{"id":96,"date":"2018-05-26T22:00:00","date_gmt":"2018-05-26T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/05\/26\/graue-vorzeiten-und-alt-neue-wirtschaftsideen\/"},"modified":"2018-05-26T22:00:00","modified_gmt":"2018-05-26T21:00:00","slug":"graue-vorzeiten-und-alt-neue-wirtschaftsideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/05\/26\/graue-vorzeiten-und-alt-neue-wirtschaftsideen\/","title":{"rendered":"Graue Vorzeiten und alt-neue Wirtschaftsideen"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.Koblenz. <\/strong>Man muss am Mittelrhein keinem mehr erkl\u00e4ren, dass auf der Festung Ehrenbreitstein stets allerhand los ist. Festivals, Konzerte, Vortr\u00e4ge, Erlebnisevents f\u00fcr jede Altersklasse sowie Dauer- und wechselnde Sonderausstellungen machen sie zu einem Ort ebenso des Vergn\u00fcgens wie der lehrreichen Information. Auf Letzteres sei im Folgenden das Augenmerk gerichtet, namentlich auf zwei gro\u00dfe Sonderausstellungen, denen \u00fcber 2018 hinaus Bedeutung zukommt. Da w\u00e4re, erstens, die Pr\u00e4sentation \u201evorZEITEN \u2013 Landesarch\u00e4ologie Rheinland-Pfalz\u201c. Mitte Mai er\u00f6ffnet, bietet sie eine Zeitreise durch die hiesige Geschichte vom Urozean bis ins Mittelalter. Da w\u00e4re, zweitens, die am 13. Juni startende Ausstellung \u201eTradition Raiffeisen: Wirtschaft Neu Denken\u201c. Sie kn\u00fcpft an den diesj\u00e4hrigen 200. Geburtstag Friedrich Wilhelm Raiffeisens und dessen Genossenschaftsidee an. <\/em><\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Beide Ausstellungen sind im Festungstrackt \u201eLandbastion\u201c untergebracht. Im Obergeschoss unterstreicht \u201evorZEITEN\u201c auf einnehmende Weise, warum diese arch\u00e4ologische Pr\u00e4sentation 2017 eine der meistbesuchten (70 000 Besucher) Ausstellungen je im Landesmuseum Mainz war. F\u00fcr Koblenz noch einmal optimiert, zeichnen rund 400 ausgew\u00e4hlte Fundst\u00fccke aus dem gesamten Bundesland die Region vor allem als einen faszinierenden Hotspot menschlicher Begegnung, Besiedelung und zivilisatorischer Entwicklung von der Steinzeit \u00fcber Bronze- und Eisenzeit, r\u00f6mische Antike und fr\u00e4nkisches Fr\u00fchmittelalter bis zur hochmittelalterlichen Handelsbl\u00fcte am Rhein.<\/p>\n<p>Im Erdgeschoss sind bei meinem Besuch hingegen die Ausstellungsmacher f\u00fcr \u201eTradition Raiffeisen\u201c noch eifrig mit dem Aufbau besch\u00e4ftigt. Doch via Erl\u00e4uterungen durch Kuratorin Romina Schiavone und Direktorin Angela Kaiser-Lahme entsteht ein lebhafter Eindruck dessen, was die Besucher hier ab Mitte Juni erwartet: Eine geschichtlich erhellende wie mit modernster Museumstechnik zum aktiven Gegenwartstransfer des Genossenschaftsthemas anregende Ausstellung \u2013 die dem ureigentlich technik-, wirtschafts- und sozialhistorischen Koblenzer Schwerpunkt im Trio der rheinland-pf\u00e4lzischen Landesmuseen entspricht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich 2018 in Trier und dem dortigen Landesmuseum alles um den theoeretischen Sozialrevolution\u00e4r Karl Marx dreht, hebt das Koblenzer Landesmuseum in der Festung auf den praktischen Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen ab. Beide wurden sie 1818 in die sich rasend schnell und brachial ver\u00e4ndernde Welt der industriellen Revolution geboren; Ersterer in Trier, Letzterer im Westerwald\u00f6rtchen Hamm a. d. Sieg. Derweil Marx sich in K\u00f6ln, Br\u00fcssel, Paris, London mit den gro\u00dfen Fragen der kapitalistischen \u00d6konomie herumschlug, hatte es Raiffeisen zwischen Hamm und Neuwied vor allem mit dem Elend der Bauern als einer Auswirkung derselben zu tun. Zweischneidig ist der Fortschritt, stellte der Rauschebart aus Trier im Kommunistischen Manifest klar; das musste auch der evangelische Christ im Westerwald erfahren.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Zeitpanorama zeigt eingangs der Koblenzer Raiffeisen-Ausstellung, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts u.a. preu\u00dfische Reformen einerseits zwar die Leibeigenschaft aufhoben, andererseits aber die \u201ebefreiten\u201c Bauern wegen Land- und Kapitalmangels bei strammen Abgabenpflichten in Schulden und Not versanken. Das f\u00fchrte zu Auswanderungswellen nach \u00dcbersee respektive starker Abwanderung verelendeter Landbev\u00f6lkerung etwa in die aufstrebenden Industriezentren an Rhein und Ruhr \u2013 wo die verarmten Bauern als neue Proletarier vom Regen in die Traufe gerieten. So ging es damals zu im Westerwald, wo Raiffeisen als eines von neun Kindern einer selbst \u00e4rmlichen Familie aufwuchs.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich widmet die Ausstellung der Vita des Mannes, der zwischen 1845 und 1865 nacheinander in Weyerbusch, Flammersfeld und Heddesdorf B\u00fcrgermeister war, eine eigene, indes kompakt knappe Abteilung. Denn nicht Raiffeisens Biographie steht im Vordergrund, sondern seine nachwirkenden Ideen gemeinschaftlichen Wirtschaftens und seine praktischen wie pragmatischen Genossenschaftsans\u00e4tze nach dem Solidarprinzip \u201ewas einer alleine nicht schafft, das verm\u00f6gen viele\u201c. Raiffeisen hatte sich nie die radikale Umw\u00e4lzung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf die Fahne geschrieben. Sein Antrieb war, aus christlichem Verst\u00e4ndnis heraus, Genossenschaften als eine Art b\u00e4uerlicher Notgemeinschaften zu bilden: deren Mitglieder einander finanziell beistehen, die gemeinsam g\u00fcnstiger einkaufen und gemeinsam eine st\u00e4rkere Position bei der Vermarktung ihrer Produkte erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass zu jener Zeit \u2013 da Fortschritt und Massenverelendung zwei Seiten derselben Medaille waren \u2013&nbsp; eine F\u00fclle von sozialpolitischen Ver\u00e4nderungsbestrebungen aufkamen, macht ein eigener Raum deutlich: Vor dem Hintergrund eines Gem\u00e4ldes von K\u00e4the Kollwitz, das w\u00fctende Arbeiter und Bauern zeigt, ist Raiffeisen eingebunden in eine Gruppenaufstellung etwa mit Marx, Adolph Kolping, Ferdinand Lasalle, Minna Cauer und Rosa Luxemburg. Von dort f\u00fchrt der Ausstellungsweg \u00fcber eine Vielzahl von Beispielen des Genossenschaftswesens in Deutschland hin zur Gegenwart. Dass ohne Wohnbau-, Bank- und Agrargenossenschaften der schnelle Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg kaum m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, wird exemplarisch am zerbombten Koblenz verdeutlicht. Dass die Genossenschaftsidee nichts Gestriges ist, sondern tausende Genossenschaften mit hunderten Millionen Mitgliedern hierzulande wie weltweit bis heute und wieder vermehrt aktiv sind und uns allt\u00e4glich begegnen, machen gleich mehrere Mitmachstationen erfahrbar.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sentation bringt eine \u00fcber Generationen in mannigfachen Formen erprobte Idee des solidarischen Wirtschaftens jenseits der blo\u00dfen Profitmaximierung (wieder) zu Bewusstsein. Den Menschen in den Mittelpunkt stellen; die M\u00f6glichkeiten zu Kraft, Kreativit\u00e4t und sozialer Beheimatung im gemeinsamen Tun erw\u00e4gen; mal nachdenken \u00fcber Alternativen \u2013 im Gro\u00dfen oder in Nischen \u2013 zu den festgetrampelten, oft in Sackgassen endenden Pfaden des globalen Kapitalismus: Darauf und auf die Handlungsm\u00f6glichkeiten jedes Einzelnen kapriziert sich die Ausstellung in ihrem Schlussteil. Der f\u00fchrt diverse aktuelle Zukunftsvorstellungen etwa \u00fcber Postwachstumswirtschaft oder Gemeinwohl-Wirtschaft nach Harald Welzer, Christian Felber und anderen vor Augen unter dem Motto \u201eWirtschaft heute neu denken\u201c.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rteright\"><em><strong>Andreas Pecht<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Beide Ausstellungen&nbsp; sind die gesamte Saison 2018 \u00fcber ge\u00f6ffnet und werden auch 2019 noch&nbsp; zu sehen sein.<br \/>\nInfos: <\/em><span style=\"color:#000000\"><span style=\"font-size:medium\"><cite><a href=\"https:\/\/www.tor-zum-welterbe.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.tor-zum-welterbe.de<\/a><\/cite><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape.Koblenz. Man muss am Mittelrhein keinem mehr erkl\u00e4ren, dass auf der Festung Ehrenbreitstein stets allerhand los ist. 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