Neujahrsessays

Das globale Finanzdesaster hat die Heilslehre des Neoliberalismus entzaubert – Zum neuen Jahr Betrachtungen über die Möglichkeit einer Zeitenwende

ape. Es sind große Worte gefallen 2008. Vom Ende des Neoliberalismus war die Rede, gar von der Geburt  eines dritten Weges zwischen Sozialismus und Turbokapitalismus. Im Zuge der Finanzkrise signalisierten  Begriffe wie Zeitenwende oder Paradigmenwechsel einen grundstürzenden Wandel der öffentlichen Meinung. Das traditionelle Neujahrsessay beleuchtet die Abkehr von den Glücksverheißungen der staatsfreien Märkte, die einhergeht mit der Hoffnung auf die Rückkehr des Staates als dominante Ordnungskraft im Interesse des Gemeinwohls.

Das Besondere des Jahres 2008 war – wird es auch 2009 bleiben – die Gleichzeitigkeit von  vier Weltkrisen: Finanz- und Wirtschaftskrise, Klimakrise, Ernährungskrise sowie planetare Übervölkerung. Alle vier stehen in mannigfachen Wechselwirkungen miteinander. Allen vieren ist gemeinsam: Sie sind Ergebnis scheinbar grenzenlosen Wachstums. Eine Weltbevölkerung, die rasend schnell auf acht Milliarden Menschen anschwillt, will ernährt sein. Die gewaltigen Völkerschaften der Schwellenländer sind angetreten zur Aufholjagd in Richtung Erstwelt-Lebensstandard. Die alten Industriemächte wollen ihre Vormachtstellung behaupten und  weiter wachsen.

Aus diesen Faktoren resultiert tendenziell steigender Verbrauch von Ressourcen jedweder Art, seien es Ackerfläche oder Wasser, seien es Erze, Holz, Kohle, Gas oder Öl. Eine der Folgen: Im Wettlauf zwischen Befeuerung des Klimawandels und dessen Begrenzung hat Ersteres deutlich die Nase vorn. Über all dem schwebt ein Paradoxon: Ein Weltwirtschaftssystem, das, erstens, ohne permanentes Wachstum nicht funktioniert; das, zweitens,  kaum nach dem Nutzwert-Ergebnis von Investitionen fragt, sondern bloß nach Rendite.

Über Jahre galt offiziell als ausgemacht, dass solches Gewinnstreben positiv sei, weil es letztlich doch irgendwie zu rechtem Nutzen und Wohlstand führe – wenngleich auf manch schmerzhaften Umwegen. Weshalb auch Privatisierung rundum als probates Mittel galt zur Senkung öffentlicher Ausgaben bei zugleich angeblich verbesserter Erfüllung der vormals öffentlichen Aufgaben. Ob Post, Bahn oder Müllabfuhr, ob Stromnetz, Wasserversorgung oder Straßenbau, ob Gesundheitsdienst, Universitäten oder Altersvorsorge: „Liberalisierung“ wurde als allfälliges Heilsversprechen mit schier religiöser Inbrunst aufgegriffen.

Traumprofit ohne Arbeit?

Dem Versprechen erlagen zuletzt auch jene Bürger, die nach Abzug der Lebenshaltung noch etwas beiseite legen konnten. Sie folgten gutgläubig oder blind vor Gier dem Vorbild und dem Locken der Finanzwirtschaft,  steckten ihr Geld in allerlei Supergewinn verheißende Abenteuer. Das frühe 21. Jahrhundert war wie im Fieber von einer absurden Illusion durchtränkt: Geld arbeite – und zwar profitabler als es Menschen je könnten. Vergessen die Grunderkenntnis allen Wirtschaftens: Neuen Wert, echten Mehrwert, schafft am Ende nur menschliche Arbeit!

Das Resultat ist bekannt. Es darf derzeit als schwerste Finanzkrise seit 1929 bestaunt, in den nächsten Jahren womöglich als harte Wirtschaftskrise durchlitten und nachher von überschuldeten Folgegenerationen ausgebadet werden. Wie dieser Einschnitt das Denken der Menschen verändert, lässt sich vollends noch nicht überschauen.

Unverkennbar ist indes schon dies: 2008 platzte nicht nur eine weitere Spekulationsblase, sondern erlitt vor aller Augen die Heilslehre vom beglückenden Wirken ungehemmter Marktkräfte völligen Schiffbruch. Der Markt und seine großmächtigen Akteure haben ihr Ansehen verspielt. Kaum einer mag ihnen noch vertrauen: die Arbeiter nicht, die Mittelschicht nicht, selbst manch mittelständischer Unternehmer sieht sich von Spekulanten, Bankern und Konzernmogulen mit dem Löffel barbiert.

Das entfesselte Spiel des großen Geldes hat in seinem Furor gleich das ganze Casino zertrümmert und die Weltwirtschaft an die Wand gefahren. Niemand traut den Spielern zu, dass sie aus eigener Kraft die Malaise überwinden; nicht einmal die Spieler selbst. Leitmedien prangern „Das Kapital-Verbrechen“ an,  fordern „Zivilisiert den Kapitalismus“. So böse Befunde gab es lange keine. Denn sie meinen nicht weniger, als dass das weltweit vorherrschende Wirtschaftssystem in seiner jetzigen Ausprägung die Zivilisation insgesamt unterminiere. Auf den Plan gerufen wird deshalb als letzter Retter in der Not der eben noch als antiquiert, unwirtschaftlich, überflüssig gescholtene „Hemmschuh des freien Marktes“: der Staat.

Plötzlich stellt sich heraus, es existiert jenseits vordergründiger Rentabilität, jenseits kurzfristiger Profitinteressen, jenseits des ökonomischen „Krieges aller gegen alle“ (Hobbes) noch ein Interesse höherer Kategorie: das Interesse am Überleben und Gedeihen der Gesellschaft als Ganzes – das Gemeinwohl. Wenn das regellose Kampfspiel der Marktkräfte unfähig ist, die Wirtschaft zum Nutzen aller am Laufen zu halten, muss eine übergeordnete Instanz eingreifen. Da es der liebe Gott nicht tut, bleibt nur der Staat. Kann der das? Gegenfrage: Wer sonst sollte den Job machen, wenn die hauptberuflichen Finanzjongleure entweder den Verstand verloren haben oder wie Goethes Zauberlehrling unfähig sind, die Geister zu bändigen, die sie riefen?

„O weh, der Bock wird Gärtner“, fürchtet da manch einer mit Verweis auf die unrühmliche Figur, die deutsche Staatsbanken in der Finanzkrise abgaben. Doch fatal sind nicht die staatlichen Banken selbst. Fatal ist, dass sie ihr ureigentliches Aufgabenfeld verließen, um sich gemein zu machen mit den Wall-Street-Zockern, dass sie wie diese nur noch im Sinn hatten: Geld scheffeln, um des Geldes willen – dabei jedes Risiko verachtend und im Rausch des großen Spieles ihre besondere Verantwortung als Staatseinrichtung vergessend. Es ist halt so: Wenn staatliche Institutionen die Marktmechanismen zur Maxime des eigenen Handelns erheben, dann droht der Staat zum lächerlichen Spielball dieses Marktes und der dort mächtigsten Akteure zu verkommen.

Auf diesem gefährlichen Pfad der Unterwerfung von Staat und Gesellschaft unter das Primat der Profitabilität wandelte nicht nur die deutsche Staatspolitik zuletzt in ungebührlicher Häufigkeit. Doch jetzt muss sie ihn verlassen, will sie das Gemeinwesen aus dem durchs Markttreiben verursachten Notstand retten. Was ist das eigentlich, der Staat, auf den sich nun alle Hoffnungen richten? Das obige Foto zeigt den Kopfteil der Titelillustration zu Thomas Hobbes' Schrift „Leviathan“ von 1651. Der Autor attestiert frei nach Plautus, dass „der Mensch dem Menschen ein Wolf ist“. Deshalb bedürfe jede Gesellschaft einer übergeordneten Instanz, die ihr Überleben sichert.

Der Staat sind wir

Zu diesem Zweck wird jene Instanz, der Staat, von der Gemeinschaft mit großer Macht ausgestattet, auf dass er sie zum Wohle aller einsesetze. Einiges am Modell von Hobbes ist mit moderner Demokratie kaum vereinbar. Grundlegend aber bleibt: Der Staat ist das Ergebnis einer Übereinkunft zwischen seinen Bürgern, getroffen  zwecks Überleben, Frieden, Wohlfahrt und Schutz für jedermann. Dem heutigen demokratischen Staat fällt darüber hinaus die Rolle des Garanten möglichst weitgreifender Individual-Freiheiten zu.

In der Illustration zum „Leviathan“ setzt sich der Körper des Staates (den sich Hobbes vor 360 Jahren noch als aufgeklärte Monarchie wünschte) aus einer Vielzahl von Menschen zusammen. Das versinnbildlicht: Der Staat, das sind letztlich wir alle – mögen uns Finanzamt, Verkehrspolizei, Gemeindeverwaltung oder die Politik schlechthin im Einzelfall noch so sehr ärgern.
Geschimpft wird über den Staat seit eh und je. In den letzten 20 Jahren allerdings wurde er mehr und mehr als Ursache schlechthin für alles Übel ringsumher betrachtet. Wuchernde Bürokratie, steigende Steuern und Sozialabgaben, farblose bis haltlose Politiker, schlechte Politik . . . waren Öl ins Feuer der Staatsverdrossenheit. Derweil avancierten die Großakteure der Banken und Konzerne zu fürstlich honorierten Helden der Moderne. Fortschritt schien es bloß noch im Reich der Global Player zu geben.

Mehr noch: Die Mechanismen der globalen Ökonomie hatten bald die Statur unabänderlicher Naturgesetze angenommen. Denen haben wir Jahr um Jahr immer weitere Bereiche des Lebens unterworfen. Bis wir unser Sozialsystem kaum noch wiedererkennen. Bis Schulen und Universitäten gänzlich auf Berufszurichtung statt Menschenbildung verpflichtet sind. Bis Mitbestimmungsrechte und Sozialbindung des Kapitals vollends der Vergangenheit angehören. Bis mit den Ruhephasen der Sonn- und Feiertage auch der geregelte Feierabend verschwindet. Bis am Ende selbst Freizeit und Erholung, Familie und Freundschaft, ja sogar die Künste in den Dienst von „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Standortentwicklung“ gezwungen sind.

Jetzt allerdings macht die große Krise des Finanzkapitalismus mit einem Mal deutlich: Die Mechanismen des Marktes sind keine Naturgesetze, denen man sich nur immer weiter anzupassen habe; vielmehr handelt es sich um menschliche Verkehrsformen, die folglich  auch beeinflussbar, ja veränderbar sind. Demnach war es keine Altherren-Spinnerei, als Helmut Schmidt vor mehr als zehn Jahren forderte, die Staaten sollten der Wirtschaft ein Reglement aufladen, das zu vernünftigem Handeln zwinge. Der Ruf nach einem anderen, einem regulierten  Kapitalismus ist übers Jahr 2008 allgemein geworden, wird markig vorgetragen von Linksaußen bis tief hinein ins rechtsbürgerliche Lager. Wer hat die Kraft und die Macht zu regulieren? Der Staat.

Politik kann und muss gestalten

Der Staat (die Staatengemeinschaft) allein kann den Kapitalismus davor bewahren, zum Totengräber seiner selbst zu werden. So weckt die Finanzkrise zugleich die Hoffnung, wir könnten wieder Herr unsrer Geschicke sein, statt nur den Diktaten einer vermeintlich naturgesetzlichen Globalökonomie zu gehorchen. Dazu muss der Staat aber auch regulieren wollen, muss die Politik Wille wie Mut aufbringen, vor allem den eben noch schier allmächtigen Konzernen Vernunft und Rücksicht auf die Allgemeinheit abzuverlangen, nötigenfalls abzuzwingen.

Die Gemeinschaft der Bürger wird sehr  genau zu beobachten haben, ob die von ihr per Wahlurne beauftragten Funktionsträger des Staates so verfahren. Oder ob sie Abermilliarden unseres Geldes nur hergeben, um die Karre Kapitalismus aus dem Dreck zu ziehen: Auf dass sie nachher in gewohnter Manier flugs dem nächsten noch größeren Crash entgegen rase.

Mit unserem Geld wird nun der Kapitalismus vor unfreiwilligem Selbstmord bewahrt. Weshalb es  nur recht und billig ist, Gegenleistungen einzufordern. Etwa: Sozialen Anstand, Mitverantwortung für das Gemeinwesen und angemessene Beteiligung an dessen Kosten, auskömmlichen Lohn für alle arbeitenden Menschen, Mitversorgung der Schwachen. Schließlich ein vernünftiges Wirtschaften, das auf einem lebenswerten Planeten unser aller kulturelles Menschentum um seiner selbst willen respektiert – statt es zum bloßen Humankapital herabzuwürdigen und profitabel zu verbrauchen.

Andreas Pecht

Erstabdruck 2. Januar 2009

Ergänzend zum Thema sei auf einen zeitgleich bei "zeit online" erschienenen Artikel "Die Entstaatlichung stoppen" von Erhard Eppler verwiesen: www.zeit.de/online/2008/52/Eppler-de

Die Marktwirtschaft wird zur Marktgesellschaft: Kunst und Bildung, Kindheit und Freizeit müssen sich zusehends durch Effizienz legitimieren

ape. Zwei Drittel der Deutschen halten sich für religiös. Drei Viertel meinen, die Regierung tue zu wenig für soziale Gerechtigkeit. Und für fast alle ist Liebe das Wichtigste und Schönste auf Erden. Größer kann der Widerspruch zwischen ideeller Herzensstimmung und einer nahezu allumfassend auf Effizienz, Nützlichkeit, Rentabilität ausgerichteten Gegenwart kaum mehr sein. Zum Jahresbeginn 2008 einige Gedanken über das sich verstärkende Befremden zwischen der Realität und dem Menschlichen.

Ein Gespenst geht um in der Welt. Das Gespenst der Marktgesellschaft. Marktgesellschaft? Wir kennen das Wort Marktwirtschaft, begreifen es als Synonym für eine Kapitalismus genannte Wirtschaftsweise. Wir wissen um die Soziale Marktwirtschaft und verstehen darunter einen domestizierten, gezähmten Kapitalismus, der nicht zuletzt auf soziale Gerechtigkeit verpflichtet ist, sein sollte. Was aber meint Marktgesellschaft?

Der in jüngerer Zeit vermehrt im öffentlichen Diskurs auftauchende Begriff ist nicht wirklich neu. Im vergangenen Jahrhundert wurde er häufig nur als anderer Ausdruck für Marktwirtschaft benutzt. Oder er bezeichnete schlicht eine auf marktwirtschaftlicher Basis agierende Gesellschaft. „Marktgesellschaft“, ein im Grunde also unverdächtiges Wort – dem sich neuerdings aber ein bedrohlicher Unterton beigesellt. Der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer spricht von einem aktuell „forcierten Übergang von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft“. Der zeige sich darin, „dass ökonomistische Prinzipien wie Effizienz und Nützlichkeit das soziale Leben durchdringen und andere, nicht marktrelevante Grundsätze  zurückdrängen“.

Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit, letztlich Rentabilität werden in Bereichen zu Leit-Maßstäben, in denen vordem Mitgefühl und Fürsorge, Muße und zweckfreies Spiel, Liebe und Lust, ungebundene Geistigkeit und frei schwebende Gefühligkeit vorherrschten: Soziale Pflege und Solidarität, Kunst und Kultur, Partnerschaft und Familie, Kindheit und Bildung beispielsweise. In diesem Sinne bedeutet „Marktgesellschaft“, zugespitzt formuliert: Die Gesetze des Marktes durchdringen, prägen und dominieren die gesamte Gesellschaft. Alle Werte werden in Geldwerte umgemünzt, alle Maßstäbe entlang der Kategorie Nützlichkeit geeicht.

Heitmeyers Forschungen über „Deutsche Zustände“ befassen sich mit Einstellungen der Deutschen gegenüber wirtschaftlich schwachen Gruppen wie Fremden, Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen oder Behinderten. Und er findet „Hinweise auf die moralvernichtenden Effekte des dominierenden Marktes“, insofern unter den allgemein sich verstärkenden Nützlichkeits-Aspekten abwertende Haltungen gegenüber schwächeren Bevölkerungsgruppen zunehmen. „Menschen, die wenig nützlich sind, kann sich keine Gesellschaft leisten“, dieser Aussage stimmten bei einer Umfrage 33,3 Prozent der befragten Deutschen zu. Die These „wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager“ erfuhr 42,3 Prozent Zustimmung.

Die ökonomistische Orientierung ist in den Köpfen angekommen, ringt dort mit älteren sozialen und humanen Grundeinstellungen. Der Wandlungsprozess von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft geht schleichend vor sich. Erst der Rückblick macht das Ausmaß seines Fortschreitens auch auf Feldern bewusst, die man für weitgehend unanfällig gehalten hatte. Kunst und Kultur beispielsweise haben während der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte einen tief greifenden Bedeutungswandel vom „weichen Gesellschaftsfaktor“ zum „harten Wirtschaftsfaktor“ durchgemacht.

Als zu  Beginn der 90er Sparwellen durch die Kulturförderung der Öffentlichen Hand zu fluten begannen, versuchten Intendanten, Festivalmacher, Künstler ihr Metier in den Rang eines ökonomisch nützlichen Elements für den Standortwettbewerb zu erheben. Eine in dieser Szene ungewöhnliche Argumentation, die Anfangs oft bloß als bemühter Lobbyismus in eigener Sache belächelt wurde. Heute spielt das kulturelle Angebot bei jeder Regionen-Bewertung, jedem Städte-Ranking und jeder Prognose auf die Zukunftschancen urbaner wie ländlicher Quartiere im Orchester aus Gewerbe, Verkehrserschließung  und Bildungseinrichtungen gleichberechtigt mit. Heute klotzen und protzen Landes- und Kommunalpolitik sowie Tourismuswerbung mit allem, was sich am Ort irgendwie als Kunst und Kultur bezeichnen lässt. Burgen und Schlösser, Theater und Museen, Kulturfabriken und Kleinkunstclubs, Festivals und Sonderevents aller Künste: Wehe der Stadt, die derartiges nicht zu bieten hat.

Kunst und Kultur sind somit nicht länger zivilisatorische Werte an sich, sie werden tatsächlich als Wirtschaftsfaktor begriffen. Und als solcher auch bewertet: Wie man den Wert einer Fernsehsendung nach der Einschaltquote bemisst, so nunmehr den Wert von Konzerten, Ausstellungen oder Theaterinszenierungen nach der Menge und Zahlungsfähigkeit des Publikums, das sie mobilisieren. Keine Frage: Vor vollem Haus zu spielen ist angenehmer als vor halbvollem oder fast leerem. Wenn die Künstler allerdings anfangen, sich im Hinblick  auf Publikums-Zugkraft zu verbiegen, dann verabschiedet sich die Kunst von ihrem Selbstverständnis. Kunst und Kultur werden sich selbst fremd, sobald sie ökonomische Nützlichkeit als Primat fürs eigene Schaffen anerkennen.

Dies ist eine schwierige Diskussion, weil in den meisten Köpfen längst als selbstverständlich gilt, dass auch Kunst „sich rechnen muss“, sich durch Nützlichkeit zu legitimieren hat. Ein Selbstverständnis indes, das deutscher Geistestradition widerspricht, wie wir sie in der Weimarer Klassik, im Idealismus, in der Romantik begründet finden. Den Rückgriff auf diese Tradition mahnt eines der wohl wichtigsten Bücher des Jahres 2007 an: Rüdiger Safranskis „Romantik. Eine deutsche Affäre“ (Hanser). Darin werden Philosophie und Literatur vom Ende des 18. Jahrhunderts und das ganze 19. hindurch dargestellt als Gegenbewegung zum ebenso gefühlskalten wie geschäftstüchtigen Negativ-Ausfluss des Rationalismus: dem Diktat der Nützlichkeit, das etwa Friedrich Schiller so sehr beklagt: „Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht.“

Schiller auch war es, der uns vor mehr als 200 Jahren ins Stammbuch schrieb, dass das ureigentlich Menschliche sich nicht aus wirtschaftlichem Tun definiert, sondern „der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt“. Der Dichterphilosoph meint mit „Spielen“ Freiheitsräume gegenüber den Diktaten von animalischen Affekten sowie von Geschäften und profaner Nützlichkeit. In diesem Sinne ist, so fasst Safranski den Schiller zusammen, „Kunst also erstens Spiel, zweitens Selbstzweck und drittens kompensiert sie die spezifische Deformation der bürgerlichen Gesellschaft: das entwickelte System der Arbeitsteilung“. Das Spiel der Kunst ermuntere den Menschen zu tun, was ihm Arbeitsteilung und Marktdominanz verwehren:  Alle seine Kräften zu entfalten – Verstand, Gefühl, Einbildungskraft, Erinnerung und Erwartung. Diese Funktion aber kann die Kunst nur erfüllen, „wenn sie sich selbst will“, wenn sie - wie Liebe, Freundschaft oder bisweilen die Religiosität - ihren Zweck in sich selbst findet. Dann „kann es geschehen, dass sie (die Kunst) auch, gewissermaßen unbeabsichtigt, der Gesellschaft dient“.

Der Gedanke von der Vollendung des Homo sapiens im autonomen Homo ludens, im spielenden Menschen, stellt gewissermaßen den Gegenpol zur Marktgesellschaft dar. Dieser Zusammenhang wird nirgendwo deutlicher als im gegenwärtigen Umgang mit Kindheit und Schulzeit. Ausgerechnet jene Lebensphase, in der das Spielen noch am meisten als urwüchsig das Individuum bildende Kraft wirkt, soll nun fortschreitend verschult werden: die Kindheit. Kindergärten werden zu Institutionen frühschulischer Ausbildung umgemodelt. Der natürliche Spieltrieb der Kleinen wird kanalisiert, wird „nutzbar“ gemacht als Instrument früher Schulung. Ehedem freies Spiel verwandelt sich in von Erwachsenen vorgegebene Lernstrukturen – zum Zwecke der Effizienzsteigerung des gesamten Bildungsweges.

Natürlich, diese Entwicklung wird in teils guter Absicht vorangetrieben: Um Defizite und Ungleichgewichte auszugleichen, die Familien, Gesellschaft, Umwelt, Kultur und Unkultur den Kindern mit in die Wiege legen und auf den Weg geben; um die späteren Chancen des Nachwuchses auf dem Überlebens-Markt zu verbessern. Aber wird da nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? Stiehlt man den Kindern nicht auch die Kindheit, wenn man ihr Spiel seiner selbstvergessenen Zweckfreiheit, seiner anarchischen Neugier beraubt und es vollends einem strikten Reglement der Nützlichkeit unterwirft? Ähnliche Fragestellungen lassen sich gegenüber den nachfolgenden Bildungsgängen aufwerfen. Man lernt für das Leben, nicht für die Schule – diese uralte Weisheit ist in ein großes Missverständnis umgeschlagen, insofern heutzutage unter Leben zumeist bloß Erwerbsleben verstanden wird.

„In demselben Maße, wie die Gesellschaft im Ganzen reicher und komplexer wird, lässt sie den Einzelnen in Hinsicht auf die Entfaltung seiner Anlagen und Kräfte verarmen“, schreibt  Safranski in Anlehnung an Rousseau, Schiller, Hölderlin und Hegel, an Karl Marx und Max Weber. Wir finden diese Aussage bestätigt etwa in der Verkürzung der Gymnasial- und Studienzeiten, im wachsenden Anteil der technisch-naturwissenschaftlichen Fächer am Schulunterricht, in der Verschulung des Hochschulstudiums im Rahmen des Bologna-Prozesses. Das gesamte Bildungswesen hat sich von Humboldt verabschiedet und  den Weg zum wirtschaftlich nützlichen Ausbildungswesen eingeschlagen. Sicher, das erhöht die Chancen des Einzelnen auf den Märkten. Zugleich aber reduziert es seine Chancen auf Ausformung einer im humanistischen Sinne reifen Persönlichkeit. Eigentlich steht die Bildungspolitik also vor einem schwerwiegenden Dilemma. Doch sorgt sie sich darum eher wenig, weil sie mit forschem Pragmatismus die Weichen längst in Richtung wirtschaftliche Nützlichkeit gestellt hat.

Die Entwicklung zur Marktgesellschaft macht weder vor Kunst und Kultur noch vor Kindheit und Bildung halt. Sie macht vor gar nichts halt. Sport zum Beispiel ist ein großes Geschäft, und Freude daran genügt nicht mehr als Motiv, ihn auszuüben: Sport ist nützlich, er stärkt die Gesundheit, erhöht das Leistungsvermögen und verlängert das Leben. Selbst der Kampf um den Erhalt unserer Umwelt folgt nicht der Einsicht ins Notwendige, sondern gehorcht den Gesetzen des Marktes; siehe CO2-Ablasshandel. Entweder wird Klimaschutz zu einem großen Geschäft oder es findet keiner statt – die internationale Umweltpolitik hat sich nicht erst in Bali dieser Logik hingegeben. Und sogar das Kinderkriegen darf nicht mehr einfach um seiner selbst willen betrieben oder unterlassen werden: Kinder zu zeugen, gilt hier und heute vor allem als ökonomische Notwendigkeit zwecks Beschaffung von Geldmitteln für die Sozialsysteme.

Die Krux am rationalen Nützlichkeitswahn ist: Er macht, vielleicht, den Magen voll, lässt aber das Herz frieren und verödet mannigfach sinnliche wie intellektuelle Potenziale. Kurzum: Ein vollends zur Marktgesellschaft verkommenes Gemeinwesen verurteilt seine Individuen dazu, eine Existenz als „Bruchstücke“ (Schiller) ihrer selbst zu führen. Wenngleich auf wesentlich niedrigerem Niveau als heute, so bestand diese Tendenz doch bereits im 19. Jahrhundert. Die große geistig-kulturelle Gegenbewegung dazu war die Romantik, diese schwärmerisch-seelenvolle Hinwendung zum Fantastischen, Träumerischen, Ganzheitlichen, auch Metaphysischen – zur verspielten und deshalb „erhabenen Nutzlosigkeit“. Klägliche Überreste davon treiben uns heute zu Romantikabenden in Romantikhotels oder vor die Leinwände und Mattscheiben, über die mit Sehnsüchten nach Herzenswärme und freiem Abenteurertum aufgeladene Schinken flimmern. Vom romantischen Universalgeist ist das kleine Glück eines verdrückten Tränchens oder kurzen Schauderns geblieben. Aber auch das gehört längst zum Geschäft.   

Andreas Pecht

Erstabdruck am 2. Januar 2008 in  der Rhein-Zeitung, wo seit den späten 1990ern im Kulturteil jährlich mein "Neujahrsessay"  publiziert wird

Mit dem Veränderungsdruck globalisierter Gegenwart wachsen menschliche Urängste und das natürliche Schutzbedürfnis

ape. Das alte Jahre wurde, das neue wird  von zwei  gegenläufigen Haupttendenzen geprägt. Einerseits stellen  Globalisierung und Klimawandel  bisherige Lebensart radikal in Frage. Je heftiger sie das tun, umso stärker wird andererseits die naturwüchsige Sehnsucht der Menschen nach Vertrautem und nach Geborgenheit. Im nachfolgenden Essay  wird dieses Spannungsgefüge etwas genauer betrachtet.

Nichts bleibt, wie es war; nichts wird bleiben, wie es ist. So lautet das einzige Versprechen, dessen Umsetzung die Moderne tatsächlich garantiert. Beim Übrigen gilt: Ausgang ungewiss. Das  Versprechen ist ein zweischneidiges. Denn einerseits strotzt die Spezies Mensch von Neugierde, Abenteuerlust, Veränderungswillen. Andererseits bedürfen die Individuen der Geborgenheit, also der Sicherheit und verlässlichen Versorgung, der Vertrautheit einer Heimstätte, der kulturellen Verwurzelung, des menschlichen Miteinanders. Zwischen beiden Polen ein Gleichgewicht herzustellen, dem gilt humanes Streben. Die Gegenwart indes scheint von solchem Gleichgewicht weiter entfernt denn je.

Wer oder was ist verantwortlich?  Ökonomie, Politik und Kultur geben unisono Antwort mit dem Wort Globalisierung. Dieses erfährt im öffentlichen Sprachgebrauch viel sagende Spezifizierungen: globaler Kapitalismus, Turbo-,  Raubtier-, neuerdings auch Brachialkapitalismus. Die Globalisierung – besser sagt man wohl: diese Art Globalisierung – zeichnet einen Weg  vor,  der an „Reformen“ nicht vorbeikomme, wie es heißt. Wobei das Wort Reformen verharmlost, was vor sich geht: ein grundstürzender Wandel unserer Lebenskultur, eine Revolution. Die ist allerdings von oben verordnet und hat den Makel, dass die Ziele ihrer Führer an den Erfahrungen und den Bedürfnisses „prekärer“ Unterschicht und abstiegsverängstigter Mittelschicht meist vorbei gehen.

ARBEITNEHMER SUPERMANN UND SUPERFRAU

Nichts bleibt, wie es war.  Ob der „reformierte“ Sozialstaat schließlich den Namen Sozialstaat noch verdient, ist fraglich. „Je mehr der Sozialstaat diskreditiert wurde, umso kälter wurde auch der Ton in den Betrieben“, schreibt Heribert Prantl in seinem Buch über „die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit“. Das ganze Land wird nurmehr als Wirtschaftsstandort durchdekliniert. Darin setzt sich  ein neues Verständnis vom  Arbeitnehmer fest: die vielseitig gebildete, grenzenlos flexible, allseits mobile, über jede Gebühr belastbare und dabei möglichst preiswerte Arbeitskraft. Supermann und Superfrau, die nur eines nicht haben dürfen: Schwächen – und versorgungsbedürftige Kinder oder Alte.

Nichts bleibt, wie es war. Künftige Arbeitsbiografien werden anders verlaufen als  bisherige. Wie, auch das lässt sich am Sprachgebrauch ablesen. Wirtschaft, Politik, Medien sprechen nur noch von der Notwendigkeit neuer „Jobs“. Das gemeine Volk ist  allerdings nicht so furchtbar scharf auf Jobs. Was dort gewünscht, ersehnt, für nötig befunden wird, nennt sich „Arbeitsplätze“.
Job und Arbeitsplatz, das sind keineswegs bloß verschiedene Wörter für dieselbe Sache. Arbeitsplatz meint eine feste, verlässliche, entwicklungsfähige, auf Gegenseitigkeit und Langfristigkeit angelegte Anstellung. Jobs hingegen sind, wie in den USA vorexerziert, bloß lose Verbindungen auf Zeit. Jobs sind Beschäftigungen, mit  denen man schlecht oder recht Geld verdient, aber auf die sich kaum je eine solide Lebensplanung aufbauen lässt. Wenn die einen ohne Job arm sind, die anderen trotz Job arm bleiben oder werden, dann ist eingetreten wovor Gabor Steingart im „Spiegel“ warnte: „Die Vergangenheit der Urgroßväter, als der Sozialstaat noch nicht erfunden war, kehrt in Gestalt der Moderne zurück.“

Mit Job verbindet sich ein gänzlich anderer Lebensentwurf als mit Arbeitsplatz.  Der Kampf um Arbeitsplätze war in Deutschland stets auch ein Kampf um verlässliche Lebensperspektiven, um Entwicklung vom Schlechteren zum Besseren, um die Möglichkeit zur Sesshaftigkeit oder um Chancen zum Ausstieg aus der Erb-Armut. Der Begriffswechsel vom Arbeitsplatz zum Job flankiert unbewusst oder gezielt einen Grundwertewechsel im sozialkulturellen Selbstverständnis der Republik.

SIMGLES AM ALLERBESTEN GEEIGNET

Nichts bleibt, wie es war.  Von einem Job zum nächsten springen, von einem Ort zum andern ziehen,  wechselnd zwischen Phasen von Arbeitslosigkeit und Phasen extrem verdichteter, arbeitszeitlich ausufernder Beschäftigungen: So werden, heißt es, bald die meisten Arbeitsbiografien aussehen. Arbeitswelten schaffen sich ihre Sozialstrukturen. Die frühzeitlichen Jäger und Sammler lebten in Horden zusammen. Zur Gesellschaft von Ackerbauern und Handwerkern gehörten als Sozialform Haushalt und Großfamilie. Das Industriezeitalter brachte die Kleinfamilie. Zu den geschilderten Anforderungen der industrie-elektronischen Globalmoderne passen nun schwach gebundene Paare oder gleich völlig ungebundene Singles objektiv am allerbesten.

ABSTURZ IN UNGEWISSE

Folgerichtig vollzieht sich die Wendung weg von der  Kleinfamilie hin zum quasi solitären Dasein auch. Mit den  bekannten Folgen: Vom Zerreißen der privaten Solidarnetze und der daraus folgenden Belastung der Sozialsysteme über rückläufige Geburten bis zur massenhaften Vereinsamung. Damit einher geht die tiefgreifende Verunsicherung der Menschen.
Übrigens nicht nur hierzulande. China erkauft seinen Wirtschaftsboom mit einer umfassenden Zerrüttung aller gewachsenen Sozialstrukturen und gigantischem Umweltraubbau.  In der gesamten Dritten Welt zerbrechen  die Strukturen kleiner Landwirtschaft und familiären Kleingewerbes, in denen die  Menschen über Generationen lebten und arbeiteten.

Nichts bleibt, wie es ist. Mehrere Milliarden Erdenbewohner sehen einer ungewissen, unberechenbaren Zukunft entgegen. Man muss kein großer Psychologe sein, um zu prognostizieren, dass  Forderungen nach noch mehr, noch radikaleren, noch schnelleren Umwälzungen im Sinne neoliberaler Weltwirtschaftsordnung überwiegend als Bedrohung empfunden werden dürften.
Die sogenannte „Sozialdemokratisierung“ der CDU ist eine Reaktion auf diesen Sachverhalt, Kurt Becks jüngstes Plädoyer für eine Reformpause eine andere. Die Politik beginnt zu begreifen, dass es eine demokratische Zukunft nicht geben wird, wenn soziale Interessen, wenn urwüchsige Geborgenheitsbedürfnisse der Menschen auf dem Altar des blanken Ökonomismus geopfert werden. Der aktuelle Konjunkturaufschwung ändert an diesem Befund im Grundsatz wenig. Das Volk weiß recht gut, dass ein Konjunkturhoch, so schön es für den Moment sein mag,  keine verlässliche Zukunftsperspektive darstellt. Der soziale Preis für den jetzigen Aufschwung war enorm. Derjenige für die Überwindung des nächsten Abschwungs von 2009 oder 2011 an wird noch höher sein. Wann ist er zu hoch?

Die Globalisierung stellt Traditionen, Lebensweisen, ja ganze Kulturen in Frage.  Hier sind es Einkommensniveau, Sozialstaat, Arbeitsordnung, Kleinfamilie ... Anderswo sind es religiöse oder ethnische Lebensart, regionale Besonderheiten des Wirtschaftens, nationale Eigenarten. Je radikaler der entwurzelnde, sämtliche Lebensbereiche ökonomisierende Zugriff der Globalisierung, umso kräftiger die Gegenbewegungen, umso größer die Sehnsucht nach Sicherheit und Verwurzelung in vertrautem Grund.

RENAISSANCE DER RELIGION

Die weltweite Renaissance des Religiösen ist solch eine Gegenbewegung. Glaube stiftet Sinn, stiftet Regeln, stiftet Halt, stiftet dem, der sich ihm hingibt, Geborgenheit. Im Glauben kann der Gläubige etwas von dem wiederfinden, was dem ökonomischen Weltlauf unter die Räder kam. Leider  kehren mit dieser Renaissance des Religiösen auch die dunklen Seiten der Religionen zurück: Sendungseifer, Selbstgerechtigkeit, Intoleranz, Rechthaberei bis hin zum Hegemonialanspruch auch im weltlichen Raum. Am radikalsten ausgeprägt sind diese Schattenseiten zurzeit im islamischen Fundamentalismus, aber es gibt sie nicht nur dort. Gegenbewegungen zur Seelenlosigkeit der Globalisierung existieren in mannigfachen Formen. Nationalchauvenismus und Fremdenfeindlichkeit sind zwei der hässlichsten.

Eine ganz andere Form stellt in den westlichen Industrieländern die emotionale Hinwendung zum Familiären dar. Das Ausmaß dieses Trends lässt sich aus der Besorgnis über sinkende Geburten allein nicht erklären. Auffallend am diesbezüglichen Diskurs ist  die maßlose Idyllisierung  von Familie. Sie wird quasi zum Allheilmittel per se für alle Bildungs-, Verhaltens-, Kriminalitäts- und Gesundheitsprobleme stilisiert. Dass diese Probleme auch in Familien grundgelegt werden, wird übersehen. Dass Familie auch ein Ort der Unterdrückung ist, dass die meisten Gewalttaten in Familien stattfinden, wird ausgeblendet.

Warum diese Blindheit für  die Tatsache, dass Familie Himmel, aber eben auch Hölle sein kann? Weil man sie als letztes von Liebe und Selbstlosigkeit erfülltes Refugium sehen möchte. Als privates Eden. Als Geborgenheitsraum, in dem du um deiner Selbst willen respektiert wirst und nicht nur nach dem Nutzen fürs Profitcenter bewertet. Es ist logisch,  aber doch eine der großen Fatalitäten der Moderne: Die Sehnsucht nach Familienidylle ist am größten, wo die Bedingungen für Familie am schlechtesten sind – in einer Turboarbeitswelt mit Turboarbeitern.

URANGST VOR NATURGEWALTEN

Die Sehnsucht nach Geborgenheit nimmt mit der Unsicherheit der Lebensumstände und damit der Angst vor der Zukunft zu. Das ist kein Spleen von Schwächlingen, sondern von der Natur gedacht als Vorsorge motivierender Überlebensmechanismus.  Den die Globalisierung freilich ignoriert, solange sie niemand zu Verstand bringt. Wir erleben zurzeit, wie eine von  unvernünftiger Wirtschafterei verursachte Bedrohung eine menschliche Urangst reaktiviert: die Angst vor den Naturgewalten.

Im Falle Klimawandel bleibt nun ausnahmsweise etwas, wie es war: Deutsche Politiker und Industrie-Lobbyisten machen ein Geschrei um zwölf Millionen Tonnen CO2-Verdreckungsrechte, die ihnen die EU nicht zugestehen will. Um die verbleibenden 450 Millionen Tonnen sorgt sich indes keiner. Das Publikum verfolgt staunend einen irrwitzigen Streit. Denn eigentlich müsste es darum gehen, den globalen CO2-Ausstoß  möglichst rasch zu halbieren. Nur mit einer Halbierung lässt  sich der Klimawandel halbwegs eindämmen. Die Mindestanforderung an Deutschland heißt also nicht zwölf, sondern 225 Millionen Tonnen CO2 weniger.  Wirtschaftlich nie und nimmer machbar, kommt der Einwand. Schlecht gesprochen. Denn erstens schert sich die Natur wenig darum, was wir für machbar halten. Und zweitens demonstriert die politische und wirtschaftliche Elite damit, dass sie entweder nicht begreift, was ihre Pflicht ist, oder ihr einfach nichts einfällt, wie sie erfüllt werden könnte.

Die Welt verändert sich, das ist unvermeidbar. Wie und in welche Richtung, das allerdings können Menschen beeinflussen. Und es wäre dabei hilfreich, würde man sich auf den ureigentlichen Zweck der Politik und des Wirtschaftens besinnen: Wohlfahrt und Glück für alle. Ein Satz aus der schweizer Verfassung könnte als Anhalt dienen: „Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohlstand der Schwachen.“

Andreas Pecht

Wirklich globales Denken könnte zur Folge haben, dass die fatale Kleingeistigkeit des Wirtschafts-Globalismus auffällt

ape. Alle reden von Globalisierung. Und davon, dass man sich ihren Herausforderungen endlich stellen müsse. Dieses Essay geht der Frage nach, ob es den Zeitgenossen mit dem globalen Denken und Handeln ernst ist. Zweifel kommen auf, sobald Themen wie Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaftswachstum ihre tatsächliche Global-Dimension offenbaren.

Globalisierung. Ein Wort, das gewaltig dröhnt in den Köpfen. Ist es Sammelbegriff für jene regellos entfesselten Kräfte kapitalistischen Wirtschaftens, die alle bisherigen Gewissheiten umstürzen, die sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Unerbittlichkeit und Zwanghaftigkeit reiner Geldverhältnisse reduzieren? Oder ist Globalisierung doch eher Ausdruck für einen, bisweilen schmerzhaften, Weg in eine lichte Zukunft, die auch den Elenden dieser Welt Teilhabe am so nie da gewesenen Reichtum gewährt?

Es gehört zu den Phänomenen der Globalisierung - des Wortes wie der realen Prozesse -, dass sie sich derartigen Fragestellungen ziemlich erfolgreich entzieht. Der Trick geht so: Globalisierung wird als quasi naturgesetzliche Entwicklung ausgegeben; sie finde halt statt, sei unaufhaltsam, folge nicht menschlichem Willen, sondern Automatismen. Die Leute mögen davon halten, was sie wollen, es spiele keine Rolle, erklären die in Wirtschaft, Politik und Medien stark vertretenen "Realisten". Sie belächeln Zeitgenossen als naiv und weltfremd, die Fragen obiger Art auch nur andeuten. Diskussion um Sinn, Unsinn oder Richtung der Globalisierung gilt ihnen als reine Zeitverschwendung: Den Selbstlauf der globalen Ökonomie ficht weder Kritik noch Politik noch Moral an.

"Realisten" zu kurzsichtig

Doch diese "Realisten" haben eine Schwäche: Ihr Blick greift zu kurz, und damit an den tatsächlichen Erfordernissen der globalen Realität vorbei. Warum? Weil sie unter Globalisierung nur den Prozess ökonomischer Internationalisierung verstehen. Diese beschränkte Sicht führt interessanterweise gerade zu einem nicht-globalen Umgang mit den gesellschaftlichen Folgewirkungen der Globalisierung. Während die Global-Player das ganze Erdenrund als Spielfeld benutzen, tobt in den Niederungen nationaler und regionaler Politik ein Hauen und Stechen jeder gegen jeden um das gefällige Herausputzen von Standorten. Als gut und richtig gilt fortan einzig, was den eigenen Standort ökonomisch reizvoll macht - für die wohlfeile Vernutzung durch die Global Player.

Nicht nur, dass man sich mit dieser provinziellen Art dem "Teile und Herrsche" des Globalismus schutzlos ausliefert. Damit einher geht zugleich Blindheit für andere, wirklich existenzielle Global-Probleme. Fatale Folge: Politik und allgemeines Denken tapsen perspektivisch in allerlei Fallen. Man schaue beispielsweise auf eines der zentralen Probleme für die künftige Entwicklung des Planeten, die Bevölkerungsfrage. "Deutschland braucht wieder mehr Kinder", tönt es unisono auf allen Kanälen und aus sämtlichen deutschen Parteimündern. Die Politik plant in Serie Programme zur Erhöhung der Geburtenrate. Die Argumente dafür sind hinlänglich bekannt.

Über die Effizienz von Zeugungs-Fördermaßnahmen wird im Land heftig gestritten. Globale Gesichtspunkte kommen dabei allerdings nicht vor! Man nehme die penetrante Aufforderung, sich den Herausforderungen der Globalisierung endlich zu stellen, einmal ernst und wende sie auf dieses Thema an. Von globaler Warte aus mutiert das deutsche Allparteien-Ziel "mehr Kinder" zur Absurdität. 6,5 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Welt. Viel zu viele! Weshalb die UNO seit Jahrzehnten die Eindämmung des Wachstums der Weltbevölkerung als wichtigste Menschheitsaufgabe betrachtet. In den 1980ern stand die hochgerechnete Zahl von zehn Milliarden Menschen noch vor 2050 als Menetekel am Horizont. Ende der 1990er wurde die Berechnung auf neun Milliarden nach unten korrigiert. Drei Hauptgründe sprachen für eine solche Verlangsamung des Bevölkerungswachstums: erstens die rigide Ein-Kind-Politik Chinas, zweitens eine bescheidene Verkleinerung der Zuwachsrate bei den Geburten auch in anderen Schwellenländern, drittens die sinkende Geburtenrate in den Industrieländern.

Es war ein Hoffnungsschimmer, der jetzt zu verglimmen droht. Denn mittlerweile treibt China mit seiner 1300-Millionen-Bevölkerung auf ein Altersproblem zu, gegen das sich unsriges vergleichsweise niedlich ausmacht. Sollte das Riesenreich nun nach deutschem Muster verfahren und die Lösung des Altersproblems im Versuch einer systematischen Erhöhung der Geburten suchen, wären die Folgen katastrophal. Die Menschenzahl in China würde explodieren. Wenn obendrein ausgerechnet die reichsten und die größten Länder vorexerzieren, dass sie glauben, nur mit kräftigem Bevölkerungswachstum ihre Zukunft meistern zu können, wieso sollten andere Gesellschaften Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ihre Bemühungen um Geburtenkontrolle fortsetzen? Global betrachtet sind die Anstrengungen Deutschlands zur Steigerung der Binnen-Geburtenrate ein Unding. Denn die Welt ist überfüllt mit Menschen.

Statt sich den Kopf zu zerbrechen, wie künftige Gesellschaften die Chancen sinkender Geburtenraten nutzen und zugleich mit hohem Altenanteil zurecht kommen können, reitet sich die Moderne immer tiefer in eine Zwickmühle hinein. Einerseits: Werden wenige Kinder geboren, scheint die Versorgung der größer werdenden Seniorenpopulation gefährdet. Andererseits: Werden viele Kinder geboren, entzieht sich die Spezies Mensch auf lange Sicht die eigene Lebensgrundlage durch Übernutzung der begrenzten Ressourcen Luft, Wasser, Land und Bodenschätze. Noch im späten 20. Jahrhundert haben die Sozialkundebücher unserer Schulen über den "Circulus vitiosus der Armut" aufgeklärt: In früheren Agrar-Gesellschaften und in der Dritten Welt wurden viele Kinder als Garant für ein versorgtes Alter, für die Zukunft der Sippe, des Volkes angesehen. Doch der Kindersegen hatte Verarmung zur Folge, diese wiederum noch mehr Kinder... Ein solcher Kreislauf galt für die aufklärerisch und industriell entwickelten Länder als überwunden.

Just zu Beginn des 21. Jahrhunderts aber sind Zweite und Erste Welt offenbar wild entschlossen, zum unglückseligen Prinzip ihrer Vorfahren zurückzukehren. Viele Kinder seien zur Sicherung der Renten unabdingbar, heißt es wieder. Vergessen scheint, dass viele Kinder auch viele Münder sind. Und dass "viele Kinder" ebenso heißt: noch mehr Enkel und noch mehr Münder und noch mehr Arbeitsuchende und noch mehr Rentner und noch mehr Ressourcen-Verbraucher. Sämtliche Probleme der Gegenwart würden durch Erhöhung der Geburtenrate in verschärfter Form an die Folgegenerationen weitergereicht. Wobei es für das globale Dorf im Grundsatz keine Rolle spielt, in welcher Hütte mehr und in welcher weniger Kinder geboren werden. Ausschlaggebend für das Leben aller ist die Gesamtzahl der Dorfbewohner, weil alle Hütten auf derselben globalen Scholle und unter demselben globalen Himmel stehen.

Was uns zur nächsten Zwickmühle führt: der Maxime vom ökonomischen Wachstum. Aus aller Münder schallt es: "Wir brauchen mehr Wirtschaftswachstum." Nehmen wir als Exempel den Traum der Automobilindustrie von der Motorisierung der bislang unterentwickelten Länder. Allein die Vorstellung, es könnte etwa in China ein Motorisierungsgrad wie in Deutschland erreicht werden, muss jedem, der nur ein bisschen ökologischen Verstand besitzt, den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Die wahnwitzige deutsche Automobilrate (ein Auto pro zwei Bürger, Tendenz weiter steigend) auf China übertragen, hieße: Die globalen Ressourcen müssten 650 Millionen zusätzliche Verbrennungskraftwerke auf Rädern aushalten. Das wäre grob eine Verdoppelung des derzeitigen Weltbestandes von rund 750 Millionen Fahrzeugen.

Bald 2,5 Milliarden Autos?

Schon heute verursachen Automotoren ein Fünftel des weltweiten CO2-Ausstoßes. Nimmt man die Produktion der Autos sowie Herstellung und Erhalt der Infrastruktur für ihren Betrieb hinzu, ist es ein Drittel. Sämtliche Entwicklungs- und Schwellenländer weisen eine eindeutige Tendenz in Richtung Automobilgesellschaft nach westlichem Vorbild auf. Deshalb soll es in 25 bis 30 Jahren nach Experten-Hochrechnung etwa 2,5 Milliarden (!) Autos auf Erden geben; so viele, wie es 100 Jahre davor Menschen gab. Das ist jede Menge vom heiß ersehnten Wachstum. Das ist aber zugleich auch blanker Irrsinn. Die totale Automobilisierung der Welt wäre eine entwicklungsgeschichtliche Sackgasse mit unübersehbar selbstmörderischer Tendenz - man betrachte allein die heutigen Auswirkungen des Wachstums aus dem 20. Jahrhundert: von der Unterwerfung unserer Landschaften und Lebensarten unter das industriell-automobile Diktat über den Raubbau an den Ressourcen bis hin zum globalen Klimawandel mit seinen Verheerungen.

Am Beispiel Auto wird deutlich, wie sehr wir uns haben in die Wachstums-Zwickmühle manövrieren lassen. Einerseits weiß man, dass noch mehr Autos weder fürs eigene Land noch für die globale Ökologie vertretbar sind. Andererseits haben wir uns wirtschaftlich von der Autoproduktion so sehr abhängig gemacht, dass bereits nur gleich bleibende Verkaufzahlen zur Krise führen. Dennoch heißt der blind verfolgte Zukunftskurs: weiter so - aber mehr, besser, schneller, billiger. Doch keines der großen Probleme der Gegenwart ist durch quantitative Ausweitung der globalen Produktion lösbar. Anarchisches Wachstum schafft im Zeitalter der Globalisierung nur immer neue Probleme, lässt obendrein alte schon im nächsten Wirtschaftszyklus wieder und schärfer wirksam werden.

"Je größer man denkt, desto beschissener sieht es aus", legt Ian McEwan in seinem jüngsten Roman einem 17-Jährigen von heute in den Mund. Der Bub hat leider Recht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb so viele Leute (vorneweg besagte Realisten) zwar gerne von den Herausforderungen der Globalisierung schwatzen, aber gerade bei den wichtigsten Zukunftsfragen von wirklich globalem Denken und Handeln lieber nichts wissen wollen.

Andreas Pecht

Erstabdruck Anfang Januar 2006

Die Würde des Menschen ist das höchste irdische Gut

ape. Fragen der Religion und Religiosität haben sich während des zurückliegenden Jahres in der öffentlichen Diskussion breit gemacht wie lange nicht. Die westlichen Demokratien suchen nach Antworten auf die Bedrohung durch fundamentalistischen Terror und die He-rausforderung durch die Renaissance des Islam. Unser Autor warnt in seinem traditionellen Neujahrs-Essay davor, Gleiches mit Gleichem zu beantworten und so das große Erbe der europäischen Aufklärung zu gefährden.

"Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Noch vor ein paar Jahren war die Ansicht in der westlichen Hemisphäre verbreitet, Immanuel Kants "Wahlspruch der Aufklärung" könne alsbald vollends verwirklicht sein. Gedanken- und Glaubensfreiheit waren in den Demokratien selbstverständlich; von Hautfarbe, Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft unabhängige gleiche Bürgerrechte für alle hatten Verfassungsrang erlangt. Das abergläubische Mittelalter schien ebenso überwunden wie die Epoche der Religionskriege und die der Klassenkämpfe. Man hielt die Vorherrschaft von Vernunft und Toleranz im Umgang der Menschen und Staaten miteinander für eine realistische Möglichkeit.

Doch binnen gerade mal 15 Jahren werden die Ergebnisse des im 16. und 17. Jahrhundert begonnen "aufklärerischen" Prozesses von mehreren Seiten in die Zange genommen. Die mit der Revolution des Ayatollah Khomeini im Iran begonnene Renaissance des Islam entwickelt sich nach dem Zusammenbruch des so genannten "sozialistischen Lagers" weltweit zur zentralen Gegenbewegung wider die globale Expansion der "westlichen Kultur" und die Vorherrschaft ihrer Industrien. Zeitgleich beginnt im Westen selbst die Umwandlung bisheriger Sozialer Marktwirtschaften in "freie" Instrumente der Globalisierung. Wiederum fast zeitgleich machen sich auch in den westlichen Gesellschaften längst überwunden geglaubte Verhaltensmuster breit.

Wieder die Gretchenfrage

Galt eben noch die friedliche, gleichberechtigte Koexistenz von Nationen und Kulturen als weltpolitisch erstrebenswerte Maxime, so greift nun wieder Sendungsbewusstsein um sich. Fühlte man sich eben noch gut aufgehoben als Gleicher in der Gemeinschaft der Völker, so macht sich nun wieder das Drängen nach größer, besser, überlegen breit. Betrachtete man eben noch Religion als Privatsache und die religiöse Neutralität des Staates als Selbstverständlichkeit, so wird auf einmal die Gretchenfrage aus Goethes "Faust" - "wie hältst du"s mit der Religion"- zum Dauerbrenner nicht nur in der privaten, sondern auch in der öffentlichen, selbst in der staatspolitischen Diskussion.

Als gäbe es den Wertekanon des Grundgesetzes nicht, hallten im zurückliegenden Jahr mannigfach Rufe durch unser Land, dem Drängen diverser Moslems nach Gottesstaaten müsse der Westen die Rückbesinnung auf seine christlichen Wurzeln entgegensetzen. Religiösem Eiferertum mit religiösem Eifer begegnen? Ein solcher Ansatz wäre eindeutig voraufklärerisch. Schon vergessen, was etwa Lessing in seinem Theaterstück "Nathan der Weise" versucht, seinen Zeitgenossen und den Nachgeborenen ins Stammbuch zu schreiben? Dass der Zwist rechthaberischer und allein seligmachender Religionen nur Unglück über die Menschen bringt; dass noch über dem Recht der Gläubigen die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen steht.

Das Erbe der Aufklärung besagt: Religion kann kein Bestimmungsfaktor für die allgemeine Ordnung eines aufgeklärten Gemeinwesens sein, weil es dadurch für Andersgläubige und Ungläubige zur Zwangsjacke würde. Von 82 Millionen Bundesbürgern gehören 54 Millionen einem halben Hundert verschiedener christlicher Gemeinschaften an. Daneben leben rund drei Millionen Moslems im Land. Von den übrigen 25 Millionen Bürgern ist die überwiegende Mehrheit schlicht religionslos. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung würde von einem wie auch immer religiös definierten Gemeinwesen an den Rand gedrängt, am Ende gar unterdrückt.

In früheren Zeitaltern haben Könige, Fürsten, Grafen ihre Unteranen zu ihrer jeweiligen Religion gezwungen. Dies Prinzip hat schon einmal Europa in Schutt und Asche gelegt. Die Denker und Reformer der Aufklärung machten ihm den Garaus, indem sie vom Grundsatz her Religion zur Privatsache erklärten, und den Staat in den Rang des neutralen Garanten der Würde und Freiheit a l l e r Bürger setzten. Katholik oder Protestant, Moslem oder Buddhist, Esoteriker oder Atheist - gemeinsam sind allen die universellen Menschenrechte sowie die Rechte und Pflichten des Staatsbürgers. Der Privatmann mag seinen Gott über den Gott seines Nachbarn zur Rechten stellen, beide mögen sich privatim für etwas Besseres halten als ihr völlig gottloser Nachbar zur Linken - dem aufgeklärten Staat sind sie alle drei gleich lieb und schutzbefohlen. Einen höheren gemeinsamen Wert als diesen "urhumanen" kann es auf Erden kaum geben - und anders als bei den Regeln des Himmels bedarf es dazu nicht des Glaubens, sondern "nur" der Vernunft.

Doch mit dieser geht es neuerdings rapide bergab. Dass die nie von einer der europäischen Aufklärung vergleichbaren Bewegung durchdrungene moslemische Kultur sich schwer tut mit der weltlichen Vernunft, ist eine Sache. Und die wird nicht einfacher durch die Arroganz westlicher Macht und die trübsinnigen Unarten ihrer merkantilen "Kultur". Die totale Unterwerfung aller Lebenssphären unter die Gesetze von Verkaufbarkeit und Käuflichkeit kann Moslem, Christ und Atheist gleichermaßen in Rage bringen. Im Grabe würden sich die großen Aufklärer von Kant und Lessing über Diderot, John Locke, David Hume bis Rousseau und Voltaire umdrehen, müssten sie nur einen Tag die "Geistigkeit" von Big-Brother-Containern, Dschungelcamps, einschlägigen Gewalt- oder angeblichen Erotik-Blockbustern erleben.

Vernunft auf dem Rückzug

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" sagte Kant - nicht ahnend, dass Zeit zum Nachdenken einmal als Langeweile begriffen und mit abgeschmackten Zeitvertreiben bekämpft werden würde. Die Aufklärer bauten auf den selbstwussten, informierten, nachdenklichen, aufgeschlossenen, sich in die öffentlichen Belange couragiert einmischenden Bürger. Doch der macht sich rar im frühen 21. Jahrhundert: versinkt im Fernsehsessel; nutzt seine Freiheit zur Wahl unter 22 Telefonanbietern; beweist seine Mündigkeit, indem er sinkende Arbeitseinkommen akzeptiert, zugleich ebenso "vernünftig" mehr konsumiert, mehr für Krankenversicherung und Altersvorsorge ausgibt (geben soll).

Im Kleinen wie im Großen

Es ist fatal, aber dem Erbe der Aufklärung wird von den Erben der Aufklärung selbst das Wasser abgegraben. Das geschieht im westlichen Alltag, das geschieht auch in der großen Politik. Amerika leistet sich einen Präsidenten, der sein Tun im Inneren wie im Äußeren als göttliche Sendung, damit als sakrosankt und für alle Welt Glück bringend ausgibt. Ein US-Präsident, der meint, im Namen des christlichen Gottes zu handeln - wie der Terrorist Osama bin Laden meint, im Namen Allahs zu handeln. Osama bekämpft Amerika als potenziellen Totengräber der islamischen Kultur, George W. bekämpft den Islamismus als potenziellen Gefährder des American Way of Life. Womit wir wieder bei Lessing wären, denn aus der religiösen Rechthaberei beider Fraktionen erwächst Unheil für beide und für Unbeteiligte. Wobei, wie stets in der Geschichte, zu den religiösen Gründen jede Menge ganz handfester hinzukommen.

Mehr noch: Die Verfestigung der Frontstellung verschärft nicht nur die Formen des "Krieges", sondern legitimiert die Ausbreitung einer Kultur der Unfreiheit im Innern der verfeindeten Lager. Nie wurden in Amerika Bürgerrechte so massiv abgebaut wie seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Wobei es den Anschein hat, als nutze die jetzige Regierung die Situation auch, um der eigentlich multikulturellen US-Gesellschaft eine nationalistische und christreligiöse Leitkultur überzustülpen. Dafür gibt es im Moment in den Vereinigten Staaten augenscheinlich eine knappe (Wahlstimmen-) Mehrheit. Doch die Durchsetzung hat einen hohen Preis: Die Spaltung des Landes in einen "wertkonservativen" und in einen liberalen Bevölkerungsteil. Frage: Ab wann empfindet sich Letzterer an den Rand gedrängt oder in die Zwangsjacke gesteckt? Wenn die Evolutionslehre zu Gunsten der Schöpfungslehre aus den Schulbüchern verdrängt wird? Wenn homosexuelle Liebe wieder unter Strafe gestellt wird? Wenn Parlamentarier nur noch werden kann, wer bereit ist, auf die Bibel zu schwören?

Schaden für alle

Ansichten, wonach die Renaissance des Islam die hauptsächliche oder einzige Gefahr für das Erbe der Aufklärung darstellt, greifen zu kurz. Nicht minder schwerwiegend würde sich auswirken, wenn die westlichen Demokratien sich im Gegenzug von ihren bisherigen aufklärerischen Grundsätzen abwenden. Nichts gegen Religiosität! Solange sie dem Andersdenkenden seine Freiheit und die Finger von der Neutralität des Staates lässt. Wer auch immer aus welchem Glaubensgrund auch immer in eine andere Richtung drängt, er schadet letztlich sich und uns allen.

Andreas Pecht

Lustvolle Auseinandersetzung mit der Welt ist jeder Paukerei weit überlegen

ape. Seit Pisa ist die deutsche Schul- und Bildungswelt nicht mehr, was sie war. Das zurückliegende Jahr stand im Zeichen großer bildungspolitischer Diskussionen und kleiner Reformansätze. Die Ressource "Geist" wurde als zentraler Faktor für die künftige Stärke des Standorts Deutschland entdeckt. Doch der Missverständnisse sind viele. Damit setzt sich heuer unser traditionelles Neujahrs-Essay auseinander - vor allem mit dem ärgsten Missverständnis: der neuerlichen Reduzierung von Lernen auf Wissensaneignung.

Kleine Kinder sind eine geballte Ladung aus Neugierde, Entdeckerdrang, Pioniergeist, Lernfreude. Schon der Säugling rückt mit Haut, Mund, Händen seiner unmittelbaren Umgebung zu Leibe. Mit Lust will er sie erschmecken, erfühlen, ertasten, mit Entzücken die Welt ergreifen, sie be-greifen. Und die Erwachsenen ringsumher werden eingespannt in diesen Prozess der Weltgewinnung: Gib mir dies, bring mich dorthin, lehr mich jenes! Liebe und Wärme, Nährung und Reinigung, Spiel, Entdecken und Lernen: der Säugling unterscheidet nicht, für ihn fällt alles ineinander, ist Körperliches, Geistiges, Sinnliches unteilbares Grundbedürfnis; des Lebens Elixier.

Doch irgendwann schon in der früheren Kindheit beginnt dann etwas aus dem Ruder zu laufen. Das eine Grundbedürfnis wird zusehends zergliedert in Pflichten und Normen hier, Liebe, Spiel und Genuss da. Je nach Umgebungsbedingung kommt die Zergliederung früher oder später, fällt schärfer oder weniger scharf aus. Das Bauernkind voriger Jahrhunderte war in Zeiten harten Überlebenskampfes, kaum dass es laufen konnte, schon Arbeitskraft. Das Adelskind hingegen wurde zur gleichen Zeit dem Gesellschafts-Reglement unterworfen. Beiden wurde derart das Kindsein genommen. Kinder galten bis ins 18. Jahrhundert - hier der Not, dort der Norm gehorchend - als noch etwas schwächliche kleine Erwachsene. Es war der französische Zivilisationskritiker und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der erstmals der Kindheit die Bedeutung einer eigenständigen Lebensphase zusprach.

GEISTIGE PFLEGE

Das ist nun gut 250 Jahre her, prägt das Bild vom Kinde als eines zu liebenden, zu hegenden, zu fördernden Schutzbedürftigen mit freilich ganz eigenen berechtigten Interessen und Ausdrucksformen bis auf den heutigen Tag. Die Geschichte der Pädagogik hat folgend zahlreiche Denker und Praktiker hervorgebracht, deren Einsichten und Methoden dieses Verständnis von Kindheit verfeinerten, es schul- und lebenspraktisch zur Anwendung bringen wollten, teilweise gebracht haben.

Philanthropen, spätere Humanisten, Reformpädagogen, bei allen Unterschieden ist vielen von ihnen eine Überzeugung gemein, die sie teilen mit antiken Geistern wie Plato, Aristoteles, Cicero oder dem ersten systematischen Pädagogen der Neuzeit, dem Italiener Piero Paolo Vergerio (1370-1444): Erziehung sei "cultura" (Cicero), also "geistige Pflege" im Sinne einer Sorge für das natürliche Wachstum des Individuums.

AUSGANGSPUNKT INDIVIDUUM

Für Vergerio ist Erziehung nicht die Einübung nach einem vorgegebenen Modell, sondern dient der Entfaltung und Vervollkommung der natürlichen Fähigkeiten des Kindes, einer Formung des ganzen Charakters zur reifen moralischen Persönlichkeit. Ausgangspunkt dieser Art von Pädagogik ist immer das einzelne Kind, Ziel dieser Art von Pädagogik ist stets dessen optimale Entfaltung.

Zwischen solchem Anspruch und der schulischen wie auch familiären Wirklichkeit liegen noch heute Welten. Die Diskrepanz rührt nicht allein von der Kluft zwischen pädagogischen Idealen und den Zwängen der Wirklichkeit. So manche Pädagogik begründete einst auch sich ungut entwickelnde, aber bis heute zäh nachwirkende Traditionen. Ihre Wurzeln reichen in die Reformationszeit zurück. Johannes Sturm (1507-1589) entwarf eine protestantische Pädagogik, in der erstmals die noch von Melanchthon geforderte allumfassende, enzyklopädische Erziehung dem Ziel einer "weisen und beredten Frömmigkeit" untergeordnet wurde.

Sturm war auch einer der ersten, bei dem die rationelle Planung der Lehr- und Lernprozesse herausragende Bedeutung gewann. Auf katholischer Seite waren es fast zeitgleich die Jesuiten, die ihre Zöglinge in Klassen einteilten, die nach einem strengen Stundenplan mit vorgeschriebenen Lehrbüchern und Methoden unterrichteten. Straffe Lehr- und Lernordnung, Bewährungsproben, strenge Prüfungen, standardisierte und religiös ausgerichtete Lehrerausbildung - die Prinzipien der jesuitischen "Kollegs" (Gymnasium) des 16. Jahrhunderts haben im Schulwesen und dem populären Verständnis davon bis heute wahrscheinlich deutlichere Spuren hinterlassen als alle individualpädagogischen Ansätze zusammen. Die "Lehranstalt", die Schülern von außen vordefinierte Inhalte, Fertigkeiten, Kenntnisse und Verhaltensmuster beibringt, beibiegt, einbleut hat sich in Deutschland im Grundsatz als überzeitliche Regeleinrichtung behauptet. Von den großen Pädagogik-Reformen vorher und seither sind vor allem Verfeinerungen der Beibieg-Didaktik, formale Humanisierungen im Umgang und psychologische Methoden-Hilfen für den Unterricht geblieben.

Wie tief dieses (Selbst-)Verständnis von Schule als "Lehranstalt" für abrufbare Wissenskanons und Fertigkeiten sitzt, zeigte im zurückliegenden Jahr etwa der Beschluss der Kultusministerkonferenz, sich auf bundesweit einheitliche Schulleistungstests zu einigen. Pisa hatte bei deutschen Schülern vor allem ein Defizit in selbständiger Denkfähigkeit offenbart. Wie reagiert man hier zu Lande darauf? Was wird als aktuell wichtigster Reformschritt der Nach-Pisa-Zeit gefeiert? Stärkere Zentralisierung, mehr Prüfungen, Erhöhung des Drucks zur Aneignung standardisierten Wissens. Zugespitzt formuliert, verhält sich die Kultuspolitik wie der Volksmund gerne schwatzt: Weil die Anderen besser sind, müssen die Unsrigen eben auf den Hosenboden gezwungen werden und mehr pauken.

Gott sei Dank gibt es auch ein paar klügere Ansätze, etwa das rheinland-pfälzische Ganztagsschulen-Programm, sei es auch noch so mangelhaft. An dem nun freilich wieder gemäkelt wird, dass es während der Nachmittage noch zu wenig "Lehranstalt" sei, weil ja nicht Stund um Stund durchunterrichtet werde. In der Mäkelei spiegelt sich das alte Missverständnis wider, (klassischer) Unterricht sei das Herz allen Lernens. Falsch, völlig falsch! Eigenes Tun ist das A und O des Lernens: forschen, entdecken, versuchen, nachdenken, besprechen, üben, rekapitulieren, arbeiten, spielen ž einzeln, zu zweien, in der Gruppe, mit oder ohne Lehrer. Die Bedeutung des Klassen-Unterrichts fürs Lernen wird landläufig maßlos überschätzt - wie der Wert von Faktenwissen maßlos überschätzt wird.

Nachgerade hanebüchen ist deshalb auch ein Vorschlag aus der Bayerischen Wirtschaft, künftighin schon vierjährige Kinder "arbeitsorientiert" zu verschulen. Nicht, weil deutsche Vierjährige nicht lernen wollten. Das Gegenteil ist doch der Fall: Je jünger die Kinder, desto größer ihre Lernlust. Leider hat Pisa für Deutschland zugleich offenbart: Je mehr Schuljahre unsere Kinder auf dem Buckel haben, umso größer wird ihre Lernunlust. Könnte es sein, dass ausgerechnet unsere Art der Schule, unsere "Lehranstalt" den Sprösslingen die Freude am Lernen austreibt?

VORBILD KINDERGARTEN

Viel besser als das Schulwesen insgesamt stehen unsere Kindergärten und Grundschulen im internationalen Vergleich da. Was ist dort anders als an den Gymnasien? Spielen und Lernen, Entdecken und Erproben, Zuwendung und Förderung, soziales Miteinander und Füreinander, Praxis und Theorie, Zielorientierung und humanbildende Zweckfreiheit sind wesentlich stärker ineinander verwoben als bei den späteren Schulformen. Was bei unseren Kleinen (oder in Finnland bei allen) geschieht, wird oft als "pädagogischer Ringelpietz" diskriminiert. Die so urteilen, sollten nach Pisa begreifen, dass ein Mangel an "Ringelpietz" einen Mangel an Geistes-, Herzens-, Kultur- und Sozialkompetenz zur Folge hat. Einen Mangel an Lernerfolg also, der unversehens ins internationale Abseits führt. "Vom Lernen unsrer Jüngsten lernen", sollte die Devise heißen, denn Kindergarten und teils noch die Grundschule sehen eher den ganzen kindlichen Menschen. Nachher wird aus ihm das Belehr-Subjekt, herzurichten weniger fürs Leben als fürs Berufsleben - und deshalb letztlich für beides nicht recht gerüstet.

Was so leichtfertig als "pädagogischer Ringelpietz" abgetan wird, ist dem ursprünglich natürlich-lustvollen Lernen angemessener als jede noch so raffinierte Art des Paukens. Und sage keiner, der Nachwuchs scheue bloß die Anstrengung. Man schaue ihnen zu, wie sich anstrengen und placken beim Bau von Sandburgen, Baumhäuschen, Staudämmen. Man erlebe die Wissbegierde und das schweißtreibende Zupackenwollen von Kindern auf dem Bauernhof. Man betrachte den Forschereifer im Schullabor, den Fleiß beim Streetball, das Engagement in der Theater-AG, die Wachheit beim Fremdsprachen-Austausch.

SPANNENDE ALTERNATIVEN

Laschheit, Unlust, TV-Hörigkeit greifen immer dann Platz, wenn keine Alternativen vorhanden sind. Da hilft kein Klagen und kein Verweis aufs Nötige für den ferneren Lebensweg, erst recht nützt die Peitsche nichts: Die Alternativen müssen einfach interessanter sein - jetzt und hier. Das ist die zentrale Herausforderung für die Pädagogik wie für die häuslichen Gemeinschaften.

Wir haben es nicht mit den Kindern von gestern zu tun, sondern mit denen von heute. Die werden durch Bedingungen geprägt, die ihre Eltern geschaffen haben. Also hören wir bitte auf, über eine "missratene Jugend" zu lamentieren. Und kümmern uns statt dessen darum, dass diese Kinder Lernen als das erfahren, was es vom ersten bis zum letzten Tag des Lebens sein kann: das größte aller Abenteuer.

Andreas Pecht

Gedanken über eine neue Zeit, in der sich zwar alles ändert, aber keinerlei Vorstellung existiert, wohin es eigentlich gehen soll

ape. Alles muss anders werden! Dies war die Maxime im zurückliegenden Jahr, wird es auch im kommenden sein. Die Welt ist mal wieder in Turbulenzen geraten, die bisherige Lebensweisen sämtlich in Frage stellen. Unser traditionelles Neujahrs-Essay bemerkt indes eine fatale Leerstelle in dieser Umbruchsphase: Nirgends sind Ideen, Visionen, Utopien sichtbar, zu welcher Art von Gemeinwesen all die Veränderungen letztlich führen sollen.

Der Sozialismus sowjeti scher Ausprägung wurde 1989 zu Grabe getragen. Er hatte den Kampf der Systeme politisch und ökonomisch verloren: Die Menschen mochten weder die Unfreiheit unter der Parteidiktatur noch die staatsmonopolistische Mangelwirtschaft länger ertragen. Doch im 13. Jahr nach der Wende fällt es zunehmend schwerer, den Kapitalismus als "Sieger" zu besingen. Es mehren sich Fragen an die Zukunftstauglichkeit der jüngsten Ausprägungen dieser Wirtschaftsweise, die nunmehr unangefochten global vorherrscht - und sich dabei ganz ungeniert mit unterschiedlichsten Staatsformen von der westlichen Demokratie bis zur orientalischen Despotie verbindet.

Die Demokratie ist dem Wesen nach eine voluntaristische Herrschaftsform. Die frei gewählte Staatsführung soll dem in freier Diskussion gebildeten Volkswillen Geltung verschaffen und zugleich die individuellen Rechte der Bürger schützen. Somit hat in der Demokratie vom ideellen Grundsatz her das Primat von Politik und Recht zu gelten.

Nationale Machtlosigkeit

Betrachtet man jedoch die gegenwärtige Entwicklung, so findet man die Politik immer häufiger in der Rolle einer bloßen Reparaturkolonne. Atemlos rennen ihre nationalen Fraktionen hinter der weit gehend eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchenden Maschine Globalwirtschaft her, um nur einige der unangenehmsten Folgen von derem Wirken zu mildern. Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit, Verfall sozialer Strukturen und humaner Werte, Unterwerfung von Wissenschaft und Kultur unter Verwertungsmaximen seien als Stichworte genannt.

Unterstellen wir einmal, dass unsere Politiker und Wirtschaftsführer guten Willens sind, ihr Bestes auch im Interesse des Gemeinwesens zu tun. Wenn sich trotzdem scheinbar unlösbare Widersprüche häufen, können Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Systems selbst nicht ausbleiben. Einige Beispiele:

  • Einerseits ist die Notwendigkeit zum öffentlichen wie privaten Sparen augenfällig. Andererseits stürzt Konsumreduzierung die Wirtschaft nur noch tiefer in die Krise.
  • Einerseits sollen ältere Arbeitnehmer zwecks Bekämpfung der Arbeitslosigkeit früher in Rente gehen. Andererseits liegt zwecks Sicherung des Rentensystems eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit nahe.
  • Einerseits war die Produktivität pro Kopf der Beschäftigten nie so hoch wie heute. Andererseits sinkt der Wert ihrer Arbeit in wachsendem Tempo.
  • Einerseits schafft unsere Volkswirtschaft mehr "Reichtümer" denn je. Andererseits ist die Gesellschaft scheinbar so "verarmt", dass sie das Niveau der Sozialsysteme nicht halten kann.
  • Einerseits wäre es vernünftig, die Zahl der Autos auf den Straßen ebenso zu verringern, wie den Ressourcenverbrauch generell. Andererseits wären durchgreifende Fortschritte in dieser Richtung für die Wirtschaft katastrophal.
  • Einerseits nimmt im unteren Drittel der Gesellschaft Armut immer mehr zu, wächst im mittleren die Gefahr schnellen sozialen Abstiegs. Andererseits konzentrieren sich im oberen Drittel ständig größere Teile des Reichtums.
  • Einerseits beklagen wir den zunehmenden Verfall der Familien. Andererseits erfordert die strukturelle Wirtschaftsentwicklung den allseits mobilen und flexiblen (Wander-)Menschen.
  • Einerseits müsste das Wachstum der Weltbevölkerung unbedingt gestoppt werden, andererseits wollen die Industrienationen unbedingt ihre sinkende Geburtenrate wieder in die Höhe treiben ...

Wachstum als Staatsziel

Die Liste der Widersprüche ließe sich beliebig verlängern und auf sämtliche gesellschaftlichen Bereiche ausdehnen. Doch es sind heute die wirtschaftlichen Größen, von denen alles Übrige abhängt. Menschenwürde, Freizügigkeit, soziale Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Wohlfahrt und Glück für jeden in einer intakten Umwelt - diese große Utopie, die ureigentliche Sinn- und Zweckbegründung der Demokratie wurde, verliert zusehends ihre Erstrangigkeit in der Staats- und Gesellschaftspolitik sowie in den Köpfen vieler Bürger. Vordergründig noch als ideeller Maßstab hochgehalten, werden diese Grundwerte in Wirklichkeit von den "wirtschaftlichen Zwängen" des Globalismus mehr und mehr ins Museum für pietistische Nostalgie abgedrängt. Förderung der "Wettbewerbsfähigkeit" und Steigerung des "wirtschaftlichen Wachstums" werden de facto zum obersten Staatsziel. Darum ringen nun alle mit aller Macht, mal mehr, mal weniger Erfolg versprechend.

Spätestens an dieser Stelle aber beginnt die Katze sich von hinten her selbst aufzufressen. Denn die Geschichte des "wirtschaftlichen Wachstums" besteht tendenziell in einer fortlaufenden Anhebung genannter Widersprüche auf höhere Niveaus. Die Wirtschaftszyklen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges brachten einen kontinuierlichen Anstieg des Arbeitslosensockels auf vier Millionen mit sich. Nach dem nächsten Zyklus könnten es fünf oder mehr sein ....

Neues Wachstum, das Besserung für morgen verspricht, ist nur die Vorbereitung einer noch größeren Krise übermorgen. Von der die menschliche Spezies insgesamt gefährdenden Überschreitung der "Grenzen des Wachstums" mag schon keiner mehr reden. Wer beim Wachstumsspiel nicht mitmacht, schlecht spielt oder als freier Kleinunternehmer im selbstständigen Handel und Gewerbe sowie im Mittelstand schlechte Karten gegen die immer größeren Kapitalballungen hat, der gerät unter die Räder. Weshalb, notgedrungen, alle mitmachen und sich national wie international im Hamsterrad der "Wettbewerbsfähigkeit" abstrampeln: Der Verlierer von heute konzentriert und rationalisiert, bis er Sieger über seinen Mitbewerber ist; dieser dreht nun seinerseits an der Rationalisierungsschraube ...

Die Krux dieses Mechanismus ist, dass einer immer zu Lasten anderer gewinnt - und in jedem Fall zahlreiche Menschen auf der Strecke bleiben sowie riesige Sachwerte vernichtet werden. Recht besehen, funktioniert der Kapitalismus in seiner heutigen globalen Form noch immer nach dem unzivilisierten Gesetz des Stärkeren, nach der Naturregel von fressen und gefressen werden.

Die Kultur- und Geistesgeschichte lässt sich auch als permanenter Diskurs über die Frage betrachten, wie der Mensch diesen archaischen Automatismus überwinden und zu wahrhaft selbstbestimmter Zivilisiertheit fortschreiten kann. Dieser Diskurs hat mannigfache, sinnige wie unsinnige Alternativ- und Zukunftsentwürfe hervorgebracht, von den antiken Staatsphilosophien und diversen Gottesstaat-Ideen über die Vorstellungen der Aufklärer, der humanistischen und der frühsozialistischen Denker oder republikanischen Revolutionäre bis hin zum Versuch einer sozialen Marktwirtschaft als gleichberechtigter Partnerschaft von Arbeit und Kapital.

Womöglich erweist sich auch diese bislang letzte unserer Utopien, die soziale Marktwirtschaft, eben gerade als idealistischer Irrtum. Denn wie die meisten Utopien verlangt auch sie die Herrschaft des menschlichen Willens, in diesem Fall des demokratischen Gemeinwesens, über den Gang der gesellschaftlichen Dinge. Haben wir diese Herrschaft tatsächlich inne? Oder treibt uns nicht eher die Macht des Faktischen in Form der Allgewalt globalisierter Ökonomie vor sich her?

In beiden Fällen darf die Gesellschaft das Streben nach einer besseren Welt nicht aufgeben. Denn wer keine Vorstellung davon hat, was er über den Tag hinaus anstrebt, kann nicht Herr des Verfahrens bleiben oder wieder werden. Doch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben jedwede Utopie diskreditiert und alle heutigen Denker in "Tages- Realisten" verwandelt oder in den Fatalismus getrieben. Das ist nachvollziehbar - doch ohne Visionen bleibt der Mensch ewig nur ohnmächtiger Spielball der Geschichte.

Der Weisheit letzter Schluss?

Dass die Demokratie eine der besten unter den vorstellbaren Staatsformen ist, steht außer Zweifel. Dass aber der turbokapitalistische Globalismus des frühen 21. Jahrhunderts der menschlichen Weisheit letzter Schluss an Wirtschaftskultur sein soll, das zu glauben fällt schwer. Es wäre gar zu erbärmlich, würde der Homo sapiens seine Zukunft einem Automatismus überantworten, der letztlich einem einzigen Grundgesetz folgen m u s s: Wachsen, wachsen, wachsen - wohin auch immer, das aber zu jedem Preis. Gesucht wird: Eine Perspektive, für die zu streiten sich lohnt.

Andreas Pecht

Nach dem "Pisa"-Schock: Unser Bildungswesen braucht eine Neuorientierung

ape. Die internationale Schulstudie "Pisa" hat Deutschland geschockt. Unsere Schüler begreifen Texte nicht, können ihr Wissen nicht praktisch anwenden. Und: Kinder reicher Familien haben bessere Chancen. Alle sprechen nun von der Notwendigkeit des Umdenkens in Schule, Bildungspolitik, Gesellschaft. Aber in welche Richtung soll umgedacht werden? Antworten lassen sich nicht aus dem Ärmel schütteln, denn sie berühren auch grundsätzlich verschiedene Denkungsarten über Schule und Lernen, Bildung und Erziehung, Wissen und Begreifen, Pauken und Durchdringen.

Da sitzt plötztlich dieser alte Mann zwischen den Erstsemestern im germanistischen Seminar. Rentner, 68 Lebensjahre auf dem Buckel, Gasthörer; will "noch einmal die Schulbank drücken", will "noch einmal etwas ganz anderes lernen". Warum er sich ohne Not die Mühsal eines Studiums auflädt, fragen die Jungen. "Mir macht das Lernen Freude" erklärt der Alte, packt Block und Schreibstift aus, macht sich mit Eifer ans Werk. Keine Rede von "Wer rastet, der rostet". Dieser Senior studiert nicht, um sich fit zu halten, sondern er bereitet sich eine Freude: Lernen ist ihm ein besonderer (später) Lebensgenuss - geistige Fitness gibt es als Nebenprodukt gratis. Schwer zu begreifen für seine 40 oder 50 Jahre jüngeren Mitstudenten, die "fürs Leben lernen", sprich: zwecks Berufschancen sich aufs Examen vorbereiten müssen.

Kür und Pflicht

Ein (erlebtes) Beispiel, das zwei grundlegend verschiedene Verständnisse von Lernen offenbart. Hier Lernen als Freude stiftendes, weitergedacht: als Sinn stiftendes Tun; dort Lernen als zweckgerichtete Ausbildung. Hier freiwillige Kür, dort (überlebens-)notwendige Pflicht. "Halt!", rufen Pädagogen diverser Zeitalter dazwischen. "Sind wir nicht seit Jahr und Tag bemüht, diesen Graben zuzuschütten?! Besteht nicht von jeher unser Streben darin, Lernen zu einer spannenden Entdeckungsreise, Kenntnis- und Fertigkeitserwerb zu einem lustvollen Prozess zu machen?! Gilt uns nicht stets Erziehung als Weg hin zur human-sozialen Selbstbestimmung?!"

So ist es. Eine Vielzahl pä dagogischer Theoretiker und Praktiker dachten, schrieben und wirkten auf oft ganz verschiedene Weise in diesem Sinn - Humboldt, Pestalozzi, Kerschensteiner, Spranger, um nur einige der bekanntesten Namen aus dem deutschen Raum zu nennen. Jeder Lehrer weiß von ihnen und all den anderen Lern-/Erziehungs-Ansätzen, kommen sie von Rousseau, Don Bosco, Makarenkow, Montessori, Steiner oder aus Summerhill. Und doch: Mochte die Pädagogik auch in Theorie und diversen Versuchsprojekten die herrlichsten Höhen erklimmen, so behielt drunten im Alltags-Tal über Generationen jener berüchtigte Trichter die Vorherrschaft, mittels dessen des Lehrers Zeigefinger (oder Rohrstock oder Notenbuch) Fakten, Fakten, Fakten ins oft sperrig bleibende Hirn der Zöglinge presste.

Nix Trichter, nix Rohrstock - verwahren sich heutige Lehrer zu Recht. "Motivation" heißt der zentrale schulpraktische Grundsatz seit den 60er/70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Gemeint ist das Wecken der Schüler- Neugierde, das Entfachen der Lust auf Durchblick, Verstehen, Begreifen.

Alte Gewohnheiten

Somit wäre die human-be stimmte Pädagogik - wohl erstmals seit der Antike - endlich auf breiter Front im Alltag angelangt? Wenn, ja wenn die Motivation nicht stets auch erstes Opfer eben dieses Alltags würde. Die Lehrkraft sei in erster Linie Motivator, lautet die Forderung. Was aber, wenn dem Motivator selbst die Motivation abhanden kommt? Oder: Wenn er zwar die Neugierde der Schüler mit einer geschickten ersten Motivationsphase weckt, sie hernach aber doch wieder mit Fakten, Fakten, Fakten totschlägt?

Da landet manche als spannende Entdeckungsreise begonnene Unterrichtseinheit nur allzu bald in der Tristesse mehr oder minder hübsch verpackter Pauk- Stunden. Beispiele: Statt ausgiebig über Inhalt und Lebensbezug eines Gedichtes oder Romanes zu disputieren, statt den Seelenqualitäten einer Sinfonie nachzuspüren, gibt's akademische Formenanalyse bis zum Erbrechen. Statt die Wunder von Hebelgesetzen, schiefer Ebene, Wassersäule, Elektrizität ... am sinnlich erfahrbaren, "anschaulichen" Lebensbeispiel zu erforschen, zu erhellen, in Anwendung zu bringen, wird theoretisiert. Statt die Menschengeschichten hinter den Geschichtszahlen "auszugraben", wird Geschichte unter Faktenbergen begraben. Statt diesen Stoff mit jenem zu verbinden und das Verständnis fürs Netzwerk Welt zu schärfen, bleibt's beim in sich geschlossenen Fachunterricht.

Nicht an jeder Schule, nicht bei jedem Lehrer, nicht in jeder Unterrichtsstunde und selten in der zugespitzt dargestellten Form. Aber in der Tendenz offenbar doch auf breiter Front - womöglich aufgepeppt durch massiven Einsatz moderner Multimedia-Unterrichtsmittel. Aber wie sagte der Leiter eines Lehrerseminars: "Der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Unterricht macht sich nicht an Schiefertafel oder Computer fest, sondern daran, ob es ihnen (den Lehrern) gelingt, die Schüler zu bewegen, dass sie das Thema selbst in die Hand nehmen und aus eigenem Antrieb durchwalken."

"Was gibt es?" "Wie geht das?" "Warum ist das so?" "Welche Konsequenz hat das für uns?" - vier Fragen, vier Erkenntnisschritte, auf die jeder gute TV-Produzent seine Natur-, Wissenschafts- oder Kultur-Sendungen aufbauen muss. Dann lassen sich Zuseher in beträchtlicher Zahl gewinnen und "binden". Der Erfolg solcher Sendungen beim Publikum rührt daher, dass sie die Lust an Welt-"Erfahrung", -Entdeckung, -Durchdringung ebenso ansprechen wie das Bedürfnis nach erinnernder und/oder historisch fortlaufender Zeitzeugenschaft, Nostalgie inklusive. Kaum ein Fernsehzuschauer kann aus den so gewonnen Erkenntnissen direkt "Nutzen ziehen". Und doch lernt er, für sich, sein Leben; und dieses Lernen bereitet ihm Freude: "Abenteuer Wissenschaft", ein Titel, der Programm sein kann, sein muss - fürs Lernen. Schule kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Viele Entdeckungen, die dem passiv lernenden TV-Seher nur vorgeführt werden, können, sollen Schüler selbst machen. Und sie dürfen Spaß daran haben!

An den Ergebnissen der internationalen Schulstudie "Pisa" ist weniger erschreckend, dass Deutschland so weit hinten steht. Wer jetzt bloß über mangelnde Wettbewerbsfähigkeit klagt, verkennt ebenso, worum es geht, wie derjenige, der vorrangig druckvollere Wissensvermittlung und effektivere Wissensüberprüfung fordert. "Pisa" offenbart viel eher ein grundlegend falsches Verständnis von Lernen in Deutschland: (Abfragbares) Wissen wird hier zu Lande höher bewertet als Durchdringen, Begreifen und Anwenden. Vielleicht ist Verständnis in diesem Zusammenhang das falsche Wort, denn zumindest jeder Lehrer hat gelernt (sollte gelernt haben), dass das eigentliche Schulziel das allgemeine Begreifen-Können selbstverantwortlicher Persönlichkeiten ist. Vernünftig strukturiertes Faktenwissen ist dabei unverzichtbares Hilfsmittel, mehr aber kaum.

Lehrer im Zentrum

Insofern steht (nicht nur) Deutschland, will es aus dem "Pisa"-Schock ernsthaft Konsequenzen ziehen, tatsächlich eine Art Kulturrevolution im Schulwesen bevor. Diese Neuordnung/Neuorientierung muss vorrangig von Lehrern und Erziehern getragen werden: Die revitalisieren, was sie einmal gelernt haben; die sich von beamteten Wissensvermittlern in Pädagogen rückverwandeln; die Klassenzimmertüren aufreißen, Hilfe, Rat, Kooperation, Teamgeist hereinlassen und hinausschicken. Und: Die als engagierte Pädagogen sich selbst ebenso wie der Politik und der Gesellschaft wieder und wieder vor Augen führen, dass es in der Schule eines demokratischen Gemeinwesens letztlich nur ein einziges wirkliches Erfolgsrezept geben kann: Lust und Freude am Lernen.

Andreas Pecht

Erstabdruck am 2. Januar 2002

Zum Jahreswechsel: Einige Betrachtungen über Auswirkungen der allgemeinen Internationalisierung auf die Sprachkultur

ape. Wie zu jedem Jahreswechsel an dieser Stelle: Nachdenken. Hier sind wir, wohin gehen wir? Ein vorerst wertfreier Befund: Im Zentrum der aktuellen Veränderung der Welt steht ein Epochen-Umbruch weg vom Nationalismus hin zu einer umfassenden Internationalisierung aller Lebensbereiche. Hinsichtlich der Sprache erzwingt die beobachtbare Zügigkeit dieses Prozesses die These: In längstens drei Generationen wird Englisch allgemeine Verkehrssprache sein.

Der TV-Reisende Gerd Ruge kauderwelscht im tiefsten Balkan mühselig mit zwei alten Leutchen. Die haben gerade ihre Kuh heimgetrieben. Hinzu tritt die Tochter der beiden. Zwischen der Bulgarin und dem deutschen Journalisten entspinnt sich eine fließende Unterhaltung - man spricht Englisch. Sie verkauft Holz nach Griechenland (also in die EU). Vermutlich sitzt die junge Frau tagsüber am Computer, prüft via Internet die globalen Holzmärkte, wickelt dann per Handy und E-Mail auf Englisch das Geschäft mit ihren EU-Kunden ab.

Die Situation ist symptomatisch für den Balkan, die Ökonomien der ehemaligen UdSSR, die dritte Welt: Vorindustrielle Subsistenz- neben Elementen globalisierter Gegenwarts-Wirtschaft. Erstere spricht in tausend Zungen, letztere Englisch - ob in Russland, China, Ghana oder Bolivien. Englisch ist bereits allgemeine Verkehrssprache der internationalen Wirtschaft und der Wissenschaft, ebenso der See-, Luft- und Weltraumfahrt, der Musik-, der Kino-, der Medienbranche. Und: Englisch ist die "Muttersprache" des Internets.

Richtung Weltsprache

EU-Beamte kommunizie ren in Brüssel englisch miteinander, wenn sie auf den Fluren oder beim Kaffee zu mehreren den kleinen Dienstweg beschreiten. Je größer die EU, umso stärker wird der Druck in Richtung einer gemeinsamen Verkehrssprache.

Die Tendenz zur Weltsprache wird von mehreren Seiten her verstärkt. Einmal quasi von oben: Die zunehmende Multinationalität der Konzerne erzwingt Englisch als Konzernsprache, die sich Zug um Zug von den Managementebenen nach unten ausbreitet. Ähnlich in der Wissenschaft: Wer mithalten will, muss dem englisch geführten internationalen Diskurs folgen.

Hinzu kommt die subkutane, die "schleichende" Ausbreitung des Englischen über die multimediale Alltagskultur. Auch wer nie Englisch- Unterricht hatte, verfügt heute über einen beträchtlichen (zumindest passiven) Englisch- Wortschatz. Die Vertreter der neuen Weltsprache verdrängen diejenigen der vorherigen europäischen Adels-, Bildungs- und Revolutionssprache Französisch: Portemonnaie, Kanapee oder Trottoir verschwinden aus dem Volksmund; der macht dafür eifrig von Airport, Business, Power, Show oder Shop Gebrauch.

Etwas völlig Neues ist der spachliche Paradigmenwechsel nicht. Englisch wird die dritte Generalsprache sein, die das Abendland nach Latein und Französisch annimmt. Von seinen beiden Vorfahren unterscheidet das Englische allerdings, dass es sich dabei erstmals um eine multinationale Volkssprache handelt. Neben die genannten wirtschaftlichen und kulturellen Trendverstärker tritt, dass inzwischen in den meisten entwickelten Ländern jeder Schulabgänger (Europa!) englische Sprachkenntnisse vorweisen kann.

Das Imperium Romanum brachte Latein als Herrschersprache über Europa, Kleinasien und Nordafrika. Nach dem Niedergang Roms sicherte das Christentum die Vormacht der Lingua Latina als europäische Elitesprache. Im Zeichen des Kreuzes redeten Kirchenmänner, Fürsten und Gelehrte für Jahrhunderte lateinisch miteinander.

Nach Reformation und Religionskriegen beendete das 18. Jahrhundert das lateinische Sprachmonopol vollends. An den Fürstenhöfen von Lissabon bis Moskau wurde der Glanz des französischen Hofes zum Trendsetter. Wer auf sich hielt, parlierte Französisch - und wer die Welt verändern wollte, tat's auch: Autokraten, Aufklärungsphilosophen und Revolutionäre redeten in gleicher Zunge über alle Grenzen hinweg (gegeneinander). Französisch war nahe dran, erste allgemeine Verkehrssprache Europas zu werden. Doch dieser Entwicklung kam die Herausbildung der Nationalstaaten und mit ihr die Zersetzung freiheitlichen Aufklärungsgeistes durch Nationalideologien in die Quere.

Moderne oder Steinzeit

Die Folgen sind bekannt: Der Nationalismus führte im 19. und 20. Jahrhundert zu den größten Völkergemetzeln der Geschichte; bis heute befeuern nationalistische und nationalreligiöse Stimmungen die meisten Kriege. Dem könnte die Globalisierung alsbald ein Ende machen (was nicht ihre schlechteste Seite wäre!), denn es steht inzwischen jedes Volk und jedes Land vor der Alternative: Einsteigen in die Internationalisierung - oder zurück in die Steinzeit!

Auslaufmodell Nationalstaat

Dieser Automatismus macht iranischen Mullahs, chinesischen Kommunisten oder balkanischen Despoten ebenso zu schaffen wie amerikanischen Werte-Fundamentalisten oder Deutschtümlern. Globaler Fluss von Kapital und Waren, multinationale Unternehmens-Zusammenschlüsse und Staatsverbünde werden flankiert durch den englischsprachig grundierten und damit nahezu allgemein verständlichen Fluss von Kultur, Informationen und Ideen. Damit entzieht die Globalisierung dem Nationalismus tendenziell seine Basis: "Unser" Geld, "unsere" Wirtschaft, "unsere" Wissenschaft, "unsere" Kultur, ja sogar "unsere" Politik - all das gibt es im globalen Dorf als national definierbare Größe immer weniger. Damit stellt die Globalisierung den Nationalstaat selbst als vorherrschende Organisationsform staatlicher Gemeinschaft in Frage.

Es gibt gute Gründe sich über diese Entwicklung sowohl zu freuen als auch zu entsetzten. Der Entwicklung selbst sind unsere Aufregungen freilich völlig gleichgültig. Sie gehorcht stur ureigenen Gesetzen - solange die Menschheit nicht als übereinstimmend vernünftig handelndes Subjekt den geschichtlichen Gang bestimmt. Dass derlei nirgends in Sicht ist, zeigt etwa der Blick auf die erbärmliche Unvernunft des jüngsten Klimagipfels oder die Wahnsinns-Ergebnisse "moderner" Landwirtschaft oder die Vermarktungs-orientierte Kurzsichtigkeit der Gen-Wissenschaft ...

So wird in Sachen Sprache die Entwicklung also höchstwahrscheinlich automatisch dahin treiben, dass in 40 bis 60 Jahren auch auf dem Gebiet des heutigen Deutschland die meisten Menschen englisch sprechen, denken, träumen. Dazu werden meine Enkel ebenso gehören wie die von Abdullah oder Ludmilla.

Was soll man nun davon halten? Für meinen Teil hoffe ich, die Enkel sprechen dann ein gutes, nuancenreiches, ausdrucksmächtiges Englisch, keine Werbe-Comic-Stümmelei. Sollten sie in der Lage sein, Goethes "Faust" außer in der englischen Übertragung auch im deutschen Original zu verstehen, würde mich das gewiss recht freuen.

Andreas Pecht

Erstabdruck 2. Januar 2001

Fünf große Gegenwartsthemen, die in der neuen Zeit Weltkultur und individuelle Lebensart gleichermaßen beeinflussen

ape. Uff, geschafft. Der Weltuntergang fiel aus, nicht das globale Datennetz. Seht, wir beherrschen, was wir erfunden; die Technikgemeinde trägt das Haupt erhoben. Das 00-Problem scheint erledigt, die übrigen bleiben uns erhalten.

Große Gegenwartsfragen sind überwiegend solche von unmittelbar globaler Bedeutung geworden. Welt-Fragen, die heute schon und in den kommenden Jahren immer stärker jedermanns Lebensart, die gesamte Kultur also, in bislang nicht gekannter Weise direkt beeinflussen werden. Die Diskussion um diese Fragen hat bereits im zurückliegenden Jahr Politik, Wirtschaft, Geistes- wie Naturwissenschaft und Kultur gleichermaßen erfasst. Sie wird, sie muß weiter gehen.

Globalisierung war der Zentralbegriff in 1999. Er bezeichnet die weltweite Computervernetzung ebenso wie den globalen Kapitalmarkt, den Warenmarkt und die in immer rascherem Tempo sich herausbildenden Planeten-umspannenden Konzerne. Globalisierung, ein ursprünglich trockenes Wirtschaftsthema, macht Karriere, ist während der letzten Monate selbst in die philosophischen Elfenbeintürme geflutet und hat die Feuilletons durchwuchert.

"Der Kapitalismus ist von der Kette" heißt es, er fresse nun seine Kinder und Geschwister: die Nationalstaaten, die Nationalkulturen, die parlamentarischen Demokratien, die bürgerliche Lebensform der Kleinfamilie. Denker aller Fakultäten kommen inzwischen zu dem Schluss: Man kann die Globalisierung nicht frei laufen lassen, denn das hitzige Spekulationsspiel mit vagabundierenden Giga-Kapitalien ist für die Gesamtgesellschaft ebenso gefährlich wie für die Marktwirtschaft das von ihr selbst hervorgebrachte Fusionsfieber.

Wirtschaftliche Machtballungen bilden sich international heraus, auf die national organisierte "kleine" Staatsgewalten kaum mehr Einfluss haben. Staatspolitik droht sich darin zu erschöpfen, globale Kapitalien mit lukrativen Bedingungen in die jeweils eigene Gemarkung zu locken. Die Diskussion um Begrenzung, Strukturierung, Abfederung, Lenkung dieser Gegenwartstendenz oder um grundsätzliche Alternativen dazu hat eben erst begonnen, und sie kennt kaum Tabus - was wenig erstaunt angesichts der Gefahr, die Menschheitsentwicklung vollends den bewusstlosen Automatismen der bloßen Geldvermehrung ausliefern zu müssen.

Das Weltklima hat sich hier zu Lande mit "Lo~thar" als schon brennende Gegenwartsproblematik in Erinnerung gebracht. Die lange vorhergesagten Veränderungen, sie haben unseren Alltag erreicht. Und: Es wird alles noch dicker kommen. Zug um Zug verursachen die ökologischen Probleme neben Einschränkungen des Wohlbefindens und Gefahren für Leib und Leben auch spürbare volkswirtschaftliche Kosten. Lothar kostet viele Millionen, El Nino und Schwester kosten Milliarden, die Folgen des Treibhauseffektes werden in nächster Zukunft unvorstellbar große Teile des Welt-Bruttosozialproduktes verschlingen. Soll man die ausgeben für immer wiederkehrende Katastrophenmaßnahmen und Aufräumarbeiten? Oder soll man heute die schwierige und kostspiele Aufgabe in Angriff nehmen, Ärgeres ursächlich zu vermeiden?

Die Bevölkerungsexplosion droht jeden Schritt in Richtung vernünftiger Zukunftsorganisation, so es ihn gibt, zunichte zu machen. Von Christi Geburt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Menschheit geradezu gemächlich von 250 Millionen auf 1,6 Milliarden Köpfe. Von 1900 bis Ende 1999 explodierte sie auf 6 Milliarden und noch immer beschleunigt sich diese Entwicklung. Vielleicht ließen sich heute bei gerechter Verteilung der Reichtümer der Welt erträgliche Lebensbedingungen für alle Menschen eben noch erreichen. Doch schon in der nächsten Generation könnten 10 Milliarden den Planeten bevölkern: Damit zerplatzt dieser soziale Traum ebenso wie der gen-wissenschaftliche Wahn vom alle satt machenden Labor-Manna.

Es muß der Menschheit gelingen, in einer gewaltigen Gemeinschaftsanstrengung durch vielfältigste politische, soziale, aufklärerische Mittel das Bevölkerungswachstum noch in dieser Generation nachhaltig zu bremsen. Andernfalls wird des eben begonnene Jahrhundert zum Säkulum der Acker- und Wasserkriege, der Hungersnöte und faulenden Megastädte, der großen Völkerwanderungen Richtung Industrieländer.

Die Gentechnik kann Fluch und Segen zugleich sein. Sie verlangt vorderhand eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass in der bisherigen Menschheits-Geschichte stets auch gemacht wurde, was möglich ist. Lässt sich dieser Gesetzmäßigkeit Einhalt gebieten? Oder müssen wir uns damit abfinden, dass an den Grundbausteinen des Lebens mit jeder nur denkbaren - erwünschten oder unerwünschten - Zielrichtung herummanipuliert wird. Lassen sich ethische Grenzlinien ziehen, vernünftige Lenkungsmechanismen einrichten, oder müssen wir ohnmächtig zusehen, wie jedwede Gen-Erfindung mit Aussicht auf geldwerte Rentabilität realisiert wird?

Die Atomisierung der Gesellschaft geht weiter. Nachdem in der Epoche der industriellen Revolution die Großfamilie aufgelöst wurde, droht jetzt die Kleinfamilie Opfer des digital-globalen Zeitalters zu werden. Gesteigerte Flexibilität und Mobilität verlangt dieses von jedem: Ständig wechselnde Berufe, Arbeitsorte, Arbeitsplätze, Arbeitgeber und Entlohnungen, Regelarbeitszeiten nachts und an Wochenenden stehen zu erwarten. Wurzeln schlagen, Leben planen, ein Heim bauen, Familie pflegen - hat solche Lebensart da noch eine Chance? Sind alternative Lebens- und Wirtschaftsformen entwickelbar oder gehört die Zukunft dem allweil bindungslos durchs globale Dorf hetzenden Single?

Fünf aktuelle, die ganze Welt und jedes Individuum betreffende Großprobleme. Man kann, wie gehabt, die Dinge ihren Gang nehmen lassen und darauf hoffen, dass die Fragen von alleine auch ihre Antworten produzieren. Man kann aber auch versuchen, Zukunft mit Wille und Bewusstsein zu gestalten.

Andreas Pecht

Erstabdruck 2. Januar 2000

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