Quergedanken

Quergedanken Nr. 128

ape. Zugegeben, Mode ist nicht meine stärkste Seite. Von Frauenmode verstehe ich nur ein klein wenig, von Männermode gar nichts. Das mag manche/r für einen seltsamen Widerspruch halten, ist aber leicht zu erklären. Was die Damen angeht, kann ich zumindest erkennen, welche mir in welchem Outfit warum gefällt. Bei den Herren gelingt mir nicht mal das, weil ein vergleichbares Gefallen sich nie einstellen will – egal mit welchem Outfit sie sich mühen. Hinsichtlich der eigenen Mannsperson bleibt deshalb auch jeder Blick in den Spiegel vergeblich.

Neulich war ein ganzes Heft des „Zeit-Magazins” der „magischen Beziehung” zwischen Frau und Kleiderschrank gewidmet. Die Redaktion wollte zeigen, „wie das, was wir tragen, uns verwandelt.” Den Beweis für diese Variation des alten Spruches „Kleider machen Leute” sollte die Schauspielerin Marine Vacth erbringen. In wechselndem Edelfummel stürzte sie sich in unterschiedliche Posen. Heraus kam eine wunderbare Fotostrecke – die allerdings das genaue Gegenteil beweist. Denn Frau Vacth machte ihre schauspielerische Sache so gut, dass Intensität, Tiefe, Hintergründigkeit, Emotionalität, erzählerische Kraft ihrer Gesichts- und Körperausdrücke die Modekreationen von Gucci, Dior, Versace und Co. zur belanglosen Staffage degradierten.

Natürlich war das Heft ansonsten prallvoll mit Damenmode-Anzeigen. Da konnte man dann im Vergleich mit den Vacth-Fotos reihenweise sehen, dass aufgesetzt eisig-böses Gucken und chicke Klamotten aus Models weder inspirierende Vamps noch beeindruckende Persönlichkeiten machen. Schlussfolgerung: Die Bedeutung der Outfits für die Außenwirkung ihrer Träger/innen ist wesentlich geringer als gemeinhin angenommen, tendiert bei interessanten und seelenvollen Menschen gegen Null.

Diesen Befund bestätigte das „Zeit-Magazin” der Folgewoche mit Männermode im Zentrum. Ach du heiliger Bimbam, langweiliger hätte nur noch eine Ausgabe über die angebliche Vielfalt und den vermeintlichen Chic von Businessanzügen samt Krawatten sein können. Schauspieler Ellar Coltrane bleibt eine Kleiderpuppe, weil er mit aller Gewalt cool, männlich, zugleich tiefsinnig und sensibel rüberkommen will – doch offenbar nichts davon wirklich in sich hat. Gleiches in sämtlichen Männermode-Anzeigen des übrigen Heftes. Sorry, aber selbst wenn ich 35 Jahre jünger wäre, würde ich nicht aussehen wollen wie diese „stylischen” Werbezombies.

Und plötzlich giftet mich Freund Walter an: „Hast du in Zeiten der Flüchtlingskrise nichts besseres zu tun, als über äußerlichen Firlefanz zu schwadronieren?!” Recht hat er schon, aber eigentlich habe ich auf allen Kanälen bereits alles gesagt, was ich im Grundsatz dazu zu sagen habe. Nun gut, wahrscheinlich kann man es nicht oft genug wiederholen. Also: Wenn Kapital und Waren, imperiale Politik und Waffenlieferanten, Touristen und Medien sich nach Gusto im Eigeninteresse weltweit tummeln, wer wollte/könnte die Elenden daran hindern, sich auf den Weg zu machen in die reichere und sichere Hälfte des globalen Dorfes? Das wird erst aufhören, wenn der reiche und mächtige Teil der Menschheit aufhört, den armen Teil als Spielball eigener Machtpolitik zu missbrauchen und ökonomisch als Zitrone zu betrachten, die nach Belieben ausgequetscht werden kann. Es gilt: Hilfe ist richtig; Abschottung ist inhuman und obendrein völlig nutzlos, weil Völkerwanderungen nun mal nicht aufhaltbar sind.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39./40. Woche im September/Okotber 2015)

Quergedanken Nr 127

ape. Wenn Sie das hier lesen, sind die Hitzewellen des 2015er Sommers womöglich schon ausgestanden. Ob der Herbst ein goldiger oder grauer wird, weiß niemand. Denn ehrwürdige Bauernregeln gelten nicht mehr. Zwar ist das Wetter für die nächsten paar Tage bisweilen etwas zuverlässiger vorhersagbar, ansonsten aber gänzlich unberechenbar, weil Jahrhunderte alte Wahrschheinlichkeits-Beobachtungen mitsamt Götterbeschwörungen im menschengemachten Klimadurcheinander halt nix nützen. So bleibt fürs allfällige Plaudern übers Wetter neben der verlässlichsten aller Wetter-Apps (Blick aus dem Fenster) nur das jüngst Erlebte.

Bestens erinnerlich sind heuer die Hitzetage 30plus bis 40. Fast mehr noch die Nächte, in denen Schlaf zum dösigen Bad im eigenen Saft wurde. Was die Tage angeht, so hat jetzt hoffentlich auch der Letzte kapiert, warum südländische Kulturen von Alters her anders ticken als hiesige: Langsamkeit ist bei Gluttemperaturen ebenso pure Überlebenstechnik wie die ausgedehnte Siesta. Und ob die summarische Wirtschaftsbilanz über den Sommer unter solcher Praxis mehr leidet als unter technischer Vollklimatisierung, das hat noch keiner ausgerechnet. Ökologisch indes ist klar: Vollklimatisierung stellt wegen des horrenden Energieverbrauchs einen gravierenden Rückschritt dar gegenüber Langsamkeit, Siesta, Hitzefrei.

In einer dieser Nächte, da selbst Nacktheit auf statt im Bett nichts half, obendrein stechlustigen Besuchern derart allzu viel Angriffsfläche geboten ward, trieb es mich vom verschwitzten Lager. Was tun nachts um dreie? Für gute Lektüre ist das Hirn zu träge und zu solcher Stunde wäre das frühere Testbild wohl die interessantere Alternative im TV-Programm. Also den PC hochgefahren, um einige Foren abzuklappern, auf denen Öffentlichkeit aktuelle Ereignisse diskutiert. Ich hätte es besser gelassen! Nach 30 Minuten dachte ich bei der Zeile „In der Hitze der Nacht” nur noch an den gleichnamigen 1967er-Film über eine von dumpfem Rassismus durchseuchte US-Kleinstadt. Ich war geneigt, jedes Vertrauen in Vernunft und Menschlichkeit eines Teils meiner Landsleute vollends fahren zu lassen.

Das Thema Flüchtlinge dominierte den Diskurs. Ach was Diskurs; das war oft brutalstes Gekeife wider die humane Selbstverständlichkeit, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen, eben weil sie Menschen sind. Ich mag nicht wiederholen, welche Unsäglichkeiten da gesagt werden, mal in braunrassistischer Offenheit, mal in scheinbar gemäßigter „Sorge ums Vaterland”. Ich will hier nur daran erinnern, dass 100 Prozent der deutschen Bevölkerung in der ersten, dritten oder x-ten Generation Abkömmlinge von Migranten sind. Und ich will daran erinnern, dass noch niemals (!!) in der Menschheitsgeschichte irgendjemand mit welchen Mitteln auch immer die Wanderung von Menschen, ja ganzen Völkern verhindern konnte – die sich fern einer gefährdeten, gebeutelten, elenden Heimat Überleben, Schutz, Auskommen, ein bisschen Glück erhofften.

Flucht, Wanderung, Migration und stets aufs Neue Vermischung der Völker sind eine ewige Eigenschaft unserer Spezies: seit dem Zuzug des Homo sapiens von Afrika her; seit der Einwanderung von Kelten, Germanen, Goten nach Mittel- und Westeuropa; seit den großen Wanderbewegungen während Industrialisierung, Kolonialismus und infolge neuzeitlicher Kriege; seit dem Westzug von fast vier Millionen Ostdeutschen nach dem Mauerfall …

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 35./36. Woche im August/September 2015)

Quergedanken Nr. 126

ape. Darf ein Mann sich öffentlich über Frauenbekleidung auslassen? Gar über weibliche Unterwäsche? Klar doch, die Damenschaft macht's umgekehrt schließlich auch. Aufsätze von Kolleginnen und in aller Frauenwelt gepflegte Lästereien über Feinripp, Boxershorts oder Tennissocken füllen Bände. „Lass es trotzdem”, rät Walter, „du wirst dir nur die Finger und sonstwas verbrennen.” Pah, ich will aber! Draußen brüten 38 Grad Hitze, da fällt einem das Thema doch in den Schoß. „Schon verbrannt”, feixt der Freund mit Verweis auf den Hintersinn, den man/frau dem Wort Schoß unterstellen könnte. Ach Gott, dann fällt mir das Thema halt in die Hände oder zwischen die Beine. „Noch schlimmer!”

Was soll die Kleinkrämerei, wenn selbst die gut katholische Nachbarin ungeniert im Bikini unterm Sonnenschirm hechelt? Wenn man beim Flanieren durch Berlin-Mitte oder Koblenz-Zentrum bald nicht mehr weiß: Gehört der Büstenhalter nun zur Unterwäsche oder ist er Teil transparenter Sommeroberbekleidung, gar Ersatz dafür? Ich höre schon den Einwand, Bikini-Oberteile seien keine BHs, sondern Badebekleidung. Auch seien abseits der Strände offen getragene Körbchen keine Büstenhalter im klassischen Zwecksinn der Busen-Stütze, sondern Modechic. Mit Verlaub, unter kulturhistorischem Blickwinkel – und allein um diesen geht es mir selbstredend – ist das alles eins.

Der Büstenhalter nämlich ist ein ganz außerordentliches Phänomen. Er ist von seiner naturgemäßen Funktionalität her das einzige (!!!) geschlechtsspezifische Kleidungsstück der Menschheitsgeschichte. Gell, da staunen's?! Schuhe, Hosen, Hemden, Jacken, Pullover, Hüte tragen Männlein wie Weiblein. Dass wir sie für beide Geschlechter unterschiedlich gestalten, ist nur geschmäcklerischer Firlefanz. Aber Röcke und Kleider? Man wandere die Bekleidungsstile diverser Zeitalter und Kulturen ab, dann findet man von der Toga bis zum Kilt Röcke und Co. als gängige Männerkluft – hergeleitet von Tierfell-Umhang und Lendenschurz unserer Urväter und -mütter

Es komme mir jetzt niemand, die jüngste Generation der Tangas (Stringtanga) sei eine Erfindung nur für Frauen. Der einschlägige Wäschehandel bietet die zur vermeintlichen Unterhose zweckentfremdete Vorhangkordel inzwischen ebenso für Männer an. Und etliche meiner Geschlechtsgenossen ziehen sich das Ding tatsächlich durch die Backen, wohl in der Hoffnung auf einen knackigen Po. Diese Hoffnung ist für beide Geschlechter fatal. Denn das rückwärtige Schnürl schaukelt vielleicht Hämorriden, aber es hält nix, formt nix, verschönert nix. Und Mutter Natur hat nun mal nur den wenigsten Mitmenschen, seien sie jung oder älter, ein Hinterteil mitgegeben, das durch solches Zaumzeug an Esprit gewönne gegenüber dem von Tuch gefassten oder dem völlig nackten Ar.... .

Ganz anders der Büstenhalter. Er trickst nicht nur die Schwerkraft aus, die sich auf die weibliche Brustpartie je nach individueller Naturanlage so drastisch auswirken kann wie sonst auf keinen Körperteil. Zugleich ist den Damen mit dem BH ein raffiniertes Instrument an die Hand gegeben, die eigene Außenform nach Gusto zu gestalten. Ob frau das nutzen muss, um durch Heben, Pressen, Ziehen, Runden, Ballen Männerträumen von prall gefüllten Dirndln gerecht zu werden, ist eine andere Frage. Ebenso, ob frau im Alltag seltsamen Modediktaten folgen muss, die schier unter die Schlüsselbeine gequetschte Sportivbrüstchen vorschreiben.

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Publikumsmedium außerhalb dieser website 31./32. Woche im Juli/August 2015)

Anmerkung:

Einen Augenblick hatte ich gezaudert, den Büstenhalter als das einzig geschlechtsspezifische Kleidungsstück ever zu bezeichnen, weil mir das Suspensorium in den Sinn kam. Doch belehrten mich die einschlägigen Lexika, dass es sich bei diesem Gonadenschutz oder Sackhalter oder Gemächtaufwerter nicht um ein Kleidungsstück handelt, sondern entweder historisch um einen männlichen Protzschmuck oder bei Tänzern und Fechtern um einen für ihr Tun speziellen Ausrüstungsgegenstand.

Quergedanken Nr. 125

ape. „Was ist das denn für eine Überschrift?”, brummt Freund Walter kopfschüttelnd. Das, mein Lieber, ist eine Jahreszahl. Und zwar eine, die sich ins kollektive Gedächtnis der Rhein-Völker und in die Geschichtsbücher einbrennen wird wie 0009, 1789, 1939, 1984, 1989 oder 2005. Walter grübelt: „1789 – Französische Revolution; 1939 – Ausbruch des 2. Weltkrieges; 1989 – Fall der Mauer. Aber was, zur Hölle, verbindet sich Weltbedeutendes mit den anderen drei Zahlen und mit 2031?”

Ei, so schwer ist das doch nicht. Anno 0009 wurden die Legionen des Varus im Teutoburger Wald von einer Horde Wilder aufgerieben. Folgewirkung: Rheinland-Pfalz bekam mit dem Limes sein viertes Weltkulturerbe, Rom den Heiligen Stuhl, aber Berlusconi keine Macht über Europa, dafür Griechenland die Troika. „1984” heißt Georg Orwells Roman, dessen Aufklärungswirkung es zu verdanken ist, dass demnächst die Geheimdienste abgeschafft und das Abschöpfen persönlicher Daten durch Konzerne verboten wird. Insofern hat „1984” auch 2005 vorbereitet: Die Wahl eines Ostmädchens zur ewigen Bundeskanzlerin. Capito? Weltgeschichte eben!

Zu 2031. Hey Walter, du solltest gelegentlich doch die Nase auch mal in die regionale Tageszeitung stecken. Dann wüsstest du, dass diese Zahl jedem Mittelrheiner Strahleglanz ins Auge und alle Miesepetrigkeit aus dem Gemüt getrieben hat. „Wie denn das?” Mannomann Bub, das Mittelrheintal will sich um die Bundesgartenschau 2031 bewerben. „Wer denkt sich denn sowas aus?” Ist doch egal, ob die Idee im Mainzer Innenministerium, an einem Wirtshaustisch oder in einer Redaktionsstube ausgebrütet wurde. Egal ob sie in die Welt kam, um den Empörungsdruck vom Welterbebeauftragten Schumacher zu nehmen. Oder ob umgekehrt Schumacher einfach mal abweichend vom regionalpatriotischen Politgelaber die Wahrheit über „versiffte Stellen” im Tal sagte – um der BUGA-Idee den Weg zu bereiten.

So oder so, mit BUGA 2031 ginge der Mittelrhein einer wunderglücklichen Zukunft entgegen. Walter grübelt schon wieder: „Von Koblenz bis Rüdesheim?” Ja sicher. „Mit Seilbahn von St. Goar aufs Loreley-Plateau und/oder Schwebebahn von der Drosselgass' zum Deutschen Eck?” Wie bitte?! „Mit Gartenschau-Flächen in Bingen wie gehabt, neu auf der Loreley, auf dem Bopparder Hamm, an der Lahn-Mündung sowie in Koblenz ebenfalls wie gehabt?” Ach Walter, so weit denkt noch kein Mensch. „Sollte man aber, bevor die heutigen Entscheider sich in den Ruhestand verdrückt haben.” Da hat er recht. Der Koblenzer OB macht es ja auch. Ein Schelm, wer da meint, Ho-Gö's Begeisterung für eine Mittelrhein-BUGA rühre von folgender Langfrist-Erwägung: Kriegt das Tal die Schau 2031, ließe sich die Unesco vielleicht breitschlagen, einer Verschiebung des für 2026 vereinbarten Abbaus der Koblenzer Seilbahn bis 2031 zuzustimmen.

Jetzt kommt mir in den Sinn, was ich bei Machiavelli, Clausewitz, Mao Tse Tung über Strategie und Taktik im Felde wie in der Politik gelernt habe. Und vor dem inneren Auge erscheint ein Geflecht komplexer Schachzüge, die auf eine an Seilbahnen, Rheinbrücken, Vergnügungsburgen und Drosselgassen reiche Landschaft abzielen. „Hör auf zu spinnen!”, fährt Walter dazwischen, „Du glaubst doch nicht, dass rheinland-pfälzische Politik Quell derartiger Raffinessen sein könnte.” Auch wieder wahr. Andererseits: 0009 wurden die Elitesoldaten des Varus von bauernschlauen Wilden aufs Kreuz gelegt.

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Publikumsmedium außerhalb dieser website 26./27. Woche im Juni 2015)

Quergedanken Nr. 124

ape. Neulich, am späten Abend eines Werktages, via A3 auf Rückfahrt von Frankfurt ins Westerwald-Domizil. Sämtliche Parkplätze proppenvoll mit LKWs; Raststätten und Tankstellen von Brummis verstopft, die sich teils bis auf den Standstreifen zurückstauen. Suchverkehr allenthalben: Das Heer der Straßenkapitäne ringt verzweifelt um Schlafplätze; ihre Fahrzeiten sind abgelaufen. Unzählige Lastwagen drängen sich in den und um die Ruhezonen – dennoch donnern zugleich endlose Trecks hüben von Süd nach Nord, drüben von Nord nach Süd. Dazwischen irrlichternde Konvois mit überbreiten, überlangen, überschweren Lasten.

Während ich mich am Transportmoloch vorbeischlängle, kommen Erinnerungen auf an oft entspannte, manchmal fast einsame Fahrten auf gleicher Strecke, am gleichen Wochentag, zur gleichen Spätabendzeit vor 25 Jahren. Plötzlich zuckt die Erkenntnis als kristallklare Emotion durch alle Sinne: Das ist Wachstum. Und es fühlt sich im Tohuwabohu der A3 nicht gut an.

Dann schwurbelt das Rätsel durch den Kopf: Obwohl die Zahl der in Deutschland und im europäischen Drumherum lebenden Menschen seit 1990 nicht gestiegen, eher gesunken ist, explodierte die Menge der Güter, die zu ihrer Versorgung aufgewandt werden. Wie kann das sein? Irgendein Wissenschaftler hat mal ausgerechnet, dass Nahrungsmittel, Kleidung und Hausrat, die eine vierköpfige Durchschnittsfamilie hierzulande Anfang des 20. Jahrhunderts über ihre gesamte Lebenszeit benötigte, einen einzigen Sattelschlepper nicht mal ganz füllen würde. In den 1970ern hätte es schon gut zweier Lastzüge bedurft, um die gleiche Familie auf dann zeittypischem Standardniveau durchs Leben zu bringen. Heute braucht es dafür schon vier bis sechs Brummis. Ginge es nach regierungsamtlichen und wirtschaftsoffiziellen Wunschvorstellungen, müssten es in 20 Jahren acht bis zehn sein.

Denn die einzige Utopie unserer globalen Eliten geht so: Fresst und sauft, was das Zeug hält. Investiert parallel in Diäten, Sport, Pillen und Kuren. Räumt zweimal im Jahr euren Kleiderschrank und macht euch mit neuester Mode begehrlich. Schmeißt im Frühjahr die im vorherigen Herbst erworbene Hausgeräte-/Unterhaltungstechnik weg und bringt euch auf den neusten Stand des Fortschritts. Das eben neue Auto ist nach längstens drei Jahren nur noch eine beschämend olle Kamelle. Was sollen euch Kaffeefilter oder Espressokännchen, wenn's doch auch eine richtig große, digital gesteuerte Multifunktionskaffekochküchenmaschine tut. Wozu ein kleines Handy, wenn man sich eine Schulheft-große Mattscheibe vors Maul halten kann. Knutschen, streicheln, vögeln: Wie uncool ist das denn, wo doch die zweite sexuelle Revolution für gutes Geld die wahre Liebeslust kofferweise bietet in Form von Fesseln, Knebeln, Peitschen und Kneifzangen, von motorisierten Stopfern, Schüttlern und Saugern, von gummierten Körperteilen oder vollständigen multifunktionellen Loch- und Spießkörpern.

Da ertönt eine altvertraute Stimme: „Jetzt verstehst du auch, wofür das alles gut ist – damit sich niemals mehr jemand einsam fühle auf der A3; damit jeder dort und überall das Glück genieße, Teil einer großen Herde zu sein.” Jawohl ihr Lieben alle, die ihr euch Sorgen machtet: Freund Walter spricht wieder mit mir. Und sein erster Satz war: „Du glaubst doch nicht im Ernst, ich würde zulassen, dass deine kleinbürgerliche Schwäche für die Hure Facebook unsere Freundschaft beschädigt.

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Pressemedium außerhalb dieser website 22. Woche im Mai 2015)

Quergedanken Nr. 112

ape. ESC? Steht für die Computertaste zum Abbruch überflüssiger Operationen. Sinnigerweise bezeichnet das Kürzel auch einen kuriosen Sängerwettstreit, bei dem es – wie ich die Sache verstehe – um spaßhafte Wahl des besten unter den schlechtesten Songs Europas geht. Eigentlich sind mir derartige Nonsense-Unternehmungen eher peinlich. Ging mir schon in den 1980ern bei „Verstehen sie Spaß?” so: Immer sehnte ich den Moment herbei, da der nette Kurt Felix die Versuchskaninchen aus der Lächerlichkeitsfalle rettet.

Ähnlich jetzt beim ES-Contest. Reihenweise wurden reizende Menschen zum Affen gemacht. Manche hatten gar kein Singetalent, andere mussten das ihre entstellen, um ein paar Wahlstimmen einzuheimsen. Gewonnen hat ein Herr oder eine Frau Wurst aus Österreich ganz ohne Hilfe von Mägden, die problemlos ihre Dirndln füllen. Das geht in Ordnung, weil er/sie wenigstens alle Töne richtig traf und nach meinem Eindruck mit Herzblut bei der Sache war. Dass die Wurst einen Bart hat, ist mir so wurst wie die Frage, ob mein Auto von männlichen, weiblichen oder sonstgeschlechtlichen Mechanikern mit oder ohne Behaarung repariert wird.

„Aufhören, Pecht! Aufhören! Während deine Zunft die Vorstellung befeuert, der Westen habe mit Putin wieder einen richtigen, durchaus kriegswürdigen Feind, lässt du dich vom banalsten Amüsement leimen.” So krakeelt Walter wie allweil Kabarettist Schmickler in Beckers „Mitternachtsspitzen”. Ach Freund, ich habe einfach keine Lust, schon wieder vergeblich gegen Mechanismen anzuschreiben, die seit Generationen die Krone der Schöpfung als zugleich dämlichste Spezies auf Erden ausweisen.

Ja doch, du hast Recht, es ist arg, wie man uns einbleuen will, bei der Ukraine-Krise handle es sich um eine neue Runde im Kampf Gut gegen Böse. Wie man uns treiben will, eindeutig für die Guten zu sein. Was hier selbstredend heißt: für den Westen und die Kiew-Regierung gegen Separatisten und Moskau. Auf der Gegenseite ist es gerade umgekehrt. Die Separatistenbewegung sei von den Russen gesteuert, sagen die Hiesigen, die Maidan-Bewegung vom Westen, sagen die Dortigen. Wie wir die Geheim-Pappenheimer beiderseits kennen, steckt in beiden Aussagen ein gutes Quantum Wahrheit – und sind letztlich die hier wie dort nur für ein bisschen mehr Lebensglück streitenden einfachen Ukrainer die Gelackmeierten.

Man beschimpft jetzt nachdenkliche Geister als Putinversteher. Hallo, geht’s nicht noch absurder? Wie sollte je ein menschlicher Konflikt vernünftig gelöst werden ohne das Bemühen, sich in die Lage des Gegenübers hineinzudenken, es zu verstehen. Die Dinge auch aus dem Blickwinkel der anderen Seite zu betrachten, galt bis neulich als fundamentales Werkzeug der Diplomatie. Die ganze Entspannungs-/Ostpolitik der 70er/80er konnte nur auf dieser Grundlage gelingen. Genau so eine Politik bräuchten wir jetzt – statt blödsinniger, nichtsnutziger, leichtfertiger Feindbildpflege und Säbelrasselei.

Gewiss, es ist ein Kreuz mit Putin. Aber leider auch mit Obama, den anderen „Verbündeten” und unseren eigenen Oberen. Kleiner Hoffnungsschimmer, der viele Politiker und Leitartikler hierzulande schier zur Verzweiflung bringt: Die meisten Deutschen mögen nicht einseitig Partei ergreifen und erst recht mögen sie sich nicht für eine Eskalation des Konflikts in Dienst nehmen lassen. Wenn's um Krieg geht, ist es doch recht klug geworden, dieses Volk.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 22. Woche im Mai 2014)

 

Quergedanken Nr. 123

ape. „Verräter!” zischte Freund Walter böse, knallte die Tür zu und ward seither nicht mehr gesehen oder für mich zu sprechen. Ernstes Zerwürfnis? Schon irgendwie. Schließlich habe ich eine alte Übereinkunft gebrochen, die da lautete: Nie würden wir uns den Lockungen der „Sozialen Netzwerke” ergeben und uns in deren Krakenarme werfen. Dennoch habe ich an Ostern nach langem Ringen – widerwillig, aber neugierig – einen Selbstversuch mit Fatzebuck gestartet. Sprich: eine eigene Präsenz auf Facebook (fb) eröffnet. Walter scholt meine Gründe als „faule Ausreden dafür, dass du dich mit der Hure Mainstream ins Bett legst”.

Nein, mein Gewissen ist nicht rein. Auch wenn die Gründe nachvollziehbar sein mögen. Erstens: Als Gesellschaftskritiker kann man schwerlich eine Strömung nur vom Hörensagen kennen, die auf dem Wege ist, allgemeine Kulturtechnik zu werden. Ich will wissen, was da auf fb vor sich geht, wie sich das Mittun anfühlt. Zweitens: Wie alle Publizisten bin ich auf Reichweite versessen – will mehr davon, ohne Märkten/Publikum nach dem Mund zu schreiben. Von fb versprach ich mir höhere Aufmerksamkeit für die eigene autonome website www.pecht.info. Drittens: Es heißt doch, man könne über fb Revolutionen anzetteln. Was ich indes kaum noch glauben mag angesichts der weithin aus Geplapper, Ratscherei, Kalauerei, Bildchentausch bestehenden Kommunikation in der hiesigen fb-Gemeinde.

Kinners, da ist vielleicht was gebacken! Der Waschweibertreff feiert ebenso fröhlich-digitale Wiederkehr wie der Mannsbilderstammtisch, Omas Postkartenkultur oder Opas Familienfotoalbum. „Guck mal, wie schee! De Hugo vorm Watzmann, und die Elies hat dicke Fieß”, gluckste man früher. Im Internet klingt das heute anders, ist aber dasselbe. Doof? Ach was! Dummgebabbel, Sprüchekloppen, Witzereißen gehören seit Urtobak zum sozialen Kitt menschlicher Gemeinschaften. Allerdings sind die fb-„Freundeskreise” rasch ziemlich groß und droht Gefahr, dass freie Zeit und Hirn unter allzu viel Kitt begraben werden.

Acht Tage nach meinem fb-Start und seiner Bekanntgabe mittels Aussendung einiger Dutzend "Freundschaftsanfragen" hatte ich 400 „Freunde”. So nennen Mr. Zuckerberg und Co., fälschlich, vernetzte Bekannte, Kontakte und irgendwie aneinander interessierte Leute. Von den anfänglichen 400 waren mir 150 bloß namentlich bekannt, weitere 100 völlig unbekannt. Bei den übrigen 150 handelte es sich um mir mehr oder minder nahestehende, heutige oder ehemalige Kollegen, Bekannte, Verwandte, Mitschüler, Mitstreiter nebst zuallererst -innen. Freunde im tiefen Sinn des deutschen Wortes sind davon nur ein handvoll. Bemerkenswert übrigens: Die meisten meiner realen Kontaktpersonen scheinen in fb gar nicht vertreten.

Ob ich schon was gelernt habe beim Selbstversuch mit Fatzebuck? Viele Phänomene sind mir (noch) rätselhaft. Aber zwei Dinge liegen klar: fb lässt sich auch als ernsthaftes Forum nutzen. Etliche meiner fb-”Freunde” machen davon sogar recht lebhaft Gebrauch – wenngleich ein bisschen maulfaul. Und: Diese junge Sphäre des urmenschlichen Mitteilungs- und Austauschbedürfnisses bedarf rasch des radikalen Schutzes vor der Ausschlachtung durch Bigdata. Je länger ich mich auf fb herumtreibe, umso größer der Zorn, dass die Politik den Datenkraken freie Hand lässt. Das größte Problem aber ist jetzt: Wie mich mit dem besten aller echten Freunde, mit Walter, im realen Leben aussöhnen?

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Publikumsmedium außerhalb dieser website 17./18. Woche im April 2014)

Quergedanken Nr. 122

ape. Statistiker sagen, vor allem ältere Leute würden im Verkehr öfter falsch einfahren und vor allem jüngere Männer mit ihrem hohen Testosteron-Spiegel allzu flott abfahren. In beiden Fällen sind die übrigen Beteiligten gelackmeiert, weil ihnen die Verfahrensweisen alter wie junger Deppen den Verkehr verleiden. Wie von der digitalen Moderne nicht anders zu erwarten, schlägt sie zur Problemlösung den Einsatz neuer Technologien vor: etwa fest installierte, elektronisch gesteuerte Sperrmechanismen in den Zu-/Abgangs-Zonen sowie jedem Verkehrsteilnehmer serienmäßig implantierte automatische Tempobegrenzer.

Walter prustet: „Was schreibst du denn da, um Himmels Willen. Das gibt wieder Ärger, von wegen der Autor sei ein übler Sexist.” Wieso Sexist? Was hätten denn Dobrindt oder der europäische Verkehrssicherheitsrat ETSC mit Sex zu tun? Um deren Vorschläge gegen Geisterfahrer auf der Autobahn und tödliche Raserei auf allen Straßen geht's. Es ist, mein Lieber, allein deine schmutzige Fantasie, die anderes aus dem obigen Absatz herausliest. Der Freund winkt ab: „Friede! Ich bin halt auch nur ein Mann und werde deshalb etliche hundert Mal am Tag von unterschwelligen bis schwellenden Libido-Assoziationen heimgesucht. Das sei Manns-Natur, sagt die Wissenschaft. Frauen hätten's da leichter, die müssten sich nur alle paar Stunden mal mit derartigen Anfällen plagen.”

Ach Kerl, Wissenschaft hin oder her: Behalt' deine Schwellungen gefälligst für dich! Zurück zum Verkehr – zum Straßenverkehr und dem Maut-Minister. Dessen Hirn entfleuchte neulich die „Idee”, an sämtlichen deutschen Autobahnauffahrten elektronische Geisterfahrer-Abwehrsysteme einzurichten. Das ist mal wieder so eine Denke, die ich partout nicht begreife. Ein solch flächendenkendes System würde viele Millionen, gar einige Milliarden kosten, je nachdem ob Geisterfahrer infolge sensorischer Erkennung zurückgeschlagen werden mittels Ampeln, fallender Schranken, hochfahrender Mauern, Reifenkrallen oder Panzersperren, von der Seite abgeschossener Fangnetze oder Granaten...

Angeregt von Autobahnauffahrten in Spanien, Frankreich, der Schweiz, schlagen wir für die im Vergleich düsteren, bei Regen, Nacht und Nebel vielfach nur erahnbaren Zu- und Abfahrten in Deutschland eine billigere Alternative vor: Man spendiere jeder Autobahnmeisterei hierzulande ein paar Eimer Leuchtfarbe, einige Kisten Katzenaugen nebst Bodenpfählen und einen Satz ordentlich reflektierender Schilder. Klar, am Dobrindt-System würde irgendjemand massig verdienen, wohingegen Farbe und Katzenaugen nur Kleingeld einbrächten.

Um solch profitablen Unterschied geht es wohl auch beim Vorschlag des ETSC gegen die automobile Raserei, die alljährlich weltweit mehr Menschenleben kostet als alle aktuellen Kriege zusammen. Danach soll in jedes Auto ein Apparat eingebaut werden, der elektronisch mit Straßenschildern kommuniziert und automatisch die Fahrzeuggeschwindigkeit drosselt. Ei gäbe das ein Geschäft! Knapp eine Milliarde Autos und Abermillionen Schilder aufrüsten. Wie wäre es denn stattdessen mit folgender Technikinnovation zwecks Rettung vieler Leben sowie Schonung von Umwelt, Geldbeutel und unser aller Nerven: Bau und Zulassung nur noch von PKWs, die maximal so schnell fahren können wie Tempolimits in den meisten Ländern der Erde erlauben: weniger als 130 km/h. Walter prustet: „Heilig's Blechle, das gibt jetzt richtig Ärger.”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 13. Woche im März 2015)

Quergedanken Nr. 121

ape. Walter summt munter den Marsch „Wir preußischen Husaren”. Dass ihm nicht der königstreue Originaltext auf der Zunge liegt, ist klar. Er grölt auch gleich jene Umdichtung, die seit 1800 von Soldaten oft gesungen wurde:

„O König von Preußen, / du großer Potentat, /

wie sind wir deines Dienstes / so überdrüssig satt! /

Was fangen wir nun an / in diesem Jammertal /

allwo ist nichts finden / als lauter Not und Qual... .”

Der Freund schließt mit der Aufforderung: „Diesmal sollst du richtig den Oberlehrer geben und eine Geschichtsstunde. Damit die Rheinländer im Preußenjahr 2015 nicht ganz vergessen, dass wir dank königlich-preußischer Bajonette statt 1848 erst 1918 zur ersten demokratischen deutschen Republik kamen.”

Rheinländer und Preußen: ein schwieriges Kapitel. Letztere haben die Eisenbahn ins Rheintal gebracht, die Industrialisierung des Rheinlandes forciert, und es sind ihnen gewissermaßen das Unesco-Welterbe am Mittelrhein sowie die Mehrzahl der Welterbestätten in NRW zu danken. Dennoch sträubt sich mir manches gegen das vom Rheinischen Verein ausgegebene Motto „Danke Berlin” für die diesjährige Gedenkkampagne anlässlich des Wechsels von französischer zu preußischer Fremdherrschaft über das Rheinland vor 200 Jahren.

Die Bayern haben's da leichter. Bei denen gehört das Urteil „Saupreußen, daamische!” seit anno Urtobak zum Brauchtum. Fragt man sie aber nach ihren aus der Pfalz eingeheirateten Wittelsbacher-Königen von Napoleons Gnaden, dann wird es auch zwiespältig – und geschichtsvergessen. Immerhin haben die Münchner ihren Ludwig I. vom Thron rebelliert, zuvor seine pfälzischen Untertanen ihn mit dem Hambacher Demokratiefest 1832 zur Weißglut getrieben und 1848/49 teils eifrig bei der badischen Revolution mitgefochten. Wer hat die blutig niedergeschlagen? Truppen unter preußischer Führung.

Zurück zu den Rheinländern. Die waren keineswegs glücklich, als ihre Heimat infolge des Wiener Kongresses preußische Rheinprovinz wurde. Goethe schrieb nach einem Besuch in Koblenz: „Der Zustand war nicht erfreulich, in welchem man die Menschen antraf, die nun einem Reiche angehören, dessen Mittelpunkt von ihnen durch Gebirge, Flüsse, Provinzen, ja durch Bildung, Denkweise, Religion, Sitten, Gesetz und Herkommen getrennt ist.” Und Preußens Innenminister klagte: „Die Rheinländer betrachten ihr Land als occupirt.” Weshalb in Düsseldorf Preußenprinzen mit Pferdeäpfeln beworfen wurden – wohingegen man ihnen in Koblenz untertänigst Burg Stolzenfels schenkte.

Zu den Aufmüpfigsten gehörten die Koblenzer halt nie. Brav 800 Jahre Trierer Kurfürsten gedient, sich dann mit den Franzosen arrangiert, Vormärz und 1848/49er-Revolution verschlafen (**), die 1918/19er als Palaver im Theatersaal absolviert. Das Metternich-Gen sitzt tief am Deutschen Eck und das Görres-Gen neigt zu katholischer Bittstellerei. Man stellt hier keine Freiheitsbäume, höchstens Seilbahnmasten. Und man vergisst gerne, dass der „romantische” Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. nicht nur den Wiederaufbau der Rheinburgen initiierte und die Vollendung des Kölner Doms. Sondern dass er das Paulskirchen-Parlament auseinander trieb und Volkssouveränität als „Dreck” bekämpfte. Dass er die deutsche Demokratiebewegung 1849 zusammenschießen ließ und so weitere 70 Jahre Feudalregiment begründete.

Deshalb unser Vorschlag zur dialektischen Güte: Das Motto des Preußenjahres um ein Satzzeichen erweitern – „Danke Berlin?”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 9./10. Woche im Februar/März 2015)

Anmerkung zur Historie:

 

Am 27. Februar 1848 erhebt eine Volksversammlung in Mannheim Forderungen nach Volksbewaffnung mit freier Wahl der Offiziere, uneingeschränkter Pressefreiheit, Einrichtung von Schwurgerichten nach englischem Vorbild und sofortiger Herstellung eines deutschen Parlaments. Dies ist der Startschuss zur Badischen Revolution. Am Tag darauf erhebt eine Volksversammlung auch in Mainz republikanische Forderungen. Heidelberg folgt am 5. März – und dann gibt es kein Halten mehr: Der antifeudale, nationaldemokratische Impuls breitet sich in Windeseile über den ganzen Deutschen Bund und halb Europa aus.

Quergedanken Nr. 120

ape. Hochgeschätzte Leserschaft: Wir haben etwas zu feiern. Dies ist die 120. Folge der „Quergedanken”, und da jeden Monat eine erscheint, wird die Kolumne jetzt erstaunliche 10 Jahre alt. Singet also „Happy Birthday” und seid froh, dass niemand etwas anderes denkt als „weitermachen” – und zwar „wie bisher”. Das ist ja keineswegs selbstverständlich in so kurzatmigen Zeiten. 10 Jahre: Derweil hat beim „Spiegel” drei mal die Chefredaktion gewechselt, hat die „Zeit” ebenso oft ihr Layout umgeschmissen, haben ganze Mediengruppen neue Besitzer gefunden, chice Magazine dutzendfach das Licht der Welt erblickt und wieder das Zeitliche gesegnet. Wir aber sind noch da! In äußerlich altbewährter Schlichtheit, seit 2005 stets frisch dem Prinzip folgend: Auf den Inhalt kommt es an. Woraus Sie den grundsätzlichen Unterschied ableiten können zum 2015 ebenfalls anstehenden zehnten Geburtstag der Kanzlerschaft Merkel.

„Quergedanken”. Den Titel fanden wir zwar schon beim Start nicht sonderlich originell, aber halt passend für unsere Absicht. Die da wäre: Der Schreiber macht sich öffentlich so seine Gedanken über menschengemachte Götter und die Fragwürdigkeiten der Welt. Er scheut keine gewagten Sprünge quer durch diverse Themenkomplexe. Er liegt quer zu sämtlichen journalistischen Formatvorschriften. Und er stellt sich bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit quer zu Moden, Trends, Mainstreams, Blödsinnigkeiten und angeblich „alternativlosen Vernünftigkeiten”. Egal, wen er damit verärgert oder erfreut. Kurzum: Ich schreibe was und wie's mir passt oder auf der Seele brennt. Offensichtlich mögen viele Leute das.

Dem Kulturinfo-Herausgeber (*) ist bisweilen gewiss der Schreck in die Glieder gefahren. Schließlich steht er einem regionalen Anzeigen-Magazin vor. Aber als Verlegertypus guter republikanischer Schule blieb Günther Schmitz in der ihm eigenen Ruhe doch stets bei der souveränen Devise: „Ist als deine Meinung gekennzeichnet und wir haben Pressefreiheit. Ergo: drucken.” Gut getan, lieber Günther – damit mir sowie vor allem einer über die Jahre ziemlich groß gewordenen und treu gebliebenen Lesergemeinde monatlich Freude gemacht. Weil Jubiläumsfestakte meine Sache nicht sind, seien zur Feier des Ereignisses einfach mal drei Fragen beantwortet, die uns über das Jahrzehnt immer wieder aus der Leserschaft erreicht haben. 1. Wie komme ich zu meinen Themen? 2. Wie lange arbeite ich an solch einem Text? Schließlich 3. die Dauerfrage: Wer ist Freund Walter und gibt es den wirklich?

Zu 1.: Das Problem ist nie, Themen zu finden, sondern zu entscheiden, was von der Flut alltäglichen Irrsinns man nicht behandelt. Zu 2.: Sammeln und auswählen von Themen dauert den ganzen Monat, die Schreibarbeit dann zwei Tage. Sie (natürlich völlig unterbezahlt) besteht vor allem aus hinschreiben/verwerfen, hinschreiben/verwerfen, hinschreiben/ändern, Geändertes noch und nöcher verändern..... Denn es gilt auch für die „Quergedanken”, was Bodo Kirchhoff in einem Roman trefflich formulierte: „Geschichten kommen aus gefallenen Worten, nicht aus höheren Plänen; schon ein einziges Wort kann die ganze Richtung ändern.” Zu 3. höret Walter selbst: „Leute, bleibt mir bloß vom Leib! Nur das: Gäbe es mich nicht, der Herr Querdenker müsste mich erfinden; auf dass Schmackes an sein lauwarmes Gesülze komme. Und nun Alkohol: Auf weitere zehn Jahre – Hirn wie Herz frisch, frech, frei!”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 4./5. Woche im Januar 2015)

Erklärung für Leser/innen aus dem nicht-mittelrheinischen Rest der Welt:

Die Kolumne "Quergedanken" erscheint monatlich im Magazin "Kulturinfo". Und zwar in der Online-Ausgabe (>>www.koblenz-kultur.de) sowie auf Seite 2 der Print-Hauptausgabe, die mit einer Auflage von rund 64 000 Exemplaren im Großraum Koblenz/Neuwied sowie an der Untermosel, in der Vordereifel und an der Lahn verbreitet wird.

Quergedanken Nr. 119

ape. „Diese Überschrift geht nicht,” brummt Walter. „Die Leute denken sofort an die gleichnamige Musikgruppe, statt an den Wortsinn.” Och, das macht nix, lieber Freund, ich krieg die Kurve trotzdem. So nämlich: Es heißt, der Name „Einstürzende Neubauten” für die im Frühjahr 1980 gegründete Band von Blixa Bargeld sei inspiriert durch den Einsturz der Berliner Kongresshalle ebenfalls im Frühjahr 1980. Die Legende ist hübsch, aber falsch. Der Bandname existierte bevor das Hallendach des Westberliner „Leuchtturms der Freiheit” einbrach. Für den Crash hätte mancher damals gerne sowjetischen Tieffliegern die Schuld gegeben. Doch Baugutachter erkannten auf „Mängel in der Bauausführung” und „korrosionsbedingte Brüche” als Ursache für den Einsturz des schicken Gebäudes – das zu jenem Zeitpunkt gerade mal 22 Jahre alt war.

Womit wir bei einem Phänomen wären, das ich partout nicht begreife: Trotz ständig neuer, optimierter Baumaterialien sowie innovativer Fertigungs- und Bautechniken wird die Lebenszeit von Bauten und Verkehrsflächen immer kürzer, je jünger sie sind. Beispiel: Die Sanierung der berüchtigten Holperpiste A48 zwischen Koblenz und Trier. Ginge es nach meinem Hinterteil, könnte die eben beendete Arbeit von vorne beginnen. Denn an etlichen Streckenabschnitte eiert man auf der rechten Spur schon wieder durch von LKW ausgefahrene Wellen-Landschaften. Anderes Beispiel: Ich kenne zwei mit Klinkersteinen hübsch gepflasterte Kurzzeit-Parkplätze. Angelegt vor 20 Jahren, mussten beide seither ein Dutzend Mal neu gepflastert werden. Offenbar berechnet irgendwer die Beanspruchung von Untergrund und Pflasterung jedes Mal falsch.

Wär's nicht so traurig, man müsste lachen über die Sache mit den neuen Leitplanken für Autobahnen. Weil die gewohnten Planken aus Metall nach jedem Unfall ausgetauscht werden müssen, setzen Bundesverkehrsspezialisten seit einiger Zeit verstärkt auf Begrenzungen aus Stahlbeton. Die seien robuster, langlebiger, billiger und verursachten weniger Bausstellen. 40 Jahre sollten die Betonplanken laut Fach-Prognose halten. Leider stellt sich jetzt heraus, dass sie nach nichtmal zehn Einsatzjahren zu Bröselei neigen und deshalb wohl zwei bis drei Jahrzehnte vor der Zeit ausgetauscht werden müssen.

Glücklicherweise haben sich die Koblenzer Brücken als nicht ganz so kurzatmig erwiesen. Zwar sind nun fast alle zur Generalsanierung fällig geworden. Doch geht es da überwiegend um Bausubstanz, die immerhin seit den 1970ern Dienst tut. Ausgenommen die Kurt-Schumacher-Brücke über die Mosel: Noch keine 25, aber schon über Plattfüße, Krampfadern, Rücken klagen. Wären die Veteranen unter den deutschen Eisenbahnbrücken auch solche Jammerlappen, die Bahn hätte längst den Betrieb einstellen müssen. So aber sind gerade die Ältesten zähe Hunde: 9000 der 25000 Brücken des Bahnnetzes sind älter als 100 Jahre, stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.

Kriegt denn solche Langlebigkeit heute keiner mehr hin? Irgendwas läuft doch da falsch im modernen Bauwesen. Unter den traditionellen Fachwerk- und Bruchsteinhäusern in Westerwald, Eifel, Hunsrück haben die meisten locker 150, viele 300, manche 500, einige 1000 und mehr Jahre auf dem Buckel. Wenn ich mich in Neubaugebieten umsehe, durchs Frankfurter Bankenviertel oder über den Koblenzer Zentralplatz gehe, traue ich keinem der dortigen Gegenwartsbauten zu, jemals ein ähnliches Alter zu erreichen.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 52. Woche im Dezember 2014)

Quergedanken Nr. 118

ape. In Lutz Seilers Roman „Kruso” hat mich folgender Satz regelrecht angefallen und nicht mehr losgelassen: „Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält.” Es war, als schalte er in der Trübnis meiner jüngsten Stimmungen das Licht dieser Erkenntnis an: Schnauze voll vom ekligen Weltengang – von Wachstumswahn und Wandlung des Menschen zur verblödeten Konsummaschine, von Auszehrung der Freiheit durch Finanzkapital und Bigdata... Erst recht die Schnauze voll von der Verarsche, dies sei „Fortschritt”. Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält.

„Nix da, verpissen geltet nicht! Der Herr Querdenker haben bloß den November-Blues”, platzt Freund Walter in die Melancholie und watscht mir einen Satz von Harald Martenstein auf die Backen: „Man sollte sich mit den Starken anlegen, man sollte mit jedem Text, mit vollen Segeln in den Shitstorm hineinsteuern.” Ist doch sinnlos, mein Lieber. Schau Dir bloß den Weihnachstrubel an: Der Kapitalismus hat die Quadratur des Kreises hingekriegt, er hat die Deutschen zum geizigsten Schnäppchenjäger-Volk auf Erden gemacht und lässt sie zugleich so viel Geld wie nie zuvor noch für die deppertsten Konsumgüter verschwenden.

„Ja, ja, ja, der Neoliberalismus frisst Hirne, Herzen, Leiber; manipuliert Wünsche, Lebenspläne, Glücksgefühle; deformiert Mit- und Zwischenmenschlichkeit. Schreib' weiter – denn verloren haben wir erst, wenn keiner mehr merkt, was vor sich geht und niemand mehr öffentlich Anstoß daran nimmt.” So spricht der Freund zornig, und während er spricht hauen meine Finger schon wieder munter in die Tasten. Dann sagt er dies: Abseits des Mainstreams gäbe es inzwischen eine Menge Leute, die mit dem Postwachstumsleben einfach schon mal anfangen. Die nicht länger auf Politik und Wirtschaft warten, weil denen zu allem sowieso nur einfiele, nach noch mehr Wachstum zu schreien. Obwohl doch jeder Vernünftige wisse, dass Umverteilung und Reduktion das Gebot der Stunde sein müssten.

Und Walter erzählt vom Spaß, den es macht, die Konsumeinflüsterer auflaufen zu lassen. Wie? Durch Verhalten nach folgenden Regeln: Die beste Kaufentscheidung ist, nicht zu kaufen. Die nächstbesten Kaufentscheidungen sind, kleiner und weniger kaufen, nur Reparierbares kaufen, primär regional kaufen, öfter gemeinsam kaufen und das Gekaufte gemeinsam nutzen. Nur kaufen, was man nach reiflicher Überlegung tatsächlich braucht und/oder dauerhaft wertschätzt. Andere Gewohnheiten einüben, die Längernutzung von Gütern den Vorzug geben vor Neuanschaffung. Selber machen, woran man Freude hat, es zu machen; etwa Obst/Gemüse ziehen, Socken stricken oder Genossenschaften gründen.

Klingt etwas abstrakt, aber Walter und ich tragen an einem schließlich (feucht)fröhlichen Abend 1000 praktische Ideen zusammen, die zeigen: Jeder kann auf seine Weise – und ohne tausende Euro für neue „Spartechnik” auszugeben – einsteigen in den Ausstieg aus dem Wachstumskarussell. Wird die Welt dadurch besser? Schlechter jedenfalls nicht. Was garantiert besser wird, ist das eigene Lebensgefühl. Denn: Sich weniger vom Lohn für unsinniges Neuzeug abluchsen zu lassen, macht gute Laune, nützt der Umwelt und unseren Nachfahren. Gleich tönt Wehgeschrei aus allen Oberetagen: Würden Millionen so verfahren, das Wachstumsmodell wäre im Eimer. Dazu Walter: „Das ist der Sinn der Sache.” Und jetzt ein Shitstorm der Wachstumsfraktion.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 48. Woche im November 2014)

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