{"id":821,"date":"2021-11-06T23:00:00","date_gmt":"2021-11-06T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2021\/11\/06\/mein-holzherd-ist-ein-synergiewunder\/"},"modified":"2021-11-06T23:00:00","modified_gmt":"2021-11-06T22:00:00","slug":"mein-holzherd-ist-ein-synergiewunder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2021\/11\/06\/mein-holzherd-ist-ein-synergiewunder\/","title":{"rendered":"Mein Holzherd ist ein Synergiewunder"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. <\/strong><\/em>Bisweilen offenbare ich in kleineren oder gr\u00f6\u00dferen Plauderrunden, bei Diskussionsveranstaltungen oder im Netz, dass bei mir daheim in der K\u00fcche ein Holzherd steht, der die gesamte Heizperiode hindurch befeuert wird. So ein Ding, wie es schon bei Gro\u00dfeltern und Urgro\u00dfeltern in Gebrauch war, mit gro\u00dfer Herdplatte inklusive Topfringen und Wasserschiffchen obenauf, Brennkammer und Backofen darunter, und zwischen den Standf\u00fc\u00dfen die Rollschublade f\u00fcr eine Portion Brennholz. Das alles nat\u00fcrlich in einer modernisierten Version mit Glasfenstern in den T\u00fcren, fortentwickelter Brenntechnik gem\u00e4\u00df aktueller Gesetzeslage. Die Reaktionen darauf sind fast immer die gleichen, reichen von interessierten Nachfragen zur Umweltvertr\u00e4glichkeit dieses Usus \u00fcber freundliche Kritik daran bis zu boshafter H\u00e4me wider den vermeintlich bigotten Umweltschutzkerl, der Wasser predige, selbst aber Wein saufe. Die Einw\u00e4nde lauten vornehmlich: Heizen mit Holz sei klimasch\u00e4dlich, sei Umwelt-\/Luftverschmutzung, sei blo\u00df luxuri\u00f6se Energieverschwendung, sei Waldfrevel.<\/p>\n<p>Die Einw\u00e4nde kommen vor allem von zwei Arten Zeitgenossen: Einerseits solchen mit sehr hohem Umweltbewusstsein, die Zug um Zug straff ihr pers\u00f6nliches Lebensfeld auf fortgeschrittene Umweltschutz-\/Energiespartechnologien umstellen \u2013&nbsp; und deren \u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck vielleicht kleiner ist als der meinige, falls sie nicht gleichzeitig Vielflieger, Vielfleischesser, Modejunkies, Gro\u00df-PKW-Liebhaber \u2026 sind. Andererseits solchen, deren \u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck den meinen, wie im Bev\u00f6lkerungsdurchschnitt, ums Doppelte oder mehr \u00fcbersteigt. Oft von Leuten, die Tempo und Ausma\u00df von Energiewende\/Klimaschutzwende auf das \u201erealistisch Machbare\u201c zugeschnitten wissen wollen, die \u201eobjektiven Grenzen des Machbaren\u201c allerdings in langj\u00e4hrigen Gewohnheiten der Bev\u00f6lkerung (und ihrer selbst) sowie \u00f6konomischer Wachstumsbehinderung sehen.<\/p>\n<p>Kommen wir zu meinem K\u00fcchenherd und unserer Art seiner Nutzung. Nur dar\u00fcber spreche ich, nicht \u00fcber Kamin\u00f6fen und offene Kamine. Auch spreche ich nicht \u00fcber die Unart mancher Mitmenschen, diese und andere Feststofffeuerstellen bis hin zu Grill und Lagerfeuerschale im Garten ohne Sinn und Verstand mit miesem Brennstoff (zB feuchtem oder gestrichenem Holz) zu betreiben oder sie \u2013 verbotener Weise \u2013&nbsp; gar als M\u00fcllverbrennungsanlagen zu missbrauchen. Und um auch das gleich klarzustellen: Ich pl\u00e4diere keineswegs f\u00fcr den massenhaften Umstieg auf Holzherde. Denn sie sind zwar im Vergleich mit Kohle-, \u00d6l-, Gas\u00f6fen\/-heizungen hinsichtlich der CO2-Gesamtbilanz das kleinste \u00dcbel. Indes summieren sich ihre Ru\u00dfabsonderungen bei einer hohen Anzahl in dichter besiedelten Gebieten und urbanen Ballungsr\u00e4umen zu einem ziemlich gro\u00dfen \u00dcbel.<\/p>\n<p>Sowieso: Mit einer auf Sonne, Wind, Wasser, Biogas basierenden Energieversorgung des Hauses, k\u00f6nnte selbst der beste und bestens befeuerte Holzverbrenner \u00f6kologisch nicht mithalten. Weshalb auch mein geliebter K\u00fcchenherd als Alltagsfeuerstelle auf l\u00e4ngere Sicht ein Auslaufmodell sein wird \u2013&nbsp; wie s\u00e4mtliche Verbrennungskraftwerke, wie alle Kohle-\/\u00d6l-\/Gasheizungen, wie das Automobil als prim\u00e4res Massenverkehrsmittel, wie fortschreitende Fl\u00e4chenversiegelung, unm\u00e4\u00dfiger Fleischkonsum, Chemieagrarindustrie etc.; kurzum wie alle auf Raubbau an der Natur gr\u00fcndenden Produktionsarten, Konsum- und Kulturpraktiken. Und das, obwohl mein K\u00fcchenherd unter all denn genannten und etlichen mehr nicht genannten Umwelt- und Klimas\u00fcndern einer der qualitativ harmlosesten ist.<\/p>\n<p>Denn:<\/p>\n<p>1.<br \/>\nHolz ist tats\u00e4chlich ein regenerativer Energielieferant; es w\u00e4chst nach, wenn man es l\u00e4sst. Im Prinzip ist Holz auch ein CO2-neutraler Brennstoff: Soviel CO2 beim Verbrennen freigesetzt wird, so viel entzieht die gleiche Menge Holz beim Wiederaufwuchs im Wald der Atmosph\u00e4re. Zwei Probleme werden durch die menschliche Zivilisation diesem nat\u00fcrlichen Prinzip entgegengestellt: a) Die brachiale \u00dcberladung der irdischen Atmosph\u00e4re mit CO2 aus der Massenverbrennung fossiler Energietr\u00e4ger (Kohle, \u00d6l, Gas) seit Beginn des Industriezeitalters l\u00e4sst dem Holz nicht mehr die n\u00f6tige Zeit von 40, 60, 100 oder mehr Jahren, seine CO2-bindenden Eigenschaften voll zu entfalten. Der Klimawandel \u00fcberholt das Wiederaufwachsen des heute verbrannten Holzes \u2013 weshalb eine von Natur aus eigentlich klimaneutrale Form der Energiegewinnung zum Opfer der fossilen Raubbauwirtschaft wird, von dieser quasi ungewollt sogar zur Mitt\u00e4terschaft gezwungen. b) Noch schlimmer gemacht wird das durch den Umstand, dass inzwischen weithin mehr&nbsp; Holz geschlagen oder vernichtet wird als nachw\u00e4chst. Brandrodung f\u00fcr Plantagen und Viehweiden, sowie in \u00e4hnlichem Umfang Waldreduzierung zugunsten bebauter Fl\u00e4chen wie Stra\u00dfen, Parkpl\u00e4tze, Flugh\u00e4fen, Gewerbegebiete, Wohnsiedlungen, Vergn\u00fcgungsparks etc.<\/p>\n<p>An all dem ist mein K\u00fcchenherd zwar v\u00f6llig unschuldig. Doch irgendwann wird er die Suppe wohl doch mitausl\u00f6ffeln m\u00fcssen, die das fossile Industriezeitalter ihm eingebrockt hat.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nWas bedauerlich w\u00e4re, denn mein K\u00fcchenherd ist ein Wunderwerk an Synergieeffekten (sofern man sie zu aktivieren und nutzen versteht). In unserem H\u00e4uschen ganz am Rande eines kleinen Westerwalddorfes spart der Dauerbetrieb des Herdes \u00fcber die gesamte Heizperiode gut die H\u00e4lfte&nbsp; des Ganzjahresverbrauchs an Brennstoff f\u00fcr die Zentralheizung (anfangs \u00d6l, nachher Gas). Wie das?&nbsp;&nbsp; Die bauliche Struktur unseres Heims (K\u00fcche liegt drei Treppenstufen unter dem \u00fcbrigen Erdgeschossniveau) macht es recht einfach, via offene T\u00fcr mit dem K\u00fcchenherd gleich das ganze Erdgeschoss, also das halbe Haus mitzuheizen. Es muss drau\u00dfen schon sehr kalt werden, bis wir&nbsp; einen der drei unteren Heizk\u00f6rper zus\u00e4tzlich etwas aufdrehen.<\/p>\n<p>Weitere Synergie, die Brennstoff f\u00fcr die Zentralheizung spart:&nbsp; Ohne ein einziges Jota zus\u00e4tzlicher Befeuerung, stellt der K\u00fcchenherd w\u00e4hrend seines Betriebes quasi nebenher hei\u00dfes Wasser zur Verf\u00fcgung. Man darf nur nicht vergessen, Schiffchen und Wasserkessel regelm\u00e4\u00dfig zu f\u00fcllen. Hei\u00dfwasser zum Putzen, Sp\u00fclen, Kochen oder wof\u00fcr sonst man welches braucht und es gew\u00f6hnlich per Leitung aus dem Kessel der Zentralheizung holt: Wir nehmen es vom Herd. Auf dem Hei\u00dfwasserfeld liegt \u00fcbrigens noch einiges Sparpotenzial brach: K\u00f6nnte sich die Hausgemeinschaft auf fixe Zeiten zum Duschen\/Baden einigen und w\u00fcrde es an der Zentralheizung ein Schaltung geben (ich sie finden oder nachr\u00fcsten lassen), Heizwasser und Hei\u00dfbrauchwasser getrennt voneinander zu steuern \u2013 die Anlage m\u00fcsste nicht rund sieben Monate im Jahr den lieben langen Tag hei\u00dfes Brauchwasser produzieren, das die meiste Zeit \u00fcber kein Mensch braucht.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nUnser K\u00fcchenherd tr\u00e4gt in durchaus signifikantem Ausma\u00df zur Reduzierung des Stromverbrauchs im Hause bei. Wie nun das wieder? Ganz einfach: W\u00e4hrend der Heizperiode kochen wir darauf&nbsp; 70 bis 90% unserer Speisen und Hei\u00dfgetr\u00e4nke. Der Elektroherd geht in Winterschlaf, wird nur ab und an kurz geweckt, wenn etwas sehr hei\u00df angebraten werden muss oder unsereins mal vergessen hat, den zeitlich etwas l\u00e4ngere Dauer des Kochprozesses auf dem Holzherd einzuplanen. Im Grunde kochen wir mit Null Energie, gewisserma\u00dfen als Nebenprodukt der Heizfunktion des K\u00fcchenherdes&nbsp; (oder umgekehrt). Ob die W\u00e4rme direkt von der Herdplatte in den Raum geht, oder den Umweg durch die Kocht\u00f6pfe nimmt: Sie bleibt im Raum. Das Kochen auf dem Holzherd ist etwas gew\u00f6hnungsbesd\u00fcrftig, doch so manche Speise ger\u00e4t dann besser als mit den An-Aus-Rhythmen des E-Herdes.<\/p>\n<p>Zwischenres\u00fcmee<br \/>\nAbgesehen von der eigentlich prinzipiellen CO2-Neutralit\u00e4t des Holzherdes: Hinsichtlich der Energieeffizienz ist ihm also sein Einsparungsbeitrag beim Heizen des Hauses sowie beim Stromverbrauch zuzurechnen. Hinsichtlich seiner CO2-Bilanz sind eben die mit diesen Einsparungen verbundenen Emissionsreduzierungen anderw\u00e4rts (Gas, Strom) dem Holzherd zugute zu halten.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>4.<br \/>\nBrennstoff f\u00fcr meinen Holzherd.&nbsp; Es handelt sich dabei durchweg um Holz aus den forstwirtschaftlich genutzten W\u00e4ldern im etwa F\u00fcnf-Kilometer-Umkreis des Dorfes. \u00be Buche plus kleinere Anteile Eiche, Birke, Lerche, Hasel und anderes. \u00dcberwiegend ist es Kronenholz, das nach Abfuhr der blanken St\u00e4mme zur Holzwirtschaft \u00fcbrig bleibt; dazu kommt Sturmbruch sowie Auslichtungseinschlag, bei dem die St\u00e4mme meist noch zu d\u00fcnn sind f\u00fcr eine rentable Nutzung durch die S\u00e4gewerke. Auf der Basis bisheriger konventioneller Waldbewirtschaftung ist zumindest mein Brennholz eine Art Resteverwertung: Kein Baum f\u00e4llt, nur damit ich meinen Holzherd f\u00fcttern kann. Ja, und nochmals ja, es w\u00e4re mir lieber von nachhaltigem Naturschutzwald umgeben zu sein. Wenn es denn so kommen sollte, w\u00e4re ich der erste, der seinen Holzherd in Pension schickt.<\/p>\n<p>5.<br \/>\nBis dahin aber nutze ich seine Effizienz und Synergien, genie\u00dfe auch die sonstigen, oft schwei\u00dftreibenden Aspekte, die seine Nutzung mit sich bringt:<\/p>\n<p>&#8211; Die W\u00e4rme eines solchen Herdes ist von ganz eigener Behaglichkeit, der Blick vom K\u00fcchentisch durch die Glasscheibe der Ofent\u00fcr aufs Feuer ein Gem\u00fctsberuhiger.<\/p>\n<p>&#8211; Die Einbindung, Nutzung des Holzherdes ins allt\u00e4gliche Hausleben tr\u00e4gt fast unvermeidlich zu dessen Entschleunigung wie auch zu einer gewissen Rhythmisierung bei (zB Nachlegen, Holz holen, Aschkasten leeren).<\/p>\n<p>&#8211; Die Beschaffung, Trockenlagerung (mind. zwei Jahre), schlie\u00dflich ofenfertige Zurichtung des Brennholzes durch transportieren, s\u00e4gen, hacken, stapeln ist mir seit Jahrzehnten Fitnessbeitrag f\u00fcr Leib und Seele sowie wichtige Br\u00fccke zu Lebensaspekten, die ich genau wie die g\u00e4rtnerische Selbstversorgungsarbeit so liebe: Beruhigende Verwurzelung im bodenst\u00e4ndig Einfachen sinnvollen k\u00f6rperlichen Tuns \u2013 abseits einer ziemlich irrsinnigen Gro\u00dfwelt.<\/p>\n<p>6.<br \/>\nDas zweifelsohne gr\u00f6\u00dfte Problem auch bei meinen Holzherd soll nicht unerw\u00e4hnt bleiben: Ru\u00dfpartikelaussto\u00df \u00fcber den Schornstein, also Feinstaubproblematik. Dagegen kann man zwar mit einem guten Herd, gutem Brennholz und optimaler pers\u00f6nlicher Feuerungshandhabe schon eine Menge ausrichten, doch ohne effektive Filter eben leider nicht genug. Solche Filter gibt es zwar f\u00fcr Gro\u00dffeuerungsanlagen, f\u00fcr einzelne kleine private Ofenstellen existiert nach meinen durchaus bem\u00fchten Recherchen (sowie des Schornsteinfegers Auskunft) aber noch immer keine brauchbare Filtertechnik. Ich warte seit Jahren sehns\u00fcchtig darauf, w\u00e4re auch bereit, daf\u00fcr den Spargroschen ordentlich auszuzapfen. &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Bisweilen offenbare ich in kleineren oder gr\u00f6\u00dferen Plauderrunden, bei Diskussionsveranstaltungen oder im Netz, dass bei mir daheim in der K\u00fcche ein Holzherd steht, der die gesamte Heizperiode hindurch befeuert wird. 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