Quergedanken

Quergedanken Nr. 5

„Ich seh’ in dein Herz“ – und finde dort eine gewisse Unleidlichkeit gegenüber dem jetzigen Gang der Dinge. Die erinnert an den Roman „Der Ekel“ vom französischen Schriftsteller und Existenzialismus-Philosophen Jean-Paul Sartre, dessen 100. Geburtstag man im Juni hätte feiern können. Darin stellt einer fest, dass er in der eigenen Alltagsumgebung völlig fremd geworden ist. Nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Wenigstens aber durfte man früher noch hoffen, alles werde besser. Was haben wir stattdessen heute für einen Salat? Selbst die Sprache kaut faule Blätter: Das einst schöne Wort „Reform“ meint bloß noch „Retten, was zu retten ist“. Wenn also demnächst Angies Leute mit dem Shanty „Wir sind die besseren Reformer“ Gerds Crew auf der Brücke ablösen, dann weiß man auf den Ruderbänken, die Rettungsaktion für die Oberdeckpassagiere geht mit frischen Kräften weiter. An einen sicheren Schiffskurs, der alle Mann wohlbehalten heimbringt, denkt oben vermutlich längst keiner mehr.  
 
Anderes Beispiel. Was ist „Service“? Wenn lebendige Menschen, die sich auskennen, anderen Menschen (Kunden), die keine Ahnung haben, bereitwillig und professionell weiterhelfen. Und zwar, ohne sie über den Tisch ziehen oder blödschwätzen zu wollen. Was ist „Servicewüste“? Wenn das anonyme „Support-Team“ meines Internet-Providers nur per E-Mail-Formular oder mein „Mobilfunk-Partner“ nur über eine zifferngesteuerte Durchfragmaschine „ansprechbar“ sind.  Wenn sich hinter der Telefonnummer meiner Münchner Versicherung ein Hamburger Call-Center verbirgt, wo sich ahnungslose Jobber im Animateur-Ton melden: „Guten Tag, mein Name ist Kundhilf  Weißnichtwie, was kann ich für sie tun?“.  Jetzt fragen Sie mal einen Yuppie-Manager nach „Service“ oder „Servicewüste“. Der dreht Ihnen den Wortsinn glatt rum. Babylonische Sprachverwirrung allenthalben.

In Koblenzer Museen gibt es derzeit eine Reihe bemerkenswerter Sonderausstellungen. Die klügste beherbergt das Mittelrhein-Museum (bis 10.7.), weil dort die Leiden der Mittelrheiner am Weltkriegsende als Folge auch des heimischen Irrsinns während der Heil-Hitler-Zeit behandelt werden. Die verblüffendsten Blickwinkel eröffnet die Foto-Kunst von Wolfgang Horbert, bis 31.8. unter dem Titel „Impulse“ auf der Festung Ehrenbreitstein zu sehen. Die interessanteste Ausstellung hat das Ludwig-Museum mit seinen aktuellen Fotografien brasilianischer Künstler, zusammengefasst unter dem Titel . „Brazilian Art Projekt I“ (bis 31.7.).  Im gleichen Haus gibt es auch die derzeit schönste Ausstellung, weil schon ihr rehäugiger, schwanenhalsiger Gegenstand Schönheit pur ist: Audrey Hepburn, kunstsinnig und gefühlvoll abgelichtet (bis 14.8.).

Oft wurde die Schauspielerin, die so gerne bei Tiffanys gefrühstückt hätte, auch als süß bezeichnet. Was mir angesichts des Formats der Dame schon immer deplaziert schien,  verbietet sich dieser Tage in Koblenz vollends. Oder können Sie sich vorstellen, die großartig Audrey Hepburn mit demselben Adjektiv zu belegen wie Gummibärchen und Lakritzkonfekt? Womit wir bei Haribo wären und der momentan unzweifelhaft, weil im ursprünglichen Wortsinn „süßesten“ Koblenzer Präsentation, die bis 13.11. am Landesmuseum auf dem Ehrenbreitstein klebt.

Die appetitanregende Kultbären-Schau könnte man sich aber durchaus auch im frisch herausgeputzten Koblenzer Hauptbahnhof vorstellen. Das Süßgummi-Aroma würde drinnen wunderbar in die Geruchskomposition aus Frikadellenbrät, Backbrezel, Gourmet-Imbiss- und Cafébar-Düften passen. Die Goldbären-Parade dürfte auf dem spiegelblanken, weiträumigen Exerzierplatz zwischen Bahnhof und Landesbibliothek aufmarschieren. Haribo-Botschafter Thomas Gottschalk könnte derweil unter dem  properen Wellendach der neuen Eingangs-Esplanada zwischen den ausnehmend hübschen Blumenpyramiden flanieren. Natürlich müsste dort erst das Fahrrad-Parkverbot rigoros durchgesetzt werden. Kann ja sowieso nicht angehen, dass der Schlendrian, der früher unter großen Kastanien und auf ollen Kopfsteinen  herrschte, an diesem Glanzstück moderner Bahnhofsgestaltung gleich wieder einreißt.
 

Quergedanken Nr. 4

Während diese Zeilen aus der Feder fließen (…Red´ nicht so einen Schmus, du hackst den Kram auch bloß in die Tastatur...) Mir ist aber jetzt nach Schmus: die Heizung bollert, ich habe trotzdem kalte Füße; überm Rheintal hängt tief ein hässliches Dach aus Grau, die Ränder  festgezurrt an den umliegenden Höhen. Draußen regnet es. (…Wunderbar, so kriegt die Natur, was sie nötig braucht..). Mag sein, aber das Frühjahr vertut mit unterkühlter Tristesse  allzu viele Tage, von denen wir uns frühe Sommerfreuden erhofft hatten.
 
Noch einmal: Während diese Zeilen aus der Feder fließen, zerrt das Sehnen nach Sommer am Gemüt. Gebe Gott (… ach ja, jetzt auf einmal…), dass in den Tagen, die zwischen Niederschreiben und Lektüre des Druckwerks liegen, eine Wende sich vollziehe, die der Wetter-Auguren düstere Prognose für die Saison 2005 außer Kraft setzt. Denn es gelüstet uns wieder nach jenen wunderbaren lauen Abenden, wie sie die Stadt, unsere Stadt, nur bieten kann, wenn des Tages Hitze zwischen den Häusern nachbrütet. (… Klar, am Straßenrand tief und tiefer ins Glas gucken, den Mädels nachstieren, mit der Nachbarin Süßholz raspeln, dass es Späne sprutzelt bis der Bagger kommt…)

Erinnerung/Vorfreude.

Der Weg zum Sommerabendglück führt über die Parkplatzsuche. Moselufer runter, Rheinufer rauf, zum Schloss rüber – schleichen, spähen, hupen, winken, warten, rangieren. Drumherum strömt es Richtung Stadt: Paare, Gruppen, Einzelgänger. Eilig dieser, er darf ein Date nicht verpassen. Gemächlich jene beiden, sie haben sich schon gefunden. Laut sich ihrer Kraft versichernd, die Jungs aus den Kasernen; noch zurückhaltend ihren Auftritt probend, die hübsch herausgeputzten Mädchen. Die Lücke auf dem Theaterparkplatz, der Weg hinüber ins Zentrum – durchs Dunkel der Torbögen unterm Rathaus fließt dem Hinzukommenden ein  Raunen, Flirren, Summen, Sirren entgegen, wie es Hunderte, Tausende anrühren, die sich in Straßen und auf Plätzen den Freuden von ins Freie verlegten Cafés, Gasthäusern, Kneipen, Weinstuben und allgemeiner Geselligkeit ergeben.

Die Luft ist schwer, ölig fast von der nur langsam ablaufenden Schwüle. Die Stadt aalt sich in mediterraner Nonchalance. Schwitzend erblüht die Leichtigkeit des Seins; der Platz wird zur  Plaza – und hinter der nächsten Häuserzeile möchte man einen abendlich leeren Strand an vor sich hin plätscherndem Meer vermuten, dessen schwärzer werdende Oberfläche eben das letzte Glutrot der untergegangenen Sonne verschluckt hat. (… Vergessen sind das nach Benzin und Pisse stinkende Parkhaus nebenan, das marode Kaufhaus, das Abbruch-Quartier und andere Herrlichkeiten ...) Schweig, Banause!

Durch die Gassen strömt Gelassenheit. Die Menschen jung und älter gehen nicht, sie schlendern, bummeln, flanieren. Diesen ist´s einerlei, ob man sie betrachtet, über sie redet. Jene wollen betrachtet und besprochen sein, ihnen ist die Straße ein Laufsteg. So ein Sommerabend nimmt den Männern Härte, unterstreicht der Frauen Anmut. Er übergießt Schönheit mit mehr Schönheit, erhebt Durchschnittlichkeit in den Rang des Besonderen, und selbst graugesichtiger Verkniffenheit flicht er noch eine Blume ins Haar. (… Obacht, verehrte Leser, jetzt legt er erst richtig los, der Sommernachtsschwärmer…)

Der Abend gehört dem Cappuccino und dem Wein, dem zischenden Bier, der Zigarre oder der Eistüte. Und immer wieder gehört er auch dem genießenden Blick auf die Genüsse anderer. Männeraugen bleiben an Frauengestalten hängen, die schwindelig machen. Wie schwebend verweilen sie, wie tanzend ziehen sie weiter. Blicke ertrinken in Gläsern oder in den Gesichtern ihrer Gegenüber. Ein großes Wohlfühlen, ein Herzen und Streicheln erfüllt die Stadt – zärtlich und verspielt, neckend und frivol, unschuldig, aber voller Lust. Dies ist die Stunde des Werbens und Umschwärmens. Ihr wird die Stunde des Begehrens folgen, während der Hände einander finden, Kniee einander begegnen und Küsse sich auf den Weg machen. Am Ende werden Glückliche von nicht ganz so Glücklichen geschieden sein: Paare umschlungen davonziehen, Alleingebliebene ihnen lächelnd nachschauen und sich melancholisch an ihre Gläser klammern. Sommernachtsträume.  (… Es ist schon ein arges Gesäusel, das du da von dir gibst, aber halt doch schöööön!...)

Quergedanken Nr. 3

Wenn Sie alt genug sind, erinnern Sie sich vielleicht noch der Zeit, da das schlichte Wort „Birne“ bei Karikaturisten und Kabarettisten zu Ansehen kam. Das war kurz bevor Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde. „Schmidt Schnauze“ ging, die rheinland-pfälzische „Birne“ kam - was man damals links von der rechten Mitte irrtümlich für einen Betriebsunfall von rasch vorüber gehender Wirkung hielt. „Titanic“ und Grafiker Klaus Staeck hatten  Kohl erstmals in die Kiste mit dem dickbauchigen Früchten gesteckt. Der vermeintliche Betriebsunfall dauerte dann 16 Jahre. Schon nach vieren hatte sich „Birne“ als Instrument subversiven Lächerlichmachens verbraucht. Mehr noch: Der Uzname (von „uzen“ =  verspotten, verhöhnen) mutierte zum schieren Kosenamen. Am Ende freilich verschwand das zuvor so beliebte Obst aus dem Angebot, weil nach allzu viel Genuss erst fad schmeckend, dann von innen faulend.
 
Warum bringen wir ausgerechnet jetzt die ollen Kamellen wieder aufs Tablett? Weil die Bedeutung von Uz- oder Kosenamen für den großen Gang der Dinge gemeinhin völlig unterschätzt wird. Und weil deshalb dem Aufkommen eines solchen Namens in der ersten Politliga gerade während potenzieller Umbruchzeiten gar nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Richtig, die Rede ist von ANGIE (gesprochen: Äindschiii; gemeint: Angela Merkel). Irgendein Comedian soll unlängst versucht haben, ihr die Bezeichnung „Birnchen“ anzuhängen. Da feixt natürlich der Chauvi-Stammtisch. Eine gewisse Logik erwüchse dem Begriff allenfalls aus der ehemaligen Ziehvaterrolle Kohls für das Mädchen aus dem Osten. Aber der „Birnchen“-Ballon musste platzen! Denn: Überstülpungen von außen haben kaum eine Chance, sobald sich aus den Geburtsnamen von Betroffenen selbst Uz- oder Koseformen ableiten lassen.

Bei Helmut Kohl ging halt nix. Und noch den euphorischsten „Hellmuuht, Hellmuuht“-Sprechchören haftete schon per Lautklang Schwermütigkeit an. Weshalb die Hilfskonstruktion „Birne“ obsiegte – und sich ihre Schöpfer für den ungewollten Erfolg noch heute in den Hintern beißen. Bundeskanzler Schröder hat es weder zu einem Uz- noch zu einem Kosenamen gebracht,  was sich als verheerend für ihn erweisen könnte. Und zu Gerhard fällt einem außer dem penetranten hannoveranischen „Geeerd“ auch ziemlich wenig ein. In „Joschka“ (Fischer) knarzt der Kampfname des Straßenkämpfers nach, und „Münte“ bellt zu arg, als dass außer Parteisoldaten jemand damit warm werden könnte. Womit deutlich geworden sein sollte, dass ANGIE schon von Namens wegen nicht unterschätzt werden darf. Ins Zwischenmenschliche übertragen, wären die rotgrünen Namen mit „Schatz“ vergleichbar – ziemlich nüchtern, fast neutral, gegebenenfalls mit drohendem oder forderndem Unterton. Wohingegen ANGIE herzenswarm und ungefährlich nach „Schatzi“ klingt. Das verniedlichende Endungs-i macht hier den kleinen großen Unterschied (und könnte Wahlen entscheiden).

„Maggi“ mag als Beweis herhalten. Dank dieser hübschen, auf  i endenden Koseform von Margret konnte die ehemalige britische Premierministerin Thatcher allerhand Prügel austeilen, bevor ihre Landsleute richtig spürten, wie schmerzhaft die Schläge der „eiserne Lady“ tatsächlich waren. Oder „Schumi“. Ein Kosename, der geradezu zum Synonym für Sympathie und sportlichen Erfolg wurde (dass alles mal ein Ende hat, dafür kann er ja nichts). Sie glauben noch immer nicht an den Platzvorteil, den ein Uz- oder Kosename mit Endungs-i bringen kann? Dann werfen Sie doch bitte einen Blick vor die Haustür. Will sagen: aufs kommunale Politikgeschehen im Oberzentrum Koblenz und dort auf das Phänomen „Schuwi“. Obwohl Herr Doktor Schulte-Wissermann eher hanseatische Distinguiertheit denn rheinische Frohnatur ausstrahlt, hält er sich unangefochten im Koblenzer Oberbürgermeistersessel - von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Da mag sein Gegenspieler Michael Hörter beim herzlichen Schulterklopfen selbst Scharpings Rudi noch ausstechen: Dem swingenden, quasi von alleine auf die Zunge springenden Kosenamen „Schuwi“ hat er namentlich wenig entgegen zu setzen. Hörters Vater selig war in dieser Hinsicht mehr Glück beschieden: Ihm hatte man mit „Willi“ sogar einen echten Doppel-i-Namen in die Wiege gelegt. Der konnte beim Naturell seines Trägers gar nicht anders, als sich im mittelrheinischen Volksmund in ein uriges „unser OB Willi“ verwandeln.

Alles Unfug? Der Vorfahren Weisheit ist diesbezüglich uneindeutig. Mal heißt es „Namen sind nur Schall und Rauch“. Dann wieder „Nomen est Omen“.

Quergedanken Nr. 2

Beruhigt sind nun die unlängst noch zittrigen Nerven. Über die Plätze trottet wieder der Alltag, zieht wie eh ums zugige Eck. Wo ein noch winterschwächlicher Sonnenstrahl hinfällt, steht auch schon ein Tischlein draußen. Dran sitzt gleich er, der Mittelrheiner -  tut, was er so gut kann, weil er´s so lange geübt: warten. Jetzt eben harrt er des frühen Sommers. Blaunasig zwar, aber mit gelassenem Trotz beschwört er die Geister Arkadiens, träumt fröstelnd von den Freuden lauer Nächte unterm Sternenzelt: Möge doch auch in Germanien die gastronomische Freiluftsaison künftighin gleich nach Aschermittwoch beginnen und frühestens zum Advent enden. Schließlich liegt das Liebesnest von Rhenus und Mosella auf der römischen Seite des Limes, ergo ist Koblenz ein Teil von Bella Italia.  

Zittrige Nerven, hier? Ja wenn mitten in der Hellolaaf-Session flugs die Büttenreden  umgeschrieben werden mussten, kann selbst der Mittelrheiner die Contenance verlieren. Gerade noch im schon Jahre währenden Wartestand, hingegeben dem  gemächlichen Disput über „kommt sie oder kommt sie nicht“, griff plötzlich tumultuarische Beunruhigung  um sich. Es war, als habe IKEA die seit unendlichen Zeiten erwartete Eröffnung seiner Mittelrhein-Filiale just für den nächsten Tag angekündigt. Das allseits anhebende Bitten, Rufen, Tremolieren galt indes BUGA, nicht IKEA. Hervorbrechend aus bis dahin verborgenen Kammern flammenden Verzehrens schmachtete es:  „Sie muss kommen!“, „Wir wollen sie haben!“, „Wir brauchen sie!“. Die Präsidenten sämtlich von Industrie, Handwerk, Handel sowie all die mehr oder minder potenten Liebhaber der Dame Confluentia vereinten sich zur Manifestation „Pro Bundesgartenschau“. Dem mochte der Hohe Rat sich nicht verweigern: Die Stadt ist nunmehr also eine betroffene - das Volk erwartet die Mobilmachung.

Gleich auch noch Rumores auf der Dauerbaustelle namens „Der Fleck muss weg!“ im Stadtzentrum. Junge Architekten zeigten, wie sie sich die Beseitigung des alten Problems „Zentralplatz & Co.“ vorstellen. Endlich mal was zum Anfassen: Groß gedachte, mutig-futuristische Entwürfe, die die Wartezeit auf irgendeine Schlussendlichkeit mit einem herrlichen Geschmacksstreit über urbane Bauästhetik versüßen helfen. Das ist allemal interessanter als die ewigen Gerüchte über willige, sich zierende, abspringende oder vorfristig bankrott gegangene  Investoren. Bleibt allerdings eine Frage: Was eigentlich haben die Nachwuchsarchitekten da kreiert?  Mag sein Denkmäler. Denn weder sie noch sonst jemand wissen bislang, ob der Kulturpalast in spe Opernhaus, Museum, Bibliothek, Konzertsaal, Forum oder  Kombination aus diesem mit jenem und noch anderem werden soll. Das irritiert den Mittelrheiner, weswegen er sich nach anfänglicher Euphorie alsbald wieder in die Geborgenheit des Wartens begibt: Wird irgendwann erstmal Richtfest gefeiert, findet sich sicher auch ein Nutzungskonzept.

Gut Ding will Weile haben, und Geduld ist eine Tugend. So wartet der klassisch interessierte Hiesige noch immer auf einen neuen Koblenzer Generalmusikdirektor. Das verbindet ihn ausnahmsweise mit seinem ansonsten eher ungeliebten Nachbarn, dem Mainzer, der seinerseits auf einen neuen Intendanten für das dortige Staatstheater wartet. Beide mühen sich, der jeweiligen Findungskommission Erhellendes abzuringen. Vergeblich, denn solche Kommissionen sind quasi geheimdienstliche Einsatzkommandos der Kulturszene. Die Arbeit des Gremiums bleibt Verschlusssache – selbst nach der Verkündung letztinstanzlicher Entscheide, irgendwann.

Noch immer „ergebnisoffen“ ist auch der Wandel infolge Orchesterreform, den manche Zungen nach wie vor „Schrumpfung“ schimpfen. Bleiben 66 oder doch nur 60 Musiker? So recht weiß das auch bis auf Weiteres niemand. Gleichwohl haben die Mainzer ihre Orchesterstiftung schon mal auf den Weg gebracht; in Koblenz lässt man sich damit etwas mehr Zeit. Wie gesagt: Gut Ding will… Umso gespannter sieht der Mittelrheiner dem Wettbewerb der beiden Rheintalfestivals entgegen: MMM gegen das neue Rhein-Vokal. Man tut sich nichts, sagen beide. Abwarten, sagt der Einheimische. Denn er hat während all seiner Wartezeiten schon manche gute Absicht kommen und hernach rheinabwärts wieder davonschwimmen sehen.

So in der ersten Frühlingssonne sitzend und trotz kalter Füße doch von ersten Frühlingsgefühlen angewandelt, muss der Mittelrheiner lächeln über die eigenen aufgeregten Bocksprünge während der vergangenen Session: Für einen Moment hatte er vergessen, dass zwischen Ideen, Plänen, Beschlüssen und Umsetzungen hier zu Lande stets ein gewichtiges  Traditionsgut liegt – der mittelrheinische Wartestand.

 

Quergedanken Nr. 1

Es ist schon ein arges Kreuz mit unseren großen Dichtern, Denkern, Musikern. Die alten - Bach, Beethoven, Kant, Goethe, Schiller e tutti quanti - zieren als Denkmäler Bauten und Plätze. Hierorts treiben in Sonderheit auch Joseph von Görres oder Clemens Brentano ihr Wesen. Die jüngeren Großen kriegten Nobelpreise, Albert Einstein etwa und  Günther Grass. Sofern die Genies nur ordentlich verstaubt, kann, wer mag, schwelgen in „deutscher Größe“. Vom Staube befreit, verursachen die Vorbilder von eben braven Bürgern allerdings Bauchgrimmen. Denn wohin auch immer dann der Blick fällt, er stößt, statt auf Paladine teutscher Ehre, Pflicht und Moral, allweil auf Krittelei und Revoluzzertum, auf Unbotmäßigkeit gegen die Herrschaft, Skepsis gegen die Religion oder Freisinnlichkeit in Liebesdingen.
 
Der sonst so genaue Goethe wird auffallend vage, stellt man ihm die Gretchenfrage:  „Wie hälst du´s mit der Religion?“. Von seinen Frauengeschichten im Leben und dem flotten Dreier am Ende der „Stella“-Urfassung gar nicht zu reden. Der Koblenzer Görres wollte in jungen Jahren – man stelle sich vor ! - das linke Rheinufer an die französischen Revolutionäre verkümmeln. Nachher wurde er per Haftbefehl gesucht, wetterte noch in seinen katholischen Altersjahren wider die Preußen. Und Brentano, „unser“ Rhein-Brentano, der erweist sich bei näherem Hinsehen als Hallodri: Der Angebeteten „ergießet“ er „des Hochzeitsbechers Fülle“ in den Schoß. Aber hinterher dann gesittet tun und sich über den „feilen geilen Leib“ der Dame empören. Wir am Rhein kennen diese verquere Denke schon von der Welterbe-Story um Loreley: Sitzt das Mädel barbusig, Blondhaar kämmend und unschuldig vor sich hin sirenend auf einem Stein, schon flutet den Kahnschippern das Blut aus dem Hirn hinaus, hinab in den unteren Leib. Mit dem „denken“ sie dann und fahren, ergo, auf Grund. Und wer hat Schuld? Lörchen selbstredend.

Nehmen wir Schiller und Einstein, weil die heuer – wegen Friedrichs 200. und Alberts 50. Todestag - in aller Munde sind (sein sollten). Hat uns doch der Dichter den Aufruhr einer  „Räuber“bande gegen jedwede Ordnung ebenso ins Kulturerbe geschrieben wie das ewige Misstrauen gegen sämtliche Obrigkeiten. Mit Beethoven singt er nicht etwa zum Lobe von Kaiser und Vaterland,  sondern für die Verbrüderung aller Menschen ohn´ Ansehen von Herkunft, Rasse und Nation – dieser von der Schule verwiesene, aus der Armee desertierte, ins Ausland geflohene Schiller. Es graust den Michel unter der Zipfelmütze: Und so einer soll Vorbild sein? Oder der andere etwa, der Nobelpreis-Physiker, der Reichs-Flüchtling, der Zunge-Rausstrecker, der Struwelpeter-Einstein? Diesen Typen, der die ehrwürdige  Universität in Grund und Boden schimpfte, den hielten doch die Amerikaner für einen Kommunisten.  Am Mittelrhein macht man von den beiden im Gedenkjahr eher wenig Aufhebens, konzentriert sich stattdessen in großer Koalition auf die Vorbereitung eines glanzvollen Mozart-Jahres 2006 mit schöner Musik allüberall. Unverfänglicher? Schon - gäbe es da nicht diese Geschichten von der Aufsässigkeit Wölferls, von seinen gar anstößigen Lustbarkeiten bei gleichzeitig ziemlich schwach entwickeltem Familiensinn.

Ach, ließe sich Gut und Schlecht, Richtig und Falsch doch sauber trennen, wenigstens bei unseren Nationalgenies. Bloß, das Leben ist nicht so, weil dialektisch. Das wird demnächst wieder erfahrbar, wenn das  Landesmuseum auf dem Ehrenbreitstein die Kulturgeschichte des Haribo-Konfekts ausbreitet. Weshalb ich besonders gespannt bin auf jenen Ausstellungsteil, der die Auswirkungen der bunten Süßigkeiten auf die Volksgesundheit thematisiert. „Wird es nicht geben!“ – diese üble Unterstellung aus dem Off weise ich entschieden zurück. Andernfalls könnte ja auch eine Schau zur Kulturgeschichte des Tabaks ohne die Betrachtung seiner Schädlichkeit auskommen. Das gibt es nicht, nicht bei unserem Landesmuseum!

Oder doch? Schließlich bringen auch die westlichen Nachbarn, die Trierer es fertig, ihre Geschichte mit gewisser Einäugigkeit zu betrachten. Gerne und völlig zu Recht strunzen sie mit ihrem römischen Welterbe, stellen derweil ebenso gerne den weltweit berühmtesten Sohn ihrer Stadt in der Besenkammer ab. Nicht etwa, weil Karl Marx einst betrunken in London randalierte und Straßenlaternen zertepperte. Sondern wegen der „Sachen“, die er geschrieben hat. Sachen, die einem heute teils vorkommen, als hätten Nobbi Blüm, Kurt Biedenkopf und Heiner Geisler ihre  jüngsten Wutausbrüche über den neoliberalen Gang der Dinge mit Attac-Flugblättern zum „Manifest“ zusammen geschmissen.

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