{"id":791,"date":"2021-07-26T22:00:00","date_gmt":"2021-07-26T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2021\/07\/26\/die-alten-juedischen-zentren-am-rhein-sind-nun-weltkulturerbe\/"},"modified":"2021-07-26T22:00:00","modified_gmt":"2021-07-26T21:00:00","slug":"die-alten-juedischen-zentren-am-rhein-sind-nun-weltkulturerbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2021\/07\/26\/die-alten-juedischen-zentren-am-rhein-sind-nun-weltkulturerbe\/","title":{"rendered":"Die alten j\u00fcdischen Zentren am Rhein sind nun Weltkulturerbe"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong> 2012 hatte ich Gelegenheit, an einer Rundreise mit Historikern und Arch\u00e4ologen zu den Relikten j\u00fcdischen Lebens in den drei SchUM-St\u00e4dten am Rhein teilzunehmen. Anschlie\u00dfend schrieb ich einen Zeitungsartikel \u00fcber einiges von dem, was ich dabei gelernt hatte. Der Text hob insbesondere auf die historischen Bedeutung der drei j\u00fcdischen Zentren in Speyer, Worms, Mainz vom 10. bis ins 14. Jahrhundert f\u00fcr das Judentum weltweit ab \u2013 ebenso auf die Bedeutung der Juden f\u00fcr die Entwicklung dieser Zentralregion des Heiligen R\u00f6mischen Reiches. Anl\u00e4sslich der heutigen Aufnahme des j\u00fcdischen Erbes der SchUM-St\u00e4dte in die UNESCO-Welterbeliste habe ich den Artikel nochmal hervorgeholt und empfehle hiermit (nachfolgend) die Lek\u00fcre. Er k\u00f6nnte manchem Zeitgenossen die Hintergr\u00fcnde in knappen 4300 Anschl\u00e4gen verst\u00e4ndlicher machen.<\/em><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n***&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Fragt man Juden in aller Welt nach dem Begriff \u201eSchUM\u201c, wissen sehr viele, dass er Speyer, Worms und Mainz meint. Fragt man nichtj\u00fcdische Rheinland-Pf\u00e4lzer, k\u00f6nnen wohl die meisten damit kaum etwas anfangen. Dieses Missverh\u00e4ltnis aufzul\u00f6sen, kann bereits der Antrag hilfreich sein, die SchUM-St\u00e4dte und -St\u00e4tten in die Welterbeliste der Unesco aufzunehmen. Denn es geht da um Erinnerung an die \u00fcber Jahrhunderte bedeutenden j\u00fcdischen Zentren am Rhein.<\/p>\n<p>Es ist jungen Leuten heute nur schwer zu vermitteln, in welchem Ausma\u00df das Judentum einst Teil des Abendlandes war. Verglichen mit den Verh\u00e4ltnissen vor dem Holocaust gibt es in Deutschland nur wenige j\u00fcdische Gemeinden und sie sind klein. Dies macht auf sehr reale Art schmerzhaft deutlich, dass die Ermordung von Millionen j\u00fcdischer Mitb\u00fcrger durch das Nazi-Regime noch immer nachwirkt. Umso wichtiger die Aufgabe, jene Zeugnisse zu bewahren, die den Nachgeborenen etwas erz\u00e4hlen k\u00f6nnen \u00fcber den j\u00fcdischen Anteil an unsrer gemeinsamen Geschichte. Und die SchUM-St\u00e4dte am Rhein sind eines der fr\u00fchesten dieser Zeugnisse.<\/p>\n<p>SchUM ist eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr Speyer, Worms und Mainz. Der Begriff ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer hebr\u00e4ischen Namen: Schin (Sch) f\u00fcr Schpira, also Speyer; Waw (U) f\u00fcr Warmaisa, Worms; Mem (M) f\u00fcr Magenza, Mainz. Alle drei St\u00e4dte waren schon im Mittelalter christliche Bischofssitze, bildeten gemeinsam ein politisches, religi\u00f6ses, wirtschaftliches Zentrum im \u201eHeiligen R\u00f6mischen Reich\u201c. Zeitgleich aber waren sie f\u00fcr mehrere Jahrhunderte auch Heimstatt von drei der wohl gr\u00f6\u00dften und einflussreichsten j\u00fcdischen Gemeinden im sogenannten aschkenasischen Raum, also Mitteleuropa von Nordfrankreich bis Polen, wo sich seit der Sp\u00e4tantike Juden angesiedelt hatten.<\/p>\n<p>\u201eWie sehr geh\u00f6ren unserer Lehrer in Mainz, in Worms und Speyer zu den Gelehrtesten der Gelehrten, zu den Heiligen des H\u00f6chsten. Von dort geht die Lehre aus f\u00fcr ganz Israel.\u201c Diese Lobrede des Rabbi Isaak Or Sarua aus dem 12. Jahrhundert unterstreicht die herausragende Bedeutung der mittelalterlichen SchUM-St\u00e4dte f\u00fcr das Judentum weltweit. Sie macht auch verst\u00e4ndlich, warum noch heute j\u00fcdische Besucher von \u00fcberall her, mit Ehrfurcht etwa in den Lehrsaal der Wormser Synagoge treten: Hier wie in den Lehrh\u00e4usern Mainz und Speyer haben legend\u00e4re Gelehrte vom 10. bis ins 14. Jahrhundert Thora und Talmud studiert und kommentiert; darunter Schlomo ben Jizchak, genannt \u201eRaschi\u201c, oder Gershom ben Jehuda, die \u201eLeuchte des Exils\u201c. Sch\u00fcler aus aller Herren L\u00e4nder kamen zu ihnen in die SchUM-St\u00e4dte am Rhein, trugen ihre Lehren wieder hinaus zu den Gemeinden in aller Welt \u2013 wo sie bis heute Bestandteil der Religionspraxis sind.<\/p>\n<p>Doch die SchUM-Gemeinden waren auch f\u00fcr die drei Rhein-St\u00e4dte selbst von enormer Bedeutung. Ohne sie h\u00e4tte von gebildetem Stadtb\u00fcrgertum kaum die Rede sein k\u00f6nnen; ohne sie w\u00e4ren Speyer, Worms und Mainz kaum gro\u00dfe Handelszentren des Mittelalters geworden. Nicht umsonst haben Wormser Juden fr\u00fch Stadtb\u00fcrgerrechte erhalten, haben christliche Herrschaften auch wiederholt versucht, in den jeweiligen Nachbarst\u00e4dten Juden abzuwerben. Es gab lange Phasen, w\u00e4hrend derer zwischen Christen und Juden ein gedeihliches Neben- oder Miteinander herrschte. Allerdings immer wieder unterbrochen durch antij\u00fcdische \u00dcbergriffe bis hin zu entsetzlichen Pogromen. Die Bl\u00fctezeit der SchUM-Gemeinden endete denn auch mit den gro\u00dfen Pest-Pogromen 1349. Es folgten wechselvolle Zeiten: Aus Speyer und Mainz waren Juden etwa im 15.\/16. Jahrhundert zeitweise ganz vertrieben.<\/p>\n<p>Verglichen mit den monumentalen Domen der drei St\u00e4dte nehmen sich die baulichen \u00dcberreste ihrer j\u00fcdischen Geschichte eher bescheiden aus. Ihre Zeitzeugenfunktion ist dennoch nicht weniger bedeutend. In Speyer sind es vor allem die Ruine der Synagoge und die Mikwe, das j\u00fcdische Ritualbad; in Worms die rekonstruierte Synagoge mit Lehrsaal und ebenfalls Mikwe, dazu der \u00e4lteste erhaltene Judenfriedhof Europas. In Mainz gibt es einen j\u00fcdischen Denkmalfriedhof, mit teils ins 11. Jahrhundert zur\u00fcckreichenden Grabsteinen. Alle drei St\u00e4dte versammeln in j\u00fcdischen Museen oder Museumsabteilungen wertvolle Artefakte und Dokumente \u2013 die mit den Bauten zusammen Zeugnis ablegen von der SchUM-Epoche als wesentlichem Teil des rheinischen Beitrags zum Kulturerbe der Menschheit.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Andreas Pecht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 2012 hatte ich Gelegenheit, an einer Rundreise mit Historikern und Arch\u00e4ologen zu den Relikten j\u00fcdischen Lebens in den drei SchUM-St\u00e4dten am Rhein teilzunehmen. Anschlie\u00dfend schrieb ich einen Zeitungsartikel \u00fcber einiges von dem, was ich dabei gelernt hatte. 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