Quergedanken

Quergedanken Nr. 122

ape. Statistiker sagen, vor allem ältere Leute würden im Verkehr öfter falsch einfahren und vor allem jüngere Männer mit ihrem hohen Testosteron-Spiegel allzu flott abfahren. In beiden Fällen sind die übrigen Beteiligten gelackmeiert, weil ihnen die Verfahrensweisen alter wie junger Deppen den Verkehr verleiden. Wie von der digitalen Moderne nicht anders zu erwarten, schlägt sie zur Problemlösung den Einsatz neuer Technologien vor: etwa fest installierte, elektronisch gesteuerte Sperrmechanismen in den Zu-/Abgangs-Zonen sowie jedem Verkehrsteilnehmer serienmäßig implantierte automatische Tempobegrenzer.

Walter prustet: „Was schreibst du denn da, um Himmels Willen. Das gibt wieder Ärger, von wegen der Autor sei ein übler Sexist.” Wieso Sexist? Was hätten denn Dobrindt oder der europäische Verkehrssicherheitsrat ETSC mit Sex zu tun? Um deren Vorschläge gegen Geisterfahrer auf der Autobahn und tödliche Raserei auf allen Straßen geht's. Es ist, mein Lieber, allein deine schmutzige Fantasie, die anderes aus dem obigen Absatz herausliest. Der Freund winkt ab: „Friede! Ich bin halt auch nur ein Mann und werde deshalb etliche hundert Mal am Tag von unterschwelligen bis schwellenden Libido-Assoziationen heimgesucht. Das sei Manns-Natur, sagt die Wissenschaft. Frauen hätten's da leichter, die müssten sich nur alle paar Stunden mal mit derartigen Anfällen plagen.”

Ach Kerl, Wissenschaft hin oder her: Behalt' deine Schwellungen gefälligst für dich! Zurück zum Verkehr – zum Straßenverkehr und dem Maut-Minister. Dessen Hirn entfleuchte neulich die „Idee”, an sämtlichen deutschen Autobahnauffahrten elektronische Geisterfahrer-Abwehrsysteme einzurichten. Das ist mal wieder so eine Denke, die ich partout nicht begreife. Ein solch flächendenkendes System würde viele Millionen, gar einige Milliarden kosten, je nachdem ob Geisterfahrer infolge sensorischer Erkennung zurückgeschlagen werden mittels Ampeln, fallender Schranken, hochfahrender Mauern, Reifenkrallen oder Panzersperren, von der Seite abgeschossener Fangnetze oder Granaten...

Angeregt von Autobahnauffahrten in Spanien, Frankreich, der Schweiz, schlagen wir für die im Vergleich düsteren, bei Regen, Nacht und Nebel vielfach nur erahnbaren Zu- und Abfahrten in Deutschland eine billigere Alternative vor: Man spendiere jeder Autobahnmeisterei hierzulande ein paar Eimer Leuchtfarbe, einige Kisten Katzenaugen nebst Bodenpfählen und einen Satz ordentlich reflektierender Schilder. Klar, am Dobrindt-System würde irgendjemand massig verdienen, wohingegen Farbe und Katzenaugen nur Kleingeld einbrächten.

Um solch profitablen Unterschied geht es wohl auch beim Vorschlag des ETSC gegen die automobile Raserei, die alljährlich weltweit mehr Menschenleben kostet als alle aktuellen Kriege zusammen. Danach soll in jedes Auto ein Apparat eingebaut werden, der elektronisch mit Straßenschildern kommuniziert und automatisch die Fahrzeuggeschwindigkeit drosselt. Ei gäbe das ein Geschäft! Knapp eine Milliarde Autos und Abermillionen Schilder aufrüsten. Wie wäre es denn stattdessen mit folgender Technikinnovation zwecks Rettung vieler Leben sowie Schonung von Umwelt, Geldbeutel und unser aller Nerven: Bau und Zulassung nur noch von PKWs, die maximal so schnell fahren können wie Tempolimits in den meisten Ländern der Erde erlauben: weniger als 130 km/h. Walter prustet: „Heilig's Blechle, das gibt jetzt richtig Ärger.”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 13. Woche im März 2015)

Quergedanken Nr. 121

ape. Walter summt munter den Marsch „Wir preußischen Husaren”. Dass ihm nicht der königstreue Originaltext auf der Zunge liegt, ist klar. Er grölt auch gleich jene Umdichtung, die seit 1800 von Soldaten oft gesungen wurde:

„O König von Preußen, / du großer Potentat, /

wie sind wir deines Dienstes / so überdrüssig satt! /

Was fangen wir nun an / in diesem Jammertal /

allwo ist nichts finden / als lauter Not und Qual... .”

Der Freund schließt mit der Aufforderung: „Diesmal sollst du richtig den Oberlehrer geben und eine Geschichtsstunde. Damit die Rheinländer im Preußenjahr 2015 nicht ganz vergessen, dass wir dank königlich-preußischer Bajonette statt 1848 erst 1918 zur ersten demokratischen deutschen Republik kamen.”

Rheinländer und Preußen: ein schwieriges Kapitel. Letztere haben die Eisenbahn ins Rheintal gebracht, die Industrialisierung des Rheinlandes forciert, und es sind ihnen gewissermaßen das Unesco-Welterbe am Mittelrhein sowie die Mehrzahl der Welterbestätten in NRW zu danken. Dennoch sträubt sich mir manches gegen das vom Rheinischen Verein ausgegebene Motto „Danke Berlin” für die diesjährige Gedenkkampagne anlässlich des Wechsels von französischer zu preußischer Fremdherrschaft über das Rheinland vor 200 Jahren.

Die Bayern haben's da leichter. Bei denen gehört das Urteil „Saupreußen, daamische!” seit anno Urtobak zum Brauchtum. Fragt man sie aber nach ihren aus der Pfalz eingeheirateten Wittelsbacher-Königen von Napoleons Gnaden, dann wird es auch zwiespältig – und geschichtsvergessen. Immerhin haben die Münchner ihren Ludwig I. vom Thron rebelliert, zuvor seine pfälzischen Untertanen ihn mit dem Hambacher Demokratiefest 1832 zur Weißglut getrieben und 1848/49 teils eifrig bei der badischen Revolution mitgefochten. Wer hat die blutig niedergeschlagen? Truppen unter preußischer Führung.

Zurück zu den Rheinländern. Die waren keineswegs glücklich, als ihre Heimat infolge des Wiener Kongresses preußische Rheinprovinz wurde. Goethe schrieb nach einem Besuch in Koblenz: „Der Zustand war nicht erfreulich, in welchem man die Menschen antraf, die nun einem Reiche angehören, dessen Mittelpunkt von ihnen durch Gebirge, Flüsse, Provinzen, ja durch Bildung, Denkweise, Religion, Sitten, Gesetz und Herkommen getrennt ist.” Und Preußens Innenminister klagte: „Die Rheinländer betrachten ihr Land als occupirt.” Weshalb in Düsseldorf Preußenprinzen mit Pferdeäpfeln beworfen wurden – wohingegen man ihnen in Koblenz untertänigst Burg Stolzenfels schenkte.

Zu den Aufmüpfigsten gehörten die Koblenzer halt nie. Brav 800 Jahre Trierer Kurfürsten gedient, sich dann mit den Franzosen arrangiert, Vormärz und 1848/49er-Revolution verschlafen (**), die 1918/19er als Palaver im Theatersaal absolviert. Das Metternich-Gen sitzt tief am Deutschen Eck und das Görres-Gen neigt zu katholischer Bittstellerei. Man stellt hier keine Freiheitsbäume, höchstens Seilbahnmasten. Und man vergisst gerne, dass der „romantische” Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. nicht nur den Wiederaufbau der Rheinburgen initiierte und die Vollendung des Kölner Doms. Sondern dass er das Paulskirchen-Parlament auseinander trieb und Volkssouveränität als „Dreck” bekämpfte. Dass er die deutsche Demokratiebewegung 1849 zusammenschießen ließ und so weitere 70 Jahre Feudalregiment begründete.

Deshalb unser Vorschlag zur dialektischen Güte: Das Motto des Preußenjahres um ein Satzzeichen erweitern – „Danke Berlin?”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 9./10. Woche im Februar/März 2015)

Anmerkung zur Historie:

 

Am 27. Februar 1848 erhebt eine Volksversammlung in Mannheim Forderungen nach Volksbewaffnung mit freier Wahl der Offiziere, uneingeschränkter Pressefreiheit, Einrichtung von Schwurgerichten nach englischem Vorbild und sofortiger Herstellung eines deutschen Parlaments. Dies ist der Startschuss zur Badischen Revolution. Am Tag darauf erhebt eine Volksversammlung auch in Mainz republikanische Forderungen. Heidelberg folgt am 5. März – und dann gibt es kein Halten mehr: Der antifeudale, nationaldemokratische Impuls breitet sich in Windeseile über den ganzen Deutschen Bund und halb Europa aus.

Quergedanken Nr. 120

ape. Hochgeschätzte Leserschaft: Wir haben etwas zu feiern. Dies ist die 120. Folge der „Quergedanken”, und da jeden Monat eine erscheint, wird die Kolumne jetzt erstaunliche 10 Jahre alt. Singet also „Happy Birthday” und seid froh, dass niemand etwas anderes denkt als „weitermachen” – und zwar „wie bisher”. Das ist ja keineswegs selbstverständlich in so kurzatmigen Zeiten. 10 Jahre: Derweil hat beim „Spiegel” drei mal die Chefredaktion gewechselt, hat die „Zeit” ebenso oft ihr Layout umgeschmissen, haben ganze Mediengruppen neue Besitzer gefunden, chice Magazine dutzendfach das Licht der Welt erblickt und wieder das Zeitliche gesegnet. Wir aber sind noch da! In äußerlich altbewährter Schlichtheit, seit 2005 stets frisch dem Prinzip folgend: Auf den Inhalt kommt es an. Woraus Sie den grundsätzlichen Unterschied ableiten können zum 2015 ebenfalls anstehenden zehnten Geburtstag der Kanzlerschaft Merkel.

„Quergedanken”. Den Titel fanden wir zwar schon beim Start nicht sonderlich originell, aber halt passend für unsere Absicht. Die da wäre: Der Schreiber macht sich öffentlich so seine Gedanken über menschengemachte Götter und die Fragwürdigkeiten der Welt. Er scheut keine gewagten Sprünge quer durch diverse Themenkomplexe. Er liegt quer zu sämtlichen journalistischen Formatvorschriften. Und er stellt sich bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit quer zu Moden, Trends, Mainstreams, Blödsinnigkeiten und angeblich „alternativlosen Vernünftigkeiten”. Egal, wen er damit verärgert oder erfreut. Kurzum: Ich schreibe was und wie's mir passt oder auf der Seele brennt. Offensichtlich mögen viele Leute das.

Dem Kulturinfo-Herausgeber (*) ist bisweilen gewiss der Schreck in die Glieder gefahren. Schließlich steht er einem regionalen Anzeigen-Magazin vor. Aber als Verlegertypus guter republikanischer Schule blieb Günther Schmitz in der ihm eigenen Ruhe doch stets bei der souveränen Devise: „Ist als deine Meinung gekennzeichnet und wir haben Pressefreiheit. Ergo: drucken.” Gut getan, lieber Günther – damit mir sowie vor allem einer über die Jahre ziemlich groß gewordenen und treu gebliebenen Lesergemeinde monatlich Freude gemacht. Weil Jubiläumsfestakte meine Sache nicht sind, seien zur Feier des Ereignisses einfach mal drei Fragen beantwortet, die uns über das Jahrzehnt immer wieder aus der Leserschaft erreicht haben. 1. Wie komme ich zu meinen Themen? 2. Wie lange arbeite ich an solch einem Text? Schließlich 3. die Dauerfrage: Wer ist Freund Walter und gibt es den wirklich?

Zu 1.: Das Problem ist nie, Themen zu finden, sondern zu entscheiden, was von der Flut alltäglichen Irrsinns man nicht behandelt. Zu 2.: Sammeln und auswählen von Themen dauert den ganzen Monat, die Schreibarbeit dann zwei Tage. Sie (natürlich völlig unterbezahlt) besteht vor allem aus hinschreiben/verwerfen, hinschreiben/verwerfen, hinschreiben/ändern, Geändertes noch und nöcher verändern..... Denn es gilt auch für die „Quergedanken”, was Bodo Kirchhoff in einem Roman trefflich formulierte: „Geschichten kommen aus gefallenen Worten, nicht aus höheren Plänen; schon ein einziges Wort kann die ganze Richtung ändern.” Zu 3. höret Walter selbst: „Leute, bleibt mir bloß vom Leib! Nur das: Gäbe es mich nicht, der Herr Querdenker müsste mich erfinden; auf dass Schmackes an sein lauwarmes Gesülze komme. Und nun Alkohol: Auf weitere zehn Jahre – Hirn wie Herz frisch, frech, frei!”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 4./5. Woche im Januar 2015)

Erklärung für Leser/innen aus dem nicht-mittelrheinischen Rest der Welt:

Die Kolumne "Quergedanken" erscheint monatlich im Magazin "Kulturinfo". Und zwar in der Online-Ausgabe (>>www.koblenz-kultur.de) sowie auf Seite 2 der Print-Hauptausgabe, die mit einer Auflage von rund 64 000 Exemplaren im Großraum Koblenz/Neuwied sowie an der Untermosel, in der Vordereifel und an der Lahn verbreitet wird.

Quergedanken Nr. 119

ape. „Diese Überschrift geht nicht,” brummt Walter. „Die Leute denken sofort an die gleichnamige Musikgruppe, statt an den Wortsinn.” Och, das macht nix, lieber Freund, ich krieg die Kurve trotzdem. So nämlich: Es heißt, der Name „Einstürzende Neubauten” für die im Frühjahr 1980 gegründete Band von Blixa Bargeld sei inspiriert durch den Einsturz der Berliner Kongresshalle ebenfalls im Frühjahr 1980. Die Legende ist hübsch, aber falsch. Der Bandname existierte bevor das Hallendach des Westberliner „Leuchtturms der Freiheit” einbrach. Für den Crash hätte mancher damals gerne sowjetischen Tieffliegern die Schuld gegeben. Doch Baugutachter erkannten auf „Mängel in der Bauausführung” und „korrosionsbedingte Brüche” als Ursache für den Einsturz des schicken Gebäudes – das zu jenem Zeitpunkt gerade mal 22 Jahre alt war.

Womit wir bei einem Phänomen wären, das ich partout nicht begreife: Trotz ständig neuer, optimierter Baumaterialien sowie innovativer Fertigungs- und Bautechniken wird die Lebenszeit von Bauten und Verkehrsflächen immer kürzer, je jünger sie sind. Beispiel: Die Sanierung der berüchtigten Holperpiste A48 zwischen Koblenz und Trier. Ginge es nach meinem Hinterteil, könnte die eben beendete Arbeit von vorne beginnen. Denn an etlichen Streckenabschnitte eiert man auf der rechten Spur schon wieder durch von LKW ausgefahrene Wellen-Landschaften. Anderes Beispiel: Ich kenne zwei mit Klinkersteinen hübsch gepflasterte Kurzzeit-Parkplätze. Angelegt vor 20 Jahren, mussten beide seither ein Dutzend Mal neu gepflastert werden. Offenbar berechnet irgendwer die Beanspruchung von Untergrund und Pflasterung jedes Mal falsch.

Wär's nicht so traurig, man müsste lachen über die Sache mit den neuen Leitplanken für Autobahnen. Weil die gewohnten Planken aus Metall nach jedem Unfall ausgetauscht werden müssen, setzen Bundesverkehrsspezialisten seit einiger Zeit verstärkt auf Begrenzungen aus Stahlbeton. Die seien robuster, langlebiger, billiger und verursachten weniger Bausstellen. 40 Jahre sollten die Betonplanken laut Fach-Prognose halten. Leider stellt sich jetzt heraus, dass sie nach nichtmal zehn Einsatzjahren zu Bröselei neigen und deshalb wohl zwei bis drei Jahrzehnte vor der Zeit ausgetauscht werden müssen.

Glücklicherweise haben sich die Koblenzer Brücken als nicht ganz so kurzatmig erwiesen. Zwar sind nun fast alle zur Generalsanierung fällig geworden. Doch geht es da überwiegend um Bausubstanz, die immerhin seit den 1970ern Dienst tut. Ausgenommen die Kurt-Schumacher-Brücke über die Mosel: Noch keine 25, aber schon über Plattfüße, Krampfadern, Rücken klagen. Wären die Veteranen unter den deutschen Eisenbahnbrücken auch solche Jammerlappen, die Bahn hätte längst den Betrieb einstellen müssen. So aber sind gerade die Ältesten zähe Hunde: 9000 der 25000 Brücken des Bahnnetzes sind älter als 100 Jahre, stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.

Kriegt denn solche Langlebigkeit heute keiner mehr hin? Irgendwas läuft doch da falsch im modernen Bauwesen. Unter den traditionellen Fachwerk- und Bruchsteinhäusern in Westerwald, Eifel, Hunsrück haben die meisten locker 150, viele 300, manche 500, einige 1000 und mehr Jahre auf dem Buckel. Wenn ich mich in Neubaugebieten umsehe, durchs Frankfurter Bankenviertel oder über den Koblenzer Zentralplatz gehe, traue ich keinem der dortigen Gegenwartsbauten zu, jemals ein ähnliches Alter zu erreichen.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 52. Woche im Dezember 2014)

Quergedanken Nr. 118

ape. In Lutz Seilers Roman „Kruso” hat mich folgender Satz regelrecht angefallen und nicht mehr losgelassen: „Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält.” Es war, als schalte er in der Trübnis meiner jüngsten Stimmungen das Licht dieser Erkenntnis an: Schnauze voll vom ekligen Weltengang – von Wachstumswahn und Wandlung des Menschen zur verblödeten Konsummaschine, von Auszehrung der Freiheit durch Finanzkapital und Bigdata... Erst recht die Schnauze voll von der Verarsche, dies sei „Fortschritt”. Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält.

„Nix da, verpissen geltet nicht! Der Herr Querdenker haben bloß den November-Blues”, platzt Freund Walter in die Melancholie und watscht mir einen Satz von Harald Martenstein auf die Backen: „Man sollte sich mit den Starken anlegen, man sollte mit jedem Text, mit vollen Segeln in den Shitstorm hineinsteuern.” Ist doch sinnlos, mein Lieber. Schau Dir bloß den Weihnachstrubel an: Der Kapitalismus hat die Quadratur des Kreises hingekriegt, er hat die Deutschen zum geizigsten Schnäppchenjäger-Volk auf Erden gemacht und lässt sie zugleich so viel Geld wie nie zuvor noch für die deppertsten Konsumgüter verschwenden.

„Ja, ja, ja, der Neoliberalismus frisst Hirne, Herzen, Leiber; manipuliert Wünsche, Lebenspläne, Glücksgefühle; deformiert Mit- und Zwischenmenschlichkeit. Schreib' weiter – denn verloren haben wir erst, wenn keiner mehr merkt, was vor sich geht und niemand mehr öffentlich Anstoß daran nimmt.” So spricht der Freund zornig, und während er spricht hauen meine Finger schon wieder munter in die Tasten. Dann sagt er dies: Abseits des Mainstreams gäbe es inzwischen eine Menge Leute, die mit dem Postwachstumsleben einfach schon mal anfangen. Die nicht länger auf Politik und Wirtschaft warten, weil denen zu allem sowieso nur einfiele, nach noch mehr Wachstum zu schreien. Obwohl doch jeder Vernünftige wisse, dass Umverteilung und Reduktion das Gebot der Stunde sein müssten.

Und Walter erzählt vom Spaß, den es macht, die Konsumeinflüsterer auflaufen zu lassen. Wie? Durch Verhalten nach folgenden Regeln: Die beste Kaufentscheidung ist, nicht zu kaufen. Die nächstbesten Kaufentscheidungen sind, kleiner und weniger kaufen, nur Reparierbares kaufen, primär regional kaufen, öfter gemeinsam kaufen und das Gekaufte gemeinsam nutzen. Nur kaufen, was man nach reiflicher Überlegung tatsächlich braucht und/oder dauerhaft wertschätzt. Andere Gewohnheiten einüben, die Längernutzung von Gütern den Vorzug geben vor Neuanschaffung. Selber machen, woran man Freude hat, es zu machen; etwa Obst/Gemüse ziehen, Socken stricken oder Genossenschaften gründen.

Klingt etwas abstrakt, aber Walter und ich tragen an einem schließlich (feucht)fröhlichen Abend 1000 praktische Ideen zusammen, die zeigen: Jeder kann auf seine Weise – und ohne tausende Euro für neue „Spartechnik” auszugeben – einsteigen in den Ausstieg aus dem Wachstumskarussell. Wird die Welt dadurch besser? Schlechter jedenfalls nicht. Was garantiert besser wird, ist das eigene Lebensgefühl. Denn: Sich weniger vom Lohn für unsinniges Neuzeug abluchsen zu lassen, macht gute Laune, nützt der Umwelt und unseren Nachfahren. Gleich tönt Wehgeschrei aus allen Oberetagen: Würden Millionen so verfahren, das Wachstumsmodell wäre im Eimer. Dazu Walter: „Das ist der Sinn der Sache.” Und jetzt ein Shitstorm der Wachstumsfraktion.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 48. Woche im November 2014)

Quergedanken Nr. 117

ape. Kennt irgendwer irgendjemanden bei dem irgendeine Umstellung der Telekommunikations-Technik problemlos ablief? Vertragsänderung, Anbieterwechsel, Anschlussumstellung, Umstieg auf neue Hard-/Software oder Netztechnik...: Ich jedenfalls weiß von keinem, bei dem das so schnuckelig einfach und auf Anhieb funktioniert hätte wie von den Anbietern versprochen. Vielmehr könnte ich auf Basis der Erfahrungsschilderungen allein aus dem nahen Bekanntenkreis ein mehrbändiges Kompendium mit absurdesten aber wahren Geschichten füllen.

Drei aktuelle Beispiele. Da legt sich ein Kollege das neueste Smartphone eines hippen Obstkonzerns zu. Das Ding funktioniert die ersten zwei Wochen meist gar nicht und wenn doch, dann nicht so wie angepriesen. Es bedarf über Tage jeweils stundenlanger Mühen, um mittels peu à peu nachgereichter Updates und mit Hilfe technisch versierter Freunde ein paar Grundfunktionen nutzbar zu machen. Zweiter Fall: Ein in Koblenz wohnender Bekannter will seinen Anschluss beim größten Telefon-/Internet-Anbieter Deutschlands auf die neueste Netztechnik umstellen lassen. „Kein Problem” sagt die nette Dame im Call-Center des Anbieters. Doch obwohl dessen Techniker bald sogar leibhaftig im Hause herumwuseln, muss mein Bekannter nachher einen eigenen Spezialisten engagieren, damit der das versprochene „Kein Problem” so zurechtfriemelt, dass man wieder telefonieren und surfen kann.

Dritter Fall (hier nur die Kurzform eines mehrwöchigen Irrsinns). Junger Mann will von Rheinhessen aus im Haus seines Opas im Odenwald den uralten Analog-Anschluss internettauglich machen lassen. Von der Erstberatung bis zur Terminvereinbarung für den Technikerbesuch hat der Enkel im Call-Center des größten deutschen Telefon-/Internetanbieters bereits drei Stunden mit Warteschleifen-Meditation verbracht, fünf verschiedene Mitarbeiter gesprochen und von jedem gesagt bekommen: „Kein Problem”. Fünf mal hatte er auch ausdrücklich vereinbart, dass die Abwicklung über ihn läuft, damit ja der alte Mann nicht beunruhigt werde. Fünf mal die Antwort: „Selbstverständlich, machen wir”. Ergebnis: Ein sechster Mitarbeiter ruft wen an? Den 91-Jährigen – und versetzt ihn in lebensgefährliche Aufregung mit der Nachricht, dass das mit dem Telefon nicht klappe, weil das bestellte Produkt bei ihm gar nicht schaltbar sei.

Es folgen nun etliche weniger freundliche Kontakte zwischen Enkel und Call-Center – jedesmal wieder 10 bis 40 Minuten in der Warteschleife und jedesmal wieder andere Namenlose an der Strippe, denen erneut der ganze Fall erklärt werden muss. „Dann stornieren wir ihre Bestellung und melden uns, sobald wir ein geeignetes Produkt gefunden haben”, sagt schließlich das Call-Center. „Einverstanden”, sagt der Enkel, „aber stellt dem alten Mann bloß nicht das Telefon ab.” Ergebnis: Der Anbieter storniert die von ihm selbst nicht erfüllbare Bestellung – und legt dem Greis zugleich den Telefonanschluss still. Der wütende Enkel landet daraufhin beim Deeskalations-Team des Konzerns. Dort wird ihm beschieden: „Was wollen sie eigentlich, SIE haben den Auftrag doch storniert.”

Einzelfälle? Ach was, System. Weshalb Freund Walter fordert: „Call-Center verbieten! Dafür die Konzernbagage per Gesetz zum Prinzip des persönlichen Kunden-Sachbearbeiters zwingen, der für die gesamte Auftragsabwicklung verantwortlich ist. Da könnte man zwar auch an einen Deppen geraten, aber man wüsste wenigstens, wer der Depp ist.”

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 44. Woche im Oktober 2014)

Quergedanken Nr. 116

ape. Na, wie fällt eure Sommerbilanz aus? Freund Walter macht nach wetterstatistischem Rückblick auf die letzten Jahre diesen Vorschlag: „Sommerferien künftig splitten – einen Teil auf Mai/Juni verlegen, einen anderen in den September. Juli/August sind als neue Jahreszeit unter Kühlregenperiode zu verbuchen.” Nach zwei Wochen Pullover-Urlaub im August an der mecklenburgischen Ostseeküste kann ich das nur unterschreiben. Deshalb gilt meine Hochachtung jenen Ostseeliebhabern jeden Alters, die sich selbst durch zugige 15 Grad das Strandvergnügen nicht vermiesen ließen. In den Seebädern füllten Vermummte und Freihäutige in chaotischer Eintracht Strände und Promenaden. Klasse! Wann hat man schon Sommer- und Wintermode auf demselben Laufsteg?

Mir reichte Strand denn auch für Morgen- und Abendspaziergang. Dazwischen kulturhistorische Entdeckungstouren durch Ossi-Land per Automobil. Das aber nur mit guter Karte abseits der Autobahnen – weil im Urlaub eben der Weg das Ziel ist und die Navi-Tante dir bloß die Sinne für Region und Landschaft verkleistert. Wismar, Schwerin, Güstrow und noch eine paar Schönheiten schätzen gelernt. Rostock kannste vergessen. Und was zur Hölle mag Angela Merkel 2007 ihren G8-Gipfelgästen in den Kaffee getan haben, dass die nicht depressiv wurden angesichts der Verfallstristesse im ältesten deutschen Seebad Heiligendamm.

Ansonsten ist dieses Mecklenburg eine schöne Gegend mit etlichen hübschen Städten und Städtchen darin. Die haben allerdings fast alle das gleiche Leiden: unglaublich hässliche Ortsein- und -ausgänge. Da flattern die Fahnen und protzen Plakate zuhauf, als feiere die SED selig wieder Parteitag. Nur ist die Signalpracht diesmal ein Westimport und winkt das Volk auf die immergleichen Parkplätze und in die immergleichen Einkaufshallen der immergleichen Handelsketten Lidl, Netto, Aldi, Rewe und Co. Kurzum: Jeder größere Ort hat sein meist recht neues Gewerbegebiet oder auch zwei bis drei. Und bist du da drin, vergisst du sofort, ob du in Mecklenburg, Sachsen, Rheinland-Pfalz oder Bayern urlaubst.

Denn die Konzernarchitekten haben einfach auf den Osten übertragen, was sie zuvor im Westen eingeübt hatten: Sie kümmern sich einen Dreck um örtliche Architekturtradition oder passende Umgebungseinbindung. Die Authentizität eines Ortes geht ihnen am Allerwertesten vorbei. Sie besatzen die Landschaft mit ihren vermeintlich modernen Blechbüchsen und Kaufbaracken. Diese kennen von der Ostsee bis zu den Alpen nur eine Norm: firmeneigene Corporate Identity, unentwegt schreiend „Kaufen! Kaufen! Kaufen! Bei uns! Bei uns! Bei uns!” Kurzum: Die mecklenburgischen Städte sehen an den Einfalls- und Ausfallsstraßen leider genauso trostlos aus wie die Vorfelder von Koblenz, Neuwied, Lahnstein oder Montabaur.

Um also in der Fremde Anderes als daheim kennenzulernen, muss man hinein in die Altstädte. Denn einzig in ihrer historischen Bausubstanz behaupten die Orte noch etwas individuelle Unverwechselbarkeit (sofern man davon absieht, dass auch die innerstädtischen Fußgängerzonen von den allüberall gleichen Filialistenketten dominiert werden). Sage noch mal einer, Kapitalismus zeichne sich durch Vielfalt aus. So viel banale Gleichmacherei wie jetzt gab es nie – hüben nicht, drüben auch nicht. Worauf Walter singt: „Der Profit, der Profit, der hat immer recht ...” (neue Variation der alten SED-Hymne „Die Partei hat immer recht”).

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39. Woche im September 2014)

Quergedanken Nr. 115

ape. Über eines der wichtigsten Dinge des Lebens haben wir hier noch nie ausführlich gesprochen: das Essen. Die Post-Ferien-Tage scheinen passend, einmal dieser Kulturtechnik näher zu treten. Denn im von alltäglicher Hetz' befreiten Urlaub hat mancher Zeitgenosse hoffentlich bemerkt, dass Essen mehr sein kann als Magenfüllerei. Keine Bange, es liegt mir fern, nun auch noch das modische Loblied zu singen auf Slow-Food, auf Erleuchtung durch eigene Kochfreuden, Beglückung durch besternte Spitzenkulinarik oder Zufriedenheit dank Rückgriff auf Omas Küche.

Zwar esse ich gern gut und davon bisweilen viel, aber die meisten der unzähligen Trends auf dem aktuellen Markt der Essgenüsse sind mir suspekt. Nehmen wir Omas Küche, die mit nostalgischem Schwärmen als neue Alternative zum Gourmetgekoche ins Feld geführt wird. Was meine Großmutter dazumal auf den Tisch brachte, war mastig, fettig, langweilig gewürzt und stets so weich gekocht, als säße am Tisch eine Sippe Zahnloser beisammen. Nur wenige ihrer Speisen schmeckten, und nur die sind mir als heute leider fast ausgestorbene Lieblinge geblieben: Dampfnudel, Stupfnudel, Saure Nieren mit Spätzle, Brennsuppe aus Grünkerngries.

Da mögen Sie nun die Nase rümpfen – so wie ich es nachher tat bei vielen Einladungen, Empfängen, Pressereisen, die den Journalisten an die Tafeln höherer Anspruchsgastromonie führten. Dort wurde teils sehr gut gekocht, teils aber auch bloß Koch- und Ess-Theater gespielt. In jener Zeit habe ich aus kulinarischen Frust- und Lusterlebnissen meinen eigenen Geschmack entwickelt: die Vorliebe für das Raffinement des Einfachen in ordentlicher Qualität, ganz egal aus welchem Kulturkreis es stammt. Es gilt die Einlassung von Kabarettist Jochen Malmsheimer, wonach die Hinzufügung von Mayonnaise zum Wurstbrot ein Verbrechen an selbigem und der Menschheit ist.

Um nicht missverstanden zu werden: Meine Art Einfachheit schließt grundsätzlich Lieblosigkeiten aus, wie sie in der „gut-bürgerlichen” Küche leider weit verbreitet sind, ebenso chemisch aufgemotzten Fabrik-Fraß auf Basis von Tierquälerei und industrieller Ackerverunstaltung. Es schmeckt mir einfach nicht, wenn ich weiß, dass solche Scheiße auf dem Teller liegt. Nix gegen ein paniertes Schnitzel, wenn die dazugehörige Sau vorher eine gute Zeit hatte, Koch/Köchin selbst eine gute Pannade machen und das darin gewälzte Fleisch in der Pfanne braten – statt ein am Fließband vorfabriziertes 0-8-15-Fertigteil in der Fritteuse zu ersäufen.

Gar nix auch gegen daheim mal schnell zubereitete Speisen. Pfannkuchen etwa. Ich bin ein Meister im Pfannkuchenbacken: Ein paar Eier mit ein, zwei Schüttungen Mehl, einer Portion Milch sowie etwas Salz und Zucker verrührt, dann schön in Olivenöl ausgebacken. Dazu ein simples Pilzragout oder ein paar gedünstete Tomaten oder nur Marmelade. Ist in 20 Minuten fertig, schmeckt prima. „Was soll denn das für ein Rezept sein”, motzt Freund Walter und fordert genaue Angaben über die Zahl der Eier, über Mehltype und Milchart sowie deren Mengen in Gramm und ccm, über die Backtemperatur in Grad Celsius, die Backzeit je Fladen in Sekunden.... Ach du lieber Gott, meine Küche ist doch kein Präzisionslabor. Dort geben Fantasie und Gefühl, Finger, Augen, Nase, Zunge und Gaumen den Ton an. Das klappt immer – und wenn doch nicht, muss halt Malmsheimer ran.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 35. Woche im August 2014)

 

Quergedanken Nr. 114

ape. So. Das WM-Ding ist gelaufen. Herzlichen Glückwunsch nachträglich allen, die am Titelgewinn mitwirkten und teils noch immer im Freundenstatus „Wir sind Weltmeister” schwelgen. Ich gehöre nicht dazu, habe nämlich im Gegensatz zu Millionen Deutschen leider weder mitgekickt noch massiert. (Pech halt: Ehedem hatte es bei mir auch nicht zum Papst gereicht). Dafür viel geguckt, aber erst im Endspiel richtig guten Fußball gesehen. Mancher seither vom „hohen Niveau” der WM schwärmende Zeitgenosse hat wohl ein anderes Turnier erlebt. Für meines waren eher die Halbfinals typisch. Defensives Herumtaktieren bei der öden Partie Argentinien vs. Niederlande. Als mit der anderen Begegnung die deutsche Mannschaft endlich zu schönem Qualitätsfußball auflief, brach der brasilianische Gegner leider sogleich völlig zusammen. Statt Match von Weltklasse gab's Schützenfest: im Ergebnis fulminant, fußballerisch aber bald nicht mehr so arg interessant.

Was machen wir nun mit dem Rest des Sommers? Man könnte den sportiven Hype nutzen, um den eigenen Body ein bisschen in Wallung und Form zu bringen. Zumindest legt das eine Werbung nahe, die schon während der WM mit Bildern von rennenden, paddelnden, strampelnden, gymnastisierenden Schönlingen im Freien, in Mucki-Buden und Wohnzimmern lockte. Haben Sie etwa gleich kapiert, was diese TV-Werbung mit ständig eingeblendeten Smartphones will, die irgendwelche Tabellen zeigen? Spätere Erkenntnis: Da wird nicht für mehr oder minder gesundes Sporteln geworben, sondern für Telefone, die sich mit speziellen Apps in digitale Antreiber für willensschwache Freizeitsportler verwandeln.

Das tät noch fehlen, freiwillig die Netzkonzerne beim Ringen mit dem inneren Schweinehund zuschauen und persönliche Vitaldaten abschöpfen lassen. Sind wir zu blöd, um Kniebeugen, Liegestütze, Klimmzüge selber zu zählen? Sind wir zu abgestumpft, um zu merken, ob das selbst gewählte Jogging-Pensum uns unter- beziehungsweise überfordert? Oder sind wir so lasch und unselbständig geworden, dass uns sportive Betätigung ohne elektronische Vorturner und Einpeitscher unmöglich erscheint? Es kommt noch so weit, dass selbst das Liebesleben dem Kommando einer Optimal-Live-App unterstellt wird: Heute 500 Meter Kraulschwimmen, morgen eine Stunde Flirt sitzend in der Kneipe, übermorgen Geschlechtsakt 15 Minuten Rückenlage. Inklusive Automatik-Weiterleitung aller Abläufe und Ergebnisse an Netzprovider nebst Verwertungsfirmen.

Wer das mag, bitteschön. Freund Walter aber mag gar nicht mehr – die Striptease-Puppe im Digitaltheater spielen. Seine Konsequenz: kein Smartphone, kein Tablet, kein Einkauf im Internet, Bezahlung überall nur in bar, kein Facebook, keine Payback- und Kunden-Cards, Internetnutzung radikal reduziert und beschränkt auf einen mit mehreren Mitbewohnern unter gemeinsamem Passwort betriebenen Kollektivrechner. Sie, liebe Leser/innen, finden das absurd, gar entbehrungsreich? Walter indes lässt ausrichten, er freue sich über gewonnene Lebensqualitäten und darüber, dass sein digitales Profil überwiegend aus Nichts oder für Big Data nutzlosem Müll besteht. Da wäre allerdings zu bedenken, dass die große Koalition aus geheimdienstlichen und wirtschaftlichen Datenkraken ihn wegen solcher „Unsichtbarkeit” für ein besonders gefährliches Subjekt halten könnte. Zumal er nicht allein ist: die Offline-Verschwörung greift um sich.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 30./31. Woche im Juli/August 2014)

Quergedanken Nr. 113

ape. „Darf man Fußball auch hassen?” Mit dieser Schlagzeile ging mein Leib- und Seelenblatt „Die Zeit” in die erste WM-Woche. Hassen – das finde ich ein bisschen arg, verehrte Kollegen/innen. Auch wenn angesichts der derzeitigen Massenwelle schier narrischer Liebe zur Kickerei die Betrachtung des emotionalen Gegenteils publizistisch nahe liegt. Natürlich darf man im Kopf alles. Die Gedanken sind frei, hierzulande ist es sogar das Wort. Trotzdem sollte sich dieser Tage jeder gut überlegen, ob und wo er Abneigungen gegen Fußball offenbart. Bei TV-Interviews unter sich vor Großleinwänden in schwarz-rot-güldener Kostümierung vergnügenden Fans war bisweilen zu hören: Deutsche, denen die WM mitsamt Abschneiden der deutschen Mannschaft schnurzpiepegal ist, seien „bekloppt” oder – da wird’s nun doch etwas gruselig – „undeutsch”.

Bekanntlich ist mein Interesse an dieser Sportart mäßig. Dennoch kann ich einem guten Spiel durchaus einiges abgewinnen. Als Zuseher, versteht sich. Selbst Ball und Mitspieler zu treten, käme nie infrage. Grund: Ich bin bei zwischenmenschlichen Kulturtechniken (zu denen auch der Mannschaftssport gehört) zwar mit den Händen recht geschickt, aber mit den Beinen leider ziemlich ungehobelt. Weshalb Körpereinsatz, bei dem Handspiele mit Strafstößen oder Rausschmiss geahndet werden, meine Sache nicht ist.

Beim ersten WM-Spiel mit deutscher Beteiligung (kurz vor Verfassen dieses Textes) hielt sich das Genusspotenzial für mich in Grenzen. Führungstor gegen Portugal durch Elfmeter in der 12. Minute, ab der 37. nur noch zehn demotivierte Gegenspieler, 3:0-Pausenstand: Damit war die Begegnung ergebnistechnisch zwar ein Fest für die Mannen aus Deutschland, aber hinsichtlich Spannung und Fußballkunst nach der ersten Hälfte schon vorbei. Freund Walter, von der Fußballeritis dauerinfiziert, führte dennoch die zweite Halbzeit hindurch Freudentänze auf und gab lautstark die befremdliche Losung aus: „Und jetzt schlachten wir Portugal!” Mir kommt das, mit Verlaub, unsportlich, ja unritterlich vor. Welche Ehre sollte gewinnen, wer einem bereits am Boden liegenden Gegner noch Tor um Tor reintritt. Es schossen dann „die Unsrigen” gottlob nur noch eines.

Nachher, so ist zu hören, hat Portugals Boulevardpresse den Schiedsrichter aus Serbien als deutschfreundlichen Schieber durch den Fleischwolf gedreht. Was ungerecht ist: Der Mann urteilte hart, aber in der Sache tadellos. Die Schiedsrichterei ist halt ein undankbarer Job; bei umgekehrtem Spielverlauf hätten „Bild” und Co. wohl eine serbisch-portugiesische Verschwörung angeprangert. Überhaupt scheint das eine Gesetzmäßigkeit im Fußball zu sein: Die Verliererseite sieht im Schiri den schuldigen Depp; und da immer einer verliert, bleibt der Unparteiische selten ungeschoren. Liebe macht eben blind, weshalb auch der Fußballgemeinde die Hass-Frage gestellt werden kann: Darf man Schiedsrichter oder gegnerische Mannschaften oder Fußballverächter hassen?

Oder mal andersrum gefragt: Kann man den Fußball angesichts seiner kommerziellen und verbandspolitischen Verhurung noch mit heißblütiger Unschuld lieben? Jetzt ist es an Walter, auf den Tisch zu hauen: „Ja verdammt, man kann, darf, soll! Wir lassen uns doch von Werbefuzzis, miesen Geldsäcken und korrupten Funktionären den Spaß am Spiel nicht verderben – solange der Ball rund ist und zwei Mannschaften eifrig um ihn ringen.” Heureka!

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 26./27. Woche im Juni 2014)

Quergedanken Nr. 111

ape. Der Arzt sagt, ich soll mich nicht immer so aufregen. Das sei schlecht für die Gesundheit. Wenn mich aber der Zorn packe, müsse ich ihn gleich wieder ableiten. Wie? Indem ich mein Kopfkissen verprügle oder im Wald die Bäume anschreie. Der medizinische Rat will mir nicht recht einleuchten. Denn Bäume waren mir stets die besten Genossen und auch mit dem Kissen habe ich keinen Streit. Warum den Unmut auslassen an denen, die wehrlos sind und sowieso völlig unschuldig am Weltenquatsch?

Was können Wald und Bett dafür, dass mir die Galle hochkommt beim Katastrophen-Genöhle über jüngste PISA-Testergebnisse? Da war unser Nachwuchs beim Lösen praktischer Lebensaufgaben im OECD-Vergleich „bloß mittelmäßig”. Deutsche Kids können Fahrscheinautomaten und Routenplaner nicht so fix bedienen wie Koreaner und Chinesen. Mal davon abgesehen, das es mir trotz Universitätsbildung oft genauso geht, und dass asiatische Ticketautomaten vielleicht einfach nutzerfreundlicher sind als diejenigen der Deutschen Bahn: Was ist so schlimm an mittelmäßigem Abschneiden?

Es gehört zum Wesen von Leistungsvergleichen, dass stets die meisten Teilnehmer Mittelfeld sind. Kennt man von der Bundesliga: Kleine Abstiegszone, große Mitte und als Spitzengruppe der FC Bayern München. Welches Naturgesetz verlangt denn, dass Deutschland bei allem und jedem protzen muss wie die bayerische Fußballgeldmaschine? Mittelfeld ist ein guter, weil normaler und noch etwas lebensfroher Rang. Ewig klassenbester Streber ist Mist: Jeder will bei ihm/ihr abschreiben, niemand mit ihm/ihr knutschen.

Neulich war Freund Walter Probefahren. Ein neues Auto steht auf dem Investitionsplan; notgedrungen, weil das hiesige öffentliche Regionalverkehrswesen einfach nicht in die Puschen kommt. Nach dem Besuch im Autohaus hätte er vielleicht doch besser erstmal Bäume bebrüllt oder Kissen verdroschen. Stattdessen kotzt er mir seinen Frust über „automobile Neuheiten” ungebremst auf den Tisch: „Wenn schon Auto fahren, dann richtig. Ich will nicht in einem Computer auf Rädern hocken und bloß noch kutschieren wie der Ochse am Nasenring!”

Dann erzählt er von Bremsen, Gaspedalen, Schaltungen, Scheibenwischern, Scheinwerfern mit eigenem Willen; von Verbrauchsoptimierungsrechnern, Spurhaltungs-, Abstands- und Einparkautomatiken; von sprachgesteuerten und sprechenden Türen, Gurten, Navis, Infotainmentkonsolen, Internetschnittstellen; von Möglichkeiten aus dem fahrenden Auto die Rollläden daheim zu schließen, die Klobrillenheizung anzuwerfen, den Standort der Kinder zu ermitteln, den Blutdruck des Opas abzurufen oder die Paarungsbereitschaft des Lebenspartners zu kalkulieren... Zwecks Sicherheit der Verkehrsteilnehmer stehe dies alles in permanentem Datenaustausch mit einem globalen Überwachungsnetz. Standardausstattung: NSA-on-bord.

Walter ätzt: „Furze am Steuer – und die Leitstelle veranlasst einen Ferncheck deines Gesundheitszustandes; der Bordcomputer chauffiert dich dann zur nächsten Bedürfnisanstalt nebst Rasthaus mit Fencheltee und Wellness-Angebot.” Noch mehr teure Technik, die kein Mensch braucht, sage ich. „Nö, nö,” widerspricht der Freund spitz: „All die neuen Automatikfunktionen der Fahrzeuge sind schon deshalb nötig, weil sich wegen der vielen akustischen und optischen Automatiksignale des Bordsystems kein Mensch mehr mit Selbstfahren abgeben kann.” Oh weh, gebt mir ein Kopfkissen, schnell!

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche im April 2014)

Quergedanken Nr. 110

ape. Nach dem bayerischen Fußballkrösus müssen auch wir gestehen: Walter und ich sind Glücksspieler, Zocker. Immerhin keine Abzocker. Wir haben niemanden geschädigt, erst recht den Staat nicht, sondern nur uns selbst. Drei Euro für jeden jede Woche, gesetzt in einer aussichtslosen Wette, aus 49 Zahlen 6 richtige zu erraten. Abzüglich einiger Kleingewinne hat uns das in 20 Jahren zusammen 5000 Euro gekostet – gezahlt an die staatliche Lottogesellschaft und damit wenigstens keinem Spekulanten in den Gierhals gestopft. Zum Trost verbuchen wir die verlorenen Einsätze als freiwilligen Steuerzuschlag zwecks Förderung des Allgemeinwohls.

Es sind nicht ganz 5000. Denn wir lassen stets die Finger vom Spiel, wenn der Jackpot über drei Millionen klettert. Das mag jeder Reiz-Reaktions-Logik widersprechen, war aber zwischen uns vom ersten Tippschein an vereinbart. Und zwar aus folgendem, zugegeben von purem Aberglauben herrührendem Grund: Es möchte sein, dass der Teufel uns gemäß der Wahrscheinlichkeitsrechnung jeden durchschnittlichen Gewinn verwehrt – um dann überraschend mit einem prallen Jackpot nach unseren Seelen zu greifen.

„Niemand, der auf Millionengewinn hofft, wird verstehen, was du meinst”, brummt Walter. Kreuzgewitter, was ist denn daran so schwer zu begreifen? Also anders formuliert: Was sollte unsereins mit 8, 10 oder 20 Millionen anfangen? Champus (mag ich nicht) gluckern und von güldenen Tellern Kaviar (mag ich nicht) futtern. Das kleine Westerwaldhäuschen (liebe ich) gegen eine Prachtvilla (mag ich nicht) in bester Rheinlage tauschen. Eine Nobeldatsche auf den Kanaren erwerben (ist mir zu umständlich). Ins regionale Establishment (langweilig) aufsteigen und den Großbürger im feinen Zwirn geben (ach Gottchen). Die Puppen tanzen lassen (zu herzlos). Durch Investieren aus dem Geld mehr Geld machen (völlig sinnlos)......

Mein alter Lektor pflegte einst irgendeinen noch älteren Gelehrten mit dem Satz zu zitieren: „Macht macht böse.” Und meine Oma selig hatte stets den Spruch zur Hand: „Reichtum verdirbt den Charakter.” Bei Marxens ihr'm Karl hieß es: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.” Da wird nun mancher der ein bisschen Reichen und Mächtigen am Mittelrhein entschieden widersprechen. Ach, Kinners: Ich bin über die Jahre etlichen von euch immer wieder begegnet, traf dabei nicht selten auf fleißige, kluge, umgängliche Unternehmer und Apparatschiks.

Ich habe manchen aufsteigen sehen – und mehrfach erlebt, dass sich dabei peu a peu Habitus, Denken, Empfinden, Handeln verändern. Mit einigen plaudere und trinke ich bis heute gerne, aber untergebener Angestellter wollte ich bei keinem sein. Walter hebt mahnend den Zeigefinger: „Davor, Mister Querdenker, sind auch wir nicht gefeit. Mit ein paar Milliönchen im Kreuz oder auf erhöhter Machtposition schmeckt die Welt halt anders als in den Niederungen. Wärest du Millionär würden deine Kommentare womöglich die Lage der Nation nicht mehr nach dem Stand der sozialen Gerechtigkeit bemessen, sondern die Kapitalmärkte zum Maß aller Dinge machen.”

Herr, bewahre mich vor dem Pferdefüßigen! Weshalb wir Lotto spielen nicht um reich zu werden. Wir tippen bloß fürs Träumen vom kleinen Glück: mit ein paar zehntausend Euro Gewinn bei etwas weniger Arbeitsstress und etwas mehr Unabhängigkeit uns möglichst treu zu bleiben. Dummes Spiel, blödes Laster? Ja natürlich.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 13. Woche im März 2014)

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