{"id":745,"date":"2015-06-14T22:00:00","date_gmt":"2015-06-14T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/14\/dogma-film-das-fest-als-erschuetterndes-buehnenstueck\/"},"modified":"2015-06-14T22:00:00","modified_gmt":"2015-06-14T21:00:00","slug":"dogma-film-das-fest-als-erschuetterndes-buehnenstueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/14\/dogma-film-das-fest-als-erschuetterndes-buehnenstueck\/","title":{"rendered":"Dogma-Film \u201eDas Fest\u201d als ersch\u00fctterndes B\u00fchnenst\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Bonn\/Bad Godesberg.<\/strong><\/em> Gibt es denn keine richtigen Theaterst\u00fccke mehr? Nach fast einem halben Dutzend Theatralisierungen von Romanen in dieser Saison, brachte das Schauspiel Bonn jetzt noch ein Werk auf seine Godesberger B\u00fchne, das urspr\u00fcnglich ein Film war. Auch das nicht zum ersten Mal; B\u00fchnenadaptionen nach Fritz Langs \u201eMetropolis\u201d und Fassbinders \u201eWelt am Draht\u201d standen dort 2014\/15 ebenfalls auf dem Programm. Am Wochenende folgte nun \u201eDas Fest\u201d nach dem von&nbsp; Vinterberg\/Rukov Ende der 1990er gedrehten ersten Film auf Basis des mit Lars von Trier entwickelten Dogma-95-Manifests.<\/p>\n<p>Und siehe: Die von Martin Nimz inszenierte Anleihe bei der Kinokunst erweist sich im Rahmen der zuletzt all\u00fcberall inflation\u00e4r betriebenen Verarbeitung von Stoffen aus den Nachbargenres als einer der eher seltenen Gl\u00fccksgriffe f\u00fcrs Theater. Der Grund liegt auf der Hand: Der auf Sprechtext bauende Handlungskern ist konzentriert auf den begrenzten Raum einer Villa, auf den Zeitraum eines Tages, auf die \u00fcberschaubare G\u00e4steschar einer Familienfeier. Damit bietet \u201eDas Fest\u201d \u2013 in seiner Anlage erinnernd etwa an Tennesse Williams \u201eKatze auf dem hei\u00dfen Blechdach\u201d \u2013 schier idealtypische Bedingungen f\u00fcr eine B\u00fchnenbearbeitung.<\/p>\n<p>Nimz und B\u00fchnenbildner Sebastian Hannak lie\u00dfen daf\u00fcr den gro\u00dfen Saal der Godesberger Kammerspiele aufw\u00e4ndig zur quasi intimen Spielst\u00e4tte umr\u00fcsten. Zwischen auf zwei Seiten ansteigenden Sitzreihen f\u00fcrs Publikum ist unten eine Festtafel aufgebaut, an die und um die herum lebensfroh l\u00e4chelnde und ausstaffierte Modepuppen drapiert wurden. Anfangs sind diese ebenso mit wei\u00dfen T\u00fcchern verh\u00e4ngt wie die dazwischen sitzenden und stehenden menschlichen Teilnehmer an der folgenden Feier zum 60. Geburtstag von Familienoberhaupt Helge.<\/p>\n<p>Zum surrealen Prolog schreibt inmitten der gesepsntischen Versammlung die durch Suizid umgekommene Linda (Lydia St\u00e4ubli) einen Brief. Der wird gegen Ende des dreist\u00fcndigen Abends beweisen, dass der Jubilar vor Jahren ein Mehrfachsch\u00e4nder seiner eigenen Zwillingskinder Linda und Christian war. Das enth\u00fcllt w\u00e4hrend der Feier auch ihr Bruder in einer unerwarteten Wendung seiner Laudatio auf den alten Herrn. Doch die Festgemeinde tut die Anklage ab als Fantasma seiner bekannten psychischen Angeschlagenheit \u2013 und feiert verbissen weiter.<\/p>\n<p>Wie so viele St\u00fccke des sp\u00e4ten 19. und des 20. Jahrhunderts lebt \u201eDas Fest\u201d vom Topos der h\u00e4sslichen Abgr\u00fcnde hinter verlogener b\u00fcrgerlicher Moral- und Rechtschaffenheitsfassade. Nimz&#8216; Inszenierung treibt, dem Film folgend, diese Konstellation durch einen ersch\u00fctternden Parcour von erst naturw\u00fcchsiger, dann besinnungslos aufrecht erhaltener Verdr\u00e4ngung des \u201eUndenkbaren\u201d voran zur finalen Unausweichlichkeit der Wahrheit. Unterwegs zur finalen Wahrheitsexplosion dringt das St\u00fcck immer tiefer auch in scheinbare Nebenprobleme der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familie ein.<\/p>\n<p>Dabei bieten sich reichlich M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die intensive Darstellung komplexer, gebrochener oder im Zuge des Geschehens brechender Charaktere. Wovon das 16-k\u00f6pfige Ensemble auf allen Positionen in versierter Hingabe Gebrauch macht \u2013 meist sorgsam ausbalanciert, nur selten mit \u00fcberdramatisierendem Rumor. Bernd Braun gibt den Helge als stoisch kalten, sich seiner Unantastbarkeit sicheren Patron, der bis zum Ende nicht begreift, warum die Kindersch\u00e4nderei seine Stellung gef\u00e4hrden sollte. Benjamin Gr\u00fcter formt einen zwischen aufgestautem Hass und verzweifelter Revolte schier vergehenden Christian.<\/p>\n<p>Sein j\u00fcngerer Bruder Michael ist bei Benjamin Berger ein armes W\u00fcrstchen, das sich als M\u00f6chtegern-Herrenreiter und Tyrann \u00fcber die eigene Kleinfamilie geriert. Christians j\u00fcngere Schwester Helene setzt in der Darstellung von Sophie Basse am deutlichsten jenen Zug um, der jenseits der Kindersch\u00e4nderei viele Beziehungen in diesem St\u00fcck charakterisiert: Sie hassen, verachten, verletzen einander und tragen doch zugleich stets den Impuls z\u00e4rtlicher Zuwendung in sich. Eine Dauertrag\u00f6die \u2013 die nach Entlarvung und Versto\u00dfung des kindersch\u00e4nderischen Vaters als&nbsp; wieder trautes Idyll wohl zwangsl\u00e4ufig der n\u00e4chsten Krise entgegen schwebt.<br \/>\n\u201eDas Fest\u201d in Bonn ist starker Tobak, das Gem\u00fct der Zuseher oft hart angehend. Aber es ist auch fabelhaftes Theater, das zugleich der Dogma-Filmkunst seine Reverenz erweist: mit per Wackelkamera auf zwei Leinw\u00e4nde \u00fcbertragene Liveprojektionen von Spielszenen. Unbedingt sehenswert. &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Bonn\/Bad Godesberg. 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