Guten Tag allerseits

28.04.2017

Ein Blick in meinen kulturjournalistischen Einsatzplan ergibt: Volles Programm in den nächsten Wochen. Es beginnt mit drei Ballettabenden. Morgen Premiere von "Hochzeit" bei tanzmainz. Nächste Woche geht's zu den Maifestspiele Wiesbaden und Gastauftritten von balletts C de la B mit "nicht schlafen" sowie der Compagnie des Theaterhauses Stuttgart mit "Nijinksi". Später bekomme ich dort noch Schauspiel, "Murmel Murmel", von der Berliner Volksbühne zu sehen. Es folgt das Theater Koblenz mit Tschechows "Die Möwe" in einer Inszenierung des früheren Mainzer Intendaten Matthias Fontheim.

Mitte des Monats dann Großereignis im Landesmuseum Mainz: Eröffnung der Ausstellung "vorZeiten" mit archäologischen Schätzen aus dem gesamten Rheinland-Pfalz - für mich verbunden mit einer zweitätigen Recherchereise zu aktuell besonders interessanten Grabungen im Land. Hernach Premiere im Theater Bonn: Jelineks "Abraumhalde". Schließlich steht der Start einer weiteren Großausstellung auf dem Plan: Henry Moore im Arp Museum Remagen. Zwischendruch ein Gespräch mit dem neuen Intendanten der Burgfestspiele Mayen, Festvortrag bei der Feier "30 Jahre Marienberger Seminare" ...


27.04.2017

In der körperlichen und geistigen Verfassung eines Mittvierzigers 200 oder mehr Jahre alt werden. Das wär's doch. Nein? Wie auch immer man dazu steht: In etlichen Forschungslaboren weltweit wird mit Hochdruck an Manipulationen der Lebensuhr gearbeitet. Titelgeschichten vorletzte Woche in der "Zeit", soeben im "Spiegel" und jetzt auch im renommierten Wissenschaftsmagazin "Nature" deuten auf grundlegende Durchbrüche und rasche Fortschritte dieser Forschungen hin.

Erste jüngere Erkenntnis: Die Lebensuhr funktioniert anders als bisher angenommen. Sie verschleißt nicht unwiederbringlich, sondern die zahlreichen körpereigenen Werkstätten zur Zellerneuerung reduzieren peu a peu ihre Tätigkeit und fallen mit fortschreitendem Lebensalter quasi der Reihe nach ins Koma. Zweites Forschungsergebnis (bei Mäusen und anderen Tieren): Führt man dem altem Körper Blut oder Blutplasma und/oder Darmbakterienkulturen von jungen Artgenossen zu, kommt es zu einer fast jugendlichen Reaktivierung der Werkstätten des Seniors; Die Zellerneuerung für Körper und Geist läuft wieder auf Hochtouren.

Drittes Ergebnis: Es soll in den USA erste Privateinrichtungen geben, die gegen horrende Summen Kuren mit jugendlichem Frischblut anbieten.

Ich kann nicht beurteilen, was an den Forschungsberichten dran ist. Ich kann mir allerdings einen Reim darauf machen, was auf Erden geschähe, würde das bis dato gültige Altersmaximum von 100 plus ein paar Jahre verdoppelt. Und ich kann mir vorstellen, dass ein derart grundstürzender Eingriff in die weithin noch unverstandene schier universelle Komplexität des humankörperlichen Mikrokosmos allerhand Nebenwirkungen zeitigen würde. Doch dazu fragen sie dann bitte ihren Arzt oder Apotheker.


26.04.2017

Am ersten Mai-Wochenende (5. - 7.5.) startet der Kultursommer Rheinland-Pfalz in seinen 26. Jahrgang. Das dreitätige Auftaktfestival zum wieder mehr als 200 Acts umfassenden landesweiten Veranstaltungsreigen findet heuer in Bad Kreuznach statt. Das offene Jahresmotto lautet "Epochen und Episoden", es setzt 2017 bei aller Vielfalt doch einen Schwerpunkt auf das Jubiläum 500 Jahre Reformation.

Mein Vorbericht, konzentriert auf vom Kultursommer geförderte Veranstaltungen im nördlichen Rheinland-Pfalz

(freier Lesetext, 6400 Anschläge)


25.04.2017

Die Fertigstellung meiner Kolumne "Quergedanken" liegt meist zehn bis zwölf Tage zurück, wenn der Text im mittelrheinischen Magazin "Kulturinfo" (und auf meiner website) erscheint. Diesen Abstand erzwingt der Produktionszeitraum für die monatlich erscheinende Publikation. Er birgt die Gefahr, dass Themen, die sich zum Zeitpunkt des Schreibens geradezu aufgedrängt hatten, bisweilen am Erscheinungstag recht abseitig wirken. So auch diesmal, weil inmitten der aktuellen Kältetage niemand mehr die verfrühte Sommerphase der ersten Aprilhälfte in Knochen und Hirn hat. Doch völlig aus der Welt gefallen ist das Thema deshalb noch lange nicht. Also sei eine vergnügliche Lektüre gewünscht mit den

"Quergedanken" Nr. 147: Schon angegrillt?
(freier Lesetext, 3400 Anschläge)


24.04.2017

Es bestätigt sich nun bei der Frankreich-Wahl, was unlängst schon in den Niederlanden deutlich wurde und sich auch für Deutschland abzeichnet: Die Rechtsradikalen sind zwar eine (viel zu) starke Kraft geworden, aber in Westeuropa sehr weit entfernt von einer Mehrheitsbewegung. Unterstrichen wird das auch durch den Umstand: Hohe Wahlbeteiligungen lassen die prognostizierten starken Zuwächse für die Rechtsradikalen jeweils zusammenschmelzen. Ihr Durchmarsch an die Macht ist abgesagt - sofern die bürgerlichen und linken Parteien sich jetzt nicht ganz blöd anstellen.

***

Es gibt Schauspielklassiker, die setzen sich quasi von selbst als stets brennend aktuell bleibender Beitrag zu jeweils anderen Gegenwarten immer wieder auf die Theaterspielpläne. Und eigentlich bedürfen sie dafür nichtmal großer inszenatorischer Aktualisierungseingriffe. Ibsens "Ein Volksfeind" von 1883 ist so ein Stück. Am Staatstheater Mainz hat es Regisseur Dariusch Yazdkhasti jetzt allerdings doch mit ziemlich rigorosen Einschnitten plakativ aufs Hier und Heute getrimmt. Herausgekommen ist ein sehr zwiespältiger Abend ...

Meine Premierenkritik hier
3900 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent


23.04.2017

Die Gedanken sind am heutigen Sonntag mit Hoffen und Bangen bei unseren französischen Freunden.

Vive la République francaise!
Und schickt LePen aufs Abstellgleis!


21.04.2017

Heute Nachmittag durfte ich, und es war mir ein Bedürfnis, im Verlagshaus der Allgemeinen Zeitung Mainz der Verabschiedung des von mir hoch geschätzten und verdienstvoll eigensinnigen Kollegen Jens Frederiksen in den Ruhestand beiwohnen. Er war zuletzt 27 Jahre Ressortleiter Feuilleton bei der AZ - allweil geachtet, aber auch gefürchtet, gelobt oder angefeindet, kundig, sprachmächtig, urteilsstark. Damit geht nun wohl, wenn ich es richtig überschaue, das Staffelholz des dienstältesten noch hauptberuflich tätigen Print-Feuilletonisten in Rheinlahnd-Pfalz für dreieinhalb Jahre an mich über.

"fre" wird mir fehlen, als angenehmer Kollege alter Schule mit höchster Kompetenz, als bester und interessantester hiesiger "Wettbewerber" im Fach Schauspielkritik, als kluger wie humoriger Partner bei der Pausenplauderei. Über rund ein Vierteljahrhundert haben wir dienstlich diesselben Premieren besucht, regelmäßig in Mainz, viele Jahre auch in Wiesbaden, immer wieder in Frankfurt, gelegentlich in Koblenz.

Erst begegneten wir - Kritiker konkurrierender Zeitungen - uns in gegenseitigem Respekt, aus dem über die Jahre aber herzliche Sympathie wurde. Wir sprachen miteinander über Gott und die Welt sowie vorherige Theaterabende und unsere Besprechungen davon, nie jedoch über die gerade besuchte Premiere. Dies Thema war, wie es sich gehört, tabu bis die Kritiken beider in den Zeitungen standen. Dann stürzte ich mich stets begierig auf seine Besprechungen, die zu lesen fast immer ein Genuss war und überaus lehrreich - egal, ob wir zu ähnlichen Schlüssen oder gegenteiligen gelangten.

***

Es geht mir gerade ein Phänomen des Journalismusbetriebes durch den Kopf, das Außenstehenden womöglich unverständlich ist. In fast 30 Berufsjahren als Zeitungsmann mit Schwerpunkt Kultur habe ich oft selbst erlebt oder von Kollegen anderer Blätter erzählt bekommen: In den Zentralredaktionen etlicher Regionalzeitungen verstehen sich seit jeher ausgerechnet Sportredakteure und Kulturredakteure am besten miteinander. Wie kann das sein? Nach meinem Dafürhalten, weil sie beide a) hier auf Sportplätzen, da in Theatern/Konzertsälen regelmäßig unters Volk kommen. Weil beide b) einen ähnlichen Lebens-Arbeits-Rhythmus haben, dessen Einsatzspitzen meist aufs Wochenende fallen. Weil schließlich, c), beide interessant, spannend, launig über die "spielerische" Leistung ihrer jeweiligen Beobachtungsklientel berichten und diese auch kritisch beurteilen sollen. Weshalb im Grunde eine enge Verwandtschaft zwischen Spielbericht und Kunstkritik besteht.


20.04.2017

"Populismus ist nicht per se schlecht." Diesen irritierenden Satz sagt der hochgeschätzte Kollege Heribert Prantl in einem Interview über sein neues Büchlein mit dem nicht weniger irritierend mehrdeutigen Titel "Gebrauchsanleitung für Populisten". In beiden vertritt er - sich auch kritisch an die eigene Nase fassend - u.a. die These, dass die undifferenzierte Benutzung des Wortes "Populismus" als bloßem Kampfbegriff gegen rechte Demagogen unsinnig ist. Weil: Es sei durchaus wünschenswert, wenn Demokraten nach Luthers Devise "Den Leuten aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden" auf populäre, volksnahe Art, leidenschaftlich und an die "Leidenschaft der Menschen" appelierend, für demokratische Grundwerte und Gundrechte streiten.

Auf die Frage etwa, wie viel der Rechtsstaat im Umgang mit Populisten aushalten müsse, antwortet Prantl: "Ich darf alles sagen, was nicht strafbar ist. Meinungs- und Pressefreiheit vertragen alles. Pressefreiheit ist wie ein großer Fluss. Da schwimmen die schönsten Fische, aber auch viel Dreck, und es gibt keine Instanz, die sagt: Das eine ist wertvoll, das andere nicht. Es gibt das Strafrecht, und das Strafrecht markiert die Grenzen." Wenn jemand Volksverhetzung betreibe, dann sei das strafbar.


19.04.2017

Euch zur Vorfreude auf alsbald bessere Tage, sei ein Ende Mai 2005 publiziertes Textchen noch einmal hervorgekramt. Unter dem Titel "Sommernachtsträume" versuchte es dem damals verbreiteten Frust über eine lang anhaltende sehr miese Spätfrühlings-Wetterlage entgegenzuwirken.

2005-06-01 Quergedanken: Sommernachtsträume
(Freier Lesetext, 4200 Anschläge)


17.04.2017

Zum Ausgang des türkischen Referendums:

1. "Der 16. April wird in die Geschichte eingehen, als jener Tag, an dem die Republik Atatürks abgeschafft und durch den Staat Erdogan ersetzt wurde." (Maximilian Popp auf Spiegel-online).

2. Ein glorreicher Sieg sieht anders aus. Erdogan hat mindestens knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung und eine deutliche Mehrheit der Stadtbewohner in der Türkei gegen sich. Und das trotz der Repressionen des Ausnahmezustandes sowie der Indienstnahme des kompletten Staats- und Medienapparates für seine Propaganda. Die Erdogan-Diktatur steht vom Start weg auf schwachen Beinen.


16.04.2017

Der alljährlich wiederkehrende Disput um das Karfreitags-Tanzverbot nervt ziemlich. Weil: Viele der Kontrahenten wollen nicht begreifen, dass in einer offenen und vielgestaltigen Gesellschaft wie der unsrigen ein Kompromiss gegenseitigen Respekts gefunden werden muss.

Dazu Anmerkungen und ein Vorschlag
(freier Lesetext)


15.04.2017

Premiere von Shakespeares Komödie "Maß für Maß" am Gründonnerstag im Staatstheater Wiesbaden: Regisseur Jan Philipp Gloger hat eine ebenso humorig-saftige wie ernsthafte Inszenierung dieses bis heute, oder erst recht heute, relevanten Stückes über mannigfache Wechselwirkungen zwischen Macht, Moral und Gesellschaft hingekriegt. Obendrein originell ausgeformte, gute bis sehr gute Schauspielleistungen reihum machen den nur zweistündigen Abend ohne Pause zu einem geistreich kurzweiligen Theatererlebnis.

Meine Premierenkritik
(3450 Anschläge, konstenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


14.04.2017

Kleines Malheur am gestrigen Gründonnerstag: Stelle auf halbem Weg nach Wiesbaden zur Premiere von "Maß für Maß" fest, dass ich das Portemonnaie nicht am Hintern habe, sondern daheim vergessen. Damit bin ich erstmals seit Jahrzehnten ohne einen Cent, auch ohne Kreditkarte, in der Tasche auswärts unterwegs. Kann nicht ins Parkhaus fahren, keinen Kaffee vorweg trinken, weder dem Bettler noch der Straßemusikantin etwas geben. Die Hungerbefriedigung nach der Vorstellung muss zwangsläufig bis zur Heimkunft warten. Und müsste ich während der Returfahrt mal, kein Raststätten-Klo ließe mich ein. Es war ein seltsames, irritierendes Gefühl - ohne Geld nichts von all dem tun zu können, was man gewöhnlich tut oder tun kann.


13.04.2017

Wenn ich die Wettervorhersage richtig deute, dürften die Ostertage im deutschen Südwesten, landläufig formuliert, "durchwachsen" ausfallen. Temperaturen unter T-Shirt-Niveau, Himmel weiß-grau mit vereinzelten Blaufenstern, aber ebenso ein bisschen Regen hie und da stiftend. Das geht schon in Ordnung, denn an Ostern ist seit jeher alles drin. Ich erinnere mich für hiesige Gefilde an Osterfeiertage mit Spaziergängen durch knöchelhohen Schnee wie auch an hemdsärmelige Familientafeln im Garten mit Sonnenbrandgefahr. Lasst uns heuer also mal das Mittelmaß genießen - an Extremlagen haben wir ja allüberall sowieso keinen Mangel.


07.04.2017

US-Präsident Trump ließ diese Nacht einen syrischen Militärstützpunkt und Luftwaffenhorst mittels fünf Dutzend Tomahawk-Raketen von See aus quasi schleifen - "Vergeltung" für den Giftgasangriff auf die Bevölkerung von Chan Schaichun (der vielleicht, womöglich, wahrscheinlich, aber nicht sicher bewiesen vom Assad-Militär verübt wurde). Schießwut und Kriegslogik, statt Politik - auf beiden Seiten.


03.04.2017

Achtung, jetzt kommt ein Karton! Sie, verehrte Leser/innen, werden brummen: Wie kann man die Inszenierungskritik eines ehrwürdigen Bühnenklassikers aus den 1660ern eröffnen mit einem Sätzchen aus der TV-Comedyschublade? Nun ja, das Bühnenbild für Molieres „Tartuffe” am Theater Koblenz ist halt ein Karton – eine raumfüllende, nach vorn aufgeklappte Pappschachtel. Darin haben seltsame Figürchen Zeiten überdauert. Diese werden jetzt quietschlebendig und spielen das uralte Spiel von der Verführbarkeit durch betrügerische Heilsversprecher. Es purzeln aus der Schachtel zwei überaus vergnügliche und klug gewirkte Theaterstunden.

Meine Premierenkritik hier
4000 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent.

 


03.04.2017

Es ist ein Armutszeugnis für den internationalen Klassikbetrieb, dass wir 2017 eine Dirigentin vor großem Orchester noch immer als etwas Besonderes erleben. Auch wenn diese wie aus der Zeit gefallene Misere allmählich – viel zu langsam – entschärft wird, sind Frauen am Dirigentenpult bis heute seltener als in Vorständen von Dax-Konzernen. Welche Potenziale der Musikkultur so entgehen, machte jetzt die Stabführung der wunderbaren Anu Tali beim 8. Anrechtskonzert des Musik-Instituts Koblenz mit der Rheinischen Philharmonie deutlich.

Meine Konzertbesprechung
(3700 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


31.03.2017

Das Theater des 20. Jahrhunderts tat sich immer etwas schwer mit Henrik Ibsens Stück „Die Frau vom Meer” aus dem Jahr 1888. Für frühere Zeiten war dessen Kritik an der Fesselung des weiblichen Geschlechts durch die traditionellen Ehe-Normen zu fortschrittlich. Später konnte man sich mit dem dann doch wieder ehelichen Happy End nicht mehr anfreunden. Für die Kammerspiele Godesberg des Theaters Bonn hat Regisseur Martin Nimz jetzt einen überzeugend heutigen Blickwinkel gefunden – der durch fein gearbeitetes Charakterspiel auf allen Positionen zu einer kleinen Sternstunde des Sprechtheaters geworden ist.

Meine Premierenbesprechung
(3950 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


30.03.2017

2017 wird das Ludwig Museum Koblenz ein Vierteljahrhundert alt. Genauer: Am 18. September jährt sich die Eröffnung der Kunstinstitution am Deutschen Eck zum 25. Mal. Sie ist in einem der ältesten Gebäude von Koblenz untergebracht, dem anno 1250 erbauten Deutschherrenhaus, widmet sich indes vornehmlich der allerjüngsten Kunst. Es gibt im Jubiläumsjahr keine großen Festivitäten, dazu sind die Ressourcen des chronisch unterfinanzierten Museums zu knapp. Stattdessen folgen bis Ende des Jahres noch fünf interessante Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst.

Ausstellungsvorschau hier
(freier Lesetext)


29.03.2017

Weil das Thema wegen der Sache Rhein-Zeitung vs. Christian Lindner (seine Zeit als Chefredakteur endete gestern ziemlich überraschend und offenbar wg. Dissenz mit der Verlagsleitung) derzeit in vieler Munde ist, mal kurz nachgedacht: Was macht eigentlich einen guten Chefredakteur aus? Ich habe mal 10 der m.E. wichtigsten AnforderungsMAXIMEN aufgelistet.

Zusammenstellung hier
(freier Lesetext)

***

Weiterer interessanter Abstecher zum "Tanzmainz Festival #2". Ein Abend der Gegensätze: Erst die afrikanische Ethno-Choreografie "Fußabdrücke der Massai" von Georges Momboye mit jungem, kraftvollem Tanzpersonal. Hernach eine Veranstaltung mit zwei schon betagten Vertretern des Tanzmetiers, den Slowenen Iztok Kovac und Janez Jansa, die die fast ausschließliche Bindung der Tanzkunst an junge, schöne, starke Körper als fatalen Irrtum verwerfen.

Meine Besprechung hier
(3300 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


27.03.2017

Ballett nach Art der jetzigen „Cinderella”-Produktion von Tanzchef Steffen Fuchs am Theater Koblenz bekommt man nur noch selten zu sehen: Tanznummern in fast klassischem Stil, eingebettet in eine Handlung, die überwiegend mit Gesten und Mimik, mit stummer Schauspielerei und szenischem Posing theatralisch erzählt wird. Das wirkt wie aus der heutigen Tanzzeit gefallen. Überzeugende Dramatik kommt aus dem Orchestergraben, während es auf der Bühne arg gemächlich zugeht.

Meine Premierenkritik hier
(3900 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


25.03.2017

Kann wortlose Tanzkunst politische Statements abgeben? Ja, sie kann. Das bewies jetzt am Eröffnungsabend des "Tanzmainz Festivals #2" die italienische Compagnia Aterballetto mit der deutschen Erstaufführung der Choreografie "Bliss" (Glückseligkeit) von Johann Inger. Da entfalten Tänzer/innen das Lebensgefühl heutiger weltoffener Jugend: Lebenslust, Lebensfreude, Neugier aufeinander und freundschaftliches Miteinander unterschiedlischer Individuen und Kulturen - als das beglückende Gegenteil hasserfüllter Abgrenzung. Bis 1. April folgen beim Tanzfestival am Staattheater Mainz 17 Vorstellungen von zeitgenössischen Ensembles aus neun Ländern.

Besprechung Startabend des Festivals hier
(3900 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


23.03.2017

Die Welt rumort von lauter Glaubenskämpfen. Manchmal entbrennen sie selbst zwischen guten Freunden oder sogar im Ehebett. Nein, hier soll nicht die Rede sein vom ewig unseligen Streit der Religionen. Wir hätten schon ohne die gegensätzliche Allwissenheit der Schriftgelehrten und den Absolutheitsanspruch jeweder Glaubenskrieger gerade genug zu schaffen mit unserer eigenen alltäglichen Rechthaberei.  Dieselfahrer gegen Holzverbrenner, Körperenthaarte gegen Vollpelzige, Allesfresser gegen Veganer etc.pp. "Die Wahrheit ist mein und du bist ein Depp", sagt ein jeder. So auch im Falle der Homöopathie, über die sich eine Tischgesellschaft von Freunden zerstreitet, wie jetzt die Nr. 146 meiner Monatskolumne "Quergedanken" zu berichten weiß.

Quergedanken "Glaube versetzt Berge" hier
(freier  Lesetext)


22.03.2017

Das Erdogan-Referendum zu entscheiden, ist eine Sache der Völker der Türkei. Doch darf man als deren auswärtiger Freund dazu eine Meinung haben, einen Wunsch äußern und die Daumen drücken für
HAYIR! NA! NEIN!

***

Mag der politische Kladeradatsch die nächsten Tage treiben, was er will: Mir steht kritikerdienstlich ein langes Kunstwochenende ins Haus. Und, Freude!, es geht ausschließlich um Tanzkunst. Morgen Eröffnung des 2. Tanzmainzfestivals mit zeitgenössischen Tanzgastspielen aus aller Herren Länder. Zum Auftakt im Staatstheater die italienische Compagnia Aterballetto. Dann Premiere der neuen "Cinderella"-Choreografie von Steffen Fuchs am Theater Koblenz. Hernach wieder zwei Tanzgastspiele in Mainz: Istok Kovac aus Slowenien sowie die französische Compagnie Georges Momboye mit ihrem Stück "Fußabdrücke der Massai".


21.03.2017

Geht einem so nach der Pressedurchsicht am Vormittag durch den Kopf: Bemerkenswert, dass nun ausgerechnet die US-Geheimdienste CIA und NSA Trump in die Bredouille bringen. Und was Erdogan angeht, so könnte es durchaus sein, dass er sich gerade ins eigene Knie schießt. Denn das türkische Volk besteht ja keineswegs aus lauter Deppen und Hinterwäldlern; zudem gibt es in den meisten Familienverbänden Leute, die Deutschland oder andere westeuropäische Länder kennen. Und die - bei aller Kritik an deren Umgang mit türkischen Gastarbeitern und Einwanderern - sehr gut wissen, dass ihr Präsident derzeit Unfug redet. Mag sein, dass die völlige Überspannung der Provokations- und Eskalationstaktik sich für Erdogan auch innertürkisch als kontraproduktiv erweist.


18.03.2017

Der Versuch, sich bisweilen in Blickwinkel und Gefühlswelt Andersdenkender hineinzuversetzen, gehört zum vernünftigen Diskurs. Das gelingt mir oft ganz gut, auf zwei Feldern allerdings gar nicht: Für Weltsichten und Menschenbeurteilungen auf Basis "rassisch-völkischer" oder religiöser Antipathien gibt es in meinem Hirn offenbar keine Verschaltungen. Mir ist es völlig egal, ob jemand von weißen, schwarzen, gelben, roten Völkerschaften abstammt. Wie mir auch völlig gleichgültig ist, zu welchen Göttern jemand betet, solange er das als Privatsache behandelt und mir oder der Allgemeinheit nicht missionarisch auf die Pelle rückt.


17.03.2017

Es ist eine Sisyphusarbeit, herauszufriemeln, was das Wahlergebnis in den Niederlanden tatsächlich aussagt. Denn weil es keine 5-%-Hürde gibt, hat sich das Parteiensystem entsprechend der vielfältigen Gesellschaftsströmungen in NL aufgefächert. These: Ohne 5-%-Hürde sähe die deutsche Parteienlandschaft kaum anders aus, denn die moderne Gesellschaft hierzulande ist ähnlich vielgestaltig. Dass der rechtsradikale Wilders wider Erwarten nur geringfügig zugelegt hat, bestätigt bloß, was wir unlängst in Österreich schon sahen: Die nationalchauvenstischen Rechtsfronten haben keine Mehrheit; ihre Durchmarsch ist keine ausgemachte Sache, sondern verhinderbar. Nicht mehr, nicht weniger.

Ansonsten zu NL: Bei enorm hoher Wahlbeteiligung entfielen rund 85 % der Stimmen auf das demokratische Spektrum und eine 3/4 Mehrheit auf Parteien, die sich zum gemeinsamen Europa bekennen. Die größten Zugewinne verzeichnen Grünlinke, Linksliberale, Tierschützer, Christkonservative und diverse Splitterparteien. Verlierer sind die beiden Parteien der bisherigen Große Koalition: Ruttes VVD (- 5%) bleibt dennoch stärkste Partei mit 21 %; die Sozialdemokraten von der PdvA (- 19 %) erhielten die Quittung für die als sozial ungerecht empfundene neoliberale Regierungspolitik.


16.03.2017

In eigener Sache.
Aus Gründen. Von Marcel Reich-Ranicki heißt es, er habe stets alle an ihn gerichteten Leser-, Autoren-, Verlagsbriefe persönlich beantwortet. Gewiss, das war in prädigitalen Zeiten und MRR hatte ein eigenes Sekretariat, ich kann es mir dennoch nur schwer vorstellen. Ich jedenfalls kriege es partout nicht hin, sämtliche Zuschriften zu beantworten oder auch nur im Auge zu behalten, die bei mir über diverse elektronische Kanäle oder auf Papier via gelbe Post hereinkommen. Würde ich es versuchen, ich käme zu nichts anderem mehr. Weshalb um Nachsicht und Verständnis gebeten sei, sollte es in diesem oder jenem Fall bei Schweigen im Wald bleiben.


14.03.2017

Altersdemenz ist nicht immer ein Schrecknis. Es gibt viele Grade und sehr unterschiedliche Formen dieser "Krankheit". Davon beobachte ich seit Jahren innerfamiliär bei der 1920er-Generation einige, die man auch als raffinierte Technik der Natur verstehen könnte, die letzte Lebensphase angenehmer zu machen. Da liegt etwa der 94-jährige Greis im Pflegeheim, dessen Gehirn nach und nach all jene Erinnerungen vergessen, verdrängt, abgeschaltet hat, die ihm heute Verdruss bereiten könnten.

Er lebt in einem Fantasiegebilde von der eigenen Jugend, zusammengesetzt aus fast nur positiven Erinnerungensschnipseln an jene Zeit. Arbeitsdienst, Krieg, Gefangenschaft: verschwunden. Zwei verstorbene Lebensgefährtinnen und das eigene Haus, an das er sich so lange geklammert hatte: gelöscht. Die ihn jetzt besuchenden Kinder und Enkel erkennt er, baut sie in lebhafter Plauderei mitsamt Pflegern und Heimumgebung problemlos - oft zum Schmunzeln - in seine Jugendwelt ein.

Kurzum: Nach etlichen Jahren, in denen er grantig sein Leben und Schicksal in immer düstereren Farben beklagt hatte, wirkt der Greis nun seit einiger Zeit zufrieden und mit sich im Reinen. Quälend ist dieser Zustand offenbar vor allem für die Angehörigen, die nun akzeptieren müssen, dass die Geisteswelt des alten Mannes und ihre "Normalwelt" nur noch wenig miteinander zu tun haben.


13.03.2017

Es gibt recht verbreitet die Ansicht: Öffentlichkeit und Medien sollten AfD, Trump, jetzt vor allem Erdogan und Co. keine Plattform bieten, sollten sie eher ignorieren, statt deren Provokations- und Eskalationskalkül ins Messer zu laufen. Das ist eine nachvollziehbare Ansicht. Doch ich glaube, dass sie in offenen Gesellschaften mit interessierten Öffentlichkeiten nicht umsetzbar wäre. Denn die meisten Menschen haben, im Unterschied zu Partei- und Staatspolitikern, kein taktisch-strategisches Verhältnis zu ihrer Meinungsbildung und -äußerung. Und das ist m.E. gut so, weil einerseits Unsäglichkeiten nicht unwidersprochen bleiben dürfen, und andererseits öffentlicher Diskurs und staatsbürgerliches Engagement eben nur unter den Bedingungen unverstellter Offenheit in der demokratischen Zivilgesellschaft gedeihen.


12.03.2017

Des famosen Wetters wegen ist die Schreibstube seit Freitag in der Früh geschlossen. Austoben durfte sich hernach zwei Tage lang das Handwerker- und Bauernerbe in mir. Das marode Schuppendach provisorisch hergerichtet. Und siehe, dies Provisorium ist so wohlgeraten, dass es auch als dauerhafte Restaurierung durchgeht. Dann etliche Schubkarren alte Komposterde von einem vor Jahren stillgelegten Pferdemisthaufen in der entfernten Nachbarschaft zum Nachfüllen der Hochbeete herbeigeschafft. Gleich noch den eigenen Komposthaufen umgesetzt... End vom Lied am heutigen Sonntag: Es gibt wenig an meinem Leib, das nicht schmerzt. Und ausnahmsweise folge ich mal liebend gern einem biblischen Gebot: Am siebten Tage sollst du ruh'n. Schönen Sonntag allerseits.


07.03.2017

Weil sich in die Auseinandersetzung um Erdogans Politik und sein krudes Gebaren hierzulande in Netzwerken und Leserbriefen vermehrt deutsch-nationalistische Töne mischen, sei an folgendes erinnert: Es steht hier nicht Deutschland gegen die Türkei, erst recht nicht das deutsche Volk gegen das türkische, und sowieso nicht das Abendland gegen das Morgenland. Vielmehr verläuft die Konfrontationslinie zwischen den Prinzipien der Demokratie und dem Versuch, diese in der Türkei durch eine Autokratie zu ersetzen.

Es ist scheinheilig, wenn sich Leute zu Verteidigern von Demokratie und Pressefreiheit in der Türkei aufschwingen, die zugleich in Deutschland "Lügenpresse" schreien und mit Trump, Wilders, Le Pen, Höcke und Petri sympathisieren.


06.03.2017

Eigentlich schreibe ich ziemlich selten und auch nur recht  ungern regelrechte Verrisse. Manchmal aber lässt es sich nicht vermeiden und ist Tacheles angesagt. So jetzt bei Gavin Quinns Inszenierung von Shakespeares spätem Werk "Der Sturm" für die Godesberger Schauspielbühne des Theaters Bonn. Die meisten Rollen in schier roboterhafte Kaltfiguren zu verwandeln, mag eine Idee sein. Bei Shakespeare aber ist  zugleich ein Unding, weil damit dessen ganze großartige psychologische Figuren- und Ausdrucksvielfalt begraben wird.

Premierenkritik lesen hier
(3600 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


05.03.2017

Die Konzertsaison 2016/17 beim Staatsorchester Rheinische Philharmonie in Koblenz ist schon eine rechte Eigentümlichkeit. Eine ganze Spielzeit ohne eigenen Chefdirigenten, das hat es im letzten halben Jahrhundert nicht gegeben. Der alte, Daniel Raiskin, ist schon weg; der neue, Garry Walker, noch nicht da. Weshalb das Orchester heuer sein Publikum unter lauter Gastdirigenten überzeugen muss. Wie das bisher gelaufen ist und wie die Musiker diese Situation erleben, dazu meine Zwischenbilanz jetzt nach der Hälfte der Konzertsaison.

Ganzen Artikel lesen hier
(freier Lesetext)


03.03.2017

Mal wieder vor der TV-Kamera gestanden. Beim Offenen Kanal Neuwied gesprochen über Bedeutung der Kultur für den Menschen, runtergebrochen auf Städte/Kommunen und etwas spezifiziert am Beispiel Neuwied. Wer vergangenes Jahr über die Länge meiner TV-Einlassungen zur Trierer Nero-Ausstellung gemeckert hatte, darf sich freuen: Der jetzige Beitrag unter dem Titel "Kultur ist Lebensmittel" dauert mit 25 Minuten gerade halb so lang. Kleine Berichtigung vorweg: Es fällt der Begriff "Schloss Monreal", gemeint ist "Schloss Monrepos".

Beitrag ab sofort im Internet auf Youtube (hier)

Ausstrahlungtermine auf TV-Kanal OK4 im Gebiet Mittelrhein:
03.03./22:23 Uhr; 04.03./13:30; 09.03./19:00; 11.03./13:20

***

2015 erschien der Roman "Judas" von Amos Oz. Er spielt in Jerusalem/Palästina der Jahre 1959/60. Im Zentrum stehen die Gespräche dreier Israelis unterschiedlicher Generationen vor allem über zwei Jahrhunderte lang virulente Themenfelder: 1. Politik und Gesellschaft vor dem Hintergrund der jüdisch-arabischen Beziehungen; 2. Religion, mit besonderem Augenmerk auf die Bedeutung des biblischen Judas Iskariot für die christlich-jüdischen Beziehungen. Das Staatstheater Wiesbaden hat jetzt eine eigene Bühnenfassung des Romans ins Werk gesetzt -  und einen bemerkenswerten 100-Minuten-Abend hingekriegt.

Premierenbesprechung hier
(3600 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


02.03.2017

Warum behandeln sämtliche Autokraten, Tyrannen und Rechtsnationalisten die freie Presse als ihren Hauptfeind Nr.1? Weil der unabhängige Journalismus stets und ständig das Bild hinterfragt, das Trump, Putin, Erdogan, Orban, Wilders, Le Pen, Petri, Höcke und Co. von sich, der Welt und der Geschichte vielen Menschen eingepflanzt haben oder noch einpflanzen wollen.


01.03.2017

Anno 1987 wurden in Bad Marienberg (Westerwald) auf private Initiative von Barbara Abigt die "Marienberger Seminare" aus der Taufe gehoben. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums dieser verdienstvollen Bildungseinrichtung für jedermann/-frau ein kleiner Artikel (siehe Link) über deren Selbstverständnis und Werdegang. Ich selbst bin dort seit etwa 20 Jahren alljährlich mit ein paar Vorträgen/Seminaren vertreten. Das nächste Mal am 8. März mit einem rund eineinhalb-stündigen Vortrags- und Gesprächsabend mit dem ganz alltagspraktisch orientierten Thema "Wir fangen schon mal an mit dem Postwachstumsleben".

Zum 30. Geburtstag der "Marienberger Seminare"
(freier Lesetext)


28.02.2017

Ein Gedanke am Rande der "tollen Tage", in den Sinn gekommen nach Betrachtung diverser TV-Übertragungen und Zeitungsberichte über Karnevalsveranstaltungen:
Den Begriff "Heimat" verbinden die meisten Zeitgenossen offenbar primär mit ihrer nahen Lebensumgebung und kaum mit ihrem Bundesland oder gar der Nation. In den großstädtischen Karnervalshochburgen meint Heimat die jeweilige Stadt - Düsseldorf, Köln, Mainz, Koblenz oder Trier. Je kleiner die Veranstaltungsorte aber sind, umso mehr steht häufig Heimat für die UmgebungsREGION - zB Westerwald, Unterfranken etc.  


27.02.2017

Wie der kalendarische Zufall es will, erscheint meine Monatskolumne "Quergedanken" am Rosenmontag bzw.  Veilchendienstag. Das passt ganz gut, geht es in der Folge 145 u.a. doch um Unbilden, die sich gerne auch via Küsschen, Kuss, Geknutsche  und anderen Humankontaktierungen unter den Menschen ausbreiten. Selbiges möchte man sich vom zweiten Aspekt des Textes nicht mal in den düstersten Momenten vorstellen. Kaum auszudenken, wäre Trumpismus auf gleiche Weise übertragbar wie grippale Infektionen.

Quergedanken 145: Von Grippeviren und Trumpeltieren
(freier Lesetext, 3300 Anschläge)


25.02.2017

Hoch oben im Westerwald wächst unter der Ägide des Bildhauers Erwin Wortelkamp (78) seit 30 Jahren ein bemerkenswertes Kunstprojekt heran: Peu a peu ist eine elf Hektar große Talmulde zwischen den Dörfern Hasselbach und Werkhausen (Kreis Altenkirchen) Heimstatt für 50 eigens in die Landschaft hineingearbeitete Werke fast ebenso vieler Gegenwartskünstler von Rang geworden. Das in Anlehnung ans Prinzip englischer Gärten gestaltete Areal wurde darüber selbst zum Gesamtkunstwerk. Ich hatte unlängst Gelegenheit, gemeinsam mit Wortelkamp das "Im Tal" genannte und in Rheinland-Pfalz solitäre Projekt bei einer dreistündigen Wanderung intensiv zu erleben.

Artikel "Kunst und Natur im Dialog" darüber hier
(5200 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


24.02.2017

Heute mal eine gar nicht gewagte Prognose:
Es dauert eher nur 5 als 10 Jahre bis Heerscharen deutscher Politiker sich in einer Sache um 180 Grad wenden werden: Fast alle, die heute Fernhalten und Abschieben von Migranten/Flüchtlingen für ihre vordringlichste Aufgabe halten, werden dann millionenschwere Anwerbe-Kampagnen für Neubürger aus dem Ausland auflegen wollen - um dem hierzulande stetig wachsenden Nachwuchs-, Fachkräfte- und Konsumentenmangel entgegen zu wirken. Und sie werden dann bedenkenlos den Entwicklungsländern jene fertig ausgebildeten Leute abwerben, die diese am nötigsten brauchen: Ärzte, Lehrer, Ingenieure, IT-Spezialisten, Facharbeiter, Handwerker. Gescheiter wäre, die jetzt schon hier befindlichen Migranten/Flüchtlinge gleich hier selbst ausbilden.


23.02.2017

Am Staatstheater Mainz gibt es jetzt eine Inszenierung der vor 2425 Jahren von Euripides geschriebenen Tragödie "Orestes". Wieder einmal ist es faszinierend, wie aktuell und interessant so ein Uraltstück für uns Heutige sein kann. Denn es geht da um zwei zornige junge Leute, die in einem krisenhaften Gemeinwesen aus Untaten und Schuld der Altvorderen und Elterngeneration die Selbstlegitimation für Angehörigenmord, Geiselnahme, Brandtsiftung ableiten, also quasi für blanken Terrorismus.

Aufführungsbesprechung hier
(3600 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent) 


22.02.2017

Shakespeares „Ein Sommernachtraum” ist auch für das Ballett ein wunderbarer Stoff. Denn es geht darin vor allem um Verzauberung durch Erotik, Liebeslust, Triebentfesselung. Wo das Körperliche solches Gewicht hat, ist die Tanzkunst ein naheliegendes Darstellungsmedium. Viele Choreografen haben sich des Stoffes schon angenommen, jetzt auch Tim Plegge, Chef des Hessischen Staatsballetts. Zur Premiere kam in Wiesbaden eine opulente  Produktion, die stark auf märchenhafte Verspieltheit setzt, sich hart an der Grenze zur kulinarischen Nettigkeit bewegt - das Abdriften darüber hinaus aber durch mehrfache Bezugnahme zu Shakespeares Tiefenschichten vermeidet.

Premierenbesprechung hier
(3600 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


20.02.2017

Meine Besprechung des 6. Anrechtskonzert beim Koblenzer Musik-Institut beginnt etwas unüblich: mit einem Lob für die Konzertbesucher. Denn das jeweils mehr als 1000-köpfige Auditorium hält in diesem Herbst/Winter während des Musizierens bemerkesnwert aufmerksam und diszipliniert Ruhe. Auch die vielen erkälteten Zuhörer verschieben lautes Schnäuzen und Husten auf die Pausen zwischen Stücken und Sätzen. Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit im klassischen Konzertbetrieb.

Ganze Besprechung des Abends mit spanischem Programm, Rheinischer Philharmonie unter Gastdirigent Rubén Gimeno sowie der wunderbaren Sologeigerin Tianwa Yang hier
(3700 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


20.02.2017

Das werden jetzt, vor allem am Rhein, eineinhalb anstrengende Wochen. Anstrengend fürs fastnachts- bzw. karnevalsselige Freudenvolk. Anstrengend aber auch für davon weniger entzündliche Mitmenschen, erst recht für passionierte Verächter der närrischen Kost. Die Lokalteile der Regionalzeitungen laufen ebenso karnevalistisch zu bis über wie die lokalen und regionalen TV-Sender oder die Timelines bei Facebook. Es kommt arg dick. Doch obwohl ich mich selbst schon eine gehörige Weile nicht mehr mit Pappnas' und Narrenkapp' ins Getümmel stürze, habe ich keinerlei Einwände gegen den Mummenschanz.

Das gilt zumindest dort, wo die Narretei betrieben wird mit ausgelassenem bis augenzwinkerndem Spaß an der Freud' sowie eingedenk ihrer anarchischen Renitenztradition wider böse Geister, ungeliebte Obrigkeiten und verbiesterte Zeitgenossen. Ich werde es heuer wieder halten wie seit vielen Jahren: Via TV den Büttenfastnachtern amüsiert bis kopfschüttelnd aufs Maul schauen, egal ob sie den literarisch-politischen Meenzer Stil pflegen oder die Kölsche Art des Witz-Verzählches. Ich werde mich am Esprit der Gardetänze laben, beim Männerballett und süßen Schunkelballaden indes wegzappen. Man muss ja nicht alles mögen. Und ich werde wieder allerhand Spaß haben an sinnenfrohen bis gruseligen Schnappschüssen, die Kameraleute mit Gespür ebenso fürs Hübsche wie fürs Abstruse im Publikum einfangen.

In diesem Sinne: Helolaulaaf! (= mein Friedensvorschlag an die Parteien des rheinhessisch Meenzer "Helau", mittelrheinisch Koblenzer "Olau" und des rheinisch Kölschen "Alaaf")


19.02.2017

Trump hat jetzt den TV-Sender CNN und die New York Times als "Feinde des Volkes" gebrandmarkt. Es sei daran erinnert, dass seit jeher jedes autoritäre Regime und jede Diktatur mit der Propaganda von den "Feinden des Volkes, des Staates, der Nation, der Ordnung, der Kirche..." erst die Einführung der Zensur, dann die völlige Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit vorbereitet/begründet hat. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass Trump den Sturm, den er da sät, nicht unbeschadet überstehen wird. Denn allmählich beginnen selbst konservative Verfassungspatrioten in den USA zu begreifen, welch faules Ei sie sich ins Nest gelegt haben.


17.02.2017

Freude! Sie sind wieder da. Riesige Kranichschwärme ziehen mit himmlischem Gesang von Südwesten heran über den Westerwald. Frühling kommt.


13.02.2017

Der Bundestagswahlkampf fängt nicht gut an. Es wird vor allem zwischen den beiden großen Parteien vom Start weg zu viel mit Polemikschlamm auf Personen geschmissen. Die Herrschaften sollten sich vergegenwärtigen, dass dies eine der schwierigsten Wahlen seit Bestehen der Bundesrepublik wird. Denn es geht um wesentlich mehr als nur die Frage, ob am Ende Merkel oder Schulz die Nase vorn hat. Es geht ZUGLEICH um die Glaubwürdigkeit und den Rückhalt der Demokratie im Volk.

Eine Dreckschlacht nach US-Muster würde diesem Ziel schaden und nur der AfD nutzen. Ihr sollt deshalb durchaus keinen Burgfrieden halten. Aber es wäre gut und hilfreich, wenn die demokratischen Parteien ihren Wahlkampf diesmal mit Augenmaß und Anstand auf einen beispielhaft gehaltvollen Wettbewerb ihrer POLITISCHEN Ideen, Vorstellungen, Pläne, Absichten konzentrieren würden. Bloßen Theaterdonner braucht kein Mensch.


18.02.2017

Sah der große US-Schriftsteller Philip Roth einen wie Trump kommen? Während derzeit in den USA die Verkaufszahlen für Orwells SF-Klassiker "1984" durch die Decke gehen, kam mir Roth' "Verschwörung gegen Amerika" aus dem Jahr 2004 wieder in den Sinn. Bei Kritik und Publikum war das kein sehr erfolgreicher Roman, man hielt vor 13 Jahren allgemein die Rahmenkonstruktion dieser Familiengeschichte für gar zu abwegig: Statt 1940 zum dritten Mal Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten zu machen, wählen die Amerikaner völlig überraschend den populären Fliegerhelden und Nazi-Sympathisanten Charles A. Lindbergh ins Weiße Haus. Was einem damals wie eine recht abstruse literarische Fiction vorkam, erzeugt jetzt beim Wiederlesen beklommenes Staunen. Denn Roth schildert einen schleichenden Prozess der Entdemokratisierung des Landes, der subkutanen Verdummung und rassistischen Durchseuchung der Gesellschaft, wie wir ihn eben jetzt teils mitansehen müssen.


05.02.2017

Auch wenn sie in den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten am deutschsprachigen Theater ein überbordender Megatrend geworden ist, so bleibt die Prozedur doch jedesmal ein hochriskantes Unterfangen: Literarische Werke, die geschaffen wurden für die intime Zweisamkeit von Leser und Buch, in Bühnenstücke zu verwandeln. Das Theater Koblenz hat sich nun einen Gegenwartsroman vorgeknöpft:
Michael Köhlmeiers „Die Abenteuer des Joel Spazierer”, 2013 von der Literaturkritik begeistert aufgenommen. Die jetzige Uraufführung der Koblenzer Theatralisierung hinterlässt beim Theaterkritiker hingegen vor allem Ratlosigkeit.

Premierenkritik hier
(4200 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


01.02.2017

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt: Tilt, Systemabbruch, Maschin' kaputt = Männergrippe reloaded. Am Montagabend zur FSJ-Seminarwoche auf Jugendburg Hohensolms angereist, am Dienstagmorgen nach friebriger Nacht frustriert fluchend wieder abgereist. Bleiben wäre sinnlos gewesen wg. Hirnvermatschung und Leibesauflösung. Ich wollte auch nicht der Seuchenherd sein, dem nachher sämtliche Kultureinrichtungen in Rheinland-Pfalz Krankmeldung ihrer Freiwilligen verdanken. Delirierend von allem möglichen, hüte ich nun daheim das Krankenlager - und warte ergeben auf das Ende des Anfalls.


24.01.2017

Steffen Fuchs, Ballettchef des Theaters Koblenz, hat für die aktuelle Produktion mit seiner Kompagnie vier berühmte Kompositionen von Johann Sebastian Bach ausgewählt. Das summiert sich im intimen Rahmen der Probebühne 4 unter dem Titel „Bach-Ballett” zu einem 90-minütigen abwechslungsreichen Abend auf bemerkenswertem Niveau. Der ist bis zur Pause von teils sehr ernstem Charakter, bietet nachher zwei frisch-frech-humorige Kabinettstückchen.

> Premierenbesprechung hier
(3900 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


23.01.2017

Die Tanzkompagnie des Staatstheaters Mainz hat für ihre aktuelle Premiere eine besondere Örtlichkeit in der Landeshauptstadt ausgesucht. Mit zehn Akteuren bringt sie ein „Shift” betiteltes Werk in der Christuskirche zur Uraufführung. Das Stück hat Rui Horta eigens für dieses evangelische Gotteshaus choreografiert. Die Produktion ist Teil der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Im Anfang war das Wort” von Staatstheater und Evangelischem Dekanat Mainz anlässlich des Jubiläums „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation”.

> Premierenbesprechung hier
(3500 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


22.01. 2017

Noch ein Wort zur gestrigen überparteilichen Koblenzer Demonstration gegen den Kongress der Rechtsradikalen:
Kein Mensch hatte vorab in dieser kleinen Stadt 5000 Demo-Teilnehmer für möglich gehalten. Sämtliche Erwartungen sind um ein Vielfaches übertroffen worden. Mag sein, dies ist ein Indiz dafür, dass die angesichts des rechtspopulistischen Booms und "postfaktischen" Geschreis teils in schiere Schockstarre verfallene freiheitlich eingestellte Mehrheit im Land allmählich wieder zu sich kommt. In diesem Sinne wirkt die Koblenzer Demonstration vielleicht auch ein bisschen als Weckruf und Mutmacher weit über die Grenzen der Stadt hinaus.


 

21. 01.2017

Schöne und große Demonstration heute in Koblenz gegen Kongress der EU-Rechten dort. Alle Altersklassen, sozialen Schichten und eine vielzahl von Richtungen vertreten. Mit von niemandem erwarteten 5000 Teilnehmern die größte politische Kundgebung in der Rhein-Mosel-Stadt seit Jahrzehnten - und damit ein wichtiger Beitrag auch zum Ringen um die Atmosphäre im Land. Ist mir eine Freude, dabeigewesen zu sein.


20.01.2017

Sorry, liebe Leut', aber es treibt mich um.
Diejenigen von Euch, die in Koblenz und dem weiteren Umfeld daheim sind: Geht am Samstag mit demonstrieren! Gegen die versammelten europäischen Rechtsradikalen um Petry, Le Pen und Wilders. Mag es auch kalt sein, Euch dieser oder jener Kundgebungsredner nicht zusagen, der eine oder andere Mitdemonstrant nicht behagen, oder mögt Ihr noch nie im Leben demonstriert haben: Das ist alles nebensächlich. Denn spätestens seit Björn Höckes "Schandmal"-Rede müsste nun jedermann klar sein, was sich da zusammenbraut. Die Würfel sind gefallen; also Demokraten und Humanisten: Raus aus den Sesseln und wehret den Anfängen! (11 Uhr, KO Hauptbahnhof)


19.01.2017

Mal was Schönes. Dicht gefüllt mein Kalender für die nächsten Tage, aber mit lauter vielversprechenden Terminen:
Für den heutigen Abend (Do, 19.1.) hat mich die Theatergemeinde Koblenz als Gesprächsgast eingeladen, um über dies und das aus der Arbeit des Kulturjournalisten und regionalen Theaterkritikers zu plaudern (19 Uhr, Genusswerkstatt, KO Clemensstr. 18, freier Eintritt, auch Nichtmitglieder sind willkommen).

Am Samstag wird dann erst gegen die in Koblenz zum Kongress versammelten europäischen Rechtsradikalen demonstriert (ab 11 Uhr KO-HBF) - ihnen auch im Schulterschluss mit Schiller, Beethoven und der Rheinischen Philharmonie (und dem schönen Beispiel des Staastheaters Mainz folgend) die "Ode an die Freude" entgegengeschmettert. Am Abend geht's nach Mainz, wo die Tanzkompagnie des Staatstheaters in der Christuskirche sich mit Luthers Geist auseinandersetzt. Am Sonntagabend folgt im Theater Koblenz noch einmal Tanzkunst: Premiere hat ein Bach-Ballett von Steffen Fuchs auf der probebühne 4.

Und noch ein Hinweis aufs übernächste Wochenende: Am 28.1. wird im Haus der Jugend Montabaur der vergangenes Jahr ausgefallene DADA-Tag mit diversen Workshops von Künstlerkollegen für jederman nachgeholt. Dabei im Rahmen der abendlichen Schlussveranstaltung letztmals zu erleben: Mein Vortrag "Dada lebt" (ab ca 19 Uhr in einer 45-minütigen Kurzfassung). >>Infos zum Dada-Tag hier


18.01.2017

Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt ziemlich unbeliebt zu machen: Ich habe nie viel davon gehalten, dass man sich bei der Bekämpfung der NPD primär auf das Bemühen um juristisches Verbieten der Neonazi-Partei konzentriert.

Dazu und zum BVG-Urteil einige Anmerkungen hier
(freier Lesetext)


16.01.2017

Der erster Einsatz als Schauspielkritiker im neuen Jahr führte mich ans Staatstheater Wiesbaden zu Alan Ayckbourns Science-Fiction-Komödie "Ab jetzt". Was bei Entstehung des Stückes 1987 noch Zukunftsmusik war, ist heute vielfach kaum hinterfragter Alltagsstandard: Vernetzung von Haustechnik, Überwachungssysteme allüberall, freiwilliger Verzicht auf Privatsphäre sowie alsbald Ersetzung sozialer Funktionen durch Roboter. Wiesbaden gibt dazu einen hübschen Schmunzelabend mit ernstem Hintersinn.

>> Premierenbesprechung hier
(kostenpflichtiger RZ-Text, 3600 Anschläge, 49 Cent)


13.01.2017

Wie wohl auf allen südwestdeutschen Höhen war auch bei mir am Morgen als erste Bürgerpflicht aufgerufen: Schneeschippen. Für den Unterwesterwald treffender gesagt: Schneematschschieben. Denn würde die nasse Pampe nicht in solchen Massen herniederstürzen, sie wäre bald verschwunden - die Lufttemperatur pendelt um den Schmelzpunkt. Weshalb ich annehme, dass die Flachländer in den Rhein-Städten aktuell weniger Mühe haben. Jedenfalls motiviert die Wetterlage, meine diesmal wegen Pflichtengeknubbels sehr früh geschriebene Monatskolumne "Quergedanken" vorzeitig zu veröffentlichen. Sie passt einfach zu schön.

Quergedanken Nr. 144 "Und plötzlich war da WETTER"
(freier Lesetext, 3380 Anschläge)


11.01.2017

Tipp: Heute (Mi 11.1.) Fernsehabend, und der auch noch verfrüht beginnend.

- Unser pfälzischer Dichterfreund Michael Bauer spielt in der SWR-Sendung "Kaffee und Tee" zwischen 17 und 18 Uhr eine zentrale Rolle, u.a. im Gespräch mit Martin Seidler.

- Um 18.30 Uhr umschalten auf NDR-Fernsehen zur Live-Übertragung vom Eröffnungsfestakt der Elbphilharmonie.
- Auf selbigem Sender ab 20.15 Uhr live das Eröffnungskonzert dieses "ersten architektonisch herausragenden neuen Großbauwerks in Deutschland im 21. Jahrhundert".
- Sofort nach Konzertende umschalten aufs Erste zur Doku "Die Elbphilharmonie - Konzerthaus der Superlative".


10.01.2017

Das aktuelle politische Ringen um die Sicherheitsstruktur Deutschlands vor dem Hintergrund terroristischer Bedrohung wird leider wenig hilfreich belastet durch allerhand bloße Parteilichkeitsreflexe nach der Devise: Was von dieser oder jener Partei kommt, ist per se Mist. Diese ungute, leichtfertige und in der Sache wenig hilfreiche Praxis ist gerade im Hinblick auf die 2017er Wahlen bei Parteipolitikern leider ebenso verbreitet wie in Teilen der Bevölkerung.

Dazu einige Anmerkungen hier
(freier Lesetext)


09.01. 2017

"Lesen ist die wunderbarste Gewohnheit, die es gibt - aber es ist eben auch eine Gewohnheit, die geübt sein will, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Man muss lernen, sich in das Geschriebene zu versenken, allein zu sein mit seinem Buch. Wer aber alle paar Minuten eine neue E-Mail aufruft, Nachrichten oder Bilder empfängt oder verschickt, wird wahrscheinlich nicht zu einem Menschen, der sich ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen kann."

So Felicitas von Lovenberg jetzt im Interview. Die frühere FAZ-Literaturchefin und heutige Leiterin des Piper Verlags ist eine sehr gescheite Frau. Vor etlichen Jahren war ich ihr Sparringspartner bei einem bewusst scharf angelegten Interview für Probeaufnahmen im 3sat-Studio Mainz. Die sympathische Dame fand auch noch die kleinste Unstimmigkeit in meinen Antworten - und am Ende sah ich ziemlich alt aus.


07.01. 2017

Manchmal schießen dem alten Kerl ohne jeden momentanen Anlass seltsame Gedanken durchs Hirn. So heute beim geruhsamen Samstagsfrühstück dieser: Niemand käme auf die Idee, Martin Luther dafür verantwortlich zu machen, dass die Reformation das bis dahin schlimmste Völkergemetzel der Menschheitsgeschichte zur Folge hatte: den Dreißigjährigen Krieg. Dem 1883 gestorbenen Karl Marx hingegen wurden/werden sämtliche unter der Etikettierung "Sozialmus" entstandene Despotien und begangene Gräuel des 20./21. Jahrhunderts in die Schuhe geschoben.

Ergebnis: Kaum jemand befasst sich mehr mit dem, was der Rauschebart aus Trier tatsächlich geschrieben hat. Das ist bedauerlich. Denn wie Luther dereinst das damalige papistische Kirch-und Glaubenssystem radikal analysierte und kritisierte, so Marx das bis heute fortexistierende System des Kapitalismus. Wäre der Anti-Marx-Reflex nicht fest in der Gegenwart verwurzelt, manch einer könnte für sich eine Lektüre - zB das kleine und allgemeinverständliche "Kommunistische Manifest" - wieder oder erstmals entdecken, die bei Verständnis und Bewertung gerade heutiger Entwicklungen im Zuge des globalen Turbokapitalismus recht hilfreich sein kann.


04.01.2017

Ein langjähriger Leser meiner Artikel meinte vorhin am Telefon: "Man muss ihr aktuelles Neujahrsessay im Zusammenhang mit dem Neujahrsessay von 2016 lesen. Das ergibt eine hochinteressante Verbindung zwischen menschlicher Entwicklungsgeschichte und Gegenwart." Stimmt. Weshalb hier auch der Essaytext vom vergangenen Januar nochmal als Lektüre ans Herz gelegt sei.

2016-01-02 Neujahrsessay:
Veränderung ist der historische Normalzustand

(Freier Lesetext, 11500 Anschläge)


03.01.2017

Ein westerwälder Keramikkrug aus dem 17. Jahrhundert. Milchtopf, Wasserkrug, Weinbembel oder zu welchem Verwendungszweck auch immer er dereinst auf dem Küchenbord stand. Jedenfalls wurde er vor mehr als drei Jahrhunderten plötzlich zweckentfremdet - und kam gerade deshalb in Koblenz-Ehrenbreitstein, randvoll mit Münzenbefüllt, überraschend erst auf die Nachwelt des 20. Jahrhunderts und jetzt in Forscher- und Bewahrerhände der Gegenwart. Behältnis und Inhalt haben eine interessante Geschichte über einen kurtrierischen Steuereintreiber anno 1688 in Ehrenbreitstein zu erzählen.

> Ganzen Artikel lesen hier
(freier Lesetext, 5400 Anschläge)


02.01.2017

Seit anno 2000 füllt alljährlich am ersten Werktag des neuen Jahres mein Neujahrsessay die ganze Kulturseite der Rhein-Zeitung. Heuer steht es unter der Überschrift "Wenn Angst die Seele auffrist" und befasst sich mit vermeintlichen, tatsächlichen, provozierten, herangezüchteten, geschürten, übersteigerten Ängsten, die unsere Gesellschaft derzeit umtreiben: a) Angst vor Terror, vor Überfremdung, vor den Folgen der Globalisierung; b) vor nationalem Radikalkonservatismus, vor Deliberalisierung von Politik, Staat und Gesellschaft; c) Angst der jungen, kulturell polyglottten Generation vor einem nationalen und reaktionären Rollback.

>>Neujahrsessay lesen hier
(kostenpflichtiger RZ-Text, 11500 Anschläge, 49 Cent)


01.01.2017

Alle gut rübergekommen? Keinen Finger weg-, kein Hirn vollends abgeschossen? Mein Silvesterhöhepunkt: Wohnzimmerschwof mit The Rolling Stones in Havanna. Meine Vorsätze für 2017:

1.) Gelassener, freudvoller, liebestoller, etwas vernünftiger und ein bisschen unvernünftiger werden - mag die Menschenwelt auch verrückt spielen. Denn die Welt dreht sich weiter, mit oder ohne durchgeknallte Zeitgenossen.

2.) Vom Zeitgeist nicht treiben oder verführen lassen, die eigenen Grundüberzeugungen aufzugeben. Die da wären:

- Die Würde des Menschen ist unantastbar und gerade wegen der wunderbaren Unterschiedlichkeit aller Menschen war und bleibt es richtig, gleiches Recht und gleiche Achtung für alle erstreiten zu wollen.

- Es war und bleibt richtig, dass die Starken den Schwachen helfen, diejenigen ohne Not denen, die in Not geraten sind - egal woher sie stammen, wie sie aussehen, sprechen, essen, singen, beten.

- Es war und bleibt richtig, Frauen und Männer beruflich, politisch, privat in gleiche Rechte und Pflichten setzen zu wollen. Es war und bleibt richtig, Lesben und Schwule mit Heteros gleichstellen zu wollen.

- Es war und bleibt richtig die Prügelstrafe für Kinder zu verbieten und die Zuchtpädagogik durch eine Pädagogik des Verstehens und Förderns zu ersetzen (so mangelhaft die im einzelnen sein mag). Ebenso war und bleibt es richtig, dem Recht auf Bildung für alle das Wort zu reden.

- Es war und bleibt richtig, den Nationalismus überwinden zu wollen und ein vereintes Europa freier Völker und kultureller Vielfalt anzustreben. Wie es zugleich richtig war und bleibt, dieses Europa weder einem abgehobenen Politapparat noch den Konzernen und Banken zu überlassen.

- Es war und bleibt richtig, den Kapitalismus nicht für der menschlichen Weisheit letzten Schluss zu halten. Wie auch richtig war und bleibt, dem neoliberalen Turbokapitalismus strenge Grenzen setzen zu wollen.

- Es bleibt richtig, das islamistisch-terroristische sowie das neonazistisch-terroristische Barbarentum mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen - ohne deshalb die eigene Freiheit und die Humanität der Gesellschaft dranzugeben.

- Es war und bleibt richtig, jeder Pauschalverurteilung von Ethnien, Volksgruppen, Bevölkerungsteilen, Sozialschichten, Kulturen, Religionen die Stirn zu bieten.

- Es war und bleibt richtig, unablässig für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Schutz der globalen Ökosphäre als wichtigste Zukunftsfragen der Menschheit zu streiten.

Mag das komplexe Gewebe der Realität auch in tausenderlei Einzelfällen schwierige Fragen aufwerfen und besondere Erwägungen erforden: An diesen Grundhaltungen kann, soll, will ich mich nicht irre machen lassen.


Seiten