Quergedanken

Quergedanken Nr. 14

Guten Morgen, Tag, Abend „meine Damen und Herrn, unsere Themen heute: Weltmeisterschaft, Weltspitze, Welterbe und - das Wetter“, würde Ulrich Wickert beginnen.  Der Mann hat es einfach. Nicht bloß, weil er bald in Rente gehen darf. Mit seinem Wunsch für „eine geruhsame Nacht“ hat er bis dahin auch stets das letzte Wort, denn der Tag ist dann gelaufen. Wie viel schlechter steht sich da der Kolumnist dieser Monatszeitschrift. Wenn er an seinen Sprüchen herumwürgt, sind es noch Tage hin bis zum Erscheinen des Blattes. Zwischenzeitlich könnte manches passieren; beispielsweise die Welt sich vom Kopf auf die Füße stellen. Nehmen wir die aktuelle Lage: Für den Schreiber wählt Rheinland-Pfalz am 26. März, für Sie, liebe/r Leser/in, hat Rheinland-Pfalz am 26. März gewählt.
 
„Na und“, beschmunzelt Freund Walter mein Dilemma – ignorierend, dass es publizistisch schon einen gehörigen Unterschied macht, ob etwa Michael Hörter (CDU) in Mainz Minister wird oder nicht. Ob Joachim Hofmann-Göttig (SPD) seinen Job als Staatssekretär behält, oder daheim in Koblenz Anspruch auf Beerbung von OB Schulte-Wissermann erhebt. Wird er kaum wollen. Aber Gedanken muss man sich doch machen für den Fall, dass der Wähler wieder Kraut und Rüben, respektive in Rheinland-Pfalz: Reben und Rüben mitsamt diversen Lebensplanungen in den vorderen Parteireihen durcheinander schmeißt. Walter drückt ungerührt die Füße gegen den Heizkörper und summt einen ollen Schlager: „Ob´s nun so oder so oder anders kommt …“

Weil wir gerade von  Hofmann-Göttig sprachen. Der war es ja damals, der die Sache mit dem Weltkulturerbe Mittelrhein ins Rollen brachte. Die entwickelt sich nun etwas ungleichgewichtig, wie sich an Straßenschildern ablesen lässt. Während die linksrheinische A 61 reichlich mit braunen Hinweistafeln auf das Welterbegebiet ausgestattet ist, habe ich an der rechtsrheinischen A 3 noch nie ein solches Schild gesehen. Wie kommt´s? Der Amtsschimmel steckt, ohne zu wiehern, das Maul in den Hafersack – weshalb wir auf freies Philosophieren angewiesen sind.

Amtspersonen sollen, so ist´s Vorschrift, für Dienstfahrten die kürzeste/schnellste inländische Wegstrecke benutzen. Beim Verkehr zwischen Amstpersonen aus Mainz und Koblenz trifft das (von regelmäßigen Ausnahmen abgesehen) auf den linksrheinischen Highway über den Hunsebuckel zu. Wohingegen der rechtsrheinische länger ist, indes nicht immer langsamer,  aber meistenteils über von Wiesbaden regiertes Hochland führt. Das betrachten Mainzer Amtspersonen  fastnachtsnotorisch als (feindliches) Ausland. Folglich geht der Amtsverkehr Mainz-Koblenz über die durchweg inländische A 61, die deshalb volkstümlich auch „Ministrale“ genannt wird. Unser Schluss in der Schilderfrage: Besagte Welterbetafeln gibt es nur dort, wo rheinland-pfälzische Offizielle hin- und herfahren. Endlich wiehert der Amtsschimmel: „Das ist ungerecht und boshaft!“ Natürlich ist das boshaft und ungerecht. Kolumnisten sind so – oder sie sind langweilig.            

Zurück zu Herrn Wickert, der gut reden hat mit seiner „geruhsamen Nacht“. Soll unsereins vielleicht „einen geruhsamen Monat“ wünschen? Das gäbe ein arges Gezeter – jetzt, mitten im Start zum Anfang des Aufschwungs; jetzt, da Deutschland sich auf den Weg gemacht hat, seinen genetisch angestammten Platz an der geistigen, wirtschaftlichen und, selbstredend, sportlichen Spitze der Völkerpyramide wieder einzunehmen. Heiße ich Klinsmann? Lasse sich, wer mag, vom Kaiser abwatschen, von „Bild“ vor den Bundestag zitieren, auf dem Boulevard als Aufschwung-Defätist, Nationalkraft-Zersetzer und Weltmeisterschafts-Saboteur zeihen.

Geruhsamer Monat? Das ging in vorreformatorischen Jahrhunderten noch an, denn damals galt, zumal in langen Wintern, Müßiggang als aller Ehren werte Lebensqualität. Egal, ob der   2006er Winter jemals ein Ende findet: Ich werde mir doch im neuen Tüchtigkeits-Zeitalter  nicht die Finger mit einem Lob des Müßiggangs verbrennen. Jetzt heißt es, Ärmel hochkrempeln, auf dass wir genesen. Man baut hier auf uns, auf Dich – denn Du bist das Weltmeister-Waschmittel, die Weltmeister-Bausparkasse, das Weltmeister-Cola, das Weltmeister-Bier (welches denn nun: Budweiser oder Bitburger?). Du bist Weltmeister-Deutschland! Vergiss das nicht, wenn demnächst die Welt zu Gast bei Freunden ist. Gastfreundschaft meint schließlich: Die, die uns besuchen, haben die Schuhe auszuziehen, die Finger von der Hausfrau zu lassen und sich auch sonst respektvoll gegen die hiesigen Gebräuche zu benehmen. Brauch ist´s: Der Gast mag König sein, aber gewinnen tun wir. Freundschaft!!

Und wie verabschiede ich jetzt die verehrten LeserInnen? Walter beugt sich über den Bildschirm und diktiert mit Samtstimme: „Ihnen einen geruhsamen Monat.“

 

Quergedanken Nr. 13

Die Zeiten sind verwirrend. Liegt das an mir? Hänge ich zu sehr am Vertrauten, am Verlass? Bin ich zu unflexibel? Oder sind am Ende einfach die Zeiten selbst verworren? Mein Freund Walter …, Sie erinnern sich: Der grantelnde Typ, der am Schwerdonnerstag zu verschwinden und am Aschermittwoch wieder aufzutauchen pflegt. Mein Freund Walter also hat sich (nach öffentlich weiters besser nicht beschriebenen bukolischen Eskapaden), dem Sport zugewandt. „Früher“, sagt er, „hättest du stundenlang angestanden, um Karten für ein Fußball-WM-Spiel zu kaufen. Ware gegen Geld. Wenn Ware ausverkauft, dann eben ausverkauft – ein bisschen Frust, finito. Eine reelle Sache. Heute eierst du wochenlang durchs Internet, kriegst trotzdem keine WM-Karte, weil´s angeblich keine mehr gibt. Zugleich aber brüllen dir Gott und die Welt, Lotterie- und Telefongesellschaften, Limonade- und Autohersteller ins Ohr: WM-Tickets zu gewinnen!“ Walter tippt sich mit dem Zeigefinger mehrfach gegen die Stirn.
 
Er hat ja Recht. Es galt einmal die Philosophie, dass, wer es zu einem bescheidenen Auskommen bringen will, anständig arbeiten und vernünftig wirtschaften muss. Der Weg zu Reichtum ist das zwar nicht, wusste schon mein Großvater selig. Aber immerhin konnte auf diese Weise neben dem Nötigen eine Reise nach Italien und bisweilen ein Besuch im Theater oder auch bei Madam Brigittche abfallen. Der alte Herr kannte noch den Unterschied zwischen Sparsamkeit und Geiz: Erstere nämlich zählt zu den Tugenden, wohingegen Letzterer eine ziemlich üble Sünde ist. Erstere schließt Großzügigkeit zur rechten Zeit ein, Letzterer angenehmen zwischenmenschlichen Umgang zumeist aus.

Glauben Sie nicht? Fragen Sie Brigitte, den Großvater oder die Frau Oberin in der Kneipe. Die werden bestätigen, woran es den geilen Geizigen vor allem mangelt: an Lebensfreude, an Sinnlichkeit, an Gelassenheit. Diese Krankheit brachte schon Heinrich Heine gegen seine Landsleute, insbesondere gegen „teutomanischen“ Geisteskinder und preußische Vollstrecker auf. Des Dichters hätte man sich am 17. Februar, seinem 150. Todestag, erinnern können. Verschwitzt? Nachholen! Binnen 30 Minuten haben Sie die kleine Ausstellung über Leben, Werk und Wirkung des schriftstellernden „Staatsfeindes“ in der Koblenzer Stadtbibliothek (Alte Burg) durch. Dann wissen Sie, dass dieser jüdisch-protestantische Atheist, Fürsten- und Knechttumsverächter mit seinem frechen Maul ein schöneres Deutschland besungen hat. Eines, das sich aus aufgeklärtem Geist, weltoffener Kultur und Lebensfreude definiert. Wie pflegt Freund Walter zu sagen: „Stell dir vor wie´s um Deutschland stünde ohne seine Nestbeschmutzer und Vaterlandsverräter!“ Deshalb sei hier ein „Vivat!“ auf unseren Heine nachgetragen – verbunden mit der Hoffnung, Heinrichs Denkart möchte nicht vollends aussterben.

Womit wir wieder in der Gegenwart wären und dabei, dass zum Geiz die Gier gehört. Auf der einen Seite kreischen die Sonderangebote, deren Zahl diejenige normaler Warenangebote inzwischen übersteigt. „Sonder“ ist wie gesagt geil, und „normal“ dem Vernehmen nach blöd. Was kümmert´s, wenn Verbraucherschützer und Warentester alle Jahre wieder vorrechnen, dass die geile Geizigkeit kaum mit Sparsamkeit, aber viel mit Blödheit zu tun hat. Auf der anderen Seite versprechen pestilenzartig sich vermehrende Verlosungsaktionen und Gewinnspiele das baldige Ende der alltäglichen Mühsal für jedermann. Total bekloppt muss sein, wer noch einen Urlaub bezahlt, ein Auto kauft, ein Haus selbst finanziert; deppert alle, die nicht längst ein paar hunderttausend Euro aus Lotteriegewinnen auf dem Konto haben – und sowieso gewonnene WM-Tickets im Sack.

Wer freilich nicht ans Glück glaubt, den sucht es auch nicht heim. Demzufolge kann Koblenz frohgemut in die Zukunft schauen, glaubt doch die Stadtführung fest daran, dass sich am Ende alle Lücken zu aller Zufriedenheit schließen werden – seien es die bei der Buga-Finanzierung oder die auf dem Zentralplatz. Glaube versetzt Berge, scheint die unlängst verkündete Rettung des Lahnsteiner Blues-Festivals beweisen zu wollen. Dazu wieder Walter: „Quatsch Glaube, die Blues-Bürger haben sich einfach auf die Hinterbeine gestellt.“ Also bestimmen nicht Glück und Glaube, sondern eigene Tüchtigkeit über des Menschen Geschick? Da verschluckt sich mein Freund am neuen dunklen Altstadt-Bier einer einschlägigen Koblenzer Haus- und Hofbrauerei. Auf die Hustenattacke folgt der Bescheid: „Für die Fortentwicklung der sozialen Gerechtigkeit wurde die Erfindung der Geschirrspülmaschine zum entscheidenden Hemmschuh. Denn: Sie entzog den Tellerwäschern dieser Erde die Grundlage, über die freie Bahn des Tüchtigen in die Klasse der Millionäre aufzusteigen.“ Sprach´s und ging vor die Tür, um nach dem Frühling Ausschau zu halten.

Quergedanken Nr. 12

Das kann noch keine Frühjahrsmüdigkeit sein, was meinen Freund Walter derzeit so seltsam anwandelt: abwesender Blick, dümmlicher Ausdruck, nichts geht voran, kein Elan, kein Esprit, no Sex. Walter winkt ab – „wird schon wieder“. Es sei jedes Jahr das gleiche: Nach  Freuden nebst Krisen vor und zu Weihnachten, über Silvester und an Neujahr verkriecht sich die Stimmung ins Koma. Januar und erste Februarwochen sind eben, wenn schon kein Jammertal, so doch eine leidlich triste Niederung.
 
Was Wunder, die Neujahrsvorsätze zwicken und zwacken schließlich doppelt. Nicht mehr rauchen ist Qual, wieder rauchen wäre Schmach; Joggen nervt, es zu lassen wäre lächerlich; Treue bringt sehr lange Abende, Untreue brächte wieder Haareraufen nach schlaflosen Nächten… Verloren zwischen den Fronten fühlt sich Walter wie ein falscher Fuffziger – darin der Matschigkeit heutiger Mittelrhein-Winter durchaus ähnlich.

Nun ist Freund Walter eigentlich weder Jammerlappen noch Beckmesser, sondern Frohnatur. Was ihn allerdings nicht automatisch in die Lage versetzt, über bedenkliche Sachverhalte  mit rosaroter Brille einfach hinwegsehen zu können. „Wenn das man gut geht“, brummte er unlängst, als wir an der gigantischen Tag-und-Nacht-Baustelle von Ikea Koblenz vorbei fuhren. Darauf ich: „Wirst sehen, die werden pünktlich fertig.“  Nun wieder er: „Sowieso. Aber was wird mit all dem zusätzlichen Verkehr, der nachher über die B9 rein- und rausrollt?“ Walter hat nichts gegen die Schweden, misstraut jedoch der deutschen Straßenplanung: Er rechnet mit einem neuen Dauerstauzentrum. Und er kichert, wenn Lokaloptimisten schwärmen, das Elch-Kaufhaus brächte neues Publikum auch in die Innenstadt. Walter mag seine Heimat. Eben deshalb macht er sich über dies und das so seine Gedanken, manchmal sogar Sorgen. Weil er dann sein Maul nicht halten kann, wird er bisweilen „Schwarzmaler“ oder „Nestbeschmutzer“ gescholten.   

Für einen Moment vergnügt wurde er, als just Anfang des Jubeljahres zu Wolfgang Amadeus Mozarts 250. Geburtstag mit der Publikation eines uralter Briefes die hierorts stolz geschwenkte Fahne „Mozart besuchte Koblenz“ in etwas realistischeres Licht getaucht wurde. Geschrieben hat den Brief Leopold Mozart, und beklagt werden darin die wenig erbaulichen Umstände einer Rhein-Reise im Jahr 1763. Der Papa des österreichischen Musikgenies lamentiert über „Wasserfatalitäten“, also über hundsmiserabliges Wetter, das ihn mitsamt seinen beiden Wunderkindern Wolfgang und Nannerl auf dem Weg nach Bonn zum Aufenthalt in Koblenz zwingt. Der Zeitzeuge ist lesbar frustriert, denn neben Dauerregen schlägt den Mozarts die Grobschlächtigkeit der hiesigen Hofgesellschaft ebenso aufs Gemüt wie die Verwahrlosung der Stadt. Bei Hofe bestehe „das meiste in Essen und tapfer Trinken“, die Gebäude seien „meistentheils alt, die Kirchen schmutzig und überhaupt sind die Strassen, und alles was in das Auge fällt nicht sauber gehalten“. Bleibt als kleiner Trost für darob gekränkte Lokalpatrioten: Leopolds Urteil über den misslichen Zustand der Aristokratie, der Gebäude und Wege in Koblenz war ebenso auf Mainz gemünzt.

Ist´s  Nestbeschmutzung, wenn jemand heute das historische Dokument abdruckt? Oder ist schon unerhört, dass Leopold Mozart beschrieb, was er hier sah und erlebte? Walter würde sagen: „Paperlapap Nestbeschmutzung – das Nest war halt schmutzig.“ Nachher würde er über den Zirkus im Mozart-Jahr  knurren, wie er schon über den Zirkus im vergangenen Schiller-Jahr geknurrt hat: „Hinhören und nachdenken muss man, nicht die Burschen anbeten und ihre Werke wie Reliquien verherrlichen oder verhökern.“ Derart könnte sich mein Freund allmählich in Rage reden. Könnte – schriebe man nicht Ende Januar, wäre der Himmel überm Mittelrhein nicht so grau und hätte Walter nicht seine Jahresanfangs-Tage. Hat er aber, und winkt deshalb müde ab.

Weil indes dieser Mensch nicht der einzige mit Winterdepression ist, hat der liebe Gott erlaubt, dass nördlich der Lahn-Mosel-Linie der Karneval und südlich davon die Fastnacht erfunden werde. Oder war´s umgekehrt? Nicht-Narren sollten vor Beginn der heißen Sessionsphase noch mal nachschlagen, denn das falsche Wort kann einen in Mainz mächtig in die Bredouille bringen. Kölsche Jecke sind dem Vernehmen nach da etwas laxer. Und bei uns hier daheim, also gewissermaßen im Grenzland zwischen Karnevals-Republik und Fastnachts-Reich? Schnurzpiepegal! Wir nehmen von allem das Beste und feiern zur Not alle beiden Feste. Walter nickt wohlwollend: „Macht das man.“  Dann wird er wie jedes Jahr am Schwerdonnerstag untertauchen – um am Aschermittwoch endlich wieder quietschvergnügt und nun voll der Frühlingsgefühle auf der Matte zu stehen.  

Quergedanken Nr. 11

Stell dir vor, du wärest am Weihnachtsabend in friedvollster Stimmung spazieren gegangen. Hättest jene knappen Stunden genossen, in denen ein Mal pro Jahr selbst so lebhafte Städte wie Koblenz oder Mayen, Neuwied oder Bad Ems zu relativer Ruhe kommen und einen Moment durchatmen. Kaum Verkehr, kaum Leute, kaum Lärmschmutz – der große Menschenhaufen hat sich verlaufen und zu familiärer Feier niedergelassen. Der Augenblick  ist kurz, noch am selben Abend wird das allfällige Rumoren wieder anheben. Mittenmang greifen dir plötzlich zwei  Herren in ausgebeulten Jacketts unter die Arme, helfen nachdrücklich erst in eine noble Limousine, hernach in ein, zwei, drei sehr private Flugzeuge. Du landest hier und dort, vielleicht in Rumänien, Afghanistan, Ägypten. Genau weißt du´s  nicht, denn es ist Nacht – draußen in der Welt, mag auch sein nur drinnen in deinem mittlerweile windelweich geprügelten Hirn.
 
Räuberpistole? Albtraum? I wo, nur der All-Inklusiv-Service beim Traditionsclub CIA. Ist das geilste aller Schnäppchen. In den Genuss kamen früher nur Asiaten, Süd- und Mittelamerikaner sowie ein paar Afrikaner. Heute kriegste es auch als Deutscher, gar ohne Buchung und für umme. Stop! Also ehrlich! Da vergehen einem doch Weihnachtserinnerung, Silvesterlaune, Fastnachtsvorfreude und WM-Stimmung auf einen Schlag. Da beginnt man zu begreifen, was der Volksmund meint, wenn er von Feinden spricht, die keiner braucht, solange er Freunde hat. Solche wie George und Condie. Die wissen noch, was Freiheit im Texas-Stil meint: Schnell ziehen, kräftig hinlangen, später diskutieren oder gar nicht. Das imponiert – in Berlin, Pullach und anderen hiesigen Zentralen für 00-Agenten. Was auch würde deutsches Piepsen gegen Helden helfen, die auf Hurrikan-Opfer ebenso entschlossen herabsehen wie auf die Klimasorgen der Weicheier-Restwelt. God bless America, Mister Bush und den armen King Kong auch!

Sei bloß nicht so schnippisch! Das ewige Lamento über den Klimawandel geht einem sowieso auf den Sa…, die Ei…, halt auf die Nerven, dort wo sie besonders empfindlich sind. Die Vorteile geraten ja ganz aus dem Blick. Zuletzt musste man noch auf einen Glutsommer warten, bis der ebenerdige Fußweg von Vallendar zur Rhein-Insel Niederwerth endlich begehbar war. Inzwischen kommt man auch schon im Herbst quasi per Gummistiefel hinüber. Das hat doch was. Man bedenke die Möglichkeiten: Noch ein Jährchen sowie vielleicht den einen oder anderen Jahrhunderthochwasser-Rückschlag hin, und der leidige Streit um eine Brücke bei St. Goar erledigt sich von selbst. Wo kaum noch Wasser, braucht´s keine Brücke, reicht eine ordentlich dränagierte Dammstraße. Dann im Flussgeröll nach Lörchens Kamm oder dem von Worms her abgelagerten Nibelungengold graben – wenn das keine zugkräftige Strategie zur Welterbevermarktung ist.

Eigentlich könnte man schon jetzt Wirtschaftsnutzen aus dem Klimawandel ziehen: bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Bevor auf dem Betze in Kaiserslautern den Gästen aus aller Welt das Dach auf den Kopf bröselt, sollten im Land Alternativen erkundet werden. Die gibt es ja, nun, da Supermodel Bündchen ihren hübschen Popo nachhaltiger verbirgt als der Rhein seine Sand- und Steinblößen. Will sagen: Oberwerth liegt (bei Redaktionsschluss) trocken, das Koblenzer Stadion ist also bespielbar. Für die Begegnung Paraguay gegen Trinidad/Tobago sollte wohl reichen und recht sein, was der TuS billig ist. Australien könnte gegen Japan in Trier antreten. Die Ränge wären ordentlich voll, und die Welt könnte etwas noch nie Dagewesenes erleben: WM-Matches in gleich zwei Unesco-Welterbestätten. Die Unwägbarkeiten des pfälzischen Stadionbaus wären umgangen, Rheinland-Pfalz dürfte weiter WM-Stolz tragen und obendrein für sich in Anspruch nehmen, modernen Fußball in den welthistorischen Adelsstand erhoben zu haben. Fehlt noch was? Wohin mit Italien gegen USA? Ab nach Frankfurt damit – man sollte die Möglichkeiten am Mainzer Bruchweg schließlich nicht vollends überstrapazieren.

„Du bist schon ein arger Miesmacher“ schimpfen sogar Freunde, die auf ein großes munteres Multikulti-Fußballfest hoffen. Dieser Vorwurf geltet jetzt aber nicht. Will ich es doch auch, so ein Fest – nebst Großleinwand-Happenings am Deutschen Eck, am Lahneck oder wo sonst sich fröhliche Sportsfreunde und –innen zusammenfinden. Frisch und frei nach der alten olympischen Devise: Mögen die besten Sportler gewinnen. Autsch, mein Schienbein! Offenbar das falsche Motto. „Deutschland muss, Deutschland wird den Titel holen!“ Habe ich auch nichts dagegen, sofern Klinsis Mannen besser spielen als alle andern. Autsch! Offenbar wieder die falsche Sichtweise. „Spielen hin oder her, Hauptsache Deutschland siegt!“  - - - Tief verwirrt zieht sich daraufhin der Sportsgeist zum Meditieren zurück.

Quergedanken Nr. 10

Schluss mit der Nörgelei, jetzt wird angepackt! Zwar ist unsereins, wie das letzte Mal besprochen, nicht Deutschland. Deshalb ist Deutschland aber noch lange nicht nichts. Der Schluss wäre so absurd wie die Folgerung aus den französischen Brandnächten: Integration gescheitert. Quatsch! Gescheitert ist bloß jene Hirnrissigkeit, Franzosen mit Migrantenstammbaum in marode Vorstadtghettos abzudrängen, auf dass sie dort verfaulen oder sich wundersam zu „guten Franzosen“ wandeln mögen. Gewünschter Verlauf der Wandlung: Jussuf lässt sich taufen und heißt fortan Jacques, er wechselt die Hautfarbe von braun nach weiß, verpflichtet sich auf zehn Jahre in die Legion und nachher für den Winter als Treppenkehrer auf Spendenbasis zur Metro. Wer das nicht will, der hat gewollt und soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Vive la France!
 
Pardon, wir wollten ja anpacken, und zwar in Deutschland. So wie Platze jetzt anpackt, weil zuvor die eifelanische Rosa Luxemburg (zuviel der Ehre für ein Juso-Schlachtrösslein?) zwischen Frühstück und Mittag den Münte ... Schnee von gestern. Ad hoc heißt anpacken erstmal einpacken: Weihnachtsgeschenke. Nehmet heuer reichlich, denn – hosianna – billiger wird´s nimmer. 16 Prozent Mehrwertsteuer sind geil, ein – hallelujah –  Schnäppchen sozusagen, eine regierungsamtlich erwünschte Steuerflucht auf Zeit vorm 19-Prozent-Regelsatz.

Sie zaudern? Glauben noch immer die Mär vom Gürtel-enger-schnallen? Miesmacher, Wachstumsverhinderer! Begreifen Sie doch: Sind Rock wie Hose erst gefallen und die Sparstrümpfe ausgewrungen, kann endlich der frische Marktwind richtig packen – eisig zwischen die dann nackten Backen. Sie wissen nicht, was Sie kaufen sollen? Ist wurscht, völlig wurscht. Die Welt quillt sowieso über von unnützen Dingen. Wen interessiert schon der Gebrauchswert, der realisierte Mehrwert ist das ultimative Maß. Kaufen auf Teufel komm raus, heißt die Devise. Mehr kaufen, aber weniger verdienen, lautet der kategorische Imperativ zeitgenössischer Leitkultur für Normalsterbliche. Der ist freilich so logisch wie nebenan das Scheitern einer Integrationspolitik, die es gar nicht gibt. Ach Immanuel, wie konnte es dahin kommen?

Schon wieder in die Philosophie gerutscht, wo´s doch ums Weltverändern, eben ums Anpacken geht. Wer packt denn nun an? Koblenz. Ohne Jux. Wer Oberzentrum sein will und Verbindungsglied zweier Welterbe-Gebiete (Loreley-Tal und Limes), wer Buga-Domizil werden und sich obendrein als Kulturmetropole zwischen Köln-Bonn und Rhein-Main behaupten will, der kann schließlich nicht selbstvergessen am Deutschen Eck sitzen und Schiffchen zählen. Zumal alsbald die große Landflucht einsetzen soll, und Millionen ehemaliger Häuslebauer, vorweg deren Single-Sprösslinge, den Lebensraum Stadt zurückerobern wollen. Sagt die Wissenschaft voraus. Nur leider sind die Binnen-Migranten wählerisch: Sie wenden sich den attraktivsten Städten zu, denen mit hoher Lebens- und Freizeitqualität. Sagt die Wissenschaft auch.

Womit wir wieder  beim Anpacken wären und also einmal mehr beim großen Koblenzer Loch, dem Zentralplatz. Unlängst war hier zur ideellen und zweckdienlichen Füllung desselben die Errichtung eines Kulturbahnhofes (mit Park und Kammertheater) als Teil eines neuen S-Bahn-Netzes am Mittelrhein vorgeschlagen worden. Die Koblenzer Ratsparteien legten nun einen anderen Plan vor, der als Idee über Jahre stille vor sich hin reifte: Auf den Zentralplatz, also ins Zentrum der Stadt, kommt ein „Kulturbau“. In dem finden sich als zugkräftiges Dreigestirn zusammen: Mittelrhein-Museum, Stadtbibliothek (neudeutsch: Mediathek) und zentraler Touristen-Service (neudeutsch: Mittelrhein-Erlebnisforum). Es wurden manche Löcher schon schlechter gestopft – weshalb der Querdenker-Vorschlag zugunsten dieses quasi großkoalitionären Modells hiermit zurückgezogen wird. Macht das. Aber macht es auch! Und die S-Bahn fällt hinten runter? Mitnichten. An der führt auf Sicht sowieso kein Weg vorbei: Andernfalls blieben die Landflüchter aus,  und unsere kleine Großstadt dürfte fortan in Ruhe ihre allmähliche Schrumpfung zur Kleinstadt genießen.
Be-sinnliches Einpacken, Auspacken und natürlich Anpacken sei zum Fest gewünscht.

Quergedanken Nr. 9

Sonst durchaus geschätzte Zeitgenossen wie Uli Wickert nebst Kollegin Anne Will, Marcel Reich-Ranicki oder Harald Schmitt tönen seit 26. September gut gelaunt: „Du bist Deutschland!“ Wer? Ich? Noch mal bitte: Was soll ich sein? „Deutschland“, versichern TV-Sender und allerhand Zeitungen im Brustton tiefer Überzeugung. Seither geht es mir wie jenem bedauernswerten Helden in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“: Als besagter  Gregor Samsa „eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ (O-Ton Kafka). Zum mannsgroßen Käfer, obendrein hilflos auf dem Rücken liegend. Der Gregor war, verständlicher Weise, ziemlich befremdet.
 
 „Du bist Deutschland!“ – ICH VERBITTE MIR DAS! Derartige Beunruhigungen fehlten gerade noch. Mein Leben ist kompliziert genug, da muss man mir nicht auch noch den ganzen Deutschland-Kladeradatsch an den Hals hängen. Dass diese Zumutung von Gestalten wie Yvonne Catterfeld, Xavier Naidoo oder Sabine Christiansen unterstützt wird, macht es keineswegs besser. Neulich, als ich noch Papst war, wollte ich Frau Christiansen missionieren, ein Schweigegelübde abzulegen. Vergebens, sie hört einfach  nicht (zu). Mal angenommen, ich wäre, wie die da behaupten, tatsächlich Deutschland. Es würde ihnen kaum gefallen: Yvonne wird wegen öffentlicher Erregung und gleichzeitigem Verstoß gegen das Folterverbot ins Kloster geschickt, Xavier wegen ruhestörender Heulsuserei mit Singeverbot belegt. Hätte was.

Andererseits: Wäre ich Deutschland, dann wäre ich auch die Post – und also total meschugge. Erst eine Filiale nach der andern schließen und möglichst viele Telefonzellen verschwinden lassen. Dann ein neues Filialnetz aufbauen und Tausende neue Telefonsäulen installieren. Wenn ich Deutschland wäre, würde ich PS-protzigen Spritschluckern der jüngsten Generation nachstieren, statt schönen Frauen Augen zu machen; würde die Hälfte meiner wachen Freizeit fernsehgucken; würde mich grämen, wäre ich nicht in allem Weltmeister; müsste mein Hirn zum Liebesnest für Angela Merkel und Gerhard Schröder (pardon: jetzt Franz Müntefering) umbauen. Ein Albtraum. Hiiiiilfeeeee! ICH WILL NICHT DEUTSCHLAND SEIN!

Geht´s nicht auch ´ne Nummer kleiner? „Du bist der Mittelrhein!“ Wer, um Himmels Willen, behauptet denn jetzt das? Nun gut, Ihr habt es so gewollt, also seht zu: Koblenz kriegt seine Straßenbahn zurück, und das Rheintal von Bingen bis Remagen eine S-Bahn verpasst. Der Koblenzer Zentralplatz wird zum Haltepunkt mit Parkanlage und Kammertheater – nebst Direktanschlüssen zur Festung Ehrenbreitstein, zur Kufa und zur Uni/Güls-Cafe Hahn. Die Abgabensätze für Handel und Gewerbe in den Innenstädten Neuwied und Koblenz werden gesenkt, in den äußeren Gewerbegebieten erhöht. Die Sitzungen aller Stadt- und Gemeinderäte sowie aller Ausschüsse (auch der bislang nichtöffentlichen) und Fraktionen werden im Internet live übertragen. Der SWR wird verpflichtet, das Lahnsteiner Blues-Festival weiter zu führen. Das Koblenzer Schloss wird beschlagnahmt und nimmt das Mittelrhein-Museum auf. Die Rhein-Mosel-Halle wird abgerissen und durch eine Multifunktionshalle ersetzt, die auch philharmonischen Ansprüchen genügt…

Hah, das gäbe ein Fest! Gestern war ich Papst, heute bin ich Deutschland, morgen die ganze Welt. An mir würde der Mittelrhein, würde die Nation, würde die Menschheit genesen.  - - -  Oder doch lieber nicht? Sie haben ja völlig Recht, der Vorschlag ist Käse. Aber bitte, zur Erinnerung: Ausgedacht haben sich das Andere, um den seinerzeit schon von Roman Herzog beschworenen „Ruck“ endlich herbei zu agitieren. Mit dem „Ruck“ ist das freilich so eine Sache, wenn im dazugehörigen „Sack“ nichts Handgreifliches drin ist. Ohne Mampf kein Kampf, sagt der Soldat; erst kommen Stullen und Eier, dann die Moral, meint Herr Brecht. Um die Eier steht´ s schlecht, weil die Hühner pandemisch vergrippt und es ihnen global an die Gurgel geht. Weshalb „Du bist Deutschland!“ ein Schmarren ist, es richtiger heißen muss  „Hühner aller Länder vereinigt Euch!“.  

 

Quergedanken Nr. 8

Endlich hatten wir gewählt – und nun haben wir den Salat. Dennoch: War das nicht ein toller Abend neulich, der 18. September? Am Unterhaltungswert gab´s nichts zu mäkeln. Götterdämmerung mit Überraschungsplot, Katharsis mit, je nach Veranlagung, Lach- oder Heulkrämpfen, offenem Ausgang sowie Aussicht auf etliche spannende Fortsetzungen. Dazu Tanzfeten erster Güte: Wahlweise schwampelnde Ampel im Reggae-Rhythmus oder elefantöser Schieber im Stehwalzertakt. Also das ganze Programm zeitgenössischen Entertainments und klassischer Hochkultur rauf und wieder runter. Einen bunteren Abschluss als 2005 hatten Koblenzer Schängelmarkt und Mendelssohn-Tage nie; dank Bundestagswahl am selben Tag.
 
Man soll sich nicht lustig machen, wenn die Lage ernst ist! Auch recht, dann eben die nachgezogene Grundsatz-Polit-Analyse: Das aktive Wahlvolk neigt mit knapper Mehrheit dazu, sich strukturell links von der CDU einzunisten und nach Klügerem zu verlangen als dem Ringelreihen ums güldene Globalisierungs-Kalb. Obwohl die Roten selbst diesbezüglich eigentlich nur warme Worte zu bieten haben, erstreckt sich von Godesberg bis zur Ostsee  neuerdings Rotland, wird an der Saar zwar noch schwarz regiert, aber durchaus andersfarbig gedacht. Und von Hessen aus zieht´s Herrn Koch mächtig ´gen Berlin, weil die Landsleute daheim zu wackeln begonnen haben. Das Parlament der Republik besteht jezto aus fünf Fraktionen und die großen Parteien sind beide so furchtbar groß nicht mehr.

Und? Geht davon das Abendland unter? Koblenz lebt schließlich auch noch, obwohl im Rat fünf Fraktionen sitzen und die Stadt gegen eine Oppositionsmehrheit regiert werden muss. Natürlich, die Dinge nehmen bisweilen einen etwas gemächlichen Lauf. Bevor ein neues Stadion in Angriff genommen wird, muss erstmal die TuS weiter aufsteigen; und das kann dauern. Von der Idee einer Verkehrsreform bis zur Vision, gar zum Ausbau eines S-Bahn-Netzes am Mittelrhein braucht´s seine Reifezeit. Die Hiesigen vertreiben sich unterdessen die Jahre bei Umleitungs-Feldversuchen, innerstädtischen Haltepunkten, kurfürstlichen Parkhäusern, transrhenanischen Seilbahnen und dergleichen (Buga sei Dank!) Inspirationen mehr. Wäre das anders, wenn wir nur drei Fraktionen im Rat und nicht diese Mehrheiten hätten? Manche der Rhein-Mosel-Debatten nährt Zweifel. Bleibt die Gewissheit, dass „Entschleunigung“ nicht die schlechteste unter den aktuellen Moden ist. Und am Ende zählt sowieso, was rauskommt.

In gewissem Geschwindschritt allerdings sollte/könnte das Problem  Koblenzer Schloss beseitigt werden. Konkret: die Beutelschneiderei bei Raumvermietung an Kulturveranstalter und  die Quasi-Aussperrung der Karnevalisten. Die republikanischen Bundesinhaber des einstigen Fürsten-Palazzo sticht wohl der Hafer! Herrschaften Obacht – ehedem gab´s Senge von Volkes Mistforke und Dreschflegel, wenn es Schlossherren zu arg trieben. So was regelt man heute anders:  Der Oberbürgermeister macht die Zumutung zur Chefsache, hat er gesagt. Sollte Schuwis diplomatische Mission in Sachen Nutzung des Schlosses durch das Volk jedoch scheitern, wäre es nicht zuletzt an den närrischen Heerscharen, zur Tat zu schreiten. Stürmen, besetzen, Schlüsselübergabe erzwingen – das ganze Besteck eben, das über Generationen Jahr um Jahr so trefflich gepflegt ward. Dann muss es sich, kann es sich im Ernstfall bewähren. Dazu vom sonst passionierten Nicht-Fastnachter ein weder ampelndes noch schwampelndes noch hampelndes, sondern ein herzhaftes Olau!!!
 

 

Quergedanken Nr. 7

Gerade noch mal davongekommen. Wettermäßig gesehen. Zwar zeichnete den Sommer 2005  die längste Zeit seines Seins ein ziemlich mieses Sosein aus. Immerhin ließ sich das Gaukler-Fest zu Koblenz mit nur mäßig nassen Füßen im Pullover überstehen und flutschte das rheinische Flammfest im Jubiläumsjahr passgenau zwischen zwei Tiefs. Auch einige andere Veranstaltungen kamen glimpflich davon, ansonsten wurde Kunstgenuss oft zur Probe aufs fröstelnde Stehvermögen. Das scheint beträchtlich, denn kaum ein Veranstalter vermeldete bis dato eine vollends abgesoffene Saison. Brutto, heißt es, habe man schon einige Schwierigkeiten bewältigen müssen, netto sei das Ergebnis allerdings passabel bis blendend.
 
Verstehen wir das auch richtig? Bei Brutto-netto-Auskünfte ist dieser Tage Vorsicht geboten. Könnte ja sein, dass überm Strich nur die optimistischen Selbsteinschätzungen gelistet werden, darunter indes die Probleme klein gerechnet. Kompliziert? Dann mal weg von den Kulturmachern, die sich letztlich doch nur  redlich mühen, uns den germanischen Sommer zu versüßen. Nehmen wir die Deutsche Bahn AG. Brutto hat das privatisierte Unternehmen unlängst erstmals schwarze Zahlen geschrieben und den verschönbesserten Hauptbahnhof Koblenz in Betrieb genommen. Davon abzuziehen wäre, was der Firma alle Tage in den Medien zur Last gelegt wird, etwa: Behinderung von Behinderten (beim Transport und auf dem Klo); unwillige Bezahlautomaten und ähnlich gestimmte Zugschaffner; eine Preisstruktur, gegen die selbst die Billig!-Billig!-Zeitfenster von zwei Dutzend Telefonanbietern fast überschaubar sind. Das, nebst Entlassungen, Streckenausdünnungen, Verspätungen und Verteuerungen, geht vom Brutto ab; übrig bleibt das Bahn-Netto.

Sie durchblicken weder das Kultur- noch das Bahnbeispiel? Macht nichts, Sie sind in bester Gesellschaft: Die Kanzlerin in spe hat´s mit über oder unterm Strich auch nicht so, und der bayerische Ex-Kanzler in spe sprang ihr unlängst mit dem Spruch in die Seite: „Brutto, netto – welche Nebensächlichkeiten“. Einmal angefangen, konnte der Chef einer „regionalen 9-Prozent-Splittergruppe“ (ARD-Presseclub) von der Hüpferei dann nicht mehr lassen. So sind sie, die „Spontis aus Süddeutschland“ (Die Zeit). Womit die Verwirrung groß wäre, weil Angie die Kernkompetenz ihres Vereins plötzlich links liegen lässt, Edmund die Führung im Anti-CDU-Wahlkampf übernimmt, und die Herren von der Presse ihn mit jenem Knüppel verdreschen, der vor Zeiten zur Abstrafung der Grünen benutzt wurde. Derweil meinen die Sozis, den Lafontaineisten mit dem Begriff „Hospitanten der PDS“ eins auswischen zu können. Was sich so recht nicht begreifen lässt, weil das Wort Hospitant eigentlich ein honoriges ist und den aufmerksamen Gast meint.

Besser, wir lassen die Finger vom Wahlkampf, denn womöglich missverstehen wir das Gemache ebenso wie über viele Jahre den „Tatort“. Der galt uns als  Krimi mit öffentlich-rechtlicher Qualitätsgarantie – darin Schimi der erste unter den Helden, weil einer von unten, der das Gleichheitsprinzip vor dem Gesetz auch hochwohlgeborenen Gaunern um die Ohren haute. Dann kommt plötzlich auf, dass unser Lieblingskrimi eine Dauerwerbesendung ist und unser Kämpfer für Gerechtigkeit trotz Trinkfreude, Schlagkraft, Schmuddel und Beziehungsresistenz doch nur eine Litfaßsäule. „Schleichgeworben“ wurden wir, wie es die ehrwürdige Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hochsprachlich formulierte. Also klammheimlich geleimt. Das wird bekanntlich überall versucht. Aber unter Schimis und der ARD Augen – das ist zu hart. Wem kann man jetzt noch trauen?

Verglichen mit solchen Niederungen dürfen dem feucht verflossenen Kultur-Sommer, ganz ohne schleichwerblichen Hintergrund, solide Unterhaltungsqualitäten nebst ein paar Kunstspitzen attestiert werden. Zwischen Sommerschauer und Restsonne freut sich die Kulturnase dennoch auf die neue Inhouse-Saison in Theatern, Stadthallen, Museen, Clubs etc. Da hat man ein Dach über dem Kopf, weiß, worauf man den Hintern bettet, welche akustischen und optischen Verhältnisse einen erwarten. Open-air-Kultur bleibt in unseren Breiten eben doch ein unberechenbarer Ausnahmezustand während der Sommerpause. Die reguläre Spielzeit beginnt JETZT.

Quergedanken Nr. 6

Habe neulich in alten Nummern dieser Zeitschrift geblättert. Die reichen schon ziemlich weit zurück, denn wie die Koblenzer Kulturfabrik in diesem Herbst 25 Jahre alt wird, so das Kulturinfo 20. Beim Blättern also – erwächst plötzlich die Frage: Was haben die Leute hier zu Lande vor 20, gar 30 oder mehr Jahren den Sommer durch eigentlich getrieben?  Die historischen Veranstaltungskalender und das eigene Gedächtnis legen nämlich den Befund nahe: Verglichen mit heute herrschte damals im Juli und August geradezu tote Hose – lassen wir die allweil munter begossene Feuerwerksbeschießung von Burgen und Schiffen mal außer acht, die heuer zum 50. Mal (13.8.) den Rhein entflammt.
 
Wie war das, seinerzeit, als unsereins jung und schön an die heutigen Jungen und Schönen noch nicht dachte, sie gerade zeugte, gebar oder in Windeln wiegte? Da war Bayern dem Mittelrhein weit voraus mit seinen Biergärten allüberall, da hatte das Freiluftcafé am innerstädtischen Straßenrand hier noch Seltenheitswert. In ganz Mayen soll es anno 1975 zwei Wirtshaustische draußen vor der Tür gegeben haben. Koblenz kam wohl nur dank seines Kaffee & Kuchen-Angebotes am Schiffsanleger sowie der Heimatverbundenheit seiner italienischen Eisdiele auf ein paar mehr.

Und wo bitte waren die Leut´? Im Schwimmbad, bei der Stadtranderholung, auf Balkonien, vielleicht mal in einem der damals noch vier Kinos in der Koblenzer Innenstadt. Aber die meisten waren ohnehin – verreist. Wer irgend konnte, machte fort von daheim, Otto Normal-Mittelrheiner bevorzugt gen Nord- und Ostsee, mehr noch nach Österreich, Italien, Spanien. Was links, hippiesk, alternativ oder sonstwie seltsam angehaucht war, begab sich im Klappervehikel auf den Trip nach Südfrankreich oder Jugoslawien, um am Strand noch einmal diskursiv auszuvögeln, was beim letzten Lambrusco-Gelage in der WG-Küche längst klar war: Dass es so nicht weiter gehen kann, mit der Welt.

Und es ist ja dann tatsächlich auch alles anders gekommen. Das Barbecue wurde aus us-imperialistischer Fremdherrschaft befreit und als Grillfete mit (rheinischem) Spießbraten zu einer Kulturtechnik höherer Ordnung sozialisiert. Wer es nicht glaubt, schlage im Duden unter „Barbecue“ nach. Der Internationalismus siegte auf breiter Front: Man besäuft sich am Rhein (auch) italienisch und spanisch; isst (auch) griechisch, asiatisch, türkisch; liebt (auch auf) die französische Art… Die Nächte von St. Marie und Rimini sind europäisch vergesellschaftet – nur dass hierorts der Volksgesundheit wegen um Mitternacht der Außengastronomie amtlicherseits Bettruhe verordnet wird.

Nachhaltig wirksam die große Kulturrevolution. Der Marathon ist nicht länger Privileg einer auserwählten Sportlerkaste; bei dessen Schleifung wirkten jüngst am Mittelrhein selbst  Staatssekretäre und Kulturdezernenten im Schweiße ihres Angesichtes mit. Davor, danach und sonst auch wird in, an, auf sämtlichen Gemäuern, Straßen, Plätzen sowie in Wald und Flur Theater gespielt, auf jede erdenkliche Art in friedlicher Koexistenz musiziert und gefeiert. Wo Kunst und Kultur in derartiger Fülle entstanden und Gemeineigentum geworden sind, darf die Befreiung vom Joch des Sommerlochs bejubelt werden. Selbst die Staatsräson konnte sich dieser Hauptströmung in der Geschichte nicht verschließen und verlegte darob den Bundeswahlkampf in die Sonnensaison. Womit in summa die Urlaubsfahrt weg von hier nur mehr ein dem Untergang geweihtes Relikt finsterer Vorzeit wäre.

Freiheit ist ein beglückender, aber bisweilen auch anstrengender Zustand. Die Qual der Wahl will durchgestanden sein, sowohl bei der neuen Parteienfülle wie beim Angebot an Sommerkultur. Für den 18. September im Bund verbietet sich an dieser Stelle selbstredend eine Wahlempfehlung. Fürs erste Augustwochenende in der Region hätte ich allerdings eine: das internationale Gaukler- und Kleinkunstfestival in Koblenz. Warum ausgerechnet das? Weil´s so was sonstwo in Deutschland nicht gibt. Weil dabei absolute Maulfreiheit herrscht. Weil die Jungen und Schönen von heute und die von morgen dabei ebenso auf ihre Kosten kommen wie die von gestern, auch wenn die inzwischen nur noch schö …  - - - Is gut, ich halt ja schon die Klappe.

Quergedanken Nr. 5

„Ich seh’ in dein Herz“ – und finde dort eine gewisse Unleidlichkeit gegenüber dem jetzigen Gang der Dinge. Die erinnert an den Roman „Der Ekel“ vom französischen Schriftsteller und Existenzialismus-Philosophen Jean-Paul Sartre, dessen 100. Geburtstag man im Juni hätte feiern können. Darin stellt einer fest, dass er in der eigenen Alltagsumgebung völlig fremd geworden ist. Nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Wenigstens aber durfte man früher noch hoffen, alles werde besser. Was haben wir stattdessen heute für einen Salat? Selbst die Sprache kaut faule Blätter: Das einst schöne Wort „Reform“ meint bloß noch „Retten, was zu retten ist“. Wenn also demnächst Angies Leute mit dem Shanty „Wir sind die besseren Reformer“ Gerds Crew auf der Brücke ablösen, dann weiß man auf den Ruderbänken, die Rettungsaktion für die Oberdeckpassagiere geht mit frischen Kräften weiter. An einen sicheren Schiffskurs, der alle Mann wohlbehalten heimbringt, denkt oben vermutlich längst keiner mehr.  
 
Anderes Beispiel. Was ist „Service“? Wenn lebendige Menschen, die sich auskennen, anderen Menschen (Kunden), die keine Ahnung haben, bereitwillig und professionell weiterhelfen. Und zwar, ohne sie über den Tisch ziehen oder blödschwätzen zu wollen. Was ist „Servicewüste“? Wenn das anonyme „Support-Team“ meines Internet-Providers nur per E-Mail-Formular oder mein „Mobilfunk-Partner“ nur über eine zifferngesteuerte Durchfragmaschine „ansprechbar“ sind.  Wenn sich hinter der Telefonnummer meiner Münchner Versicherung ein Hamburger Call-Center verbirgt, wo sich ahnungslose Jobber im Animateur-Ton melden: „Guten Tag, mein Name ist Kundhilf  Weißnichtwie, was kann ich für sie tun?“.  Jetzt fragen Sie mal einen Yuppie-Manager nach „Service“ oder „Servicewüste“. Der dreht Ihnen den Wortsinn glatt rum. Babylonische Sprachverwirrung allenthalben.

In Koblenzer Museen gibt es derzeit eine Reihe bemerkenswerter Sonderausstellungen. Die klügste beherbergt das Mittelrhein-Museum (bis 10.7.), weil dort die Leiden der Mittelrheiner am Weltkriegsende als Folge auch des heimischen Irrsinns während der Heil-Hitler-Zeit behandelt werden. Die verblüffendsten Blickwinkel eröffnet die Foto-Kunst von Wolfgang Horbert, bis 31.8. unter dem Titel „Impulse“ auf der Festung Ehrenbreitstein zu sehen. Die interessanteste Ausstellung hat das Ludwig-Museum mit seinen aktuellen Fotografien brasilianischer Künstler, zusammengefasst unter dem Titel . „Brazilian Art Projekt I“ (bis 31.7.).  Im gleichen Haus gibt es auch die derzeit schönste Ausstellung, weil schon ihr rehäugiger, schwanenhalsiger Gegenstand Schönheit pur ist: Audrey Hepburn, kunstsinnig und gefühlvoll abgelichtet (bis 14.8.).

Oft wurde die Schauspielerin, die so gerne bei Tiffanys gefrühstückt hätte, auch als süß bezeichnet. Was mir angesichts des Formats der Dame schon immer deplaziert schien,  verbietet sich dieser Tage in Koblenz vollends. Oder können Sie sich vorstellen, die großartig Audrey Hepburn mit demselben Adjektiv zu belegen wie Gummibärchen und Lakritzkonfekt? Womit wir bei Haribo wären und der momentan unzweifelhaft, weil im ursprünglichen Wortsinn „süßesten“ Koblenzer Präsentation, die bis 13.11. am Landesmuseum auf dem Ehrenbreitstein klebt.

Die appetitanregende Kultbären-Schau könnte man sich aber durchaus auch im frisch herausgeputzten Koblenzer Hauptbahnhof vorstellen. Das Süßgummi-Aroma würde drinnen wunderbar in die Geruchskomposition aus Frikadellenbrät, Backbrezel, Gourmet-Imbiss- und Cafébar-Düften passen. Die Goldbären-Parade dürfte auf dem spiegelblanken, weiträumigen Exerzierplatz zwischen Bahnhof und Landesbibliothek aufmarschieren. Haribo-Botschafter Thomas Gottschalk könnte derweil unter dem  properen Wellendach der neuen Eingangs-Esplanada zwischen den ausnehmend hübschen Blumenpyramiden flanieren. Natürlich müsste dort erst das Fahrrad-Parkverbot rigoros durchgesetzt werden. Kann ja sowieso nicht angehen, dass der Schlendrian, der früher unter großen Kastanien und auf ollen Kopfsteinen  herrschte, an diesem Glanzstück moderner Bahnhofsgestaltung gleich wieder einreißt.
 

Quergedanken Nr. 4

Während diese Zeilen aus der Feder fließen (…Red´ nicht so einen Schmus, du hackst den Kram auch bloß in die Tastatur...) Mir ist aber jetzt nach Schmus: die Heizung bollert, ich habe trotzdem kalte Füße; überm Rheintal hängt tief ein hässliches Dach aus Grau, die Ränder  festgezurrt an den umliegenden Höhen. Draußen regnet es. (…Wunderbar, so kriegt die Natur, was sie nötig braucht..). Mag sein, aber das Frühjahr vertut mit unterkühlter Tristesse  allzu viele Tage, von denen wir uns frühe Sommerfreuden erhofft hatten.
 
Noch einmal: Während diese Zeilen aus der Feder fließen, zerrt das Sehnen nach Sommer am Gemüt. Gebe Gott (… ach ja, jetzt auf einmal…), dass in den Tagen, die zwischen Niederschreiben und Lektüre des Druckwerks liegen, eine Wende sich vollziehe, die der Wetter-Auguren düstere Prognose für die Saison 2005 außer Kraft setzt. Denn es gelüstet uns wieder nach jenen wunderbaren lauen Abenden, wie sie die Stadt, unsere Stadt, nur bieten kann, wenn des Tages Hitze zwischen den Häusern nachbrütet. (… Klar, am Straßenrand tief und tiefer ins Glas gucken, den Mädels nachstieren, mit der Nachbarin Süßholz raspeln, dass es Späne sprutzelt bis der Bagger kommt…)

Erinnerung/Vorfreude.

Der Weg zum Sommerabendglück führt über die Parkplatzsuche. Moselufer runter, Rheinufer rauf, zum Schloss rüber – schleichen, spähen, hupen, winken, warten, rangieren. Drumherum strömt es Richtung Stadt: Paare, Gruppen, Einzelgänger. Eilig dieser, er darf ein Date nicht verpassen. Gemächlich jene beiden, sie haben sich schon gefunden. Laut sich ihrer Kraft versichernd, die Jungs aus den Kasernen; noch zurückhaltend ihren Auftritt probend, die hübsch herausgeputzten Mädchen. Die Lücke auf dem Theaterparkplatz, der Weg hinüber ins Zentrum – durchs Dunkel der Torbögen unterm Rathaus fließt dem Hinzukommenden ein  Raunen, Flirren, Summen, Sirren entgegen, wie es Hunderte, Tausende anrühren, die sich in Straßen und auf Plätzen den Freuden von ins Freie verlegten Cafés, Gasthäusern, Kneipen, Weinstuben und allgemeiner Geselligkeit ergeben.

Die Luft ist schwer, ölig fast von der nur langsam ablaufenden Schwüle. Die Stadt aalt sich in mediterraner Nonchalance. Schwitzend erblüht die Leichtigkeit des Seins; der Platz wird zur  Plaza – und hinter der nächsten Häuserzeile möchte man einen abendlich leeren Strand an vor sich hin plätscherndem Meer vermuten, dessen schwärzer werdende Oberfläche eben das letzte Glutrot der untergegangenen Sonne verschluckt hat. (… Vergessen sind das nach Benzin und Pisse stinkende Parkhaus nebenan, das marode Kaufhaus, das Abbruch-Quartier und andere Herrlichkeiten ...) Schweig, Banause!

Durch die Gassen strömt Gelassenheit. Die Menschen jung und älter gehen nicht, sie schlendern, bummeln, flanieren. Diesen ist´s einerlei, ob man sie betrachtet, über sie redet. Jene wollen betrachtet und besprochen sein, ihnen ist die Straße ein Laufsteg. So ein Sommerabend nimmt den Männern Härte, unterstreicht der Frauen Anmut. Er übergießt Schönheit mit mehr Schönheit, erhebt Durchschnittlichkeit in den Rang des Besonderen, und selbst graugesichtiger Verkniffenheit flicht er noch eine Blume ins Haar. (… Obacht, verehrte Leser, jetzt legt er erst richtig los, der Sommernachtsschwärmer…)

Der Abend gehört dem Cappuccino und dem Wein, dem zischenden Bier, der Zigarre oder der Eistüte. Und immer wieder gehört er auch dem genießenden Blick auf die Genüsse anderer. Männeraugen bleiben an Frauengestalten hängen, die schwindelig machen. Wie schwebend verweilen sie, wie tanzend ziehen sie weiter. Blicke ertrinken in Gläsern oder in den Gesichtern ihrer Gegenüber. Ein großes Wohlfühlen, ein Herzen und Streicheln erfüllt die Stadt – zärtlich und verspielt, neckend und frivol, unschuldig, aber voller Lust. Dies ist die Stunde des Werbens und Umschwärmens. Ihr wird die Stunde des Begehrens folgen, während der Hände einander finden, Kniee einander begegnen und Küsse sich auf den Weg machen. Am Ende werden Glückliche von nicht ganz so Glücklichen geschieden sein: Paare umschlungen davonziehen, Alleingebliebene ihnen lächelnd nachschauen und sich melancholisch an ihre Gläser klammern. Sommernachtsträume.  (… Es ist schon ein arges Gesäusel, das du da von dir gibst, aber halt doch schöööön!...)

Quergedanken Nr. 3

Wenn Sie alt genug sind, erinnern Sie sich vielleicht noch der Zeit, da das schlichte Wort „Birne“ bei Karikaturisten und Kabarettisten zu Ansehen kam. Das war kurz bevor Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde. „Schmidt Schnauze“ ging, die rheinland-pfälzische „Birne“ kam - was man damals links von der rechten Mitte irrtümlich für einen Betriebsunfall von rasch vorüber gehender Wirkung hielt. „Titanic“ und Grafiker Klaus Staeck hatten  Kohl erstmals in die Kiste mit dem dickbauchigen Früchten gesteckt. Der vermeintliche Betriebsunfall dauerte dann 16 Jahre. Schon nach vieren hatte sich „Birne“ als Instrument subversiven Lächerlichmachens verbraucht. Mehr noch: Der Uzname (von „uzen“ =  verspotten, verhöhnen) mutierte zum schieren Kosenamen. Am Ende freilich verschwand das zuvor so beliebte Obst aus dem Angebot, weil nach allzu viel Genuss erst fad schmeckend, dann von innen faulend.
 
Warum bringen wir ausgerechnet jetzt die ollen Kamellen wieder aufs Tablett? Weil die Bedeutung von Uz- oder Kosenamen für den großen Gang der Dinge gemeinhin völlig unterschätzt wird. Und weil deshalb dem Aufkommen eines solchen Namens in der ersten Politliga gerade während potenzieller Umbruchzeiten gar nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Richtig, die Rede ist von ANGIE (gesprochen: Äindschiii; gemeint: Angela Merkel). Irgendein Comedian soll unlängst versucht haben, ihr die Bezeichnung „Birnchen“ anzuhängen. Da feixt natürlich der Chauvi-Stammtisch. Eine gewisse Logik erwüchse dem Begriff allenfalls aus der ehemaligen Ziehvaterrolle Kohls für das Mädchen aus dem Osten. Aber der „Birnchen“-Ballon musste platzen! Denn: Überstülpungen von außen haben kaum eine Chance, sobald sich aus den Geburtsnamen von Betroffenen selbst Uz- oder Koseformen ableiten lassen.

Bei Helmut Kohl ging halt nix. Und noch den euphorischsten „Hellmuuht, Hellmuuht“-Sprechchören haftete schon per Lautklang Schwermütigkeit an. Weshalb die Hilfskonstruktion „Birne“ obsiegte – und sich ihre Schöpfer für den ungewollten Erfolg noch heute in den Hintern beißen. Bundeskanzler Schröder hat es weder zu einem Uz- noch zu einem Kosenamen gebracht,  was sich als verheerend für ihn erweisen könnte. Und zu Gerhard fällt einem außer dem penetranten hannoveranischen „Geeerd“ auch ziemlich wenig ein. In „Joschka“ (Fischer) knarzt der Kampfname des Straßenkämpfers nach, und „Münte“ bellt zu arg, als dass außer Parteisoldaten jemand damit warm werden könnte. Womit deutlich geworden sein sollte, dass ANGIE schon von Namens wegen nicht unterschätzt werden darf. Ins Zwischenmenschliche übertragen, wären die rotgrünen Namen mit „Schatz“ vergleichbar – ziemlich nüchtern, fast neutral, gegebenenfalls mit drohendem oder forderndem Unterton. Wohingegen ANGIE herzenswarm und ungefährlich nach „Schatzi“ klingt. Das verniedlichende Endungs-i macht hier den kleinen großen Unterschied (und könnte Wahlen entscheiden).

„Maggi“ mag als Beweis herhalten. Dank dieser hübschen, auf  i endenden Koseform von Margret konnte die ehemalige britische Premierministerin Thatcher allerhand Prügel austeilen, bevor ihre Landsleute richtig spürten, wie schmerzhaft die Schläge der „eiserne Lady“ tatsächlich waren. Oder „Schumi“. Ein Kosename, der geradezu zum Synonym für Sympathie und sportlichen Erfolg wurde (dass alles mal ein Ende hat, dafür kann er ja nichts). Sie glauben noch immer nicht an den Platzvorteil, den ein Uz- oder Kosename mit Endungs-i bringen kann? Dann werfen Sie doch bitte einen Blick vor die Haustür. Will sagen: aufs kommunale Politikgeschehen im Oberzentrum Koblenz und dort auf das Phänomen „Schuwi“. Obwohl Herr Doktor Schulte-Wissermann eher hanseatische Distinguiertheit denn rheinische Frohnatur ausstrahlt, hält er sich unangefochten im Koblenzer Oberbürgermeistersessel - von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Da mag sein Gegenspieler Michael Hörter beim herzlichen Schulterklopfen selbst Scharpings Rudi noch ausstechen: Dem swingenden, quasi von alleine auf die Zunge springenden Kosenamen „Schuwi“ hat er namentlich wenig entgegen zu setzen. Hörters Vater selig war in dieser Hinsicht mehr Glück beschieden: Ihm hatte man mit „Willi“ sogar einen echten Doppel-i-Namen in die Wiege gelegt. Der konnte beim Naturell seines Trägers gar nicht anders, als sich im mittelrheinischen Volksmund in ein uriges „unser OB Willi“ verwandeln.

Alles Unfug? Der Vorfahren Weisheit ist diesbezüglich uneindeutig. Mal heißt es „Namen sind nur Schall und Rauch“. Dann wieder „Nomen est Omen“.

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