365 Jahre Koblenzer Orchestergeschichte – mit etlichen Brüchen

Kleiner Rückblick, Teil, 1654 bis 1985

ape. Es ist gute Tradition in der Kulturpublizistik, nach längstens einer halben Generation die Geschichte bedeutender Kulturinstitutionen mal wieder ins Gedächtnis zu rufen – vor allem aber den zwischenzeitlich nachgewachsenen jüngeren Teil des Publikums erstmals damit vertraut zu machen. Dies soll nun hier im Hinblick auf die Rheinische Philharmonie und deren Vorgeschichte geschehen, mit einem knappen Artikel, der die wichtigsten Marksteine der Historie anleuchtet.

Eigentlich werden dafür gerne runde Geburtstage als Anlass genommen. Da ein solcher derzeit nicht auf dem Kalender steht, behelfen wir uns mit einem unrunden: 365 Jahre Koblenzer Orchestergeschichte. Das ganz groß gefeierte 350er-Jubiläum liegt nun schon 15 Jahre zurück. 2004 wurde es mit einem denkwürdigen Großkonzert in der Sporthalle Oberwerth begangen: Unter Leitung von Shao Chia Lü hatte ein Musizierapparat aus zwei Sinfonieorchestern (Koblenz und Heidelberg) sowie zehn Chören vor 3000 Zuhörern Schönbergs „Gurrelieder“ aufgeführt. 2013 folgte ein Jubiläum, das sich auf die jüngere Geschichte im Koblenzer Musikleben bezog: Gemeinsam begingen Staatsorchester Rheinische Philharmonie und Musikschule Koblenz mit einem Konzert ihr 40-jähriges Bestehen, damit verbunden der Freundeskreis der Rheinischen Philharmonie seinen 25. Geburtstag.

Auf also 365 Jahre wird die örtliche Orchestergeschichte nun gemeinhin definiert. An deren Anfang stand eine 20-köpfige, anno 1654 vom Trierer Erzbischof und Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen für seine Koblenzer Residenz gegründete Hofkapelle. Von dort führt die historische Entwicklung mehr oder minder geradlinig zum heutigen Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Diese verbreitete Betrachtungsweise ist einerseits richtig, weil es in Koblenz die meiste Zeit über immer nur ein einziges Orchester gab. Sie idealisiert allerdings auch etwas, denn dessen Geschichte ist über die Jahrhunderte auch wiederholt völlig abgerissen. Beispiel: Galt die Koblenzer Hofkapelle unter dem letzten Trierer Fürstbischof Clemens Wenzeslaus in den 1780er-Jahre noch als eine der größten in deutschen Landen, so hatte sie sich 1794 in Luft aufgelöst. Der kurfürstliche Hof zu Koblenz hatte vor den anrückenden französischen Revolutionstruppen das Weite gesucht, anbei wurden die Hofmusiker in alle Winde zerstreut.

Es gab dann in der Stadt 14 Jahre lang gar kein Orchester. Ein Neuanfang erfolgte 1808 mit der Gründung des Musik-Instituts Koblenz durch den Bürger Joseph Andreas Anschuez.  Der sammelte um sich Mitstreiter für die Einrichtung einer Institution zur Pflege und Förderung der Musikkultur in der französischen Rhein-Mosel-Stadt. Es entstand – jetzt nicht mehr unter feudaler, sondern  bürgerlicher Ägide – ein ganz neues Orchester, zusammengesetzt aus Berufsmusikern der Region, passionierten Laieninstrumentalisten sowie Militärmusikern. Von Letzteren gab es ab der 1815 beginnenden preußischen Zeit am Ort stets reichlich, denn Koblenz war eine riesige Garnison, und bisweilen hielten sich in den hiesigen Kasernen mehr als ein halbes Dutzend Armeemusikkorps auf.

Von 1808 an war das Koblenzer Orchester für fast ein Jahrhundert primär das Orchester des Musik-Instituts, zugleich das Theaterorchester. Jedenfalls während der Hauptspielzeit im Winterhalbjahr. Man muss sich bewusst machen, dass viele Orchester jener Zeit – sofern sie nicht zum festen Inventar von Fürstenhöfen zählten – ganz anders strukturiert waren als heutzutage. Niemand hatte da eine Jahre oder Jahrzehnte währende Festanstellung. Eher führten die hauptberuflichen Zivilmusiker ein unsicheres bis prekäres Dasein als saisonale Honorarkräfte. Wer Glück hatte, erhielt fürs Winterhalbjahr einen Vertrag für ein Konzert-/Theaterorchester wie dem Koblenzer und kam in der anderen Jahreshälfte bei einer der vielen Kur-Kapellen unter. Im Umfeld von Koblenz gab es solche ein bis vier Dutzend Musiker umfassenden Ensembles etwa in Bad Kreuznach, Bad Ems und Bad Neuenahr. Doch für jede Saison wurden die Karten neu gemischt, die Honorarstellen neu vergeben, der Klangkörper neu zusammengesetzt, mit wechselnden Militärmusikern und Dilettanten aufgefüllt. Wunderlich ist weniger, dass die musikalischen Ergebnisse sich wohl von den heutigen Standards unterschieden haben dürften. Beeindruckend ist vielmehr, dass in Koblenz immer wieder auch die größten und anspruchsvollsten Werke der Klassik zur Aufführung kamen.

Am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert stand plötzlich die Idee im Raum, Koblenz möge sich von der vorherigen labilen Orchesterpraxis verabschieden und ganzjährig ein ständiges Profiorchester installieren. Hintergrund war der 1901 vollendete Erstbau einer repräsentativen städtischen Festhalle. Deren Saal bot 1200 Plätze und eine so am Ort noch nie erlebte Akustik, was die zuvor auf Wirtshaussäle und Schulaula beschränkte Konzertkultur räumlich auf ein völlig neues Niveau heben würde. Dem sollte fortan auch die Qualität des Orchesters entsprechen. Anvisiert wurde ein Künstler-Orchester in der Trägerschaft eines zu gründenden Philharmonischen Vereins, das sich finanziert aus kommunalen Zuschüssen und Einlagen der Vereinsmitglieder sowie Engagements bei Musik-Institut, Stadttheater, Casino-Gesellschaft und benachbarten Orten. Auf dieser Grundlage wurde im März 1901 der Philharmonische Verein zu Koblenz als Orchesterträger gegründet und mit einem finanziellen „Garantiefond” ausgestattet.

Sehr schnell ging es dann mit dem „Aufbau” des neuen Orchesters: Es wurde kurzerhand das Bad Kreuznacher Kurorchester mitsamt seinem Chefdirigenten Heinrich Sauer als neues Philharmonisches Orchester Koblenz engagiert. Die Sache ließ sich gut an – doch ward ihr gleich zu Anfang ein schwärendes Problem in die Wiege gelegt: Die Stadt Koblenz knüpfte an ihre Bezuschussung unerwartet die Bedingung, das Orchester doch nur jeweils für die Wintersaison zu engagieren. Folge: Die Musiker um Heinrich Sauer mussten zusehen, wie sie den Sommer über auf eigenes Betreiben ihr Brot verdienten. Bis 1907 hielt diese Konstruktion. Dann plötzlich wanderte der gesamte Sauer‘sche Klangkörper mit Sack und Pack nach Bonn aus und gründete dort das Beethoven Orchester. Die Nachbarstadt hatte wohl bessere Konditionen angeboten. Koblenz indes stand nun, just wenige Monate vor den Jubiläumsfeiern zum 100. Geburtstag des Musik-Instituts, ganz ohne Orchester da. Weshalb man kurzerhand den Kreuznacher Coup von 1901 wiederholte, nur dass jetzt das Kurorchester aus Bad Neuenahr als Stadtorchester am Rhein-Mosel-Eck installiert wurde.

Streng genommen wäre damit zu attestieren: Die Wurzeln des Koblenzer Staatsorchesters reichen weniger auf die kurfürstliche Hofkapelle zurück, sondern liegen weit im rheinland-pfälzischen Hinterland, in Bad Neuenahr und Bad Kreuznach. Letzteres ließe sich denn auch indirekt als eigentliche Wiege des Bonner Beethoven Orchesters bezeichnen. Am Rhein-Mosel-Eck spitzten sich derweil bis 1913 Probleme mit der Orchesterfinanzierung derart zu, dass der Bestand des Klangkörpers nur gewährleistet werden konnte, indem die Stadt vollends seine Grundfinanzierung für die Winterhalbjahre übernahm. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. An der „Heimatfront“ wurde zwar fleißig weitermusiziert, doch die Lücken im Orchester wurden immer größer. Nach Kriegsende und Revolution 1918/19 stabilisierte es sich nur langsam wieder – weiterhin als Saisonorchester, das je ein halbes Jahr von der Stadt Koblenz getragen wurde, während die Musiker in den übrigen Monaten sehen mussten, wo sie bleiben. 1922 beschloss die Reichsregierung eine Änderung des Versorgungsgesetzes für Angestellte. Daraus konnten die Musiker endlich einen Rechtsanspruch auf Festanstellung mit Pensionsberechtigung ableiten. Die Stadt sträubte sich, diesem Anspruch gerecht zu werden. Folge war ein Jahre anhaltender heftiger Dauerzwist zwischen Musikern und Kommune. Dieser verschärfte sich wiederholt derart, dass die Stadt Gehaltszahlungen einstellte und für die Gegenseite schließlich der Deutsche Musiker-Verband 1925 eine „Generalsperre“ über Koblenz verhängte (seinen Mitgliedern also deutschlandweit untersagte, in Koblenz zu gastieren).   

1928 kam die „Sparidee“ auf, die Orchester und Theater von Koblenz und Trier zu vereinen. 1929 machte der Vorschlag die Runde, ein Mittelrheinisches Orchester als GmbH ins Leben zu rufen, das Bonn, Koblenz und Trier bespielen sollte. Unter diese Überlegungen zog der Koblenzer Stadtrat am 26. Februar 1930 einen radikalen Strich: Das städtische Orchester wurde einfach aufgelöst. Nun aber erhob sich der kulturelle Selbstbehauptungswille von Künstlern und Bürgern: Es wurde eine „Notgemeinschaft ehemaliger Theater- und Orchestermitglieder der Stadt Koblenz“ aus der Taufe gehoben und das Orchester zum selbstverwaltet auf eigene Rechnung schaffenden „Philharmonischen Orchester“ rückverwandelt. Damit war man wieder beim Zustand der Jahre 1901 bis 1913.  

Formal änderten die Nazis ab 1933 an diesem Status nichts, zwangen gleichwohl die „Orchestergemeinschaft Koblenzer Berufsmusiker“ in die NS-Kulturstrukturen hinein. Was auf keinen großen Widerstand stieß, zumal ab 1937/38 das Stadtamt für Musik ein Monopol als  Konzertveranstalter am Ort innehatte – und noch während des Krieges „zur Stärkung der Volksgemeinschaft“ die Zahl der Konzerte gehörig steigerte. Am 25. August 1944 war allerdings Schluss: Zugunsten des „totalen Kriegseinsatzes“ wurden sämtliche Konzert- und Theateraktivitäten untersagt. Im März 1945 marschierten US-Truppen ins weitgehend zerstörte Koblenz ein. Schon sechs Monate später kam ein völlig neues Orchester zur ersten Probe zusammen, es würde sich bald „Rheinische Philharmonie“ nennen.

Im September 1945 lockt eine Zeitungsannonce Musiker aus ganz Deutschland an den Mittelrhein. Das eben von einem Verleger gegründete Radio Koblenz will sich ein eigenes Orchester zulegen. Per Anhalter, als Schwarzfahrer auf Eisenbahnwaggons, mit dem Fahrrad und zu Fuß strömen die Kandidaten zum Vorspiel am 15.9.1945 ins Kurhaus Bad Ems. Dieses Datum gilt als Gründungsdatum der Rheinischen Philharmonie. Im Oktober geht Radio Koblenz auf Sendung und nimmt das neue Orchester unter dem Dirigat von Walter May die Arbeit auf. Doch der Zauber des Anfangs verfliegt rasch: Nach allerhand Querelen entzieht die französische Besatzung dem privaten Radiomacher die Lizenz. Im März 1946 übernimmt der Südwestfunk (heute SWR) das Koblenzer Studio. Da der Sender sein eigenes Orchester hatte, verlor die Rheinische Philharmonie ihren Arbeitgeber. Doch das war nicht das Ende, sondern – wieder einmal – ein Anfang. Denn die Musiker blieben und hielten zusammen, als freiwillige Vereinigung, die sich selbst verwaltete. Der gewählte Orchestervorstand war fortan auch für Finanzen, Marketing und Organisation zuständig. Im Frühjahr 1946 gab die Rheinische Philharmonie im notdürftig hergerichteten „Filmpalast“ vor 700 Zuhörern dann ihr erstes Konzert als selbstverwaltetes Orchester.

In den Folgejahren absolviert diese kollegiale Musikervereinigung im Konzert- und Bühnenbetrieb von Stadt und Umgebung ein gewaltiges Pensum unter teils widrigsten Bedingungen. Ab 1955 fließt dann ein kontinuierlicher Finanzzuschuss vom Land. Die als Verein organisierte Rheinische Philharmonie bezahlt ihre Mitglieder von da an nach Tarif. Während der wirtschaftlichen Rezession um 1967 verzichten die Musiker für eine Weile auf Teile ihres Gehalts, um den Fortbestand des Kollektivs zu sichern. 1969 erhöht das Land die Zuschüsse. Und schließlich kommt aus Mainz die in Koblenz umjubelte Nachricht: Die Rheinische Philharmonie wird verstaatlicht, wird zum 1. Juli 1973 Landesorchester und heißt von da an Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Zwölf Jahre sollte es allerdings noch dauern, bis das Orchester auch ein eigenes festes Domizil bekam. Der Einzug ins Görreshaus am 15. August 1985 war zugleich glänzender Schlusspunkt des fast vier Jahrzehnte währenden Engagements von Bassposaunist Erhard May: Der 2012 verstorbene May war 1947 zum Orchester gestoßen, ab 1962 dessen Geschäftsführer und von 1975 bis zur Pensionierung 1985 dessen Intendant. Er war der zentrale Vordenker, Kämpfer, Strippenzieher, Verhandlungsführer auf Seiten des Orchesters – beim langen Nachkriegsmarsch von der Notgemeinschaft zum Staatsorchester der Gegenwart.

Andreas Pecht

 

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