Guten Tag allerseits

28.02.2017

Ein Gedanke am Rande der "tollen Tage", in den Sinn gekommen nach Betrachtung diverser TV-Übertragungen und Zeitungsberichte über Karnevalsveranstaltungen:
Den Begriff "Heimat" verbinden die meisten Zeitgenossen offenbar primär mit ihrer nahen Lebensumgebung und kaum mit ihrem Bundesland oder gar der Nation. In den großstädtischen Karnervalshochburgen meint Heimat die jeweilige Stadt - Düsseldorf, Köln, Mainz, Koblenz oder Trier. Je kleiner die Veranstaltungsorte aber sind, umso mehr steht häufig Heimat für die UmgebungsREGION - zB Westerwald, Unterfranken etc.  


27.02.2017

Wie der kalendarische Zufall es will, erscheint meine Monatskolumne "Quergedanken" am Rosenmontag bzw.  Veilchendienstag. Das passt ganz gut, geht es in der Folge 145 u.a. doch um Unbilden, die sich gerne auch via Küsschen, Kuss, Geknutsche  und anderen Humankontaktierungen unter den Menschen ausbreiten. Selbiges möchte man sich vom zweiten Aspekt des Textes nicht mal in den düstersten Momenten vorstellen. Kaum auszudenken, wäre Trumpismus auf gleiche Weise übertragbar wie grippale Infektionen.

Quergedanken 145: Von Grippeviren und Trumpeltieren
(freier Lesetext, 3300 Anschläge)


25.02.2017

Hoch oben im Westerwald wächst unter der Ägide des Bildhauers Erwin Wortelkamp (78) seit 30 Jahren ein bemerkenswertes Kunstprojekt heran: Peu a peu ist eine elf Hektar große Talmulde zwischen den Dörfern Hasselbach und Werkhausen (Kreis Altenkirchen) Heimstatt für 50 eigens in die Landschaft hineingearbeitete Werke fast ebenso vieler Gegenwartskünstler von Rang geworden. Das in Anlehnung ans Prinzip englischer Gärten gestaltete Areal wurde darüber selbst zum Gesamtkunstwerk. Ich hatte unlängst Gelegenheit, gemeinsam mit Wortelkamp das "Im Tal" genannte und in Rheinland-Pfalz solitäre Projekt bei einer dreistündigen Wanderung intensiv zu erleben.

Artikel "Kunst und Natur im Dialog" darüber hier
(5200 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


24.02.2017

Heute mal eine gar nicht gewagte Prognose:
Es dauert eher nur 5 als 10 Jahre bis Heerscharen deutscher Politiker sich in einer Sache um 180 Grad wenden werden: Fast alle, die heute Fernhalten und Abschieben von Migranten/Flüchtlingen für ihre vordringlichste Aufgabe halten, werden dann millionenschwere Anwerbe-Kampagnen für Neubürger aus dem Ausland auflegen wollen - um dem hierzulande stetig wachsenden Nachwuchs-, Fachkräfte- und Konsumentenmangel entgegen zu wirken. Und sie werden dann bedenkenlos den Entwicklungsländern jene fertig ausgebildeten Leute abwerben, die diese am nötigsten brauchen: Ärzte, Lehrer, Ingenieure, IT-Spezialisten, Facharbeiter, Handwerker. Gescheiter wäre, die jetzt schon hier befindlichen Migranten/Flüchtlinge gleich hier selbst ausbilden.


23.02.2017

Am Staatstheater Mainz gibt es jetzt eine Inszenierung der vor 2425 Jahren von Euripides geschriebenen Tragödie "Orestes". Wieder einmal ist es faszinierend, wie aktuell und interessant so ein Uraltstück für uns Heutige sein kann. Denn es geht da um zwei zornige junge Leute, die in einem krisenhaften Gemeinwesen aus Untaten und Schuld der Altvorderen und Elterngeneration die Selbstlegitimation für Angehörigenmord, Geiselnahme, Brandtsiftung ableiten, also quasi für blanken Terrorismus.

Aufführungsbesprechung hier
(3600 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent) 


22.02.2017

Shakespeares „Ein Sommernachtraum” ist auch für das Ballett ein wunderbarer Stoff. Denn es geht darin vor allem um Verzauberung durch Erotik, Liebeslust, Triebentfesselung. Wo das Körperliche solches Gewicht hat, ist die Tanzkunst ein naheliegendes Darstellungsmedium. Viele Choreografen haben sich des Stoffes schon angenommen, jetzt auch Tim Plegge, Chef des Hessischen Staatsballetts. Zur Premiere kam in Wiesbaden eine opulente  Produktion, die stark auf märchenhafte Verspieltheit setzt, sich hart an der Grenze zur kulinarischen Nettigkeit bewegt - das Abdriften darüber hinaus aber durch mehrfache Bezugnahme zu Shakespeares Tiefenschichten vermeidet.

Premierenbesprechung hier
(3600 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


20.02.2017

Meine Besprechung des 6. Anrechtskonzert beim Koblenzer Musik-Institut beginnt etwas unüblich: mit einem Lob für die Konzertbesucher. Denn das jeweils mehr als 1000-köpfige Auditorium hält in diesem Herbst/Winter während des Musizierens bemerkesnwert aufmerksam und diszipliniert Ruhe. Auch die vielen erkälteten Zuhörer verschieben lautes Schnäuzen und Husten auf die Pausen zwischen Stücken und Sätzen. Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit im klassischen Konzertbetrieb.

Ganze Besprechung des Abends mit spanischem Programm, Rheinischer Philharmonie unter Gastdirigent Rubén Gimeno sowie der wunderbaren Sologeigerin Tianwa Yang hier
(3700 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


20.02.2017

Das werden jetzt, vor allem am Rhein, eineinhalb anstrengende Wochen. Anstrengend fürs fastnachts- bzw. karnevalsselige Freudenvolk. Anstrengend aber auch für davon weniger entzündliche Mitmenschen, erst recht für passionierte Verächter der närrischen Kost. Die Lokalteile der Regionalzeitungen laufen ebenso karnevalistisch zu bis über wie die lokalen und regionalen TV-Sender oder die Timelines bei Facebook. Es kommt arg dick. Doch obwohl ich mich selbst schon eine gehörige Weile nicht mehr mit Pappnas' und Narrenkapp' ins Getümmel stürze, habe ich keinerlei Einwände gegen den Mummenschanz.

Das gilt zumindest dort, wo die Narretei betrieben wird mit ausgelassenem bis augenzwinkerndem Spaß an der Freud' sowie eingedenk ihrer anarchischen Renitenztradition wider böse Geister, ungeliebte Obrigkeiten und verbiesterte Zeitgenossen. Ich werde es heuer wieder halten wie seit vielen Jahren: Via TV den Büttenfastnachtern amüsiert bis kopfschüttelnd aufs Maul schauen, egal ob sie den literarisch-politischen Meenzer Stil pflegen oder die Kölsche Art des Witz-Verzählches. Ich werde mich am Esprit der Gardetänze laben, beim Männerballett und süßen Schunkelballaden indes wegzappen. Man muss ja nicht alles mögen. Und ich werde wieder allerhand Spaß haben an sinnenfrohen bis gruseligen Schnappschüssen, die Kameraleute mit Gespür ebenso fürs Hübsche wie fürs Abstruse im Publikum einfangen.

In diesem Sinne: Helolaulaaf! (= mein Friedensvorschlag an die Parteien des rheinhessisch Meenzer "Helau", mittelrheinisch Koblenzer "Olau" und des rheinisch Kölschen "Alaaf")


19.02.2017

Trump hat jetzt den TV-Sender CNN und die New York Times als "Feinde des Volkes" gebrandmarkt. Es sei daran erinnert, dass seit jeher jedes autoritäre Regime und jede Diktatur mit der Propaganda von den "Feinden des Volkes, des Staates, der Nation, der Ordnung, der Kirche..." erst die Einführung der Zensur, dann die völlige Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit vorbereitet/begründet hat. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass Trump den Sturm, den er da sät, nicht unbeschadet überstehen wird. Denn allmählich beginnen selbst konservative Verfassungspatrioten in den USA zu begreifen, welch faules Ei sie sich ins Nest gelegt haben.


17.02.2017

Freude! Sie sind wieder da. Riesige Kranichschwärme ziehen mit himmlischem Gesang von Südwesten heran über den Westerwald. Frühling kommt.


13.02.2017

Der Bundestagswahlkampf fängt nicht gut an. Es wird vor allem zwischen den beiden großen Parteien vom Start weg zu viel mit Polemikschlamm auf Personen geschmissen. Die Herrschaften sollten sich vergegenwärtigen, dass dies eine der schwierigsten Wahlen seit Bestehen der Bundesrepublik wird. Denn es geht um wesentlich mehr als nur die Frage, ob am Ende Merkel oder Schulz die Nase vorn hat. Es geht ZUGLEICH um die Glaubwürdigkeit und den Rückhalt der Demokratie im Volk.

Eine Dreckschlacht nach US-Muster würde diesem Ziel schaden und nur der AfD nutzen. Ihr sollt deshalb durchaus keinen Burgfrieden halten. Aber es wäre gut und hilfreich, wenn die demokratischen Parteien ihren Wahlkampf diesmal mit Augenmaß und Anstand auf einen beispielhaft gehaltvollen Wettbewerb ihrer POLITISCHEN Ideen, Vorstellungen, Pläne, Absichten konzentrieren würden. Bloßen Theaterdonner braucht kein Mensch.


18.02.2017

Sah der große US-Schriftsteller Philip Roth einen wie Trump kommen? Während derzeit in den USA die Verkaufszahlen für Orwells SF-Klassiker "1984" durch die Decke gehen, kam mir Roth' "Verschwörung gegen Amerika" aus dem Jahr 2004 wieder in den Sinn. Bei Kritik und Publikum war das kein sehr erfolgreicher Roman, man hielt vor 13 Jahren allgemein die Rahmenkonstruktion dieser Familiengeschichte für gar zu abwegig: Statt 1940 zum dritten Mal Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten zu machen, wählen die Amerikaner völlig überraschend den populären Fliegerhelden und Nazi-Sympathisanten Charles A. Lindbergh ins Weiße Haus. Was einem damals wie eine recht abstruse literarische Fiction vorkam, erzeugt jetzt beim Wiederlesen beklommenes Staunen. Denn Roth schildert einen schleichenden Prozess der Entdemokratisierung des Landes, der subkutanen Verdummung und rassistischen Durchseuchung der Gesellschaft, wie wir ihn eben jetzt teils mitansehen müssen.


05.02.2017

Auch wenn sie in den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten am deutschsprachigen Theater ein überbordender Megatrend geworden ist, so bleibt die Prozedur doch jedesmal ein hochriskantes Unterfangen: Literarische Werke, die geschaffen wurden für die intime Zweisamkeit von Leser und Buch, in Bühnenstücke zu verwandeln. Das Theater Koblenz hat sich nun einen Gegenwartsroman vorgeknöpft:
Michael Köhlmeiers „Die Abenteuer des Joel Spazierer”, 2013 von der Literaturkritik begeistert aufgenommen. Die jetzige Uraufführung der Koblenzer Theatralisierung hinterlässt beim Theaterkritiker hingegen vor allem Ratlosigkeit.

Premierenkritik hier
(4200 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


01.02.2017

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt: Tilt, Systemabbruch, Maschin' kaputt = Männergrippe reloaded. Am Montagabend zur FSJ-Seminarwoche auf Jugendburg Hohensolms angereist, am Dienstagmorgen nach friebriger Nacht frustriert fluchend wieder abgereist. Bleiben wäre sinnlos gewesen wg. Hirnvermatschung und Leibesauflösung. Ich wollte auch nicht der Seuchenherd sein, dem nachher sämtliche Kultureinrichtungen in Rheinland-Pfalz Krankmeldung ihrer Freiwilligen verdanken. Delirierend von allem möglichen, hüte ich nun daheim das Krankenlager - und warte ergeben auf das Ende des Anfalls.


24.01.2017

Steffen Fuchs, Ballettchef des Theaters Koblenz, hat für die aktuelle Produktion mit seiner Kompagnie vier berühmte Kompositionen von Johann Sebastian Bach ausgewählt. Das summiert sich im intimen Rahmen der Probebühne 4 unter dem Titel „Bach-Ballett” zu einem 90-minütigen abwechslungsreichen Abend auf bemerkenswertem Niveau. Der ist bis zur Pause von teils sehr ernstem Charakter, bietet nachher zwei frisch-frech-humorige Kabinettstückchen.

> Premierenbesprechung hier
(3900 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


23.01.2017

Die Tanzkompagnie des Staatstheaters Mainz hat für ihre aktuelle Premiere eine besondere Örtlichkeit in der Landeshauptstadt ausgesucht. Mit zehn Akteuren bringt sie ein „Shift” betiteltes Werk in der Christuskirche zur Uraufführung. Das Stück hat Rui Horta eigens für dieses evangelische Gotteshaus choreografiert. Die Produktion ist Teil der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Im Anfang war das Wort” von Staatstheater und Evangelischem Dekanat Mainz anlässlich des Jubiläums „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation”.

> Premierenbesprechung hier
(3500 Anschläge, kostenpflichtiger RZ-Text, 49 Cent)


22.01. 2017

Noch ein Wort zur gestrigen überparteilichen Koblenzer Demonstration gegen den Kongress der Rechtsradikalen:
Kein Mensch hatte vorab in dieser kleinen Stadt 5000 Demo-Teilnehmer für möglich gehalten. Sämtliche Erwartungen sind um ein Vielfaches übertroffen worden. Mag sein, dies ist ein Indiz dafür, dass die angesichts des rechtspopulistischen Booms und "postfaktischen" Geschreis teils in schiere Schockstarre verfallene freiheitlich eingestellte Mehrheit im Land allmählich wieder zu sich kommt. In diesem Sinne wirkt die Koblenzer Demonstration vielleicht auch ein bisschen als Weckruf und Mutmacher weit über die Grenzen der Stadt hinaus.


 

21. 01.2017

Schöne und große Demonstration heute in Koblenz gegen Kongress der EU-Rechten dort. Alle Altersklassen, sozialen Schichten und eine vielzahl von Richtungen vertreten. Mit von niemandem erwarteten 5000 Teilnehmern die größte politische Kundgebung in der Rhein-Mosel-Stadt seit Jahrzehnten - und damit ein wichtiger Beitrag auch zum Ringen um die Atmosphäre im Land. Ist mir eine Freude, dabeigewesen zu sein.


20.01.2017

Sorry, liebe Leut', aber es treibt mich um.
Diejenigen von Euch, die in Koblenz und dem weiteren Umfeld daheim sind: Geht am Samstag mit demonstrieren! Gegen die versammelten europäischen Rechtsradikalen um Petry, Le Pen und Wilders. Mag es auch kalt sein, Euch dieser oder jener Kundgebungsredner nicht zusagen, der eine oder andere Mitdemonstrant nicht behagen, oder mögt Ihr noch nie im Leben demonstriert haben: Das ist alles nebensächlich. Denn spätestens seit Björn Höckes "Schandmal"-Rede müsste nun jedermann klar sein, was sich da zusammenbraut. Die Würfel sind gefallen; also Demokraten und Humanisten: Raus aus den Sesseln und wehret den Anfängen! (11 Uhr, KO Hauptbahnhof)


19.01.2017

Mal was Schönes. Dicht gefüllt mein Kalender für die nächsten Tage, aber mit lauter vielversprechenden Terminen:
Für den heutigen Abend (Do, 19.1.) hat mich die Theatergemeinde Koblenz als Gesprächsgast eingeladen, um über dies und das aus der Arbeit des Kulturjournalisten und regionalen Theaterkritikers zu plaudern (19 Uhr, Genusswerkstatt, KO Clemensstr. 18, freier Eintritt, auch Nichtmitglieder sind willkommen).

Am Samstag wird dann erst gegen die in Koblenz zum Kongress versammelten europäischen Rechtsradikalen demonstriert (ab 11 Uhr KO-HBF) - ihnen auch im Schulterschluss mit Schiller, Beethoven und der Rheinischen Philharmonie (und dem schönen Beispiel des Staastheaters Mainz folgend) die "Ode an die Freude" entgegengeschmettert. Am Abend geht's nach Mainz, wo die Tanzkompagnie des Staatstheaters in der Christuskirche sich mit Luthers Geist auseinandersetzt. Am Sonntagabend folgt im Theater Koblenz noch einmal Tanzkunst: Premiere hat ein Bach-Ballett von Steffen Fuchs auf der probebühne 4.

Und noch ein Hinweis aufs übernächste Wochenende: Am 28.1. wird im Haus der Jugend Montabaur der vergangenes Jahr ausgefallene DADA-Tag mit diversen Workshops von Künstlerkollegen für jederman nachgeholt. Dabei im Rahmen der abendlichen Schlussveranstaltung letztmals zu erleben: Mein Vortrag "Dada lebt" (ab ca 19 Uhr in einer 45-minütigen Kurzfassung). >>Infos zum Dada-Tag hier


18.01.2017

Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt ziemlich unbeliebt zu machen: Ich habe nie viel davon gehalten, dass man sich bei der Bekämpfung der NPD primär auf das Bemühen um juristisches Verbieten der Neonazi-Partei konzentriert.

Dazu und zum BVG-Urteil einige Anmerkungen hier
(freier Lesetext)


16.01.2017

Der erster Einsatz als Schauspielkritiker im neuen Jahr führte mich ans Staatstheater Wiesbaden zu Alan Ayckbourns Science-Fiction-Komödie "Ab jetzt". Was bei Entstehung des Stückes 1987 noch Zukunftsmusik war, ist heute vielfach kaum hinterfragter Alltagsstandard: Vernetzung von Haustechnik, Überwachungssysteme allüberall, freiwilliger Verzicht auf Privatsphäre sowie alsbald Ersetzung sozialer Funktionen durch Roboter. Wiesbaden gibt dazu einen hübschen Schmunzelabend mit ernstem Hintersinn.

>> Premierenbesprechung hier
(kostenpflichtiger RZ-Text, 3600 Anschläge, 49 Cent)


13.01.2017

Wie wohl auf allen südwestdeutschen Höhen war auch bei mir am Morgen als erste Bürgerpflicht aufgerufen: Schneeschippen. Für den Unterwesterwald treffender gesagt: Schneematschschieben. Denn würde die nasse Pampe nicht in solchen Massen herniederstürzen, sie wäre bald verschwunden - die Lufttemperatur pendelt um den Schmelzpunkt. Weshalb ich annehme, dass die Flachländer in den Rhein-Städten aktuell weniger Mühe haben. Jedenfalls motiviert die Wetterlage, meine diesmal wegen Pflichtengeknubbels sehr früh geschriebene Monatskolumne "Quergedanken" vorzeitig zu veröffentlichen. Sie passt einfach zu schön.

Quergedanken Nr. 144 "Und plötzlich war da WETTER"
(freier Lesetext, 3380 Anschläge)


11.01.2017

Tipp: Heute (Mi 11.1.) Fernsehabend, und der auch noch verfrüht beginnend.

- Unser pfälzischer Dichterfreund Michael Bauer spielt in der SWR-Sendung "Kaffee und Tee" zwischen 17 und 18 Uhr eine zentrale Rolle, u.a. im Gespräch mit Martin Seidler.

- Um 18.30 Uhr umschalten auf NDR-Fernsehen zur Live-Übertragung vom Eröffnungsfestakt der Elbphilharmonie.
- Auf selbigem Sender ab 20.15 Uhr live das Eröffnungskonzert dieses "ersten architektonisch herausragenden neuen Großbauwerks in Deutschland im 21. Jahrhundert".
- Sofort nach Konzertende umschalten aufs Erste zur Doku "Die Elbphilharmonie - Konzerthaus der Superlative".


10.01.2017

Das aktuelle politische Ringen um die Sicherheitsstruktur Deutschlands vor dem Hintergrund terroristischer Bedrohung wird leider wenig hilfreich belastet durch allerhand bloße Parteilichkeitsreflexe nach der Devise: Was von dieser oder jener Partei kommt, ist per se Mist. Diese ungute, leichtfertige und in der Sache wenig hilfreiche Praxis ist gerade im Hinblick auf die 2017er Wahlen bei Parteipolitikern leider ebenso verbreitet wie in Teilen der Bevölkerung.

Dazu einige Anmerkungen hier
(freier Lesetext)


09.01. 2017

"Lesen ist die wunderbarste Gewohnheit, die es gibt - aber es ist eben auch eine Gewohnheit, die geübt sein will, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Man muss lernen, sich in das Geschriebene zu versenken, allein zu sein mit seinem Buch. Wer aber alle paar Minuten eine neue E-Mail aufruft, Nachrichten oder Bilder empfängt oder verschickt, wird wahrscheinlich nicht zu einem Menschen, der sich ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen kann."

So Felicitas von Lovenberg jetzt im Interview. Die frühere FAZ-Literaturchefin und heutige Leiterin des Piper Verlags ist eine sehr gescheite Frau. Vor etlichen Jahren war ich ihr Sparringspartner bei einem bewusst scharf angelegten Interview für Probeaufnahmen im 3sat-Studio Mainz. Die sympathische Dame fand auch noch die kleinste Unstimmigkeit in meinen Antworten - und am Ende sah ich ziemlich alt aus.


07.01. 2017

Manchmal schießen dem alten Kerl ohne jeden momentanen Anlass seltsame Gedanken durchs Hirn. So heute beim geruhsamen Samstagsfrühstück dieser: Niemand käme auf die Idee, Martin Luther dafür verantwortlich zu machen, dass die Reformation das bis dahin schlimmste Völkergemetzel der Menschheitsgeschichte zur Folge hatte: den Dreißigjährigen Krieg. Dem 1883 gestorbenen Karl Marx hingegen wurden/werden sämtliche unter der Etikettierung "Sozialmus" entstandene Despotien und begangene Gräuel des 20./21. Jahrhunderts in die Schuhe geschoben.

Ergebnis: Kaum jemand befasst sich mehr mit dem, was der Rauschebart aus Trier tatsächlich geschrieben hat. Das ist bedauerlich. Denn wie Luther dereinst das damalige papistische Kirch-und Glaubenssystem radikal analysierte und kritisierte, so Marx das bis heute fortexistierende System des Kapitalismus. Wäre der Anti-Marx-Reflex nicht fest in der Gegenwart verwurzelt, manch einer könnte für sich eine Lektüre - zB das kleine und allgemeinverständliche "Kommunistische Manifest" - wieder oder erstmals entdecken, die bei Verständnis und Bewertung gerade heutiger Entwicklungen im Zuge des globalen Turbokapitalismus recht hilfreich sein kann.


04.01.2017

Ein langjähriger Leser meiner Artikel meinte vorhin am Telefon: "Man muss ihr aktuelles Neujahrsessay im Zusammenhang mit dem Neujahrsessay von 2016 lesen. Das ergibt eine hochinteressante Verbindung zwischen menschlicher Entwicklungsgeschichte und Gegenwart." Stimmt. Weshalb hier auch der Essaytext vom vergangenen Januar nochmal als Lektüre ans Herz gelegt sei.

2016-01-02 Neujahrsessay:
Veränderung ist der historische Normalzustand

(Freier Lesetext, 11500 Anschläge)


03.01.2017

Ein westerwälder Keramikkrug aus dem 17. Jahrhundert. Milchtopf, Wasserkrug, Weinbembel oder zu welchem Verwendungszweck auch immer er dereinst auf dem Küchenbord stand. Jedenfalls wurde er vor mehr als drei Jahrhunderten plötzlich zweckentfremdet - und kam gerade deshalb in Koblenz-Ehrenbreitstein, randvoll mit Münzenbefüllt, überraschend erst auf die Nachwelt des 20. Jahrhunderts und jetzt in Forscher- und Bewahrerhände der Gegenwart. Behältnis und Inhalt haben eine interessante Geschichte über einen kurtrierischen Steuereintreiber anno 1688 in Ehrenbreitstein zu erzählen.

> Ganzen Artikel lesen hier
(freier Lesetext, 5400 Anschläge)


02.01.2017

Seit anno 2000 füllt alljährlich am ersten Werktag des neuen Jahres mein Neujahrsessay die ganze Kulturseite der Rhein-Zeitung. Heuer steht es unter der Überschrift "Wenn Angst die Seele auffrist" und befasst sich mit vermeintlichen, tatsächlichen, provozierten, herangezüchteten, geschürten, übersteigerten Ängsten, die unsere Gesellschaft derzeit umtreiben: a) Angst vor Terror, vor Überfremdung, vor den Folgen der Globalisierung; b) vor nationalem Radikalkonservatismus, vor Deliberalisierung von Politik, Staat und Gesellschaft; c) Angst der jungen, kulturell polyglottten Generation vor einem nationalen und reaktionären Rollback.

>>Neujahrsessay lesen hier
(kostenpflichtiger RZ-Text, 11500 Anschläge, 49 Cent)


01.01.2017

Alle gut rübergekommen? Keinen Finger weg-, kein Hirn vollends abgeschossen? Mein Silvesterhöhepunkt: Wohnzimmerschwof mit The Rolling Stones in Havanna. Meine Vorsätze für 2017:

1.) Gelassener, freudvoller, liebestoller, etwas vernünftiger und ein bisschen unvernünftiger werden - mag die Menschenwelt auch verrückt spielen. Denn die Welt dreht sich weiter, mit oder ohne durchgeknallte Zeitgenossen.

2.) Vom Zeitgeist nicht treiben oder verführen lassen, die eigenen Grundüberzeugungen aufzugeben. Die da wären:

- Die Würde des Menschen ist unantastbar und gerade wegen der wunderbaren Unterschiedlichkeit aller Menschen war und bleibt es richtig, gleiches Recht und gleiche Achtung für alle erstreiten zu wollen.

- Es war und bleibt richtig, dass die Starken den Schwachen helfen, diejenigen ohne Not denen, die in Not geraten sind - egal woher sie stammen, wie sie aussehen, sprechen, essen, singen, beten.

- Es war und bleibt richtig, Frauen und Männer beruflich, politisch, privat in gleiche Rechte und Pflichten setzen zu wollen. Es war und bleibt richtig, Lesben und Schwule mit Heteros gleichstellen zu wollen.

- Es war und bleibt richtig die Prügelstrafe für Kinder zu verbieten und die Zuchtpädagogik durch eine Pädagogik des Verstehens und Förderns zu ersetzen (so mangelhaft die im einzelnen sein mag). Ebenso war und bleibt es richtig, dem Recht auf Bildung für alle das Wort zu reden.

- Es war und bleibt richtig, den Nationalismus überwinden zu wollen und ein vereintes Europa freier Völker und kultureller Vielfalt anzustreben. Wie es zugleich richtig war und bleibt, dieses Europa weder einem abgehobenen Politapparat noch den Konzernen und Banken zu überlassen.

- Es war und bleibt richtig, den Kapitalismus nicht für der menschlichen Weisheit letzten Schluss zu halten. Wie auch richtig war und bleibt, dem neoliberalen Turbokapitalismus strenge Grenzen setzen zu wollen.

- Es bleibt richtig, das islamistisch-terroristische sowie das neonazistisch-terroristische Barbarentum mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen - ohne deshalb die eigene Freiheit und die Humanität der Gesellschaft dranzugeben.

- Es war und bleibt richtig, jeder Pauschalverurteilung von Ethnien, Volksgruppen, Bevölkerungsteilen, Sozialschichten, Kulturen, Religionen die Stirn zu bieten.

- Es war und bleibt richtig, unablässig für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Schutz der globalen Ökosphäre als wichtigste Zukunftsfragen der Menschheit zu streiten.

Mag das komplexe Gewebe der Realität auch in tausenderlei Einzelfällen schwierige Fragen aufwerfen und besondere Erwägungen erforden: An diesen Grundhaltungen kann, soll, will ich mich nicht irre machen lassen.


04.03.2021

50 ist das neue 35 und 100 das alte 50. Ich drücke sämtliche Daumen, dass das gut geht, fürchte aber ... (> Blick auf diverse Nachbarn in Europa). Es ist nunmal recht problematisch, wenn bei der Befassung mit Naturgesetzen menschliches Wünschen Vater aller Gedanken und Beschlüsse ist. M.E. sind wir bei einer Durchimpfungsrate von knapp 5 % einfach zu früh mit den obigen Maßnahmen; 50 % könnte der richtige Zeitpunkt sein.


03.03.2021

*autsch'n, weh, knirsch, ach* Seit etlichen Tagen schon steige ich morgens mit schmerzverzerrtem, gleichwohl glücklichem Gesicht aus dem Bett. Es plagt mich jedesmal aufs Neue ein gepflegter Muskelkater von den Waden bis zu den Schultern, herrührend vom Hacken, Schippen, Rechen bei schönstem Wetter im Gemüsegarten. Der Altkomposthaufen ist aufgelöst und verteilt, der Neukomposthaufen umgesetzt. Acht der neun Beete meiner Selbstversorgungswirtsdchaft sind bereits (und damit etwas früher als sonst) für Aussaat/Pflanzung fertig. Das neunte kommt heute dran - bevor morgen hoffentlich der von den Wetterfröschen angekündigte Regentag folgt, auf den nach dem Winterablassen sämtliche leeren Wassertonnen mit weit aufgerissenen Mäulern warten.

Auf den Fensterbänken drinnen im Haus keimt, sprießt, spratzelt es in den Anzuchttöpfen. Der Umgang mit den neugeborenen Babysprösslingen war indes nie so meine starke Seite. Die schießen mal wieder alle auf fadendünnem Bein giegakelig viel zu schnell senkrecht in die Höhe. Und ich weiß nicht recht, wie man sie dazu bewegen könnte, statt gierig-flott in schwächliche Länge, etwas geduldiger in mehr Kraft zu investieren.


01.03.2021

Der gestrige Sonntag (28. Februar anno coronae II) kam mir vor wie Volkswandertag, sozusagen. Selbst in meinen abgeschiedenen Hauswald-Gefilden im Unterwesterwald herrschte, sprichwörtlich, "ein Betrieb wie in der Großstadt". Wo mir sonst das ganze Jahr über in summa kaum drei Dutzend Leute begegnen, waren es gestern während einer mehrstündigen Wanderung bald 100. Manche hoch zu Ross, viele hoch zu Drahtesel, noch mehr auf Schusters Rappen belebten die gewöhnlich einsamen Wege.

In Gedanken rechnete ich dieses Getriebe auf die zeitgleichen Verhältnisse in großstadtnahen Frischluftarealen um und dachte mir sogleich: Am Mainzer, Koblenzer oder Kölner Rheinufer möchtest du jetzt eher nicht abgebildet sein. Was von einem älteren Paar bestätigt wurde: Die zwei standen mit Wanderkarte etwas ratlos an einer Waldwegkreuzung. Ich bot orientierende Hilfe an und man kam in Gespräch. Das Paar war von Koblenz heraufgefahren mit der Überlegung: "Wir gehen heute dorthin, wo kein solcher Massenbetrieb zu erwarten ist wie in unseren Rheinanlagen oder im Stadtwald." Richtig überlegt?


27.02.2021

Es gibt derzeit nichts, das ich mehr herbeisehne als die zügig schrittweise Rückkehr zur normalen Alltagskultur. Doch, eines: Dass wir Herr über die Seuche werden, dass wir sie niederringen auf ein Minimalniveau, von dem aus sie unsere Gegenmaßnahmen nicht mehr großflächig überwinden kann. Andernfalls nämlich wird das nichts mit der Rückkehr zur Normalität, wird der Versuch der Rückkehr bloß in die nächste Welle führen. Ein solcher Versuch beginnt hierzulande jetzt.... > weiterlesen Kommentar "Mehr Öffnungen verlangen strengere Disziplin aller"

 

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