer emanzipieren, will sie nicht daran zugrunde gehen. Die Emanzipation ist zwingend, und sie ist möglich. Die Techniken sind alle da, um vom Feuer auf Sonne, Wind, Wasser und Sparsamkeit als zwar nicht einzige, aber künftig dominierende Energiequelle umzusteigen. Wir müssen wollen und uns dabei sputen. Geht nicht? Gibt’s nicht! Weil uns auf dem übervölkerten Planeten sowieso keine Alternative bleibt.

Andreas Pecht

Erstabdruck am 2. Januar 2010

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