Quergedanken

Kolumne "Quergedanken" Nr. 171

Aha, die Nationalisten kriegen Prügel“, freut sich Walter, als er die Überschrift sieht. Ich winke ab: „Nö. Das tät zwar aktuell passen, aber ich hab‘s diesmal mit der Zukunft. Und da spielt die Bagage der Umvolkungs-Krakeeler keine Rolle.“ Jetzt glotzt der Freund, japst nur noch „häh?“. Etlichen Lesern*innen mag es ähnlich ergehen angesichts der Renaissance, die die Nationalreaktionäre in vielen Ländern erleben. Weshalb kurz erklärt sei: Ich bin fest überzeugt, dass das nationalistische Feuerwerk eine vorübergehende Erscheinung ist, ein letztes Aufbäumen gegen die unausweichliche Internationalisierung und Multikulturalisierung aller Gesellschaften auf Erden.

Spätestens beim Blick auf die drei Alterskohorten, die seit der Jahrtausendwende zur Welt gekommen sind, sollte doch klar sein: Wenn diese jungen Leute bald die federführende Erwachsenengeneration sind, haben sie ganz andere Probleme, als sich mit dann vollends weltfremden Phänomenen wie Nationalismus und Rassismus abzuplagen. Diese Digital Natives sind doch zum großen Teil heute schon quasi Weltbürger. Ihre Musik, ihre Moden, ihre Lektüre, ihre Kinofilme und TV-Serien, ihre Verhaltensweisen: alles global. Ihre Speisen und Getränke selbstverständlich so international wie ihre Netzkommunikation, ihre Bekanntenkreise, ihr Studium oder Teile ihrer Berufsausbildung. Selbst ihre deutschsprachigen Spaßmacher, heute Comediens genannt, stammen von allen Völkerschaften dieses Planeten ab.

Es ist doch schon jetzt so, dass jedes industrielle Produkt von der Suppenwürze bis zum Automobil Ergebnis weltweiter Produktionsketten ist. Der hiesige Supermarkt und das VW-Autohaus sind damit Tempel des Multikulturellen. Und würde man alle Menschen mit Migrationshintergrund der ersten bis dritten Generation aus dem Land jagen – es sähe übel aus für Wirtschaft und Wirtshäuser, erst recht für Gesundheitswesen und Altenversorgung. Kurzum: Die Reaktionäre könnten auf ihre Plakate statt „Ausländer raus!“ auch schreiben „Deutschland zurück in die Steinzeit!“. Die Geschichte zeigt Sinn für Humor: Heute sind es deutsche Nationalisten, die de facto den Morgenthau-Plan im Banner führen. (Morgenthau? Wer‘s nicht weiß: nachschlagen.)

Herrjeh, jetzt habe ich mich verquasselt. Wollte doch ich über KI schreiben. Über Künstliche Intelligenz, diese allüberall als DIE Zukunftstechnik behandelte Computerentwicklung. Näher betrachtet, zeigt sich, dass KI herzlich wenig gemein hat mit dem, was wir unter Intelligenz verstehen. KIs sind in Wahrheit strohdumm. Das kann man etwa an der Google-Suchmaschine sehen. Die ist viel zu doof, um eine Frage zu verstehen. Sie nimmt nur Schlagworte aus dem Fragesatz auf, durchsucht eifrig das WWW danach. Angezeigt werden dir tausende sinnlose Treffer, unter denen – vielleicht – ein paar sind, mit denen du was anfangen kannst. Begreifen, Einsicht, gar intuitives Verständnis für das Anliegen des Suchenden? Keine Spur.

KIs haben nur ein einziges Talent: Sie sind Weltmeister im Suchen, Sammeln, Abgleichen von Daten. Was sie mit den Datenbergen anfangen sollen, dafür müssen ihnen Menschen jeden Furz einprogrammieren. Beides zusammen macht KIs aber auch brandgefährlich, insofern diese Technik Orwells Totalüberwachung durch Big Brother wie Spielzeug aussehen lässt. Mit Intelligenz jedoch hat das nicht die Bohne zu tun. Wären unsere Kleinkinder so blöd wie KIs, es wäre nie eines erwachsen geworden.

Quergedanken Nr. 170

Am 26. Mai steht uns ja ein kollektiver Sonntagsausflug ins Haus. Zwar wird in den Einkehrlokalen das Angebot etwas spartanisch ausfallen – es stehen nur Papier und Schreibstift auf der Karte. Doch bleibt den Rheinland-Pfälzern als Trost: Uns wird, im Verhältnis zu manch anderem Bundesland, die doppelte Menge Papier serviert. Kurzum: Der 26. Mai ist ein Wahl-Sonntag; hierzulande sogar ein Doppelwahl-Sonntag. Ergo: Trotz mäßigen Angebots in den Lokalen ist ein jeder aufgerufen, sie heimzusuchen und seine Kreuzchen zu machen. Also rafft euch auf, ihr Frauenzimmer und Mannen! Wählt das europäische Parlament, wählt auch die Parlamente eurer Städte und Dörfer – aber wählt kein braunes Gesocks!

Freund Walters Begeisterung ob der Wählerei hält sich mal wieder in Grenzen. Die werte Leserschaft mag sich erinnern: Bei der Bundestagswahl hatte ich ihn nur mit Mühe überzeugen können, seine Jahrzehnte währende Wahlverweigerung aufzugeben. Mein schließlich durchschlagendes Argument war seinerzeit: Alle Stimmen, die Leute wie du nicht abgeben, kommen am Ende den nationalistischen Reaktionären zugute. Das saß. Walter ließ sich erweichen: „OK, ich geh kreuzeln. Auch wenn ich mir nachher gewiss in den Hintern beiße. Weil doch wieder bloß eine Politik herauskommt, die nach noch mehr Wirtschaftswachstums schreit sowie den Bückling vor Finanz- und Industriekapital macht.“ So sprach der Freund. Auf dem Weg ins Wahllokal brummelte er damals: „Wenn aber die Braunen drankommen, dann dürfen wir dagegen nichtmal mehr demonstrieren.“

Diesmal lässt Walter sich relativ schnell zum Wählen bewegen. Allerdings schlägt er mit spitzbübischem Grinsen einen Handel vor. Er gehe mit mir am 26. Mai zur Wahl, dafür solle ich ihn zuvor am 18. Mai zu einer Koblenzer Demonstration begleiten, die unter dem Motto steht „Zukunft! Für unser Klima, für Demokratie, für soziale Gerechtigkeit! Gegen das Nichtstun der Politik!“ Worauf sich ein, sagen wir mal: lebhafter Disput entwickelte über den Zusammenhang zwischen wählen und demonstrieren, der sich rasch um die Wechselwirkung zwischen regieren und demonstrieren drehte.

Es sei kein Hehl daraus gemacht, dass wir beide das couragierte Aufbegehren unserer Jüngsten im Zuge der Bewegung Fridays for Future mit großer Sympathie begleiten. Ich mehr aus Freude, dass eine bereits an die Konsumreligion verloren geglaubte Generation plötzlich hellwach und renitent die Straße betritt. Walter eher aus Gefallen daran, wie diese jungen Leute Leben in die verpennte Politbude bringen und das Establishment reihum in Panik versetzen – mit ihrem unnachgiebigen Verlangen, die Politik müsse endlich in die Tat umsetzen, was sie im Pariser Klimaabkommen versprochen habe.

„Siehst du“, meint Walter, „das kann vielleicht funktionieren: Einigermaßen vernünftig wählen und zugleich von unten Druck machen. Auf dass die gewählten Herrschaften nachher nicht wieder einschlafen oder nach oben katzbuckeln, sondern stets mit der Nase auf das gestaucht werden, was für die nahe und fernere Zukunft wirklich wichtig ist.“ Der Handel gilt: Wir gehen beide wählen und gehen beide zur Demo. Zugegeben, von letzterem war ich nicht schwer zu überzeugen, kommt doch im Demo-Motto zusammen, was zusammen gehört – die Forderung nach einer ökologischen Wende und diejenige nach einer sozialen Wende. Also Leute, der Mai ist gekommen: Arsch huh, Zäng ussenander!

Quergedanken Nr. 168

ape. Doch, ja: Ich war mal begeisterter Fasenachter, Karnevalist, Jeck, oder wie ihr die Dollerei-Aktivisten nennen mögt. Ist lange her und hatte mit einem richtig ernsten Kinderwunsch zu tun. Endlich durfte ich mal äußerlich der werden, der ich in meiner Fantasie immer war: ein Indianer. Mit Federschmuck, Fransenanzug und Kriegsbemalung konnte ich für ein paar Tage der Umgebungsbagage die stolze Verachtung des Apachen entgegen schleudern; konnte dem knurzigen Nachbarn die Flinte unter die Nase halten und ihn mit einem „weißer Mann ist böser Mann“ verknurren.

Vielleicht rührt von diesem kindlichen Ernst für die Verkleidung jene giftige Opposition gegen alles Karnevalsgehabe, die mich nachher im Jugendalter befiel. Obwohl man als Pubertierender ja die Augen nicht lassen konnte von den gleichaltrigen oder älteren kurzberockten Funkenmariechen, galt einem doch das ganze Garde- und Uniformgedöhns als Ausbund von Militarismus. Hinzu kam, dass seinerzeit die Sitzungen der Saalfastnacht dem Jüngling vorkamen wie Standesversammlungen der klein- und großbürgerlichen Hautevolee. Und lange dominierten ja auch dementsprechende Büttenreden die Szenerie. Protokoller, Till, dä Schutzmann, Rumpelstielzchen und Co. – es war für unsereinen ein Graus, wenn die Honoratiorenstammtischler in bemühten Reimen philosophierten, politisierten, gar den Dadaisten gaben.

Erst sehr viel später erklärte mir ein Professor für Volkskunde, was es mit der Jeckerei ureigentlich auf sich hat. Schon vor 5000 Jahren wurde etwa in Babylon Fastnacht gefeiert. Und zwar als ausgelassenes Fest der Gleichheit, wie eine alte Inschrift bezeugt: Für die betreffenden sieben Tage „sind Mächtige und Niedere gleich“. Der hohe Amtsrat geht zum Schwof in die Bauernkneipe, die Bauern bringen mal Schwung in den Ratskeller. Und vor allem auf den Straßen vermischen sich Klassen, Geschlechter, Generationen zum lustvoll-bukolischen Treiben. Aus jener fernen Epoche hat sich einiges erhalten, trotz mehrfachen Verbots der Fastnacht in Mittelalter und Neuzeit.

Im 19. Jahrhundert kam am Rhein die närrische Uniformhuberei auf, gedacht als Vorhohnepipelung mal der französischen Besatzer, mal der Preußen – in der Straßenfastnacht meist jedwede Obrigkeit deftig verarschend. Sobald ich diesen ursprünglich renitenten Charakter des rheinischen Mummenschanzes begriff, wandelte sich meine Einstellung zur Fastnacht beträchtlich. Was allerdings nichts änderte an der bald leidigen Erfahrung, dass viele Karnevalisten von dieser Tradition gar nichts wissen oder anzügliche Witzchen, schunkelfreudige Liedchen und den besoffenen Kopp schon für Renitenz halten.

Übrigens: Wegen dunnemals überbordender Feierlaune bis hin zu „Massenrüpelei und Sittenlosigkeit“ bei der volkstümlich-anarchischen Straßenfastnacht gründete in Köln das Bürgertum 1823 ein „Festordnendes Comite“. Andere Städte zogen nach mit Bemühungen, die Fastnacht in geordnete Bahnen zu zwingen. Zwei Mittel wurden vor allem eingesetzt: die Erfindung der Saalsitzungen mit ihrer ritualisierten Vergnügungsorganisation sowie die Einführung reglementierter Offizialumzüge. Macht das noch Spaß? Die einen sagen so, die andern so. Freund Walter jedenfalls wird wieder eintauchen in lüstliche Narrenanarchie. Und ich? Ich werde mir via TV manche Sitzung reinziehen, dem Bürgertum aufs Maul schauen, mich oft grün und blau ärgern, gelegentlich aber auch Schreien vor Vergnügen.   

(Erstveröffentlichung außerhalb dieser website 4./5. Woche im Januar 2019)

Quergedanken Nr. 167

ape. Eigentlich halte ich diese Sache mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr für Humbug. „‘s kütt, wie ‚s kütt“, heißt es nach weiser Rheinländer-Art und meint: „Do steckste nit drin“ oder „kahnste nix maache“. Dies kaum hingeschrieben, fährt Freund Walter mir maulend in die Parade: „Quatsch! Das ist nicht Weisheit, sondern kölsche Thresen-Philosophie; von den Suffniks entwickelt, um weiter Kranz für Kranz ihres Labbergetränks ohne schlechtes Gewissen in sich hinein schütten zu können.“ Starker Tobak, Monseigneur; ausgerechnet von dir, der gerne selbst die Tassen hebt und der Devise folgt: Ich will mich nicht aufregen über Dinge, die sich nicht ändern lassen.

So sprach ich – weshalb es im alten Jahr noch einen heftigen Disput gab. Denn Walter war gehörig erbost: „Tust du nur so, um mich zu ärgern, oder bist du so meschugge?“ Es folgte eine Donnerpredigt, bei der selbst Thomas Müntzer erbleicht wäre: Über genaues Lesen und Zuhören, das jetzt offenkundig auch bei mir verkomme, seit ich bei diesem Facebook mittue. „Was hatte ich gesagt?!“, giftete er. „Der genaue Wortlaut war: Ich will mich nicht aufregen über Dinge, die sich nicht ändern lassen. Und was, bitteschön, lässt sich nicht ändern?“ Der Freund gab selbst die Antwort, und die ließ die Scheiben klirren: „Nur die Naturgesetze sind unveränderlich; alles vom Menschen Gemachte aber ist veränderbar; wir müssen nur wollen!!!“

Weil es ein Erlebnis besonderer Art ist, wenn Walter aus der Haut fährt, legte ich – selbstredend in aller Unschuld – noch eine Schippe drauf: Dann lass uns für 2019 all unserer Laster abschwören. Keine Ess- und Trinkgelage mehr, nix Tobacco, kein verträumtes Stieren in die Landschaft oder versonnenes Schauen nach hübschen Frauen, Schluss mit dem Luxus der Smartphone-Verweigerung, den Miniaufständen in Supermärkten, den Spitzen wider Hautevollee und Nationalismuskäse. Und Du, mein Lieber, solltest endlich heiraten – unter der Haube hätte es ein Ende mit der freigeistigen Liederlichkeit. Kurzum: Lass uns anständige deutsche Bürger werden.

Schweigen. Langes Schweigen. Sehr langes Schweigen. Der Freund schaute derart seltsam, dass ich denn doch beunruhigt war. So stellt man sich den Blick eines Großinquisitors vor, der sein Urteil „die Hex‘ muss brennen“ gerade fällt. Schließlich zischte er ganz leise: „DAS widerrufst du augenblicklich – oder wir sind geschiedene Leut‘.“ Was soll ich sagen? Mein Widerruf aller potenziellen Abschwüre und braven Vorsätze folgte unverzüglich. Der Scherz war schlecht gesetzt;  es dauerte ein paar Gläser bis die Luft wieder gereinigt war.

Wir einigten uns dann doch auf einen gemeinsamen guten Vorsatz für 2019: Gas wegnehmen. Will sagen: Noch weiter zurücktreten vom Irrsinn des Immerschneller und Immermehr. Denn wir hatten 2018 wieder erlebt, dass ringsum Kollegen, Bekannte, Freunde umfielen wie die Fliegen wegen Rückens, Herzkasper, Nervenflattern oder Seelenbruchs. Mag sein, der Homo sapiens und dessen nach wie vor steinzeitliche Entwicklungsstufe bei Körper und Hirn passen einfach nicht zu den multiplen Hochgeschwindigkeits-Anforderungen des Turbokapitalismus. Die Zeitgenossen verblöden in den unendlichen Fluten des Info-Inputs und zerbrechen unter der Peitsche des Allzeit-Funktionieren-Sollens. Diesen Zirkus machen wir, so gut es irgend geht, nicht mit. Basta. Nachtrag von Walter: „Auch dieser Zirkus wäre veränderbar; wenn wir wollen, sogar im Großenganzen.“

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 51./52. Woche im Dezember 2018

Quergedanken Nr. 166

ape. Da schimpfen manche über die seit den 90ern sich ausbreitenden Halloween-Bräuche als „Unsinns-Mode aus Amiland“. Oder sie wettern gegen „heidnische Umtriebe“ am Vorabend von Allerheiligen. Freund Walter grummelt: „Was willst du jetzt mit Halloween, das ist doch rum?“ Ei guck, das kommt nächstes Jahr wieder und somit auch die Meckerei – obwohl sich allmählich herumgesprochen haben sollte: Halloween stammt aus Irland, ist dort seit Jahrhunderten tief verwurzelt im katholischen Volksbrauchtum. Über das 19. Jahrhundert hatten hunderttausende irische Hungerflüchtlinge ihr traditionell recht übermütiges Geister- und Totenfest mit in die USA genommen, von wo es jüngst ins alte Europa zurückgeschwappt ist.

Und wie das so geht bei vielen unserer Festtage, seien sie vermeintlich christlichen oder neuzeitlich-weltlichen Ursprungs: Näheres Nachforschen fördert meist noch deutlich ältere Wurzeln zutage, an die sich die späteren Kulturen mit eigenen Erzählungen und Riten angehängt haben. Das gilt für Weihnachten, Ostern, Pfingsten, für St. Martin und Nikolaus, für sämtliche Lichtfeste, Erntedank- und Mittsommerfeiern, natürlich für die Fastnacht und eben auch für Halloween. Sie alle haben Vorläufer in meist jahreszeitlichen Bräuchen germanischer, keltischer oder noch älterer Bauerngesellschaften.

Walter ist genervt von Halloween. Denn er wohnt in der Stadt, wo zu Scheintoten entstellte Kindlein haufenweise herumgeistern. Die läuten ihm die Türklingel heiß, drohen „Süßes oder es gibt Saures!“. Dass juvenile Erwachsene obendrein mit trunkenem Lärmen und bisweilen recht robustem „Schabernack“ die Umgebung überziehen, macht die Sache für ihn kaum angenehmer. Mich stört das Halloween-Gedöhns nicht weiter. Die vier oder fünf kleinen Gespenster, die hier auf dem Dorf den Weg zu mir finden, tun nur Gutes: Was sie an Schokolade abstauben, kann ich mir nicht mehr auf die Wampe futtern.

Mir geht etwas anderes auf den Keks. Neuerdings gibt es mords Aufregung, wenn irgendjemand  den St. Martins-Umzug bloß Laternenzug oder gemäß dem alten Lied „Laterne, Laterne“ eben Sonne-Mond-und-Sterne-Fest nennt, den Weihnachtsmarkt Wintermarkt, oder Weihnachten auch als Mittwinter respektive „Fest der längsten Nacht“ bezeichnet. Mal davon abgesehen, dass keine dieser Begriffsvarianten sachlich falsch ist und fast jede sich ebenfalls auf uralte Gebräuche beziehen kann: All diese Traditionen werden doch in Wahrheit durch etwas ganz anderes nachhaltig  beschädigt – durch die brachiale Verwandlung jedweden Volksbrauchtums in banalste Kommerz-Events.

Da ruft ein großes Gewerbegebiet mit opulentem Werbe-Tamtam einen „St.-Martins-Markt“ aus. Und niemand regt sich auf, obwohl das nur Halligalli zum Zwecke des Verkaufens, Verkaufens, Verkaufens ist. Auch die Waren-Orgien unterm Weihnachtsbaum haben längst Ableger gebildet hin zu Silvester, Fastnacht, Ostern, zu Mutter- und Vatertag etc. Der hiesige „Markt“ wird sich auch die Waldpurgisnacht greifen, noch bevor heutige Hexenweiber das Besenreiten wieder gelernt haben. Er hatte Halloween schneller vereinnahmt, als die Kids ihre Drops lutschen können. Würde man das kürbisbeleuchtete Gespensterfest auf seine hierzulande dereinst mit ausgehöhlten Rüben begangenen Verwandten zurückführen: Die Werbewirtschaft fände gewiss sogleich einen Weg, die gute alte Runkelrübe zum Zentrum eines stylischen – umsatzsteigernden – Trends aufzumotzen.   

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 48. Woche im November 2018

Quergedanken Nr. 165

ape. Samstag, 13. Oktober 2018, Unterwesterwald. Das Außenthermometer zeigt sommerliche 27 Grad. Rekord. Ich habe eben den Rasen gemäht; seit Mai erstmals wieder, denn zwischenzeitlich wuchs herzlich wenig. Rekord. Es war eine staubige Angelegenheit. Zehn bis zwölf Mahten über den Sommer wären normal. Aber was ist schon noch „normal“ heutzutage? Der Rasen ist ja auch kein Rasen mehr, nichtmal eine Wiese. Der übliche grün-bunte Bodenteppich hierum hat längst Züge einer Trockensteppe angenommen. Rekord. Seit August sprießen zwischen vertrocknetem Gras bloß noch ein paar mickrige Löwenzähne, Disteln und irgendwelche dünnstieligen Giegakel, denen ein Liter Regen pro Quartal offenbar genügt.

Das sieht heroben auf der Höh‘ genauso trostlos aus wie drunten im Tal die Sandbänke im Niedrigrhein und die breiten Geröllfelder an dessen Ufern. Jeder Bier trinkende Besucher des Oktoberfestes dürfte heuer an einem Tag deutlich mehr Flüssigkeit in sich hinein geschüttet haben, als die Wettergötter beispielsweise dem Mittelrhein in den letzten fünf Monaten insgesamt an Regen spendierten. Rekord. Traumsommer oder Katastrophensommer? Die Deutungen fallen naturgemäß und je nach Interessenlage unterschiedlich aus. So oder so: Jedenfalls war es ein Rekordsommer.

Sonnenanbeter und Südlandflair-Fans sind high und satt, die Anderen platt. Obstbauern und Winzer fahren Rekordernten ein. Rekorde auch – allerdings in negativer Richtung – bei Viehfutter, Getreide, Kartoffeln, Waldpilzen. Weshalb manches Nahrungsmittel bald recht teuer werden könnte. Freund Walter steuert zu den allüberall zahlreichen Unterhaltungen über den „Supersommer“ in seelenruhiger Frustriertheit die immergleiche Bemerkung bei: „Gewöhnt euch dran, denn das Unnormale wird nun zum Normalen – wie der SUV zum automobilen Standard und die regierungsamtliche Dieselpolitik zum Maßstab für den Klimaschutz. Man hat es so gewollt, also bitte: Suppe auslöffeln!“  

Mittlerweile drehen sich die Plaudereien am Gartenzaun und im Wirtshaus verstärkt um das, was nun kommen mag. Folgt auf den Supersommer ein Superwinter? Und wenn ja, wie wird dieses „super“ aussehen? Womöglich schlendern wir im T-Shirt über Weihnachtsmärkte und schlürfen geeiste Cocktails statt Glühwein. Mag sein, Gummistiefel und Regenschirm sind bis zum Hochsommerbeginn im April gefragter als Schneeschuhe, Winterjacke und Pudelmütze. Vielleicht kommt es aber auch gerade andersrum: Zur Heiligen Nacht ein Blizzard, an Silvester einen Meter Schnee und davor oder hernach vier Wochen 25 Grad minus Dauerfrost.

Professionelle Wetterfrösche sind sich diesbezüglich ebenso uneins wie die Weisheiten diverser Bauernkalender. Die höchste Wahrscheinlichkeit trifft wohl doch auf Walters Prognose zu: „Unter der stetig ansteigenden Kurve der globalen Durchschnittstemperatur wird alles Unnormale ganz normal.“ Wobei die Kategorien normal und unnormal sich als überaus schwammig erweisen, sobald  unterschiedliche Generationen um den Tisch sitzen. Für 1950er-Jahrgänge wären Schnee und Eis im Winter normal. Für nach 1990 geborene Mittelrheiner hingegen sind eher Feucht- und Grauzeiten typisch Winter – und mit etwas Schnee vermatschte Straßen der stets unerwartete, unnormale Katastrophenfall.

Wie also wird er, der Winter nach dem Rekordsommer? Walter bläst die Backen auf: „Was weiß denn ich. Schau halt aus dem Fenster, wenn‘s soweit ist. Dann siehst du klar.“          

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 43./44. Woche im Oktober 2018

Quergedanken Nr. 164

ape. Ich könnt‘ mich kringeln. Freund Walter ist nervös. Wieder hat ein Theater ein Stück angekündigt, in dem es vermeintlich um ihn geht. Letzte Saison brachte das Theater Koblenz „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ heraus, jetzt avisiert das Theater Bonn für Oktober die Uraufführung des Schauspiels „Wer ist Walter?“. Nur Zufall, versuche ich ihn zu beruhigen. Du hast halt so einen wunderbar gewöhnlichen Name, und die Kunst liebt es, das Ungewöhnliche im Allerweltsgewand aufzustöbern. Zugleich jedoch frotzeln Bekannte: „Walter, du wirst noch berühmt“. Was dessen Nervosität wieder befeuert. Denn der Freund will eines partout nicht: berühmt werden. Oft hat er mich gewarnt: „Wenn du je mein Inkognito lüftest, sind wir geschiedene Leute auf immerdar.“

Die ernste Seite an der Sache ist eben: Walter mag kein Promi, VIP oder Star sein – so sehr es heutzutage im Trend liegt, sich abzustrampeln, gar öffentlich Kakerlaken zu fressen, sich in aller Blödheit vorführen oder verkuppeln zu lassen, nur um berühmt zu werden. Walter möchte auch nicht reich werden. Er, nein: wir beide, haben so manchen erlebt, der beim Streben nach Karriere und Wohlstand vergessen hatte, zu leben. Mit 60, 50, 40 oder noch weniger Jahren fallen sie dann auf den Rücken, strecken alle Viere von sich, weil Herzkasper, Auszehrung, Nervenzerrüttung, Versagenspanik sie niederwerfen. Wir wissen, wovon wir reden. Denn auch jeder von uns beiden hatte seine irre Phase, ein paar Jahre, in denen alles dem Erklimmen jener Leiter galt, deren Stufen aus Einkommen und Ansehen deinen Wert als Mensch zu bemessen scheinen.

Wir hatten Glück, denn irgendwann konnten wir uns vom Hamsterrad des  Immermehrimmerschneller halbwegs lösen, ohne gleich am Hungertuch zu nagen. Walter war da radikaler als ich. Job-Wechsel, Stundenreduzierung, Einschränkungen, freiwilliger Abstieg von der mittleren in die untere Mittelschicht: Was er da durchzieht, ist das Abwenden von den Normidealen der kapitalistischen Moderne – zugunsten einer Lebensart, die ich freier, selbstbestimmter, freudvoller, widerständiger nennen möchte. Dabei folgt der Freund der Devise: „Auch wenn ich nur noch 20 Stunden die Woche einer Lohnarbeit nachgehe, so ist doch jede Stunde ihr Geld wert.“ Die Bescheidenheit seiner Lebensführung, sagt er, berechtige niemanden, ihn mit einem Hungerlohn abzuspeisen. Und Walter ist gut in dem, was er tut. Hätte er nicht den Ausstieg gesucht, er wäre heute vielleicht Chef von irgendwas und/oder ein Wrack – aber gewiss nicht der liebenswerte Querulant, der er geworden ist.

Die Lehre aus der Geschicht‘? Der Freund würde sagen: „Die einen werden so schlecht bezahlt, dass sie aus ihrem Kladeradatsch nicht raus können; was eine Sauerei ist. Die andern wollen den Kladeradatsch, weil sie sich damit eine Weile wohlfühlen oder ihnen nix besseres einfällt als ein Dasein im Streben nach Wohlstand und Aufstieg. Kaputt gehen heute in beiden Gruppen viele an der maßlosen Beschleunigung des Lebens und seiner Überfüllung mit wohlfeiler Leere.“ Das würde er sagen, wenn er zu diesem Thema spräche. Tut er aber nicht. „Das Belehren ist dein Geschäft“ bedeutet er mir. Doch auch ich habe erstmal nur den Rat: Leute, gebt acht auf euch. Und natürlich bleibt das Versprechen, Walters Inkognito, damit sein Menschenrecht auf Privatsphäre nebst Einfachheit und Langsamkeit zu wahren.

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39. Woche im September 2018

Quergedanken Nr. 163

ape. Inzwischen ist auch Freund Walter aus dem Urlaub zurück. Statt auf Korsika, war er in Portugal gelandet. Solche Richtungsänderungen kommen bei seiner Art Abenteuerreiserei vor. Dort jedoch hing er dann bei selbst für die iberische Halbinsel ungewöhnlichen 45 Hitzegraden fest – „bewegungsunfähig vor mich hin hechelnd“. So erzählt er, berichtet von vertrocknetem Land, Bränden, geplagten Portugalesen und fast bis zur Leblosigkeit trägen Urlaubern.

Kennen wir, hier daheim war‘s nicht viel anders. Wochenlang 30 bis nahezu 40 Hitzegrade, fast kein Regen; und wenn doch mal, dann lokal einige Minuten sinnloses Katastrophengeplatsche. Wiesen beigebraun, Wälder im Trockenstress, Äcker staubig, das Getreide mickrig. Die Rindviecher fressen den Futtervorrat für den nächsten Winter oder werden notgeschlachtet. Die Produktivität in Fabriken und Büros sinkt drastisch; derweil steigen mitten im Hochsommer Energieverbrauch und Krankenstände infolge Masseneinsatzes raumkühlender Klimaanlagen.

Ja, ja, ich weiß, gerade die Älteren unter uns haben allerhand extreme Wetterlagen und -ereignisse während ihrer 50 oder mehr Lebensjahre schon einmal oder wiederholt mitgemacht. Doch deren Häufung, Verschärfung und Verwandlung in schiere Normalität binnen nur einer Halbgeneration ist gefühlt und  wissenschaftlich signifikant. Wenn obendrein die Wetterfrösche heuer vermelden, die Hitzeglocke reiche bis ins hinterste Sibirien, selbst oberhalb des nördlichen Polarkreises zeige das Thermometer noch 33 Grad, dann geht das alles weit über die altgewohnte gelegentliche Cholerik der Wettergötter hinaus.

Interessiert das jemanden? Interessiert irgendjemanden, dass die Wirkungen des selbstgemachten Klimawandels nicht erst unsere Kindeskinder in 100 Jahren drangsalieren werden? Dass die Frühstadien, viel schneller als gedacht, uns schon heute spürbar bis schmerzhaft auf die Füße fallen? Dem gesprochenen und geschriebenen Geschwätz nach scheint das jeden zu beunruhigen, den Taten nach allerdings nur wenige. Das Gegenlenken erschöpft sich, angesichts der Dimension des eigentlich Nötigen, im Kleinklein und ertrinkt im Business as usual, im besinnungslosen Tanz um das goldene Wachstumskalb. Die jetzigen Generationen Erwachsener werden in die Geschichtsbücher eingehen als die Generationen der Beschwörungsformel „Wir können noch umsteuern“ bei gleichzeitiger Wildentschlossenheit zur Beibehaltung ihrer gewohnten Lebensart.

PKW und LKW werden immer mehr und größer. Geräte, Kleidung, Möbel und Co. werden immer kurzlebiger. Das Konsumrad dreht sich immer schneller. Folglich steigt und steigt Ressourcenverbrauch/-verschmutzung selbst an Luft, Wasser, Naturlandschaft - global sowieso, doch  auch regional. Jede halbherzige Klima-/Umweltschutzmaßnahme wird vom Wachstum alsbald  ausgehebelt.

„Ruhig, Alter, ruhig, du kommst in Rage“, brummt Walter. Ach, ist doch wahr: Die Ozeane ersticken in Milliarden Tonnen Plastik, wir aber feiern schon die Ankündigung der Abschaffung von Plastiktrinkhalmen als großen Sieg für die Umwelt. Derweil bringt in den Supermärkten der Verpackungswahn eine Absurdität auf die andere hervor. Und wenn der freien Welt Führungsmacht auch die Befindlichkeit irdischer Umwelt am Arsch vorbeigeht, so kümmert sie sich immerhin ums übrige Universum: Sie stellt eine Weltraumarmee auf. Mit Verlaub, der Homo sapiens hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 34./35. Woche im August 2018

Quergedanken Nr. 162

ape. Früher gab es in manchen Gegenden diesen Brauch: Hatte jemand ein Auto gekauft, musste er für jedes Rad des Neuerwerbs am Stammtisch eine Runde schmeißen. Das ergab sechs Runden – für vier Räder, ein Ersatzrad und ein Lenkrad. Heute wär‘s billiger, weil die Hersteller ihre Autos, statt mit einem ordentlichen Ersatzrad, meist nur noch mit einem Puste-Kleb-Stopf-Notset ausstatten. Das ist der Zahn der „Moderne“: Korpus und Motor aufgemotzt wie für eine Wüstenexpedition, Technik wie für einen Flug zum Mars, doch alltagspraktisch eher gerüstet wie ein Kinderspielzeug.

Ich mag brauchtümliche Anlässe zum Feiern durchaus. Aber die besagte Räderrunden-Tradition war mir stets befremdlich. Denn Autokauf gilt mir seit jeher nicht als freudiges Ereignis, sondern nur als notwendiges Übel; als Beschaffung von verlässlichem Ersatz für die ausgelutschte vorherige Kiste. So jetzt wieder – nach fünfjähriger Vielfahrerei vom Wohnsitzbüro auf dem Land zu Einsatzorten in diversen Städten. Bahn, Bus? Kann ich hierzulande für meinen eiligen Bedarf, oft zu nachtschlafender Zeit, vergessen. Da geht nix. E-Auto? Anschaffungspreis für meinen Geldbeutel zu hoch, Reichweite für meine Zwecke (noch) zu niedrig. Weshalb ich seit einigen Wochen Besitzer eines neuen Benzin-Kleinwagens bin – und mal wieder die Welt nicht mehr verstehe.

Die Zahl der Knöpfe und Anzeigen hat sich gegenüber dem Vorgänger gleichen Namens mehr als verdoppelt. Vieles ist so überflüssig wie der Drehzahlmesser. Den habe ich noch nie auch nur mit einem Blick gewürdigt. Mit Verlaub: Wer nicht merkt/hört/spürt, dass er im falschen Gang fährt, der sollte das Fahren eh lassen. Regensensor mit Wischwasch-Automatik, Geschwindigkeitsbegrenzer, Start-Stop-Automatik mit partieller Abschaltung, Eco-Funktion mit Anzeige wieviel Gas man gibt … Dieses kleine Auto hält für den Fahrer sage und schreibe 51 Funktionsschalter bereit, das Radio-Paneel gar nicht mitgerechnet. Dazu kommen 13 Zeiger- oder Digitalanzeigen, bei denen sechs durch Knöpfchendrücken weitere Infoebenen öffnen. Gesellen sich noch Navi und Smartphone dazu, wachsen die Ablenkungspotenziale ins Unendliche.

Nehmen wir als Beispiel für viele „Fortschritte“ die Steuerung der Heizung/Lüftung, die beim Vorgänger mit drei simplen Drehschaltern und zwei Druckknöpfen blind zu handhaben war: Sie besteht jetzt aus zwölf Sensortasten, um eine Digitalmattscheibe angeordnet, die dem Nutzer anzeigt, was er mit seinem Tastengeklimper bewirkt. Das wird dann als großer Fortschritt an Komfort gepriesen. Indes: Blinde Betätigung geht nicht mehr, jetzt musst du jedesmal hinschauen – also wegschauen von der Straße.

Es galt im Straßenverkehr mal das Prinzip: Oberste Pflicht jedes Fahrzeuglenkers ist es, seine ganze Aufmerksamkeit dem Verkehr zu widmen. Die Autoindustrie verfolgt nun wohl das gegenteilige Prinzip nach der Devise: Lass du, geschätzter Autofahrer, nur Finger, Blicke, Hirnsynapsen auf dem Parkett der Nebensächlichkeiten tanzen; um Fahrsicherheit kümmern sich unsere Autos selbst. Und Teile der Werbewirtschaft tun das Ihre dazu, spicken Straßenränder und Kreuzungen mit Werbetürmen und digital belebten Plakatwänden – auf dass die Aufmerksamkeit der Autofahrer angezogen und ökonomisch optimal genutzt werde. Ich begreife zwar das profitable Geschäftsmodell hinter diesen lebensgefährlichen Trends. Was daran indes fortschrittlich sein soll, das will mir partout nicht in den Sinn.     

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 30. Woche im Juli 2018

Quergedanken Nr. 161

ape. Plötzlich sagt Walter: „Ich bin dann mal weg.“ Von jetzt auf gleich schmeißt der Freund seine Naturburschenausrüstung ins Auto. Ein-Mann-Zelt, Schlafsack, Henkelmann, Esbitkocher, den Rucksack mit ein paar Klamotten, Geldbeutel und der Landkartenmappe drin. Wohin soll‘s gehen?, frage ich. Er: „Korsika; via Schweiz, Italien und mit der Fähre von La Spezia oder Genua aus.“ Ich: Wie lange? Er: „Mal schauen.“ Und schon ist er fort – ohne Zielbuchung, ohne Fotoapparat, Navi, Smartphone. Eine unbestimmte Zahl von Wochen hören wir nun gar nichts mehr voneinander. So haben wir es immer gehalten: Fort ist fort. Er wird irgendwann von irgendwoher eine Postkarte schicken, die erst eintrudelt, wenn er längst wieder daheim ist.

Walter war noch nicht auf Korsika, weiß nur aus meinen Erzählungen von lieblichen bis rauen Naturschönheiten und distanziert freundlichen bis raubeinigen Menschen im Hinterland. Über Strände und zentrale Sehenswürdigkeiten hatten wir nie gesprochen, sowas interessiert ihn nicht. Ob der Freund überhaupt auf der Insel ankommt, ist allerdings keineswegs ausgemacht. Er hat da so seine Eigenheiten. Vor zwei Jahren beispielsweise hatte er Katalonien als Ziel angegeben, sich dann aber wochenlang in abgelegenen Regionen Frankreichs vertändelt.

Denn im modernen Sinne fährt Walter weder in den Urlaub, noch bereist er die Welt. Er gondelt vielmehr aufs Geradewohl über Nebenstrecken von Nebenstrecken von Nebenstrecken durch die Lande – und sucht „schöne Plätze“. Das sind nach seinem Verständnis Locations, wo die Uhren  langsamer gehen, an denen auf 100 Einheimische und 1000 Hektar Landschaft nicht mehr als zwei Touristen kommen. Fragt man ihn, ob er in diesen gemeinhin als „strukturschwach“ bemitleideten Örtlichkeiten nach einem idyllischen Gestern suche, gibt es die harsche Antwort: „Kein Gestern. Ein Heute, das noch nicht mit dem Marketinglöffel barbiert wurde, um ein geschorenes Morgen zu werden!“

Hochsommer ist eigentlich keineswegs des Freundes bevorzugte Reisezeit. Doch macht er alle vier Jahre eine Ausnahme: Sobald daheim das Weltfußballfieber mit seinen eigentümlichen Symptomen um sich greift. Weshalb ich darauf wetten möchte, dass er sich jetzt ziemlich lange in der italienischen Provinz herumtreiben wird. Denn dort dürfte die Fieberwelle heuer einen deutlich gemäßigteren Verlauf nehmen als in Deutschland, der Schweiz oder Frankreich. Es ist nun mal so, dass Walter mit Fußball rein gar nichts mehr anfangen kann; mit der Sportart nicht, mit dem kommerziellen wie rituellen Drumherum erst recht nicht. Im Vergleich dazu bin ich ein richtiger Sportsmann. Will sagen: Ich kann zumindest einem guten und spannenden Spiel etwas abgewinnen – völlig egal, wer da gegen wen kickt und wer gewinnt.

Ja, ja, nur die Ruhe. Ich weiß, dass für viele Zeitgenossen meine Haltung in dieser Sache noch unbegreiflicher ist als die totale Fußballmuffelei Walters. Jeder mag das halten, wie er will. Von mir aus auch mit Fahnenschwenken, Hymnensingen, kollektiver Glückseligkeit oder womöglich  Tieftraurigkeit. Nur, bittschön, es hacke niemand auf mir rum, weil mich an der WM höchstens eines interessiert: Sport, Sport ganz allein. In diesem Sinne verabschiede ich mich mit zwei Wünschen in die Sommerpause: Möge der Freund noch einige schöne Plätze finden und am Ende vielleicht doch Korsika erreichen; möge in den WM-Stadien die jeweils besser spielende Mannschaft gewinnen.        

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 25. Woche im Juni 2018

Quergedanken Nr. 160

ape. Freund Walter schüttelt missbilligend den Kopf: „Was soll der Käse mit dem ‚geil‘ in der Überschrift? Du bist doch nicht dazu da, dich als alter Knochen durch Anbiederung an heutige Jugendsprache zur Lachnummer zu machen. Von dir erwarte ich vielmehr, dass du die Schönheit und Vielfalt herkömmlicher Hoch- wie Volkssprache pflegst. Dass du demonstrierst, was damit hinsichtlich sprachästhetischer, sinnlicher, auch giftiger bis witziger Lebendigkeit des Ausdrucks möglich ist – gerade heute, im Zeitalter der digitalen Stotterei.“

Manchmal ist es arg mit dem Kerl. Eben spricht er auf offener Straße mit seinem strahlenden Unschuldslächeln eine wildfremde Frau an, um ihr Komplimente zu machen, wie hübsch sie aussehe in ihrem Sommerkleidchen. Das Irre ist: Statt sich für solche Unverfrorenheit eine Watschen zu fangen, wird sie ihm mit artigem bis überrascht freudigem Liebreiz gedankt. Zwei Minuten später allerdings staucht der Freund mich zusammen, weil ich einer anderen ansehnlichen Erscheinung unauffällig nachblicke. „Das ziemt sich nicht!“, faucht er nach altväterlicher Manier.

Nun gut. Sommer ist und die Sonne scheint, da will ich mit Walter nicht streiten. Zumal solche Schurigelei stets nur mich trifft, während ihn sonst eine schier maßlos toleranter Freigeist auszeichnet. Mädels und Jungs, die in Shorts und Flip-Flops durch die Stadt flanieren oder sich in für teuer Geld zerfetzten Jeans zeigen; reife Damen, die es ihnen umstandslos, aber nicht immer passend, gleich tun; selbst ältere Herrn, die ihren Schmerbauch stolz über der kurzen Hose tragen und die Füße mit stramm hochgezogenen Socken bekleiden: Dem allem begegnet Walter mit dem größten Gleichmut und der Devise „jeder möge die schönste Jahreszeit auf seine Weise genießen“.

Um des lieben Friedens willen also ersetze ich das zeitgenössische „geil“ hiermit durch – ja was? „Wunderbar“, wäre eine Möglichkeit; oder „herrlich“. Doch mangelt es beiden Worten irgendwie an spontan explosiver Keckheit. Und sowieso fehlt ihnen der klammheimlich mitschwingende erotische Subtext der früheren Bedeutung von „geil“. Die hat gerade zur Sommerszeit ja durchaus eine gewisse Berechtigung –  obwohl dann doch etwas zu grobschlächtig daherkommend. Die sonnigen Tage und vor allem die lauen Sommerabende auf Balkonen, Terrassen, in Biergärten und Straßencafés verlangen nach gelassenerem, weicherem Ausdruck.

Was also passt auf den Sommer? Versuchen wir ein paar Anleihen aus Jugendsprachen früherer Zeiten:  „Toll“ oder „tiptop“ oder „famos“ oder „stark“ aus den 50er/60ern sind wohl zu eindimensional und entbehren auch der sinnlichen Komponente. „Knorke“ nach 1920er-Gebrauch kennt kaum noch jemand, klingt auch nach rauer Borke statt nach Zärtlichkeit sich sehnender warmer oder versehentlich sonnengebrannter Haut. „Heiß“ oder „scharf“ im Mehrfachsinn der 1970er bis 1990er könnten vielleicht angehen. Das jüngste Geschwisterchen von „geil“ läge indes völlig daneben: „cool“.

Walter wirft entnervt die Arme in die Höhe: „Hör auf, du übertreibst. Das eine Idealwort wirst du sowieso nicht finden, weil jeder sein Sommerglück auf andere Art erlebt.“ Dann rafft er sich auf vom Campingstuhl an der Feuerstelle seiner Datscha hoch überm Moseltal: „Auf unser Sommerglück werden heute die Worte ‚gemütlich‘, ‚entspannt‘, ‚fröhlich‘ gut passen. Lass uns den Grillrost über die Glut hängen und endlich das Fässchen anstechen.“

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 21. Woche im Mai 2018)

Quergedanken Nr. 159

ape. Alle paar Jahre bricht erneut das gleiche Problem über mich herein. Und stets hat Freund Walter dann nur ätzenden Spott übrig. „Trenn dich, schmeiß weg, verschenke! “ So spricht er kaltschnäuzig – derweil ich ratlos vor überquellenden Bücherregalen stehe und nicht weiß, wohin mit den jüngeren Neuerwerbungen, die sich heimatlos auf dem Fußboden stapeln. Ach, wenn das so einfach wäre: Bücher weggeben, auf Nimmerwiedersehen aus dem Haus schaffen. Praktisch keine Schwierigkeit, krieg ich es seelisch nicht über mich. Schließlich ist jedes Buch ein bleibendes Stück meines Lebens und kein Schnitzel, das man futtert, um die verdauten Reste nachher durchs Klo zu spülen.

Neue Regale anbauen? Geht nicht. Im Häuschen sind bereits alle verwertbaren Wände vom Fußboden bis zur Decke zugestellt. Das war vor fünf Jahren wie auch vor zehn Jahren schon so. Jeder bei mir einbrechende Dieb wäre bald deprimiert, weil er nichts für ihn von Wert fände. Alle Technik im Haus veralteter Krempel, nirgends Schmuck, Gold oder Geld; nur Bücher allüberall nebst etlichen Regalmetern voller CDs. Meine Lösung des Überfüllungsproblems alle paar Jahre: Tagelang schwermütig die Regale auf und nieder immer wieder absuchen – nach Büchern, die in Kartons verpackt, in die Etappe auf dem Dachboden versetzt werden können.

Das ist ein quälender Prozess. Eben hast du einen Titel zur Emigration ausersehen, weil er dir auf Anhieb nichts sagt, also auch nicht besonders wichtig gewesen sein mochte. „Doch dann“, brummt  Walter dazwischen, „blättert der Narr darin herum, liest ein paar Sätze: Gleich öffnen sich in seinem Hirn verstaubte Schubladen, kommen Buch-Inhalt, einstige Leseumstände, damalige Lektüregefühle etc. wieder zum Vorschein.“ Ja, genauso ist das, jedes Mal: Da bringt sich ein Druckwerk aufs nächste als alter Freund und Weggefährte in Erinnerung. Die kann man doch nicht einfach in einer dunklen Kiste auf dem Speicher wegsperren.

„Du bist ein komischer Kauz“, raunzt der Freund. Er hat gut reden, denn ein Großteil der durchaus nicht wenigen Bücher, die er sein Lebtag las, waren Ausleihen aus meinen Beständen. Um pfleglichen Umgang und Rückgabe musste ich oft geharnischt kämpfen, weil dem Freund ein Buch, das er gelesen hat, hernach kein Pfifferling Aufmerksamkeit mehr wert ist. Weshalb ausgerechnet er, der sonst mit neuer Technik kaum was am Hut hat, mit so einem elektronischen Lesetablet rummacht. Und er liebt es – das platte Maschinchen, mit dem er unzählige ihres Körpers beraubter Buchgeister aufmarschieren und nach Belieben wieder verschwinden lassen kann.

Das ist nun wiederum eine Haltung, die ich partout nicht begreife. Denn Lektüre ohne leibliches Buch kommt mir vor wie ein Liebesakt ohne Hautkontakt. Wer also ist eigentlich von uns beiden der komischere Kauz? Walter lenkt ein: „Da haben wir mal wieder eine Sache, bei der es kein Gut oder Schlecht, weder Richtig noch Falsch gibt. Wir sind halt verschieden und ein jeder möge nach eigener Fasson glücklich werden.“ Immerhin räumt er ein, in der kalten Jahreszeit sich nirgendwo behaglicher zu fühlen als beim Plaudern, Trinken, Schmausen, Schmauchen inmitten meiner Büchertürme. Jetzt aber besteht er darauf, dass Bücher zwecks Etappenverlagerung auszusortieren, ein Arbeit für Schlechtwettertage ist. „Sei g‘scheit“, sagt er, da die Sonne scheint. „Wir hocken uns ins Straßencafé und genießen Frühlingsschönheiten.“ Ich bin gerne g‘scheit.    

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17. Woche im April 2018
                                           

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