Quergedanken

Quergedanken Nr. 140

ape. Man muss ja heute stets dazusagen, nichts Schlechtes im Schilde zu führen. Andernfalls rücken einem rasch jede Menge erregter Leute auf die Pelle. Also sei vorausgeschickt: Ich will weder für das Rauchen werben, noch seine Gefahren kleinreden. Für die Gesundheit ist es gewiss besser, nicht zu qualmen, zu schnupfen, zu priemen. Gleichwohl fordere ich mein Freiheitsrecht ein, ohne Diskriminierung, Drangsalierung, üble Nachrede oder demnächst vielleicht Verfolgung, der uralten Tradition des Tabakgenusses treu bleiben zu dürfen. Ferner fordere ich Gerechtigkeit für das Blattgewächs aus Indianerland: Gleichbehandlung mit allen anderen Genussmitteln, die im Übermaß konsumiert der Gesundheit ebenfalls schaden.

Es kann ja der Tabak nichts dafür, dass inzwischen die Zucker-, Fastfood- und Chemielobby das Sagen hat. Dass diese gemeinsam mit der Volkserziehungs-Mafia den Tabak zum Oberteufel erwählte – um im Schatten der Schlacht gegen den „Gesundheitsfeind Nr. 1” profitabel im Trüben fischen zu können. Es ist noch keine zehn Jahre her, da lief die Anti-Tabak-Kampagne noch unter dem Motto „Nichtraucherschutz”. Dafür hatten sogar passionierte Freunde von Glimmstängel, Pfeife und Tabaksrolle wie Walter und ich viel Verständnis. Vollgequalmte Büros, Ämter, Unis, Bahnen, Flieger, Restaurants, Stuben, wo auch Nichtraucher zum passiven Mitrauchen gezwungen waren, das sollte zurecht nicht mehr sein.

Wir gingen zum Schmoken ohne Murren vor die Tür, verlegten den Stammtisch in Raucherkneipen und richteten daheim ein Raucherzimmer ein. Dass zu später Stunde sich auch Nichtraucher stets gern und zahlreich just zu den Qualmern gesellen, gehört zu den Rätseln sozialer Interaktion. Mag sein, im Tabakstübchen geht’s behaglicher oder sinnlicher zu. Viel geholfen hat den Rauchern der Rückzug in eigene Gefilde übrigens nicht: Die Teufelsaustreiber setzen nach, verengen Zug um Zug die Räume für Raucher, würden Tabak am liebsten sofort zur illegalen Droge erklären und den Tabakkonsumenten zum Verbrecher, jedenfalls zum asozialen Schandfleck. Mit Nichtraucherschutz hat das längst rein gar nichts mehr zu tun – es geht um die völlige Ausrottung der Raucher.

„Zu recht”, psalmodiert die Gesundheitsinquisition. Denn das Rauchen sei eine das Volkswohl untergrabende Impertinenz und jeder Raucher ein Jugendverführer. Solche Anwürfe lassen Walter den Kragen platzen: „Hört doch auf! Bei jedem Volks- und Familienfest feiert ihr Bacchus als obersten Gott und gebt euch mit Wein, Bier, Schnaps die Kanne. Daheim mampft ihr Schnellgerichte aus Scheiße, unterwegs nudelt ihr die Kinder mit Burgerpampe. Kästenweise schleppt ihr hochkonzentriertes Zuckerwasser nach Hause oder sauft mit irren Koffeinmengen aufgepeppte Süßbrühe. Was auf die Äcker geschmissen, ans Vieh verfüttert oder ihm gespritzt wird, ist euch genauso schnuppe wie die chemischen Zusatzstoffe im Industriefraß. Leute, wie wär's mit Schockbildern von Fettleibigkeit, Diabetes- und Alkoholismusfolgen, zerfressenen Kinderzähnen, Antibiotikaresistenzen etc. etwa auf Limo- und Alkoholikaflaschen, auf Lebensmittelpackungen, in Fleisch- und Wurstauslagen, auf Brotaufstrichgläsern und Naschwerktüten?”

Das wäre so sinnlos und unappetitlich wie die Bilder jetzt auf den Zigarettenpackungen. Zumindest jedoch wäre es ehrlich – würde allerdings den derzeitigen Kräfteverhältnissen in der Lobbywelt nicht entsprechen.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39. Woche im September 2016)

Quergedanken Nr. 139

ape. Was ist der geheimnisvollste Ort auf Erden? Stonehenge würde einer sagen, Amazonasurwald oder Vatikan ein anderer. Näher dran, könnte die Antwort lauten: die Zentralen von Deutscher Bahn und Telekom, das Kanzleramt oder die Mainzer Staatskanzlei. Gemeinsam ist derartigen Lokalitäten: Dort gehen Dinge vor sich, über die man wenig bis nichts weiß, und deren Wirkungen oft völlig unbegreiflich sind. Nach meiner Erfahrung jedoch gibt es eine Örtlichkeit, die noch geheimnisvoller ist als die genannten – die eigenen vier Wände.

„Du spinnst”, mosert Walter. „In meiner Wohnung treiben weder Chinesen-Gespenster ihr Unwesen noch liegen Spione unterm Lodderbett. Ich bin der Herr im Hause und ohne mein Zutun geschieht gar nichts.” So spricht der Freund – und begibt sich sogleich auf die Suche nach jüngst klammheimlich ausgewanderten oder entführten Hälften zweier Sockenpaare sowie einem Schraubenzieher, der partout nicht dort verweilt, wo Walter ihn mit größter Gewissheit deponiert hat.

Nun wird die verehrte Leserschaft einwenden, solche Missgeschicke widerfahren jedem jederzeit. Erklärt werden sie als Folge simpler Unachtsamkeit, Schusseligkeit, Vergesslichkeit oder schlicht individueller Neigung zu unordentlicher bis chaotischer Lebensführung. Doch so einfach lassen sich die haushalterischen Abstrusitäten nicht abtun. Für mich selbst darf ich einige Ordnungsliebe in Anspruch nehmen. Ich mag es, wenn die Dinge ihren festen Platz in der Wohnung haben und sich auch an selbigem befinden.

Zwar versteht mancher Besucher meine Art der Ordnung kaum, aber dafür kann ja ich nichts. Unangenehm ist indes ähnliche Begriffsstutzigkeit bei meinen Mitbewohnern. Was zur Folge hat, dass allzu viele Dinge allzu oft nicht an ihrem Platze auffindbar sind. Das kann mich sehr ärgerlich machen – und faule Ausreden wie „hast du selber irgendwohin geschleppt” mag ich dann gar nicht gelten lassen. Schließlich bin ich weder verkalkt noch blöde. Das gilt allerdings auch für meine Mitbewohner. Weshalb zum logischen Schluss nur bleibt, das Wirken unsichtbarer Drittkräfte im Haushalt anzunehmen.

Wer hat meine Fleischwurst aus dem Kühlschrank und die Schokolade aus der Truhe gefressen? Wer hat den Autoschlüssel im Keller versteckt oder ist mit Matschschuhen durchs Wohnzimmer gelatscht? Wer hat des nachts den geleerten Mülleimer wieder befüllt und auf die Veranda gestellt? Wer plündert allweil die Haushaltskasse im Bierkrug? Wer säuft heimlich meinen Weinvorrat und klaut die Kondome aus dem Nachtschrank? ... Antwort allemal: niemand.

Der Geheimnisse im Haushalt sind unzählige. Das unheimlichste von allen aber ist – Staub. Eben aufgewischt oder weggesaugt, hat er sich gleich wieder auf Pflanzen, Tische und vor allem Regale nebst ihre regungslosen Bewohner, Bücher und CDs, gelegt. Wie kann das sein? Es komme mir keiner mit „von draußen hereingeweht” oder mit „durch Herumgehen abgeschabte Teppichpartikel”. Wir waren zwei Wochen urlaubend außer Haus; Fenster geschlossen; sämtliche Geräte abgeschaltet. Die Bude also menschenleer und vermeintlich völlig stillgelegt. Dennoch fanden wir bei der Rückkehr das gesamte Interieur derart vom Staube bedeckt, dass selbst der diesbezüglich eher unempfindliche Walter frech von „Dreck” sprach.

Ergo: Der eigene Haushalt ist der geheimnisvollste Ort überhaupt – und deshalb wohl niemals vollends begreifbar.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 35. Woche im August 2016)

 

Quergedanken Nr. 138

ape. Dass scheinbar harmlose Spiele seit jeher Gefahren fürs leibliche Wohl bergen, lässt sich heute leicht an Statistiken über Freizeitunfälle oder an den Krankenständen der Bundesligaclubs ablesen. Schon bei unseren Ahnen galt landläufig: „Spiele sind eine todernste Sache” oder „Sport ist Mord”. Das mag überspitzt sein, gleichwohl beinhalten auch diese Sprichworte Körnerklumpen von Wahrheit. Bekannt geworden sind in jüngerer Zeit zudem Gefährdungen für Geist und Seele durch übermäßigen Genuss von Computerspielen. Dass jedoch jemand speziell dabei körperlich Schaden nimmt, war bis neulich selten. Den Bildschirm mit Fäusten traktieren, mit dem Kopf gegen die Wand rennen oder aus dem Fenster springen – das sind schließlich ganz normale Begleiterscheinungen der allgemeinen Dauerjagd auf unbotmäßige Computergeister.

Seit aber Smartphones eingeführt wurden, ändert sich die Lage grundstürzend. Den Computer trägt man nun permanent bei sich. Was viele Zeitgenossen verleitet, ihn auch permanent zu benutzen – egal wo sie liegen, sitzen, stehen, gehen, fahren. Da können brauchbare Effekte abfallen, fallen aber auch jede Menge Beschädigungen an. Blind zum Kaffee greifen, geht leicht auf Hose, Hemd oder Rock. Blind über Straßen oder durchs Parks gehen, geht leicht schmerzhaft daneben. Blind autofahren..., o weh. Blind Liebe machen wollen..., nun ja. Obendrein spielen sich früher inhäusig ausgetragene PC-Tragödien jetzt straßenöffentlich ab: Steht ein Mädchen zum Herzerweichen weinend, greinend, zeternd in der Fußgängerzone. Ich frage besorgt, was los sei. Geschluchzte Antwort: „Ich komme schon seit einer Viertelstunde nicht mehr ins Netz”. Ähm?

Als diese Zeilen entstehen, liegt der Ausbruch der PokemonGo-Seuche eine Woche zurück. Der Überträger ist das Smartphone, mithin die Ansteckung von Mensch zu Mensch gegeben. Über die Krankheit selbst will ich gar nicht schlecht reden – spannende Schnitzeljagden quer durch Stadt, Dorf oder Gelände konnten schon anno dunnemals bei den Mitmachern Züge schierer Besessenheit annehmen. An PokemonGo irritiert mich, dass binnen weniger Stunden gut die Hälfte von Deutschlands Jugend infiziert war und selbst ein beträchtlicher Teil der älteren Smartphone-Nutzer sich als nicht immun erwies. In der Psychologie nennt man ein derartiges Phänomen „Massenhysterie”, in der Wirtschaft einen „lukrativen Geniestreich”.

Zur Irritation hat sich rasch Besorgnis um die körperliche Unversehrtheit der PokemonGo-Jäger und -Jagdgesellschaften gesellt. Denn bei der traditionellen Schnitzeljagd kann erfolgreich nur sein, wer seine Umgebung sehr aufmerksam und genau betrachtet. Bei der jetzigen Jagd auf digitale Monster und Geister kommt zum Schuss oder Fang nur, wer den Bildschirm seines Smartphones nicht aus den Augen lässt. Das ist, mit Verlaub, für eine so mobile Gesellschaft wie die unsrige doch recht ungünstig: Man kann als konzentrierter Geisterjäger gar zu leicht selbst Geist werden. Wahrscheinlich haben die Entwickler des Spiels einfach nicht daran gedacht, dass die neuen Geister, die sie rufen, sich etwa mit den automobilen Monsterscharen nicht besonders gut vertragen. Weshalb nur wieder bleibt, an alle zu appellieren: Kinners, passt auf die wirkliche Welt auf und dort aufeinander!

Von Freund Walter diesmal kein Wort, er urlaubt irgendwo im Kalifat Erdogan. Das macht mir Sorgen, denn der Kerl kann ja das Maul nicht halten.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 29. Woche im Juli 2016)

 

Quergedanken Nr. 137

ape. Zwischen dem Schreiben dieser Kolumne und ihrem Erscheinen liegen produktionsbedingt stets acht bis zwölf Tage. Da kann viel passieren. Es könnten diesmal in der Zwischenzeit die Briten aus der EU ausgetreten sein. Oder der unsinnige Aufmarsch von Nato-Truppen an der russischen Grenze zu ernsten Spannungen geführt haben. Oder die große Streik- und Protestbewegung gegen die Arbeitsrechtsreform in Frankreich zum Generalstreik aufgewachsen sein. Es könnte auch wieder irgendwo ein Irrer oder ein Terrorkommando Schlächtereien veranstaltet haben. Und sowieso ersaufen während dieser acht bis zwölf Tagen erneut ein paar hundert arme Menschen im Mittelmeer, sieht Europas Politik gleichmütig weg, folgen etliche unserer Landsleute diesem Beispiel, applaudieren gar. Oder …

„Lass es!”, interveniert Walter. „Keine Politik diesmal – das macht so schlechte Laune, dass du vor lauter Zähneknirschen bald kein Wort mehr rausbringst.” Und worüber soll ich schreiben? Der Freund klatscht in die Hände: „Ei, übers Wetter vielleicht oder über die Fußball-EM in Frankreich'.” Soll sein, ich lasse mich ja gerne beraten. Wetter könnte in der Tat ein schönes Thema sein. Jedenfalls ist es dasjenige, über das alle Menschen seit Menschengedenken so viel reden wie über kein anderes. Außerdem zeigt sich nirgendwo sonst Kritikfähigheit als Grundeigenschaft des entwickelten Homo sapiens derart deutlich wie beim Wetter. Das gilt auch für mich.

Am Morgen in der Zeitung den Wetterbericht angeschaut: Die Vier-Tages-Bildchen zeigen gleichzeitig Sonne plus weiße plus graue Wolken aus denen es regnet und auch Blitze zucken. Darunter steht: „Schwere Gewitter und starker Regen ziehen heran.” Das geht nun seit Wochen so – jede Menge lokale Sturzflutkatastrophen inklusive. Da hast du dein Gute-Laune-Thema, lieber Walter: Krawallwetter in einer Tour, wild gewordene Bäche und mitten im Sommer schmeißt Frau Holle mit Eisbrocken um sich. Und scheint mal für ein Stündchen die Sonne, rinnt einem gleich der eigene Saft über diese Backen herunter und zwischen jenen hindurch; schier kriegt man 'nen Herzkasper von den Schwülitäten. Geht's noch?!

Dann lieber das Thema Fußball. Das ist schließlich nur ein Spiel, ein sportiver Wettbewerb aus Spaß an der Freud. Obendrein ist heute (16.6.) der Tag, an dem die Mannschaft aus Deutschland abends zu ihrem zweiten EM-Einsatz aufläuft. Gegen wen eigentlich? Egal. „Wir” werden sowieso siegen und selbstverständlich Europameister. Was aber, wenn denn doch nicht? Dann sind diese afrikanisch-, türkisch-, albanisch- und sonstwiestämmigen deutschen Spieler schuld, die nichtmal die Nationalhymne mitsingen. Und es sind all diese vaterlandslosen Gesellen schuld, die im Stadion, beim Public-Viewing und vor dem Fernseher nicht eifrig genug die Nationalfahne schwenken.

Noch schuldiger machen sich Deutsche, denen Fußball und das Abschneiden der deutschen Mannschaft am Allerwertesten vorbeigeht. Am schuldigsten aber sind Typen wie ich, die nur guten Fußball sehen wollen und der besten Mannschaft den Lorbeer gönnen – egal, wer es sei. So ein undeutsches Verhalten aber auch. Ach Walter, es wird so heftig gezankt über Zeugs, das mit dem Spielgeschehen nicht die Bohne zu tun hat. Ich fürchte, auch das Ballspielen ist kein Gute-Laune-Thema mehr. Was nun? „Lass uns in mein Gartenhäuschen fahren, dort steht noch eine Flasche voll mit sehr gutem Obstschnaps”, schlägt der beste aller Echtfreunde vor.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 25./26. Woche im Juni 2016)

Quergedanken Nr. 136

ape. Die geneigte Leserschaft wappne sich! Es geht diesmal in die Niederungen menschlichen Verhaltens. Dorthin, wo bisweilen selbst der wohlerzogenste Zeitgenosse landet, sobald er aus der Haut fährt: ins Reich der Schimpfworte. Hatte ich schon erwähnt, dass Freund Walter eine cholerische Ader besitzt? Die tritt zwar selten zutage, doch im Fall der Fälle kotzt er einen Sturzbach von Vokabeln aus dem unschön verzerrten Maul, die niemand ihm gegeben hätte. Das traditionelle Arschloch respektive die Arschgeige gehören ebenso dazu wie der jüngst wieder zu Ehren gekommene Ziegenficker.

Hinterfotziges Rindviech, blöde Sau, dummer Hund sind Standards, die in unterschiedlicher Kombination auftauchen. Damit will der Kerl einen im Zornesmoment zwar verletzen, glaubt aber selbst nicht an solche Wirkung. Denn natürlich weiß er, dass weder Rind noch Hund und erst recht nicht Sau blöd sind. Und hinterfotzig können Tiere sowieso nicht sein, weil der aus dem Bayerischen stammende Begriff nunmal nichts zu tun hat mit Geschlechtsteilen, sondern sich auf den Mund im Gesicht (altbayerisch: Fotze) bezieht und Doppelzüngigkeit, Verlogenheit, Heimtücke meint.

Sexus-Schimpfwörter meidet Walter ohnehin weitgehend, trotz ihrer dieser Tage wieder ausufernden Beliebtheit. Irgendwann bemerkte er, dass die Benutzung selbiger postwendend auf den Nutzer zurückfällt nach der Devise: Wo hast du dir das denn gefangen? Umso lieber schlägt er mit Begriffen um sich wie Haderlump, Galgenstrick, Kesselflicker, Fensterrahmentänzer, Tunichtgut, Hallodri... Was besonders lustig ist, sobald junge Leute dabei sind. Die erfassen das Beleidigungspotenzial dieser Worte gar nicht. Man muss sie erklären. Den Haderlump etwa so: Mieser Typ, der die Mädels reihenweise flachlegt, ohne sich um die Folgen zu kümmern.

Einige Zeit benutzte Walter die Wendung „dumm wie Brot” – bis wir begriffen, dass wir gar nicht begreifen, was an Brot dumm sein soll. Meine Oma schimpfte in den 1960ern noch: Der oder die „ist evangelisch”. Den verunglimpfenden Hintersinn daran hatte ich damals so wenig kapiert wie bei den Worten „Krauts”, „Boche”, „Piefkes”, mit denen Angloamerikaner, Franzosen, Österreicher uns Deutsche belegten. Später verstand ich, dass sich der Schimpf- und Herabsetzungcharakter vieler Worte oft erst aus dem kulturhistorischen Zusammenhang ergibt. Aus dem Mund einer erzkatholischen alten Frau des Jahrgangs 1899 bedeutete „der ist evangelisch” halt soviel wie „das ist ein gottloser, zu allen Schandtaten fähiger Gauner”, und „diese Hexe” soviel wie „verdorbenes, raffiniertes, skrupelloses Hurenweib” oder neudeutsch: Bitch.

Eine düstere Erinnerung hat der Nachkriegsgeborene an Kindheitssilvester, wenn die Väter den Buben erlaubten, die „Juddefäzz” anzuzünden. Für uns waren das nur rote Minikracher. Die süddeutsche Dialektform von „Judenfurz” sagte uns so wenig wie der Satz über geldgierige Verwandte: „Des sin arge Judde”. Der gedankenlose Sprachgebrauch von damals beschämt mich noch heute. Weshalb ich zurückhaltend bin, wenn über Negerküsse oder Zigeunerschnitzel disputiert wird. Klar, man kann es übertreiben mit der sprachlichen Correctness; und literarische Klassiker von diskriminierenden Begriffen reinigen zu wollen, ist absurd. Was jedoch den aktuellen Sprachgebrauch angeht, so darf man sich zumindest mal fragen: Wollten wir ständig als Kraut, Boche, Piefke oder gar Adolf bezeichnet werden?

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 21. Woche im Mai 2016)

 

Quergedanken Nr. 135

ape. Ist schon seltsam: Bei Babys, Kleinkindern und alten Menschen gilt der Mittagsschlaf als selbstverständlich, ja lebensnotwendig. Auch Hund und Katz nimmt niemand krumm, wenn sie sich des Mittags zusammenrollen und die lieben Götter – sprich: Frau- oder Herrchen – gute Leut' sein lassen. Überhaupt nimmt keiner Anstoß daran, dass die gesamte Sippschaft der Säugetiere sich nach dem Mahle ins Schlummerland begibt. Nur beim (deutschen) Menschsäuger wird spätestens ab Einschulung und bis zur Verrentung die Mittagszeit zum Kampfeinsatz wider die eigene Natur.

Am ärgsten trifft das die Schüler. Denn der durchschnittliche Werktätige kann nach dem Essen immerhin mit starkem Kaffee, Gymnastik, Kurzspaziergang oder sonstigen Waffen gegen die Schläfrigkeit zu Felde ziehen. Schüler hingegen haben zu diesem Zeitpunkt meist noch nichtmal gegessen, müssen indes auf Schulbänken stillesitzen und gewaltsam zumindest dem Schein nach die Augen offen, Kopf wie Leib aufrecht halten.

Solcher Unfug hat mit althergebrachter Schaffer-Tradition rein gar nichts gemein. Ursprünglich sagte der Volksmund: „Nach dem Essen sollst du ruh'n”. Schluss. Kein Wort mehr. Erst später hängte wohl irgendein Unternehmsberater oder Fitnessguru den sportiven Zusatz dran: „... oder 1000 Schritte tun.” Walter ergänzt eine Erweiterung aus seiner Jugendzeit: „... Hast du beides nicht zur Hand, häng ihn Pril, den Pril entspannt.” Ja, ja, ich weiß, dazwischen fehlt noch ein Verslein. Aber was der Freund da leichtfertig über Geschwindlustbarkeiten zum Nachtisch deklamiert, ist hier nicht zitierbar.

Stattdessen seien Gepflogenheiten aus meiner Kindheit erinnert: In Vaters Schreinerei löffelten zwischen 12 und 13 Uhr der Lehrling, die zwei Gesellen und der Meister erst flott ihre Henkelmänner aus, um hernach auf den Werkbänken ein Schläfchen zu machen. Beim Onkel auf dem Feld lagen zur Heuernte die daran Mitwirkenden für eine halbe Stunde im duftenden Trockengras – derweil daheim die Tante im Sessel und der Großvater auf der Eckbank schnarchten.

Mir selbst sank ab Klasse 12 in der 6. Schulstunde unweigerlich der Kopf auf den Tisch. Denn die Natur verlangte ihr Recht, und die Angst vor dem Lehrpersonal war mit dem Erscheinen erster Barthaare verschwunden. Bis dahin hatte das Mittagsschlafbedürfnis stets Blessuren zur Folge, weil der Bub sich erst auf der Heimfahrt in rütteligen Bimmelbahnen aus solidem Stahl mit Holzbänken traute, ihm nachzugeben.

Immanuel Kant lud häufig gebildete Zeitgenossen zum Mittagsmahl bei sich zu Hause. Vier bis sechs Herren verbrachten gut drei Stunden disputierend beim mehrgängigen Essen. Nachher ließen sie die Köpfe auf die Brust sinken und gaben sich sitzend am Tische einem gemeinsamen Schlafründchen hin. Alles bloß Nostalgie? Ne, ne, alles unmissverständliche Hinweise, dass die Vertreibung des Mittagsschlafes aus dem Kanon der Lebensgewohnheiten ein von der neuzeitlichen Beschleunigungsmafia erzwungener Irrweg ist. Südländer würden dem sofort zustimmen, wissen sie doch, wie sehr Hitze die normale Mittagsschläfrigkeit verstärkt.

Leute, wartet's ab: Hat der Klimawandel uns erst richtig im Griff, werdet ihr finden, dass die Siesta ein Glück ist und das 11. Gebot ein Segen: „Du sollst zwischen 12 und 14 Uhr keinen anrufen, anpiepsen, anmailen; du sollst niemanden, auch keine Behörden und Geschäfte, heimsuchen; du sollst Ruhe geben und Mittagsschlaf halten!”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche im April/Mai 2016)

 

Quergedanken Nr. 134

ape. Folgt man dem Volksmund, ist Frühling eine zwiespältige Sache. Danach schiebt sich zwischen Frühlingserwachen und Frühlingsgefühle ein Hemmschuh namens Frühjahrsmüdigkeit. Wen die befällt, der ist übel dran. Was nutzt Goethes Jubel über vom Eise befreite Bäche, wenn einer ermattet zu Bette liegt, statt bei Osterspaziergang, Tanz, Angrillen sich inmitten frisch reckender und saftender Natur zu verlustieren. Frank Wedekind schrieb 1891 das Schauspiel „Frühlings erwachen”. Darin wird vom Frühling des Erwachsenenlebens erzählt: jenem in der Pubertät losbrechenden Begierdenstrom aller Geschlechter, den Shakespeare schon 300 Jahre zuvor mit dem schillernden Wort „Love” bezeichnet hatte. Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie entflammt den Leib, bewegt das Herz und schickt den Geist auf Urlaub; ganz doll im Lebensfrühling und noch immer doll genug in jeder jahreszyklischen Aufbruchsphase.

„Hör mir uff!”, plärrt Walter vom Kanapee herüber. Auf dem liegt er mit geschwollenen Augen und blubberndem Rotz; verfluchend die von Zeugungstollheit strotzenden Pflanzen jedweder Art. Der Freund gehört, wider Willen, zu den bedauernswerten Frühjahrsmüden. Just in April und Mai mag er gar nicht mit auf die Gass', weigert sich sogar, zu mir ins Auto zu steigen. Wobei das weniger mit seinem Heuschnupfen, mehr mit dem Vorwurf gegen mich zu tun hat: „Im Frühling bist du verkehrstechnisch unzurechnungsfähig und in der Öffentlichkeit zum Fremdschämen blamabel.” Seine Anklage: Kein Auge mehr hätte ich für den Straßenverkehr, kein Gespür mehr für gutes Benehmen – vor lauter Glotzen und Stieren nach dem Weibsgeschlecht.

Solch üble Nachrede kann ich nicht gelten lassen. Welcher Heteromann, kreuzgewitter, könnte den Blick abwenden von frühlingshaft erblühenden Frauen. Die Mäntel abgelegt; die Garderobe in Richtung farbig, leicht, körperbetont gewechselt; Gesichter von Sonne erleuchtet; blitzende Augen; der Gang wieder stolz aufgerichtet und beschwingt. Es ist die ewige Natur, die des Mannes Blick auf die in seinen Augen ästhetische Krone der Schöpfung zwingt. Ach, ihr Gattinnen und Freundinnen! Lasst sie doch schauen, die Burschen an eurer Seite. Wie dumpf, stumpf, arm wären sie, würden sie diesen natürlichen Impuls nicht mehr kennen. Nehmt, ihr Frauen, euch das gleiche Recht, schaut wie es euch gefällt und was ihr wollt. Auf dass Freiheit der wesentliche Unterschied sei zur Kasteiung der Vorfahrinnen!

Gutes Benehmen, Freund, besteht nicht aus Wegschauen, erst recht nicht aus heimlichem Begaffen. Die Art des Blicks macht auch für die Betrachteten den Unterschied – den die Damen spüren, je reifer umso deutlicher. Nur der kultivierte und vom Machismo emanzipierte Mann weiß frauliche Schönheit in bewundernder wie freundlicher Achtung zu genießen. Derart zu schauen, kann Kompliment sein. Dem giergeilen Bock ist das alles fremd; er ahnt nicht einmal, was er versäumt in seinem sabbernden Bemühen, den Frauen stieläugig im Geiste bloß immer die Kleider vom Leib zu reißen. Wie schändlich, wie geistlos, wie unachtsam! Rechne du, Walter, mich nicht zu den Böcken, das ist beleidigend.

Da blinzelt er in einem Mix aus Staunen, Skepsis und Bedauern hinter seinem Taschentuch hervor: „So lass mich hier im Elend zurück und geh' in die Sonne – Frauen schauen.” Nicht nur, aber doch auch, und das in wohlgemuter Anständigkeit. Denn es ist Frühling.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 12./13. Woche im März/April 2015)

 

Quergedanken Nr. 133

ape. Es hat mal wieder gerummst zwischen Walter und mir. Banaler Anlass: rheinland-pfälzische Landespolitik. Konkret: Landtagswahl am 13. März. Wieder der Disput: wählen oder nicht wählen? Dass Walter auch diesmal an seiner Position – „ich mach' diesen Zirkus nicht mit” – festhalten wollte, brachte mich in Rage. Am Ende konnte ich ihn zwar breitschlagen, heuer mal eine Ausnahme zu machen. Aber leicht war das nicht. Denn der Kerl blieb nie aus Faulheit oder Desinteresse der Urne fern. Vielmehr gehört er zu jenem Teil der 30 plus X Prozent Nichtwähler, die das Wählen aufgegeben haben, gerade weil sie Politik besonders interessiert. Walter weiß über die kleinen wie großen polit-ökonomischen Zusammenhänge sicher besser Bescheid als mancher Parteifunktionär.

Ich erinnere noch des Freundes letzten Urnengang. Das war bei der Bundestagswahl 1998, aus der die Schröder/Fischer-Regierung hervorgegangen war. Er hatte rot-grün gewählt, war darüber aber bald bis zum schieren Selbsthass unglücklich. Seit damals knirscht er mit den Zähnen, sobald die Rede aufs Wählen kommt: „Ich habe mit meiner Stimme das genaue Gegenteil dessen legitimiert, was ich politisch wollte. Sozis und Grüne haben die Bundeswehr von einer Truppe zur Landesverteidigung in eine Interventionsarmee verwandelt, und sie haben der Auslieferung des Staates an die neoliberale Wirtschaftshegemonie freiwillig die Tore sperrangelweit geöffnet.” Von da an schaute Walter Wahlbenachrichtigungen nicht mal mehr mit dem nackten Hintern an.

Verdenken kann man es ihm schwerlich. Mir selbst geht es jedesmal so, dass ich noch in der Kabine nicht weiß, wohin mit dem Kreuzchen. Erst wenn im Wahllokal meines Dorfes, der „Gaststätte Kühn”, der Wahlvorstand ruft „hey Andreas, bist du eingeschlafen? Am Tresen wird dein Bier schal”, zwinge ich die widerstrebende Hand, ihr Werk zu vollbringen – und irgendeinem vermeintlich kleineren Übel den Zuschlag zu geben. Denn ja, wählen ist Bürgerpflicht. Doch am Abend beim TV-Elefantengebabbel beschleicht mich gleich der ungute Verdacht, falsch entschieden zu haben. Und das jedesmal, egal wo ich mein Kreuz mache. Manchmal beneide ich Mitbürger, die sich einem Partei-Milieu so selbstverständlich zugehörig fühlen wie der Religion, die man ihnen ungefragt in die Wiege legte. Mir geht beides ab. Das macht die Wahlbürgerpflicht zu einer recht undankbaren.

Sie fragen, wie ich Walter rumgekriegt habe, am Wahlsonntag in seinem Koblenzer Wahllokal anzutanzen? Sie werden lachen: Mit dem Verweis auf abendländische Moral, gute Sitten, Anständigkeit und des Freundes eigene Wurzeln im Humanismus. Dies alles stellt zur Disposition – haute ich ihm ins störrische Hirn –, wer den mal süßlich, mal schrill flötenden Rattenfängern am rechtsextremen bis neofaschistischen Rand des Parteienspektrums auf den Leim geht. Die werden gar nichts besser machen als die Etablierten, uns zudem aber ein riesiges Schandpaket deutschtümelnder Illusionen aufbürden.

Deshalb ist der Wahlgang diesmal tatsächlich Bürger- und Demokratenpflicht. Je mehr Stimmen sich links von rechtsaußen ansammlen, umso besser. Das ist kein Votum für irgendeine Parteipolitik, sondern ein Votum gegen einen fatalen Rückwärtsruck. Walter hat das eingeleuchtet. Ob wir nun am 13. März schwarz, gelb, grün, rosa oder rot wählen, ist unsere Sache. Wenn's nur nicht die blau-braunen Feinde des Humanismus sind.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 8./9. Woche im Februar/März 2016)

 

Quergedanken Nr. 132

ape. Im Laufe einiger Jahrzehnte erleben widerspenstige Gesellen so manchen Versuch, sie mit Worten zu steinigen. In Jugendjahren etwa schimpfte mich der altdeutsche Mainstream „Faulenzer, Gammler, Kommunist”, empfahl mit sich überschlagender Wutstimme „geh doch rüber!”. Traditionsbewusste deutsche Deutsche wünschten einen bisweilen auch „ins Gas”. 1989 wurden dann die Begriffe „vaterlandsloser Geselle” und „Vaterlandsverräter” aus der Weimarer Mottenkiste geholt. Damit wurde nach allen geschmissen, die umstandslosen Anschluss und Verramschung des vormaligen DDR-Gebietes nicht für das Gelbe vom Ei hielten.

Zum Jahrtausendwechsel machte ein bis dahin unbekanntes Wort als Beschimpfung Karriere: „Sozialromantiker”. Das bekam jeder vor den Latz geknallt, der zu bedenken gab, dass die neoliberale Entfesselung des globalen Kapitalismus ökonomisch, ökologisch und sozial eher geschichtliche Sackgasse sei als der Weisheit letzter Schluss. Und wie wir dieser Tage feststellen, ist der Weg vom „Sozialromantiker” zum „Gutmensch” ebenso kurz wie der vom Schlachtruf „Geh doch rüber!” zur Pedigisten-Parole „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!” Selbst die Formel „ins Gas” hat wieder Konjunktur, zumindest bei den Rumpelgeistern im Internet.

Deutschland lieben, geht's auch 'ne Nummer kleiner mit den nationalen Idealen? Ich kann die eine oder andere Frau lieben, auch meine Kinder. Ich kann vielleicht meine Geburtsheimat Neckartal und meine Wahlheimat Westerwald lieben. Aber eine von Preußen ausgehende Gebietsordnung mit einem darüber gestülpten politischen Staatsgebilde nachher wechselhaften Zuschnitts: Wie, bitteschön, soll man das lieben? Allenfalls kann man den heutigen republikanischen Status quo hoch schätzen.

Ich kann Beethovens Musik lieben, habe aber mit dessen „seid umschlungen Millionen” Probleme. Denn: Es gibt da Typen, die ich so gar nicht umschlingen möchte. Dies umso weniger, wenn sie unterwegs zu sich selbst plötzlich einen einzig wahren Gott finden oder den Herzschlag irgendeiner nationalen Volksgemeinschaft verspüren. Gerne wäre ich ein guter Mensch. Helfer der Schwachen, Tröster der Verzweifelten, Aufklärer der Irregeleiteten, Verteidiger der Freiheit und Würde aller ohne Ansehen von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Weltanschauung. Gerne wäre ich also einer, der unverbrüchlich nach den Maximen des Grundgesetzes, der Menschenrechte und des abendländischen Moralkanons lebt – und sich deshalb Gutmensch nennen dürfte.

Doch ich kriege es leider nicht hin. Weil ich gar nicht so viel fressen kann, wie ich kotzen möcht' angesichts der silvestrigen Jagdszenen vor dem Kölner Bahnhof und der zugleich losbrechenden blindwütigen Hatz gegen alle und jeden, die aus dem Ausland kommend in Europa Schutz und eine Lebensperspektive suchen. Ich werde meinen Ekel nicht los vor „Mitmenschen”, die Frauen oder Fremde oder Arme oder Andersgläubige für minderwertig halten. Ich werde meinen Widerwillen nicht los gegenüber Zeitgenossen, die eine Welt aus Grauschattierungen in das kalte Schwarz-Weiß ihrer Vorurteile tauchen.

Walter hat wieder seinen Wanderstock mit in die Stadt genommen. Damit will er nötigenfalls neuen Bürgerwehren ebenso Einhalt gebieten wie kriminellen Frauengrapschern. Nein, diese Neigung zur Selbstjustiz ist nicht gut. Doch auch der Freund hat wohl noch einen weiten Weg vor sich, bis er für den Ehrentitel „Gutmensch” reif ist.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 4./5. Woche im Janur/Februar 2016)

 

Quergedanken Nr. 131

ape. Wie es Ihnen/Euch 2015 ergangen ist, weiß ich ja nicht. Mir jedenfalls war vor allem die zweite Hälfte zum Schwindlig-werden unbegreiflich. Es ist blöd, wenn das Land über Nacht in den Kriegszustand versetzt wird und unsere Wehr gegen den Feind zieht – just mit der gleichen Strategie, die neulich erst zum Gegenteil des Gewollten führte. Gibt es denn in Berlin niemanden vom Fach? Wenigstens ein, zwei gelernte Generale*innen? Es entspräche doch auch nicht deutscher Manier, Gewehre zu bauen, die um die Ecke schießen oder beim Autoverkauf zu betrügen wie die Beutelschneider auf dem Schwarzmarkt von Dschabakir.

Vollends irre wurde es, als sich überall Geschrei erhob zur Verteidigung deutscher Werte, gar des deutschen Wesens. Habe ich nicht kapiert, weil mir keiner erklären konnte, was das ist: deutsch. Es gibt so eine schein-ernsthafte Definition von Nation mit drei Säulen: gemeinsame Sprache, Geschichte, Kultur. „Gemeinsames Blut hast du vergessen”, knurrt Freund Walter, der neuerdings am liebsten nur noch mit seinem knorzigen Wanderstock vor die Tür gehen würde. Kühle Antwort auf die Frage, was das soll: „Wenn braune Saubanden marodieren, werde ich sicher nicht die andere Wange hinhalten!” Auf meinen Bescheid, das sei übertrieben, meinte er: „Der deutsche Schoß ist recht fruchtbar wieder, aus dem das schon einmal kroch.”

Mal ernsthaft: Wie ist das mit den drei Säulen? Wer durchs Land geht, könnte als augenfälligste Aspekte deutscher Kultur notieren: McDonalds, Döner, Pizza, Gewerbegebiete, Werbe-Kultur, Auto-Kultur, Smartphone-Kultur… Wer der „deutschen” Wirtschaft auf den Zahn fühlt, findet zuhauf internationale Eigentumsverhältnisse. Wer „deutsches” TV durchzappt, landet in einer Multikulti-Welt mit US-Übergewicht und Schwachsinns-Schlagseite. Ja aber, die klassischen Künste! Ach was, die sind von jeher nicht deutsch, sondern international. Moliere, Shakespeare, Ibsen, Tschechow etc.: alles Ausländer. Rembrandt, Raffael, Rubens, Picasso und Co.: Ausländer. Vivaldi, Verdi, Tschaikowski, Smetana...: dito.

Auf „gutbürgerlichen” Speisekarten findet man Kartoffeln, Pommes Frites, Nudeln, Knödel, Wein, Schnaps: alles nicht-deutschen Ursprungs. So auch die meistgetragene Hose hierzulande, die Jeans. „Echte” deutsche Männer müssten nach germanischer Tradition eigentlich Röcke tragen. Sag das mal jemand den geschichtsvergessenen Glatzen und dem Mannhaftigkeits-Prediger von der AfD! Doch selbst die Germanen, diese Urdeutschen, waren in Wahrheit Migranten, sind einst von Nordosteuropa her eingewandert.

Nehmen wir fürs Rheinland dazu, was Carl Zuckmayer in „Des Teufels General” erklärte: „Jetzt stellen Sie sich mal Ihre Ahnenreihe vor. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. (...) Und dann kam ein griechischer Arzt, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein Schwarzwälder Flözer, ein Magyar, ein Pandur (...) – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg. Es waren die Besten, mein Lieber! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben.”

Was also, in der Götter Namen, ist deutsch? Die Sprache? Die zu verstehen und verständlich zu sprechen, kann jeder lernen – außer Bayern und Sachsen vielleicht.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 52./53. Woche im Dezember 2015)

Quergedanken Nr. 130

ape. Als ich Bub war und mit Schwesterlein nebst Eltern missmutig Sehenswürdigkeiten heimsuchte, gab es eine Benimmregel: Wenn da einer mit dem Fotoapparat steht und Deutsches Eck, Heidelberger Schloss oder Zugspitze mit/ohne Verwandtschaft davor ablichten will, dann läuft man ihm nicht durchs Bild. Man wartet an der Seite, bis die Aufnahme gemacht ist. Neulich besuchte ich mit Gesponst den Rheinfall von Schaffhausen. Hätten wir uns dabei in diesem Sinne anständig verhalten, wir wären wohl erst nach Mitternacht auf der unteren Aussichtsplattform angelangt.

Wer die Kraft und Schönheit der stürzenden Wassermassen livehaftig erleben wollte, musste rücksichtslos Heerscharen knipsender Touristen vor die Optik latschen. Denn es gab nicht eine Ecke, nicht einen Winkel, nicht eine Blicklinie, die von Smartphone-bewehrten „Fotografen” unbehelligt geblieben wäre. Gewiss, schon früher hatte jede Familie einen, meist war's der Vater, der mit Fotoapparat oder Filmkamera die obligaten Urlaubsschüsse machte. Dabei bremste ihn stets der Umstand, dass nachherige Filmentwicklung gehörig ins Geld geht. Heute indes hat jedes Mitglied einer Familie oder Reisegruppe seinen eigenen Bilddatenträger, auf den es die gesehene Welt in grenzen- und schier kostenloser Fülle bannen möchte.

Wobei „gesehen” der falsche Ausdruck ist. Ich habe in Schaffhausen sehr viele Leute beobachtet, die dem Wasserfall nur einen kurzen Blick widmeten, um dann sogleich eine ausschweifende Fotosession zu beginnen. Allfälliges Motiv: Die Lieben in jedweder Personalkombination und Positur groß vor kleinem Rheinfall-Hintergrund; vorneweg man selbst, abgelichtet mit langgestrecktem oder gar mittels Teleskopstängelchen verlängertem Arm. Jedes Bild wurde per Display eingehend geprüft. Waren die Ergebnisse zufriedenstellend, zogen die Herrschaften ab – ohne das Naturschauspiel eines weiteren Blickes zu würdigen.

Was also haben die Leute von den Schaffhausener Fällen „gesehen”? Noch am Ort selbst bereits die Knips-Erinnerung daran. Die wird aber für die Urlaubserzählung daheim wenig bringen, weil die Knipser das Echte nicht so betrachtet, erlebt, gefühlt haben, dass sie sich daran erinnern könnten. Dutzende, hunderte Abbildungen sind Gedächtnisschlüssel zu – nichts mehr. Und ich kann mir kaum was Langweiligeres vorstellen, als Fotoabende bei Müllers oder Facebook-Alben von ihnen nach der Devise „Guckt mal, Hilde vor Wasserfall, Hilde und ich vor Schloss, Hilde im Museum, Hilde und ich….” Freund Walter fügt mit diabolischem Grinsen hinzu: „Stell dir vor, Hilde lässt sich scheiden und der Müller kriegt 'ne Neue. Dann kann er all die Hilde-Fotos und Müllerpaar-Selfies nebst Wasserfall-, Schlösser-, Museums-Hintergründen in die Tonne treten.”

Es ist seltsam mit uns Menschen. Da fahren wir weiteste Wege, um die Welt zu sehen, um ihre Schönheiten und Wunderlichkeiten aufzusuchen. Sind wir dann dort, tun wir, als werde all das erst Wirklichkeit, wenn wir uns darinnen, davor oder damit fotografiert haben – und möglichst vielen Mitmenschen die Fotos unter die Nase gerieben. Walter hat schon vor Jahren das Knipsen aufgegeben; er schaut nur. Manchmal bringt er von Reisen Postkarten mit oder kleine Arbeiten örtlicher Künstler. Aber es gibt nichts Schöneres, als wenn er in gemütlicher Runde von den Erinnerungen an das Ferne und den selbst nach Jahren noch lebhaften Bildern im Kopf freiweg erzählt.

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Pressemedium außerhalb dieser website 48./49. Woche 2015)

Quergedanken Nr. 129

ape. ES treibt wieder sein Unwesen. Alle Jahre im Herbst der gleiche Zirkus. Statt in die Schule, ins Büro, an die Werkbank oder auf die Bühne zu gehen, bleiben Hunderttausende einfach im Bett. Sie liegen darnieder, hingestreckt von ES. Also werden Küchen zu Waffenschmieden gegen diesen Feind, der selbst zwar unsichtbar bleibt, dessen heimtückisches Wirken aber die Opfer umso ärger zeichnet. Auf den Herden blubbern Tees, dampfen Inhalations-Sud und Hühnersuppe literweise. Die Wohnungen miefen nach Eukalyptus und Pfefferminze; therapeutisches Rotlicht färbt Bürgerstuben puffig; Mülleimer quellen über von durchweichten Taschentüchern; die Arztpraxen sind proppevoll und in den Apotheken klingeln die Kassen.

ES kommt drei Tage, ES steht drei Tage, ES geht drei Tage. So sagt der Volksmund seit Menschengedenken. Und seltsamerweise hat sich daran bis heute kaum was geändert. Moderne Pharmazie kann einzelne Symptome manchmal ein bisschen dämpfen. Auf die Dauer der Malaise scheint sie indes so viel oder so wenig Einfluss zu haben wie Omas Kraftbrühe, des Hexenweibleins Kräutertrank, druidischer Heilzauber oder katholisches Gesundbeten. „Da musst du halt durch!” gibt Walters derzeitige Lebensabschnittsgefährtin ihrem Gesponst knapp Bescheid. Das klingt ein bisschen kiebig, um nicht zu sagen: recht ungehalten. Was man verstehen kann, denn der Freund lümmelt schon den dritten Tagen dick verpackt auf dem Kanapee herum und – wehleidet, lamentiert, nörgelt, grantelt, jammert, greint in einem fort zum Steinerweichen.

Interessante Beobachtung: Ihr geht es sichtlich schlechter als ihm, dennoch schmeißt sie mit stoischem Gleichmut den gemeinsamen Laden, hatte in den ersten beiden Tagen sogar noch manches mitleidige oder aufrichtende Trösterchen für den Burschen übrig. Wer das so sieht, möchte die Sprache mal wieder der Lüge zeihen und ab sofort vom „gestandenen Frauenzimmer” reden, statt weiterhin dem Mannsbild das unverdiente Stärke-Adjektiv zu belassen. „Spinnst du!”, zetert Walter, als er mitkriegt, was ich schreibe. „Du hast ja keine Ahnung wie mies ich mich fühle. Der Husten, der Schnupfen, der Brummschädel, der Hals- und der Gliederschmerz: Das alles ist zusammen doch kaum auszuhalten.”

Die Holde verdreht hinter seinem Rücken entnervt die Augen. Derweil fällt mir etwas auf: Die deutsche Sprache weist sämtlichen Einzelsymptomen das männliche Geschlecht zu; der Husten, der Schnupfen, der, der… Die Summe aller Quälgeister ist umgangssprachlich dann jedoch weiblich: die Erkältung, die Grippe, die Kränk', die Bibs. Walter würde, wenn man ihn ließe, dies Phänomen vielleicht so deuten: Der Mann ist eben nur für kleinere Wehwehchen verantwortlich, die Frau hingegen fürs große Elend. Mir käme das angesichts der in seiner Heimstatt vorgefundenen Verhältnisse allerdings recht absurd vor. Weshalb ich mich entschlossen habe, den allherbstlichen Feind zum Neutrum zu gendern und nunmehr ES zu nennen.

Ein paar Tage später merke ich, wie die Augen zu tränen, die Nase zu sutschen, die Bronchien zu stänkern beginnen und ein traniger Schleier das Hirn zur Matschbirne macht. Ach, wie elend ist mir plötzlich. Und läutet da nicht von ferne schon das Totenglöckchen? Oh hilf, liebe Frau, bitt' ich daheim. Darauf sagt mein Engel in ungerührter Sachlichkeit: „Drei Tage kommt sie, drei Tage steht sie, drei Tage geht sie. Da musst du jetzt durch. Stell dich nicht so an.” Ach...

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 44. Woche im Oktober/November 2015)

Seiten