Quergedanken

Quergedanken Nr. 149

ape. „Bescheidenheit ist eine Zier”, sagt weiser Volksmund. „Doch besser geht es ohne ihr”, schiebt bauernschlaues Volksmaul seit jeher nach. Koblenz hatte sich seit der BUGA 2011 in tugendsamer Zierde geübt. Lediglich die Neueinrichtung des Zentralplatzes war kurzzeitig für ein paar auswärtige Schlagzeilen gut. Nun aber währt, so scheint es, manchem Einheimischen die Bescheidenheit lange genug. Gleich zwei erstaunliche Ideen machen hierorts neuerdings die Runde. Beide zielen darauf ab, der kleinen Großstadt mal wieder einen Schub deutschland- und womöglich europaweiter oder gar noch weiterer Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Jetzt heißt die Devise: „Nicht kleckern, sondern klotzen”. Die eine Idee wird bereits von städtischer Seite ventiliert und lautet: Koblenz möge sich um den von der Europäischen Union für jeweils ein Jahr vergebenen Titel „Kulturhauptstadt Europas” bewerben. Die andere Idee ist von Privatseite ins Spiel gebracht und geht so: Man wolle den Künstler Christo bitten, das Kaiserdenkmal und/oder das ganze Deutsche Eck so interessant und schön zu verhüllen wie 1985 den Pariser Pont Neuf oder 1995 den Berliner Reichstag.

Das sind bemerkenswerte Einfälle, gewiss verbunden mit den schönsten Träumen. Und natürlich gilt, wie überall im Leben, auch dafür: „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt” sowie ganz praktisch „Fragen kost' nix”. Allerdings möchte es schon ratsam sein, vorab die Haken und Ösen zu bedenken, auf die man sich da womöglich einlassen muss. Sonst könnt's einem gehen wie mit dem Unesco-Welterbestatus, den viele Mittelrheiner bloß als prima Tourismuswerbung verstanden. Nachher war/ist das Gemaule groß über die Pflichten, die mit der Ehre verknüpft sind – von Seilbahn über Brücke bis Windräder und mehr geht vieles nur noch recht umständlich, manches gar nicht.

Was die zwei neuen Ideen betrifft, könnte man zu dem Schluss gelangen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” oder „Den letzten beißen die Hunde”. Nach dem EU-Rotationsverfahren wäre Deutschland 2025 dran, die Kulturhauptstadt zu stellen. Während Koblenz eben erst auf den Gedanken kommt, eine Antragstellung vielleicht zu prüfen, haben Chemnitz, Dresden, Magdeburg, Nürnberg, Kassel, Stralsund ihren Hut mit ehrgeizigen, innovativen, provokanten Kunstkonzepten längst in den Ring geworfen. Klar, Koblenz könnte nachziehen. Etwa mit dem Performance-Vorschlag „Das Leiden hiesiger Theaterbesucher”: Zwei Dutzend der jetzigen Sitze im städtischen Theater werden ausgebaut und laden auf der Löhrstraße alle Welt zum schmerzhaften Probesitzen ein. Oder: Man schreibt einen Kunstwettbwerb aus zum Thema „Die Botschaften eines Parkleitsystems, das gar nichts sagt”.

Bei Christo wäre Eile geboten. Denn der ist 82 Jahre alt und die meisten seiner späteren Aktionen bedurften Jahrzehnte der Vorbereitung. Die Vorarbeit am eben wegen Trump verworfenen Projekt, den Arkansas River auf 11 Kilometern mit einem Tuch zu überdecken, begann 1992. Favorisiert wird jetzt von Christo ein seit 1977 in Planung befindliches Wüstenprojekt, aus 410 000 Ölfässern eine altägyptische Grabstätte nachzubilden. Ob dem Manne da für seine letzten Jahre der Sinn ausgerechnet nach einem Kaiserwickel in Koblenz steht? Sowieso wäre das nach Christo-Maßstäben etwas mickrig. Think big!: Eck einpacken, den ganzen Ehrenbreitstein ebenfalls, beide verbinden mit einem Stofftunnel um die Seilbahn. Mindestens.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website
25./26. Woche im Juni 2017)

Quergedanken Nr. 148

ape. „Je älter umso laxer. Du bist weich geworden in der Birne!”, schimpft Walter. Obwohl seit Ewigkeit beste Freunde, geraten wir uns jüngst immer wieder heftig in die Haare. Worüber? Ach, es geht jedesmal nur um die leidige Politik. Nein, gewiss nicht um Parteipolitik im engeren Sinne. Da haben wir uns schon vor Jahrzehnten auf folgendes Verfahren geeinigt: Schauen, was an Problemen ansteht; analysieren und diskutieren, was an Behandlungsvorschlägen auf dem Tisch liegt; wenn überhaupt, dann erst hernach fragen, aus welcher Partei sie kommen. Das ist in der Praxis schwerer zu machen als hier schnell hingeschrieben, weil die meisten Politiker fast an jedes Statement zu irgendeiner Sache vorneweg Parteifähnchen pappen.

Leider verfährt ein Großteil des Publikums ganz ähnlich wie Parteivertreter. Weshalb allenthalben nicht zur Sache gedacht und diskutiert, sondern am liebsten palavert wird nach der Devise: Was aus der einen Parteiecke kommt, kann sowieso nur Käse sein, und Richtiges ausschließlich in der anderen erbrütet werden. Übrigens rührt von diesem Umstand, dass Walter und ich Wahlkämpfe nicht für Hochphasen der Demokratiekultur halten, sondern eher für deren Tiefpunkte. Womit klargestellt sein dürfte, dass wir beide niemandes Parteigänger sind – was die Teilhabe am Politdiskurs oder das Ringen um eine eigene Wahlentscheidung zwar erheblich interessanter macht, aber eben auch sehr viel anstrengender.

Zurück zu des Freundes Anwürfen. Die haben zu tun mit den Ergebnissen der auf die unselige Trump-Wahl gefolgten Wahlen in Westeuropa. Etwa in den Niederlanden, wo Wilders weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Oder bei unseren französischen Freunden, wo die Wahlteilnehmer mit Dreiviertel-Mehrheit gegen Le Pen stimmten. Oder in Schleswig-Holstein, wo die Wähler der AfD einen Platz als kleine Randfraktion zugewiesen haben. Ähnlich ihr Abschneiden bei der NRW-Wahl, wo sie ursprünglich angetreten waren, kräftig zweistellig in den Düsseldorfer Landtag einzuziehen. Heraus kam bloß Einstelligkeit.

Walter liest das und schäumt: „Die faschistischen Rattenfänger haben überall zugelegt, du aber tust so, als sei die von ihnen ausgehende Gefahr gar nicht so groß. Hast du sie noch alle?” Jetzt bin ich frustriert, denn ich fühle mich sogar vom besten aller Freunde missverstanden. Doch, doch, die Gefahr ist real, dass allzu viele Zeitgenossen ihren über Jahrzehnte nur im Verborgenen rumorenden bräunlichen Einstellungen zusehends freien Lauf lassen oder andere der rechtsradikalen Bagage auf den Leim gehen. Dennoch, mir scheint das derzeit wichtigste Signal, das die besagten Wahlen ausstrahlten: Die Welt ist nicht völlig verrückt geworden, und die gewaltige Mehrheit der Menschen zumindest in Westeuropa mag von einer Rückwärtsrolle in Richtung borniert nationalautoritäre Lebensweise rein gar nichts wissen. Der noch unlängst – auch und gerade von uns, lieber Walter – befürchtete Durchmarsch der Rechtsradikalen an die Macht, er ist abgesagt.

„Dein Wort in der Völker oder Götter Ohren”, schnauft der Freund skeptisch. Er nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen, streckt mir selbigen dann mit der Frage entgegen: „Ist der nun erfreulicherweise halb voll oder traurigerweise halb leer?” Ach Jung', sei zuversichtlich; uns geht der Trunk nicht aus. – Am Ende des Abends standen wir dann beide auf der Optimistenseite. Und zwar voll.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 21./22. Woche im Mai 2017)

Quergedanken Nr. 147

ape. „Was ist das denn für eine doofe Frage!”, knottert Freund Walter angesichts der Überschrift. „Dein 14,90-Euro-Grill ist doch der einzige, der noch im Winterschlaf liegt. Jeder andere hat spätestens am hochsommerlichen April-Sonntag vor Ostern wieder geglüht, gebrutzelt, gequalmt.” Nichts gegen meine kleine Holzkohlewanne, bitteschön. Die beschert uns seit Jahren lecker geröstete Stücke von Schwein, Rind, Schaf, Huhn und Fisch nebst Bratkäse oder Grillgemüse. Gewiss, das gute Blechding kommt bei mir erst zum Einsatz, wenn man mit wohlig vollem Bauch noch ein paar Stunden an der Gartentafel beisammen sitzen kann, ohne sich den Allterwertesten abzufrieren.

Aber das versteht der Freund nicht, denn auf seinem Wildwuchs-Hang hoch über der Mosel wird selten, dafür zu jeder Jahreszeit gegrillt. Das geht dann so: Im Winter steht, im Sommer lagert die Gästebagage um ein Erdloch, darin ein Feuer aus Buchenholz lodert. Darüber wird ein aus Moniereisen zusammengeschweißter Rost gelegt. Walter nennt das „Grillreinigung”. Und tatsächlich gibt es keine wirksamere, obendrein bequemere Grillputzmethode als dieses Abflämmen und Ausglühen des Gitters. Sobald das Feuer zum flirrenden Gluthaufen niedergebrannt, schmeißt jede/r auf den Rost, was sie/er mitgebracht oder der Herr über diese Bräterei für alle bei seinem Geheimmetzger besorgt hat.

Manchmal lassen wir den Rost ganz weg und machen es wie in unserer Kindheit oder zuzeiten der Altvorderen: Jeder spießt auf einen angespitzten Stock ein Stückchen Fleisch oder eine Wurst und hält das Konstrukt andächtig übers Lagerfeuer. Ältere Leser werden sich erinnern, dass in den 1950-/60ern das private Grillen auf Holzkohlebecken hierzulande noch fast unbekannt war. Gegrilltes gab es bloß als Schaschlikspieß am Kirmes-Imbiss respektive als Grillhendl im Festzelt. Das private Holzkohlegrillen brachten erst „Gastarbeiter” und Urlaubsrückkehrer vor allem aus Griechenland, Jugoslawien und der Türkei mit – auf dass es seinen furiosen Siegeszug antrete in Parks und Gärten, an Fluss- und Seeufern, auf Terrassen und Balkonen.

Wie das aber so ist bei von unten gewachsenen Trends: Die Wirtschaft macht flugs ein Geschäftsmodell daraus. Galt in den 1980ern ein gusseiserner Grill für 70 Mark noch als übertriebener Luxus, so stand ich neulich fassungslos in der Grill-Ausstellungshalle eines Gartencenters vor Dutzenden Modellen. Viele mit jeder Menge Hightech gerüstet, bald ebenso groß und so teuer wie ein halber Kleinwagen. Ähnlich den Raumschiffen, die vorgeben, Kaffeemaschinen zu sein, können diese Grillmonster angeblich alles, was auch eine Gourmetküche schafft. Walter bläst die Backen auf: „Nur eines können sie halt nicht: Unsere Lust stillen auf einen Moment archaischer Einfachheit – bei einem schlichten, am Lagerfeuer oder über der offenen Glut bereiteten Mahl mit Freunden.”

Tja, Einfachheit ist eben ein Wachstumshindernis. Weshalb sie selbst dem Hobbygärtner ausgetrieben werden soll. Was bräuchte der für ein Gemüsegärtchen ureigentlich an Werkzeug? Nur Spaten oder Grabgabel, große Hacke, kleine Hacke, vielleicht einen Rechen; fertig. Was wird ihm aufgeschwatzt? Das Hundertfache in tausenderlei Variationen und, so die Werbung, in jedem Fall bei vermindertem Körpereinsatz den Ernteertrag steigernd. Walter kommentiert das mit dem knappen Satz: „Wer nicht schwitzen will, soll sich keinen Gemüsegarten anlegen.”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17. Woche im April 2017)

Quergedanken Nr. 146

ape. In trauter Freundesrunde entbrannte neulich zu später Stunde ein, sagen wir: lebhafter Disput. Es ging um kugelige Pillchen und häufig geschüttelte Tröpfchen, um deren Wirksamkeit oder nicht. Kurzum: Die Homöopathie stand zur Kontroverse an. Keine einfaches Gespräch in einem Kreis recht gescheiter Leute, die in dieser Frage jedoch sehr verschiedene Blickwinkel einnehmen. Die eine Hälfte ist sicher, seit jeher am eigenen Leib gute Erfahrungen mit Globoli und Co. gemacht zu haben. Die andere Hälfte hält es mit der etablierten Wissenschaft, die eine objektive Wirkung der Mittel partout nicht nachweisen kann.

Was das infolge Weinseligkeit hoch motiviert geführte Palaver noch verkomplizierte: Beiden Fraktionen ist eine sonst begrüßenswerte Skepsis gegenüber allem und jedem gemeinsam. Was diesmal wenig half. Denn während die eine Seite Skepsis gegen schulwissenschaftliche Forschungsmethoden ins Gefecht führte, resultierte aus der Skepsis der anderen Seite ein Bombardement mit Granaten wie „Placeboeffekt”, „Einbildung”, „Autosuggestion”. Zwischen den Fronten saß in aller Gemütsruhe Freund Walter. Er müffelte ungerührt Oliven, Schafskäse, mit Knoblauchbutter bestrichene Fladen, süffelte ein Glas Roten aufs andere und widmete sich anbei hingebungsvoll seiner 15-Euro-Festtagszigarre.

Just als sich die Zimmerschlacht zum Stellungskrieg verfestigte, fuhr Walter überraschend dazwischen: „Mir ist es völlig egal, ob ein Medikament Wirkstoffe enthält oder nicht, wenn es denn wirkt. Auch ein Placeboeffekt ist ein Effekt, und wenn der heilsam ausfällt, soll's mir recht sein. Mir als Patient ist gleichgültig wie das funktioniert, wenn es nur funktioniert.” Schweigen am Tisch, warten, bis sich der Freund nachgegossen hatte und mit der Glut der Tabaksrolle zufrieden war. Dann von ihm ein Schwall mit Erläuterungen zu uralten bis brandaktuellen Erkenntnissen über die Macht der Wundermaschine Gehirn sowie deren Einfluss auf den Leib und seine Befindlichkeiten. „Geist und Seele können uns krank machen, also können sie uns auch gesunden lassen.”

Schließlich das Resümee: „Für die meisten Zipperlein und Regelkrankheiten hat die Evolution in uns selbst Heilpotenziale angelegt. Die große Frage ist: Wie aktiviert man sie? Das wäre eine zentrale Herausforderung für konventionelle Doctores wie landläufige Medizinmänner/frauen. Wer auch immer auf welchem Weg auch immer mein Hirn dazu bewegt, den körpereigenen Reparaturapparat ans Laufen zu bringen, macht einen guten Job.” So sprach Walter, und ich darf hinzufügen: Wer bei ihm diesen Job machen muss, kann auf Gutgläubigkeit nicht bauen; denn der Freund glaubt stets erstmal an gar nichts, außer an das, was er sieht, hört, riecht, greifen kann, spürt.

Dabei geht er durchaus davon aus, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt als wir bis dato wissen und messen können. Weshalb er im Einzellfall stets dem Prinzip folgt: „Quod esset demonstrandum, ich will Wirkungen erkennen und handfeste Resultate sehen. Der Glaube allein versetzt mir zu viele falsche Berge an die falschen Stellen.” Da ist dann höchste Medizinerkunst gefragt – oder ersatzweise ein gutes Medikament, das alsbald durchgreifend hilft. Walter ist in dieser Sache ganz pragmatisch: „Wenn die Heiler es nicht schaffen, rechtzeitig die körpereigene Apotheke aufzuschließen, müssen eben die Pharmazie und/oder Großmutters Hausmittel ran. Alles andere wäre Religion.”

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 12./13. Woche im März 2017)

Quergedanken Nr. 145

ape. Walter ist unleidlich. Sehr unleidlich. Er muss liegen, im Bett oder auf dem Sofa, rund um die Uhr. „Männergrippe” sagt die Nachbarin und verdreht die Augen. Sie ist eine nette alte Dame, die den Freund nun schon seit zehn Tagen unnachgiebig mit Pefferminzöl beträufelt, mit Kamilledampfschüsseln drangsaliert, mit Hühnerbrühe, Rindssuppe, honigübersüßtem Kräutertee und munteren Verzählches über Gott und den Niedergang der Welt nudelt. Seit die passionierte Zeitungsleserin und Fernsehverächterin weiß, dass der „Trump” geschriebene Name „Tramp” gesprochen wird, schimpft die resolute Rhein-Mosel-Seniorin ausdauernd lautstark über das „amerikanische Trampeltier und seine aufgepumpte Mieze”. Was sie indes nicht dazu bringt, die handgreifliche Intensivpflege des kränkelnden Freundes auch nur für einen Moment zu unterbrechen.

Ich finde ja, der Begriff „Männergrippe” ist ein Unding. Zumindest in der verniedlichenden und spottenden Bedeutung wie vor allem Frauen ihn neuerdings benutzen. Und ich weiß, wovon ich rede. Denn kurz bevor die Virenarmee Walter niederwarf, hatte sie gut zwei Wochen lang meinen Körper verheert und mein Hirn in einen dumpfigen Kerker gesperrt. Ladies, das ist nicht zum Lachen! Das glasäugig blubbernde Schniefen und wie tödlich verwundete Stöhnen des Kranken hat mit Wehleidigkeit und Weinerlichkeit rein gar nichts zu tun. Ihr habt vielmehr vor euch das tatsächliche Elend des Mannes, den die Unbilden seiner heimtückisch attackierten Natur auch tatsächlich leidvoll und schmerzensreich daran hindern, seinen Mann zu stehen.

Gewiss: Die meisten grippal infizierten Frauen haben das Schlimmste schon nach drei bis sechs Tagen überstanden und gehen dann sogleich klaglos wieder ihren normalen Geschäften nach. Solch unterschiedliche Krankheitsverläufe gründen jedoch mitnichten in charakterlichen Unterschieden von Frau und Mann. Sie sind vielmehr pure Natur. Selbst die Wissenschaft hat inzwischen entdeckt, dass grippaler Infekt wie manch andere Krankheit je nach Geschlecht vapeerschiedene Schweren und Verläufe zeitigt. Demnach ist es in Wahrheit so: Freund Walter ficht in seiner Matrazengruft einen heldenhaften Kampf gegen das Virenheer – und manche Stund' wohl auch gegen die wenig mitleidige Erbarmungslosigkeit seiner Pflegerin.

Das nachbarliche Fürsorgeregiment verhängte zuerst ein Rauchverbot, dann ein Nachrichtenverbot. Ersteres war überflüssig. Denn Walter gestand mir verzweifelt: „Jede Zigarette, ja selbst die feinste Kuba-Zigarre schmeckt nur noch nach glimmendem Filz.” Da wusste ich: Der Freund ist richtig krank. Zwecks Nachrichtenverbot hat die Umsorgerin einfach allen Empfangsgeräten den Stecker gezogen. Mit der Begründung: „Jedesmal wenn unser Patient von neuen Dekreten, Äußerungen, Plänen dieses amerikanischen Trumpeltiers erfährt, schießt sein Fieber hoch, dass man fürchten muss, er qualmt gleich aus den Ohren und spuckt Feuer.”

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Also erzähle ich dem Freund zwecks Aufmunterung und Beitrag zur Gesundung: Der liberale Teil des US-Volkes habe massiv in einen Verteidigungsmodus gegen den Präsidenten geschaltet. Zugleich mache sich unter halbwegs vernünftigen Verfassungskonservativen allmählich das Erkennen breit, welch faules Ei sie sich da ins Nest gelegt haben. „Du bindest mir gut gemeinte Fake-Bären auf”, hustet Walter. Ne, ne, mein Lieber, das sind begründete Hoffnungszeichen (hoffe ich jedenfalls).

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 9. Woche im Februar 2017)

 

Quergedanken Nr. 144

ape. Jeder kennt die Weisheit aus Omas Zeiten: „Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung.” Doch scheinen viele Leute von heute das für einen längst überholten Spruch zu halten. Als für Silvester und Folgetage plötzlich jahreszeitlich angemessene Temperaturen zwischen 7 und 15 Minusgraden angekündigt wurden, interessierte das kaum jemanden. Bis, ja bis die Kälte durch die Feinstrumpfhose unters Röckchen kniff, sich von strammen Jeans nicht hindern ließ, den Ar... auf Grundeis zu setzen, oder zart besockte Füße in Turnschühchen bläulich zu färben.

Übertrieben? Freund Walter jedenfalls, seines Zeichens Großstadtbewohner, berichtet von ihnen: den Jungen und den Schönsein-Wollenden, den Schicken und Hippen, den Trendies und Stylischen – die sich um Wetter nicht kümmern oder für die es an der Gürtellinie aufhört. Obenrum mit Pullovern, Jacken, Schals, Kappen, Hüten noch modisch eingemümmelt. Untenrum jedoch dem ultimativen Muss zum Sexappeal folgend: Frau hat Beinschönheit zu zeigen, Mann jeden Verdacht zu vermeiden, er könne einen „Liebestöter” untergezogen haben. Walter zeigt da keinen Deut Mitleid: „Wer trotz Eiseskälte sommerlich schön sein will, muss halt leiden.”

Jeder sollte eigentlich auch wissen, was es mit der Ansage „Eisregen und Blitzeis” auf sich hat. Da bleiben vernünftige Menschen daheim oder wo sie gerade sind, und warten ab, bis die Schweinerei vorüber ist. „Aber ich muss doch ….” zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen, aufs Amt, in die Krankengymnastik. Nee, musst du nicht! Nutzt doch niemandem, wenn du dich gegen höhere Gewalt auflehnst, dann im Stau stillestehst, im Graben liegst oder dir als Fußgänger die Haxen brichst. Du kommst trotz blöder Heldenhaftigkeit Stunden zu spät oder gar nicht an.

Jeder kennt auch den Verkehrsfunk-Appell: Fahrweise dem Wetter anpassen! Es fielen beispielsweise an einem frühen Januarmorgen im Westerwald binnen kürzester Zeit fast zehn Zentimeter Pappschnee. Ergebnis: Der Berufsverkehr brach zusammen, die Kinder kamen nicht zur Schule und selbst auf den Autobahnen ums Dernbacher Dreieck ging für Stunden nichts mehr. Kann passieren, wenn Wetter ist. Da hilft kein ABS, kein Antischlupf, keine raffinierte Autoelektronik. Bei allgemeiner Verkehrsverstopfung nutzt selbst fahrerisches Können nichts. Da bleibt nur: Gasse bilden für Streufahrzeuge, abwarten und sich nicht aufregen. Allerdings bringen zwei Sachverhalte selbst gelassene Höhenbewohner in Rage: Fahrzeuge, die im Winter auf Sommersohlen unterwegs sind, und nassforsche Yuppies, die mit Schmackes an angemessen vorsichtig fahrenden Kolonnen vorbeidrängeln – um sich in der nächsten verschneiten Kurve oder Steigung querzulegen.

Walter kichert: „Immerhin braucht es bei euch im Westerwald für so ein Chaos etliche Zentimeter Schnee, bei uns unten am Rhein genügen dafür die sprichwörtlichen drei Flocken.” Die Folge dürfte in beiden Fällen die gleiche sein: Weit verbreitetes Meckern und Maulen entweder übers Sauwetter oder über die vermeintliche Unfähigkeit der Straßendienste, das öffentliche Leben nicht gänzlich unabhängig zu machen von Wettereinflüssen. Was soll man dazu sagen? Vielleicht dies: Seien wir doch froh, dass es wenigstens manchmal noch den natürlichen Unterschied gibt zwischen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und passen wir uns gegebenenfalls dem Wetter eben an – wie es die Menschen getan haben, seit es sie gibt.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 3./4. Woche im Januar 2017)

 

Quergedanken Nr. 143

ape. 2016 war, pardon, ein Scheiß-Jahr. Eines Morgens bist du aufgewacht und meintest, im Schlafe weit in die Vergangenheit gerutscht zu sein. Der Kalte Krieg ist wieder da, die Türkei ein Sultanat und Britannien ein externes Inselreich. Überdies tönt ringsumher ein Wehgeschrei und Krakeel, die Welschen, also die Fremden von draußen, würden unsere Vorräte plündern und den roten Hahn auf die Kirchdächer setzen. Das jammert und schwadroniert wie anno 1794, als die „Froschschenkelfresser” in Koblenz einrückten. Damals musste der Kurfürst mitsamt Bagage Fersengeld geben. Dann hatten eine Weile erst die Revolutions-, nachher die Napoleonsfranzosen – jedenfalls der ”Erbfeind von drüben” – am Rhein-Mosel-Eck das Sagen.

Hat die Auffrischung hiesigen Blutes durch französisches den Koblenzern geschadet? Wohl kaum. Schließlich hat die grenzübergreifende Mesalliance ein gar edles Völkchen gezeugt: die „Schängel”. So nennen sich bis in unserer Tage stolz die Nachfahren damaliger Liebesfrüchte zwischen Heimischen und Welschen. Hat die Vertreibung des kurtrierisch-fürstbischöflichen Hofes die Stadt in kulturelle Finsternis gestürzt? Ach was, das republikanisierte Bürgertum am dazumal halt Französischen Eck nahm die kulturellen Angelegenheiten in die eigene Hand. Es setzte so manches Kulturding in die Welt, das bis heute Bestand hat und es dem Oberbürgermeister erlaubt, regelmäßig auszurufen: „Koblenz ist eine Kulturstadt!”

Und es ist eine Abendsausgehstadt. Das aber nur, weil sich hier Italiener, Griechen, Jugoslawen, Spanier, Türken, Südamerikaner, Asiaten, Afrikaner, ja sogar Saarländer, Schwaben und Bayern niedergelassen und Wirtshäuser eröffnet haben. Wie sähe sie denn aus, die Stadt an Rhein und Mosel, ohne all die Neu-Schängel? Au weh, dann hätte ein rein angloamerikanisch orientierter Markt die Sache geregelt und das kulinarische Nachtleben wäre eine Wüstenei aus Bouletten- und Hühnerflügelbratereien. Was für Koblenz gilt, gilt für alle anderen Städte auch, selbst die kleinen im Wald und auf der Höh': Simmern, Mayen, Bad Ems, Montabaur, Hachenburg, Altenkirchen e tutti quanti wären nicht nur gastronomisch längst tot ohne die frischen Kräfte von draußen.

„Deutschland den Deutschen”: welch gruselige Vorstellung – the walking dead. Die Städte kulinarisch und kulturell Einöden, weil uns nicht nur die Wirtshäuser fehlen würden. Den Orchestern, den Opern- und Ballettensembles etwa würde ein beträchtlicher Teil ihres Personals wegbrechen. Denn die sind alle so international wie die Rock- und Popszene, die Kinolandschaft, das Fernsehprogramm, die Wissenschaft …. Aber mit „dem Fremden kommt das Böse”, sagt leichtgläubiger Volksmund. Schon anno 1287 wurde über eine vom Rhein bei Bacharach angeschwemmte Jungenleiche die Mär erlogen, Juden hätten den Buben zu Ritualzwecken ermordet. Ergebnis: Hunderte Juden an Mittelrhein, Mosel und Niederrhein vom Mob totgeschlagen. Den Franzosen wurde später angedichtet, sie würden alles verzehren – Katzen, Hunde, kleine Kinder inklusive.

Gauner und Lumpen: Das sind für die Selbstgerechten stets nur die Anderen. Ach, Kinners, es ist so einfach, für jeden Verdruss jenen die Schuld zu geben, und darüber das simple Faktum zu verdrängen: Wo immer eine größere Zahl von Menschen beisammen ist, findet sich auch ein kleiner Anteil schlechter darunter – Hiesige und Zugereiste, Weiße und Farbige, Christen, Muselmanen und Gottlose ...

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 51/52 im Dezember 2016)

 

Infoanmerkung für Ortsfremde:

Schängel ist eine mundartliche Bezeichnung (Ortsneckname) für die in der Stadt Koblenz Geborenen (heute oft auch für langjährig hier Lebende). Der Begriff Schängel stammt aus der 20-jährigen Zugehörigkeit (1794–1814) der Stadt Koblenz zu Frankreich. Gemeint waren damit ursprünglich die von den Franzosen abstammenden Kinder deutscher Mütter. Der gängigste Name war damals Hans oder Johann, was dem französischen Jean entspricht. Die Koblenzer hatten aber Schwierigkeiten, Jean französisch auszusprechen, und in der Mundart der Koblenzer wurde daraus Schang. Hieraus entwickelte sich schließlich Schängel, eigentlich ein Diminutiv mit der Bedeutung Hänschen. Anfangs galt dies als Schimpfwort. Heute jedoch wird Schängel als Ehrenname verstanden.

Quergedanken Nr. 142

ape. Wer seit Jahren diese Kolumne verfolgt, könnte einen falschen Eindruck von meinem Busenfreund Walter bekommen haben. Er ist zwar ein sonderbarer, oft grantelnder und deshalb miesepetrig wirkender Kneesebeck. Tatsächlich aber ist er zugleich ein überaus liebenswerter Mensch, der seinerseits die Menschen liebt. Freilich nicht alle, doch sehr viele, eigentlich die meisten. Und das in einer Intensität, die einen bisweilen im Erdboden versinken lassen möchte. Da kann es passieren, dass Walter in der Fußgängerzone auf jemanden zustürmt, fragt: „Darf ich sie umarmen?”, und im selben Atemzug schon munter losherzt. Oder: Wir sitzen im Wirtshaus, diskutieren den Irrsinn der Welt. Plötzlich springt er auf, schnappt sich den Blümchentischschmuck – und überreicht ihn einer völlig fremden Frau nebenan mit den Worten: „Sie sind hier und jetzt mein Sonnenschein. Danke dafür.”

Fragt man nach dem Grund solchen Anfalls, erwidert er nur: „Siehst du es nicht?” Es lässt sich kaum erklären, was in solchen Momenten vor sich geht und was er dabei an diesem oder jenem Mitmenschen sieht, riecht, ahnt oder wie auch immer. Erstaunlich, dass dem Kerl dabei noch nie brüske Ablehnung entgegenschlug. Überraschung, Befremden oder auch mal peinliche Anrührung, das ja. Aber niemals Feindseligkeit. Bei Ihnen wäre das anders, meinen Sie, liebe/r Leser/in. Mag sein, doch würde Walter das wohl vorab spüren und Sie erst gar nicht erwählen. Es scheint fast so, als fänden sich in diesen Augenblicken Gleichgestimmte. Vielleicht gilt da auch einfach das Sprichwort: Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es heraus. Ich erkläre es mir mit dem Gefühl, das einen erfassen kann bei Beethovens „Seid umschlungen Millionen”. Oder mit jenen eigentümlichen Blitzeinschlägen plötzlicher Sympathie bis hin zu schierer Spontanverliebtheit bei manchen Begegnungen selbst mit Unbekannten.

Vielleicht rührt daher Walters Neigung, alle möglichen Leute zu beschenken: irgendwann, irgendwo, irgendwie, mit irgendwas – allerdings grundsätzlich außer der Reihe. Zu Geburtstagen, gar zu Weihnachten, fällt ihm herzlich wenig ein. Mit Offizialanlässen fürs Schenken hat unser Freund keinen Vertrag: „Ich kann halt nicht, wenn ich müssen sollte”, meint er. Gewiss, er bemüht sich. Doch vergeblich. Neulich glotzten wir uns auf der Suche nach Geschenkanregungen für Weihnachten durch etwa zehn Werbeblöcke im Privatfernsehen. Trotz einer Menge hübscher Frauen und sogar einiger filmhandwerklich raffinierter Spots war es ein Gruselabend. Der endete mit Walters Aufschrei: „Genug! Die halten uns alle ja für völlig verblödet!”

In Walters Begleitung Weihnachtsmärkte besuchen, ist auch nicht das reinste Vergnügen. Mit Appetit futtern wir beide erst Rindsbratwürste nebst gebrannten Mandeln in uns hinein. Indes enden die Ausflüge ins Jingle-Bells-Fantasialand nach längstens eineinhalb Stunden wegen des Freundes überschneller Zuschüttung mit warmem Zuckerwein. Statt verträumt „siehst du es nicht?” zu fragen, greint er dann: „Ich seh' nichts mehr, hör' bloß die Englein Bimmelbamm gröhlen.” So landet der Freund denn mit leeren Händen unterm Tannenbaum, dem heidnischen. „Das Mittwinter-Geschenk bin ich; nehmt es an oder lasst es”, pflegt er in bester Laune zu intonieren – um sich sogleich den geliebten Festritualen des Essens, Trinkens, Plauderns, Tischliedersingens und spätabendlichen Skat- oder Pokerspiels hinzugeben.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 47/48 im November/Dezember 2016)

 

Quergedanken Nr. 141

ape. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, im eigenen Hirn säße noch ein anderer Mensch. Quasi ein Alter ego, das nur darauf lauert, dass man unaufmerksam oder müde wird, beziehungsweise sich gedankenlos treiben lässt. Dann schlägt es zu, übernimmt den Hirnapparat und lässt einen Sachen denken, bisweilen sogar tun, auf die man im Vollbesitz seiner Geisteskräfte nie und nimmer verfallen wäre. Was mich angeht, so liegt der Verdacht nahe, Freund Walter habe mir einen Avatar seiner selbst in den Kopf geschmuggelt. Anders sind so Momente, in denen ich gedanklich eindeutig ungehobelte Züge dieses Burschen annehme, kaum erklärbar.

Woher sonst sollte der archaische – und abgesehen von lange vergangenen Jugendtagen – eigentlich gar nicht zu mir passende Impuls kommen: „Dem würd' ich am liebsten aufs Maul hauen”, angesichts brauner Blödsinnshetzer? Woher sonst sollte bei den ministerialen und offizialen Festreden zum Jubiläum einer von mir hochgeschätzten Kultureinrichtung plötzlich im Hinterkopf dieses Gähnen mitsamt dem Stöhnen „laaaaangweilig!” rühren? Oder wer provoziert in mir beim genießerischen Betrachten der hübschen Gesichter Herbst-/Wintermode vorstellender Modells eine Ketzerei, die sich gegen jeden Kavaliersbenimm versündigt?: „Allesamt sind's verbiestert und leiblich bloß Klapperknochengestelle; nix zum Hinschauen, nix zum Knuddeln.”

Dies und manche Unstatthaftigkeit mehr, das bin nicht wirklich ich. Das kann nur jemand anderes in meinem Kopf sein. Ganz dubios wird die Angelegenheit, wenn du bei Spaziergang, Sport, Yoga oder zum Schlafengehen den Denkkasten bewusst ausschaltest – der aber nach einem kleinen Weilchen wie von Geisterhand wieder anspringt und auf Maximalleistung hochfährt. Dann ist wieder dieser Typ da am Zug, der andere. Der verschaltet Synapsen als gäbe es dafür keinerlei Regeln und sprudelt auch noch geniale Ideen in Serie heraus. Nun gut, denkst du, wenn es denn so sein soll: Nimmst halt zum nächsten Spaziergang Papier und Stift mit, legst ein Notizbüchlein aufs Nachtschränkchen; auf dass die Quälerei wenigstens nutzbar gemacht werde. Dann aber zeigt dir der Hirngeist den Stinkefinger – und schweigt sich aus, bis die Schreibutensilien wieder verschwunden sind.

Es ist zum Irrewerden. „Ich bin's nicht”, beteuert Walter. „Nö, nö, alles normal”, sagt die Wissenschaft und resümiert ihre jüngsten Erkenntnisse über die Funktionsweise unserer Oberstübchen wie folgt: „Die besten Gedanken kommen uns, wenn wir nicht denken.” Will sagen: Just im Zustand der Entspannung, der Ruhe, des süßen Nichtstuns, der Muse und des Schlafes läuft unser Hirn von ganz alleine zur Höchstform kreativer Produktivität auf. Dann stellt es zwischen alten und jüngeren Gedanken inklusive Gefühlen sowie lebenslang erworbenen Erfahrungen und Kenntnissen die tollsten Verbindungen her. Auf die würden wir nach der Methode „darüber muss ich erstmal konzentriert nachdenken” niemals kommen.

Walter hat aufmerksam mitgelesen und brummt jetzt neunmalklug: „Womit klar sein dürfte, dass unsere Lebensweise völlig falsch organisiert ist. Man sollte – der Wissenschaft und der Menschennatur folgend – zumindest die Geistesarbeiter primär fürs Nichtstun bezahlen.” Kein Einwand meinerseits. Wie ist das aber dann mit „aufs Maul hauen”, „laaangweilig” und „nix zum Knuddeln”?, frage ich den Freund. Der schaut mich seltsam an und antwortet knapp: „Du solltest die Wahrheit über dich allmählich annehmen”.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 43. Woche im Oktober 2016)

Quergedanken Nr. 140

ape. Man muss ja heute stets dazusagen, nichts Schlechtes im Schilde zu führen. Andernfalls rücken einem rasch jede Menge erregter Leute auf die Pelle. Also sei vorausgeschickt: Ich will weder für das Rauchen werben, noch seine Gefahren kleinreden. Für die Gesundheit ist es gewiss besser, nicht zu qualmen, zu schnupfen, zu priemen. Gleichwohl fordere ich mein Freiheitsrecht ein, ohne Diskriminierung, Drangsalierung, üble Nachrede oder demnächst vielleicht Verfolgung, der uralten Tradition des Tabakgenusses treu bleiben zu dürfen. Ferner fordere ich Gerechtigkeit für das Blattgewächs aus Indianerland: Gleichbehandlung mit allen anderen Genussmitteln, die im Übermaß konsumiert der Gesundheit ebenfalls schaden.

Es kann ja der Tabak nichts dafür, dass inzwischen die Zucker-, Fastfood- und Chemielobby das Sagen hat. Dass diese gemeinsam mit der Volkserziehungs-Mafia den Tabak zum Oberteufel erwählte – um im Schatten der Schlacht gegen den „Gesundheitsfeind Nr. 1” profitabel im Trüben fischen zu können. Es ist noch keine zehn Jahre her, da lief die Anti-Tabak-Kampagne noch unter dem Motto „Nichtraucherschutz”. Dafür hatten sogar passionierte Freunde von Glimmstängel, Pfeife und Tabaksrolle wie Walter und ich viel Verständnis. Vollgequalmte Büros, Ämter, Unis, Bahnen, Flieger, Restaurants, Stuben, wo auch Nichtraucher zum passiven Mitrauchen gezwungen waren, das sollte zurecht nicht mehr sein.

Wir gingen zum Schmoken ohne Murren vor die Tür, verlegten den Stammtisch in Raucherkneipen und richteten daheim ein Raucherzimmer ein. Dass zu später Stunde sich auch Nichtraucher stets gern und zahlreich just zu den Qualmern gesellen, gehört zu den Rätseln sozialer Interaktion. Mag sein, im Tabakstübchen geht’s behaglicher oder sinnlicher zu. Viel geholfen hat den Rauchern der Rückzug in eigene Gefilde übrigens nicht: Die Teufelsaustreiber setzen nach, verengen Zug um Zug die Räume für Raucher, würden Tabak am liebsten sofort zur illegalen Droge erklären und den Tabakkonsumenten zum Verbrecher, jedenfalls zum asozialen Schandfleck. Mit Nichtraucherschutz hat das längst rein gar nichts mehr zu tun – es geht um die völlige Ausrottung der Raucher.

„Zu recht”, psalmodiert die Gesundheitsinquisition. Denn das Rauchen sei eine das Volkswohl untergrabende Impertinenz und jeder Raucher ein Jugendverführer. Solche Anwürfe lassen Walter den Kragen platzen: „Hört doch auf! Bei jedem Volks- und Familienfest feiert ihr Bacchus als obersten Gott und gebt euch mit Wein, Bier, Schnaps die Kanne. Daheim mampft ihr Schnellgerichte aus Scheiße, unterwegs nudelt ihr die Kinder mit Burgerpampe. Kästenweise schleppt ihr hochkonzentriertes Zuckerwasser nach Hause oder sauft mit irren Koffeinmengen aufgepeppte Süßbrühe. Was auf die Äcker geschmissen, ans Vieh verfüttert oder ihm gespritzt wird, ist euch genauso schnuppe wie die chemischen Zusatzstoffe im Industriefraß. Leute, wie wär's mit Schockbildern von Fettleibigkeit, Diabetes- und Alkoholismusfolgen, zerfressenen Kinderzähnen, Antibiotikaresistenzen etc. etwa auf Limo- und Alkoholikaflaschen, auf Lebensmittelpackungen, in Fleisch- und Wurstauslagen, auf Brotaufstrichgläsern und Naschwerktüten?”

Das wäre so sinnlos und unappetitlich wie die Bilder jetzt auf den Zigarettenpackungen. Zumindest jedoch wäre es ehrlich – würde allerdings den derzeitigen Kräfteverhältnissen in der Lobbywelt nicht entsprechen.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39. Woche im September 2016)

Quergedanken Nr. 139

ape. Was ist der geheimnisvollste Ort auf Erden? Stonehenge würde einer sagen, Amazonasurwald oder Vatikan ein anderer. Näher dran, könnte die Antwort lauten: die Zentralen von Deutscher Bahn und Telekom, das Kanzleramt oder die Mainzer Staatskanzlei. Gemeinsam ist derartigen Lokalitäten: Dort gehen Dinge vor sich, über die man wenig bis nichts weiß, und deren Wirkungen oft völlig unbegreiflich sind. Nach meiner Erfahrung jedoch gibt es eine Örtlichkeit, die noch geheimnisvoller ist als die genannten – die eigenen vier Wände.

„Du spinnst”, mosert Walter. „In meiner Wohnung treiben weder Chinesen-Gespenster ihr Unwesen noch liegen Spione unterm Lodderbett. Ich bin der Herr im Hause und ohne mein Zutun geschieht gar nichts.” So spricht der Freund – und begibt sich sogleich auf die Suche nach jüngst klammheimlich ausgewanderten oder entführten Hälften zweier Sockenpaare sowie einem Schraubenzieher, der partout nicht dort verweilt, wo Walter ihn mit größter Gewissheit deponiert hat.

Nun wird die verehrte Leserschaft einwenden, solche Missgeschicke widerfahren jedem jederzeit. Erklärt werden sie als Folge simpler Unachtsamkeit, Schusseligkeit, Vergesslichkeit oder schlicht individueller Neigung zu unordentlicher bis chaotischer Lebensführung. Doch so einfach lassen sich die haushalterischen Abstrusitäten nicht abtun. Für mich selbst darf ich einige Ordnungsliebe in Anspruch nehmen. Ich mag es, wenn die Dinge ihren festen Platz in der Wohnung haben und sich auch an selbigem befinden.

Zwar versteht mancher Besucher meine Art der Ordnung kaum, aber dafür kann ja ich nichts. Unangenehm ist indes ähnliche Begriffsstutzigkeit bei meinen Mitbewohnern. Was zur Folge hat, dass allzu viele Dinge allzu oft nicht an ihrem Platze auffindbar sind. Das kann mich sehr ärgerlich machen – und faule Ausreden wie „hast du selber irgendwohin geschleppt” mag ich dann gar nicht gelten lassen. Schließlich bin ich weder verkalkt noch blöde. Das gilt allerdings auch für meine Mitbewohner. Weshalb zum logischen Schluss nur bleibt, das Wirken unsichtbarer Drittkräfte im Haushalt anzunehmen.

Wer hat meine Fleischwurst aus dem Kühlschrank und die Schokolade aus der Truhe gefressen? Wer hat den Autoschlüssel im Keller versteckt oder ist mit Matschschuhen durchs Wohnzimmer gelatscht? Wer hat des nachts den geleerten Mülleimer wieder befüllt und auf die Veranda gestellt? Wer plündert allweil die Haushaltskasse im Bierkrug? Wer säuft heimlich meinen Weinvorrat und klaut die Kondome aus dem Nachtschrank? ... Antwort allemal: niemand.

Der Geheimnisse im Haushalt sind unzählige. Das unheimlichste von allen aber ist – Staub. Eben aufgewischt oder weggesaugt, hat er sich gleich wieder auf Pflanzen, Tische und vor allem Regale nebst ihre regungslosen Bewohner, Bücher und CDs, gelegt. Wie kann das sein? Es komme mir keiner mit „von draußen hereingeweht” oder mit „durch Herumgehen abgeschabte Teppichpartikel”. Wir waren zwei Wochen urlaubend außer Haus; Fenster geschlossen; sämtliche Geräte abgeschaltet. Die Bude also menschenleer und vermeintlich völlig stillgelegt. Dennoch fanden wir bei der Rückkehr das gesamte Interieur derart vom Staube bedeckt, dass selbst der diesbezüglich eher unempfindliche Walter frech von „Dreck” sprach.

Ergo: Der eigene Haushalt ist der geheimnisvollste Ort überhaupt – und deshalb wohl niemals vollends begreifbar.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 35. Woche im August 2016)

 

Quergedanken Nr. 138

ape. Dass scheinbar harmlose Spiele seit jeher Gefahren fürs leibliche Wohl bergen, lässt sich heute leicht an Statistiken über Freizeitunfälle oder an den Krankenständen der Bundesligaclubs ablesen. Schon bei unseren Ahnen galt landläufig: „Spiele sind eine todernste Sache” oder „Sport ist Mord”. Das mag überspitzt sein, gleichwohl beinhalten auch diese Sprichworte Körnerklumpen von Wahrheit. Bekannt geworden sind in jüngerer Zeit zudem Gefährdungen für Geist und Seele durch übermäßigen Genuss von Computerspielen. Dass jedoch jemand speziell dabei körperlich Schaden nimmt, war bis neulich selten. Den Bildschirm mit Fäusten traktieren, mit dem Kopf gegen die Wand rennen oder aus dem Fenster springen – das sind schließlich ganz normale Begleiterscheinungen der allgemeinen Dauerjagd auf unbotmäßige Computergeister.

Seit aber Smartphones eingeführt wurden, ändert sich die Lage grundstürzend. Den Computer trägt man nun permanent bei sich. Was viele Zeitgenossen verleitet, ihn auch permanent zu benutzen – egal wo sie liegen, sitzen, stehen, gehen, fahren. Da können brauchbare Effekte abfallen, fallen aber auch jede Menge Beschädigungen an. Blind zum Kaffee greifen, geht leicht auf Hose, Hemd oder Rock. Blind über Straßen oder durchs Parks gehen, geht leicht schmerzhaft daneben. Blind autofahren..., o weh. Blind Liebe machen wollen..., nun ja. Obendrein spielen sich früher inhäusig ausgetragene PC-Tragödien jetzt straßenöffentlich ab: Steht ein Mädchen zum Herzerweichen weinend, greinend, zeternd in der Fußgängerzone. Ich frage besorgt, was los sei. Geschluchzte Antwort: „Ich komme schon seit einer Viertelstunde nicht mehr ins Netz”. Ähm?

Als diese Zeilen entstehen, liegt der Ausbruch der PokemonGo-Seuche eine Woche zurück. Der Überträger ist das Smartphone, mithin die Ansteckung von Mensch zu Mensch gegeben. Über die Krankheit selbst will ich gar nicht schlecht reden – spannende Schnitzeljagden quer durch Stadt, Dorf oder Gelände konnten schon anno dunnemals bei den Mitmachern Züge schierer Besessenheit annehmen. An PokemonGo irritiert mich, dass binnen weniger Stunden gut die Hälfte von Deutschlands Jugend infiziert war und selbst ein beträchtlicher Teil der älteren Smartphone-Nutzer sich als nicht immun erwies. In der Psychologie nennt man ein derartiges Phänomen „Massenhysterie”, in der Wirtschaft einen „lukrativen Geniestreich”.

Zur Irritation hat sich rasch Besorgnis um die körperliche Unversehrtheit der PokemonGo-Jäger und -Jagdgesellschaften gesellt. Denn bei der traditionellen Schnitzeljagd kann erfolgreich nur sein, wer seine Umgebung sehr aufmerksam und genau betrachtet. Bei der jetzigen Jagd auf digitale Monster und Geister kommt zum Schuss oder Fang nur, wer den Bildschirm seines Smartphones nicht aus den Augen lässt. Das ist, mit Verlaub, für eine so mobile Gesellschaft wie die unsrige doch recht ungünstig: Man kann als konzentrierter Geisterjäger gar zu leicht selbst Geist werden. Wahrscheinlich haben die Entwickler des Spiels einfach nicht daran gedacht, dass die neuen Geister, die sie rufen, sich etwa mit den automobilen Monsterscharen nicht besonders gut vertragen. Weshalb nur wieder bleibt, an alle zu appellieren: Kinners, passt auf die wirkliche Welt auf und dort aufeinander!

Von Freund Walter diesmal kein Wort, er urlaubt irgendwo im Kalifat Erdogan. Das macht mir Sorgen, denn der Kerl kann ja das Maul nicht halten.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 29. Woche im Juli 2016)

 

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