Neujahrsessay 2017: Wenn Angst die Seele auffrisst

Angst: Das war nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eines der medial meistbenutzten Worte. Die Berichterstattung rund um die Untat war durchsetzt davon, erst recht der sogleich losbrechende öffentliche Disput über Ursachen, Schuldige, Wirkungen, Folgen. Man hätte den Eindruck gewinnen können, die Hauptstadt, ja das ganze Land sei nun von Angst vor terroristischen Aktionen geschüttelt. Doch die Realität ist eine andere. Erschrecken, Betroffenheit, Trauer angesichts der Opfer, ja, das gibt es überall. Ebenso Entsetzen, Empörung, Zorn angesichts der perfiden Brutalität des Anschlags. Dazu kommen Beunruhigung und Besorgnis hinsichtlich der künftigen Entwicklung des Zusammenlebens unserer Gesellschaft und ihrer Sicherheit.

Menschen feiern fast wie immer

Aber es kann keine Rede davon sein, die Bevölkerung Deutschlands sei infolge des Berliner Terroraktes von blanker Angst erfasst. Weihnachtsmärkte und Einkaufsstädte allüberall waren an den Folgetagen wie vordem gut besucht. Und mancher Reporter mühte sich vergebens, Besuchern ein Angst-Bekenntnis abzuringen. Die Menschen feierten draußen und daheim Weihnachten, wie sie es immer getan hatten. Sie ließen es an Silvester krachen, werden auch im neuen Jahr wieder ins Fußballstadion oder zum Rockfestival gehen und zur Fastnacht die Pappnas' aufsetzen. So leicht bringen ein paar Anschläge, seien sie noch so grausig, eine 80-Millionen-Gesellschaft nicht aus dem Tritt. Wer sich erinnert: Das gelang schon den links- und rechtsextremistischen Terrorwellen nicht, die während der 1970er/80er Jahre in wesentlich größerer Zahl und in summa mit deutlich mehr Opfern Deutschland und seine westeuropäischen Nachbarn heimsuchten.

Wie die damaligen „politischen” Terroristen, so haben die heutigen „religiösen” Terroristen eine Destabilisierung unserer Gesellschaft zum Ziel. RAF, Rote Brigaden oder Neofaschisten scheiterten damals primär an zwei Umständen: Erstens mochten die „Volksmassen” ihren vermeintlich „revolutionären” Umtrieben nicht folgen, und zweitens ließen sich die westeuropäischen Gesellschaften durch Terroranschläge nicht in hysterisches Angst-Chaos stürzen. Was vor 40 Jahren galt, gilt noch heute: Terrorakte sind furchtbar, schmerzlich und nicht hinnehmbar; doch haben sie für sich genommen keineswegs das Zeug, unser Gemeinwesen und unsere Lebensart nachhaltig zu verwunden, gar zu zerstören. Das kann die Gesellschaft sich nur selbst antun. Indem ihre Mitglieder, Parteien, Medien, Institutionen sich auf das Spiel mit der Angst einlassen. Indem sie selbst Angst schüren, ja heranzüchten – die schließlich dazu treibt, das man sich Zug um Zug von der Vernunft wie von den eigenen Grundwerten entfernt.

Wenn Terrorabwehr mit Flüchtlingsabwehr gleichgesetzt wird, hat Angstmache die Vernunft bereits ausgehebelt. Vergessen ist, dass es Taliban- und IS-Terror in Westeuropa bereits gab, lange bevor die 2015er Flüchtlinge hier ankamen. Verdrängt ist, dass islamistische Terrorakteure wie Touristen oder Geschäftsleute per Flugzeug, Eisenbahn, Schiff, Auto kreuz und quer durch Europa reisten. Ausgeblendet ist, dass viele seit Jahren, Jahrzehnten, teils schon in der zweiten oder dritten Generation hier daheim sind und hier erst zu Terroristen wurden; dass sogar etliche Hundert junge Europäer und Deutsche ohne Migrationshintergrund aus ihrer abendländischen Herkunftskultur ausgebrochen sind und sich dem IS angeschlossen haben.

Destabilisierender Spaltpilz

Für die Terrorstrategie des IS ist der Flüchtlingsstrom nur eine Bewegungsmöglichkeit von vielen. Die Barbaren nutzen sie umso lieber, je deutlicher wird, dass auf diesem Weg den europäischen Gesellschaften der destabilisierende Spaltpilz der „Angst vor den Fremden” eingepflanzt werden kann. Und so ist bei nicht wenigen Zeitgenossen der unter humanitärem wie auch unter sicherheitspolitischem Gesichtspunkt fatale Fehlschluss provoziert worden: die Flüchtlinge seien die Ursache für den Terror, und die hiesigen Terrorprobleme gelöst, wenn wir nur die Flüchtlinge wieder los wären. Die Migrationsströme in geregelte Bahnen lenken zu wollen, ist eine vernünftige Sache. Eine ganz andere Sache aber ist es, Vorurteile, Feindseligkeit, Hass gegen und Angst vor allen Zuwanderern zu pflegen oder zu schüren – und Migrationsabwehr als effektive Terrorabwehr zu verkaufen. Die IS-Strategen lachen über diesen Humbug, denn zwar haben sie das 2015er Durcheinander gerne genutzt, waren und sind aber für ihre Terroraktionen nicht im geringsten  darauf angewiesen.      
    
Es hat eine seltsame Bewandtnis mit der Angst. Einerseits ist sie natürlicher
Schutzmechanismus vor Gefahren. Andererseits heißt es im Volksmund zurecht: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.” Denn dieses Gefühl hat die Macht, auszuschalten, was den Menschen insbesondere ausmacht: Vernunft und Empathie, also die Fähigkeit des analytisch-sachlichen Denkens verbunden mit der Fähigkeit des Sich-Hineinfühlens in andere Menschen. Nicht nur Psychologen wissen, dass überschießende Angst tatsächliche oder angenommene Gefahren vor dem geistigen Auge zu Größenordnungen steigert, die mit der Realität herzlich wenig zu tun haben. Deshalb gehört Angstschüren seit jeher zum wichtigsten Werkszeug populistischer Demagogen.

Angst kann noch eine weitere menschliche Ureigenschaft überlagern: Neugierde. Menschen und Gesellschaften gelangen dann zu gelassener Zuversicht, wenn sie in einem Gleichgewicht leben – aus hinreichender Angst und Vorsicht vor realen Gefahren einerseits, ausreichendem Maß an Neugierde und Wagemut andererseits, wie sie für jede Weiterentwicklung unabdingbar sind. Wir erleben derzeit indes ein Ungleichgewicht bis hin zur Feindseligkeit zwischen beiden Ureigenschaften. Bei den einen überwiegt die Angst vor dem Fremden und dem Neuartigen. Sie sehen ihre angestammte Lebensart gefährdet, sei es durch wirtschaftliche und soziale Verwerfungen oder Umwälzungen, sei es durch kulturelle Veränderungen oder sei es infolge des Zuzugs von Menschen aus diversen Weltgegenden. Was den einen Angst macht, ist bei den anderen vor allem mit Neugierde verbunden, mit Entdeckerfreude am Fremden, mit der Lust auf Vielgestaltigkeit, auf Bereicherung durch das Andere, auf Multikulturalität ...  

Angst vor der Angst

Für die einen sind die Globalisierung und jüngst beispielsweise die Aufnahme von einer Million Flüchtlingen schlichtweg eine Katastrophe. Die anderen hingegen sehen darin primär eine Herausforderung, verbunden mit mannigfachen Chancen sowie der unbedingten Pflicht zur humanen Hilfeleistung. Letztere fürchten etwas ganz anderes. Sie fürchten, Rechtspopulisten könnten die Verängstigten mit „postfaktischer” Hetze derart aufstacheln, dass alles verloren geht, was seit Kriegsende an Liberalität in Deutschland und Europa errungen wurde. Damit stecken gerade die westlichen Gesellschaften derzeit in einer sehr schwierigen Lage: Ein Teil der Bevölkerung hat Angst vor globaler Überfremdung seiner gewohnten (klein)bürgerlichen Lebensart; einen anderen Teil ängstigt nichts mehr als eben diese Angst, weil sie als politisch-kulturelles Rollback zum Verlust einer ebenfalls gewohnten liberalen und weltoffenen Lebensart führen könnte.

So kann nun quasi jeder vor jedem Angst haben. Dieser vor globaler Offenheit, jener vor dem Rückfall in nationalen Radikalkonservatismus. Der Gegensatz zwischen beiden Lebensarten und Weltsichten ist im Grunde weder etwas Neues noch ein rein deutsches Phänomen. Alle westlichen Demokratien waren seit Ende des 2. Weltkrieges geprägt von der Entwicklung hin zu einem Nebeneinander unterschiedlicher Lebenskulturen, die sich regelmäßig aneinander gerieben haben. Das Streben nach Friedens- und Freiheitserhalt sowie nach  Wohlstandserwerb war über mehrere Nachkriegsjahrzehnte der kleinste gemeinsame Nenner dieses Nebeneinanders. Damit einher ging das wirtschafliche, politische, kulturelle Zusammenrücken Europas, ja der gesamten Welt. Bis nun alles mit allem verknüpft und jeder von jedem abhängig ist.

Brexit, Trump, Le Pen, FPÖ, AfD, Pegida

Das ist Globalisierung. Sie macht die Realität unübersichtlich, stürzt sie in einen permanenten Veränderungsprozess, der die Menschen fast täglich mit Neuem und Ungewohntem konfrontiert. Kommen dazu tatsächliche oder für alsbald befürchtete Gefährdungen des eigenen Lebensniveaus oder der Lebensperspektiven etwa durch Finanzkrisen, Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg, dann wächst die Angst und mit ihr die Feindseligkeit gegenüber den Veränderungen, wächst zugleich die Sehnsucht nach dem vermeintlich goldenen Gestern der nationalstaatlichen Dominanz. Gesellt sich hierzu obendrein das mehr oder weniger begründete Gefühl, Regierungen, „Eliten”, übernationale Kräfte wie EU, Banken, Weltkonzerne würden rücksichtslos nur ihr eigenes Süppchen kochen, so heißen die Ergebnisse Brexit, Trump, Le Pen, FPÖ, AfD, Pegida. Unter deren Einfluss mutieren dann teils verständliche Befürchtungen und Sorgen, berechtigte Kritik an den politischen Institutionen wie an den unsozialen Auswüchsen des globalen Turbokapitalismus zu einer Mischung aus Angst und Wut  mitsamt Hinwendung zu politischer, gesellschaftlicher und kultureller Gestrigkeit.

Es sind überall im Westen neben den alten liberalen und multikulturellen Geistern gerade die jungen Menschen, vorneweg jüngere Frauen, die dieser Entwicklung schier fassungslos und mit wiederum eigenen Ängsten gegenüberstehen. Sie hatten weder für den Brexit noch für Trump gestimmt; sie haben den rechtsnationalen Hofer als österreichischen Präsidenten verhindert; sie mögen in ihrer Mehrheit von der AfD nichts wissen. Nationaler Radikalkonservatismus ist dem Gros der Jungen wesensfremd. Denn sie sind aufgewachsen in weltweiter Vernetzung mit einer musikalischen, filmischen, modischen, kulinarischen, sprachlichen, beruflichen Globalkultur. Zu ihren Schulkameraden, Studienkommilitonen, Freunden gehören in größter Selbstverständlichkeit Leute von überall her. Viele bereisen seit Kindertagen andere Länder und Erdteile, studieren, arbeiten, leben, lieben hier oder dort. Die Frauen wollen nichts wissen von einer Rückkehr zur Rolle als Heimchen. Die Lesben und Schwulen wollen sich nicht wieder verstecken müssen.

Der Generationenbruch

So manifestiert sich in der aktuell sehr tief gewordenen Kluft zwischen Nationalkonservatismus und modernem Liberalismus auch ein Generationenbruch. Denn die Mehrheit der westlichen Jungen ist – bei durchaus regionaler Heimatverbundenheit – nicht national, sondern international orientiert. Ihre Geistes- und Lebenswelt ist das globale Dorf. Die Jungen sehen ihre Aufgaben und Chancen für die eigene Zukunft in der internationalen Offenheit. Ihre Sorge, ja Angst, ist jetzt groß, die populistischen Angstschürer könnten in der Generation ihrer Eltern und/oder Großeltern eine Mehrheit für die Kehrtwende hin zu Abschottung, Deliberalisierung und Autoritarismus gewinnen – und damit die Zukunftswege der jungen Globalgeneration verbauen.

Wir stehen derzeit vor dem unseligen Phänomen, dass unterschiedliche Teile der Bevölkerung Angst haben, jeweils andere Teile könnten die Vorherrschaft über die Entwicklung der Gesellschaft erringen. Das Nebeneinander der Lebensarten und Weltsichten ist aus den Fugen; der eine hält den anderen für übergeschnappt und weltfremd, der andere den einen für inhuman, reaktionär und ebenfalls weltfremd. Die Lage ist verfahren, die Atmosphäre vergiftet und guter Rat teuer. Es wird 2017 allerhand zu bereden sein bei der Suche nach Wegen in Richtung einer labilen friedlichen Koexistenz innerhalb der Gesellschaft oder wenigstens zu wieder halbwegs zivilisiertem Umgang miteinander. Sage niemand, er habe ein Patentrezept. Denn das gibt es nicht – für ein Umfeld, in dem sich Angst und Wut bereits tief in Herzen und Seelen hineingefressen haben. 

Andreas Pecht

Archiv-chronologisch: