Quergedanken

Quergedanken Nr. 87

„Was treibt ihr eigentlich auf all den Pressekonferenzen?“ Freund Walter ist keineswegs der erste, der sich dafür interessiert. Viele haben das schon gefragt –  jüngst vermehrt auch ich mich selbst. Grund: Manche Pressekonferenz (PK genannt) erinnert neuerdings mehr an Verkaufsveranstaltung oder Gesellschaftsempfang. Insbesondere, wenn es um „weiche Themen“ geht; etwa um Kulturfestivals in der heimatlichen Region.

Ältere Journalisten-Kollegen erinnern sich: Diesbezügliche PKs waren vor 15 Jahren noch kleine Arbeitsrunden in schmucklosen Konferenzräumen. Auf dem Tisch 'ne Thermoskanne Kaffee, mit etwas Glück noch ein paar belegte Brötchen. Drei bis fünf örtliche Journalisten saßen ein oder zwei  Auskunftgebern gegenüber. Letztere sagten, was sie sagen wollten. Erstere verlangten hernach genauere Infos über Finanzen,  künstlerische Konzeptionen, Perspektiven etc.; bisweilen ging es  kontrovers zu. Nach einer Stunde trennte man sich in gebührend distanzierter Freundlichkeit.

Seit kurzem machen sich PK-Sitten breit, die zumindest bei alten Schlachtrössern des Regio-Feuilletons die Frage aufwerfen: Was sollen wir da noch? Die Presse wird in herausgeputzten Repräsentationsräumen versammelt; es wird Wein kredenzt, manchmal gibt es vürnehm zu essen; nicht selten spielt eine Combo auf. Schmucke Werbefilme und Power-Point-Präsentationen krauchen über die Wände, Redner im Dutzend deklamieren das aus Werbebroschüren und missratenen Presseerklärungen vertraute Jubilate: „Wir präsentieren Weltklasse, wir sind die Schönsten, Besten und überhaupt einzigartig.“ Das dank neuer Kleinmedien inzwischen auf acht Kollegen angewachsene lokale Pressekorps sieht sich nunmehr von ganzen Scharen gewichtiger Herrschaften umzingelt.

Nichts gegen ein Häppchen anbei – auch unsereins muss essen. Aber für Ringelpietz und Schaulaufen sind PKs per se der falsche Ort. Dennoch lassen Veranstalter ihre Kooperationspartner und Sponsoren nebst Bürgermeistern, Landräten, Staatssekretären e tutti quanti aufmarschieren. Dies wohl in der irrigen Annahme: Je größer und „prominenter“ das Aufgebot, umso opulenter die Berichterstattung. Leider haben viele der Honoratioren zur eigentlichen Sache eher wenig beizutragen. Weshalb sie sich in Variationen jenes langweiligen Geklingels ergehen, das ein passables Programm in hübscher Umgebung schier als globales Nonplusultra der Erlebniskultur anpreist.

Lustig ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie von Journalisten erwarten, derartigen Unsinn in alle Welt zu posaunen. Weniger lustig ist, dass einige Kollegen dem wie selbstverständlich  nachkommen. Gar nicht lustig ist, dass der Erkenntniswert solcher „PKs“ umso geringer wird, je größer der Popanz. Den Weihrauch weggepustet, bleibt als publizistisch brauchbare Substanz manchmal bloß ein Notizzettel mit Besetzungen, Terminen, Orten für diverse Veranstaltungen.

Da tritt ein im allfälligen Marketingdenken weit verbreiterter Irrtum zutage, wonach Werbung und Information dasselbe seien. Diesen Irrtum brachte neulich die „Pressemitteilung“ eines Kulturunternehmers an hiesige Redaktionen naiv auf den Punkt. Da hieß es: „Diese Veranstaltung ist ausverkauft, Sie brauchen nicht mehr dafür zu werben.“ Wer jetzt nicht laut lacht oder bitterlich weint, sollte nochmal im Sozialkundebuch über die Aufgaben des Journalismus in der Demokratie nachlesen. Von „werben“ steht da nix.    

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche April/Mai 2012)

Quergedanken Nr. 86

Im fortgeschrittenen Alter von 45 ist Freund Walter „Großgrundbesitzer“ geworden. Das hört er nicht gerne. Aber wer bis dato gar kein Land sein Eigen nannte, der muss sich nach überraschendem Erwerb einer bald Handballfeld-großen Scholle sowas gefallen lassen. Da kutschiert er mich neulich auf verwinkelten Pfaden an die Mosel, hoch über den Fluss, wo der Weinbau endet, in Obst- und Ackerbau oder Wald übergeht. Dort präsentiert er mir eine steile, verwilderter Brache. „Mein Land!“, brummt er stolz. „Du hast sie nicht mehr alle!“, brumme ich zurück – angesichts  verwachsener Kirschbäume nebst von Dornengestrüpp überwucherten Reben.

Walter bekam 2011 einen kleinen Sparvertrag ausgezahlt. Was machen mit dem Geld? In Wedel-Technik, Internet-gesteuerte Klodeckelheizung oder in ein sprechendes und selbstparkendes Auto stecken? Dafür war ihm das Sauerverdiente zu schade. Im Schein der März-Sonne keimte dann wohl die Idee: Ein Stück Natur wär nicht schlecht. Also handelte er einem alten Moselaner für den Wert eines halben Kleinwagens besagten Flecken ab. Nun hat der Freund aber nicht die geringste Ahnung von landwirtschaftlichem Tuten und Blasen. Bislang war er Städter aus Überzeugung, kennt Trauben und Kirschen vor allem als geistvolle Getränke. Kaum dass er in der Jugend ein motorisiertes Zweirad fahren konnte – später auch durfte –, hatte er sich vom elterlichen Acker gemacht: Raus aus dem Dorf und dorthin, „wo nicht bei Anbruch der Dunkelheit die Bordsteine hochgeklappt werden“.

„Die Käffer da draußen sind so verpennt“,  meinte er, „man könnte zwischen Tagesthemen und Mitternacht nackt durch die Straßen laufen, ohne dass es einer merkt.“ Ganz falsch, mein Lieber. Würdest du zu Beginn der Tagesthemen nackt losspazieren, wären die ästhetischen Qualitäten deiner Rück- und Vorderfront nebst Anhängseln Gesprächsthema in jeder Dorfstube noch bevor Claudia Kleinert zum Wetterbericht anhebt. Immerhin kannst du auf dem Dorf nachts hüllenlos durch die Straßen gehen, während man dich in der Stadt sogleich verhaftet. Wenn bei Karl Marx irgendwas überholt ist, dann sein Urteil von der „Idiotie des Landlebens“.

Was aber treibt meinen Stadt-Walter jetzt aufs Feld? Er selbst brabbelt etwas daher wie: „Ein Mann muss Kinder zeugen, ein Haus bauen, einen eigenen Acker bestellen, bevor er stirbt.“ Ach du heiliger Bimbam! Derartiges kann nur Torschlusspanik in Kombination mit Frühlingsgefühlen hervorbringen. Hätte er gesagt, er bräuchte einen naturnahen Rückzugsraum, in dem er ruhen oder sich nach Manier der Altvorderen verausgaben kann, man würd's verstehen. Denn die Zeiten sind danach, dass vorfristig auszubrennen droht, wer nicht bisweilen in einer aus der Zeit gefallenen Trutzburg Zuflucht nimmt.

In des Freundes Fall hilft nur: Lasst ihn hacken, wühlen, jäten, schneiden, auf dass ihm der Schweiß in der Hose kocht. Vier Wochen später wird sich das aus den unbewussten Tiefen des Stadtmenschen hervorgebrochene Bauernerbe gewiss ausgetobt haben. Dann seht ihr uns wieder gemeinsam im Straßencafé sitzen  – mit allem Anstand den Anblick der von Mänteln, Mützen, Schals befreiten Schönheiten genießend. Und solltet ihr uns mal nicht sehen, hocken wir womöglich beseelt von Wein- und Kirschgeistern in Walters unvollkommen kultiviertem Grünstück und schauen versonnen übers Moselland. Natur hier, Natur dort: Natur muss sein, gerade im Frühling.            

 

Quergedanken Nr. 85

Im fortgeschrittenen Alter von 45 ist Freund Walter „Großgrundbesitzer“ geworden. Das hört er nicht gerne. Aber wer bis dato gar kein Land sein Eigen nannte, der muss sich nach überraschendem Erwerb einer bald Handballfeld-großen Scholle sowas gefallen lassen. Da kutschiert er mich neulich auf verwinkelten Pfaden an die Mosel, hoch über den Fluss, wo der Weinbau endet, in Obst- und Ackerbau oder Wald übergeht. Dort präsentiert er mir eine steile, verwilderter Brache. „Mein Land!“, brummt er stolz. „Du hast sie nicht mehr alle!“, brumme ich zurück – angesichts  verwachsener Kirschbäume nebst von Dornengestrüpp überwucherten Reben.

Walter bekam 2011 einen kleinen Sparvertrag ausgezahlt. Was machen mit dem Geld? In Wedel-Technik, Internet-gesteuerte Klodeckelheizung oder in ein sprechendes und selbstparkendes Auto stecken? Dafür war ihm das Sauerverdiente zu schade. Im Schein der März-Sonne keimte dann wohl die Idee: Ein Stück Natur wär nicht schlecht. Also handelte er einem alten Moselaner für den Wert eines halben Kleinwagens besagten Flecken ab. Nun hat der Freund aber nicht die geringste Ahnung von landwirtschaftlichem Tuten und Blasen. Bislang war er Städter aus Überzeugung, kennt Trauben und Kirschen vor allem als geistvolle Getränke. Kaum dass er in der Jugend ein motorisiertes Zweirad fahren konnte – später auch durfte –, hatte er sich vom elterlichen Acker gemacht: Raus aus dem Dorf und dorthin, „wo nicht bei Anbruch der Dunkelheit die Bordsteine hochgeklappt werden“.

„Die Käffer da draußen sind so verpennt“,  meinte er, „man könnte zwischen Tagesthemen und Mitternacht nackt durch die Straßen laufen, ohne dass es einer merkt.“ Ganz falsch, mein Lieber. Würdest du zu Beginn der Tagesthemen nackt losspazieren, wären die ästhetischen Qualitäten deiner Rück- und Vorderfront nebst Anhängseln Gesprächsthema in jeder Dorfstube noch bevor Claudia Kleinert zum Wetterbericht anhebt. Immerhin kannst du auf dem Dorf nachts hüllenlos durch die Straßen gehen, während man dich in der Stadt sogleich verhaftet. Wenn bei Karl Marx irgendwas überholt ist, dann sein Urteil von der „Idiotie des Landlebens“.

Was aber treibt meinen Stadt-Walter jetzt aufs Feld? Er selbst brabbelt etwas daher wie: „Ein Mann muss Kinder zeugen, ein Haus bauen, einen eigenen Acker bestellen, bevor er stirbt.“ Ach du heiliger Bimbam! Derartiges kann nur Torschlusspanik in Kombination mit Frühlingsgefühlen hervorbringen. Hätte er gesagt, er bräuchte einen naturnahen Rückzugsraum, in dem er ruhen oder sich nach Manier der Altvorderen verausgaben kann, man würd's verstehen. Denn die Zeiten sind danach, dass vorfristig auszubrennen droht, wer nicht bisweilen in einer aus der Zeit gefallenen Trutzburg Zuflucht nimmt.

In des Freundes Fall hilft nur: Lasst ihn hacken, wühlen, jäten, schneiden, auf dass ihm der Schweiß in der Hose kocht. Vier Wochen später wird sich das aus den unbewussten Tiefen des Stadtmenschen hervorgebrochene Bauernerbe gewiss ausgetobt haben. Dann seht ihr uns wieder gemeinsam im Straßencafé sitzen  – mit allem Anstand den Anblick der von Mänteln, Mützen, Schals befreiten Schönheiten genießend. Und solltet ihr uns mal nicht sehen, hocken wir womöglich beseelt von Wein- und Kirschgeistern in Walters unvollkommen kultiviertem Grünstück und schauen versonnen übers Moselland. Natur hier, Natur dort: Natur muss sein, gerade im Frühling.           

Quergedanken Nr. 84

Erst sollte hier eine andere Überschrift der Menschheit folgende Alarmierung zurufen: „Die Cyborgs sind da!“ Auf die Bedrohung stieß ich neulich erstmals beim etwas frustierten Flanieren mit Freund Walter durch die etwas verbraucht wirkende Innenstadt von Neuwied: in Person eines auf den ersten Blick gewöhnlichen Mannes. Mit seinem drögmodischen Businessanzug gleicht er dem Agent Smith aus dem Film „Matrix“. Zufall? Jedenfalls stapft der Typ durch die Fußgängerzone und trägt einen lautstarken Disput aus mit – niemandem. Er spricht zur Luft. „Guck dir mal den Handy-Freak an“, feixt Walter. Aber jener hat gar kein Handy in der Hand, wedelt vielmehr mit beiden Armen herum, durchaus die Unversehrtheit naher Passanten gefährdend.

Ist dieser Zeitgenosse bloß meschugge? Oder was geht da Seltsames vor, dass jemand sich mitten in Neuwied aufführt, als müsse er ein unsichtbares Heer auf die Schlacht einschwören. Und dann entdecke ich es – das künstliche Organ an dem Typen: eine technische Geschwulst, die hinter seinem rechten Ohr beginnt, sich über die Schläfe krümmt und zum Wangenknochen hin ausläuft. Ein Cyborg, ein Maschinenwesen als Mensch getarnt oder ein vormaliger Homo sapiens zur Maschine mutiert. Es ist so weit, sie sind unter uns – und die grausigsten Fantasien meiner Sciencefiction-Bibliothek Wirklichkeit geworden. Als ich diesen Verdacht Walter zuflüstere, möcht' der sich wegschmeißen vor Lachen: „Alter Depp, das ist nur eine Weiterentwicklung der Handy-Technik.“ Wäre dies eine Filmszene, würde der Depp den Freund nun unverwandt anschauen und leise sagen: „eben.“

Gleich giftet's wieder aus der Leserschaft: „Sind sie etwa gegen technischen Fortschritt, Herr Pecht?“ Nö, bin ich nicht. Zumindest dann nicht, wenn er hilft, das Leben wirklich lebenswerter zu machen und besser mit dem Planeten auszukommen. Aber meist ist das nicht der Fall. Wir kaufen allfällige Mobilität, allzeitige Erreichbarkeit, allseitige Bequemlichkeit, allumfassende Information... . Was kommt heraus dabei? Wir werden bloß kurzatmiger, hektischer, verfügbarer, fetter, gedankenloser, dämlicher. Hallo Sie da, Herr oder Frau Leser/in: Sie halten sich für die Ausnahme von der Regel, richtig? Ernsthaft in den Spiegel geschaut, werden Sie feststellen, dass Sie irren. Geht mir genauso – jeden zweiten Abend vor der Flimmerkiste, jeden Tag stundenlang im Internet oder mit dem Handy im Handschuhfach des Autos, das jedes Jahr auch ein paar Tausend ziemlich überflüssige Kilometer auf den Tacho kriegt.

Aber die Wedel-Mode, die werde ich auf keinen Fall mitmachen! Armwedelnde Geschwulsttelefonie;  Findergewedel kreuz und quer, um mit dem iPhone selbst im Wirtshaus oder im Liebesnest am Pulsschlag der Netzwelt zu sein – kommt nicht in die Tüte. Fernseher mit Wedel-Steuerung  – kommt nicht ins Haus, denn ich will mir im eigenen Wohnzimmer doch kein Gestikulier-Reglement aufzwingen lassen. Und die Sparkasse kann ihre neuen Funkbezahlkarten auch behalten. Ich werd' doch  nicht im Supermarkt mit der Karte vor dem Kassenautomaten herumwedeln. Ich geh weiter mit Bargeld einkaufen, und gebe es nur in Geschäften aus mit Personal aus Fleisch und Blut. Und der Fortschritt? Der kann  mich mal, wenn er bloß aus fortschreitender Cyborg-Unterwanderung besteht und uns eintrichtern will, der Mensch sei erst richtig Mensch, wenn er kauft – und wedelt.

Quergedanken Nr. 83

Einen launigen Jahresrückblick wollte ich schreiben. Aber Freund Walter meint: „Lass es. Davon wird man nur seekrank. Und wer will schon Galle spuckend ins neue Jahr starten.“  Hat mich überzeugt. Sein Nachsatz indes macht ratlos: „Verbreite ein bisschen Optimismus!“ Woher, zur Hölle, soll ich Optimismus nehmen? Man kriegt doch schon von den zeittypischen Kleinigkeiten das Grausen: Taucht da Graf Gutti wieder auf, ungeläutert – als Internetberater der EU-Kommission. Der Bock wird Gärtner. Geht‘s noch?

Das ist, als würde Koblenz einen Banker beauftragen, den Stadthaushalt nach verzichtbaren Ausgaben zu durchforschen. Der Banker täte, was er immer tut: Rentabilität prüfen. Was nützt Koblenz ökonomisch, und was ist überflüssig? Er würde sich unweigerlich an der Budgetposition „Stadttheater“ festbeißen. Denn für einen Finanzler ist so ein Theater rechnerisch das röteste aller roten Tücher sozialstaatlicher Unrentabilität: Zu nichts gut als der Beglückung einer Minderheit, aber überlebensfähig nur am Staatstropf. Sein Schluss wäre: Die Kommune soll das Ding zusperren oder es als Sparmasse Zug um Zug ausschlachten.

Auf so Ideen kommt, wer eine Stadt mitsamt Bewohnern primär als Wirtschaftsfaktor begreift. Solche Denkart legte den Griechen nahe, ihre Antikenstätten zu verkaufen. Auf dass Disney oder Alltours aus der Akropolis einen knuffigen Erlebnispark machen. Das könnte auch eine Idee fürs Deutsche Eck sein: Ein Scheich übernimmt den Kram, setzt ins Deutschherrenhaus ein schickes Spa-Hotel mit Verbindungsgang zum Kaiserdenkmal, in das eine Saunalandschaft nebst Bar eingebaut wird. Walter kichert: „Warum sind die Hörnis von der freikapitalen Schrumpfpartei noch nicht darauf gekommen? Das wäre mal eine Abwechslung zum ewig wiedergekäuten Vorschlag, das Theaterballett abzuschaffen.“

„Zum Donnerwetter: Die Lage ist zu ernst für Witzeleien!“ Ruft nicht Walter, sondern könnte der Koblenzer Oberbürgermeister fluchen –  weil er eben verkünden musste, was an dieser Stelle schon vor Jahresfrist zu lesen war: Nach der BUGA wird die Stadt sehr lange kein Geld für nix mehr haben. Bei Hofmann-Göttig heißt das „Konsolidierungpause“. Dass an ihr kein Weg vorbeiführt, dafür kann der arme Kerl wenig. Die halbe Milliarde Stadtschulden sind ihm als Erbschaft zwischen die Füße gefallen. „Au Backe, so viel Miese in einer so kleinen Stadt. Griechische Verhältnisse am Rhein“, brummt Walter. Na ja, ist alles relativ, Land und Bund  haben erheblich mehr Schulden auf jeden Bürgerkopf gehäuft. „Also griechische Verhältnisse in Germanien.“

Dann bricht aus dem Freund der Zorn heraus über „Weltstadt-Allüren und Großmannssucht: Zweiter Innenstadtbahnhof gleich neben dem ersten –  überflüssig; nagelneue Rhein-Mosel-Halle – überflüssig. Schlachtschiff-Bebauung des Zentralplatzes nebst Luxus-Sanierung von Löhr- und Schlossstraße – absurd. Vorher schon  sauteure, dafür potthässliche Zubetonierung von Bahnhofsplatz und Münzplatz – bekloppt. Man tat, als sei Geld bei all dem das kleinste Problem. War es aber nicht. Jetzt müssen für die ungedeckte Wachstums-Protzerei Kultur- und Sozialeinrichtungen die Zeche zahlen. Nicht zuletzt das Dreispartentheater, das gut 200 Jahre (2012 sind's genau 225) ebenso unstrittig zum bürgerlichen Koblenz gehörte wie die Akropolis über 2500 Jahre zum Athener Volkseigentum. Eine Scheißlogik, das!“ Er hat recht. Denkt euch was anderes aus.

Quergedanken Nr. 82

Er kann einem leid tun, so wie alle jetzt auf ihm rumhacken, ihm jede Malaise dieser Welt anhängen, ihn kujonieren. Hat er das verdient, der Kapitalismus, den selbst unverdächtige Zeitgenossen wieder beim wahren Namen schimpfen, statt ihm mit „freie Marktwirtschaft“ zu schmeicheln? Hat er verdient, dass die großbürgerliche FAZ seinen Erzfeind Karl Marx rehabilitiert? Dass die liberalbürgerliche „Zeit“ erst verlangt, ihn zu zivilisieren, und jetzt schon nach Alternativen zu ihm sucht? Dass gar die alten Getreuen aus Konservatismus, Liberalismus und   braver Sozialdemokratie ihm die Instrumente zeigen, mit Verstümmelung drohen?

„Hat er verdient, jawoll!“, schnarrt Freund Walter. Indes will es mir nicht in den Kopf: Wieso gerade jetzt? Was, zur Hölle, macht der Kapitalismus neuerdings anders, dass man ihm derart zu Leibe rückt? Folgt er doch nur treu dem Grundsatz, der seit jeher sein Wesen ausmacht und dem er alles unterordnet: Kapital wird bewegt, um mehr Kapital zu bilden; basta. Freilich, die Methoden sind heute riskanter und undurchsichtiger, die Geldmengen viel größer und ihr Zirkulations-Tempo  irrwitzig höher als der Herr Marx seinerzeit annahm. Aber sonst: Ist doch das gleiche Prinzip wie eh und je.

Vier Jahrzehnte habe ich wieder und wieder darauf hingewiesen, dass eben wegen jenes Prinzips und seiner ungesunden Folgen der Kapitalismus wohl kaum der Weisheit letzter Schluss sein kann. Früher gab man mir dann sehr oft den unfreundlich gemeinten Rat: „Geh doch rüber, wenn‘s dir hier nicht passt!“ (Den Jüngeren zur Info: „rüber“ meinte in die DDR) Ein blöder Reflex, wie ich noch immer finde, weil er der fundamentalistischen Logik folgt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Walter feixt: „Stell dir vor, du könntest jetzt jeden, der am Finanzkapitalismus herummäkelt nach drüben schicken. Das gäbe die reinste Völkerwanderung.“

Nur, lieber Freund, „drüben“ herrscht nun ebenfalls die beste aller Welten – und steht inzwischen ähnlich vor dem Bankrott wie in den 1980ern das unselige Sowjetsystem. „Da hast du die Antwort“, sagt Walter, „auf die Frage, warum die Leute gerade jetzt so ungnädig mit dem Kapitalismus umgehen. Weil dieser Tage überdeutlich wird, dass auch er nicht halten kann, was er großmäulig versprochen hat: eine lichte und stabile Wohlstands-Zukunft in sozialer Gerechtigkeit.“

Und noch ein Gedanke weiter: Man kann sich nicht mal mehr trösten, der Kapitalismus sei das kleinere Übel. Denn er hat als einziges Übel überlebt – freilich bloß auf Pump. Weshalb er uns den ebenso unrealistischen wie widerlichen Zwang zu ewigem Wachstum auferlegt. Bis zum Ende unserer Tage sollen wir mehr und immer mehr Waren kaufen, so unnütz oder dämlich oder das Leben versauend sie teils sein mögen. Zugleich sollen wir sparen, was das Zeug hält. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Gar nicht. Aber „die Märkte“ verlangen es?!

Tja, die Märkte, diese Dumpfbacken auf dem Weltenthron; neuerdings so unanständig, maßlos, gierhalsig, bar jeder Verantwortung fürs Gemeinwohl. „Quatsch, neuerdings“, knarzt Walter erneut dazwischen und zitiert einen Kenner der Szene: „Märkte haben keine Moral“, sie hatten nie eine, und „agieren sie frei, kann das zum Kollaps führen“. Ach Walter, schon wieder Karl Marx? „Nö, der 81-jährige Großspekulant George Soros neulich im Stern-Interview.“  Soll er doch rüber gehen, wenn‘s ihm hier nicht passt, dieser Soros.

Quergedanken Nr. 81

Nichts kann sich schneller bewegen als das Licht. Das ist der einzige Teil von Albert Einsteins Relativitätstheorie, den jeder kapiert. Ein anderer Teil –  alles ist relativ – übersteigt das Begriffsvermögen der meisten Leute. Wäre es nicht so, würden die wohlbestallten Schlauberger, die stets davon reden, „den Deutschen“ gehe es gut, zwangsweise wegen Volksverblödung als Leiharbeiter ans Fließband gestellt. Doch das nur am Rande. Mein Thema ist heute die Lichtgeschwindigkeit und der Umstand, dass der von mir hochverehrte Querkopf Einstein irrte mit seinem Edikt, nichts könne schneller sein. Zumindest wollen Wissenschaftler jetzt Mikroteilchen aufgespürt haben, die bei einem Trip von Genf zum Gran Sasso in Italien sich einen feuchten Kehricht um Alberts Tempolimit scherten.

Die Weißkittel sind noch unsicher, wissen nicht genau, was sie da eigentlich gemessen haben. Jedenfalls errechneten ihre Computer, dass da etwas mit Überlichtgeschwindigkeit vorbeigerauscht sein müsse. Weshalb die wissenschaftliche Grundregel zum Zuge kommt, dass jede Erkenntnis nur bis zum Beweis des Gegenteils gültig bleibt. Um genau zu sein: Sobald nur ein einziges Faktum auftaucht, das nicht zur Theorie passt, ist die ganze Theorie im Eimer. Sollte also jemand auf Erden mal ein Steinchen finden, das nach oben statt nach unten fällt: Sofort melden, denn ein Großteil der bisherigen Physik wäre perdu.

Walter ist aus dem Häuschen vor Begeisterung. Endlich sei Schluss mit „dem Schneckentempo Lichtgeschwindigkeit“. Die Vorstellung wäre ja auch zu furchtbar, sagt er, dass noch seine Urururenkel auf diesem Planeten festsäßen und immer nur den drögen Homo sapiens zur Gesellschaft hätten. Vor langer Zeit hatte ich dem Freund erklärt: Viereinhalb Jahre ist das Licht bei seiner Vakuum-Höchstgeschwindigkeit von 300 000 Kilometern PRO SEKUNDE bis zum nächsten Sonnensystem Alpha Centauri unterwegs. Für eine Strecke, die in SciFi-Heftchen und -Filmchen Perry Rhodan, die Raumpatrouille Orion oder Captain Kirk zwischen Frühstück und Mittag im All zurücklegen, bräuchte man realiter bei Lichtgeschwindigkeit gar so lange wie die ganze Menschheitsgeschichte bisher dauerte.

Nach dieser Erklärung nebst der Feststellung, dass unsere kannibalistische Primitivtechnik absehbar kein Raumfahrzeug hinkriegt, das auch nur zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreicht, war der Freund damals schier depressiv geworden. Nun der Befreiungsschlag: Überlichtgeschwindigkeit ist möglich. Und weil Quergedanken Nr. 81die Erde in Relation zum Gesamtuniversum steht wie der Bruchteil eines Sandkorns zur Wüste Gobi, erlauben ein paar überlichtschnelle europäische Neutrinos den Schluss: Im großen Weltraum draußen reisen klügere Völkerschaften als wir längst per Überlicht-Bus zum Urlaub unter fernen Sonnen. Und wer hätte daran die größte Freude? Struwwelkopf Einstein – wissend, dass alles relativ ist, also auch seine eigene Gescheitheit.

So sucht Walter nun am Nachthimmel nach einer Mitfahrgelegenheit quer durch die Galaxis. Doch Vorsicht, mein Freund: Der Himmel ist nicht, was er uns Menschen scheint. Die meisten Triebkräfte dort droben sind für uns unsichtbar und jagen das Universum mit einem derartigen Tempo  auseinander, dass bald (nur ein paar Milliarden Jahre) selbst Überlichtverbindungen nutzlos würden. Für diese Erkenntnis gab‘s eben den Physik-Nobelpreis. Walter aber winkt gelassen ab: „Siehe Albert.“ 

Quergedanken Nr. 80

Sagen die Fachleute: Was die Börse bewegt, sind Ahnungen, Ängste, Süchte. Psychologie sei die Haupttriebfeder fürs Handeln der Börsianer respektive ihrer geheimnisvollen Auftraggeber, genannt Anleger. Schließt man vom Erscheinungsbild der Börse in jüngerer Zeit auf die Psyche besagter Akteure, fragt sich der Laie: Wieso gibt es in dieser Anstalt keine Therapeuten und Aufsichtspersonen, um die regelmäßig außer Rand und Band geratenden Irren dort wenn nicht zu heilen, so wenigstens von gemeingefährlicher Randale abzuhalten?

Mehr noch: Wie kann es sein, dass man derart labilen Patienten die Weltfinanzen, ja selbst  die Richtliniengewalt für Staats- und Gesellschaftspolitik überlässt? In welche Zustände zwischen Euphorie und Depression die Insassen der Anstalt sich auch immer steigern: Sie genießen Narrenfreiheit, und die Politik spendiert treulich zu jedem ihrer Feixtänze die Musike. Noch mehr: Die uralte Frage, ob die Verrückten verrückt seien oder eher die „normale“ Welt, ist zugunsten der Irren entschieden. Anders lässt sich kaum erklären, dass jetzt sämtliche über Jahrtausende entwickelten Weisheiten, Werte, Qualitäten, Ziele des menschlichen Lebens verdrängt werden durch die höchste Norm des börsianischen Irrenhauses: Der Zweck allen Daseins ist das Wachstum der Finanzrendite.

Als Manfred Krug vor Jahren warb, Hinz und Kunz mögen ihre Spargroschen in die Telekom stecken, beschlossen Walter und ich: Hätten wir Geld übrig, wir würden es nie in Aktien anlegen. „Stell Dir vor, die Kollegen bei der Telekom streiken für mehr Lohn oder gegen Entlassungen. Dann müsstest du als Aktienbesitzer die Daumen drücken, dass sie verlieren. Wie furchtbar.“ So hatte Walter unseren Anschluss an die Mehrheit der Nichtaktienbesitzer begründet. 90 Prozent sind das heute in Deutschland. Für die übrigen 10 Prozent nudeln die Medien endlos das Innenleben der Finanzmärkte durch. Blöd nur, dass auch unsereins sich für den unsagbar drögen Stoff interessieren muss. Denn die Irren hauen nicht nur die eigenen Köpfe an die Wand. Wenn ihnen keiner Einhalt gebietet, verheizen sie noch die Staatskasse, ja selbst mein kleines Genossenschaftssparbuch.

Aber wer sollte Einhalt gebieten – wo doch das Gefühl fürs Lebenswerte aus den Hirnen gewaschen und durch Geldsucht ersetzt ist? Kindheit, Schule, Freizeit, Kultur, Natur...: Nichts gilt mehr als Zweck an sich, alles nur noch als sinnvoll, sofern es am Ende Geld anschafft. Walter fährt ein aktuelles lokales Beispiel auf, wie weit es damit gekommen ist: „Die Koblenzer Sozialdemokratie lässt sich von einem königlich-preußischen Gartenbaudirektor links überholen. Denn während jener Herr Lenné schon im 19. Jahrhundert quer durchs Rheinland eintrittsfreie Bürger- und Volksparks schuf, plädieren hiesige Sozis im 21. Jahrhundert dafür, dem Volk Eintritt abzuknöpfen, wenn es nach der BUGA durch den Schlosspark seiner Stadt spazieren will.“

Es müsste doch gerade für Sozialdemokraten zu begreifen sein, was selbst Augusta, Gemahlin von „Kartätschenprinz“ Wilhelm I., begriffen hatte: „Es soll dem Volke geboten werden ein Aufenthalt außerhalb der kleinen Wohnung und des Wirtshauses: reine Luft in jenem Sinne, auf dass die gottgesegnete Gegend auch diese Menschen zu erhöhtem und warmem Daseinsgefühle erhöbe.“ Also, liebe Freunde von der SPD Koblenz: Die Fürsten sind weg, gebt uns nun ihren Garten als freien Volkspark! Bebel will es.

Quergedanken Nr. 79

Treue Leser dieser Kolumne wissen: Bett und Schreibtisch des Autors stehen im dörflich-westerwäldischen Vorfeld von Koblenz. Dort pflegt er den Tag frühmorgens mit einem anderthalbstündigen Marsch durch den nahen Wald zu beginnen. Was so vom Arbeitstag vorne abgeht, ist hinten dranzuhängen – denn die Arbeitszeit zwecks Lebensfreude einfach zu verkürzen, würde der Kapitalismus selbst dem „Freischaffenden“ nicht straflos durchgehen lassen.

„Durch die Wälder kann man noch gehen, als gehörten sie niemand“, meint Martin Walser in seinem jüngsten Roman. Dieser Satz beschreibt mein Morgenempfinden trefflich. Zu diesem Freiheitsgefühl gesellt sich in dem von mir genutzten Waldstück das Glück, dort während der zehn Monate von November bis August kaum je einem Menschen zu begegnen. Touristiktrommler faseln von „unberührter Natur“. Was Quatsch ist, weil auch diesen Wald Jahrhunderte forstlicher Bewirtschaftung geformt haben. Aber die Marketingfuzzis würden zu gerne „diese Oase der Ruhe“ mit auswärtigen Ruhesuchern fluten.

Für September und Oktober ist ihnen das bereits gelungen. Wie? Vor einigen Jahren hat  irgendein Depp in ein Wanderbuch hineingeschrieben, dass just dieses Waldstück ein “Eldorado für Steinpilz-Sammler“ sei. Das ist maßlos übertrieben! Schon vor 30 Jahren war es selbst für einen, der die versteckten Pilzstellen hier kannte, meist recht mühsam, eine richtige Steinpilzmahlzeit für drei Personen zu ersammeln. Dennoch hat jenes Geschreibsel dazu geführt, dass nun jedes Jahr acht Herbstwochen lang in allen Waldwegen Autos von überall her stehen.

Has‘, Reh, Wildschwein und meine Wenigkeit werden dann allweil von durchs Gebüsch brechenden zweibeinigen Pilzschnüfflern erschreckt. Etliche sichtlich frustriert: Sie hatten dem gedruckten Wort geglaubt und auf leichte reiche Beute gehofft. Nun stehen sie mit nur ein paar drittklassigen Schwammerln im riesigen Korb betröppelt vor einem und gieren nach Auskunft, wo denn hier das versprochene Steinpilz-Paradies zu finden sei. Nicht erfreut, aber stets freundlich, gebe ich Auskunft.

„Liebe Leser, hier spricht Walter. Ich muss das mal präzisieren, das mit der Freundlichkeit unseres Waldschrats gegenüber Pilzsuchern von auswärts. Weil er ein ach so gutmütiger Mensch ist, gibt er in der Tat freundlichst Antwort – und schickt die Fragesteller auf stundenlange Wanderschaft in eine Richtung, wo vielleicht der Pfeffer wächst, aber nie und nimmer auch nur ein einziger Steinpilz.“ Muss ich zugeben, stimmt. Es ist aber auch gar zu arg, welche Massaker viele dieser Banausen an den Pilzpopulationen verüben, so sie welche finden. Da wird rausgerissen, leergeräumt und noch das winzigste Pilzbaby abgeschnippelt. Das hält auf Dauer kein Bestand durch.

Wenn die Herrschaften wenigsten nahe der Fundstellen ihre Pilze putzen würden. Im Wald tragen die Abfälle zur Bestandspflege bei, daheim im Mülleimer nutzen sie gar nichts. Lieber Walter: Du willst die Fischfangfabriken aus den Meeren und die Agrarindustrie von den Äckern jagen. Recht so. Aber was tun mit netten Mitmenschen, die sich sogar etwas Naturliebe erhalten haben, aber bei der Jagd nach Pilzen unbedacht doch zu Vandalen werden? Meine sanfte Wegweisung schenkt ihnen eine schöne Lebenserfahrung, resultierend aus einer herrlichen Waldwanderung mitsamt einzigartigen Ausblicken auf die bodennahe Fauna und Flora.

Quergedanken Nr. 78

Es hat etwas Knatsch gegeben mit Walter wegen des Themas für diese Quergedanken. Der Freund wollte partout, dass ich eine Volksbewegung pro Energiesparen herbeischreibe. Seine Begründung: „Wenn die Leute nicht anfangen, auch privat kräftig Strom, Sprit, Öl, Gas zu sparen, können wir die Energiewende vergessen. Die Politik tut, als könne die Prasserei einfach weitergehen. Dabei ist Senkung des Verbrauchs nicht nur eine Bedingung fürs Gelingen des Umstiegs, sondern einer seiner edelsten Zwecke.“ Da hat er recht. Und tatsächlich spielt Energiesparen im Wendeplan der Regierung seltsamerweise nur eine Minirolle. Genau hingeschaut, kann man fast den Eindruck gewinnen: Die wollen gar nicht sparen. Das könnte sich als kalkulierte Hintertür erweisen, beim kleinsten Wackler irgendwo im Stromnetz den Atomausstieg wieder madig zu machen.

Trotzdem brennt mir diesmal ein anderes Thema auf den Nägeln: Panzer. 200 Leopard des neuesten Typs von Krauss-Maffei für Saudi-Arabien. Das ist ein Skandal, der mich zur Weißglut bringt. Um des Profits willen Geschäfte mit Tötungsmaschinen zu machen, ist – war immer – per se die erste Sauerei. Gegen alle bisherigen Grundsätze jetzt deutsche Waffen in ein Krisengebiet zu verkümmeln, ist die zweite Sauerei. Mitten im arabischen Freiheitsaufbruch eines der autoritärsten Regime dort massiv aufzurüsten, ist die dritte, noch größere Sauerei. Da spendet Berlin mit dem Mundwerk den Revolutionären Beifall, während es zugleich mit dem Hintern den Reaktionären die Kanonen rüberschiebt, die Volksaufstände niederzukartätschen. Widerwärtig, das!

Vierte Sauerei: Der Leopard-Deal wird als Stärkung eines geostrategischen Partners deutscher Außenpolitik gerechtfertigt. Wirklich schlimm daran ist: Das stimmt neuerdings sogar. Die 200 Panzer für die Saudis sind Beleg dafür, dass die Außen- und Militärpolitik Deutschlands nunmehr die Nachkriegszeit abgeschlossen hat – und das Land ins imperiale Machtspiel zurückführt. Damit werden Ethik und Moral automatisch zur Verschiebemasse im Dienste einer militarisierten  Staatsräson, damit verkommt der Friedensauftrag der Verfassung zur Hure verlogener Sachzwänge a la „Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt“.

Joschka Fischers Befehl für den Kosovo-Einsatz hatte den Kruppstahladler vom Staube befreit, das Afghanistan-Mandat hat ihn die Flügel spreizen lassen, die Wehrreform von Guttenberg/de Maiziere macht ihn vollends flugtauglich. Jetzt fliegt er wieder. „Landesverteidigung“ gilt bloß noch als alter Hut, bundesrepublikanische Nostalgie, lächerlich; so lachhaft wie die Vorstellung von einer Bundesbahn oder Bundespost als Nonprofitcenter im Dienste des Gemeinwohls. Das neue Deutschland will unbedingt mit den größten Globalhunden pissen. Das klingt dann so: Wer weltweit Geschäfte macht, der muss auch weltweit Verantwortung übernehmen, und deshalb Soldaten in alle Welt schicken, um weltweit für Ordnung zu sorgen.

Frage: Für welche Ordnung in wessen Interesse sollen junge Männer und Frauen von hier rund um den Erdball die Rübe hinhalten? Für Fortschritt, Zivilisation, Freiheit? Das war schon die Lüge von gestern und vorgestern. Wir glaubten sie überwunden, jetzt ist sie in neuem Outfit wieder da –  verseucht schleichend unsere Köpfe, bis wir imperiale Großmannssucht für einen quasi natürlichen  Bestandteil bundesdeutscher Modernität halten. Deutsche Säbel rasseln wieder: hurra, hurra, hurraaaaaargh!

Quergedanken Nr. 77

In Koblenz ist ein seltsames Phänomen zu beobachten: Ein sonst sehr verlässlicher Reflex funktioniert nicht mehr. Gemeinhin reagieren Deutsche ja mit Antipathie, wenn moderne Architektur in schöne Landschaft oder in historische Baustrukturen gesetzt wird. „Verschandelung“ heißt es dann reflexartig – oft ungeachtet, ob es sich bei den neuzeitlichen Bauten um hochwertige Architektur oder profane Nichtswürdigkeit handelt. Ein Rätsel ist mir deshalb: Warum fühlt sich das ästhetische Volksempfinden in Koblenz von der Seilbahn zwischen Deutschem Eck und Festung Ehrenbreitstein nicht gestört?

Ich will das keineswegs groß kritisieren, sondern bloß die Frage zu bedenken geben. Immerhin ist  hier einer der ehrwürdigsten Kulturlandschaften Deutschlands so ein Ding aus Stahl und Plastik übergestülpt worden. Doch nur wenige nehmen Anstoß daran. Selbst ein Vertreter des UNESCO-Welterbekomitees rollte jüngst wie Oma Elfriede aus Pusemuckel bloß verzückt die Augen. Beim Anblick der Schwebegondeln vergaß der Herr, dass er kein x-beliebiger Tourist ist, sondern als Wahrer des Kulturerbes der Menschheit noch ein paar andere Faktoren bedenken müsste. Mag sein, er fühlte sich wegen des vorläufigen Verzichts auf die Loreley-Brücke so beschwingt wie jener Bauer, der seine Kuh erfolgreich handelte.

Zugegeben, für Besucher von auswärts ist die Seilbahnfahrt ein nettes Erlebnis, für Einheimische eine praktisch-flotte Verbindung und anfangs auch interessante Art, heimische Umgebung zu erfahren. Weshalb ich mich freue, dass es die Bahn während der Bundesgartenschau (BUGA) und nachher noch eine kleine Weile gibt. Doch der Reiz des Neuen verfliegt. Und ob „praktisch-flott“ ein hinreichender Grund ist, dieses Vehikel auf ewig über das Rhein-Mosel-Eck herrschen zu lassen, wird man wohl fragen dürfen.

Dass es sich bei Gondeln, Pfeilern und Stationen um Architektur von künstlerisch hohem Wert handelt, kann ernsthaft niemand behaupten. Dass die Talstation zum historischen Panorama aus St. Kastor, Deutschherrenhaus und Deutschem Eck passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, kann jeder sehen, der die Augen aufmacht, statt sie nur verzückt zu rollen. Vielleicht klärt sich die Sicht  etwas, wenn im Herbst die Blätter fallen und das Ensemble sich wieder ein halbes Jahr splitterfasernackisch präsentiert.

„Ach was“, knurrt Freund Walter: „Je länger der Seil-Kram da steht und schwebt, umso mehr gewöhnt man sich daran. Es haben jetzt schon viele Leute kaum noch eine Vorstellung, wie es hier ohne Seilbahn aussah und aussehen könnte. Nach einer Betriebsverlängerung vielleicht bis 2015 erinnert sich außer ein paar Denkmalpflegern, Heimatkundlern und Kunsthistorikern kein Mensch mehr, was den eigentlichen Charakter des Rhein-Mosel-Ecks mal ausgemacht hat.“

Walter ist frustriert. Er sieht zu viele Kräfte am Werk, die offen oder klammheimlich mit strategischer Raffinesse auf die Seilbahn als Dauereinrichtung hinarbeiten. „Praktisch-flott und obendrein eine Touristenattraktion: Damit wird das Ding zum vermeintlich alternativlosen Strukturelement wie Autobahn oder Gewerbegebiet. Vielleicht ist das der Grund, warum in diesem Fall der volkstümliche Reflex gegen moderne Architektur in altehrwürdiger Umgebung nicht funktioniert. Denn wer gewinnt, wenn Mobilitätsfreuden und Wachstumsversprechen gegen Kulturerbe antreten?  Autobahn und Gewerbegebiet – mögen sie die Welt auch noch so sehr verschandeln.“ 

Quergedanken Nr. 76

Sprechen wir mal über Autos. Da kann jeder mitreden. Schließlich sind in Deutschland 42 Millionen PKW zugelassen. Statistisch kommt auf jeden Haushalt einer. Also ist der Benzinpreis Aufreger an allen Tischen. Nur Freund Walter lässt das Thema kalt. Nicht, dass er kein Auto hätte. Aber er hat sich vor Jahren, als normales Super 1,14 Euro kostete, vom Spritpreis unabhängig gemacht. Er folgt der Weisheit eines ollen Witzes und tankt seither pro Woche für maximal 50 Euro. Mehr brauchte er damals nicht, weil er öfter per Muskelkraft oder im Zug unterwegs war. Und was er heute für die 50 Euro an Sprit kriegt, reicht ihm noch immer – für fast die gleiche Kilometerzahl wie ehedem.

Wie das geht? Walters Prinzip lautet: „Steigt der Benzinpreis, gehe ich mit dem Verbrauch pro Kilometer runter.“ 8,9 Liter hatte er mit seinem Mittelklässer auf 100 Kilometer anfangs verheizt. Bis 2007 stand er mit demselben Auto dank radikal veränderter Fahrweise bei 6,5 Litern. Dann wurde eine neue Karre fällig. Der Freund verstieß beim Kauf gegen deutsche Leitkultur: Er stieg auf ein kleineres Modell um. Normal ist, dass man sich mit fortschreitendem Alter immer größere Autos zulegt – heute vorzugsweise für 30 000 Euro aufwärts. Weshalb auf den Straßen jetzt Vehikel zuhauf kreuzen, die nach Motorisierung, Gewicht, Größe für sechsköpfige Familien ausgelegt sind oder Staatskarossen ähneln, neuerdings vermehrt auch Kampfpanzern.

Drinnen hocken aber meist nur ein oder zwei Menschlein, wegen deren Komplexen Monsterkraftwerke auf Rädern bewegt werden. Niemand braucht solche Protze von Autos wirklich. Doch wenn‘s um den motorisierten Status geht, trübt selbst bei sonst vernünftigen Mitbürgern irgendein Mysterium das Hirn. Leider ist auch die Krone der Schöpfung, die Frau, davor nicht gefeit: Da entsteigen 55 zierliche Kilo Schönheit zwei Tonnen blecherner Wuchtbrumme, und du denkst betrübt: Wieder frisst eine Revolution ihre Kinder - diesmal ist's die Frauenemanzipation.

Walter ist mit seinem neuen Kleinen nebst vernünftiger, entspannter Fahrweise inzwischen bei 5 Litern pro 100 Kilometer gelandet. Und das ganz ohne teuren Technikfirlefanz wie Start-Stop-Automatik, Eco-Tempo-Managment, Schalt-Optimierungs-System etc. Etwas kleineres Auto; vorausschauendes Fahren mit großem Gang; rollen lassen, wo immer möglich; so wenig bremsen wie irgend vertretbar; 120 km/h Idealgeschwingkeit auf Autobahnen... Mit Klugheit und Gemütlichkeit drückte der Freund seinen Verbrauch also von 8,9 auf 5 Liter während zeitgleich der Spritpreis von 1,14 auf 1,58 Euro stieg. Vorteil Walter!

Einwand: Aber der Zeit-, Komfort- und Sicherheitsverlust?! Antwort: Was soll komfortabel sein an einem Auto, das ins Parkhaus nur passt, wenn links und rechts keiner steht? Was soll sicher sein an einer Karre mit Digitalorgel und Mäusekino, in der man nicht merkt, wenn man 200 Sachen drauf hat? Und der Zeitfaktor ist minimal, das habe ich bei normal-dicht befahrener A3 mehrfach getestet. Der Unterschied zwischen gelassen durchgehaltenen 120 km/h und mit nervöser Vollgas-Abbrems-Fahrt vergeblich versuchten 180 km/h liegt bei kaum 5 Minuten pro 100 Kilometer.

Sonst noch was? Ja, Walters Gruß an alle, die vom Tanz ums heilige Blechle nicht lassen können:  „Wenn demnächst in Asien, Afrika, Lateinamerika zwei Milliarden zusätzliche Autos auf die Straßen kommen, werdet ihr froh sein, noch ein bisschen Benzin für fünf Euro den Liter zu kriegen.“

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