Neujahrsessay 2011: Die ewige Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit

Arbeiten, um in Freiheit selbstbestimmt anständig leben zu können – Würdigung der missachteten Leistungsträger

ape. Die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ fasste 1789 den zuvor schon Jahrtausende währenden Kampf um eine bessere Gesellschaft als ideelle Maxime zusammen. Gleichheit mag sich heute niemand mehr auf die Fahnen schreiben: Klingt zu sehr nach Gleichmacherei. Brüderlichkeit ist als politikfähiger Begriff perdu: Erinnert an Sonntagspredigt. Freiheit scheint hierzulande ein alter Hut, seit die Deutschen frei reden und geheim wählen dürfen. Benutzt man aber Freiheit im Sinne von Mitwirkung und Selbstbestimmung, ersetzt man Gleichheit durch Gerechtigkeit, Brüderlichkeit durch Solidarität, dann lässt sich die alte Parole als Ideal und Prüfstein für die Gegenwart verstehen.

Bei einer Umfrage gaben neulich fast 60 Prozent der Befragten in Deutschland als wichtigsten  Wunsch für 2011 an: weniger Stress. Im Volksmund meint Stress vor allem: Dauerbeanspruchung, Überlastung, Fremdbestimmung, Erschöpfung durch erdrückende Häufung schnell zu erledigender Aufgaben. Eine satte Bevölkerungsmehrheit fühlt sich also mittlerweile in einem Ausmaß gestresst, das spürbar an ihrer Lebensqualität nagt. Dieser Befund widerspricht der Annahme, Stress sei vorrangig bei Selbstständigen, Managern,  Führungskräften verbreitet. Dauerhafte Überforderung ist zum Massenphänomen geworden. Medizinstatistiker verzeichnen gravierende Anstiege bei Krankheitsbildern, die teils oder gänzlich vom Stress rühren.

Ob Verkäuferin, Briefträger oder Krankenschwester, ob Handwerker, Industriearbeiter, Lkw-Fahrer oder Verwaltungsangestellter: Auch in den „einfachen Berufe“ steigen die Anforderungen rasant. Die Aufgaben je Beschäftigtem wachsen; die Arbeitsmenge wächst; die  Arbeitsnormen wachsen, die Arbeitsgeschwindigkeit wächst. Wachstum allüberall, wenn auch auf einer Ebene, die wir mit dem Begriff eher selten verbinden. Zunehmende Arbeitsdichte ist aber die zwingende –  viel zu wenig gewürdigte – Kehrseite jenes Wirtschaftswachstums, dem sich heutige Gesellschaften   bedingungslos verschrieben haben.

Nicht Manager brennen aus

Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten unserer Tage, den in „einfachen Berufen“ sich mühenden Menschen die Anerkennung als „Leistungsträger“ und entsprechende Entlohnung zu verweigern. Nicht nur Manager und Selbstständige arbeiten manchmal bis zum Umfallen. Der Friseuse kann es heute ähnlich ergehen, oder dem Maurer, Müllwerker, Paketzusteller. Nur dass Letztere, wenn sie erschöpft in den Feierabend gehen, auch noch jeden Euro umdrehen müssen, um über die Runden zu kommen. Und dass sie keine Millionenabfindung zu erwarten haben, wenn sie Mist bauen.

Leider gibt es keine Methode, die Verausgabung von Lebenskraft pro Arbeitsstunde zu messen. Gäbe es die, und würden sich die Einkommen danach richten: Die immer extremere Öffnung der Einkommensschere hätte sich bald erledigt. Denn was berechtigt etwa Bankmanager 20, 50 oder 100 mal mehr zu verdienen als Dachdecker? Dass sie etwas können, was der Dachdecker nicht kann? Das gilt umgekehrt genauso. Dass sie eine bessere Ausbildung haben und längere Arbeitstage? Das trifft nur teilweise zu und würde bestenfalls die doppelte Einkommenshöhe rechtfertigen. Dass sie große Verantwortung tragen, weil ihr Handeln systemrelevant ist? Kabarettisten würden nach den aktuellen Erfahrungen hier einfügen: Ohne Dachdecker stünden wir dumm da, ohne systemrelevante Bankmanager besser.

Dies ist keine "Neiddebatte"

Im Disput um soziale Gerechtigkeit erhebt sich gewöhnlich rasch der Vorwurf „Neiddebatte“. Nein, um Neid geht es gar nicht – ging es noch nie: nicht bei den Sklavenrebellionen der Antike, nicht bei den Bauernaufständen des Mittelalters, nicht in der Arbeiterbewegung seit dem 19. Jahrhundert,  nicht bei den sozialen Spannungen der Gegenwart. Es geht stets um die Sehnsucht und das natürliche Recht aller Menschen nach einem in Freiheit selbstbestimmten, anständigen und ein bisschen glücklichen Leben. Diese Sehnsucht schließt den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ein, also nach angemessener Teilhabe am von allen erarbeiteten Zuwachs an Wohlstand.  

Was  bedeutet: Es kann nicht angehen, dass die Kluft zwischen Reich und Arm immer größer wird, die Reichen schneller reicher, die Armen ärmer werden. Es kann nicht angehen, dass die Entwicklung der 50er-, 60er-, 70er-Jahre hin zur deutschen Mittelstandgesellschaft umgekehrt wird, die Mittelschicht wieder schrumpft, weil viele auf die Rutsche nach unten gezwungen werden. Es kann nicht sein, dass die Produktivität Tag um Tag wächst, die Reallöhne in Deutschland aber seit zehn Jahren feststecken und Renten, Sozialsysteme, Gesundheitswesen erodieren, ja wir unter den Industrienationen gar Weltmeister beim Lohn-Minus sind.

Der jetzige Aufschwung wird‘s richten? Mit Verlaub: Die eine Hälfte dieses Aufschwungs besteht aus schöngerechneten Zahlen. Die andere Hälfte ist teuer erkauft, kaum von Dauer, und was unten ankommt, hält sich erfahrungsgemäß sehr in Grenzen. Das Leben wirft heute ein paar grundlegende Fragen auf, für die sich das kurzatmige Gewusel der Wirtschaftszyklen ohnehin nicht interessiert:

Das Familienleben zerbröselt

Was soll werden, wenn schwindelerregend zunehmende Leistungsanforderungen die Grenze des menschlichen Leistungsvermögens überschreiten? Was, wenn das Ringen um die Erfüllung beruflicher Vorgaben zu allen nur erdenklichen Tages-, Nacht- und Wochenzeiten ein normales Leben unmöglich macht? Wenn Familien- und Liebesleben zerbröseln,  Hobbys, Vereinskultur und Freundeskreise absterben? Wenn Freizeit sich reduziert auf Wiederherstellung der Arbeitskraft nebst lebenslanger Fortbildung derselben?

Dann wäre die Zivilisation wieder dort, wo die Menschen nie hatten hinwollen: beim leben, um zu arbeiten. Weniger Stress! Diesem Wunsch liegt indes das gegenteilige Verständnis zugrunde: arbeiten, um zu leben. Im Geiste von „Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität“ ist Zweck und Ziel allen produktiven Fortschritts: Sicherung der materiellen Überlebensbasis, Hebung des Lebensstandards  und zugleich stetige Erweiterung von darüber hinausgehenden Spielräumen – um die Arbeitsfron zu reduzieren, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten sowie die Gesellschaft mitzugestalten. Und dies für alle, auch für Kranke, Schwache, Alte.

Bürger gegen "falschen Fortschritt"

Demokratische Freiheiten sind eine grandiose Errungenschaft. Sie bleiben jedoch totes Papier, wenn die Menschen sie nicht nutzen. Sei es, weil ihnen nach der Arbeit Zeit, Kraft und Lust dafür fehlen. Sei es, weil sie das Ringen um privaten Wohlstand und geordnetes Familiendasein ausfüllt. Sei es, weil sie die Gestaltung des Gemeinwesens bei den Berufspolitikern am besten aufgehoben glauben. Nun aber stellt sich heraus: Die bisherige Art von verbrauchendem, großtechnischem, beschleunigendem Wachstumskurs stößt an ihre Grenzen. Mehr noch: Festhalten daran wirkt im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, Lebensstabilität und -qualität nachgerade kontraproduktiv.

Zugleich stellt sich heraus, dass das Gros der Politiker vom überkommenen Kurs des „Mehr-größer- schneller“, von Gigantismus, von Wachstum um jeden Preis, von Ökonomisierung auch noch der letzten Gesellschaftspore nicht lassen kann oder will. Stuttgart 21 wurde zum Symbol für diesen Kurs des „falschen Fortschritts“. Und der Protest dagegen wurde zum Ausdruck dafür, dass die bisherige Arbeitsteilung zwischen „gestaltender“ Politik-/Wirtschaftssphäre und alle paar Jahre wählendem, sich ansonsten aber mit seinen Privatangelegenheiten abstrampelnden Volk nunmehr aufgekündigt ist.  

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit nimmt eine neue Qualität an. Sehr viele Bürger bescheiden sich nicht länger mit der Qual der freien Wahl zwischen tausenderlei Telefonanbietern, Versicherern, Krankenkassen, Stromlieferanten, Fernsehprogrammen, Automarken. Freiheit ist etwas anderes, wird nun auf breiter Front auch so verstanden: Mitreden, mitbestimmen, mitentscheiden über die Gestaltung der eigenen Stadt, des Landes, des Gemeinwesens.

Vieles deutet darauf hin, dass die Politik die Gestaltungshoheit über den öffentlichen Raum künftig  mit dem Souverän, dem Volk, wird teilen müssen. Das ist gut so, wenn auch für alle Seiten ungewohnt. Das birgt einige Risiken, aber viel mehr Chancen. Mancher Politiker denkt noch nach, wie er das zur Einmischung entschlossene Bürgertum elegant ins Leere laufen lassen und wieder ruhigstellen kann. Eine dumme Haltung. Sie verschließt sich der großartigen Möglichkeit einer Reifung der Demokratie durch direkte Beteiligung eines in weiten Teilen gereiften Volkes.

Dilemma der Weltzivilisation  

Wie das kleine Deutschland, so steht auch die Weltzivilisation vor grundlegenden Fragen.  Fragen, die ohne gemeinsames Wirken, ohne weltweite Solidarität der Staaten und Völker nicht befriedigend zu beantworten sind. Dazu gehört die Verknappung der natürlichen Ressourcen bei anhaltend gewaltigem Wachstum von Weltbevölkerung, Energieverbrauch, Produktion und Konsumtion. Ob Erdöl, Erze, Ackerflächen, Holz, Meeresfisch, Süßwasser, Luft: Die Menschheit steckt noch immer im Stadium des Raubbaus. Die Ressourcen-Bewirtschaftung bleibt den Märkten überlassen. Märkte aber wissen nichts von Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit. Sie sind allein  guten Gewinnen verpflichtet. Dafür aber braucht es Wachstum, Wachstum, Wachstum. Grenzenloses Wachstum jedoch ist ein der irdischen Natur unbekanntes Prinzip.

Ein Dilemma, zu dem auch der Klimawandel gehört. Der trifft zuerst die Ärmsten am härtesten, obwohl die am wenigsten dazu beigetragen haben. Nun Gerechtigkeit walten zu lassen, ist nicht Sache der Natur, sondern diejenige der Menschen. Und Gerechtigkeit heißt hier: Den Ländern der Dritten Welt muss die Möglichkeit zugestanden werden, sich zu entwickeln, den Lebensstandard ihrer Bewohner zu verbessern. Gerechtigkeit heißt hier auch: Die alten Industrieländer können nicht länger ihr Wachstum zu Lasten der Entwicklungsländer forcieren.

Im globalen Dorf tendieren die Ungleichgewichte zwischen den Nationen Richtung Ausgleich, zumindest Neuordnung. Mag sein, dass Boomländer wie China oder Brasilien den ökonomische Kolonialismus des Westens beerben. Aber alten wie neuen Wirtschaftsmächten bleiben letztlich gleichermaßen zwei Grundprobleme: Einerseits müssen sie miteinander einen vernünftigen Weg für die Zukunft des globalen Dorfes finden, oder die Menschheit geht einer Epoche von Handels- und Ressourcenkriegen in einer klimatisch erschütterten Biosphäre entgegen.

Wenn Asiaten und Afrikanern der Kragen platzt

Andererseits müssen alle die Kluft zwischen Reich und Arm bei sich verkleinern. Das wäre ökonomisch sinnvoll. Vor allem aber: Irgendwann könnte auch Milliarden von einfachen Afrikanern, Indios, Asiaten der Kragen platzen – wenn sie feststellen, dass die Reichen immer reicher werden, während sie selbst arm bleiben oder im immer schneller rotierenden Hamsterrad  alter und neuer Arbeitsgesellschaften ihre ganze Lebensenergie für ein bestenfalls bescheidenes Einkommen verausgaben müssen.

Hunger ist die Pest der Zivilisation, Armut ihre Cholera, Anhäufung unerhörter Reichtümer in wenigen Händen ihr Schandmal und einfallsloses Festhalten an grenzenlosem Wachstum ihre Bankrotterklärung. Deshalb mag ein Ideal wie „Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität“ zwar weltfremd wirken, dennoch ist das Streben danach alternativlos.

Andreas Pecht

Erstabdruck 3. Januar 2011

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