Quergedanken

Quergedanken Nr. 137

ape. Zwischen dem Schreiben dieser Kolumne und ihrem Erscheinen liegen produktionsbedingt stets acht bis zwölf Tage. Da kann viel passieren. Es könnten diesmal in der Zwischenzeit die Briten aus der EU ausgetreten sein. Oder der unsinnige Aufmarsch von Nato-Truppen an der russischen Grenze zu ernsten Spannungen geführt haben. Oder die große Streik- und Protestbewegung gegen die Arbeitsrechtsreform in Frankreich zum Generalstreik aufgewachsen sein. Es könnte auch wieder irgendwo ein Irrer oder ein Terrorkommando Schlächtereien veranstaltet haben. Und sowieso ersaufen während dieser acht bis zwölf Tagen erneut ein paar hundert arme Menschen im Mittelmeer, sieht Europas Politik gleichmütig weg, folgen etliche unserer Landsleute diesem Beispiel, applaudieren gar. Oder …

„Lass es!”, interveniert Walter. „Keine Politik diesmal – das macht so schlechte Laune, dass du vor lauter Zähneknirschen bald kein Wort mehr rausbringst.” Und worüber soll ich schreiben? Der Freund klatscht in die Hände: „Ei, übers Wetter vielleicht oder über die Fußball-EM in Frankreich'.” Soll sein, ich lasse mich ja gerne beraten. Wetter könnte in der Tat ein schönes Thema sein. Jedenfalls ist es dasjenige, über das alle Menschen seit Menschengedenken so viel reden wie über kein anderes. Außerdem zeigt sich nirgendwo sonst Kritikfähigheit als Grundeigenschaft des entwickelten Homo sapiens derart deutlich wie beim Wetter. Das gilt auch für mich.

Am Morgen in der Zeitung den Wetterbericht angeschaut: Die Vier-Tages-Bildchen zeigen gleichzeitig Sonne plus weiße plus graue Wolken aus denen es regnet und auch Blitze zucken. Darunter steht: „Schwere Gewitter und starker Regen ziehen heran.” Das geht nun seit Wochen so – jede Menge lokale Sturzflutkatastrophen inklusive. Da hast du dein Gute-Laune-Thema, lieber Walter: Krawallwetter in einer Tour, wild gewordene Bäche und mitten im Sommer schmeißt Frau Holle mit Eisbrocken um sich. Und scheint mal für ein Stündchen die Sonne, rinnt einem gleich der eigene Saft über diese Backen herunter und zwischen jenen hindurch; schier kriegt man 'nen Herzkasper von den Schwülitäten. Geht's noch?!

Dann lieber das Thema Fußball. Das ist schließlich nur ein Spiel, ein sportiver Wettbewerb aus Spaß an der Freud. Obendrein ist heute (16.6.) der Tag, an dem die Mannschaft aus Deutschland abends zu ihrem zweiten EM-Einsatz aufläuft. Gegen wen eigentlich? Egal. „Wir” werden sowieso siegen und selbstverständlich Europameister. Was aber, wenn denn doch nicht? Dann sind diese afrikanisch-, türkisch-, albanisch- und sonstwiestämmigen deutschen Spieler schuld, die nichtmal die Nationalhymne mitsingen. Und es sind all diese vaterlandslosen Gesellen schuld, die im Stadion, beim Public-Viewing und vor dem Fernseher nicht eifrig genug die Nationalfahne schwenken.

Noch schuldiger machen sich Deutsche, denen Fußball und das Abschneiden der deutschen Mannschaft am Allerwertesten vorbeigeht. Am schuldigsten aber sind Typen wie ich, die nur guten Fußball sehen wollen und der besten Mannschaft den Lorbeer gönnen – egal, wer es sei. So ein undeutsches Verhalten aber auch. Ach Walter, es wird so heftig gezankt über Zeugs, das mit dem Spielgeschehen nicht die Bohne zu tun hat. Ich fürchte, auch das Ballspielen ist kein Gute-Laune-Thema mehr. Was nun? „Lass uns in mein Gartenhäuschen fahren, dort steht noch eine Flasche voll mit sehr gutem Obstschnaps”, schlägt der beste aller Echtfreunde vor.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 25./26. Woche im Juni 2016)

Quergedanken Nr. 136

ape. Die geneigte Leserschaft wappne sich! Es geht diesmal in die Niederungen menschlichen Verhaltens. Dorthin, wo bisweilen selbst der wohlerzogenste Zeitgenosse landet, sobald er aus der Haut fährt: ins Reich der Schimpfworte. Hatte ich schon erwähnt, dass Freund Walter eine cholerische Ader besitzt? Die tritt zwar selten zutage, doch im Fall der Fälle kotzt er einen Sturzbach von Vokabeln aus dem unschön verzerrten Maul, die niemand ihm gegeben hätte. Das traditionelle Arschloch respektive die Arschgeige gehören ebenso dazu wie der jüngst wieder zu Ehren gekommene Ziegenficker.

Hinterfotziges Rindviech, blöde Sau, dummer Hund sind Standards, die in unterschiedlicher Kombination auftauchen. Damit will der Kerl einen im Zornesmoment zwar verletzen, glaubt aber selbst nicht an solche Wirkung. Denn natürlich weiß er, dass weder Rind noch Hund und erst recht nicht Sau blöd sind. Und hinterfotzig können Tiere sowieso nicht sein, weil der aus dem Bayerischen stammende Begriff nunmal nichts zu tun hat mit Geschlechtsteilen, sondern sich auf den Mund im Gesicht (altbayerisch: Fotze) bezieht und Doppelzüngigkeit, Verlogenheit, Heimtücke meint.

Sexus-Schimpfwörter meidet Walter ohnehin weitgehend, trotz ihrer dieser Tage wieder ausufernden Beliebtheit. Irgendwann bemerkte er, dass die Benutzung selbiger postwendend auf den Nutzer zurückfällt nach der Devise: Wo hast du dir das denn gefangen? Umso lieber schlägt er mit Begriffen um sich wie Haderlump, Galgenstrick, Kesselflicker, Fensterrahmentänzer, Tunichtgut, Hallodri... Was besonders lustig ist, sobald junge Leute dabei sind. Die erfassen das Beleidigungspotenzial dieser Worte gar nicht. Man muss sie erklären. Den Haderlump etwa so: Mieser Typ, der die Mädels reihenweise flachlegt, ohne sich um die Folgen zu kümmern.

Einige Zeit benutzte Walter die Wendung „dumm wie Brot” – bis wir begriffen, dass wir gar nicht begreifen, was an Brot dumm sein soll. Meine Oma schimpfte in den 1960ern noch: Der oder die „ist evangelisch”. Den verunglimpfenden Hintersinn daran hatte ich damals so wenig kapiert wie bei den Worten „Krauts”, „Boche”, „Piefkes”, mit denen Angloamerikaner, Franzosen, Österreicher uns Deutsche belegten. Später verstand ich, dass sich der Schimpf- und Herabsetzungcharakter vieler Worte oft erst aus dem kulturhistorischen Zusammenhang ergibt. Aus dem Mund einer erzkatholischen alten Frau des Jahrgangs 1899 bedeutete „der ist evangelisch” halt soviel wie „das ist ein gottloser, zu allen Schandtaten fähiger Gauner”, und „diese Hexe” soviel wie „verdorbenes, raffiniertes, skrupelloses Hurenweib” oder neudeutsch: Bitch.

Eine düstere Erinnerung hat der Nachkriegsgeborene an Kindheitssilvester, wenn die Väter den Buben erlaubten, die „Juddefäzz” anzuzünden. Für uns waren das nur rote Minikracher. Die süddeutsche Dialektform von „Judenfurz” sagte uns so wenig wie der Satz über geldgierige Verwandte: „Des sin arge Judde”. Der gedankenlose Sprachgebrauch von damals beschämt mich noch heute. Weshalb ich zurückhaltend bin, wenn über Negerküsse oder Zigeunerschnitzel disputiert wird. Klar, man kann es übertreiben mit der sprachlichen Correctness; und literarische Klassiker von diskriminierenden Begriffen reinigen zu wollen, ist absurd. Was jedoch den aktuellen Sprachgebrauch angeht, so darf man sich zumindest mal fragen: Wollten wir ständig als Kraut, Boche, Piefke oder gar Adolf bezeichnet werden?

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 21. Woche im Mai 2016)

 

Quergedanken Nr. 135

ape. Ist schon seltsam: Bei Babys, Kleinkindern und alten Menschen gilt der Mittagsschlaf als selbstverständlich, ja lebensnotwendig. Auch Hund und Katz nimmt niemand krumm, wenn sie sich des Mittags zusammenrollen und die lieben Götter – sprich: Frau- oder Herrchen – gute Leut' sein lassen. Überhaupt nimmt keiner Anstoß daran, dass die gesamte Sippschaft der Säugetiere sich nach dem Mahle ins Schlummerland begibt. Nur beim (deutschen) Menschsäuger wird spätestens ab Einschulung und bis zur Verrentung die Mittagszeit zum Kampfeinsatz wider die eigene Natur.

Am ärgsten trifft das die Schüler. Denn der durchschnittliche Werktätige kann nach dem Essen immerhin mit starkem Kaffee, Gymnastik, Kurzspaziergang oder sonstigen Waffen gegen die Schläfrigkeit zu Felde ziehen. Schüler hingegen haben zu diesem Zeitpunkt meist noch nichtmal gegessen, müssen indes auf Schulbänken stillesitzen und gewaltsam zumindest dem Schein nach die Augen offen, Kopf wie Leib aufrecht halten.

Solcher Unfug hat mit althergebrachter Schaffer-Tradition rein gar nichts gemein. Ursprünglich sagte der Volksmund: „Nach dem Essen sollst du ruh'n”. Schluss. Kein Wort mehr. Erst später hängte wohl irgendein Unternehmsberater oder Fitnessguru den sportiven Zusatz dran: „... oder 1000 Schritte tun.” Walter ergänzt eine Erweiterung aus seiner Jugendzeit: „... Hast du beides nicht zur Hand, häng ihn Pril, den Pril entspannt.” Ja, ja, ich weiß, dazwischen fehlt noch ein Verslein. Aber was der Freund da leichtfertig über Geschwindlustbarkeiten zum Nachtisch deklamiert, ist hier nicht zitierbar.

Stattdessen seien Gepflogenheiten aus meiner Kindheit erinnert: In Vaters Schreinerei löffelten zwischen 12 und 13 Uhr der Lehrling, die zwei Gesellen und der Meister erst flott ihre Henkelmänner aus, um hernach auf den Werkbänken ein Schläfchen zu machen. Beim Onkel auf dem Feld lagen zur Heuernte die daran Mitwirkenden für eine halbe Stunde im duftenden Trockengras – derweil daheim die Tante im Sessel und der Großvater auf der Eckbank schnarchten.

Mir selbst sank ab Klasse 12 in der 6. Schulstunde unweigerlich der Kopf auf den Tisch. Denn die Natur verlangte ihr Recht, und die Angst vor dem Lehrpersonal war mit dem Erscheinen erster Barthaare verschwunden. Bis dahin hatte das Mittagsschlafbedürfnis stets Blessuren zur Folge, weil der Bub sich erst auf der Heimfahrt in rütteligen Bimmelbahnen aus solidem Stahl mit Holzbänken traute, ihm nachzugeben.

Immanuel Kant lud häufig gebildete Zeitgenossen zum Mittagsmahl bei sich zu Hause. Vier bis sechs Herren verbrachten gut drei Stunden disputierend beim mehrgängigen Essen. Nachher ließen sie die Köpfe auf die Brust sinken und gaben sich sitzend am Tische einem gemeinsamen Schlafründchen hin. Alles bloß Nostalgie? Ne, ne, alles unmissverständliche Hinweise, dass die Vertreibung des Mittagsschlafes aus dem Kanon der Lebensgewohnheiten ein von der neuzeitlichen Beschleunigungsmafia erzwungener Irrweg ist. Südländer würden dem sofort zustimmen, wissen sie doch, wie sehr Hitze die normale Mittagsschläfrigkeit verstärkt.

Leute, wartet's ab: Hat der Klimawandel uns erst richtig im Griff, werdet ihr finden, dass die Siesta ein Glück ist und das 11. Gebot ein Segen: „Du sollst zwischen 12 und 14 Uhr keinen anrufen, anpiepsen, anmailen; du sollst niemanden, auch keine Behörden und Geschäfte, heimsuchen; du sollst Ruhe geben und Mittagsschlaf halten!”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche im April/Mai 2016)

 

Quergedanken Nr. 134

ape. Folgt man dem Volksmund, ist Frühling eine zwiespältige Sache. Danach schiebt sich zwischen Frühlingserwachen und Frühlingsgefühle ein Hemmschuh namens Frühjahrsmüdigkeit. Wen die befällt, der ist übel dran. Was nutzt Goethes Jubel über vom Eise befreite Bäche, wenn einer ermattet zu Bette liegt, statt bei Osterspaziergang, Tanz, Angrillen sich inmitten frisch reckender und saftender Natur zu verlustieren. Frank Wedekind schrieb 1891 das Schauspiel „Frühlings erwachen”. Darin wird vom Frühling des Erwachsenenlebens erzählt: jenem in der Pubertät losbrechenden Begierdenstrom aller Geschlechter, den Shakespeare schon 300 Jahre zuvor mit dem schillernden Wort „Love” bezeichnet hatte. Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie entflammt den Leib, bewegt das Herz und schickt den Geist auf Urlaub; ganz doll im Lebensfrühling und noch immer doll genug in jeder jahreszyklischen Aufbruchsphase.

„Hör mir uff!”, plärrt Walter vom Kanapee herüber. Auf dem liegt er mit geschwollenen Augen und blubberndem Rotz; verfluchend die von Zeugungstollheit strotzenden Pflanzen jedweder Art. Der Freund gehört, wider Willen, zu den bedauernswerten Frühjahrsmüden. Just in April und Mai mag er gar nicht mit auf die Gass', weigert sich sogar, zu mir ins Auto zu steigen. Wobei das weniger mit seinem Heuschnupfen, mehr mit dem Vorwurf gegen mich zu tun hat: „Im Frühling bist du verkehrstechnisch unzurechnungsfähig und in der Öffentlichkeit zum Fremdschämen blamabel.” Seine Anklage: Kein Auge mehr hätte ich für den Straßenverkehr, kein Gespür mehr für gutes Benehmen – vor lauter Glotzen und Stieren nach dem Weibsgeschlecht.

Solch üble Nachrede kann ich nicht gelten lassen. Welcher Heteromann, kreuzgewitter, könnte den Blick abwenden von frühlingshaft erblühenden Frauen. Die Mäntel abgelegt; die Garderobe in Richtung farbig, leicht, körperbetont gewechselt; Gesichter von Sonne erleuchtet; blitzende Augen; der Gang wieder stolz aufgerichtet und beschwingt. Es ist die ewige Natur, die des Mannes Blick auf die in seinen Augen ästhetische Krone der Schöpfung zwingt. Ach, ihr Gattinnen und Freundinnen! Lasst sie doch schauen, die Burschen an eurer Seite. Wie dumpf, stumpf, arm wären sie, würden sie diesen natürlichen Impuls nicht mehr kennen. Nehmt, ihr Frauen, euch das gleiche Recht, schaut wie es euch gefällt und was ihr wollt. Auf dass Freiheit der wesentliche Unterschied sei zur Kasteiung der Vorfahrinnen!

Gutes Benehmen, Freund, besteht nicht aus Wegschauen, erst recht nicht aus heimlichem Begaffen. Die Art des Blicks macht auch für die Betrachteten den Unterschied – den die Damen spüren, je reifer umso deutlicher. Nur der kultivierte und vom Machismo emanzipierte Mann weiß frauliche Schönheit in bewundernder wie freundlicher Achtung zu genießen. Derart zu schauen, kann Kompliment sein. Dem giergeilen Bock ist das alles fremd; er ahnt nicht einmal, was er versäumt in seinem sabbernden Bemühen, den Frauen stieläugig im Geiste bloß immer die Kleider vom Leib zu reißen. Wie schändlich, wie geistlos, wie unachtsam! Rechne du, Walter, mich nicht zu den Böcken, das ist beleidigend.

Da blinzelt er in einem Mix aus Staunen, Skepsis und Bedauern hinter seinem Taschentuch hervor: „So lass mich hier im Elend zurück und geh' in die Sonne – Frauen schauen.” Nicht nur, aber doch auch, und das in wohlgemuter Anständigkeit. Denn es ist Frühling.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 12./13. Woche im März/April 2015)

 

Quergedanken Nr. 133

ape. Es hat mal wieder gerummst zwischen Walter und mir. Banaler Anlass: rheinland-pfälzische Landespolitik. Konkret: Landtagswahl am 13. März. Wieder der Disput: wählen oder nicht wählen? Dass Walter auch diesmal an seiner Position – „ich mach' diesen Zirkus nicht mit” – festhalten wollte, brachte mich in Rage. Am Ende konnte ich ihn zwar breitschlagen, heuer mal eine Ausnahme zu machen. Aber leicht war das nicht. Denn der Kerl blieb nie aus Faulheit oder Desinteresse der Urne fern. Vielmehr gehört er zu jenem Teil der 30 plus X Prozent Nichtwähler, die das Wählen aufgegeben haben, gerade weil sie Politik besonders interessiert. Walter weiß über die kleinen wie großen polit-ökonomischen Zusammenhänge sicher besser Bescheid als mancher Parteifunktionär.

Ich erinnere noch des Freundes letzten Urnengang. Das war bei der Bundestagswahl 1998, aus der die Schröder/Fischer-Regierung hervorgegangen war. Er hatte rot-grün gewählt, war darüber aber bald bis zum schieren Selbsthass unglücklich. Seit damals knirscht er mit den Zähnen, sobald die Rede aufs Wählen kommt: „Ich habe mit meiner Stimme das genaue Gegenteil dessen legitimiert, was ich politisch wollte. Sozis und Grüne haben die Bundeswehr von einer Truppe zur Landesverteidigung in eine Interventionsarmee verwandelt, und sie haben der Auslieferung des Staates an die neoliberale Wirtschaftshegemonie freiwillig die Tore sperrangelweit geöffnet.” Von da an schaute Walter Wahlbenachrichtigungen nicht mal mehr mit dem nackten Hintern an.

Verdenken kann man es ihm schwerlich. Mir selbst geht es jedesmal so, dass ich noch in der Kabine nicht weiß, wohin mit dem Kreuzchen. Erst wenn im Wahllokal meines Dorfes, der „Gaststätte Kühn”, der Wahlvorstand ruft „hey Andreas, bist du eingeschlafen? Am Tresen wird dein Bier schal”, zwinge ich die widerstrebende Hand, ihr Werk zu vollbringen – und irgendeinem vermeintlich kleineren Übel den Zuschlag zu geben. Denn ja, wählen ist Bürgerpflicht. Doch am Abend beim TV-Elefantengebabbel beschleicht mich gleich der ungute Verdacht, falsch entschieden zu haben. Und das jedesmal, egal wo ich mein Kreuz mache. Manchmal beneide ich Mitbürger, die sich einem Partei-Milieu so selbstverständlich zugehörig fühlen wie der Religion, die man ihnen ungefragt in die Wiege legte. Mir geht beides ab. Das macht die Wahlbürgerpflicht zu einer recht undankbaren.

Sie fragen, wie ich Walter rumgekriegt habe, am Wahlsonntag in seinem Koblenzer Wahllokal anzutanzen? Sie werden lachen: Mit dem Verweis auf abendländische Moral, gute Sitten, Anständigkeit und des Freundes eigene Wurzeln im Humanismus. Dies alles stellt zur Disposition – haute ich ihm ins störrische Hirn –, wer den mal süßlich, mal schrill flötenden Rattenfängern am rechtsextremen bis neofaschistischen Rand des Parteienspektrums auf den Leim geht. Die werden gar nichts besser machen als die Etablierten, uns zudem aber ein riesiges Schandpaket deutschtümelnder Illusionen aufbürden.

Deshalb ist der Wahlgang diesmal tatsächlich Bürger- und Demokratenpflicht. Je mehr Stimmen sich links von rechtsaußen ansammlen, umso besser. Das ist kein Votum für irgendeine Parteipolitik, sondern ein Votum gegen einen fatalen Rückwärtsruck. Walter hat das eingeleuchtet. Ob wir nun am 13. März schwarz, gelb, grün, rosa oder rot wählen, ist unsere Sache. Wenn's nur nicht die blau-braunen Feinde des Humanismus sind.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 8./9. Woche im Februar/März 2016)

 

Quergedanken Nr. 132

ape. Im Laufe einiger Jahrzehnte erleben widerspenstige Gesellen so manchen Versuch, sie mit Worten zu steinigen. In Jugendjahren etwa schimpfte mich der altdeutsche Mainstream „Faulenzer, Gammler, Kommunist”, empfahl mit sich überschlagender Wutstimme „geh doch rüber!”. Traditionsbewusste deutsche Deutsche wünschten einen bisweilen auch „ins Gas”. 1989 wurden dann die Begriffe „vaterlandsloser Geselle” und „Vaterlandsverräter” aus der Weimarer Mottenkiste geholt. Damit wurde nach allen geschmissen, die umstandslosen Anschluss und Verramschung des vormaligen DDR-Gebietes nicht für das Gelbe vom Ei hielten.

Zum Jahrtausendwechsel machte ein bis dahin unbekanntes Wort als Beschimpfung Karriere: „Sozialromantiker”. Das bekam jeder vor den Latz geknallt, der zu bedenken gab, dass die neoliberale Entfesselung des globalen Kapitalismus ökonomisch, ökologisch und sozial eher geschichtliche Sackgasse sei als der Weisheit letzter Schluss. Und wie wir dieser Tage feststellen, ist der Weg vom „Sozialromantiker” zum „Gutmensch” ebenso kurz wie der vom Schlachtruf „Geh doch rüber!” zur Pedigisten-Parole „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!” Selbst die Formel „ins Gas” hat wieder Konjunktur, zumindest bei den Rumpelgeistern im Internet.

Deutschland lieben, geht's auch 'ne Nummer kleiner mit den nationalen Idealen? Ich kann die eine oder andere Frau lieben, auch meine Kinder. Ich kann vielleicht meine Geburtsheimat Neckartal und meine Wahlheimat Westerwald lieben. Aber eine von Preußen ausgehende Gebietsordnung mit einem darüber gestülpten politischen Staatsgebilde nachher wechselhaften Zuschnitts: Wie, bitteschön, soll man das lieben? Allenfalls kann man den heutigen republikanischen Status quo hoch schätzen.

Ich kann Beethovens Musik lieben, habe aber mit dessen „seid umschlungen Millionen” Probleme. Denn: Es gibt da Typen, die ich so gar nicht umschlingen möchte. Dies umso weniger, wenn sie unterwegs zu sich selbst plötzlich einen einzig wahren Gott finden oder den Herzschlag irgendeiner nationalen Volksgemeinschaft verspüren. Gerne wäre ich ein guter Mensch. Helfer der Schwachen, Tröster der Verzweifelten, Aufklärer der Irregeleiteten, Verteidiger der Freiheit und Würde aller ohne Ansehen von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Weltanschauung. Gerne wäre ich also einer, der unverbrüchlich nach den Maximen des Grundgesetzes, der Menschenrechte und des abendländischen Moralkanons lebt – und sich deshalb Gutmensch nennen dürfte.

Doch ich kriege es leider nicht hin. Weil ich gar nicht so viel fressen kann, wie ich kotzen möcht' angesichts der silvestrigen Jagdszenen vor dem Kölner Bahnhof und der zugleich losbrechenden blindwütigen Hatz gegen alle und jeden, die aus dem Ausland kommend in Europa Schutz und eine Lebensperspektive suchen. Ich werde meinen Ekel nicht los vor „Mitmenschen”, die Frauen oder Fremde oder Arme oder Andersgläubige für minderwertig halten. Ich werde meinen Widerwillen nicht los gegenüber Zeitgenossen, die eine Welt aus Grauschattierungen in das kalte Schwarz-Weiß ihrer Vorurteile tauchen.

Walter hat wieder seinen Wanderstock mit in die Stadt genommen. Damit will er nötigenfalls neuen Bürgerwehren ebenso Einhalt gebieten wie kriminellen Frauengrapschern. Nein, diese Neigung zur Selbstjustiz ist nicht gut. Doch auch der Freund hat wohl noch einen weiten Weg vor sich, bis er für den Ehrentitel „Gutmensch” reif ist.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 4./5. Woche im Janur/Februar 2016)

 

Quergedanken Nr. 131

ape. Wie es Ihnen/Euch 2015 ergangen ist, weiß ich ja nicht. Mir jedenfalls war vor allem die zweite Hälfte zum Schwindlig-werden unbegreiflich. Es ist blöd, wenn das Land über Nacht in den Kriegszustand versetzt wird und unsere Wehr gegen den Feind zieht – just mit der gleichen Strategie, die neulich erst zum Gegenteil des Gewollten führte. Gibt es denn in Berlin niemanden vom Fach? Wenigstens ein, zwei gelernte Generale*innen? Es entspräche doch auch nicht deutscher Manier, Gewehre zu bauen, die um die Ecke schießen oder beim Autoverkauf zu betrügen wie die Beutelschneider auf dem Schwarzmarkt von Dschabakir.

Vollends irre wurde es, als sich überall Geschrei erhob zur Verteidigung deutscher Werte, gar des deutschen Wesens. Habe ich nicht kapiert, weil mir keiner erklären konnte, was das ist: deutsch. Es gibt so eine schein-ernsthafte Definition von Nation mit drei Säulen: gemeinsame Sprache, Geschichte, Kultur. „Gemeinsames Blut hast du vergessen”, knurrt Freund Walter, der neuerdings am liebsten nur noch mit seinem knorzigen Wanderstock vor die Tür gehen würde. Kühle Antwort auf die Frage, was das soll: „Wenn braune Saubanden marodieren, werde ich sicher nicht die andere Wange hinhalten!” Auf meinen Bescheid, das sei übertrieben, meinte er: „Der deutsche Schoß ist recht fruchtbar wieder, aus dem das schon einmal kroch.”

Mal ernsthaft: Wie ist das mit den drei Säulen? Wer durchs Land geht, könnte als augenfälligste Aspekte deutscher Kultur notieren: McDonalds, Döner, Pizza, Gewerbegebiete, Werbe-Kultur, Auto-Kultur, Smartphone-Kultur… Wer der „deutschen” Wirtschaft auf den Zahn fühlt, findet zuhauf internationale Eigentumsverhältnisse. Wer „deutsches” TV durchzappt, landet in einer Multikulti-Welt mit US-Übergewicht und Schwachsinns-Schlagseite. Ja aber, die klassischen Künste! Ach was, die sind von jeher nicht deutsch, sondern international. Moliere, Shakespeare, Ibsen, Tschechow etc.: alles Ausländer. Rembrandt, Raffael, Rubens, Picasso und Co.: Ausländer. Vivaldi, Verdi, Tschaikowski, Smetana...: dito.

Auf „gutbürgerlichen” Speisekarten findet man Kartoffeln, Pommes Frites, Nudeln, Knödel, Wein, Schnaps: alles nicht-deutschen Ursprungs. So auch die meistgetragene Hose hierzulande, die Jeans. „Echte” deutsche Männer müssten nach germanischer Tradition eigentlich Röcke tragen. Sag das mal jemand den geschichtsvergessenen Glatzen und dem Mannhaftigkeits-Prediger von der AfD! Doch selbst die Germanen, diese Urdeutschen, waren in Wahrheit Migranten, sind einst von Nordosteuropa her eingewandert.

Nehmen wir fürs Rheinland dazu, was Carl Zuckmayer in „Des Teufels General” erklärte: „Jetzt stellen Sie sich mal Ihre Ahnenreihe vor. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. (...) Und dann kam ein griechischer Arzt, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein Schwarzwälder Flözer, ein Magyar, ein Pandur (...) – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg. Es waren die Besten, mein Lieber! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben.”

Was also, in der Götter Namen, ist deutsch? Die Sprache? Die zu verstehen und verständlich zu sprechen, kann jeder lernen – außer Bayern und Sachsen vielleicht.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 52./53. Woche im Dezember 2015)

Quergedanken Nr. 130

ape. Als ich Bub war und mit Schwesterlein nebst Eltern missmutig Sehenswürdigkeiten heimsuchte, gab es eine Benimmregel: Wenn da einer mit dem Fotoapparat steht und Deutsches Eck, Heidelberger Schloss oder Zugspitze mit/ohne Verwandtschaft davor ablichten will, dann läuft man ihm nicht durchs Bild. Man wartet an der Seite, bis die Aufnahme gemacht ist. Neulich besuchte ich mit Gesponst den Rheinfall von Schaffhausen. Hätten wir uns dabei in diesem Sinne anständig verhalten, wir wären wohl erst nach Mitternacht auf der unteren Aussichtsplattform angelangt.

Wer die Kraft und Schönheit der stürzenden Wassermassen livehaftig erleben wollte, musste rücksichtslos Heerscharen knipsender Touristen vor die Optik latschen. Denn es gab nicht eine Ecke, nicht einen Winkel, nicht eine Blicklinie, die von Smartphone-bewehrten „Fotografen” unbehelligt geblieben wäre. Gewiss, schon früher hatte jede Familie einen, meist war's der Vater, der mit Fotoapparat oder Filmkamera die obligaten Urlaubsschüsse machte. Dabei bremste ihn stets der Umstand, dass nachherige Filmentwicklung gehörig ins Geld geht. Heute indes hat jedes Mitglied einer Familie oder Reisegruppe seinen eigenen Bilddatenträger, auf den es die gesehene Welt in grenzen- und schier kostenloser Fülle bannen möchte.

Wobei „gesehen” der falsche Ausdruck ist. Ich habe in Schaffhausen sehr viele Leute beobachtet, die dem Wasserfall nur einen kurzen Blick widmeten, um dann sogleich eine ausschweifende Fotosession zu beginnen. Allfälliges Motiv: Die Lieben in jedweder Personalkombination und Positur groß vor kleinem Rheinfall-Hintergrund; vorneweg man selbst, abgelichtet mit langgestrecktem oder gar mittels Teleskopstängelchen verlängertem Arm. Jedes Bild wurde per Display eingehend geprüft. Waren die Ergebnisse zufriedenstellend, zogen die Herrschaften ab – ohne das Naturschauspiel eines weiteren Blickes zu würdigen.

Was also haben die Leute von den Schaffhausener Fällen „gesehen”? Noch am Ort selbst bereits die Knips-Erinnerung daran. Die wird aber für die Urlaubserzählung daheim wenig bringen, weil die Knipser das Echte nicht so betrachtet, erlebt, gefühlt haben, dass sie sich daran erinnern könnten. Dutzende, hunderte Abbildungen sind Gedächtnisschlüssel zu – nichts mehr. Und ich kann mir kaum was Langweiligeres vorstellen, als Fotoabende bei Müllers oder Facebook-Alben von ihnen nach der Devise „Guckt mal, Hilde vor Wasserfall, Hilde und ich vor Schloss, Hilde im Museum, Hilde und ich….” Freund Walter fügt mit diabolischem Grinsen hinzu: „Stell dir vor, Hilde lässt sich scheiden und der Müller kriegt 'ne Neue. Dann kann er all die Hilde-Fotos und Müllerpaar-Selfies nebst Wasserfall-, Schlösser-, Museums-Hintergründen in die Tonne treten.”

Es ist seltsam mit uns Menschen. Da fahren wir weiteste Wege, um die Welt zu sehen, um ihre Schönheiten und Wunderlichkeiten aufzusuchen. Sind wir dann dort, tun wir, als werde all das erst Wirklichkeit, wenn wir uns darinnen, davor oder damit fotografiert haben – und möglichst vielen Mitmenschen die Fotos unter die Nase gerieben. Walter hat schon vor Jahren das Knipsen aufgegeben; er schaut nur. Manchmal bringt er von Reisen Postkarten mit oder kleine Arbeiten örtlicher Künstler. Aber es gibt nichts Schöneres, als wenn er in gemütlicher Runde von den Erinnerungen an das Ferne und den selbst nach Jahren noch lebhaften Bildern im Kopf freiweg erzählt.

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Pressemedium außerhalb dieser website 48./49. Woche 2015)

Quergedanken Nr. 129

ape. ES treibt wieder sein Unwesen. Alle Jahre im Herbst der gleiche Zirkus. Statt in die Schule, ins Büro, an die Werkbank oder auf die Bühne zu gehen, bleiben Hunderttausende einfach im Bett. Sie liegen darnieder, hingestreckt von ES. Also werden Küchen zu Waffenschmieden gegen diesen Feind, der selbst zwar unsichtbar bleibt, dessen heimtückisches Wirken aber die Opfer umso ärger zeichnet. Auf den Herden blubbern Tees, dampfen Inhalations-Sud und Hühnersuppe literweise. Die Wohnungen miefen nach Eukalyptus und Pfefferminze; therapeutisches Rotlicht färbt Bürgerstuben puffig; Mülleimer quellen über von durchweichten Taschentüchern; die Arztpraxen sind proppevoll und in den Apotheken klingeln die Kassen.

ES kommt drei Tage, ES steht drei Tage, ES geht drei Tage. So sagt der Volksmund seit Menschengedenken. Und seltsamerweise hat sich daran bis heute kaum was geändert. Moderne Pharmazie kann einzelne Symptome manchmal ein bisschen dämpfen. Auf die Dauer der Malaise scheint sie indes so viel oder so wenig Einfluss zu haben wie Omas Kraftbrühe, des Hexenweibleins Kräutertrank, druidischer Heilzauber oder katholisches Gesundbeten. „Da musst du halt durch!” gibt Walters derzeitige Lebensabschnittsgefährtin ihrem Gesponst knapp Bescheid. Das klingt ein bisschen kiebig, um nicht zu sagen: recht ungehalten. Was man verstehen kann, denn der Freund lümmelt schon den dritten Tagen dick verpackt auf dem Kanapee herum und – wehleidet, lamentiert, nörgelt, grantelt, jammert, greint in einem fort zum Steinerweichen.

Interessante Beobachtung: Ihr geht es sichtlich schlechter als ihm, dennoch schmeißt sie mit stoischem Gleichmut den gemeinsamen Laden, hatte in den ersten beiden Tagen sogar noch manches mitleidige oder aufrichtende Trösterchen für den Burschen übrig. Wer das so sieht, möchte die Sprache mal wieder der Lüge zeihen und ab sofort vom „gestandenen Frauenzimmer” reden, statt weiterhin dem Mannsbild das unverdiente Stärke-Adjektiv zu belassen. „Spinnst du!”, zetert Walter, als er mitkriegt, was ich schreibe. „Du hast ja keine Ahnung wie mies ich mich fühle. Der Husten, der Schnupfen, der Brummschädel, der Hals- und der Gliederschmerz: Das alles ist zusammen doch kaum auszuhalten.”

Die Holde verdreht hinter seinem Rücken entnervt die Augen. Derweil fällt mir etwas auf: Die deutsche Sprache weist sämtlichen Einzelsymptomen das männliche Geschlecht zu; der Husten, der Schnupfen, der, der… Die Summe aller Quälgeister ist umgangssprachlich dann jedoch weiblich: die Erkältung, die Grippe, die Kränk', die Bibs. Walter würde, wenn man ihn ließe, dies Phänomen vielleicht so deuten: Der Mann ist eben nur für kleinere Wehwehchen verantwortlich, die Frau hingegen fürs große Elend. Mir käme das angesichts der in seiner Heimstatt vorgefundenen Verhältnisse allerdings recht absurd vor. Weshalb ich mich entschlossen habe, den allherbstlichen Feind zum Neutrum zu gendern und nunmehr ES zu nennen.

Ein paar Tage später merke ich, wie die Augen zu tränen, die Nase zu sutschen, die Bronchien zu stänkern beginnen und ein traniger Schleier das Hirn zur Matschbirne macht. Ach, wie elend ist mir plötzlich. Und läutet da nicht von ferne schon das Totenglöckchen? Oh hilf, liebe Frau, bitt' ich daheim. Darauf sagt mein Engel in ungerührter Sachlichkeit: „Drei Tage kommt sie, drei Tage steht sie, drei Tage geht sie. Da musst du jetzt durch. Stell dich nicht so an.” Ach...

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 44. Woche im Oktober/November 2015)

Quergedanken Nr. 128

ape. Zugegeben, Mode ist nicht meine stärkste Seite. Von Frauenmode verstehe ich nur ein klein wenig, von Männermode gar nichts. Das mag manche/r für einen seltsamen Widerspruch halten, ist aber leicht zu erklären. Was die Damen angeht, kann ich zumindest erkennen, welche mir in welchem Outfit warum gefällt. Bei den Herren gelingt mir nicht mal das, weil ein vergleichbares Gefallen sich nie einstellen will – egal mit welchem Outfit sie sich mühen. Hinsichtlich der eigenen Mannsperson bleibt deshalb auch jeder Blick in den Spiegel vergeblich.

Neulich war ein ganzes Heft des „Zeit-Magazins” der „magischen Beziehung” zwischen Frau und Kleiderschrank gewidmet. Die Redaktion wollte zeigen, „wie das, was wir tragen, uns verwandelt.” Den Beweis für diese Variation des alten Spruches „Kleider machen Leute” sollte die Schauspielerin Marine Vacth erbringen. In wechselndem Edelfummel stürzte sie sich in unterschiedliche Posen. Heraus kam eine wunderbare Fotostrecke – die allerdings das genaue Gegenteil beweist. Denn Frau Vacth machte ihre schauspielerische Sache so gut, dass Intensität, Tiefe, Hintergründigkeit, Emotionalität, erzählerische Kraft ihrer Gesichts- und Körperausdrücke die Modekreationen von Gucci, Dior, Versace und Co. zur belanglosen Staffage degradierten.

Natürlich war das Heft ansonsten prallvoll mit Damenmode-Anzeigen. Da konnte man dann im Vergleich mit den Vacth-Fotos reihenweise sehen, dass aufgesetzt eisig-böses Gucken und chicke Klamotten aus Models weder inspirierende Vamps noch beeindruckende Persönlichkeiten machen. Schlussfolgerung: Die Bedeutung der Outfits für die Außenwirkung ihrer Träger/innen ist wesentlich geringer als gemeinhin angenommen, tendiert bei interessanten und seelenvollen Menschen gegen Null.

Diesen Befund bestätigte das „Zeit-Magazin” der Folgewoche mit Männermode im Zentrum. Ach du heiliger Bimbam, langweiliger hätte nur noch eine Ausgabe über die angebliche Vielfalt und den vermeintlichen Chic von Businessanzügen samt Krawatten sein können. Schauspieler Ellar Coltrane bleibt eine Kleiderpuppe, weil er mit aller Gewalt cool, männlich, zugleich tiefsinnig und sensibel rüberkommen will – doch offenbar nichts davon wirklich in sich hat. Gleiches in sämtlichen Männermode-Anzeigen des übrigen Heftes. Sorry, aber selbst wenn ich 35 Jahre jünger wäre, würde ich nicht aussehen wollen wie diese „stylischen” Werbezombies.

Und plötzlich giftet mich Freund Walter an: „Hast du in Zeiten der Flüchtlingskrise nichts besseres zu tun, als über äußerlichen Firlefanz zu schwadronieren?!” Recht hat er schon, aber eigentlich habe ich auf allen Kanälen bereits alles gesagt, was ich im Grundsatz dazu zu sagen habe. Nun gut, wahrscheinlich kann man es nicht oft genug wiederholen. Also: Wenn Kapital und Waren, imperiale Politik und Waffenlieferanten, Touristen und Medien sich nach Gusto im Eigeninteresse weltweit tummeln, wer wollte/könnte die Elenden daran hindern, sich auf den Weg zu machen in die reichere und sichere Hälfte des globalen Dorfes? Das wird erst aufhören, wenn der reiche und mächtige Teil der Menschheit aufhört, den armen Teil als Spielball eigener Machtpolitik zu missbrauchen und ökonomisch als Zitrone zu betrachten, die nach Belieben ausgequetscht werden kann. Es gilt: Hilfe ist richtig; Abschottung ist inhuman und obendrein völlig nutzlos, weil Völkerwanderungen nun mal nicht aufhaltbar sind.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39./40. Woche im September/Okotber 2015)

Quergedanken Nr 127

ape. Wenn Sie das hier lesen, sind die Hitzewellen des 2015er Sommers womöglich schon ausgestanden. Ob der Herbst ein goldiger oder grauer wird, weiß niemand. Denn ehrwürdige Bauernregeln gelten nicht mehr. Zwar ist das Wetter für die nächsten paar Tage bisweilen etwas zuverlässiger vorhersagbar, ansonsten aber gänzlich unberechenbar, weil Jahrhunderte alte Wahrschheinlichkeits-Beobachtungen mitsamt Götterbeschwörungen im menschengemachten Klimadurcheinander halt nix nützen. So bleibt fürs allfällige Plaudern übers Wetter neben der verlässlichsten aller Wetter-Apps (Blick aus dem Fenster) nur das jüngst Erlebte.

Bestens erinnerlich sind heuer die Hitzetage 30plus bis 40. Fast mehr noch die Nächte, in denen Schlaf zum dösigen Bad im eigenen Saft wurde. Was die Tage angeht, so hat jetzt hoffentlich auch der Letzte kapiert, warum südländische Kulturen von Alters her anders ticken als hiesige: Langsamkeit ist bei Gluttemperaturen ebenso pure Überlebenstechnik wie die ausgedehnte Siesta. Und ob die summarische Wirtschaftsbilanz über den Sommer unter solcher Praxis mehr leidet als unter technischer Vollklimatisierung, das hat noch keiner ausgerechnet. Ökologisch indes ist klar: Vollklimatisierung stellt wegen des horrenden Energieverbrauchs einen gravierenden Rückschritt dar gegenüber Langsamkeit, Siesta, Hitzefrei.

In einer dieser Nächte, da selbst Nacktheit auf statt im Bett nichts half, obendrein stechlustigen Besuchern derart allzu viel Angriffsfläche geboten ward, trieb es mich vom verschwitzten Lager. Was tun nachts um dreie? Für gute Lektüre ist das Hirn zu träge und zu solcher Stunde wäre das frühere Testbild wohl die interessantere Alternative im TV-Programm. Also den PC hochgefahren, um einige Foren abzuklappern, auf denen Öffentlichkeit aktuelle Ereignisse diskutiert. Ich hätte es besser gelassen! Nach 30 Minuten dachte ich bei der Zeile „In der Hitze der Nacht” nur noch an den gleichnamigen 1967er-Film über eine von dumpfem Rassismus durchseuchte US-Kleinstadt. Ich war geneigt, jedes Vertrauen in Vernunft und Menschlichkeit eines Teils meiner Landsleute vollends fahren zu lassen.

Das Thema Flüchtlinge dominierte den Diskurs. Ach was Diskurs; das war oft brutalstes Gekeife wider die humane Selbstverständlichkeit, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen, eben weil sie Menschen sind. Ich mag nicht wiederholen, welche Unsäglichkeiten da gesagt werden, mal in braunrassistischer Offenheit, mal in scheinbar gemäßigter „Sorge ums Vaterland”. Ich will hier nur daran erinnern, dass 100 Prozent der deutschen Bevölkerung in der ersten, dritten oder x-ten Generation Abkömmlinge von Migranten sind. Und ich will daran erinnern, dass noch niemals (!!) in der Menschheitsgeschichte irgendjemand mit welchen Mitteln auch immer die Wanderung von Menschen, ja ganzen Völkern verhindern konnte – die sich fern einer gefährdeten, gebeutelten, elenden Heimat Überleben, Schutz, Auskommen, ein bisschen Glück erhofften.

Flucht, Wanderung, Migration und stets aufs Neue Vermischung der Völker sind eine ewige Eigenschaft unserer Spezies: seit dem Zuzug des Homo sapiens von Afrika her; seit der Einwanderung von Kelten, Germanen, Goten nach Mittel- und Westeuropa; seit den großen Wanderbewegungen während Industrialisierung, Kolonialismus und infolge neuzeitlicher Kriege; seit dem Westzug von fast vier Millionen Ostdeutschen nach dem Mauerfall …

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 35./36. Woche im August/September 2015)

Quergedanken Nr. 126

ape. Darf ein Mann sich öffentlich über Frauenbekleidung auslassen? Gar über weibliche Unterwäsche? Klar doch, die Damenschaft macht's umgekehrt schließlich auch. Aufsätze von Kolleginnen und in aller Frauenwelt gepflegte Lästereien über Feinripp, Boxershorts oder Tennissocken füllen Bände. „Lass es trotzdem”, rät Walter, „du wirst dir nur die Finger und sonstwas verbrennen.” Pah, ich will aber! Draußen brüten 38 Grad Hitze, da fällt einem das Thema doch in den Schoß. „Schon verbrannt”, feixt der Freund mit Verweis auf den Hintersinn, den man/frau dem Wort Schoß unterstellen könnte. Ach Gott, dann fällt mir das Thema halt in die Hände oder zwischen die Beine. „Noch schlimmer!”

Was soll die Kleinkrämerei, wenn selbst die gut katholische Nachbarin ungeniert im Bikini unterm Sonnenschirm hechelt? Wenn man beim Flanieren durch Berlin-Mitte oder Koblenz-Zentrum bald nicht mehr weiß: Gehört der Büstenhalter nun zur Unterwäsche oder ist er Teil transparenter Sommeroberbekleidung, gar Ersatz dafür? Ich höre schon den Einwand, Bikini-Oberteile seien keine BHs, sondern Badebekleidung. Auch seien abseits der Strände offen getragene Körbchen keine Büstenhalter im klassischen Zwecksinn der Busen-Stütze, sondern Modechic. Mit Verlaub, unter kulturhistorischem Blickwinkel – und allein um diesen geht es mir selbstredend – ist das alles eins.

Der Büstenhalter nämlich ist ein ganz außerordentliches Phänomen. Er ist von seiner naturgemäßen Funktionalität her das einzige (!!!) geschlechtsspezifische Kleidungsstück der Menschheitsgeschichte. Gell, da staunen's?! Schuhe, Hosen, Hemden, Jacken, Pullover, Hüte tragen Männlein wie Weiblein. Dass wir sie für beide Geschlechter unterschiedlich gestalten, ist nur geschmäcklerischer Firlefanz. Aber Röcke und Kleider? Man wandere die Bekleidungsstile diverser Zeitalter und Kulturen ab, dann findet man von der Toga bis zum Kilt Röcke und Co. als gängige Männerkluft – hergeleitet von Tierfell-Umhang und Lendenschurz unserer Urväter und -mütter

Es komme mir jetzt niemand, die jüngste Generation der Tangas (Stringtanga) sei eine Erfindung nur für Frauen. Der einschlägige Wäschehandel bietet die zur vermeintlichen Unterhose zweckentfremdete Vorhangkordel inzwischen ebenso für Männer an. Und etliche meiner Geschlechtsgenossen ziehen sich das Ding tatsächlich durch die Backen, wohl in der Hoffnung auf einen knackigen Po. Diese Hoffnung ist für beide Geschlechter fatal. Denn das rückwärtige Schnürl schaukelt vielleicht Hämorriden, aber es hält nix, formt nix, verschönert nix. Und Mutter Natur hat nun mal nur den wenigsten Mitmenschen, seien sie jung oder älter, ein Hinterteil mitgegeben, das durch solches Zaumzeug an Esprit gewönne gegenüber dem von Tuch gefassten oder dem völlig nackten Ar.... .

Ganz anders der Büstenhalter. Er trickst nicht nur die Schwerkraft aus, die sich auf die weibliche Brustpartie je nach individueller Naturanlage so drastisch auswirken kann wie sonst auf keinen Körperteil. Zugleich ist den Damen mit dem BH ein raffiniertes Instrument an die Hand gegeben, die eigene Außenform nach Gusto zu gestalten. Ob frau das nutzen muss, um durch Heben, Pressen, Ziehen, Runden, Ballen Männerträumen von prall gefüllten Dirndln gerecht zu werden, ist eine andere Frage. Ebenso, ob frau im Alltag seltsamen Modediktaten folgen muss, die schier unter die Schlüsselbeine gequetschte Sportivbrüstchen vorschreiben.

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Publikumsmedium außerhalb dieser website 31./32. Woche im Juli/August 2015)

Anmerkung:

Einen Augenblick hatte ich gezaudert, den Büstenhalter als das einzig geschlechtsspezifische Kleidungsstück ever zu bezeichnen, weil mir das Suspensorium in den Sinn kam. Doch belehrten mich die einschlägigen Lexika, dass es sich bei diesem Gonadenschutz oder Sackhalter oder Gemächtaufwerter nicht um ein Kleidungsstück handelt, sondern entweder historisch um einen männlichen Protzschmuck oder bei Tänzern und Fechtern um einen für ihr Tun speziellen Ausrüstungsgegenstand.

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