Guten Tag allerseits im Juni 2020

29.06.2020

Seltsame Zeiten sind das - wo der Montagmorgen mit einer Ballettpremiere zum Frühstück beginnt. Seltsam auch - aber ziemlich interessant - die Choreografie des Koblenzer Ballettchefs Steffen Fuchs unter dem Titel „Nicht mit dir und nicht ohne dich“, über das Streamingportal des hiesigen Theaters auf den heimischen PC geholt: 15 filmische Soli für 15 Compagniemitglieder. Danach hockst du über der Besprechung für die morgige Zeitung in der Ruheständler-Schreibstube, derweil Petrus zum Auftakt eines halbstündigen Landregens deftige Hagelschauer aufs Dachfenster paukwirbelt. Gleich darauf knallt die Sommersonne vom Himmel - rennst du besorgt zu den Heidelbeer- und Himbeersträuchern, um zu sehen, ob der für heute geplante erste Erntedurchgang wg. Hagelschlags abgeblasen ist. Ist er nicht. Freude!


28.06.2020

Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie gab am Samstag ein Sonderkonzert, das wegen der enormen Nachfrage am Sonntag wiederholt wurde. Endlich konnten zwei Gruppen wieder zusammenkommen, die quasi von Natur aus zusammengehören: klassische Orchestermusiker und ihr Publikum. Doch in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle, wo sich normalerweise 1200 Besucher zum großen Konzertabend versammeln, nahmen nun unter Corona-Bedingungen gerade 115 Musikfreunde diszipliniert Platz auf den mit sicheren Abständen über die Weite des Saales verteilten Einzelstühlen. > Mein Bericht über Umstände und Konzert (3600 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


25.06.2020

Es gibt Leute, die stellt das Corona-Reglement vor ein recht spezielles Problem. Dazu gehören Jugendliche und Singles. Das Problem: Woher in diesen Zeiten die Gelegenheiten nehmen zu jenen Begegnungen, Plaudereien, Spielchen, Tänzchen, derer es bedarf, wechselseitige Sympathien zu entwickeln, die mit der Zeit oder alsbald in leibeslüstlicher, womöglich auch herzentflammter Zweisamkeit enden? Meine Monatskolumne "Quergedanken" geht in der aktuellen Folge 183 dieser Frage nach unter die Überschrift > "Die Liebe in Zeiten von Corona" (freier Lesetext. Hinweis vorsichthalber: Redaktionsschluss für diesen Text war VOR der Stuttgarter Krawallnacht)


23.06.2020

Vergangenen Samstag, 20 Uhr. Große Schauspielpremiere des Theaters Koblenz in Corona-Zeiten. Gegeben wird „Maria“, ein Gegenwartsstück von Simon Stephens. Doch statt mit anderen Interessierten im Theater, sitzt auch der Kritiker mutterseelenallein daheim vor dem Computer. Bei der Hand hat er Bier und Salzletten. Solche Bequemlichkeiten sind nun möglich, denn Premiere heißt diesmal: Seit Samstag 20 Uhr steht Markus Dietzes filmische Umsetzung des Stückes im Streamingportal des Theaters zum Abruf bereit. Theater im eigentlichen Sinn ist das nicht. Eher ein Fensehkammerspiel - sehr intensiv, sehr intim, via Kamera so nah dran an den Gesichtern, wie es sonst auf der Bühne kaum geht. > Meine Besprechung, 4800 Anschläge, RZ-Text, 49 Cent


21.06.2020

Asterix und Obelix bemerken gerne: "Die spinnen, die Römer". Bisweilen wird dieser Sinnspruch in anderen Episoden von selbigen Comic-Helden auch auf andere Landsmannschaften übertragen. Ich hatte ihn nun meinerseits in einem Kommentar auf Facebook auf die Bevölkerung jenes Inselkönigreiches angewandt, das aus der EU austreten will: "Die spinnen, die Briten". Folge davon: Der Sinnspruch wurde von Facebook gelöscht und die Zuckermänner erteilten mir eine Verwarnung, weil ich damit gegen die "Gemeinschaftsstandards" verstoßen hätte. Da fällt einem nur nichts mehr dazu ein.


18.06.2020

Eine Anmerkung zu diesem von allen Seiten teils leider mit unseliger Dogmatik geführten Streit um Rassismus (und andere Negativeigenschaften) in der deutschen Polizei. Ich selbst bin in den zurückliegenden 50 Jahren mehrfach Zeuge (bisweilen Opfer) bzw. Nutznießer von beidem geworden: a) die Polizei dein Freund und Helfer, b) Polizisten als Einsatztruppe, die mit unverhältnismäßiger Härte zuschlagen, sich selbstherrliche Übergriffigkeiten erlauben und die Verantwortung für ihr Tun in der Korpsanonymität verbergen.

Aus beiderlei Erfahrungen rührt meine heutige Haltung in der jetzigen Diskussion: Der deutschen Polizei systemischen Rassismus u.a. zu unterstellen, ist abwegig. Ebenso abwegig ist es, der gesamten Polizei ein generelles Unschuldsattest auszustellen. Da es beispielsweise, wie wir gerade aus jüngster Zeite wissen, innerhalb der Polizei auch rechtsradikale Individuen und/oder Seilschaften gibt, gibt es schon von daher dort naturgemäß auch ein Quantum an Rassismus.

In toto bin ich der Ansicht, dass das staatliche Gewaltmonopol in der Demokratie eine feine Sache ist. Gerade deshalb aber bedarf es einer strengen rechtsstaatlichen wie auch unabhängigen operativen Kontrolle dieses Gewaltapparates. Auf dass sein Monopol nicht missbraucht werde. Blindes Vertrauen ist diesbezüglich so wenig hilfreich wie generalisierendes Misstrauen.


16.06.2020

Der erste Kür-Beitrag aus meinem Ruhestand: Besprechung der Sonderproduktion "Extra Time" von tanzmainz am Staatstheater Mainz. Premiere war am Sonntag. Endlich mal wieder Tanzkunst live - wegen Corona freilich unter besonderen Bedingungen für die Theaterbesucher und deutlichen Folgen auch für das tänzerische Bühnengeschehen selbst. > Mein Zeitungsartikel (4200 Anschläge, kostenpflichtiger Rhein-Zeitungs-Text, 49 Cent)


15.06.2020

Aus dem Vollen schöpfen. Wir stecken nun mittendrin in der 100%-Selbstversorgung mit Grünzeug und Beeren während des Sommerhalbjahres. Salat, Kohlrabi, Broccoli, Möhren, Jungzwiebeln, Radies, Zuckererbsenschoten aus eigenem Bio-Anbau stehen täglich zur Verfügung. Obendrein heute schon wieder zwei Kilo Erdbeeren gepflückt, und die Johannisbeeren drängen auch schon. Vielversprechend kräftig sehen die Kartoffelpflanzen aus. Resilienz, die Freude macht.


12.06.2020

Sie gehen mir gewaltig auf den Keks, diese Leute, die nun nach vier Monaten Corona-Krise aus allerhand Ecken tönen: Man hätte dies und das anders machen müssen, jenes gar nicht machen brauchen ... > Dazu eine kurze Anmerkung 


09.06.2020

Hätten wir die fleißigen Hummeln nicht, es sähe mau aus mit der Blütenbestäubung im Selbstversorgungsgarten und rund ums Haus. Es summt und brummt zwar in Himbeersträuchern wie Kräuterbeeten, zwischen Tomatenstauden, erst recht rund ums halbe Dutzend Wild- und Bienenblumenecken auf dem Grundstück. Doch stellt sich bei genauerer Beobachtung heraus: Auf zehn Hummeln kommen hier höchstens eine Biene und zwei, drei Minisummser.


07.06.2020

Nein, die Wiederwahl Trumps im November ist gewiss noch nicht verhindert. Doch auch im bürgerlich-konservativen Milieu der US-Gesellschaft gerät derzeit einiges in Bewegung. So gibt es - > wie der verlinkte Artikel dokumentiert - Anzeichen, dass die bisher schier bedingungslose Anhängerschaft vieler amerikanischer Christen für diesen Präsidenten bröckelt.


06.06.2020

Zwei Herzen, ach, in meiner Brust: Einerseits große Freude über die breite antirassistische Bewegung in USA, Deutschland und vielen anderen Ländern; andererseits Corona-Besorgnis wegen der Zusammenballung großer Menschenmassen bei den Demos. Immerhin, und das ist ein gravierender Unterschied zu den "Hygiene"-Aufmärschen und dem Berliner Raver-Event: Man sieht auf den zahlreichen Demo-Fotos, dass die allermeisten Demonstranten Maske tragen. Man sieht auf Luftaufnahmen von diversen Demos erkennbares (teils leider erfolgloses) Bemühen um Abstandhalten.


05.06.2020

Nein, die Amis sind beileibe nicht alle bekloppt. Derzeit zeigt wieder das andere Amerika sein Gesicht - der weltoffene, humane, demokratische, sozial eingestellte, vernünftige Teil dieses Volkes der vielen Herkünfte. Ich habe in den letzten Tagen alle Nachrichten, Bilder, Statements über die aktuelle Antirassismus-Bewegung unter der Fragestellung betrachtet: Was unterscheidet die jetzige Bewegung von den diversen "Rassenunruhen" der vergangenen Jahrzehnte in den USA sowie von der Bürgerrechtsbewegung der frühen 1960er?

Antwort: Wir erleben als Reaktion auf die Ermordung von George Floyd gar keine "Rassenunruhe", keinen Protest oder Wutaufstand vornehmlich der Schwarzen. Vielmehr haben wir es zu tun mit dem Aufbegehren eines bunt gemischten Teils der US-Zivilgesellschaft gegen systemischen Rassismus. Einer der wesentlichen Unterschiede zu früher ist: Latinos, Asiaten, Indigene und sehr, sehr viele Weiße schließen sich mit den Schwarzen zusammen - verstehen sich als selbstverständliche multiethnische Einheit, für die Rassismus eine unerträgliche Absurdität im heutigen Amerika darstellt. Der Anteil jüngerer Menschen und von Frauen in dieser Bewegung ist extrem hoch. Das macht Hoffnung - wie auch die jetzt vermehrt aufbrechenden Spaltungslinien innerhalb des Establishments bis hin zur Armeeführung Hoffnung machen.


04.06.2020

Ja, ja, ja - heute endlich war ich mal Klamotten einkaufen. Opulent und vollkommen friedlich. Erst im kleinen Städtchen nebenan, hernach in der großen Stadt dorten, wo Rhenus und Mosella koitieren. In summa fünf Geschäfte hintereinander besucht; persönlicher Rekord. Zwei Hosen, drei T-Shirts, zwei Polohemden und drei Paar Socken erbeutet. Dazu noch ein paar Sachen, die wir wirklich neu brauchten: Schneidebrett, Kartoffelschäler, Körper- und Geschirrtrockentücher. Schließlich landete ich erschöpft an der zentralstädtischen Imbissbude. Eine schöne Bratwurst mit viel Senf darauf ergattert - aber kläglich gescheitert beim Versuch, sie durch den Mundschutz ins Maul zu schieben. Oh, oh, oh - der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Je häufiger und selbstverständlicher du die Seuchenmaske auf hast, umso eher vergisst du, dass du sie auf hast. Was eine Sauerei: Das Schnuffeltuch über und über mit Mostrich beschmiert, die Finger gleich drauf nicht minder. Eilends entzog sich der Mann den spöttisch-amüsierten Blicken der urbanen Öffentlichkeit.


03.06.2020

Gestern ausgestrahlt, jetzt noch in der Mediathek nachzuhören: SWR2 Musikgespräch mit mir über mein Buch zur Geschichte des Koblenzer Musik-Instituts. Wen das interessiert (8 Minuten): > Hier ist der Link zur Sendung

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Von drauß' vom Walde komm' ich her und muss euch sagen: Es ist ein Elend dorten. Nach zwei langen Wanderungen am Pfingstwochenende in die weitere Umgebung und heute wieder durch den Hauswald muss ich, müsste selbst der sprichwörtliche Blinde mit Krückstock feststellen: Für den Unterwesterwald ist die Baumart Fichte unübersehbar ins finale Stadium des Aussterbens eingetreten. Ich konnte nirgendwo mehr einen gesunden Fichtenbestand ausmachen. > weiterlesen


02.06.2020

Gerd Neuwirth, einer meiner ältesten Freunde und frühen Kollegen in der mittelrheinischen Wahlheimat, hat einen Text über uns beide geschrieben und vorgestern im Rahmen einer Bücher-Challange auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Von meiner Ruhestandsmitteilung aufgeschreckt und angestachelt, erinnert sich Gerd an Anfänge und Werden unserer ebenso getreulichen wie produktiv streitbaren Beziehung. Da ist allerhand sehr gut getroffen und berührend bis knuffig ausgedrückt, was zum Kern dieser besonderen Freundschaft zwischen dem Alten und dem noch nicht ganz so Alten gehört. Danke Gerd. > "Eine streitbare Freundschaft" (hier)



31.05.2020

Stephan Mahlow vom Koblenzer Podcast "Runde um Eck" und ich haben neulich lange geplaudert über mein Leben, Tun und Ansichten zu diversen Gegenwartsfragen. Mahlow schreibt in seiner Ankündigung dieses Podcast-Beitrages u.a. : Es ist ein langes, aber wie ich finde sehr interessantes Gespräch geworden. Über lehrreichen Wehrdienst, die Faszination von Dialekten, "links-grün-versiffte" Positionen der Rhein-Zeitung, Fridays for Future, Qualitätsjournalismus, Facebook-Blasen und natürlich über die Coronakrise.

> Gespräch anhören wahlweise hier:

 Spotify: https://spoti.fi/36CRoHF

iTunes: https://apple.co/3es8I4K

Google Podcasts: https://bit.ly/2BdgIs6

Anchor: https://bit.ly/3ck7iIh"


30.05.2020

IN EIGENER SACHE gebe ich kund und zu wissen: Von heute an firmiere ich als "Kulturjournalist a.D." (außer Dienst). Ja, die beruflichen Schuhe sind abgelatscht, zerschlissen, löchrig. Nach 33 Jahren bin ich der Pflichten, Zwänge, Turbulenzen und Verantwortung wie auch der Erwartungen und Forderungen an mich müde. Es war eine gute Zeit, sowohl die 17 Jahre in der Zentralredaktion der Rhein-Zeitung als auch die anschließenden 16 freischaffenden Jahre. Aber nun ist es genug. Nach reiflichem Überlegen und ein bisschen Rumrechnen bin ich zu dem Schluss gekommen, postcorona nicht mehr in den Vollbetrieb meiner Zunft zurückzukehren, sondern schon jetzt - ein Jahr vorfristig - in den Ruhestand zu gehen.

Natürlich, wer mich etwas näher kennt, der/die sagt jetzt: "Er wird die Feder nie und nimmer ganz weglegen (können)." Will er auch nicht. Ich werde, freilich in stark reduziertem Maße, der Tanz- und Schauspielkunst sowie der klassischen Musik als Gelegenheitskritiker treu bleiben, mich hie und da gewiss auch zu anderen Themen in der Zeitung mal zu Wort melden. Das aber ganz nach eigener Lust und Laune. Die Lebensphase der Kür ist ausgerufen. Nun müssen sich erstmal Hirn, Gemüt und Umgebung mit den neuen Umständen vertraut machen. Alles Weitere findet sich.

 

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