Quergedanken

Monatskolumne "Quergedanken" 183

Es gibt Leute, die stellt das Corona-Reglement vor ein recht spezielles Problem. Dazu gehören Jugendliche und Singles. Das Problem: Woher in diesen Zeiten die Gelegenheiten nehmen zu jenen Begegnungen, Plaudereien, Spielchen, Tänzchen, derer es bedarf, wechselseitige Sympathien zu entwickeln, die mit der Zeit oder alsbald in leibeslüstlicher, womöglich auch herzentflammter Zweisamkeit enden? Freund Walter könnte von dieser Malaise einen Betroffenenbefund abgeben, würde er nicht von Tag zu Tag unruhiger und miesepetriger um sich selbst tigern.

Walter ist einer jener Zeitgenossen, in deren Lebensentwurf dauerhaft eheänliche Beziehungen nicht vorgesehen sind. Weshalb manche/r Bekannte ihn einen „Hallodri“ nennt. Das halte ich für daneben, denn während seiner Paarbeziehungen ist er durchaus ein treuer, aufmerksamer, hingebungsvoller Gefährte – für drei bis sechs Wochen, bisweilen gar für fünf bis zwölf Monate. Ein idealer Lebensabschnittsgefährte also, sofern man so einen Abschnitt nicht bloß als Vorspiel zum heiligen Lebenslänglich versteht. Mir wird die Eigenart des Freundes oft anstrengend, denn zwangsläufig bewegt er sich in kurzen Abständen stets erneut auf Freiers Füßen; wie zu Seuchenausbruch gerade wieder. Was allemal mit nervigen Gefühlsextremen einhergeht, die mir von Liebeleien noch aus Teenager-Tagen gut, aber zwiespältig in Erinnerung sind.

Hier nun liegt der Hase im Corona-Pfeffer – für die der Zweisamkeit bedürftigen Singles jeden Alters ebenso wie für die von Natur aus ohnehin allweil liebes- und paarungsbegierigen Teens und Twens. Die Clubs geschlossen, die Wirtshaustheken gesperrt, Festivals, Partys, Kirmes, Weinfeste und demnächst womöglich gar die Schunkel- und Bützes-Fastnacht abgesagt. Mithin stehen die meisten der analogen Kennenlern-, Flirt- und Annäherungsräume nicht zur Verfügung.

Seit ich in einem Wissenschaftsartikel las, dass Mangel an liebevollem bis libidinösem Körperkontakt leiblich wie seelisch krank machen kann, verstehe ich, warum Walter inzwischen derart elend ausschaut  – und eine Menge junge Leute sich wider besseres Wissen an Abstandsregeln vorbeimogeln. Damit kein Missverständnis aufkommt: Verstehen bedeutet nicht gutheißen. Die schönste Fete nebst Gelage, Schwof, Umärmelung, Händchenhalten, Knutscherei stieße bitter auf, wenn nachher ganze Stadtbezirke stillgelegt werden müssten, gar einige Mitmenschen den Löffel abgäben. Ja, ja, ich weiß: Letztlich bleibt jede Teleflirterei mit oder ohne Cybersex ein Langweiler im Vergleich zum echten Leben. Lasst trotzdem Vorsicht walten!  

Nicht nur an Walter kann man dieser Tage einen lustigen Nebeneffekt beobachten: Er raspelt bei jedweder Gelegenheit auf witzig-charmante Art mit maskierten Frauen Süßholz. Bemerkenswert ist, dass selbige im Supermarkt, an der Bushaltestelle oder sonstwo draußen sich vielfach unbekümmerter darauf einlassen als in Präcorona-Zeiten. Maske und Ausnahmezustand machen seltsame Dinge mit so manchem Menschen. Ich glaube, das ist – trotz des Ernstes der Seuche – zwischenmenschlich ähnlich wie im Karneval.

Eben erzählt der Freund durchaus hoffnungsvoll von wiederholten Zufallsbegegnungen mit einer aufgeweckten, humorvollen Frau im Supermarkt. Der Körperkontur nach dürfte sie Anfang 40 sein, meint er. Ihren Augen nach, hat sie auch ein hübsches Gesicht, meint er. Was mag passieren, wenn beide sich erstmals ohne Maske gegenübertreten?

Monatskolumne "Quergedanken" 182

Es gäbe ja wirklich Wichtigeres. Aber da das ganze Land sich über diese „Hygienedemos“ aufregt, habe ich mir das Phänomen mal genauer angeschaut. Nach Betrachtung von Reden und Botschaften dort, von Presse- und Augenzeugenberichten darüber, komme ich zu dem Ergebnis: Politisch macht mir diese konfuseste „Bewegung“ der Nachkriegsgeschichte keinen so argen Kummer, epidemiologisch indes größte Sorgen. Ihr einziger gemeinsamer Nenner beruht auf einem Irrtum bzw. einer Lüge, die von der Realität im Ganzen wie individuell jederzeit unangenehm spürbar aufgeklärt werden kann: Sars-CoV-2 existiere gar nicht oder sei völlig harmlos.

In allen übrigen Fragen liegen die Ansichten der beteiligten Grüppchen, Sekten, Leute derart weit auseinander, dass sie wohl alsbald aufeinander losgehen werden. Was, wenn Esoteriker, alternative Impfgegner, Aussteiger, libertine Internationalisten, verirrte Linkradikale, abgedrehte Hippies, vermeintliche Freidenker sowie etliche vom Seuchenschutz genervte Kleinbürger bemerken, mit was für einem Gelichter sie sich da eingelassen haben: mit komplett durchgeknallten Verschwörungsspinnern, vor allem aber mit der Generalmobilmachung hiesiger Rechtsradikaler und Querfrontler.

Denen ist Corona völlig schnuppe und der Unmut gegen „Freiheitsbeschneidung“ durch vermeintlich „überzogene“ Seuchenschutzmaßnahmen nur willkommenes Mittel zum Zweck: Destabilisierung des Gemeinwesens um jeden Preis. Und das betreiben sie ausgerechnet unter dem Deckmantel der Verteidigung von Demokratie, Verfassung, Bürgerrechten, Freiheit – obwohl rassistischen Nationalisten wie auch autoritätssüchtigen Putin- und Trumpverehrern genau diese Werte am Allerwertesten vorbeigehen. Während die Rattenfänger sogar vom „revolutionären Bürgerkrieg gegen die Diktatur“ des nach ihrem Duktus mal links-grün versifften, mal kapitalistischen, mal vom „Weltjudentum“ dominierten Establishments träumen, wollen die anderen bloß zurück zu ihrer altgewohnten Lebensweise.

Jener Teil der „Bewegung“, den Corona und Bürgerrechte im Grunde nicht die Bohne interessieren –  und der für die bunt-skurrile Mischung des anderen Teils in Wahrheit nur Verachtung übrig hat –  weiß genau, was er tut. Das Gros der übrigen Unmutsgemeinde hingegen wird früher oder später entsetzt feststellen, dass ihre „Verbündeten“ sie nur als Manövriermasse für Ziele missbrauchen, die mit dem eigenen wütenden Drang auf bedingungslose Rückkehr zur Normalität herzlich wenig zu tun haben.

Da höre ich Freund Walter hinter seiner Schutzmaske maulen: „Herr Gott, musst du ellenlang die Abstrusität einer kleinen Randbewegung aufdröseln? Ach was, Systemkritik, Widerstand gegen die Obrigkeit, Verteidigung der Bürgerrechte – diese Sesselfurzer von eingebildeten Freiheitskämpfern, Traumtänzer, Gesundbeter, Scheibenwelt-Experten wissen doch gar nicht, was das ist. Bedeutsam an ihnen ist nur: Sie bieten mit ihren oft masken- und abstandslosen Zusammenrottungen dem Virus ein ideales Sprungbrett, uns alle erneut und noch tiefer in die Scheiße zu reiten. Das ist kein Protest, sondern de facto biologische Kriegsführung gegen die Gesellschaft. Das ist so, als hätten wir in der Anti-AKW-Bewegung Castorbehälter in die Luft gesprengt. So meschugge waren wir aber nie. Auch die Millionen Kids von Fridays für Future weltweit sind vernünftiger und verantwortungsvoller als diese „besorgten Erwachsenen“: Sie gehen derzeit nicht auf die Straße zum Demonstrieren, obwohl sie allen Grund dazu hätten.“ Walter ist zornig, sehr zornig.

 

Die neuen "Quergedanken" 181(b)

Liebe Mitmenschen, dies schreibe ich am 22. März im Jahre Corona. Da konferieren Kanzlerin und Ministerpräsidenten gerade per Videokonferenz über die nächste Stufe der Maßnahmen gegen die Seuche. Man darf davon ausgehen, dass die deutschlandweite Ausgangssperre kommt, wenn nicht heute, so wohl bald. Es wird nicht der letzte Schritt sein. Gestern hat Italien alle Fabriken geschlossen, die keine lebenswichtigen Produkte herstellen. Auch das wird nicht auf Italien beschränkt bleiben.

Wir sind im Notstand, jede/r und das Ganze – selbst wenn Berlin vor Inkraftsetzung der Notstandsparagraphen des Grundgesetzes noch zurückschreckt. Das würde quasi die Verhängung des Kriegsrechts bedeuten. Davor graust es jeden freiheitsliebenden Zeitgenossen. Als Typ, der sein Lebtag der Obrigkeit skeptisch bis renitent gegenüberstand, zu dessen Naturell Gehorsam so wenig gehört wie Anpassung an irgendwelche Trends: Als solchem sind mir schon die bisherigen Einschränkungen der Freiheiten richtig widerwärtig. Dennoch plädiere ich seit Tagen für noch schnelleren, härteren, durchgreifenderen Seuchenschutz, vom Staat verbindlich für jeden verhängt und durchzusetzen. Wat mutt, dat mutt.

Es ist, wie wir nun merken, im Ernstfall der Staat Angelpunkt des Geschehens. Die Märkte regeln von sich aus herzlich wenig, und die schlimmsten Hysteriker toben an den Börsen. Es ist der Staat, der die Wirtschaft halbwegs in der Spur und die Unternehmen am Leben erhalten muss. Es ist der Staat, der im Interesse der Allgemeinheit den uneinsichtigen, mit Empfehlungen nicht erreichbaren kleineren Teil unserer Bevölkerung zu vernünftigem Verhalten zwingen muss.

Ausgerechnet Herr Söder, mit dem mich sonst fast nichts verbindet, avanciert zum Seuchenhelden. Weil er zügig hinlangt, verordnet, durchdrückt, was zum Schutze des Gemeinwohls dem Einzelnen zugemutet werden muss. Und mir ist im Moment völlig egal, ob er damit klammheimlich das Kalkül verfolgt, sich für nachher in eine bessere Position als Kanzlerkandidat zu bringen. Vorher war vorher und nachher wird nachher sein. Wir werden später intensiv zu diskutieren haben, welche Weichen im neoliberalen Wahn über die vergangenen 30 Jahre falsch gestellt wurden. JETZT aber ist JETZT, und darauf allein kommt es an – in den nächsten Wochen, wahrscheinlicher vier, fünf Monaten oder etlichen mehr. Seuche verlangsamen und eindämmen, Leben retten: Das hat vorläufig  oberste Priorität, so sehr die Einschränkungen persönlicher Gewohnheiten oder wirtschaftliche Notlagen auch schmerzen.

Im Zivilen ist Solidarität nun erste Bürgerpflicht. Alle (können) wissen, was das bedeutet: Körperlicher Abstand ist Herzensnähe, Daheimbleiben rettet Leben und die Einhaltung der Seuchen-Etikette muss unseren Alltag durchdringen – bei Jung und Alt, Reich und Arm, Städtern und Landeiern. Gleichwohl gilt: Unterkriegen lassen wir uns nicht; gerade in der Notstandsisolation entdecken wir die Gemeinsamkeit und andere Lebensqualitäten neu. Zugleich durchflutet eine Welle der Hilfsbereitschaft sowie Anerkennung der Helfer die Gesellschaft. Zugleich auch setzen viele dem Schrecken Witz und Launigkeit entgegen. Das ist gut, denn würden wir die Heiterkeit vollends verlieren, hätten wir schon verloren. In Italien singen die Menschen abends trotzig aus Fenstern und von Balkonen: „Andrà tutto bene“ – alles wird gut. So lasst uns denn in diesem Sinne gemeinsam singen. 

Andreas Pecht

Entfallene "Quergedanken" 181(a)

Den nachfolgenden Text hatte ich am 1./2. März 2020 geschrieben. Mit ihm sollte meine Kolumne "Quergedanken" für den Monat Arpil bestückt werden. Damals - vor drei Wochen - war Corona noch eher ein leises Rumoren am Horizont und erschien ein Beitrag über den Normalzustand der modernen Zeit durchaus vertretbar. Am 16. März haben dann der Herausgeber des mittelrheinischen Magazins "Kulturinfo" und ich entschieden, diesen Beitrag in die Tonne zu treten. Grund: Inzwischen hatte das Virus auch hierzulande Stund' um Stund' Normalitäten ausgehebelt. Frappierender Zufall obendrein: Mein Text wünscht sich ausgerechnet etwas, was das Virus nun quasi im Vorbeigehen erzwingt - mehr Stille, mehr Ruhe. Bevor morgen die neu geschriebenen Corona-"Quergedanken" 181 (b) erscheinen, sei hier der Ersttext zur Kenntnis gebracht. Auf dass er nicht einfach so im Müll verschwinde. (ape)    

***

ape. Gelegentlich leiht sich Walter mein Auto, um mit einer neuen Bekanntschaft einen netten Ausflug ins Blaue zu unternehmen. Er nennt das: „Vorspiel“. Das Nachspiel habe dann ich auszubaden: Einsteigen in die zurückgegebene Karre, Motor anlassen – und sofort kriege ich derart was auf die Ohren, dass selbige schier wegfliegen. Jedesmal vergesse ich, dass des Freundes erster Handgriff im Auto dem Radio gilt. Er schaltet es ein, dreht es gehörig auf und belässt es auch in diesem Zustand. Der freilich ist das genaue Gegenteil meiner automobilen Gepflogenheit: Das Radio habe ich nie in Gebrauch, fahre am liebsten ohne Ohrbelästigung.

Nicht, dass ich keine Musik mögen würde. Ich bin im Gegenteil ein großer Liebhaber von Klassik, Jazz, ja auch (besserem) Rock und Pop. Gerade deshalb höre ich recht selten Musik. Und schon gar nicht neben anderen Tätigkeiten her, sei es Fahren, Kochen, Bügeln, Sporteln, Holzhacken, Schreiben oder Lesen. Die Tonkunst hat ggf. meine ganze Aufmerksamkeit verdient. Hintergrundgedudel macht mich wahnsinnig. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ im Fahrstuhl: Da krieg ich die Krätze, weil Perlen vor die Säue. Softbeschallung im Supermarkt macht mich aggressiv und völlig kaufunlustig (lest das, ihr Marketingpsychologen!). Im Restaurant kann mir musikalische Untermalung den Appetit verderben und auf der Toilette das Geschäft ruinieren. Musik zu beiläufigem Säuseln und Raunen verwurstet, ist in meinen Ohren nur noch Geräusch, sprich: Krach.   

„Du hast diesbezüglich eine Macke“, meint Walter, als ich ihn anmotze wegen des radiophilen Krawallanschlags auf mein Gehör. Oh, ich habe eine Menge Macken – manche liebenswert, manche weniger, einige ganz aus dem Normalitätsrahmen fallend. Was die Geräuschkulisse in der Welt angeht, mangelt es mir wohl an der Fähigkeit, diese in stoischer Gleichgültigkeit hinzunehmen oder sie tatsächlich auszublenden. Mir kommen die Städte entsetzlich laut vor. Aber selbst auf dem Land, wo ich wohne, hat das Lärmen in den zurückliegenden 40 Jahren um ein Vielfaches zugenommen.

Auf der Landstraße, die 200 Meter hinter unserem Häuschen durch Wiesen und Wald führt, kam Anfangs alle Viertelstunde mal ein Auto vorbei. Heute surrt, brummt, dröhnt es da von früh bis spät, herrscht nur zwischen 2.30 und 5.00 Uhr so etwas wie Ruhe. Weshalb ich bisweilen zu solch nachtschlafener Zeit vergnügt in der Küche hocke, um mal wieder einen Moment der Stille zu genießen. Denn tagsüber ist Stille nichtmal mehr im tiefen Wald zu finden. Nein, ich spreche keineswegs von Vogelgezwitscher, Bachplätschern oder Rauschen des Windes im Blattwerk. Da können zwar etliche Dezibel zusammenkommen, doch die Stimmen der Natur verbreiten per se eine Art von Ruhe. Was man vom hektischen Rauschen der nahen A3, vom Gedonner der parallelen Intercitystrecke Köln/Frankfurt sowie vom steten Gebrumm des überfüllten Flugzeug-Highways hoch droben nicht sagen kann.

Krach ist das akustische Wesensmerkmal heutiger Zivilisation. Und als würde der moderne Mensch Stille fürchten wie der Teufel das Weihwasser, trägt er das Lärmen hinaus auch noch in die abgeschiedensten Weltecken. Manche Zeitgenossen ängstigt die Gefahr von Stille so sehr, dass sie ständig elektronische Lärmquellen am Körper mitführen. Müssten sie nicht, denn tatsächliche Ruhe und Stille sind so selten geworden, dass wir beide Wörter eigentlich aus dem Sprachgebrauch streichen könnten. 

Andreas Pecht   

 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 180

Freund Walter hat soeben den Winter 2019/2020 für beendet erklärt. Genau sagte er: „Ist ausgefallen, hat nicht stattgefunden. Wie schon der letztjährige. Jedenfalls, aber keineswegs nur, in unseren südwestdeutsch-rheinischen Breiten.“ Dieser Text entsteht Mitte Februar, weshalb ich einwende: Mal langsam, mein Lieber, da kann noch was kommen. Worauf er die Augenbrauen hochzieht und blafft: „Könnte viel nicht mehr sein, denn Anfang April wird bereits wieder Hochsommer ausbrechen. Falls nicht, trete ich zurück.“

Auf die Frage, wovon er denn zurücktreten wolle, gibt‘s den Bescheid: „Egal, Zurücktreteritis ist doch von der Politik (AKK) über den Fußball (Klinsmann) bis zur hohen Geistlichkeit (Marx) die neueste Mode und ich bin bekanntlich ein sehr modisch orientierter Mensch.“ Da rollen mir mit Blick auf Walters Staffage schier die Augen aus dem Kopf. Denn es gibt wohl keinen, der beim Äußeren derart getreulich auf die Wiederkehr der Mode von übervorgestern baut. Warum auch nicht, schließlich kehrt jüngst so allerhand wieder, was man längst auf dem Kehrrichthaufen der Geschichte endgelagert wähnte: Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Militarismus, braunes Gesocks, dumpfbackene bis größenwahnsinnige Herrscher…

Rumms, jetzt ist der Freund stinksauer. Kann ich verstehen und muss deshalb auch Abbitte leisten: Ausgerechnet ihn mit irgendwas – und sei‘s nur eine Banalität wie Klamotten – in die Nähe solchen Sumpfes zu rücken, ist völlig daneben. Es braucht zwei Friedenszigarren bis wir uns wieder haben. Hernach zurück zum Wetter. Oder ist‘s schon Klima? In Walters Mimik schleicht sich ein Hauch seliger Verträumtheit. Ich solle mir mal vorstellen, säuselt er, in einigen Jahren könnten zu Fastnacht 25 Wärmegrade üblich sein. „Ei, was wäre das eine Freud‘, wenn all die Gardemariechens – ja Ladies, von mir aus auch die Tanzoffiziere – in knappsten Tropenuniformen a la Mode Carneval in Rio rumschunkeln. Ob ich das noch erleben darf?“

Au weija, und zuvor springen wir an Dreikönig zum Anbaden nackend von der Kölner Domplatte in die Nordsee. Freund, geht‘s noch?! Bevor nun jemand meint, wir zwei seien komplett durchgeknallt, darf auf folgende „Verrücktheiten“ verwiesen werden: Heuer kehrten die ersten Kranich-Wellen schon Mitte Januar aus dem Süden zurück. Zur selben Zeit zeigte das Thermometer sogar im Westerwald 12 bis 15 Plusgrade an und blühen dorten seither die Krokusse. Ein paar  Februartage, nachdem das halbwilde Sabinchen nicht als Wintersturm, sondern mit Aprilwetter übers Land zog, sitzt man in Freiburg bei 20 Grad im Straßenkaffee – und liest staunend in der Zeitung, dass es in der Antarktis just eben genauso warm ist, mithin wärmer als je seit Menschengedenken.

Das erinnert mich an meinen Heimatkundelehrer in der Odenwälder Volksschule. „Was ist Winter?“  hatte der uns Steppkes anno 1965 gefragt, um für Südwestdeutschland zu definieren: „Winter ist, wenn es zwischen Dezember und März wenigstens zwei mindestens vierwöchige Dauerfrostperioden gibt und bei mindestens einer davon über dem Land durchgehend eine geschlossene Schneedecke liegt.“ Wissenschaftlich ist das wohl nicht ganz korrekt, war eher eine eigenmächtige Ableitung des Herrn Magister aus den Erfahrungen vieler Generationen Einheimischer. Eben deshalb aber fragt man sich erst recht: Wann haben wir zuletzt einen derart „normalen“ Winter erlebt? Das liegt schon ein paar Jährchen zurück.

Monatskolumne "Quergedanken" 179

Babylons König Hammurapi I. war fast 2000 Jahre vor Christi Geburt einer der ersten, der ein Gesetzeswerk für sein Reich erließ. Gebote, Verbote, Regeln wurden, mitsamt Strafmaß bei Zuwiderhandlung, per Keilschrift in Stein gemeißelt. Etliche der darin enthaltenen Vorschriften erschienen sogar dem lieben Gott so sinnvoll für das Zusammenleben der Menschen, dass er sie nachher dem Moses in den Dekalog diktierte. Aus diesen Zehn Geboten entwickelten sich im Verbund mit Rechtsnormen keltisch-germanischer und griechisch-römischer Ursprünge unsere  Rechtssysteme späterer Epochen. Manche besser, manche schlechter, steht im Zentrum aller, auch der liberalsten, das Prinzip des Verbots.

„Erzähl die Sache mit dem Bier“, verlangt Walter. War, klar: Wenn der Freund etwas über frühe Hochkulturen behalten hat, dann sowas. Also, in Hammurapis steinernem Gesetzbuch gab es bereits ein Reinheitsgebot für Bier. Verstöße dagegen wurden brachial geahndet: Überführte Panscher waren im eigenen Biersud zu ersäufen. Das Reinheitsgebot verbot demnach, die Kunden/Konsumenten zu betrügen. Dieser Grundsatz des Betrugsverbotes, verbunden mit der  Androhung drakonischer Strafen, zieht sich durch sämtliche Reglements für Märkte in Stadt und Dorf von der Vorantike bis ins frühe 19. Jahrhundert.

Verdorbenen Fisch in der unteren Fasshälfte zu verstecken, Brot mit Sägemehl zu strecken, Wein zu verwässern, alte Klepper mit Schuhcreme zu verjüngen, minderwertige Werkzeuge aufzupolieren, Waagegewichte und Münzen zu fälschen… Dies alles und noch viel mehr war strengstens verboten.  Mit diabolischem Grinsen zählt Walter damals übliche Strafen dafür auf: „teeren und federn, auspeitschen, durchprügeln, am Dorfpranger schmachten lassen, einkerkern, das Vermögen der Betrüger einziehen, sie bisweilen gar köpfen oder an der Laterne aufhängen, aber in jedem Fall auf Jahre oder Lebenszeit vom Markt ausschließen.“

Man stelle sich vor, Betrug am Kunden, Nichteinhaltung von Werbeversprechen, Täuschung mittels Aufmotzen von Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen durch minderwertige oder schädliche Stoffe würden heutzutage ähnlich bestraft. Es erhöbe sich in Vorstandskreisen von Autoindustrie, Nahrungsmittelindustrie und etlichen anderen Industrien, in den Hochetagen von Handel, Banken und Börsen alsbald großes Weh-Geschrei.
                
Nun haben wir ja keinen Mangel an Gesetzen. Vom Grundgesetz über Strafrecht, Zivilrecht, Steuerrecht … bis hin zur Straßenverkehrsordnung regeln abertausende Vorschriften staatliche Ordnung und Zusammenleben. Vieles ist zu viel, einiges schlecht oder falsch. Wie auch immer: Basis fast aller Vorschriften sind letztlich Verbote. Selbst Rechte haben als Kehrseite das Verbot. Heißt etwa im Falle Grundgesetz: Es ist dem Staat und anderen Machtkräften verboten, die individuellen und kollektiven Grund- und Menschenrechte einzuschränken oder das Gemeinwohl zu schädigen.

„Wozu dein ganzes Salbader?“, fragt Walter. Ach, ich wollte nur mal ein paar Leute erinnern, dass Verbote das Normalste von der Welt sind und, sofern vernünftig, auch nichts Anstößiges. Wenn dieser Tage aber ausgerechnet diejenigen, die seit Jahrzehnten strammem Law-and-Order-Denken anhängen sich am lautesten als libertinäre Anarchisten aufspielen und ausschließlich ökologische wie soziale  Reglementierungsansinnen als „Verbotsfetischismus“ abkanzeln, dann ist das ziemlich scheinheilig.

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 178

Bisweilen werde ich als Technikfeind gescholten. Da liegt ein Missverständnis vor. Auf Waschmaschine und Geschirrspüler, Rasenmäher und Kettensäge, Radio, TV und Computer mag ich nicht mehr verzichten. Denn einige Geräte liefern bessere Ergebnisse als der Handbetrieb. Andere entlasten von stumpfsinnigen Tätigkeiten und schaffen Zeit für Sinnvolleres. Wieder andere versorgen dich mit Information und Unterhaltung oder bieten Kanäle zur Kommunkation.

Walter brummt missmutig: „Machst du jetzt Werbung für Kauf-dich-blöd-Märkte? Wenigstens solltest du auch die Kehrseite der Medaille ansprechen. Computer, Radio, TV spülen ebenso jede Menge Stumpfsinn in Haus und Hirn, können ein Vielfaches der Zeit rauben, die man mittels anderer Maschinen gewinnt.“ Es sei wie bei der Deutschen Bahn, meint der Freund: Was nütze es, wenn modernste ICE-Züge theoretisch eine Stunde weniger von Koblenz nach Berlin brauchen, dann aber zwei Stunden Verspätung haben, man womöglich in irgendeinem zugigen Stadtbahnhof festsitzt, weil es erst am nächsten Tag wieder ein ÖPNV-Verbindung zum Ziel in der Provinz gibt.“

Der berechtigte Einwand erinnert daran, dass neue Technik allein kein Problem löst –  sondern oftmals nur welche zu lösen vorgibt, die es ohne sie gar nicht gegeben hätte. Nehmen wir das Automobil. Inzwischen sind die zuhauf überdimensionierten Verbrennungskraftwerke auf Rädern so zahlreich geworden, dass sie einander im Wege stehen. Folge: Es werden noch mehr Straßen gebaut, diese mit raffinierten Leitsystemen aufgerüstet sowie die Autos selbst mit Techniken versehen, die Stauumgehungswege austüfteln. Ergebnis wiederum davon: Automassen fluten jene Strecken, wo der Verkehr angeblich fließt, bringen ihn rasch auch dort zum Stillstand.

Mit Hinweis auf mein vor einem Jahr erworbenes neues Auto setzt Walter noch einen drauf: „Schon in deiner Kleinkarre haben wir über fünf Dutzend Funktionstasten und ähnlich viele Leuchtanzeigen gefunden – und du weißt bis heute von einem Drittel nicht, wofür sie gut sind.“ Stimmt. Aber schlimmer noch ist: Wo bei den Vorgängermodellen ein paar richtige Druckknöpfe und simple Drehschalter blind bedienbar waren, muss man jetzt hin- und also von der Straße wegschauen, um  Sensortasten und Touchscreen-Funktionen zu nutzen.

Weshalb ich die These von Verkehrswissenschaftlern für unvollständig halte, wonach die Hälfte aller Verkehrsunfälle heute durch Smartphone-Nutzung während des Fahrens verursacht würde. Wahrscheinlich geht ein beträchtlicher Teil der Unfälle auch zurück auf Ablenkungen durch PKW-internes Mäusekino und Hantieren mit vermeintlichen Sicherheits- und Komfortfunktionen. Die Technikreligion zieht daraus allweil die Konsequenz: Noch viel mehr solcher Funktionen einbauen – bis wir am Ende beim automobilen Eisenbahnbetrieb auf der Straße in Form selbstfahrender Fahrzeuge landen.

Ist je jemand gefragt worden, ob er/sie den automatisierten PKW-Verkehr will? Nö, kein Mensch. Industrie und Scheuerpolitik tun einfach so, als sei dies der natürlichste, wunderbarste nächste Technikfortschritt. Dieser Quatsch wird nun scheinwissenschaftlich, medial, werblich ständig wiederholt, bis möglichst viele Leute glauben, das sei ihr eigenes Bedürfnis. So setzt man in Profit verwandelbare Trends. „Alexa, spiel das Lied von den immerwährenden Segnungen des technischen Fortschritts“ – auch wenn es sich lebenspraktisch oft eher um Rückschritt handelt.              

 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 177

Doch ja, ich mag Traditionen. Ein paar zumindest. Am liebsten jene, die alle Jahre wieder gute Laune, gemütliche Plauderrunden nebst ordentlich Speis‘ und Trank in die Bude bringen. Und bei denen ich sicher sein kann, dass sie auch diesmal so angenehm ablaufen wie in vielen Vorjahren. Weshalb ich nicht begreife, warum manche Leute und Familien stets aufs Neue versuchen, Weihnachten, Ostern, Silvester, Kirmes etc. zu feiern. Denn es gibt da reichlich Zeitgenossen, bei denen alljährlich außer Stress, Muffigkeit, gar Zankerei wenig rumkommt. Soziologisch ist das ein altbekanntes Phänomen: Nirgends wird mehr gestritten als bei familiären Festen und unterm Weihnachtsbaum.
 
Freund Walter teilt meine Vorliebe für Traditionsfeiern nicht. Er behauptet, nur ein einziges Volksfest zu mögen. Das sei Karneval, weil da die Sitten des Turtelns zwischen den Geschlechtern weniger verkrampft ausfielen und er es unbeanstandet genießen dürfe, sich von wuschigen Narrhallesinnen erobern zu lassen. Doch hockt er stets bei uns am Festtagstisch, wann immer Essen, Trinken, Plaudern angesagt sind. Da verdrückt er etwa am Weihnachtsabend vergnügt mein seit ewigen Zeiten stets gleiches Festessen aus ganzem Truthahn mit Knödeln und Rotkraut. Anbei lästert er über die Verwachsungen unseres geschmückten Tannenbaums aus nachbarlichem Halbwildwuchs und amüsiert er sich über meinen Schwips, der während dreier Stunden am Herd infolge besorgten Prüfens der Temperierung von Wein und Weihnachtsbockbier zufällig über mich kommt.

Das sind seit Jahrzehnten feste Rituale, deren beruhigender Reiz von ihrer Absehbarkeit rührt.   Ambitionierte Überraschungen, gar Änderungen des Speiseplans oder Neuerungen etwa durch Weglassen des Tannenbaums – solche Initiativen stießen allemal reihum auf Protest. Was auch für die Geschenke gilt: Das waren und bleiben Kleinigkeiten. Vor Jahren hatte sich Walter mal mokiert: „Wie kannst du als eingefleischter Atheist nur so viel Freude an diesen christlichen Festen haben?“ Damals verpasste ich ihm jene Belehrung, die der Leserschaft dieser Kolumne bekannt ist, weil hier wiederholt vorgetragen: Fast sämtliche christlichen Feste haben Brauchtumsvorläufer in lange vorchristlicher Zeit.

Weihnachten etwa wird seit mindestens 5000 Jahren begangen, weil die „geweihte Nacht“ oder auch die „rauhe Nacht“ eben die längste des Jahres ist, Wintersonnwende. Tannenbaum und Lichterkranz sind ebenso vorchristlichen Ursprungs wie Osterhase und Eier oder der Rutenstreich des Nikolaus. Letzterer wurde ursprünglich zwischen die Beine junger Frauen und Männer geführt – auf dass sie sich eifrig miteinander vergnügen und fruchtbar seien. Selbst für den Laternenzug oder Martinszug lassen sich vorchristliche Ursprünge finden, gleichermaßen für Weihnachtsmärkte oder Fastnacht.

Weshalb es völlig in Ordnung geht, wenn auch Nichtdeutsche, Andersgläubige oder das religionslose gute Drittel der Bevölkerung diese Feste feiern. Denn es sind Traditionen unserer Landschaft – die keltische, germanische, römische, christliche Elemente miteinander verschmolzen haben. Was mich um diese Traditionen derzeit am meisten besorgt macht, ist ihre Totalkommerzialisierung. An die Stelle von Besinnlichkeit und Behaglichkeit tritt immer noch mehr das Geschrei „Kaufen, kaufen, kaufen!“. Walter hält stoisch-trotzig dagegen: „Du machst doch hoffentlich wieder deinen Truthahn?!“ Ei sicher dat.    

 

Quergedanken Nr. 176

„Das gibt Ärger“, meint Walter, als er sieht, worauf mein Text hinausläuft. Wieso? Es geht doch bloß um eine winzige Ergänzung der Straßenverkehrsordnung,  die niemanden einen Penny kosten, aber allen Geld einsparen würde. „Du bist naiv“, entgegnet der Freund. „Das ist doch bei uns fast wie mit den heiligen Kühen in Asien. Die sind Gegenstand religiöser Verehrung und dürfen deshalb alles: Fußgängern und Radlern dumm im Weg rumstehen, auf Straßen die gefährlichsten Manöver vollführen, ihre Ausscheidungen überall ablassen.“

Sei es wie es sei, der Vorschlag liegt auf dem Tisch, und das zum x-ten Mal in fünf Jahrzehnten. Generelles 130er-Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Eines der beliebtesten Argumente dagegen geht heutzutage so: Man könne ohnehin nicht mehr freiweg Gas geben, weil die meisten Strecken bereits tempolimitiert seien oder es wegen Überlastung eh nur noch per Schleichfahrt vorwärts gehe. Zwei Sachen sind mir daran unbegreiflich: Warum dann immer diese Aufregung, sobald jemand die Tempolimit-Idee auch nur andeutet. Und: Wieso baut die Industrie überhaupt noch PKW, die 180, 210 oder mehr km/h bringen – wenn man die doch im gesamten übrigen Europa sowie fast im ganzen Rest der Welt nicht ausfahren darf und in Deutschland angeblich nicht kann?

Walter doziert: „Die Autoindustrie setzt auf die anarchistische Neigung ihrer Klientel. Streng genommen sind Autos mit derartigen Tempofähigkeiten nämlich überall auswärts de facto Anstiftung und Beihilfe zum Gesetzesbruch durch zu schnelles Fahren.“ Das ließe sich gut in der Schweiz beobachten. Dort wären übergroße Hochgeschwindkeitskisten auch recht beliebt,  obwohl deftig bestraft wird, wen die eidgenössische Gendarmerie beim Überschreiten des Tempolimits (120) erwischt. Warum also kaufen relativ viele Schweizer solche Powerkarren? Des Freundes Antwort: „Jede Menge Anarchisten in Switzerland.“

Und wer sich daheim nicht traut, macht eben mal rüber (zu uns). Denn, anders als behauptet, gibt es hier noch Autobahnabschnitte zuhauf, wo man richtig drauftreten darf – und sei es nur, dass man jeweils für ein paar Kilometer den Spritverbrauch ins Zweistellige jazzt. Folge: Egal aus welchem Ausland du nach Deutschland hineinfährt, du meinst aus Entspannungszonen ins Irrenhaus oder ein Kriegsgebiet zu kommen.

Verstanden habe ich die einzig hierzulande so wütende Opposition gegen ein Tempolimit noch nie. Die Vorteile liegen doch auf der Hand. Weshalb sie weltweit wahrgenommen werden, außer halt bei uns: Weniger Spritverbrauch, weniger Abgase, weniger Reifenabrieb, weniger Fahrzeugverschleiß, weniger Lärm, weniger schwere bis tödliche Unfälle, weniger Fahrstress für alle, besserer Verkehrsfluss im Ganzen …  Nennenswerte Zeitersparnis bringt das Bemühen um schnelles Fahren ohnehin nicht. Walter und ich haben es mehrfach getestet: Auf normal belebter A3 erkauft man sich bestenfalls 5 bis 10 % kürzere Fahrzeit mit 20 bis 40 % höherem Spritverbrauch durch nervigen Dauerwechsel zwischen Abbremsen und Drauftreten.

Am Ende bleibt nur ein einziges echtes Argument gegen Tempolimit: Schnellfahren macht vielen Automobilisten Spaß. Ach, es gäbe so manches, das auch mir Spaß machen täte, das aber – womöglich aus gutem Grund – verboten ist: nackt durch die Stadt tanzen; um 4.00 in der Früh auf dem Balkon Beethoven-Sinfonien voll aufdrehen; zweimal die Woche großes Lagerfeuer auf der Wohnstraße abbrennen; mit Pfeil und Bogen im Westerwald auf die Jagd gehen; lauten Dauertelefonierern in Eisenbahn oder Restaurant die Gerätchen zerdeppern …         

 

Quergedanken Nr. 175

Freund Walter hat ein neues Hobby: Schießen. Genauer: Er schießt Pfeile und schleudert Steine in die Gegend. Noch genauer: Er nimmt die Wolken unter Beschuss. Dabei gibt er jedoch als nur spärlich muskelbepackter Achilles ein recht lachhaftes Bild ab. Eigentlich wäre ihm auch ein Kampftraining lieber, bei dem er mit doppelläufiger Schrotflinte gegen Tontauben antritt. Doch mangels diesbezüglicher Gelegenheit ist er eben bei Flitzebogen und Zwille, also den Waffen seiner Kindheit, gelandet.

Was er da treibe, frage ich. Antwort: „Luftabwehr“. Reaktion meinerseits: ??? Erklärung seinerseits: „Ei, man kann es doch schon im Fernsehen erkennen. Ob Feldberg oder Rügen, Moseltal oder Alpen, Kalahari oder Amazonas – du kriegst neuerdings alles aus der Vogelperspektive gezeigt. Selbst die Lokalzeitungen sind voller Luftaufnahmen: Lorely von oben, Festung Ehrenbreitstein von oben, die Mülheim-Kärlicher Turmtrümmer von oben, honorige Pappnasenversammlungen von oben.... Und woher kommt das? Von diesem neumodischen Brummgedöhns im himmlischen Zwischendeck – von den Drohnen.“

Also folgt Walter nun der Devise „wehret den Anfängen“ und wappnet sich mit Fliegerabwehr von eigener Hand gegen demnächst massenhaftes Eindringen von Drohnen in den erdnahen Luftraum über seinem Hochmoselgärtchen. Natürlich hat der Freund nicht mehr alle Tassen im Schrank, zumal es seine Pfeile und Steine keine 25 Meter in die Höhe schaffen. „Egal“, zischt er, „man muss was tun, sonst geht‘s hier bald zu wie im Science-Fiction-Film ‚Das fünfte Element‘“.

Damit spielt er auf Bruce Willis an, der im x-ten Stockwerk seines futuristischen Wohnsilos von einem fliegenden China-Imbiss versorgt wird, während drumherum der Teufel los ist: Schnellzüge donnern draußen senkrecht die Wände rauf und runter; nachher muss Bruce sein Schwebetaxi in einen Verkehrstrubel einfädeln, der über fünf Dutzend horizontale und ebenso viele vertikale Freiluft-Fahrebenen flutet. Er muss bei jeder Kreuzung nicht nur rechts, links und geradeaus gucken, sondern auch nach oben und unten – was ihn nicht davor bewahrt, dass ihm die halbnackte Milla Jovovich durchs Taxidach auf den Rücksitz kracht.

„Willst du so etwa leben?“, fragt Walter. „Die hohen Himmelsgefilde mit Fernfliegern und Raumschiffen dicht bestückt, am Boden die altbekannte Chaos-Überfüllung durch PKW und LKW, dann obendrein der Zwischenraum über den Köpfen mit dreidimensional herumschwirrendem Kroppzeug vollgestopft.“ Ich sag mal so: Die Milla auf dem Rücksitz tät‘ ich noch in Kauf nehmen, auf alles andere aber dankend verzichten. Ein paar einzelne fliegende Fernsehkameras oder Pressefotoapparate wären ja noch zu verkraften. Aber die reale Drohnerei will ja mehr: Fliegende Paketdienste und Taxis, frei schwebender ÖPNV und sowieso die „Freiheit“ aller Bürger, jeden und alles mit privaten Kleindrohnen aus der Luft betrachten zu können.

Reicht es nicht, dass erst ein Vulkan ausbrechen muss, um am hohen Himmel mal ein paar Stunden Ruhe einkehren zu lassen? Frisst uns die Verkehrswelt am Boden nicht schon genügend Natur und Lebensqualität weg? Müssen wir nun auch noch das Zwischendeck unter den Wolken in eine hektisch lärmende Sphäre verwandeln? Insofern liegt Freund Walter gar nicht mal so falsch, jedenfalls gedanklich. Fast möchte man bedauern, dass er mit Flitzebogen und Zwille gewiss nie so einen Kreiselbrummer vom Firmament holen wird. 

Quergedanken Nr. 174

Doch ja, ich mag Leute mit Spleen, Marotte, Schrulle, die nicht dem entsprechen, was man gemeinhin für normal hält. Zumindest sofern sie mir damit nicht missionarisch auf den Keks gehen oder Mitmenschen und Allgemeinheit Schaden zufügen. Weshalb für mich der sympathischste Zug an Horst Seehofer seine Vorliebe für das Spielen mit der Modelleisenbahn ist. Das stört niemanden, tut keinem weh – hat aber was, weil heute so selten geworden. Ein ähnlicher Fall war meine verstorbene Nachbarin. Die alte Dame kannte noch Anfang des 21. Jahrhunderts kein größeres Glück als die Gartenzwerge rund um ihr Haus. Ich fand den Kitschkrempel furchtbar. Aber wenn die Frau mir strahlend einen Neuerwerb präsentierte oder zum x-ten Mal die Herkunftsgeschichte eines Zwergveteranen erzählte, hatte ich richtig Freude an ihrer Freude. Dass es ihr obendrein bei diesem Thema völlig egal war, ob die übrige Welt sie für bekloppt hält, hat mir imponiert.

Beim Besuch der großen Stadt sehe ich seit Jahren immer wieder diesen Mann, der stets einen Hut mit sich führt, den aber offenkundig nie aufsetzt. Freund Walter kennt eine junge Frau, die nach dem Essen im Wirtshaus allemal einen Schnaps bestellt und den auch bezahlt – ihn aber nie trinkt, sondern nur daran schnuppert. Eine eigenartige Schrulle, die ich wohl nie begreifen werde, aber allweil mit Schmunzeln verfolge: Im Freundes- und Kollegenkreis gibt es Liebhaber und fulminante Kenner hier der klassischen Musik, da des anspruchsvollen Jazz oder Rock. Zugleich jedoch ziehen einige von ihnen sich völlig schmerzfrei mit größtem Vergnügen Schlagerparaden und vor allem jedes Jahr den Eurovision Song Contest rein.

Engagierte bis schier besessene Sammler stehen bei mir in hohem Ansehen. Gleichgültig, was sie sammeln: ob Sprudel- oder Schnapsflaschen, Salzstreuer oder Babyschnuller aus sämtlichen Zeitaltern und Ländern; ob Bierdeckel, Korken, Wäsche, Spültücher, Plastiktüten oder Klopapierpackungen aus jedweder Kultur. „Für so einen unnützen Stuss den Großteil der Freizeit drangeben: Die sind doch nicht normal“, hört man manchen Kopfschüttler grummeln. Aber ja, das ist doch gerade das Grandiose: unnütz und nicht normal, dennoch eine große Passion. Ein alter Bekannter hat dagegen nur einen kleinen, aber nicht minder faszinierenden Spleen: Von Hause Elektroingenieur hat er sein Wohndomizil völlig übertechnisiert, aus seinen Autos jedoch baut er stets sämtliche Elektronik aus, die er rauskriegt, ohne dass die Karre den Dienst verweigert. Bekloppt? Gewiss. Schön bekloppt.

Schade eigentlich, dass ich selbst so gar keine Marotten habe. Da brüllt Freund Walter vor Lachen: „Du und keine Marotten? Alle Welt lässt beim Autofahren das Radio laufen; du weißt nichtmal, wo man deines einschaltet. Die meisten Leute freuen sich, wenn sie vom Einkaufsbummel ein paar Neuerwerbungen mitbringen; du hingegen jubilierst, wenn du nichts gekauft hast. Die Menschheit stattet sich rund um den Globus mit Smartphones aus; du aber willst partout keines haben. Deine Kollegen im Vortragsgewerbe benutzen alle längst Powerpoint-Präsentationen; du jedoch bestehst für deine Vorträge auf die Alleinstellung des gesprochenen Wortes. Du hängst an papierenen Büchern, Zeitungen und antiquierten Ausdrücken. Mir ein Rätsel, was die jungen Leute, mit denen du alle Nase zusammenhockst, an so einem Dinosaurier finden.“ Ähm – die mögen das, und ich mag es auch.

Quergedanken Nr. 173

Allmählich bin ich es richtig leid. Je mehr Autos unterwegs sind, umso häufiger muss ich beim Waldspaziergang in den Straßengraben springen. Denn leider gehören zu meiner Hausrunde im Westerwald 300 Meter Landstraße. Alle Nase lang fahren Autos dort so dicht an mir vorbei, dass von „vorbei“ nur die Rede sein kann, wenn ich ins Gestrüpp hüpfe. Leider nimmt auch der Verkehr noch immer zu, obwohl auf 56 Millionen Führerscheininhaber im Land bereits 48 Millionen Autos kommen. Vor 25 Jahren dachte ich, die PKW-Vermehrung würde ein Ende haben, sobald es pro zwei Bürger ein Fahrzeug gibt. Das war ein Irrtum. Es wird wohl keine Ruhe einkehren bis rechnerisch zu jedem Erwachsenen ein Automobil gehört.

Zu Abermillionen PKW gesellen sich drei Millionen hierzulande zugelassene Brummis, die zusammen mit fünf Millionen LKW aus aller Herren Länder Autobahnen verstopfen und an Rastplätzen zum Stellungskrieg auffahren. Weitere 50 % LKW-Zuwachs sind bis 2030 prognostiziert. Wo die fahren sollen, geschweige pausieren, weiß kein Mensch. Doch erfahrungsgemäß folgt dem Wachstumsglück ja bald „verkehrspolitischer Pragmatismus“: Noch mehr Fläche asphaltieren – weg mit Wald und Wiesen.

Zurück zu meinen Sprüngen. Den Städtern zur Kenntnis: Es gibt an besagtem Straßenabschnitt – wie an tausenden Kilometern Landstraße deutschlandweit – weder Geh- noch Radweg. Es gilt dort wie schon zu Ochsenfuhrwerks Zeiten: Das Asphaltband gehört gleichberechtigt allen Verkehrsteilnehmern. Und folgte man der Straßenverkehrsordnung, sollte jeder sein Nutzungsrecht auch angemessen sowie ohne Gefahr für Leib und Leben wahrnehmen können – ob PKW, LKW, ob schwach oder stark motorisierte bzw. mit Muskelkraft betriebene Zweiräder, ob Traktorenfuhrwerk, Pferdegespann oder eben Fußgänger.

Bedauerlich indes: Viele Autofahrer/innen sind offenbar der Ansicht, das Primär-Nutzungsrecht für Landstraßen liege beim Automobil, und das habe ein zwingendes Anrecht auf freie Fahrt. Alle sonstigen Straßennutzer hätten demnach den Autos gefälligst (aus)zu weichen und sich jeweils flott dorthin zu begeben, wo der Pfeffer wächst – also in den Straßengraben zu Brennesseln, Dornenhecken und aus Autofenstern geschmissenem Müll.

„Ihr müsst dem Feind immer ins Auge schauen“, hatte man uns in Kindheitstagen daheim eingebläut. Der Feind, das waren die Autos. Ihnen sollten wir wachsamen Auges stets auf der linken Straßenseite entgegengehen, nie den Rücken zuwenden. Das galt für den halbstündigen Fußweg zur und von der Schule, galt für die Einkaufswege durch den Ort oder hin zu den wilden Spielplätzen. Seit jener Zeit gehe ich auf Landstraßen ohne Trottoir stets ganz links, um zu sehen, was da kommt: Womöglich wieder so ein Idiot, dem meine Unversehrtheit und die Straßenverkehrsordnung scheißegal sind, der partout nicht akzeptieren will, dass bei solchen Straßen Fahrbahnen eben auch Gehbahnen sind.

Werte Automobilisten, die Gesetzeslage ist klar. Wenn auf Landstraßen Fußgänger oder andere langsame Verkehrsteilnehmer am Straßenrand auftauchen und ihr sie wegen Gegenverkehrs nicht in weitem Bogen umfahren könnt: DANN habt ihr zu schleichen oder anzuhalten bis eine gefahrlose Umfahrung möglich ist. Mich, den Fußgänger, zum Rettungssprung in den Graben zu zwingen, ist eine Drecksauerei und kriminell obendrein. Es können die Autos nicht das Maß aller Dinge sein – egal, ob mit Benzin oder elektrisch betrieben.

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